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Systemisch? Na klar! In weiten Teilen der Sozialen Arbeit gilt es mittlerweile als Zeichen von Qualität, systemisch zu arbeiten, da die Systemische Soziale Arbeit viele Vorteile bieten kann. Die Systemische Soziale Arbeit verhilft mit ihrem ganz speziellen Ansatz zu mehr Klarheit bei komplexen Ausgangslagen und Zuständigkeiten. Sie ermöglicht mehr Sicherheit im Umgang mit vielfältigen Ansprüchen an die Soziale Arbeit. Dieses Buch führt in die Grundbegriffe systemischen Denkens und Handelns ein und verknüpft diese mit der Praxis der Sozialen Arbeit - die Systemische Soziale Arbeit und ihre Besonderheiten werden aufgezeigt. Fallbeispiele verdeutlichen die Systemische Soziale Arbeit und zeigen den Umgang mit verschiedenen Adressatengruppen, nicht nur mit Familie. Didaktisiert mit Schlüsselbegriffen, Fallbeispielen, Zusammenfassungen, Lernfragen und Infokästen!
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Seitenzahl: 348
Veröffentlichungsjahr: 2021
utb 4008
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Prof. Dr. Wilfried Hosemann (i. R.), Dipl.-Päd., Dipl.-Sozialarb. (FH), lehrte Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der Hochschule Coburg. Er ist Mitherausgeber des Journals der DGSSA (Deutsche Gesellschaft für Systemische Soziale Arbeit).
Dr. Wolfgang Geiling, Dipl.-Päd., Dipl.-Sozialpäd. (FH), Systemischer Berater und Familientherapeut (DGSF), Supervisor, Tätigkeiten in der Fort- und Weiterbildung, aktuell tätig als Vertretungsprofessur Methoden und Konzepte der Sozialen Arbeit an der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Erfurt www.wolfgang-geiling.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
UTB-Band-Nr.: 4008
ISBN 978-3-8252-5733-0 (Print)
ISBN 978-3-8385-5733-5 (PDF-E-Book)
ISBN 978-3-8463-5733-0 (EPUB)
2., überarbeitete Auflage
© 2021 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München
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Printed in EU
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Cover unter Verwendung eines Fotos von djama – Fotolia.com
Abb. 1, 2, 6, 17, 18, 19, 20, 24: Andreas N. Schubert
Satz: FELSBERG Satz & Layout, Göttingen
Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München
Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]
Inhalt
Vorwort
1Einführung
1.1Systeme und Systemtheorie
1.1.1Die Vorzüge systemischen Denkens
1.1.2Die Besonderheiten systemischen Denkens
1.1.3System – eine Annäherung an den Begriff
1.1.4Systemtheorien – unterschiedliche Ansätze
1.2Merkmale Systemischer Sozialer Arbeit
1.2.1Inhalt Systemischer Sozialer Arbeit
1.2.2Systemische Grundsätze des Vorgehens
1.2.3Ökologische Herausforderungen und Systemische Ethik
2Verbindende Elemente systemischen Denkens und Sozialer Arbeit
2.1Beobachtung
2.2Systeme, Kommunikationssysteme und Systemarten
2.3Systeme, Umwelt und Systembeziehungen
2.4Sinn und Kontext
2.5Zeit
2.6Kausalität – Ursache und Wirkung
2.7Menschen, Individuen und Personen
2.8Inklusion / Exklusion: soziale Teilhabe
3Systemische Praxis
3.1Systemisches Methodenverständnis
3.1.1Grundlagen professionellen Handelns
3.1.2Soziale Arbeit als Kybernetik zweiter Ordnung
3.1.3Professionelle Grenzziehungen
3.1.4Abstraktionen und Unsicherheiten
3.2Systemische Handlungsorientierung
3.2.1Systemische Werkzeuge zur Aufgabengestaltung
3.2.2Helfer-, Klienten- und Helfer-Klienten-Systeme
3.2.3Systemische Handlungsmuster
3.3Praxisherausforderungen
3.3.1Gesellschaftliche Spaltungen
3.3.2Digitalisierung
3.3.3Hilfe, Kontrolle, Macht
3.3.4Komplexität und Ambivalenz
3.3.5Zukunft: Entwicklung des Sozialen – soziale Gerechtigkeit
Literatur
Sachregister
Merksatz
Fallbeispiel / Beispiel
Literaturempfehlungen
Lernfragen zum Weiterdenken
Vorwort
Wir wollen die Leserinnen und Leser einladen, Systemische Soziale Arbeit kennen zu lernen und deren Nutzen zu prüfen. Damit übernehmen wir die Aufgabe, die abstrakte Sprache der Systemtheorie zu veranschaulichen und verständlich und lesbar zu bleiben. Bitte seien Sie nachsichtig mit uns. Dies ist ein Einführungsbuch, aber nicht immer ein einfaches Buch.
Systemtheorie läuft auf eine besondere Art des Nachdenkens hinaus und ist immer wieder mit Hoffnungen verbunden worden. Ein Vorteil der Theorie ist, dass sie Umwelt einbezieht und daher nicht als geschlossen betrachtet werden muss. So werden in diesem Buch Brücken zu anderen Ansätzen gebaut.
Das Buch wendet sich an Leser – wir meinen immer beide Geschlechter – die noch am Anfang der Begegnung mit diesem Bündel von Theorien stehen. Um Brücken zu bauen, ist es erforderlich, dass der Text zwischen verschiedenen sprachlichen Ebenen wechselt: zwischen Fachsprache und Alltagssprache, zwischen Perspektiven auf die Theorie von außen und von innen, zwischen unterschiedlichen Graden der Abstraktion, zwischen Praxisbeispielen und theoretischen Höhenflügen.
Diese Hinweise wollen darauf vorbereiten, beim Lesen auf Wechselbäder gefasst zu sein. Wir wollen ermuntern, mitunter Textpassagen zu überspringen, oder in einer Reihenfolge zu lesen, die nicht der linearen Abfolge entspricht. Diese Möglichkeit des Umgangs mit dem Buch verweist auf eine Besonderheit der Theorie: Systemtheorie ist auf die Beschreibung von Relationen ausgelegt. Wie in einer „richtigen“ Beziehungsgeschichte kann man bestimmte Angelegenheiten von der einen oder von der anderen Seite aus betrachten.
Anliegen des Buches ist es, mit dem Verständnis und dem Gebrauch systemtheoretischer Grundbegriffe vertraut zu machen und ihren Nutzen für die Soziale Arbeit zu zeigen. Diesen Zusammenhang von Systemtheorie und systemischer Praxis Sozialer Arbeit wollen wir stärken. Die Potenziale des Ansatzes sind weder technisch-instrumentell, noch bestandserhaltend oder unkritisch. Gerade die Möglichkeit, Systembeziehungen zu betrachten, ermöglicht es, Alternativen zu prüfen und Freiräume für Veränderung zu nutzen.
Wir möchten dazu ermutigen, vertraute Denkgewohnheiten aufzulockern, soziale Zusammenhänge mit neuen Begriffen zu analysieren, sich von den daraus entstehenden Ergebnissen zu überzeugen und nicht von den theoretischen Ansprüchen einschüchtern zu lassen. Nach unserer Überzeugung liefert die systemische Perspektive eine Fülle tragfähiger Orientierungen, die Position der Sozialen Arbeit zu bestimmen.
Inhaltlich strukturiert ist das Buch wie folgt: Im ersten Teil wird in der Form einer Einführung grundsätzlich nach der Bedeutung von Systemtheorie und systemischer Praxis für die Soziale Arbeit gefragt. Im zweiten Teil des Buches wird ein Theorie-Netz aufgebaut. Dabei werden jeweils systemtheoretische Fragestellungen und Zugänge zur Theorie angeboten, um dann die Leistungspotenziale der Theorie für die Soziale Arbeit einzufangen. Im dritten Teil bieten wir Zugänge zu grundlegenden Handlungsorientierungen systemischer Praxis. Dabei werden die besonderen Bedingungen Sozialer Arbeit berücksichtigt und Begriffe zur differenzierten Beobachtung und Beschreibung professioneller Situationen angeboten.
Die 2. Auflage geht direkter auf die gesellschaftlichen Herausforderungen der Sozialen Arbeit ein. Der ökologische Wandel, die Folgen der Veränderungen des Klimas, die Digitalisierung und die Spaltung der Gesellschaft verändern das Umfeld und die Soziale Arbeit. Die Möglichkeiten, darauf aktiv und mit an sozialer Freiheit ausgerichteten Antworten zu reagieren, sollen durch den hier vertretenen Ansatz gestärkt werden. Die neue Auflage bringt mehr Vielfalt im Hinblick auf eine gendergerechte Sprache. Grundsätzlich sind immer alle Geschlechter und Identitätsformen gemeint. Der Mix aus alten und neuen Texten führt zu einem unsystematischen Wechsel der Sprachformen, wir hoffen aber, Sie finden sich hinreichend berücksichtigt und können die Texte mit Gewinn lesen.
Nürnberg und Bamberg, im Frühjahr 2021
Wilfried Hosemann und Wolfgang Geiling
1Einführung
Das Einführungskapitel möchte einen Brückenschlag zur Systemischen Sozialen Arbeit eröffnen, der im gesamten Buch weiter geführt und im Einzelnen begründet wird. Zunächst klären wir den Nutzen dieser Perspektive und interpretieren die theoretische Ausgangslage. Dabei konzentrieren wir uns auf die „Passungen“, die Basisargumente und die zentralen Zugewinne dieses Vorgehens.
1.1Systeme und Systemtheorie
Seit der Antike wird darüber nachgedacht, wie Zusammenhänge in der beobachteten Vielfalt zu beschreiben sind und wie Ordnung in die Pläne kommt, nach denen vorgegangen wird. Als besonders attraktiv haben sich die Auseinandersetzungen um sich ,selbst ordnende Zusammenhänge‘ herausgestellt. Hier werden wesentliche Vorteile, Besonderheiten, Inhalte und Kontroversen des Systembegriffs vorgestellt.
1.1.1Die Vorzüge systemischen Denkens
Soziale Arbeit hat es mit vielen unterschiedlichen Interessen und Perspektiven zu tun. Es ist beispielsweise oft nicht klar, wer Auftraggeber ist oder wie aktuelle und längerfristige Ziele zusammenhängen. Systemtheoretische Überlegungen helfen bei solchen Ausgangslagen, fachliche Positionen zu bestimmen, Orientierungen in komplexen Situationen zu gewinnen und Interessen der Adressaten zu berücksichtigen. Eines der Motive, sich mit Systemtheorie zu beschäftigen, liegt daher in dem Mehr an Klarheit in Bezug auf eigene Zuständigkeiten und im Zugewinn von Sicherheit im Umgang mit komplexen Ansprüchen an die Soziale Arbeit.
komplexe Anforderungen
Der allgemeine und häufige Gebrauch des Begriffs System führt aber auch zu Unklarheiten. Dies begründet die Notwendigkeit, sich genauer mit dem Verständnis von Systemtheorien und ihren Begriffen in der Sozialen Arbeit vertraut zu machen – auch, um sie kritisch betrachten zu können. Für das professionelle Mitgestalten des sozialen Zusammenlebens ist es notwendig, verantwortlich mit den eigenen Möglichkeiten und Grenzen des Wirkens umzugehen.
Die Systemtheorie, wie sie im Folgenden vermittelt wird, setzt bei genau dieser Verantwortlichkeit an. Sie lässt Soziale Arbeit nicht bei ihren Adressaten oder bei Problemen beginnen, sondern bei der Beobachtung der eigenen Konzepte und des eigenen Handelns. Dieses auf die eigenen Gedanken, Handlungen und Voraussetzungen gerichtete, prüfende Nachdenken ist kennzeichnend für die reflexionsbasierte Profession Soziale Arbeit (Dewe / Otto 2002, 2011) und zugleich für angewandte Ethik.
Selbstbeobachtung Sozialer Arbeit
Die zunächst schwierige und abstrakte Sprache der Systemtheorie ermöglicht die Beschreibung von unterschiedlichen Zusammenhängen (z. B. biologischen, psychischen, organisatorischen und gesellschaftlichen) mit einheitlichen Begriffen. Eine Folge dieser Abstraktion ist, dass systemtheoretische Theorien und Analysen keine eindeutigen Rezepte richtigen Handelns liefern. Wenn man so will, ist Systemtheorie für sich genommen zunächst inhaltlich offen und – bezogen auf ihre Ausrichtung an menschlichen und sozialen Werten – interpretationsbedürftig. Erst durch die ,Selbstverarbeitung‘ der Theorie durch die Soziale Arbeit gewinnt Systemtheorie unmittelbar an Bedeutung.
Interpretationsbedürftigkeit
Sie ähnelt in diesem Sinne einem Werkzeug. Welche Rahmen und Bezugspunkte der Sozialen Arbeit im praktischen Handeln jeweils wichtig sind, bestimmt sie auch unter Zuhilfenahme von Wissen aus anderen Wissenschaftsbereichen, wie z. B. der Soziologie oder dem Recht. Soziale Arbeit könnte ihre Entscheidungen jeweils auch an anderen Erklärungszusammenhängen ausrichten. Daher braucht sie eine Theorie, die beobachter- und kontextbezogenes Denken fördert. Genau dies leistet Systemtheorie.
Systemtheorie als Werkzeug
1.1.2Die Besonderheiten systemischen Denkens
Es gibt verschiedene Arten der Beschreibung von Menschen. Dies kann beispielsweise geschehen über
●Eigenschaften (Person X ist liebenswert),
●Aussagen (Person X gibt an, Tee zu mögen statt Kaffee) und
●Zugehörigkeiten (Person X kann beschrieben werden als zugehörig zu einer Organisation, sozialen Gruppe, Schicht, Klasse oder einem Milieu).
Im Gegensatz zu einem Denken, das sich durch die Beschreibung von Eigenschaften kennzeichnet, die bestimmten Objekten oder Personen zugeordnet werden, orientiert sich systemische Theoriebildung an
●Relationen (orientiert an Beziehungen),
●Rückwirkungen (orientiert an Zirkularität) und
●zeitlichen Prozessen (orientiert an Stabilität und Veränderungen).
Diese Merkmale werden im Folgenden kurz veranschaulicht.
Beziehungsorientierung
Abb. 1: Bedeutung von Mustern
Beziehungen zwischen Einzelelementen
Wenn eine Melodie in der Notenschrift auf Papier gebracht ist, sind dort die einzelnen Töne beschrieben. Hört man nun jeden einzelnen Ton und macht dazwischen eine längere Pause, hat man zwar alle Töne nach einiger Zeit wahrgenommen, die Melodie aber trotzdem nicht gehört. Die Melodie scheint nicht in den einzelnen Tönen zu stecken (denn diese kommen z. B. auch in anderen Kombinationen vor), sondern in einem spezifischen Muster.
Beziehungen sind nicht auf der einen oder anderen Seite von Elementen oder Personen zu entdecken, sondern zwischen ihnen. Mit dem Begriff Relationen werden Verbindungen beschrieben, die aber keine Interaktionsbeziehungen sein müssen.
verbindende Relationen
Rückwirkungen
Die Beschreibung von Rückwirkungen auf Ausgangszustände führt zu einer veränderten Sichtweise von Zusammenhängen. Nicht mehr die einseitige Wirkung von A auf B leitet die Beschreibung von Rückwirkungen auf Ausgangszustände, sondern auch Rückwirkungen, die von B auf A beobachtbar sind. Dieses Prinzip ist Grundgedanke aller ökologischen Überlegungen und wird hier am Verhalten von Personen veranschaulicht.
Rückwirkungen statt einseitiger Kausalitäten
Abb. 2: Rückwirkungen
Diese Rückbezüglichkeiten führen nach einer Weile dazu, dass nicht mehr klar ist, was zuerst war. Das Verhalten von A wird durch das Verhalten von B beeinflusst und das Verhalten von B durch das Verhalten von A. Ebenso klar ergibt die Alltagsbeobachtung, dass in solche Rückkopplungsprozesse C (und D usw.) einbezogen sein kann. Die Schwierigkeiten der Zuordnung sind erheblich, weil sich die Prozesse überlagern können, gegenläufig sind oder sich auf verschiedenen Ebenen vollziehen.
Rückkopplungsprozesse
Stabilität und Veränderungen
Stabilisieren sich bestimmte Beziehungen und Feedbackschleifen im Lauf der Zeit, kann man versuchen, Strukturen oder Systeme zu entdecken. Die Beobachtung von Systemen über eine längere Zeit ermöglicht sowohl die Wahrnehmung von Stabilität als auch von Veränderung.
Systemwandel in der Biologie
Die Amöben Dictyostelium disoideum bilden unter guten Nährstoffbedingungen eine Population von isolierten Zellen, die sich isoliert fortbewegen und durch Zellteilung vermehren. Bei knapper werdenden Nährstoffen schließen sie sich zu einem schneckenähnlichen Zellaggregat zusammen, das in eine nährstoffreichere Gegend kriechen kann. Eine Metamorphose ermöglicht die Herausbildung eines Stiels mit einem Sporenkopf, der Sporen abtrennt und verstreut – was den isolierten Amöben die Gründung einer neuen Kolonie ermöglicht.
Abb. 3: Lebenszyklus der Amöbe (Kriz 1999, 59)
Die Beobachtung des Lebenszyklus verdeutlicht, dass
1.ständiger Wandel zur Normalität des Kreislaufs gehört,
2.sehr unterschiedliche Zustände Bestandteil dieses Lebenszyklus sind,
3.die Beobachtung einzelner Stationen eine Auswahl durch den Betrachter bedeutet,
4.sich der Vorgang wiederholt, aber die Elemente bei aller Ähnlichkeit neue Elemente sind, und
5.erst eine Gesamtschau den Blick auf die grundsätzlich passenden Umweltbedingungen erlaubt.
Um Ihnen den Einstieg in systemische Überlegungen zu erleichtern, möchten wir Sie noch zu der folgenden kleinen Geschichte einladen.
Systemtheorie im Alltag
Abb. 4: AGIL-Schema (nach Habermas 1980, 73)
Das AGIL-Schema bezeichnet allgemeine Problemstellungen für Handlungen von sozialen Systemen (Willke 1991). Heute stehen Konzepte der Theorieentwicklung im Vordergrund, die den Selbstbezug der Systeme stärker betonen. Stichworte dafür sind Selbstreferenzialität, Selbstorganisation, operationale Geschlossenheit und Autopoiese (siehe Kap. 2.3).
Eigenartigerweise hat gerade die Orientierung daran, Menschen helfen zu wollen, dazu geführt, dass sich im sozialen Bereich ein Systemverständnis durchsetzt, das gerade nicht Menschen als Elemente von Systemen betrachtet, sondern kleinere und anders geartete Einheiten zugrunde legt. Diese an Entscheidungen ausgerichteten Theoriebildungen arbeiten mit Kommunikation und dem Begriff der Operation. Systeme kommen demnach durch das Netz der sie erstellenden Operationen zustande. Systeme und Operationen stehen daher in einem zirkulären Verhältnis, d. h. Systeme führen Operationen aus und konstituieren sich zugleich durch diesen Vollzug. Durch das Zusammenhängen der Operationen und ihrer Fortsetzung entsteht eine Differenz von System und Umwelt. Nach diesem Verständnis stellen die Einheit der Operationsweise und ihre Fortsetzung die Grundlagen von Systemen dar. So ist es auch möglich, dass sich – obwohl dieselben Menschen in einem Raum sind – verschiedene Systeme beobachten lassen.
Grundbausteine von Systemen
Das Zusammenspiel der Systeme
In der Trennungs- und Scheidungsberatung geht es z. B. einmal um Fragen der Versorgung und Erziehung der Kinder (Elternsystem) und dann um Fragen des ,Wir‘ in der Liebe (Paarsystem). Die Struktur der Sorgerechtsregelung sieht vor, dass die gemeinsame elterliche Sorge (Elternsystem) weiterbestehen kann, während die Partnerschaft der Eltern (Paarsystem) beendet wird. Die Differenz, dass das Elternsystem bestehen bleiben soll, während das Paarsystem zerfällt, kann in seiner Bedeutung mithilfe eines Systemverständnisses angesprochen werden, das die Fortsetzung von Operationen im Blick hat.
Welche Vorteile bietet letztgenanntes Verständnis von Systemen noch? Der Zwang entfällt, eine oder eine Reihe von bestimmten Funktionen zu beschreiben, die Systeme aufgrund ihrer Strukturen haben. Jetzt kann man davon ausgehen, dass sich Funktionen je nach Situation und Art der Beobachtung ändern können – denkt man z. B. daran, welche unterschiedlichen Funktionen die Zugehörigkeit zu einer Familie oder einem Verein für die unterschiedlichen Mitglieder hat und welche unterschiedlichen Effekte damit verbunden sind. Mit diesem Verständnis von Systemen ist man nicht mehr daran gebunden, alles, was ein System vollzieht, unter dem Aspekt des Selbsterhalts zu betrachten.
Funktionen von Systemen
Schritte bei der Entwicklung von Systemtheorien (nach Baecker 2012, von den Autoren modifizierte Fassung):
●Verständnis des Systems als Differenz und Selbsterhalt (Parsons),
●Modellierung von Systemen anhand ihrer eigenen Funktionen und internen Zustände (v. Foerster),
●Beschreibung der Schließung des Systems im Netzwerk der Elemente, aus denen es besteht und sich selbst erschafft (Maturana / Varela) und
●zeitliche Begrenzung der Operationen von Systemen, die das Problem der Fortsetzung des Systems laufend sowohl stellen als auch lösen (Luhmann).
Überträgt man diese Themen auf die Soziale Arbeit, lassen sich verschiedene Herausforderungen beschreiben.
Auch Soziale Arbeit ist gezwungen, zu entscheiden, was (z. B. im Hinblick auf Aufgaben, Ziele, Situationen) zu ihr gehört und was nicht. In der Arbeit mit Familien muss beispielsweise stets neu bestimmt werden, ob Nachbarn an Gesprächen teilnehmen sollen oder ob es notwendig erscheint, über Generationsfragen oder kulturelle Aspekte zu sprechen. Soziale Arbeit hat mit dem zu tun, was sie aus ihren Traditionen, aktuellen Erfordernissen und Zielsetzungen für bedeutsam hält und realisieren kann. Anhand welcher Merkmale Soziale Arbeit ihre Komplexitätsreduktionen betreibt, muss sie selbst beobachten und reflektieren. Sie achtet darauf, ihre Arbeit und ihre Aufgaben so zu beschreiben, dass sie vorrangig von entsprechend ausgebildeten Sozialarbeitern ausgeführt werden. In ständig neu entstehenden Situationen muss sie sich bewähren und die Fortsetzung ihrer Leistungen ermöglichen.
Entscheidungszwang der Sozialen Arbeit
1.1.4Systemtheorien – unterschiedliche Ansätze
In der Sozialen Arbeit sind mehrere Systemvorstellungen im Umlauf. Die verschiedenen Ansätze (Krieger 2010) finden unterschiedliche wissenschaftliche Anerkennung, legen verschiedene Vorgehensweisen und professionelle Selbstbilder nahe. Die weitreichenden Konsequenzen betreffen zentrale Arbeitsgrundlagen:
unterschiedliche Systemtheorien
●Wie werden die Beziehungen zu den Adressaten und Klienten verstanden?
●Welche gesellschaftlichen Funktionen hat die Soziale Arbeit?
●Welche Bedeutung kommt normativen Grundlagen zu?
Eine erste Annäherung betrifft die Unterscheidung zwischen den Begriffen systemtheoretisch und systemisch.
Definition
Unter dem Begriff systemtheoretisch fasst man eher den Bereich zusammen, der an der Theoriearbeit und der Reflexion ausgerichtet ist. Systemisch beschreibt dagegen den Bereich, der sich auf die praktische Veränderung von Systemen bezieht und unter dieser Perspektive auch Anregungen einbezieht, die aus verschiedenen Theorie- und Praxiszusammenhängen stammen.
Die zweite Annäherung bezieht sich auf den Zusammenhang von systemischem und konstruktivistischem Denken.
Definition:
Mit dem Oberbegriff Konstruktivismus werden philosophische und erkenntnistheoretische Perspektiven bezeichnet, die betonen, dass die vom Menschen erkannten und beschriebenen Dinge und Sachverhalte nicht unabhängig von der Erkenntnisleistung sind.
Der hier vertretene Ansatz wird zu den systemisch-konstruktivistischen Theorien gezählt (Lambers 2018), der u. a. auf die Theorien sozialer Systeme von Niklas Luhmann zurückgreift. Sein Werk nimmt eine bedeutende Stellung ein, da seine Arbeiten auf der Beratungsebene (zum Teil über die Familientherapie) als Grundlage für Professions- und Reflexionstheorien Sozialer Arbeit (Bommes / Scherr 2012; Lambers 2010) und als Rahmentheorie Sozialer Arbeit (Schöning 2012) Eingang in die Debatten der Profession und Disziplin gefunden haben. Die Grundlagen unseres Ansatzes sind aber systemtheoretisch breiter angelegt und beruhen auf Ideen, Modellen und Theorien, die an folgende wissenschaftliche Diskussionen anschließen.
systemisch-konstruktivistischer Ansatz
1.Konstruktivistischer Diskurs: Die Fragen, wie der Status unseres Wissens eingeschätzt werden kann und Wahrnehmungen so auf einander abgestimmt werden können, dass Prozesse der Verständigung und wechselseitigen Anerkennung möglich werden, leiten die Soziale Arbeit. Die prinzipiellen Annahmen des Konstruktivismus wurden in den Kognitionswissenschaften empirisch bestätigt (Singer 2002). Die Anschlüsse an die Diskussionen um die soziale Konstruktion von Wirklichkeit und die Selbstverantwortlichkeit von Klienten kann Soziale Arbeit auf der Basis konstruktivistischer Theoriebildung herstellen (Kraus 2013, 2019).
2.Grundkonzepte der Systemischen Beratung und Therapie: Systemische Familientherapie ist ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren. Erfolge auch in herausfordernden Fällen erreichen zu können, hat den methodischen Ansätzen (Schlippe / Schweitzer 2016; Schwing / Fryszer 2015) auch zu einer hohen Bedeutung in der Sozialen Arbeit verholfen. Soziale Arbeit steht mit der Systemischen Therapie in einem fortlaufenden und wechselseitig gewinnbringenden Anregungsverhältnis.
3.Interdisziplinärer Diskurs: Die hier präsentierten systemtheoretischen Positionen haben auch in benachbarten Wissenschaften Anerkennung gefunden (z. B. Soziologie, Psychologie, Pädagogik) und korrespondieren zu Auffassungen in den Fachgesellschaften Systemische Gesellschaft (SG), Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF), Gesellschaft für systemische Pädagogik (DGsP).
Wissenschaftliche Grundlagen
Welche Schwerpunkte kennzeichnen das hier vorgelegte Theorieangebot? Der Ansatz ermöglicht, ökologische Perspektiven, wie die Beziehungen zur Natur, dem Klimawandel und zu sozial-ökologischen Prozessen, einzubeziehen, ohne einen grundsätzlich anderen Theoriezusammenhang heranziehen zu müssen. Die weiteren Merkmale betreffen die Rolle der Selbstreflexion als Ausgangspunkt des theoretischen und praktischen Vorgehens sowie den Zusammenhang von systemtheoretischer und systemischer Perspektive.
Es hat Konsequenzen, die theoretischen Überlegungen beim Beobachter beginnen zu lassen. Systemische Konzepte, wie sie hier vertreten werden, lehnen sich nicht an die Vorstellung einer möglichst genauen Abbildung von ,objektiver Realität‘ an, auf denen dann aufgebaut werden kann. Sie beziehen den Prozess der Beobachtung viel mehr mit ein und verlangen eine Präzisierung von Beobachtung. Wichtig sind dabei vor allem die folgenden Fragen:
Beobachtung als Startpunkt
●Welche Unterscheidung liegt einer Beobachtung zugrunde?
●Welche Konsequenzen sind mit dieser Beobachtung verbunden?
●Wer legt welche Beschreibung von sozialer Wirklichkeit mit welchen Folgen zugrunde?
Wesentlich ist uns, diesen Gedankengang auf Organisationen zu übertragen, da auch diese auf Beobachtungen und Unterscheidungen ihrer sozialen Umwelt aufbauen. Organisationen z. B. entscheiden, ob sie sich für Hilfeleistungen zuständig erklären oder nicht. Soziale Arbeit steht in der Verantwortung, ihre Unterscheidungen und Beobachtungen zu reflektieren, die ihrer Praxis zugrunde liegen.
Eine der grundlegenden Herausforderungen in der Praxis besteht darin, Soziales zu gestalten, ohne letztlich sicher sein zu können, wie etwas ist bzw. wirklich war. Ein Beobachter unterliegt keiner zwingenden Notwendigkeit, jeweils genau so und nicht anders zu beobachten. Denn soziale Systeme (ebenso wie soziale Situationen, soziales Handeln) lassen sich nicht voraussetzungslos erkennen, sondern ,nur‘ durch einen aktiven Akt entwerfen – und der kann nicht losgelöst von seinen Bedingungen verstanden werden.
Jeder Beobachtung liegt eine Unterscheidung zugrunde, die begrifflich gefasst werden kann (z. B. arm/reich, jung/alt, vorher/nachher, gut/böse oder normal/abweichend). Wer ,schön‘ sagt, muss eine Vorstellung von ‚hässlich‘ haben – unabhängig davon, ob er die Vorstellung explizit benennt oder nicht. Begriffe führen Unterscheidungen ein und führen die unbenannte Seite als aktualisierbare Möglichkeit der Bezeichnung mit. Die jeweiligen Wirklichkeitskonstruktionen sind nicht beliebig oder gar willkürlich, sondern voller Voraussetzungen und Auswirkungen. Die Autonomie und die Abhängigkeiten des Beobachters sind Teil der Theorie und bilden den Hintergrund für die Reflexion von Verantwortung.
Bedeutsamkeit von Unterscheidungen
„Was ein Beobachter sieht und beschreibt, hängt nicht nur von seiner Theorie, sondern auch von seinem Beobachtungsstandort, seiner gesellschaftlichen Rollendefinition und dem institutionellen Rahmen der Beobachtung ab.“ (Simon 1993, 284)
Im Interaktionsgeschehen werden die Voraussetzungen ständig durch das Handeln anderer Personen und Organisationen beeinflusst. Diese erkenntnistheoretische Grundausrichtung ist wichtig, damit der Ansatz sozusagen nicht „frei in der Luft hängt“, ohne die eigenen Entscheidungen mit zu berücksichtigen (siehe Kap. 2.1).
Das zweite besondere Merkmal unseres Ansatzes liegt darin, dass er sich sowohl auf systemtheoretische Erkenntnisse als auch auf systemische Konzepte aus dem therapeutischen und beraterischen Umfeld bezieht. Wir plädieren dafür, die beiden unterschiedlichen Perspektiven aufeinander zu beziehen (Merten 1997; Kosellek 2009) und daraus Gewinne für die Soziale Arbeit zu entwickeln. Die These lautet: Je intensiver und differenzierter der Austausch von praktischen Erfahrungen und theoretischen Reflexionen – und umgekehrt – sein wird, umso deutlicher und schneller werden sich professionelle Erfolge für die Soziale Arbeit zeigen.
Vorteil von Zusammenschau
Es wird deshalb eine Auswahl systemtheoretischer Begriffe, Konzepte und Theorien präsentiert, die dieses Vorhaben unterstützen. Der vorliegende Entwurf Systemischer Sozialer Arbeit bietet die Möglichkeit, die Arbeitskonzepte und praktischen Vollzüge von beiden Seiten her zu entwickeln und zu reflektieren und ihre Integration auf den Prüfstand zu stellen. Die vorgestellten Begriffe erlauben es, Gelingen als auch Misserfolg zum Ausgangspunkt professioneller Reflexion und Theoriebildung zu nehmen.So kann ein Beitrag zur Einheit der Sozialen Arbeit geleistet werden, da der Zusammenhang von Vollzug, Grenzbeobachtung (z. B. Erfolge oder Scheitern) und Theoriebildung analysierbar wird.
Zusammenfassung
●Systemtheoretisches Denken zeichnet sich als Denken in Relationen, mit Respekt vor Eigensinn und dem Blick auf Wirkungszusammenhänge aus.
●Systeme existieren, sind wirksam und können beobachtet werden. Welche Systeme wie beobachtet und beschrieben werden, ist aber von Personen oder Systemen abhängig.
●Systemisch-konstruktivistisches Denken hilft, Komplexität zu ordnen und die dabei vorgenommenen Beobachtungen und Entscheidungen der Reflexion zugänglich zu machen.
●Systemtheoretische Ansätze sind in der personenorientierten Praxis (z. B. in der Beratung von Einzelnen, Familien und Organisationen), in der Reflexion der Praxis und in der Weiterentwicklung ihrer Theorien erfolgreich einsetzbar.
1.2Merkmale Systemischer Sozialer Arbeit
Wir wollen die systemische Herangehensweise so beschreiben, dass Raum für unterschiedliche Arbeitsfelder, methodische Konzepte und Ebenen der Intervention zur Verfügung steht. Für uns ist es systemische Praxis, wenn sich Soziale Arbeit auf eine Sicht- und Vorgehensweise stützt, die
Definitionen
●sich auf Systeme bezieht, d. h. die Systemgeschichte einbezieht,
●Systeme in ihrem Eigensinn und ihren wechselseitigen Abhängigkeiten betrachtet,
●systemische Grundsätze des Vorgehens als Orientierung in der Praxis nutzt,
●sich selbst in die Beobachtung einbezieht und mit verschiedenen Systemen verbunden betrachtet und
●Systeme unter den Aspekten von sozialer Teilhabe beobachtet.
Die Frage nach typischen Merkmalen für eine Systemische Soziale Arbeit wird in diesem Text über die in Tab. 1 aufgeführten inhaltlichen Kriterien beantwortet.
Merkmale und Inhalte
1.2.1Inhalt Systemischer Sozialer Arbeit
In den folgenden Textpassagen werden die analytischen Darstellungen mit inhaltlichen Hinweisen gefüllt, um Antworten auf die Fragen zu geben, wie sich eine Systemische Soziale Arbeit zugleich theoretisch und empirisch bestimmen lässt.
Tab. 1: Inhalte, Grundsätze und Ethik Systemischer Sozialer Arbeit
Inhalt Systemischer Sozialer Arbeit
Systemische Grundsätze des Vorgehens
Systemische Ethik
•Gegenstandsbestimmung der Sozialen Arbeit
•Ort der Leistung
•Art der Leistung
•Theorieentwicklung und Reflexion
•Forschung
•Respekt und Bescheidenheit
•Zirkularität und Vernetztheit
•Leitdifferenz soziale Teilhabe
•Ressourcen- und Lösungsorientierung
•Kontextsensibilität
•Reflexivität
•Menschenbild
•Wertschätzung
•Soziale Gerechtigkeit
•Nachhaltigkeit
Gegenstandsbestimmung
Soziale Arbeit beobachtet und beeinflusst soziale Situationen unter Bezugnahme verschiedener sozialer Entwicklungen und Systeme, um
Dimensionen Sozialer Arbeit
●den Handlungsraum der Adressaten und Klienten zu erweitern,
●auf der Ebene von Bund, Ländern und Kommunen soziale Leistungen zu erbringen und
●sich an der Entwicklung der Gesamtgesellschaft über Innovationen, Konflikte und Gesetze zu beteiligen.
Über den Gegenstand Soziale Arbeit verdichtet sich die fachliche Diskussion und es kommt zunehmend zur Klärung theoretischer und methodischer Positionen in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit. Die Dimensionen, anhand derer Soziale Arbeit ihre Bezüge in der Praxis beobachtet und gestaltet, lassen sich systematisieren hinsichtlich
●Adressaten und Klienten (wie Lehrer oder Jugendliche),
●Organisationen (wie Stadtwerke, Allgemeiner Sozialdienst),
●soziale Räume (wie Stadtteilbezug oder soziale Netzwerke im Internet),
●Funktionssysteme (wie Medizin, Recht, Politik) und
●der Gesellschaft (wie Beiträge zur Sozialpolitik).
Bei dieser systematischen Dimensionierung des professionellen Handlungsspektrums handelt es sich um eine Orientierung für die Realisierung systemischer Handlungsmuster (siehe Kap. 3.2.3) und nicht um einen anzuwendenden ‚Handlungsbogen‘. Über die konkrete Ausgestaltung systemischer Praxis wird auf der Grundlage von Interpretation und Reflexion entschieden. Die Leistungen Sozialer Arbeit bestehen in der reflexionsbasierten Bezugnahme auf verschiedene Personen und soziale Systeme, um zusätzliche soziale Optionen und Teilhabechancen zu schaffen. Dieses Leistungsbündel wird von einigen Autoren mit dem Begriff Hilfe zusammengefasst (Baecker 1994; Weber /Hillebrandt 1999). Über Hilfe muss entschieden werden, wie anhand des folgenden Beispiels deutlich wird:
Streitet ein Klient mit einem Mitarbeiter einer Sozialbehörde, dann kann dieser Streit unterschiedlich interpretiert werden. Mögliche Interpretationsebenen wären z. B. die Persönlichkeit des Klienten, der soziale Nahraum des Klienten, die Interaktion von Klient und Sozialarbeiter, rechtliche Vorschriften, die beteiligten Organisationen, gesellschaftliche Teilsysteme (z. B. Wirtschaft, Recht), kulturelle Muster von Männern und Frauen.
An diesen Möglichkeiten der Ausdeutung knüpft Soziale Arbeit an. Sie übersetzt Seinsbeschreibungen in soziale Relationen, und wo andere Ansätze Probleme wie Dinge behandeln, führt sie Prozesse ein. Soziale Arbeit entscheidet wesentlich darüber mit, wem Hilfe wie, wann und wo gewährt wird. Über ihre Traditionen, Erfordernisse und Wertsetzungen verdichtet sie soziale Zusammenhänge zu ihrem Gegenstand. Da schwierige soziale Situationen in vielen verschiedenen Lebenslagen auftreten, ist es auch nicht verwunderlich, dass Soziale Arbeit so unterschiedliche Praxisausprägungen hat. Damit wird weder theoretisch noch praktisch eine Allzuständigkeit begründet. Aufgrund der Vielzahl von Akteuren, die am Aushandlungsprozess um Hilfe beteiligt sind, entsteht ein sich stetig wandelnder, aber nicht beliebiger Gegenstand sozialarbeiterischen Handelns.
Dimensionierung von Praxis
Eine systemische Gegenstandsbestimmung der Sozialen Arbeit ist relational ausgelegt. Als Gegenstand wird eine abgegrenzte Kommunikation verstanden: Sie verknüpft die gesellschaftliche Ebene über eine Analyse von Aufgaben, Funktionen und Traditionen der Sozialen Arbeit mit einer organisations- und interaktionsbezogenen Ebene. Je nachdem, wie gut Personen der Anschluss an Interaktionen, Organisationen bzw. an gesellschaftliche Teilsysteme gelingt, werden ihre Chancen der Teilhabe am Sozialleben und an gesellschaftlichen Gütern verbessert. Dies wirkt sich auf die Selbstwahrnehmung und das Selbstmanagement aus. Mit systemtheoretischen Begriffen lassen sich die Verwirklichungschancen von Menschen präzise über die Teilhabebedingungen von Personen aus der Perspektive von Systemen analysieren. Gesellschaftliche Teilhabe vollzieht sich regelhaft über Organisationen und die Beteiligung an Kommunikation. Der Gesellschaft als Abstraktion kann man nicht ‚begegnen‘ – ihr auch nicht gegenüber stehen. Begegnen kann man Organisationen, und man kann über passende Kommunikationsmöglichkeiten verfügen oder nicht. Die Gegenüberstellung von Mensch und Gesellschaft macht aus systemtheoretischer Perspektive wenig Sinn. Die Perspektiven der Systemischen Sozialen Arbeit sind ausgerichtet auf Kommunikation, soziale Systeme und Organisationen. Das Selbstverständnis geht von der Sozialen Arbeit als einem Kommunikationszusammenhang aus, der sich als Lösung für die Probleme der modernen Gesellschaft etablieren konnte (Maaß 2009).
soziale Teilhabe
Ort der Leistung
Der Ort der Leistung Sozialer Arbeit wird hier nicht als räumlicher Ort verstanden, sondern systemisch (relational) gedeutet und als zwischen den Systemen bestimmt (z. B. zwischen Klienten und einer Organisation). Soziale Arbeit steht in ihren Praxisvollzügen vor der Notwendigkeit vermitteln zu müssen und zu entscheiden, auf welche Systeme sie sich in ihrer Arbeit bezieht. Bei diesen Verknüpfungsentscheidungen und -leistungen zwischen Systemen ist ein hohes Maß an Wissen, kommunikativem Geschick und Verantwortungsübernahme erforderlich, um
●sich für Klienten engagieren zu können (Adressatenbezug),
●die eigenen Ressourcen effizient einzusetzen (Selbstbezug) und
●nachhaltige Lösungen mit gestalten zu können (Gesellschaftsbezug).
Soziale Arbeit hat es mit mehreren Beteiligten zu tun (z. B. mit Vertretern einer Kommune, Geldgebern, Bürgern, Klienten) und richtet sich an verschiedenen Personen und Systemen mit unterschiedlichen Geschichten, Besonderheiten und Erwartungslagen aus. Eine Voraussetzung, dass dies in der Praxis gelingen kann, besteht in der genauen Reflexion und Überprüfung von Kooperationen und Parteilichkeiten. Mehrere Auftraggeber und Auftragslagen zu haben, ist nicht ehrenrührig, sondern als normal erwartbar. Sowohl die Geber von Ressourcen (Geld, Zeit, Rechte) haben Interessen, wie auch die Nehmer (Soziale Arbeit, die Personengruppen und Organisationen, für die sie Leistungen erbringt). Bürger, Adressaten, Klienten begegnen sich als Gestalter und als Betroffene.
zwischensystemische Stellung
Um zwischen den Systemen zu bleiben und erfolgreich an diese anschließen zu können, ist eine Kenntnis deren interner Logik notwendig. Deswegen fördert Wissen aus Gebieten wie Soziologie, Recht, Medizin, Wirtschaft und Psychologie die Kompetenz des Wahrnehmens, Erklärens, Verstehens, Bewertens und Handelns. Ebenso notwendig ist das Wissen um das Zusammenwirken unterschiedlicher Dynamiken in der Lebenswelt und der Lebenslage der Adressaten.
Bedeutung anderer Gebiete
Ob auf der Ebene von Interaktion mit Adressaten oder auf der Ebene von Organisationssystemen: Soziale Arbeit ist auf Kommunikation angewiesen. Kommunikative Anschlussfähigkeit bildet die Plattform ihrer Leistungserbringung. Durch Selbstbeobachtung in der Praxis (z. B. im Rahmen von Supervision bzw. Evaluation) besteht die Möglichkeit, die eigene Positionierung zu prüfen, beschreibbar zu machen und diesen ‚nichtstationären Ort‘ auszuhalten.
Theorieentwicklung
Die systemtheoretische Ausrichtung erlaubt eine Vielzahl von theoretischen und praktischen Verbindungen und bezieht sich auf die Alltags- und Lebensweltorientierung wie auf Aspekte von gesellschaftlicher Beteiligung und Sozialer Gerechtigkeit (Ritscher 2020; Heiner 2004, 158). Der systemische Ansatz in der Sozialen Arbeit erarbeitet sich seine besondere Form in Abgrenzung zu anderen Ansätzen, auch zu paar- und familientherapeutischen, und ist unabhängig von soziologischen Analysen systemtheoretischer Art (Bommes / Scherr 2012).
Die Ansprüche an die Reflexionsleistung werden systemtheoretisch bestimmt und orientieren sich daran, dass Reflexionsleistungen geeignet sind, die Einheit des Systems einzubeziehen. Mit der Thematisierung der Einheit als Bezugsrahmen besteht die Möglichkeit der professionellen Selbstvergewisserung und der Weiterentwicklung. Theorien dienen nach unserem Verständnis dem Justieren von Grundüberzeugungen und Handlungsausrichtungen.
Reflexionsleistung
Im Handbuch „Forschung für Systemiker“ (Ochs / Schweitzer 2012) weist Hollstein-Brinkmann darauf hin, dass systemische Forschung keine Verengung auf eine bestimmte Forschungsmethodik bedeutet, sondern durch eine spezifische systemtheoretische Fundierung gekennzeichnet ist. In Anlehnung an Schiepek (2010) nennt er als Gegenstand der empirischen bzw. theoretisch ausgerichteten Systemforschung die Struktur, Funktion und Dynamik von Systemen sowie deren Interaktionen und System-Umwelt-Relationen (Schiepek 2010). Für die systemische Forschung in der Sozialen Arbeit dimensioniert Hollstein-Brinkmann Forschungsmethodiken sowie drei Verständnisse empirischen systemischen Forschens. Diese werden über die Abb. 5 dargestellt.
Forschungsmethoden
Abb. 5: Drei Verständnisse empirischen systemischen Forschens in der Sozialen Arbeit (aus Hollstein-Brinkmann 2012, 77)
Diese Dimensionen werden durch den Autor um zwei weitere ergänzt: um eine theoretische und historische und um die Dimension Praxisentwicklung und –reflexion (Hollstein-Brinkmann 2012). Konkrete Forschungsdesigns können sich z. B. auf komplexe Dynamiken von Inklusion und Exklusion oder auf Bedingungen für ‚best practice‘ hinsichtlich der Organisations- und Interaktionsformen Sozialer Arbeit beziehen.
1.2.2Systemische Grundsätze des Vorgehens
Die folgenden sechs Grundprinzipien veranschaulichen, woran systemische Praxis ausgerichtet werden kann (siehe Kap. 3). Je nach Arbeitsfeld und programmatischer Ausrichtung kommen die skizzierten Grundsätze des Vorgehens in unterschiedlicher Gewichtung zum Tragen.
Respekt
Systemisches Arbeiten erkennt die Autonomie und Eigendynamik der Systeme, mit denen sie arbeitet, an. Der damit eng verbundene sensible Umgang mit der eigenen Expertenschaft spiegelt sich in der Orientierung an Beteiligungsformen in Bezug auf Adressaten wider und in der Ausrichtung auf abgestimmte Hilfeprozesse. Die Ergebnisse von Hilfeprozessen können nur begrenzt vorhergesagt werden, da sie auf der Mitwirkung verschiedenster Akteure aufbauen. Respekt und Bescheidenheit sind notwendige Korrektive zu institutioneller Macht, Überlegenheit aus Expertenwissen und persönlichen Bedürfnissen. Die Haltung von Respekt und Bescheidenheit begünstigt, dass Adressaten Gegengewichte zu den Einflussmöglichkeiten von Sozialarbeitern und ihren Organisationen bilden können.
persönliche Haltung
Zirkularität und Vernetztheit
Systemische Praxis arbeitet mit Kommunikation und deren Regeln und Mustern. So wird weniger die Suche nach der Problemursache, als vielmehr die Frage des Umgangs mit unterschiedlichen Ursachen- und Kausalitätsvorstellungen in der sozialen Praxis bedeutsam. Die Betrachtung von isolierten Problemen wird selten dem Zusammenwirken von Alltagserfordernissen, emotionalen und sozialen Erfahrungen und den Erfordernissen von Organisationen gerecht. Die Aufmerksamkeit wird auf Komplexität und Wechselwirkungen zwischen Systemen gelenkt (z. B. Familie – sozialer Raum – Erwerbsleben). Diese Perspektive ermöglicht, die Zirkularität und Vernetztheit sozialer Zusammenhänge zu erfassen.
praktischer Umgang
Leitdifferenz sozialer Teilhabe
Als Leitdifferenz der Sozialen Arbeit wird aus systemischer Perspektive das Problem der sozialen Teilhabe oder Nicht-Teilhabe diskutiert. Nicht generell Defizite an individueller Kompetenz, Gesundheit oder Bildung lassen Soziale Arbeit notwendig werden. Erst wenn bestimmte Definitionsgrößen des sozialen Zugangs, der gesellschaftlichen Teilhabe an Gütern und der Eigenverantwortung unterschritten werden, wird Soziale Arbeit herausgefordert, Formen der Leistungserbringung zu prüfen. Soziale Teilhabe umfasst auch die Mitwirkung an der Gestaltung der Zukunft und gleiche Chancen für gesellschaftliche Anerkennung.
Teilhabe oder Nicht-Teilhabe
Nicht Not, sondern soziale Gerechtigkeit ist konstituierender Bezugspunkt für die Soziale Arbeit (siehe Kap. 2.8 und 3.3.5). Die Begründung hierfür findet sich in den Aufgaben und Funktionen der Sozialen Arbeit:
Ausgangspunkt Sozialer Arbeit
●Gewährleistung der Freiheitsrechte,
●Legitimation der Gesellschaftsform und
●Beitrag zur Transformation der Gesellschaft (Erath 2004).
Daraus ergeben sich die Legitimation und die Aufgabe, andere gesellschaftliche Bereiche wie z. B. den Arbeitsmarkt oder das Bildungswesen zu thematisieren. Die Übernahme sozialer Dienstleistungen und der damit verbundenen Kosten muss demokratisch legitimierbar sein.
Ressourcen- und Lösungsorientierung
In der Arbeit mit Klienten fokussiert eine systemische Vorgehensweise nicht nur auf Defizite und Probleme im Klientensystem, sondern auch auf vorhandene bzw. noch verdeckte Stärken, Kompetenzen, Ressourcen und Lösungspotenziale. Soziale Arbeit setzt bei der Orientierung an Lösungen sowohl an Personen als auch an deren Umwelt an (Eger 2015). Leitend in der Beziehung zu Klienten ist die Perspektive auf Lösungen im Sinne von Erweiterungen von Handlungskompetenzen, der Austauschbeziehungen und der Möglichkeiten sozialer Teilhabe. Der systemisch-konstruktivistische Ansatz bietet für eine Lösungsorientierung die passenden theoretischen Grundlagen.
systemischer Fokus
Abb. 6: Zirkulärer Kreis positiver Rückmeldungen
Abb. 6 veranschaulicht stark vereinfacht eine zirkuläre Dynamik in Folge einer Orientierung an Bewältigungskompetenzen.
Kontextsensibilität
Systemische Praxis ist daran orientiert, sensibel mit dem Kontext jeden Verhaltens bzw. jeder Kommunikation umzugehen. Mit Kontext wird der Zusammenhang benannt, an denen Personen und Systeme ihre Entscheidungen ausrichten. Durch Kontextsensibilität gewinnt Soziale Arbeit Zugänge zu Sinn und zu Möglichkeiten der Veränderung. Verhalten kann vor einem bestimmten Hintergrund sinnvoll entschlüsselt werden (z. B.: Für welche soziale Situation aus der Vergangenheit könnte dieses Verhalten eine Antwort gewesen sein?). Die Frage, an welchen Kontexten Systeme ihre Entscheidungen und Handlungen ausrichten, bezieht sich u. a. auf soziale und gesellschaftliche Traditionen, Verhältnisse und Wertvorstellungen, Erfahrungen und Erwartungen. Mithilfe von Kontextsensibilität wird der Spagat zwischen Erfahrung und aktuellen Ausrichtungen bearbeitbar. Die ökologische Krise und der Klimawandel verändern den Gesamtkontext aller Gesellschaften auf der Welt.
Ursache von Entscheidungen
Reflexivität
In der Sozialen Arbeit wird organisatorisch entschieden und methodisch gehandelt. Wirkungen werden beobachtet und bewertet. Alle diese Aktivitäten haben spezielle Voraussetzungen, Erfordernisse und Folgen, die reflektiert werden müssen. Da in der Praxis mehrere Themen und Beteiligte angesprochen werden, muss eine Auswahl getroffen werden: Wer, was, wie, wann und warum wird aktuell thematisiert? Diesen Selektionsprozess unter professionellen Gesichtspunkten zu gestalten, kann als Merkmal eigenständiger und verantwortungsvoller Praxis verstanden werden. Die Autonomie Sozialer Arbeit zeigt sich in Entscheidungen darüber, welche Wissensvorräte aus anderen gesellschaftlichen Bereichen Bedeutung erlangen sollen (z. B. aus der Medizin bei der Betreuung psychisch Kranker oder auffälliger Jugendlicher). Soziale Arbeit versteht sich aus den genannten Gründen als wissens- und reflexionsbasierte Wissenschaft und Praxis.
reflexionsbasierte Wissenschaft
1.2.3Ökologische Herausforderungen und Systemische Ethik
Lebensfähige Einheiten können nur im Zusammenhang von Organismus und Umwelt existieren, so der Grundgedanke des Pariser Klimaabkommens. Der Klimawandel erfordert Reaktionen auf der Ebene der Menschheit zur natürlichen Umwelt. Bateson (1981) hat auf das Risiko des Abschmelzens der Eisberge hingewiesen und darauf, dass diese nicht diskutieren und kein soziales Gewissen haben. Die Antworten auf klimatische und ökologische Veränderungen müssen in sozialen Zusammenhängen gefunden werden. Sie können nicht aus der Natur abgelesen werden. Die Fähigkeit, Gefährdungen im Verhältnis von Gesellschaft und Natur zu realisieren, ist mit der gesellschaftlichen Möglichkeit der Erkenntnis und der Kommunikation verknüpft. Grundlegend ist, dass ökologische Fragestellungen bei den Systemen, die sich selbst beobachten und entwickeln, angesetzt werden müssen und „nicht bei einer zu unterstellenden Ontologie der Kausalität“ (Luhmann 1986, 29). Kausalität ist ein umkämpftes Gut (siehe Kap. 2.6).
Ökologischer Wandel
Definition
Der Titel „ökologisch“ soll beschreiben, dass ein Zusammenhang von Systemen erkennbar ist. Dieser realisiert sich über Informationen und Kreisläufe, wobei kennzeichnend ist, dass Aktivitäten eher durch das reagierende System als das auslösende System angeregt werden (Bateson 1981).
Die Klimaveränderungen führen zu sozialen Konflikten und die Möglichkeiten, darauf mit sozialer und wirtschaftlicher Flexibilität zu reagieren, sind höchst ungleich verteilt. Diese wird durch die Auseinandersetzungen um Antwortstrategien öffentlich. Die Gegensätze treffen konflikt- und folgenreich aufeinander, obwohl die Unterschiede zwischen Armut und Reichtum und unterschiedlichen Klassen in Deutschland vergleichsweise verdeckt sind. Die inhaltliche Struktur der Konflikte ist u. a. davon abhängig, welche Unterschiede, Risiken und Folgen wahrgenommen werden und welchen der Status verliehen wird, darauf reagieren zu müssen. Die Auseinandersetzungen konkretisieren sich in den Dimensionen Zeit, Inhalt und Raum, sowie den sozialen Konsequenzen und den Inhalten der Reaktion. Die Leitfragen und ihre Antworten: Wer hat welche Folgelasten zu tragen und wer hat Ansprüche auf Kompensation seiner Belastungen, ergeben sich aus den sozialen Konstruktionen mehrerer Akteure. Die
