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Die Ethik behandelt die Frage, was wir tun sollen. Die Meta-Ethik geht einen Schritt weiter: Was tun wir, wenn wir sagen, wir sollten etwas tun? Titus Stahls ebenso klare wie präzise Einführung in diesen Themenbereich beleuchtet aus dieser übergeordneten Perspektive das, was Ethik eigentlich ausmacht.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2013
Titus Stahl
Einführung in die Metaethik
Reclam
Alle Rechte vorbehalten
© 2013 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
Umschlaggestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman
Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen
Made in Germany 2013
RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-960375-9
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019137-8
www.reclam.de
Inhalt
Vorbemerkung
1 Metaethik
Was ist Metaethik?
Ein Problem mit der Moral
2 Kognitivismus und Nonkognitivismus
Der Kognitivismus
Der Nonkognitivismus
Zusammenfassung
3 Internalismus und Externalismus
Praktische Relevanz: Handlungsgründe und Motivation
Moralische Gründe
Moralische Urteile und die Hume’sche Theorie der Motivation
Rückblick: Das metaethische Trilemma
4 Die Anfänge der Metaethik
Moore und der Nonnaturalismus
Der Emotivismus
Der Präskriptivismus
Die Irrtumstheorie
5 Der Expressivismus
Attraktivität und Probleme nonkognitivistischer Positionen
Blackburns Quasi-Realismus
Gibbards Norm-Expressivismus
Zusammenfassung
6 Tatsachen der Moral – der Realismus
Realismus und Naturalismus
Reduktionistischer und nicht-reduktionistischer Naturalismus
Railtons Naturalismus der Werte
Jackson: Moralischer Funktionalismus
Nicht-Reduktionistischer Naturalismus
Zusammenfassung
7 Moral aus Gründen – Kontraktualismus und Konstruktivismus
Moral und Gründe
Kontraktualismus
Kantianischer Konstruktivismus
Korsgaard
Die Diskursethik
Zusammenfassung
8 Moralische Realität jenseits des klassischen Realismus
Einführung
Sekundäre Qualitäten
Sind moralische Tatsachen »beurteilerabhängig«?
Intuitionismus
Moral als zweite Natur – John McDowell
Zusammenfassung
9 Ein Ausblick
Literaturhinweise
Literaturverzeichnis
Personenregister
Hinweise zur E-Book-Ausgabe
Vorbemerkung
Moralische Fragen gehören zu unserem Alltag. Das Nachdenken über Moral ist daher keine abstrakte philosophische Angelegenheit, sondern es ist wesentlich für die Frage, wie wir leben wollen. Anders als bei manchen anderen Themen kann die Philosophie im Bereich moralischen Überlegens deshalb direkt an Probleme anschließen, die sich uns im täglichen Umgang miteinander stellen. Fast alle Menschen fragen sich zumindest gelegentlich, was genau eigentlich »Moral« in einer bestimmten Situation für sie bedeutet. Wenn wir solche Fragen stellen, zeigt sich schnell, dass wir in Bezug auf Moral Intuitionen haben, die nicht immer zusammenpassen: Einerseits scheint Moral für uns nur wichtig zu sein, insofern sie unsere eigene Moral ist bzw. insofern wir ihr zustimmen können. Deshalb scheint die Moral nicht Bestandteil der »objektiven« Welt, sondern unserer Weltsicht, nicht Gegenstand ewiger Wahrheiten, sondern unserer Selbstbestimmung zu sein. Andererseits können wir moralische Urteile nicht vollständig verstehen, wenn wir nicht hinterfragen, ob sie tatsächlich richtig sind. Wir müssen also voraussetzen, dass es in der Moral richtige und falsche Antworten gibt. Dann kann aber unsere Zustimmung zu ihr nicht das einzige Kriterium ausmachen: Moral muss auch reflektieren, was objektiv gut oder schlecht ist.
Stellen wir uns in dieser Weise die Frage, was genau eigentlich Moral ist, so sind wir schon mitten im Gebiet der Lehre von dem allgemeinen Charakter moralischen Urteilens, also der Metaethik. Die Metaethik ist daher eines der philosophischen Gebiete, deren Verbindung zu unserem alltäglichen Denken von vorneherein gegeben ist.
Dieses Buch gibt eine Einführung in die Metaethik. Das heißt, dass es sich auf die Kernfragen konzentriert und die zentralen Positionen einander möglichst klar gegenüberstellt. Es heißt aber auch, dass nicht jede Position berücksichtigt werden kann und dass viele der Details einzelner Argumente zugunsten einer Darstellung ihres Kerns vernachlässigt werden müssen. Die deutschsprachigen Einführungen in die Ethik, insbesondere die im Literaturverzeichnis angegebenen Bände von Michael Quante und Dieter Birnbacher, bieten zu vielen Fragen, die nicht den Kernbereich der Metaethik betreffen, einen umfassenderen Überblick, als ich ihn geben könnte. Zur Vertiefung empfehle ich die extrem detailreiche (englischsprachige) Einführung von Alexander Miller.
Das Buch besteht aus zwei Teilen. In den Kapiteln eins bis vier werden zentrale Begriffe und wichtige Grundpositionen der Metaethik eingeführt. Ab dem fünften Kapitel werden die wichtigsten Positionen der heutigen Metaethik nacheinander vorgestellt. Diese Abschnitte können daher auch weitgehend unabhängig voneinander gelesen werden. Am Ende des Bandes finden sich Literaturhinweise zu den jeweiligen Kapiteln – aus den dort aufgeführten Werken habe ich jeweils direkt und indirekt Argumente übernommen. Im Interesse der Lesbarkeit wurde jedoch darauf verzichtet, ausführliche Quellenangaben aller einzelnen Argumente in Fußnoten anzugeben.
Beim Verfassen des Buches habe ich von den Anmerkungen von Stefano Bacin, Hannah Bayer, Andreas Maier, Achim Vesper und Christian Wendelborn profitiert. Für ihre Hilfe bin ich sehr dankbar. Babette Knauer danke ich nicht nur für die zahlreichen Verbesserungsvorschläge, sondern auch für die Unterstützung, ohne die ich dieses Buch nicht hätte verfassen können.
1 Metaethik
Was ist Metaethik?
Falls wir – das heißt, wir Menschen – handeln oder handeln wollen, kommen wir früher oder später mit Normen und Pflichten in Berührung, also mit Vorschriften und Erwägungen, die uns sagen, was erlaubt, geboten und verboten ist, welches Handeln richtig und falsch ist, welche Handlungen oder Ziele gut oder schlecht sind. Manche dieser Normen haben einen speziellen Charakter, der sie zu moralischen Normen macht. Dieser Charakter ergibt sich zunächst daraus, dass sie bestimmte moralische Reaktionen rechtfertigen: Wird eine moralische Norm von uns verletzt, empfinden wir Schuld, wird sie von anderen verletzt, Empörung. Die meisten Theorien der Moral nehmen auch an, dass die Einhaltung moralischer Normen unabhängig von sozialen Konventionen oder rechtlichen Regeln allgemein verbindlich von uns gefordert werden darf. Dass es solche Normen gibt, erlaubt uns, moralische Urteile zu treffen: Wir sagen, dass bestimmte Handlungen erlaubt, richtig oder gut, beziehungsweise verboten, falsch oder schlecht im moralischen Sinne sind.
Für die meisten von uns spielen diese Überlegungen eine unmittelbare praktische Rolle: Finden wir etwa einen Geldschein auf der Straße, werden wir uns überlegen, ob wir ihn bei der dafür zuständigen Stelle abgeben sollen. Bei dieser Überlegung denken die meisten Menschen nicht nur an rechtliche Normen (»Werde ich bestraft, wenn ich ihn nicht abgebe?«), sondern eben auch an moralische Normen. Es ist eine verständliche und relevante Frage, ob wirmoralisch dazu verpflichtet sind, gefundenes Geld abzugeben.
Die normative Ethik ist diejenige Teildisziplin der Philosophie, die versucht, Prinzipien zu finden, die es uns erlauben, solche Fragen begründet zu beantworten. Eine Überlegung in diesem Bereich könnte etwa darin bestehen, das Prinzip aufzustellen, dass all jene Handlungen richtig sind, die zur Steigerung des allgemeinen Glücks beitragen, und dass deshalb der Geldschein abgegeben werden muss, weil ein anderes Prinzip das wechselseitige Vertrauen untergraben und damit zu Misstrauen und letztlich Unglück führen würde.
Mit der Frage danach, welche moralischen Normen die richtigen Normen sind, hören die philosophisch interessanten Fragen an die Moral jedoch nicht auf: Selbst dann, wenn wir uns auf bestimmte Normen festlegen, die wir für richtig halten, ist damit noch nicht erklärt, was moralische Normen und moralische Eigenschaften (wie »moralisch gut«) eigentlich sind.
Bezüglich dieser Frage haben wir Intuitionen, die in einem gewissen Gegensatz zueinander stehen: Einerseits sind moralische Normen nicht etwas, das »von außen« über uns kommt. Sie setzen uns nicht faktische Grenzen, wie die Naturgesetze, sondern sie fordern uns auf, sie anzuerkennen. Moralische Prinzipien sind also Ausdruck dessen, was wir aus guten Gründen als verpflichtend akzeptieren. Andererseits versuchen wir, wenn wir moralisch urteilen, nicht nur herauszufinden, was wir persönlich über einen Sachverhalt denken oder fühlen, sondern wir versuchen herauszufinden, was wir denken und fühlen sollten. Wir wissen, dass unsere eigene Position auch falsch sein könnte. Moralische Urteile sind also darum bemüht, bestimmte Maßstäbe zu reflektieren, die nicht bloß subjektiv sind, sondern uns irgendwie objektiv vorgegeben sind.
Die Spannung, in der diese beiden Intuitionen stehen, zeigt sich, wenn wir uns fragen: Ist die richtige Moralphilosophie deshalb richtig, weil sie von uns unabhängige Maßstäbe erfasst, oder ist sie deshalb richtig, weil sie unsere eigenen Maßstäbe in angemessener Weise ausdrückt?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir eine Reihe anderer Fragen in Betracht ziehen: Was genau ist ein moralisches Urteil und worüber ist es ein Urteil? Kann ein solches Urteil im engeren Sinne wahr oder falsch sein? Falls ja: Kann es »objektiv« wahr sein, das heißt, unabhängig von jeder spezifischen Perspektive? Was heißt es, dass eine Handlung»richtig«oder»gut«ist?WirddamiteineEigenschaftbeschrieben,dieimgleichenSinne»inderWelt«istwieGröße,TemperaturundGewichteinesObjekts?Können wir »moralische Richtigkeit« wissenschaftlich feststellen?
All diese Fragen weisen auf eine einzige Grundfrage hin, nämlich auf die Frage, was wir tun und was wir meinen, wenn wir moralisch urteilen. Diese Frage ist das Thema der Metaethik, die daher nicht konkrete moralische Probleme erwägt, sondern einen Schritt zurückgeht und diese Tätigkeit, also das Erwägen moralischer Fragen, noch einmal selbst zum Gegenstand des Nachdenkens macht. Die Metaethik interessiert sich weniger für diese oder jene konkrete Aussage darüber, was moralisch geboten oder verboten ist, sondern dafür, wie solche Aussagen allgemein funktionieren und wie dasjenige, über das sie Aussagen sind (falls sie überhaupt über »etwas« Aussagen sind), beschaffen ist.
Diese abstrakte Bestimmung kann konkretisiert werden, wenn wir uns noch einmal das Urteil, dass gefundenes Geld abzugeben moralisch geboten ist, ansehen. In der normativen Ethik beschäftigt man sich mit der Frage, ob dieses konkrete Urteil richtig oder falsch ist. In der Metaethik beschäftigt man sich hingegen damit, was wir tun, wenn wir solche Urteile fällen, woher wir glauben, das Wissen über eine solche Sache zu haben, und was wir mit einer entsprechenden Aussage meinen. Beschreiben wir damit eine von uns unabhängige Realität oder geben wir nur unseren persönlichen Präferenzen Ausdruck? Auf welchen Typ von Sachverhalten beziehen sich solche Urteile – auf natürliche Sachverhalte oder auf nicht-natürliche Sachverhalte? Bei der Diskussion solcher Probleme spielt es meistens zunächst keine große Rolle, welche konkrete Moraltheorie wir für richtig halten: Die Metaethik kann sich (mehr oder weniger) neutral gegenüber konkreten moralischen Fragen verhalten.
Um die Frage zu beantworten, wie wir moralische Urteile verstehen sollen, ist es zunächst notwendig, etwas zum Begriff »moralisches Urteil« zu sagen. Mit diesem Ausdruck sind natürlich nicht nur die konkreten sprachlichen Äußerungen moralischer Urteile gemeint, die Menschen von sich geben. Ein moralisches Urteil zu fällen, bedeutet, eine bestimmte Haltung zu einer moralischen Frage einzunehmen. Diese Haltung kann sich in sprachlichen Urteilen äußern, muss dies aber nicht. Sie muss auch nicht stets kognitiv präsent sein. Im folgenden wird der Begriff »moralisches Urteil« aber relativ liberal sowohl für solche Festlegungen als auch für entsprechende Aussagen verwendet.
Im Verlauf dieser Einführung wird die Frage eine große Rolle spielen, ob moralische Urteile in einem gewöhnlichen Sinne einstellungsunabhängig wahr oder falsch sein können. Bezüglich dieser Frage haben viele Menschen widersprüchliche Intuitionen. Einerseits halten wir es für glaubhaft, dass die Antwort auf die Frage, ob eine Handlung moralisch richtig oder falsch ist, unabhängig davon ist, ob wir ein entsprechendes Urteil subjektiv für wahr oder falsch halten. Wir können uns darüber irren, und deshalb hat die Moral den Anspruch, Tatsachen auszudrücken, die unabhängig von unserer Zustimmung existieren. Sie hat also einen Anspruch auf Objektivität. Andererseits sind diese Tatsachen nicht völlig unabhängig von uns Menschen: Es fälltschwer,sichvorzustellen,dassesmoralischeTatsachen gäbe, wenn es keine Menschen und keine anderen ähnlich intelligenten und sich ihrer selbst bewussten Lebewesen im Universum gäbe. Moral, so könnte man daher denken, ist notwendigerweise mit menschlichen Haltungen und Einstellungen verknüpft, und daher sind Urteile über sie nicht im gleichen Sinne einstellungsunabhängig wahr oder falsch wie Urteile über andere Tatsachen (etwa über Tatsachen hinsichtlich physikalischer Regelmäßigkeiten). Zudem gilt: Wenn moralische Urteile unabhängig von unseren Einstellungen wahr oder falsch sind, dann sind sie entweder wahr oder falsch. Das heißt aber auch, dass kein moralisches Urteil für die eine Person wahr und für die andere falsch ist. Daraus scheint zu folgen, dass über die Geschichte und über alle Kulturgrenzen hinweg nur eine einzige Moral richtig ist. Führt man sich diese Konsequenzen vor Augen, so scheint es plötzlich nicht mehr so offensichtlich, ob es tatsächlich so ist, dass moralische Urteile in einem gewöhnlichen Sinne wahr oder falsch sein können.
Man kann die Metaethik also als die Disziplin bezeichnen, die sich mit der Frage nach dem allgemeinen Charakter von moralischen Urteilen (also von Urteilen, deren Gehalt man durch Sätze wie »X ist moralisch geboten« oder »X ist moralisch richtig« ausdrücken kann), moralischen Einstellungen und moralischen Tatsachen beschäftigt. Dabei stellt sie vor allem folgende drei Fragen:
(1) Was bedeuten die sprachlichen Ausdrücke, die wir im Rahmen moralischer Urteile anwenden, also Begriffe wie »moralisch richtig« und »moralisch gut«? Dies ist eine Frage hinsichtlich der Bedeutung, also eine semantische Frage. Dabei geht es weniger um den Gehalt dieser Begriffe, also darum, welche konkreten Handlungen unter den Begriff »moralisch richtig bzw. gut« fallen und welche Beschreibung wir von ihnen geben, als um die allgemeine Art von Begriff, die »moralisch richtig bzw. gut« darstellt.
(2) Falls sich moralische Urteile auf bestimmte moralische »Sachverhalte« (»X ist richtig«) oder moralische »Eigenschaften« (»X ist gut«) beziehen: Was für Sachverhalte oder Eigenschaften sind dies? Handelt es sich dabei um natürliche oder übernatürliche, naturwissenschaftlich erklärbare physische oder mentale Eigenschaften? Dies ist eine Frage bezüglich der Beschaffenheit und der Existenzform eines bestimmten Gegenstandsbereichs, also eine metaphysische Frage.
(3) Wie können wir wissen, was moralisch richtig ist, und wie können wir moralische Urteile im allgemeinen rechtfertigen? Dies ist eine Frage der Erkenntnis und Rechtfertigung, also eine epistemische Fragestellung.
Diese drei Fragen hängen zusammen und müssen daher zusammen geklärt werden.
Ein Problem mit der Moral
Durch die Beschäftigung mit metaethischen Fragen gelangen wir, wenn wir erfolgreich sind, zu einem besseren Verständnis unserer Alltagspraxis des moralischen Urteilens. Sollten wir verstehen, was wir in dieser Praxis tun, wird dies uns, so können wir hoffen, dabei helfen, es richtig zu tun. Damit ist jedoch nicht erklärt, weshalb Metaethik eine interessante philosophische Disziplin ist. Es könnte nämlich sein, dass die Antwort auf all diese Fragen offensichtlich ist, dass es also keine Konflikte darüber gibt, wie die richtige Antwort auf diese Fragen lautet. Dies ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr ist es so, dass die Metaethik von zahlreichen Problemen geprägt ist. Eines dieser Probleme soll als Leitfaden für diese Einleitung dienen.
Um dieses Problem zu verstehen, lohnt es sich, zwei Annahmen deutlich herauszustellen, die wir bezüglich moralischen Urteilens machen: Dabei handelt es sich um die Annahme der Objektivität und die Annahme der praktischen Relevanz moralischer Urteile.
Die Objektivität moralischer Urteile
Die Annahme, dass moralische Urteile objektiv wahr oder falsch sein können, lässt sich leicht illustrieren, indem wir uns die Frage stellen, wieso wir überhaupt über Moral sprechen oder nachdenken. Stellen wir uns im Alltag die Frage, ob eine Handlung – etwa der Versuch, sich an der Kinokasse vorzudrängeln – moralisch erlaubt ist, so gehen wir selbstverständlich davon aus, dass es nicht nur eine Antwort gibt, sondern dass wir auch versuchen sollten, die richtige Antwort zu finden.
Eine weitere Annahme, die uns nicht immer, aber in vielen Fällen ganz natürlich erscheint, besagt, dass die Frage danach, was für eine bestimmte Person in einer bestimmten Situation das moralisch Richtige ist, eine Antwort hat, auf die im Prinzip jede und jeder kommen kann – dass also alle denkbaren Personen, vorausgesetzt, dass sie richtig urteilen, die gleiche Antwort auf diese Frage geben sollten. In vielen Fällen ist die Unabhängigkeit des moralisch Guten von einer bestimmten Perspektive schon durch den Charakter der verschiedenen Optionen bestimmt: Es ist – aus welcher Perspektive auch immer – einfach falsch, Menschen zu foltern, weil dadurch ihre Rechte, ihre Interessen und ihre Würde verletzt werden. Hier gibt es kein »für mich« oder »für dich«, sondern es ergibt sich aus der Natur der Sache, dass dies falsch ist.
Natürlich gibt es einen bestimmten Sinn, in dem es von der handelnden Person abhängt, was für sie richtig oder falsch ist – in dem Sinne, dass etwas richtig oder falsch ist, das ihr eigenes Handeln betrifft: Für einen Nichtschwimmer ist es vielleicht moralisch nicht geboten, zu versuchen, eine ertrinkende Person zu retten, während es für einen frisch ausgeruhten Bademeister absolut moralisch geboten ist. Aber selbst dann, wenn in solchen Fällen von verschiedenen Personen Verschiedenes verlangt werden kann, sind die entsprechenden moralischen Urteile nicht in dem Sinne »für« die eine oder andere Person richtig, dass sie nur aus ihrer Perspektive richtig oder gut sind. Die Frage, welches Handeln dieser oder jener konkreten Person in ihrer konkreten Situation moralisch geboten ist, betrifft nicht etwas, über das gleichzeitig ein Beobachter richtig so und ein anderer ebenso richtig anders urteilen könnte. Kurz gesagt: Wir denken über Moral nach und diskutieren über Moral, weil wir die richtigen moralischen Urteile treffen wollen. Zwischen richtigen und falschen moralischen Urteilen besteht aber ein objektiver Unterschied. Dieser objektive Unterschied scheint am leichtesten erklärt werden zu können, wenn wir annehmen, dass es hier Tatsachen gibt, die wir mit unseren Urteilen richtig begreifen können und über die wir richtige oder falsche Überzeugungen haben können.
Die praktische Relevanz moralischer Urteile
Die zweite Intuition, die Intuition der praktischen Relevanz moralischer Urteile, lässt sich noch einfacher beschreiben: Immer dann, wenn wir das Urteil treffen, dass eine bestimmte Handlung für uns moralisch geboten ist, geben wir damit nicht nur eine neutrale Beschreibung einer Situation ab. Wir nennen vielmehr damit zugleich immer auch einen Grund, diese Handlung auszuführen. Immer dann, wenn sich die Möglichkeit für uns ergibt, eine moralisch gebotene Handlung zu vollziehen, ohne dass ihrem Vollzug andere Gründe entgegenstehen, folgt daraus, dass wir einen Grund für die Ausführung dieser Handlung haben und dass wir, falls wir nicht irrational sind, motiviert sein werden, sie zu vollziehen.
Fälle ich das Urteil »Es ist für mich moralisch geboten, Paul zehn Euro zu leihen« und nehme ich zudem an, dass keine anderen Gründe dagegen sprechen, dies zu tun, ist die Frage »Gut, es ist moralisch geboten, es zu tun, es gibt keine anderen Gründe dagegen, aber sollte ich mich dazu entschließen oder nicht?« reichlich seltsam – normalerweise beantwortet ein moralisches Urteil direkt die Frage, was ich tun sollte. Kurz: Moralische Urteile sind für uns praktisch relevant, weil sie uns einzusehen helfen, was wir tun sollen.
Sicherlich kennen wir alle Fälle, in denen wir etwa zu faul, zu ängstlich oder schlichtweg zu unorganisiert sind, um unsere moralischen Urteile umzusetzen. Aber in diesen Fällen gibt es eben in uns Hindernisse, die dieser Umsetzung entgegenstehen. Von Hindernissen zu sprechen ergibt aber nur dann Sinn, wenn es auch tatsächlich etwas gibt, das von diesen Hindernissen behindert wird. Solche Fälle sprechen also nicht prinzipiell gegen die praktische Relevanz moralischer Urteile.
Das Problem
Diese beiden Intuitionen zusammengenommen ergeben ein grundlegendes Problem mit der Moral: Wir können uns die Objektivität moralischer Urteile leicht erklären, wenn wir annehmen, dass ein richtiges moralisches Urteil zu fällen heißt, eine moralische Tatsache zu beschreiben. Moralische Urteile sind dann Versuche, die moralischen Tatsachen, die es objektiv gibt, kognitiv (mit unserer Erkenntnisfähigkeit) richtig zu erfassen. Wenn moralische Urteile aber »nur« Urteile über Tatsachen sind, dann muss es unverständlich bleiben, wieso uns solche Urteile motivieren sollten, ihnen entsprechend zu handeln. Dies kann mit zwei Argumenten gezeigt werden.
Das erste Argument besteht darin, drei Behauptungen zu nennen, die wir nicht konsistenterweise gleichzeitig für wahr halten können:
(A1) Die praktische Relevanz eines moralischen Urteils ergibt sich daraus, dass es ein Urteil darüber ist, was wir tun sollen.
(A2) Moralische Urteile sind objektive Tatsachen-Urteile, also Urteile darüber, wie sich die Dinge verhalten.
(A3) Aus einem Urteil darüber, wie sich die Dinge verhalten, kann man nie alleine, ohne weitere Annahmen, ableiten, dass jemand etwas tun soll. (Sein-Sollen-Prinzip)
Alle drei Behauptungen klingen ungemein plausibel. Die ersten beiden Aussagen drücken unsere Intuitionen über die praktische Relevanz und die Objektivität der Moral aus. Die dritte Behauptung ist das berühmte Sein-Sollen-Prinzip von David Hume, das besagt, dass aus einer deskriptiven Aussage über Tatsachen (»X ist so und so«) nie eine präskriptive Aussage, eine Aussage über ein Sollen (»X sollte so und so sein«) abgeleitet werden kann.
Hume schreibt dazu:
»In jedem Moralsystem, das mir bisher vorkam, habe ich immer bemerkt, daß der Verfasser eine Zeitlang in der gewöhnlichen Betrachtungsweise vorgeht, das Dasein Gottes feststellt oder Beobachtungen über menschliche Dinge vorbringt. Plötzlich werde ich damit überrascht, daß mir anstatt der üblichen Verbindungen von Worten mit ›ist‹ und ›ist nicht‹ kein Satz mehr begegnet, in dem nicht ein ›sollte‹ oder ›sollte nicht‹ sich fände. Dieser Wechsel vollzieht sich unmerklich; aber er ist von größter Wichtigkeit. Dies sollte oder sollte nicht drückt eine neue Beziehung oder Behauptung aus, muß also notwendigerweise beachtet und erklärt werden.
Gleichzeitig muß ein Grund angegeben werden für etwas, das sonst ganz unbegreiflich scheint, nämlich dafür, wie diese neue Beziehung zurückgeführt werden kann auf andere, die von ihr ganz verschieden sind. Da die Schriftsteller diese Vorsicht meistens nicht gebrauchen, so erlaube ich mir, sie meinen Lesern zu empfehlen; ich bin überzeugt, daß dieser kleine Akt der Aufmerksamkeit alle gewöhnlichen Moralsysteme umwerfen und zeigen würde, daß die Unterscheidung von Laster und Tugend nicht in der bloßen Beziehung der Gegenstände begründet ist, und nicht durch die Vernunft erkannt wird« (Hume 1906 [1739]: 211).
Dieses Prinzip ist intuitiv einleuchtend: Aus der Tatsache, dass sich bestimmte Dinge so oder so verhalten, folgt rein logisch nicht, dass sie so bleiben oder anders werden sollten. (Ob dieses Prinzip immer richtig ist, muss sich aber erst zeigen, vgl. hier Abschnitt: »Das Sein-Sollen-Problem revisited«, S. 153–156).
Unter der Voraussetzung aber, dass dieses Prinzip gilt, kann die Moral – so scheint es zumindest – nicht gleichzeitig aus Tatsachen-Urteilen bestehen und praktische Konsequenzen nach sich ziehen. Das heißt, wir können nicht alle drei oben genannten Annahmen gleichzeitig vertreten, sondern müssen entweder eine unserer beiden Intuitionen oder dieses Sein-Sollen-Prinzip aufgeben.
Neben diesem ersten Dilemma gibt es ein zweites, beinahe klassischeres Problem, das ähnlich aussieht, das aber ohne das Sein-Sollen-Prinzip auskommt:
(B1) Die praktische Relevanz moralischer Urteile besteht darin, dass sie Gründe ausdrücken, die rationale Personen im Normalfall ohne weiteres dazu motivieren, ihnen entsprechend zu handeln.
(B2) Moralische Urteile sind Tatsachen-Urteile, sie drücken also die Überzeugung einer Person über Tatsachen aus.
(B3) Überzeugungen über Tatsachen alleine, ohne Wünsche oder ähnliche motivationale Zustände, motivieren uns nicht.
Es ist einfach zu erkennen, dass wir es wieder mit den beiden Grundintuitionen zu tun haben, zu denen eine neue, ebenfalls von Hume stammende These hinzugefügt wird, die in einen Widerspruch führt. These (B3) ist die sogenannte »Hume’sche Theorie der Motivation«. Diese Theorie (vgl. hier auch S. 41–48) besagt, dass es zwei Typen mentaler Zustände gibt, nämlich einerseits kognitive Zustände, wie Überzeugungen, andererseits volitionale Zustände oder Einstellungen wie Wünsche, Abneigungen und die bereits erwähnten moralischen Gefühle. Zusätzlich behauptet diese Theorie, dass Zustände des ersten, kognitiven Typs niemals allein dazu ausreichen, eine Handlung zu motivieren. Eine Handlungsmotivation entsteht erst dann, wenn auch Zustände der zweiten Art hinzukommen. Volitionale Zustände oder moralische Gefühle sind jedoch in einer Tatsachenüberzeugung nicht involviert – folglich können moralische Urteile, die nur eine solche Überzeugung ausdrücken, nicht praktisch motivierend sein. Moralische Urteile sind jedochim Normalfall ohne zusätzliche Gefühle praktisch relevant. Daher – so das Argument – können sie nicht nur als Ausdruck von Tatsachenüberzeugungen verstanden werden.
Wir können also eines der grundlegenden Probleme der Metaethik so zusammenfassen: Wenn moralische Urteile den Anspruch haben, Tatsachen zu erfassen, dann scheint jedoch noch etwas zu ihnen hinzukommen zu müssen, um uns zu motivieren (beziehungsweise um ein Sollen zu ergeben), nämlich eine bestimmte Einstellung, ein Wunsch oder ein Gefühl (beziehungsweise ein Sollens-Urteil). Vorausgesetzt aber, dass moralische Urteile nichtnur den Anspruch haben, Tatsachen zu erfassen, sondern dass sie auch solche Einstellungen oder Sollens-Urteile ausdrücken, so bleibt dennoch unklar, ob wir mit ihnen noch den Anspruch verbinden können, Tatsachen zu beschreiben.
2 Kognitivismus und Nonkognitivismus
Die Annahmen, die zusammen das beschriebene Problem mit der Moral ergeben, sollen im folgenden systematisiert und in das gängige Vokabular der heutigen philosophischen Debatte übertragen werden. Eine der wichtigsten Unterscheidungen hinsichtlich metaethischer Positionen ist zunächst die Unterscheidung zwischen Kognitivismus und Nonkognitivismus.
Der Kognitivismus
Kognitivistische Theorien sind all jene Theorien, die davon ausgehen, dass es sich bei moralischen Urteilen genauso oder sehr ähnlich wie bei Urteilen über nicht-moralische Tatsachen um den Ausdruck von Überzeugungen und damit um behauptende Stellungnahmen zu Aussagen handelt, deren Bedeutung dadurch gegeben ist, dass sie Wahrheitsbedingungen besitzen.
Was heißt das? Die Überzeugung »Der Tisch ist grün« zu haben, heißt einfach, eine Haltung zu der Aussage »Der Tisch ist grün« einzunehmen, die uns auf die Wahrheit dieser Aussage festlegt. Dass diese Aussage wahr ist, scheint in diesem Fall aber einfach zu heißen, dass bestimmte Wahrheitsbedingungen erfüllt sind. Die Aussage »Der Tisch ist grün« ist nämlich nur unter der Bedingung wahr, dass der Tisch grün ist, das heißt, dass seine Oberfläche Licht eines bestimmten Spektrums reflektiert. Es ist sogar, so könnte man sagen, grundlegend für die Bedeutung dieses Satzes, dass er nur dann wahr ist, wenn dies der Fall ist. Falls wir die entsprechende Überzeugung haben, haben wir also eine Haltung, die uns darauf festlegt, dass diese unabhängigen Bedingungen auch erfüllt sind.
MoralischeUrteiledrückennachderSichteinerkognitivistischenTheorieingenaudieserWeiseÜberzeugungenaus.SiesindalsoFestlegungenaufdieGegebenheitderWahrheitsbedingungenvonmoralischenAussagen,derenBedeutungdurchebendieseWahrheitsbedingungenfestgelegtist.Dasheißtnatürlichauch,dassessoetwaswieWahrheitsbedingungengebenmuss,diedieBedeutungmoralischerAussagenfestlegen.EsgibtalsoTatsachen,diegegebenseinmüssen,damiteineAussagederArt»Mordistmoralischfalsch«entwederwahroderfalschist.EinekognitivistischePositionverpflichtet uns daher dazu, genauer anzugeben, was diese Tatsachen sind.
Der wichtigste Grund dafür, eine kognitivistische Position zu akzeptieren, ist die sogenannte »wahrheitsfunktionale Oberflächenstruktur moralischer Diskurse«. Dieser Ausdruck bedeutet nichts anderes, als dass die sprachlichen Mittel (also die Wörter und Satzstrukturen), mit denen wir in unserer Alltagssprache moralische Urteile ausdrücken, so gestrickt sind, dass sie nur unter der Voraussetzung zu »passen« scheinen, dass die Bedeutung solcher Urteile zumindest zum Teil durch ihre Wahrheitsbedingungen festgelegt wird und dass sie Überzeugungen ausdrücken. Moralische Behauptungen haben nicht nur in der Regel die Struktur von »normalen« Aussagesätzen. »Der Tisch meiner Großmutter war grün« und »Der Mord an Martin Luther King war moralisch falsch« scheinen genau die gleiche Art von Satz zu sein. Wir sagen auch ganz direkt, dass ein bestimmtes moralisches Urteil wahr oder falsch ist, weil es die Dinge so beschreibt, wie sie sind. So könnten wir sagen, dass der Satz »Mord ist falsch« deshalb wahr ist, weil Mord falsch ist – weil also die Wahrheitsbedingungen der Aussage »Mord ist falsch« erfüllt sind.
Schließlich stützen auch unsere moralischen Intuitionen den Kognitivismus: Es ist doch, so könnte man sagen, unabhängig von unseren Einstellungen wahr, dass etwa der Mord an Martin Luther King ein Verbrechen war. Können wir unsere moralischen Urteile anders verstehen, als dass hier behauptet wird, dass Tatsachen existieren, die diese Aussage wahr machen?
Der starke Kognitivismus
Selbst dann, wenn man eine kognitivistische Position akzeptiert, ist aber immer noch höchst unklar, auf welcher Art von Wahrheitsbedingungen die Bedeutung moralischer Aussagen und Urteile beruht. Eine intuitiv naheliegende Position zu dieser Frage würde lauten, dass moralische Urteile deshalb Wahrheitsbedingungen haben, weil diese Urteile solche Überzeugungen über die Realität ausdrücken, die einen Teil dieser Realität repräsentieren. Moralische Urteile referieren so auf »Tatsachen in der Welt«, wie viele andere Urteile auch – und es ist relativ einfach zu sehen, wie sie wahr oder falsch sein können. Eine solche Position können wir eine starke kognitivistische Position nennen. Ihr zufolge sind moralische Aussagen wahrheitsfähig, weil sie Erkenntnisse über moralische Tatsachen reflektieren, die unabhängig davon existieren, dass wir dies glauben. Eine solche Position nennt man »moralischen Realismus«.
Je nachdem, ob man diese Tatsachen als Teil der »natürlichen Welt« begreift, kann man weiter zwischen Positionen unterscheiden, die annehmen, dass sich moralische Urteile wie »X ist moralisch richtig« auf natürliche Sachverhalte beziehen, also mit »moralisch richtig« auf ganz gewöhnliche, natürliche Eigenschaften der Dinge referieren (»Naturalismus«), oder aber, dass sie »nichtnatürliche« Sachverhalte beurteilen, dass moralische Tatsachen also Sachverhalte einer »eigenen Art« sind (»Non-Naturalismus«).
Im Bereich des starken Kognitivismus können wir uns aber auch eine Position vorstellen, die moralische Urteile als Tatsachenaussagen über uns selbst versteht, die also die Wahrheitsbedingungen in der (psychischen) Verfasstheit des Sprechers lokalisiert. Nach einer solchen Position besteht kein Unterschied zwischen der Aussage »X ist falsch« und der Aussage »Ich habe eine bestimmte Haltung zu X«, wobei die zweite Aussage als Tatsachenbehauptung (und nicht als bloßer Ausdruck eines Wunsches) verstanden werden muss (»Subjektivismus«).
Eine letzte stark kognitivistische Position, die im weiteren eine Rolle spielen wird (vgl. hier Abschnitt: »Die Irrtumstheorie«, S. 62–66), ist die etwas ungewöhnliche Position der »Irrtumstheorie«. Diese Theorie nimmt an, dass moralische Urteile wahrheitsfunktional sind, also wahr sein können
