Einige Gedanken über Erziehung - John Locke - E-Book

Einige Gedanken über Erziehung E-Book

John Locke

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Beschreibung

Wie erziehen wir Kinder und Jugendliche richtig? Wie können wir eine nachwachsende Generation dazu anleiten, freiwillig, gerne, nachhaltig und mit Freude zu lernen? Was ist gute Bildung? Der Aufklärer John Locke vermittelt bis heute grundlegende Einsichten, die über die Jahrhunderte hinweg nichts von ihrer pädagogischen Bedeutung eingebüßt haben. Ein klassisch-modernes Plädoyer für eine spielerische, fröhliche und emanzipatorische Erziehung zur Mündigkeit. John Lockes Buch über die Erziehung ist der Urtext des modernen Bildungsverständnisses. Auf diese Abhandlung des großen englischen Arztes und Erziehungsphilosophen haben sich in den nachfolgenden Jahrhunderten alle Bildungsreformer und pädagogischen Vordenker der demokratischen Gesellschaft bezogen – ob der Genfer Republikaner Jean-Jacques Rousseau, der preußische Parlamentarier Adolph Diesterweg oder der US-Amerikaner John Dewey. Kein pädagogischer Entwurf des Zeitalters der Aufklärung ist bis heute aktueller als Lockes hoffnungsvolles Ideal des selbständig Lernenden, der sich aus purer Neugierde und Freude am Wissenserwerb stets weiterbilden möchte, weil gute Lehrer ihn dazu motivieren. Lebenslanges Lernen steht somit im Mittelpunkt von Lockes Bildungsbegriff. Diese Vision ist noch immer gültig. Denn wir können heute nur dann sinnvoll über Bildung und Erziehung in einer demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft sprechen, wenn wir die wichtigsten Postulate und Gedanken der bedeutendsten Quellen- und Grundlagenschrift des modernen, liberalen Bildungsverständnisses mit Verstand beherzigen. Zum 125-jährigen Jubiläum der Klett-Gruppe werden ab 2022 eine Reihe zeitlos-aktueller Werke der Pädagogik und Erziehungsphilosophie erscheinen.

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Seitenzahl: 520

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John Locke

Einige Gedanken über Erziehung

Herausgegeben und mit einem Vorwort von Jürgen Overhoff

Aus dem Englischen übersetzt von Joachim Kalka

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

unter Verwendung einer Abbildung von Julia Baier

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-608-98633-4

E-Book ISBN 978-3-608-11847-6

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Aufklärer, Arzt und Pädagoge: »Locke, welch ein Mann!«

Ein Gelehrtenleben: Lockes Bildungsgang

Kinder sind Reisende »in einem unbekannten Land« – Von der Pflicht zur Erziehung

Vom Recht auf Freiheit und eine Erziehung ohne Zwang

Von der Begierde zu lernen – Das Spiel als Ideal des Unterrichts

Die Besserung der Vernunft als höchstes Bildungsziel

Affektkontrolle, Gefühlserziehung und die Macht der Gewohnheit

»Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper«:Über reichliche Bewegung und gute Ernährung

Lockes »richtige Methode der Erziehung«:Ein undogmatischer Entwurf »genereller Regeln« für den zivilen »Umgang mit Menschen«

John Locke

Einige Gedanken über Erziehung

Anmerkungen

§ 1:

§ 2:

§ 5:

§ 7:

§ 8:

§ 14:

§ 25:

§ 32:

§ 34:

§ 37:

§ 43:

§ 47:

§ 69:

§ 70:

§ 71:

§ 76:

§ 91:

§ 94:

§ 107:

§ 110:

§ 115:

§ 117:

§ 147:

§ 150:

§ 152:

§ 156:

§ 159:

§ 161:

§ 164:

§ 167:

§ 168:

§ 171:

§ 174:

§ 176:

§ 178:

§ 183:

§ 184:

§ 186:

§ 188:

§ 189:

§ 193:

§ 194:

§ 195:

§ 200:

§ 205:

§ 214:

Editorische Notiz

Literaturverzeichnis

Register

Vorwort

von Jürgen Overhoff

Aufklärer, Arzt und Pädagoge: »Locke, welch ein Mann!«

Der englische Philosoph John Locke (1632–​1704) war einer der wichtigsten und einflussreichsten Vordenker des Zeitalters der Aufklärung. Seine Überlegungen kreisten stets um die Frage, was einen liberalen Staat in seinen Grundzügen auszeichnet und welche Rolle ein freier Mensch als selbstbewusster Akteur in einer offenen Gesellschaft spielen kann. Als besonders wichtige Voraussetzung für das gedeihliche Zusammenleben aller Bürger bezeichnete er in der Schrift A Letter concerning Toleration (1689) die Garantie einer umfassenden Duldung aller Konfessionen. In seiner Abhandlung Two Treatises of Government (1690) propagierte er dann das politische System des repräsentativen Parlamentarismus als den besten und sichersten Verfassungsrahmen zum Erhalt eines auf dem Prinzip der Selbstregierung gründenden Gemeinwesens. Schließlich verteidigte er mit dem Essay Some Considerations of the Consequences of the Lowering of Interest, and Raising the Value of Money (1691) auch die Regeln der freien Marktwirtschaft, die sich im ausgehenden 17. Jahrhundert in Westeuropa allerorten zu etablieren begann. Der politische Liberalismus der Moderne gründet auf seinen Vorarbeiten.

Locke verfügte allerdings auch über eine von der Universität Oxford(1) ausgestellte Approbation als Arzt(1). Als solcher war er der Überzeugung, dass der Bestand eines freiheitlichen Gemeinwesens entscheidend vom gut entwickelten Intellekt und gesunden Geist der politisch aktiven Bevölkerung abhängt. Wie er in seinem von feinen psychologischen Kenntnissen zeugenden Buch An Essay concerning Humane Understanding (1690) ausführte, war das Wissen um den besten Weg zur Entwicklung des Verstandes und zur Herausbildung der Vernunft(1) von eminenter gesellschaftlicher Bedeutung. Als Mediziner, der neben der Psyche auch die Anatomie des Menschen und die in ihm waltenden physiologischen Prozesse eingehend studierte, lernte er verstehen, dass man gute Lebensgewohnheiten ganz entscheidend durch eine angemessene seelische, geistige und körperliche Bildung(1), also durch eine gute Erziehung, herbeiführen und beeinflussen kann. Es war diese Einsicht, die den politischen Philosophen und Arzt(2) dazu brachte, sich immer eingehender mit pädagogischen Prozessen zu befassen.

In nur kurzem zeitlichen Abstand zu seinen politischen Grundlagenschriften folgte im Jahr 1693 die Veröffentlichung seiner Abhandlung Some Thoughts concerning Education, in der Locke jene elementaren Tugenden, die ihm für das Lernen(1) in einer freien Gesellschaft bedeutsam zu sein schienen, empirisch kenntnisreich und in literarisch höchst ansprechender Form ausformulierte. Dieser pädagogische Grundlagentext machte Locke in Deutschland(1) rasch bekannt, noch bevor er als politischer Philosoph von der Avantgarde der Aufklärer weithin geschätzt wurde. Erste Übertragungen von Lockes Erziehungsschrift ins Deutsche erschienen bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts: 1708 veröffentlichte der Leipziger(1) Verlag von Thomas Fritsch(1) das Buch unter dem Titel Herrn Johann Locks Unterricht von Erziehung der Kinder. Viele weitere Übersetzungen des Werkes folgten. Erst danach wurden auch Lockes Toleranzschrift (1710) und sein Essay über den menschlichen Verstand (1757) in deutscher Sprache veröffentlicht. Was die deutschen Leser an den Arbeiten des englischen Autors so sehr schätzten, war neben dem Inhalt die überaus gediegene Prosa, die an Klarheit kaum zu übertreffen war. Der gelassene Vortragston, dem alles Gekünstelte abging, lud zum ruhigen Nachdenken ein. Mustergültig führte Locke das helle Denken vor, das den Geist(1) wachrief und zum rechten Gebrauch der Vernunft(2) erzog.

Im an Erziehungsfragen hochgradig interessierten Aufklärungszeitalter, das schon von den Zeitgenossen als »unser pädagogisches Jahrhundert« tituliert wurde, waren Lockes Ausführungen über guten Unterricht(1) ein in ganz Europa gefragter Lesestoff. So pries der in Frankreich lebende Schweizer Jean-Jacques Rousseau(1) den »weisen Locke« in seinem Erziehungsroman Émile (1762) als einen »exakten Denker, auf dessen Grundüberzeugungen auch seine eigenen Reflexionen beruhten. Die englische Feministin Mary Wollstonecraft(1) schätzte ihren Landsmann ebenfalls sehr und beschrieb ihn in ihrer Abhandlung A Vindication of the Rights of Woman (1792) als Verkünder einer Erziehungsmethode, die auch im Unterricht von Mädchen(1) und jungen Frauen(1) Anwendung finden sollte, um ihnen den Weg in die Gleichberechtigung der Geschlechter zu ebnen. Doch wurde Locke als Pädagoge wohl in keinem anderen europäischen Land so intensiv studiert und enthusiastisch gefeiert wie in Deutschland(2).

Besonders deutlich wird dies, wenn man sich die Beurteilung des Engländers durch den ersten deutschen Pädagogikprofessor vergegenwärtigt: Ernst Christian Trapp(1), der 1778 an die preußische Universität Halle(1) berufen wurde, wo er als Lehrstuhlinhaber für das neue Fach Erziehungswissenschaft im Jahr 1782 eine Bestandsaufnahme der wichtigsten pädagogischen Schriften des Aufklärungszeitalters vornahm, kam noch ein volles Jahrhundert nach dem Erscheinen von Lockes bahnbrechender Erziehungsschrift zu dem Schluss, dass dieses Buch als »die Urquelle« dessen zu bezeichnen sei, was in der Folgezeit jemals Gutes über die Bildung(2) von Kinder und Jugendlichen gesagt wurde. »Man liest nichts neues mehr, wann man Locke gelesen hat«, stellte Trapp fest, um mit dem Brustton der Überzeugung hinzuzufügen: »Entwickelter findet man wohl manche seiner Gedanken bei denen, die nach ihm gekommen sind; aber was Neues, von Locken nicht gedachtes, schwerlich. Locke, welch ein Mann!«

Auch wenn es verwegen klingt: Noch heute, gut drei Jahrhunderte nach der Erstveröffentlichung von Some Thoughts concerning Education, ist Trapps(2) eingängiges und schönes Wort über Locke als Urquelle der modernen Pädagogik im Wesentlichen zutreffend. Denn insofern wir unsere Erziehungsvorstellungen noch immer auf das Aufklärungszeitalter als Gründungsmoment der Neuzeit zurückbeziehen, kommen wir, wenn wir pädagogisch interessiert sind, an Locke schwerlich vorbei. Und wenn wir uns mit ihm und seinen Theorien eingehend auseinandersetzen, wenn wir uns auf die Lektüre seiner Erziehungsschrift einlassen, dann tun wir dies mit Gewinn. Wer allerdings in den vergangenen Jahren zu deutschen Übersetzungen dieses Werkes greifen wollte, musste sich mit Übertragungen aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zufriedengeben. Er hatte dann nur die Wahl zwischen den doch etwas sperrigen Übersetzungen von Heinz Wohlers und Johann Bernhard Deermann, die zwischen 1962 und 1967 angefertigt wurden und beide ohne größeren Anspruch auf literarische Qualität auskommen.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert ist daher eine gute deutsche Neuübersetzung der herausragenden pädagogischen Abhandlung überfällig, zumal dafür inzwischen als Grundlage eine exzellente historisch-kritische Neuausgabe des Originaltextes von Locke zur Verfügung steht, die in den 1960er Jahren noch nicht vorlag. Denn erst 1989 publizierte die Clarendon Press Oxford die von John W. und Jean S. Yolton besorgte Ausgabe von Some Thoughts concerning Education, die eine Fülle von neuen Einsichten auch mit Blick auf die authentische Textgestalt bietet. Abgesehen davon ist die umfangreiche Literatur zu Lockes Pädagogik in den letzten Jahrzehnten enorm angewachsen. Mit der hier vorgelegten – zudem mit vielen Anmerkungen versehenen – neuen Übertragung in ein frisches Deutsch, das dennoch möglichst getreu Duktus und Haltung des Originals wiedergibt, sollen Locke viele neue Leser zugeführt werden. Wer seine Erziehungsgedanken aufmerksam nachvollzieht, wird übrigens erkennen, dass viele seiner pädagogischen Empfehlungen und Einsichten auf einschlägige Lebenserfahrungen eines Autors zurückgehen, der selbst eine bemerkenswerte Bildungsgeschichte vorzuweisen hat.

Ein Gelehrtenleben: Lockes Bildungsgang

Locke, der am 29. August 1632 in Wrington(1) in der südenglischen Grafschaft Somerset als Sohn eines mittelmäßig begüterten Gerichtsschreibers zur Welt kam, konnte nur deshalb die besten Bildungseinrichtungen seines Landes besuchen, weil ein hochmögender Gönner der Familie ihm den Schulbesuch finanzierte. Es war der Parlamentsabgeordnete Alexander Popham(1) aus Bath, der als Mitglied des englischen Unterhauses regelmäßig von dem ihm zustehenden Privileg gebraucht machte, einige der begabtesten Jungen aus Somerset für den Besuch der angesehenen Westminster(1) School in London(1) zu nominieren, wobei er sich im Jahr 1646 für den vierzehnjährigen Locke entschied. Der Parlamentarier ließ sich bei dieser Wahl nicht zuletzt von seiner tiefen Verbundenheit zu Lockes Vater leiten, der im englischen Bürgerkrieg an seiner Seite gegen die Royalisten gekämpft hatte. Beide hatten in der von Oliver Cromwell(1) geführten Parlamentsarmee geholfen, die Republik zu erstreiten, Popham als Regimentschef, der Gerichtsschreiber als sein treuer Offizier. Von dieser Verbindung profitierte Locke.

Die Westminster(2) School war in der Mitte des 17. Jahrhunderts neben dem Eton College die feinste und begehrteste Schule Englands. Zusammen mit 250 Mitschülern lernte Locke dort Lateinisch(1) und Griechisch(1) auf höchstem Niveau. Von Anfang an erwies er sich als ehrgeiziger Schüler, der eine hohe Auffassungsgabe hatte. Sein Lehrer(1), der Schulleiter Richard Busby(1) war ein fähiger Altphilologe mit einem sicheren Auge für die besten seiner Zöglinge. Lockes Entwicklung begleitete er mit Wohlgefallen, er förderte ihn nach Kräften. Allerdings war auch Busbys Härte berüchtigt. Wer den vorgegebenen Unterrichtsstoff nicht schnell durchdrang und sich in dieser Hinsicht säumig zeigte, wurde mit der Birkenrute gezüchtigt. Locke, der niemals mit derartigen Strafen belegt wurde, verabscheute dennoch die immer wieder einmal vorkommenden körperlichen Peinigungen seiner Kameraden. In der Rückschau beschrieb er die Westminster School als »eine allzu strenge Schule«. Umso lieber waren Locke daher die spielerischen Einheiten außerhalb des regulären Stundenplans, wenn die Schüler etwa nach dem Abendessen(1) von Busby(2) dazu aufgefordert wurden, auf Landkarten ferne Städte und fremde Länder im fröhlichen Wettstreit so rasch wie möglich zu finden.

Am Ende seiner Schulzeit wurde dem 20jährigen Locke eines der begehrten Stipendien für ein Studium in Oxford(2) zugesprochen. Als er in der Universitätsstadt an der Themse eintraf, wartete dort schon sein Patron Popham(2) auf ihn, um den Neuankömmling mit den Gepflogenheiten des Ortes vertraut zu machen. Der Parlamentsabgeordnete hatte dort selbst am Balliol College studiert, während sich Locke am Christ Church College immatrikulierte, das in der Oxforder Gelehrtenwelt den vordersten Platz einnahm. Der junge Student störte sich allerdings an der aus seiner Sicht veralteten aristotelischen Philosophie, die dort seit der Scholastik noch immer den Stundenplan beherrschte. Auch die Rhetorik(1) wurde in Oxford in seinen Augen in einem gekünstelten Übermaß ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt. Trotz aller Vorbehalte, warf er sich jedoch mit Eifer auf das Studium der Alten Sprachen. Besonders im Griechischen(2) brillierte Locke so sehr, dass ein Kommilitone, James Tyrell(1), über ihn kurz vor Abschluss seiner Studien im Jahr 1659 aussagte, sein Freund sei inzwischen als »einer der gelehrtesten und gedankenreichsten jungen Herren im ganzen College« geachtet.

Noch in seinem letzten Studienjahr widmete sich Locke sehr intensiv einem zusätzlichen Fachgebiet, das ihn zusehends in seinen Bann schlug, weil es ihm eine ganz neue Vorstellung von den Möglichkeiten moderner Wissenschaft verschaffte. Er besuchte Vorlesungen in der medizinischen Fakultät, die von den besten Ärzten Englands gehalten wurden, von Robert Boyle(1), Thomas Willis(1) und Thomas Sydenham(1), die das Wissen um die Anatomie des Menschen und seine physiologischen wie psychischen Verhaltensmuster radikal erweiterten. Sydenham erforschte Virusinfektionen genauso wie Phänomene der Hysterie, weil für ihn die geistige Unversehrtheit ein ebensolches Kennzeichen der Gesundheit war wie die Vermeidung einer Infektionskrankheit. Lockes Austausch mit diesen Medizinprofessoren setzte sich auch dann fort, als er nach Abschluss seiner Studien im Jahr 1661 vom Christ Church College selbst zum Dozenten für Griechisch(3) ernannt wurde. Neben seinen Verpflichtungen als Universitätslehrer, denen er gewissenhaft nachging, erarbeitete er sich in seiner freien Zeit ein derart solides Wissen auf medizinischem Gebiet, dass er, versehen mit Brief und Siegel aus Oxford(3), schließlich als offiziell anerkannter Arzt(3) praktizieren durfte.

Aus der ruhigen Konzentration der akademischen Gelehrsamkeit brach Locke nur einmal aus, als er sich gegen Ende des Jahres 1665 zu seiner ersten Auslandsreise aufmachte, um den englischen Diplomaten Sir Walter Vane(1) zu Verhandlungen mit dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm(1) nach Kleve(1) zu begleiten. »Am Montag, den 13. November 1665, bestiegen wir in Oxford(4) die Kutsche nach Deutschland(3)«, notierte Locke am Tag der Abreise. Warum der junge Dozent zum Sekretär des Gesandten bestimmt wurde, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Jedenfalls war Locke just zu dem Zeitpunkt außer Landes, als die Pest – die sein Zeitgenosse Daniel Defoe(1) 1722 in A Journal of the Plague Year später eindrucksvoll aus der historischen Rückschau beschrieb – in England wütete. Als sich die Menschen in London(2) auf der Straße mit großem Abstand aus dem Weg gingen, eine von den Behörden verfügte Ausgangssperre erdulden mussten und sich nur mit Gesundheitszeugnissen fortbewegen durften – Maßnahmen, die Defoe später mit Skepsis in Frage stellte, weil sie die Freiheitsrechte in ungebührlicher Form einschränkten –, weilte Locke in Deutschland. Mehrere Monate verbrachte er im winterlichen Kleve, wo er auch das Weihnachtsfest feierte, das er als geistreicher Plauderer in Briefen an seinen Freund John Strachey(1) in wunderbar anschaulicher Weise beschrieb.

Nicht lange nach seiner Rückkehr nach Oxford(5) machte Locke im nördlich der Universitätsstadt gelegenen Kurort Astrop(1) die Bekanntschaft mit einem einflussreichen Mann, der ihn umgehend und für viele Jahre in seinen Dienst nahm. Es war Anthony Ashley(1) Cooper, der nachmalige Earl of Shaftesbury, dem Locke – der in Astrop die therapeutische Wirkung der Heilquellen untersuchte – dort mehrere Flaschen des weithin gerühmten Mineralwassers reichte. Aus dieser Zufallsbegegnung entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Lord Ashley hatte während des Bürgerkrieges mehrfach die Seiten gewechselt, sich aber nach Cromwells(2) Tod und dem Zusammenbruch der englischen Republik im Jahr 1660 zunächst dem aus dem französischen Exil nach London(3) zurückgekehrten König Charles II.(1) angeschlossen. Dieser nahm ihn zum Dank in seinen engsten Beraterkreis auf. Locke folgte dem Minister im Juni 1667 als Sekretär und Leibarzt(4) nach London, wo er mit der Familie seines Brotherrn in dessen prächtigem Stadtpalast wohnte.

Als Ashleys(2) Vertrauter verfolgte Locke aus nächster Nähe die Entscheidungen der englischen Regierung mit und entwickelte ein geschärftes politisches Bewusstsein, das sich in der Folge auch im Abfassen von skizzenartigen Gedanken zur Staatstheorie niederschlug. Doch der Arzt und Sekretär widmete einen Gutteil seiner Zeit auch dem Unterricht von Coopers Sohn Ashley. Als dieser sich dann jung verheiratete und 1671 selbst Vater eines Sohnes wurde, war es Lockes Aufgabe, nun auch dem dritten Anthony Ashley Cooper als Tutor(1) zu dienen. Besonders diesem jüngsten Ashley, der später zu den bedeutendsten Philosophen der Frühaufklärung zählte und Locke als »Freund und Pflegevater« stets in Ehren hielt, war er ein treuer und geschickter Lehrer(2). Der alte Ashley dankte Locke deshalb am 30. März 1680 in einem ausführlichen Brief von Herzen »für die große Sorgfalt« in der Erziehung »meines Enkelkindes«.

Lord Ashleys(3) umsichtiger Hauslehrer(1), der selbst niemals heiratete und keine eigenen Kinder hatte, war als Pädagoge so erfolgreich, dass er von vielen Seiten um erzieherischen Rat gebeten wurde. Noch im Jahr 1680 lernte er den Rechtsanwalt Edward Clarke(1) und dessen Ehefrau Mary(1) kennen. Als die beiden Clarkes Eltern wurden – die Geburten ihrer Kinder Edward, Elizabeth und Anne erfolgten ab 1683 in dichter Folge –, engagierten sie Locke als ihren Arzt(5), den sie auch immer wieder mit Blick auf Fragen zur frühzeitigen Bildung(3) ihres Nachwuchses konsultierten. Er hielt sich mit Erziehungshinweisen nicht zurück, nahm als Mediziner aber zudem ausführlich zu allen Aspekten der Gesundheit(1) Stellung, so auch zum Stuhlgang(1) der kleinen Kinder, obwohl er dieses Thema im Gespräch mit einer Dame nicht für allzu angenehm hielt. Doch rechtfertigte er sich gegenüber den Clarkes in einem Schreiben mit sehr charmanten Worten: »Ihr müsst mir diese sehr irdischen Ausführungen verzeihen. Doch da die Natur uns nicht alle zu Zibetkatzen gemacht hat, sind die Ärzte(6) – die Dolmetscher der Natur – manchmal gezwungen, selbst zu Damen(2) von anderen Dingen zu reden als von Wohlgerüchen«.

Auch als Locke 1683 ins Exil nach Holland ausweichen musste, blieb er den Clarkes als Erziehungsratgeber erhalten, ihr Briefwechsel über Herausforderungen der Pädagogik intensivierte sich in dieser Zeit sogar. Sein Gang in die Niederlande war nötig geworden, weil sich Lord Ashley(4) als scharfer Kritiker des immer unverhohlener zum Absolutismus neigenden Charles II.(2) zu erkennen gab und gezielt auf den Sturz des Monarchen hinarbeitete. Als Ashleys Machenschaften aufflogen, floh der Adlige über den Ärmelkanal nach Amsterdam(1). Sein loyaler Sekretär Locke, der dessen königskritische Ansichten weitgehend teilte, folgte ihm umgehend nach. Ashley starb nur wenige Wochen nach seiner Ankunft in den Niederlanden an den Folgen eines schweren Fiebers. Locke hingegen lebte sechs Jahre im republikanischen Holland – mit stets wechselnden Aufenthalten in Amsterdam, Leiden(1), Utrecht(1) und Rotterdam(1), wo er ab 1687 im Haus des englischen Quäkers Benjamin Furly(1) Wohnung nahm und wie ein geschätztes Familienmitglied behandelt wurde. Die Furlys hatten fünf Kinder. Eine innige Zuneigung hegte Locke für den bei seinem Einzug erst zweijährigen Sohn Arent, mit dem er viel Zeit verbrachte. Sämtliche Erfahrungen im Zusammensein mit Furlys Kindern flossen in seine Ratgeberbriefe an das weiterhin in England(1) lebende Ehepaar Clarke(2)(2) ein. Über Jahre hinweg sammelte Locke Abschriften dieser vielen Briefe über die richtige Form der Erziehung, die bei seiner Heimkehr nach England im Februar 1689 ein stattliches Konvolut abgaben.

Ermöglicht wurde Lockes Rückkunft durch die sogenannte »Glorreiche Revolution«. Diese Staatsumwälzung Englands wurde vom Statthalter der Niederlande erzwungen, dem Prinzen Willem van Oranje(1), der 1688 mit einer gewaltigen Flotte die britische Insel eroberte. Der Holländer vertrieb den absolutistisch regierenden James II.(1), der seinem 1685 verstorbenen Bruder Charles II.(3) als König nachgefolgt war, vom englischen Thron und ließ sich durch das Parlament von Westminster selbst zum neuen König William III.(2) bestimmen. Fortan schützte er die Rechte der englischen Bürger im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie, die auch religiöse Toleranz garantierte. Eben diese Staatsform verteidigte Locke in seinen zwischen 1689 und 1691 veröffentlichten politischen Schriften, die ihn in kürzester Zeit(1) zum prominentesten politischen Philosophen englischer Sprache werden ließen.

Unter den neuen gesellschaftspolitischen Verhältnissen, die England(2) zum modernsten Staat Europas machten, schien Locke nun seine Beschäftigung(1) mit Fragen der Pädagogik wichtiger denn je. Die neuen politischen Freiheiten konnten in seinen Augen nur dann Bestand haben, wenn alle Engländer zukünftig in den Genuss einer liberalen Erziehung kommen würden, weshalb sich die Öffentlichkeit dringend über die Prinzipien einer Pädagogik der Freiheit(1) verständigen musste. Lockes Erziehungsratschläge an das Ehepaar Clark(3)(3) waren für ihn die Grundlage des Versuchs einer eigenen, hochoriginellen Beantwortung der wesentlichen pädagogischen Fragen der jetzt angebrochenen neuen Zeit. Er sortierte die Briefe nach thematischen Schwerpunkten, fügte noch einige Passagen hinzu und gab die Gesamtkomposition dann 1693 als Abhandlung in Druck. Das Buch wurde auf Anhieb ein Erfolg und erschien alsbald in französischen und holländischen Übersetzungen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1704 arbeitete Locke an insgesamt fünf Neuauflagen. Keines seiner anderen Bücher erreichte bis zur Wende des 18. Jahrhunderts dieselbe Auflagenstärke und Popularität. Kurz nach seinem Ableben erschien außer der deutschen Ausgabe dann noch 1709 eine schwedische Fassung. Auf diese Weise prägte Locke den pädagogischen Diskurs des Zeitalters der Aufklärung in ganz Europa. Doch welche Kernaussagen und Leitlinien lassen sich in seinen bis heute richtungsweisenden »Gedanken über Erziehung« nun eigentlich entdecken?

Kinder sind Reisende »in einem unbekannten Land« – Von der Pflicht zur Erziehung

Locke hatte in der Zeit seines holländischen Exils dankbar erlebt, dass ihm viele Menschen in der Fremde behilflich waren und freundlich zeigten, wie er sich in einer ihm unbekannten Umgebung möglichst rasch zurechtfinden konnte, zumal er die niederländische Sprache bei seiner Ankunft noch nicht gut beherrschte. Wichtige Orientierung gaben ihm englische Freunde wie der Quäker Furly(2), der schon viele Jahre in Holland gelebt hatte, aber auch niederländische Gelehrte wie der protestantische Theologe Philipp van Limborch(1) aus Amsterdam(2), der zum wichtigsten Gesprächspartner und Vertrauten des englischen Flüchtlings wurde. Wahrscheinlich waren es diese persönlichen Erfahrungen, die Locke in seinem pädagogischen Traktat dann zu einer besonders schönen Allegorie inspirierten, mit der er auf die Notwendigkeit verwies, jede neue heranwachsende Generation mit einer möglichst guten und liebevollen Erziehung umsichtig ins Leben zu geleiten. Kinder, schreibt er dort, sind wie »Reisende, die soeben in einem unbekannten Land angelangt sind, von dem sie nichts wissen«. Deshalb soll es den Erwachsenen »eine Gewissensfrage sein, sie nicht irrezuführen«, sondern ihnen stets den rechten Weg zu weisen. Auch wenn die vielen Fragen der neuen Erdenbürger manchmal nicht sehr bedeutsam scheinen mögen, so soll man sie dennoch alle beantworten, denn »Kindern ist all das fremd, was uns vertraut ist, und alles, was ihnen begegnet, ist ihnen zunächst unbekannt, wie es uns einmal war: Glücklich sind die, welche höflichen Leuten begegnen, die sich ihrer Unwissenheit annehmen und ihnen aus dieser heraushelfen.«

Für Locke ist diese Einsicht Grund genug, allen Kindern solche Lehrer(3) zu wünschen, die dieser Verantwortung gerecht werden. Den bedeutenden Auftrag zur Erziehung des Nachwuchses darf niemand ablehnen. Er ist eine ganz unbestreitbare »Pflicht(1)«, eine jedem Vater(1) und jeder Mutter(1) vom Leben gestellte »Aufgabe« und ein durchaus herausforderndes »Geschäft«, sowohl im alltäglichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen wie auch im planvollen Unterricht(2). Es gibt nun einmal Dinge, wie Locke lakonisch befindet, die jedes Kind einfach »lernen muss«: Jeder Mensch muss die Fähigkeit erwerben, sich eigenständig in der Welt zu bewegen, um das zu tun, was geboten ist, und das zu unterlassen, was schädlich ist, aus Rücksichtnahme auf andere, ohne dabei auf den Genuss des Erlaubten zu verzichten, denn die Gesellschaft bietet grundsätzlich allen genügend Freuden. Wen nun seine gelungene Erziehung mit Takt, Anstand(1), Feingefühl und guten Manieren(1) ausstattet, der wird dem Staat und der Gemeinschaft der Bürger gute Dienste erweisen und dabei auch sein eigenes Glück machen. Seinem langjährigen Briefpartner Edward Clarke(4), dem Locke sein Erziehungstraktat widmet, erklärt der Autor deshalb in einer eleganten Zueignung, die den Vorspann zur Abhandlung abgibt, dass der Gegenstand der Erziehung »von so allgemeinem Vorteil« ist, dass man dieses Thema unbedingt »auf die öffentliche Bühne« bringen muss, »und sei es nur, damit andere angeregt werden oder Korrekturen vorbringen. Denn Irrtümer in der Erziehung sollten weniger toleriert werden als irgendwo anders.«

Somit ist die gute Erziehung der Kinder nicht nur ein natürliches Anliegen der Eltern(1), sondern eine gesamtgesellschaftliche Pflicht, denn »Wohlfahrt und Reichtum(1) der Nation(1) hängen so sehr davon ab«, wie Locke unterstreicht, dass es ihm sehr »lieb wäre, wenn alle sich diese Frage zu Herzen nähmen.« Um die überragende Bedeutung des Erziehungsprozesses in knappen Worten so präzise wie möglich auf den Punkt zu bringen, formuliert er in einer aphoristischen Wendung einen Merksatz, der im 18. Jahrhundert und auch in der Folgezeit zum Credo aller aufklärerisch gesinnten Pädagogen wird: »Ich darf wohl sagen, dass von allen Menschen, die einem begegnen, neun Zehntel das, was sie sind (gut oder böse, nützlich oder nicht), ihrer Erziehung wegen sind«. Zwar gibt es, wie Locke mit dieser Aussage freimütig einräumt, einen geringen Prozentsatz an Männern und Frauen, deren Genie – oder auch deren Lethargie – sie für ein gezieltes pädagogisches Bemühen unempfänglich macht, doch ist es aufs Ganze gesehen eben doch und vor allem die Erziehung, »die den großen Unterschied in der Menschheit macht«.

Wenn pädagogische Maßnahmen nun einen solchen gewaltigen Einfluss auf das Handeln und Wirken der Erwachsenen haben, dann ist es nötig, zum frühesten Zeitpunkt mit einer wohlüberlegten Erziehung der Kinder zu beginnen. Denn was die Menschen in ihrer Jugend lernen, tragen sie später, wie er in der Widmung an Clarke(5) versichert, »mit sich fort durch alle Regionen und Stellungen des Lebens«. Auch im Verlauf der Abhandlung selbst wiederholt Locke diesen Gedankengang ein ums andere Mal wie ein Mantra: »Die kleinen und fast unmerklichen Eindrücke unserer zarten Kindheit(1) haben sehr wichtige und dauerhafte Folgen«, schreibt er etwa, und er betont entsprechend, dass »die Unterschiede, die sich im Gebaren und den Fähigkeiten der Menschen finden lassen, in größerem Maß auf ihre Erziehung zurückgehen als auf irgendetwas sonst«. Aus diesem Grund gelangt er zu dem Schluss, »dass große Sorge getragen werden sollte, den Geist der Kinder zu formen und ihm jene Würze zu geben, welche ihr Leben stets nachher beeinflussen wird«. An der Erziehung ist alles gelegen, sie ist die vornehmste Pflicht der Eltern(2), der Lehrer(4) und auch der Politik. Gerade weil die frühe Bildung(4) der Kinder so langfristige Folgen hat, muss sie so sorgfältig bedacht wie gekonnt ausgeübt werden, damit sie im besten Sinne nachhaltig ist.

Vom Recht auf Freiheit und eine Erziehung ohne Zwang

Erstaunlich und bemerkenswert ist nun, dass die Erziehung laut Locke nicht mit Methoden des wie auch immer gearteten Zwanges operieren soll, obwohl sie doch eine Pflicht ist und eine Aufgabe, der man unbedingt nachkommen muss. Kinder und Jugendliche sind angehalten zu lernen, aber sie sollen es freiwillig tun, gemäß ihrer eigenen Motivation, immer nur aus sich heraus. Dieser Gedanke ist für Locke so zentral und entscheidend, dass er ihn in seinem Erziehungstraktat wiederholt formuliert, mitunter auch in äußerster Zuspitzung, um erst gar keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass man den kindlichen Lernwillen niemals erzwingen kann und deshalb auch zu keinem Zeitpunkt mit angedrohten Sanktionen ertrotzen soll. Eine verantwortungsvolle Erziehung von jungen Menschen, die im Erwachsenenalter als Bürger die Politik ihres Landes mitgestalten sollen, dessen Gesetze(1) von einem gewählten Parlament erlassen werden, kann schlechterdings nur in völliger Freiheit(2) erfolgen. Zudem haben Kinder von klein auf einen unbändigen Freiheitsdrang, der zu respektieren ist: »Kinder haben ebenso sehr den Wunsch, zu zeigen, dass sie freie Wesen sind, dass ihre guten Handlungen aus ihnen selbst kommen, dass sie absolut und unabhängig sind, wie nur die Stolzesten unter den Erwachsenen, ihr möget denken, was Ihr wollt«.

Alle Menschen verfügen »schon von der Wiege an« über eine »natürliche Freiheit(3)«, wie Locke als Advokat eines universellen Naturrechts weiter ausführt, die folglich auch im Erziehungsprozess nicht ignoriert und beschnitten werden darf. Sie muss stets eine konsequente Beachtung finden. An einer wichtigen Stelle seiner Abhandlung bekennt Locke in diesem Zusammenhang sogar in Form einer emphatischen Wortdopplung, eines rhetorisch gewollten Pleonasmus, der nicht gut ins Deutsche übersetzt werden kann, dass man Kindern »free liberty« zugestehen muss, gewissermaßen eine von allen Fesseln befreite, durch nichts eingegrenzte Freiheit. Jedem einzelnen Kind muss diese Freiheit, welcher keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt werden dürfen, jederzeit zugebilligt werden, sowohl von den Eltern(3) als auch von den Lehrern. Dieses radikale, durch nichts zu überbietende und in seinem Kern hochindividualistische Freiheitsverständnis ist für Locke zu keiner Zeit verhandelbar, es gilt nach seinem Urteil in jedem Augenblick. Abstriche dürfen daran nicht vorgenommen werden, es ist jederzeit kompromisslos zu verteidigen und durchzusetzen.

Aus der Garantie dieser vollkommenen Freiheit(4) folgt der Verzicht auf Zwang und die daraus wiederum resultierende Forderung, dass die jahrhundertealte Praxis der körperlichen Züchtigung(1) aus den Schulen und auch aus den Elternhäusern endlich verschwinden muss. Strafende Hiebe mit der Birkenrute zeugen vom Versagen der Erziehung, man sollte auf sie am besten verzichten. Locke plädiert zwar nicht für ein vollständiges Verbot(1) der Prügelstrafe, wie wir es heute kennen – das wäre in einer Zeit der wenig zimperlichen öffentlichen Gewaltanwendung, in der junge Männer von rekrutierenden Offizieren rüde in den Kriegsdienst gepresst wurden oder Missetäter am Pranger landeten (wie es selbst dem Schriftsteller Defoe(2) noch unter brutalen und entwürdigenden Umständen im Jahr 1703 geschah), wohl kaum vermittelbar gewesen. So beschreibt er in seinem Erziehungstraktat Situationen, in denen die Rute(1) prinzipiell in Gebrauch genommen werden darf, wenn auch nur als allerletztes Mittel, vor allem dann, wenn ein Kind auch nach wiederholten Ermahnungen hartnäckig betrügt und verstockt lügt. Wenn in einem solchen überaus betrüblichen Fall auch die letzte scharfe Zurechtweisung »das Kind nicht kuriert«, so Locke, »müsst ihr zu Hieben kommen«.

Man könnte meinen, dass sich der doch einerseits so eindringlich gegen die Zumutung der körperlichen Züchtigung(2) wendende Autor mit diesem Hinweis selbst in eklatanter Weise widerspricht. Doch wenn man genauer hinschaut, erkennt man recht deutlich, dass Locke selbst da, wo er das Schlagen(1) eines Kindes vom Grundsatz her noch rechtfertigt, diese harte Maßnahme der Disziplinierung innerlich verabscheut, was mit Blick auf seine von ihm als viel zu streng empfundene Schulzeit an der Westminster(3) School auch nicht verwundern dürfte. Letztlich stellt er sich als Verteidiger der – überhaupt nur als ultima ratio einzusetzenden – Prügelstrafe sogar selbst in Frage, wenn er die ohnehin seltene Erlaubnis zum Schlagen der Kinder mit konterkarierenden Kommentaren wie diesem versieht: »Denn ich neige sehr zu der Annahme, dass große Strenge(1) der Bestrafung nur wenig Gutes bringt – nein, sogar großen Schaden in der Erziehung, und ich glaube, man wird finden, dass ceteris paribus jene Kinder, die am meisten gezüchtigt worden sind, selten die besten Männer abgeben.« Und ganz ähnlich klingt es, wenn er dazu aufruft, sehr viel »vorsichtiger im Umgang mit der Rute(2) und dem Stecken« zu sein als üblich, um nicht fälschlicherweise »im Schlagen der Kinder ein sicheres und universelles Heilmittel zu sehen, das man beliebig bei allen erdenklichen Anlässen einsetzen kann«, denn weil das leichtfertige Prügeln »den Geist nicht erreicht« und überdies »den Willen nicht geschmeidig macht«, so »verhärtet es den Missetäter nur, und welche Schmerzen er auch ausgestanden hat, sie lassen ihn nur noch mehr an seiner geliebten Sturheit hängen«. Somit ist der »übliche faule und kurze Weg, mit Strafen vorzugehen und mit der Rute (die das einzige Instrument der Herrschaft ist, das Hauslehrer(2) allgemein kennen oder in Betracht ziehen), der »am wenigsten geeignete der Erziehung«.

Der Leser ertappt sich bei der Lektüre solcher Sätze dabei, dass er die Praxis des Schlagens – paradoxerweise vielleicht gerade deswegen, weil die Birkenrute von Locke nicht rundheraus verboten wird – bei genauer Betrachtung eben doch als deprimierenden Offenbarungseid eines unfähigen Pädagogen zu beurteilen hat. Das im Extremfall zwar Erlaubte wirkt am Ende abstoßend, man möchte nicht zu diesem Mittel greifen. Denn es zeigt an, dass man als Erzieher(1) nicht hinreichend genug versucht hat, Kinder und Jugendliche auf anderen Wegen zu erreichen und für das Lernen(2) zu begeistern. Und so bleibt es für Locke dabei, dass Eltern(4) und Lehrer(5) am besten nicht einmal im Ansatz darüber nachdenken sollten, wie und wann man im Unterricht(3) der Kinder Zwangsmittel einsetzen sollte, um die Aufmerksamkeit des Nachwuchses und der Schüler zu gewinnen. Doch wie bringt man Kinder und Jugendliche nun dazu, sich für das Lernen, das ja nun einmal eine allen gestellte Pflicht und eine Aufgabe ist, der man nicht ausweichen darf, wirklich zu interessieren, so dass sie freiwillig zum Buch greifen und Verlangen nach dem Unterricht entwickeln?

Von der Begierde zu lernen – Das Spiel(1) als Ideal des Unterrichts(4)

Locke ist sich nur allzu bewusst, dass seine beherzte Rede von der absoluten Freiheit(5) der Kinder und einer die kindliche Ungebundenheit respektierenden milden Erziehung, die auf Zwang, Strafe und Schläge freiwillig verzichtet, in erzkonservativen Elternhäusern und traditionellen Schulen auf große Skepsis stoßen muss. »Ich sehe voraus«, schreibt er, »dass man mir einwenden wird: Wollet Ihr denn ein Kind, das gefehlt hat, weder schlagen noch ausschelten? Das heißt doch aller Unordnung die Zügel schießen lassen«. Kinder und Jugendliche, so der von Locke vorhergesehene erboste Vorwurf autoritär denkender Zeitgenossen, werden es doch sehr schnell herausfinden, wenn ein Vater(2), eine Mutter(2) oder ein Lehrer(6) sie aus prinzipiellen Erwägungen zu nichts mehr zwingen wollen. Wird der Nachwuchs dann nicht der Frechheit und Faulheit freien Lauf lassen, sich dabei entspannt zurücklehnen und keinen Gedanken mehr ans Lernen verschwenden? Glaubt Locke im Ernst, dass Kinder ihrer Pflicht zum Unterricht(5) und zum Lernen freiwillig nachkommen, wenn sich ihr Erzieher(2) selbst aller bisher gebräuchlichen Zwangsmittel beraubt?

Locke, der in England und Holland in kinderreichen Familien gelebt und mit ganz unterschiedlichen kleinen Jungen und Mädchen viele Stunden des gemeinsamen Alltags verbracht hat, ist sich seiner durch Erfahrung gewonnenen Überzeugung zu sicher, um sich von den Einwänden jener Eltern(5), die sich durch seine Vorschläge ihrer Autorität entkleidet sehen, in ernsthafter Weise irritieren zu lassen. Er hat ein ums andere Mal erleben können, dass es Momente gibt, in denen Kinder einfach nicht aufnahmefähig sind, was ja auch Erwachsene mit Blick auf die eigenen Phasen des Unwillens oder der Müdigkeit sehr gut wissen. Denn selbst »wer das Lesen(1), das Schreiben(1), die Musik(1)« oder ähnliche Freizeitbeschäftigungen eigentlich gerne betreibt oder gar »liebt«, der kennt dennoch »manche Zeiten, da ihm diese Dinge kein Vergnügen bereiten«. Und wenn einer sich in einer solchen Lage der Lustlosigkeit doch dazu zwingt, »dann plagt und ermüdet er sich nur ohne Zweck«. Wie viel mehr gilt das, was selbst lernerfahrenen Männern und Frauen widerfährt, nun aber für Kinder und Jugendliche. Eben weil das so ist, sollten sie zum Unterricht(6) und zum Lernen(3), »kaum je veranlasst werden, wenn sie nicht dazu gestimmt sind.«

Aufmerksame Eltern(6) oder Lehrer(7), die das Temperament(1) ihrer Kinder und Schüler gut kennen, sind nun allerdings leicht in der Lage, wie Locke meint, den Wechsel der kindlichen Stimmungen gut genug einzuschätzen. Daher sollen die günstigen Zeiten der Befähigung und Neigung(1) der Jugendlichen entschieden genutzt werden. Und wenn die Mädchen und Jungen nicht besonders häufig aus sich selbst zu etwas bereit sind, »dann sollte eine gute Geneigtheit durch Zureden in ihnen erzeugt werden, ehe man sie an eine Aufgabe setzt«. Es führt eben kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass ein Lehrer mit den verschiedenen Launen(1) der Schüler leben muss und bestenfalls durch eine sorgfältige Beobachtung(1) und ein gutes Einfühlungsvermögen das wünschenswerte Geschick entwickelt, jene Stimmungen selbst zu erzeugen, in denen ein aufmerksames Lernen(4) erfolgen kann. Wer bereit ist, auf die Verfassung der Kinder und Jugendlichen zu achten, muss sich zwar oftmals in Geduld üben, doch verschwendet er letztlich keine Zeit, denn ein Kind wird dann »dreimal soviel lernen, wenn es in der Stimmung ist«, als in der doppelten Zeit »mit zwiefacher Mühe, wenn es widerwillig in den Unterricht(7) geht oder dorthin gezerrt werden muss«.

Wer bereit ist, auf die Stimmungen der Kinder einzugehen, wird auch bald erkennen, dass die Menschen von frühester Jugend an mit unterschiedlichen Temperamenten ausgestattet sind. Auch das muss im Erziehungsprozess berücksichtigt werden. Jeder Junge und jedes Mädchen muss individuell auf die ihm oder ihr gemäße Weise angesprochen werden. Erzieher(3) dürfen deshalb auch niemals die Erwartung hegen oder gar hoffen, »die ursprüngliche Veranlagung(1) von Kindern ganz und gar zu ändern und die Fröhlichen nachdenklich und ernst, die Melancholischen munter zu machen«, denn täten sie dies, würden sie ihnen »schaden«. Locke hält es auch für möglich, den Unterricht(8) so zu gestalten, dass man bei allen Kindern auf unterschiedliche Weise die Begeisterung fürs Lernen(5) entfachen kann. Und ein Lerneifer muss vorhanden sein, sonst wird das Lernen niemals vom Erfolg gekrönt.

Eines der höchsten und bedeutendsten Ziele des Pädagogen muss es somit sein, bei Kindern die Begierde zu wecken, Verlangen nach dem Unterricht(9) zu tragen. Es gibt nämlich in Lockes Augen keine echte Lernarbeit, die Kinder jemals freiwillig und gerne auf sich nehmen würden, wenn diese nicht ihren Ursprung in einer anfänglichen großen Begeisterung für das Erkennen von bislang unbekannten Zusammenhängen hätte. Diesen für den Erziehungsprozess unverzichtbaren Hunger auf Erkenntnis bezeichnet Locke als heißes »Begehren(1)«, ohne das es niemals eine wahre Lernanstrengung geben wird. »Denn wo kein Begehren ist, wird kein Fleiß(1) sein«, lautet hierzu Lockes schlichter Merksatz. Eltern(7) und Lehrer(8) sollten daher nichts so sehr herausfinden wollen wie das, was ein kleines Kind am meisten freut. Sobald eine »besondere derartige Tendenz seines Geistes« ausfindig gemacht werden kann, sollte diese gebraucht werden, um das Mädchen oder den Jungen mit Vergnügen(1) »an die Arbeit(1) zu bringen und seinen Fleiß anzuregen«. In der hervorragenden Gabe eines geschickten Erziehers(4), durch Freude(1) »die Aufmerksamkeit(1) seiner Schüler zu erlangen und festzuhalten«, liegt nach Locke »das wahre Geheimnis der Erziehung«.

Vergnügen(2), Lust und Begehren(2) werden bei Kindern am ehesten dann erzeugt, wenn sie beim Lernen(6) zum Spiel(2) eingeladen werden. Denn jedes Kind liebt das Spiel »natürlicherweise«, weil es eine Art der selbstgewählten »Beschäftigung(2)« ist, die ihm Freude(2) durch die ihm innewohnende »Abwechslung und Vielfalt« ist. Locke betont nun, dass ein spielendes Kind mit einer nicht weniger großen Intensität und zum Teil auch Anstrengung tätig ist als jemand der sich im Unterricht(10) mühen muss. Der einzige Unterschied zwischen einer aufgegebenen Lernarbeit und dem selbstbestimmten Spiel liegt für ihn deshalb darin, »dass das Kind in dem, was wir Spiel nennen, aus freien Stücken handelt und seine Mühe (an der es niemals spart, wie wir beim Zusehen feststellen können) freiwillig einsetzt«. Gestaltet ein Lehrer(9) den Unterricht also spielerisch, wird ein davon angeregter Schüler diesen wie eine freiwillig angenommene Arbeit gern zu seiner Sache machen.

Die »große Kunst« besteht für einen ambitionierten Pädagogen somit darin, all das, was Kinder im Unterricht(11) »tun müssen«, gleichzeitig »auch Sport(1) und Spiel(3) sein zu lassen«. Der eindringliche Rat, das Lernen(7) als Spiel zu gestalten, ist für Locke einer der wichtigsten Hinweise seiner gesamten Erziehungsabhandlung. Obwohl diese nahezu durchgängig von einem eher nüchternen, sachlichen und immer auch von ärztlicher Expertise kündenden Ton der vertraulichen Verständigkeit gekennzeichnet ist, findet sich in den Ausführungen zum Spiel ein Passus, in dem Locke in erstaunlich pathetischen Worten von seiner pädagogischen Vision berichtet, die ihm selbst wie ein kühner Traum vorzukommen scheint: »Ich habe mir eigentlich immer vorgestellt, dass das Lernen für die Kinder ein Spiel und eine Erholung(1) sein könnte, und dass man sie dazu bringen mag, ein Begehren(3) danach zu haben, unterrichtet zu werden«, schwelgt er. Dieser Wunschtraum kann allerdings wahr werden, wenn das Lernen und der Unterricht als etwas von »Freude(3) und Erholung vorgestellt wird« und »etwas, wofür sie nie gescholten oder getadelt würden, wenn sie es vernachlässigten«, wie das eben beim Spiel ganz grundsätzlich der Fall ist. Locke unterbreitet den Lesern seines Traktates auch konkrete Vorschläge, wie man das Lernen möglichst spielerisch gestalten kann, etwa im Leseunterricht(1), wenn man zum Beispiel »Würfel« verwendet, welche die Buchstaben zeigen, damit die Kinder »das Alphabet(1) spielend« kennenlernen. Noch wichtiger aber ist es ihm, dass sich Eltern(8) und Lehrer(10) mit viel Phantasie und Einfühlungsvermögen Spiele ausdenken, die zu den jeweiligen individuellen Anlagen und Interessen der ihnen anvertrauten Kinder passen. Denn »es lassen sich zwanzig andere Wege finden«, um »das Lernen zu einer Art Spiel werden zu lassen«. So ist das Spiel für Locke die eigentliche Idealform des lebendigen und fröhlichen Unterrichts.

Die Besserung der Vernunft(3) als höchstes Bildungsziel

Mitunter versteigt sich Locke in seinem Plädoyer für das spielerische Lernen(8), für das er unentwegt wirbt, zu Formulierungen, die in ihrer pointierten Übertreibung gewisse Zweifel an seiner Redlichkeit aufkommen lassen könnten. So schreibt er etwa, dass man Kinder zu einer bestimmten Kenntnis von Lehrinhalten »überlisten« kann, wenn man sie »unter einem Vorwand« in einer raffiniert-ausgeklügelten Weise zu unterrichten versteht, ohne dass sie in ihrer Ahnungslosigkeit »darin etwas anderes sehen als ein bestimmtes Spiel(4)«. An einer Stelle empfiehlt er sogar: »Man verführe« Schüler »mit List(1)«, was geradezu an Betrug grenzt, weil er hier im englischen Original sehr bewusst das Wort »cheat« gebraucht, das den Beigeschmack des Mogelns hat. Was ist von derartigen Ratschlägen zu halten und wie sind sie gemeint? Unter gar keinen Umständen will Locke Kindern jedenfalls Unwahrheiten einträufeln. Eher stehen die von ihm hier gebrauchten Begriffe der List und der Verführungskunst für pädagogische Fähigkeiten eines geschickt für sein Anliegen der Wissensvermittlung werbenden Lehrers(11), der Schüler im Unterricht(12) vor allem anregen und begeistern möchte, als sie durch Nüchternheit und Langeweile vom Lernen abzuschrecken.

Entscheidend ist nun bei aller Begeisterung für das gekonnte Betören und Anreizen der Schüler im aufmunternden Spiel(5), dass ohne den gleichzeitigen Appell an ihre Vernunft(4) das Lernen(9) niemals zur wahren Einsicht führen kann. Locke ist hier auch die Klarstellung außerordentlich wichtig, dass Kinder nicht einfach nur vernunftbegabt sind, sondern bereits vernünftig urteilen – jedenfalls solange man ihnen eine herausfordernde Fragestellung oder ein zu lösendes Problem klar vor Augen führt, sehr gut erklärt und somit fasslich macht. Man muss die kindliche Vernunft schon im Anfangsunterricht ernst nehmen. Ein Schlüsselsatz in Lockes Erziehungsbuch ist daher der energische Hinweis: »Ich rate den Eltern(9) und Erziehern, nie zu vergessen, dass Kinder als vernünftige Geschöpfe zu behandeln sind.« Schließlich ist es das würdigste Ziel des menschlichen Bildungsprozesses, die Vernunft in höchstem Maß zu kultivieren. Dieser Anspruch besteht ungeschmälert fort bis ins Erwachsenenalter. Auch hierzu bezieht Locke eindeutig Stellung: Im Erziehungsprozess verdient die Ausformung der höchsten »Fähigkeit unseres Geistes die größte Sorgfalt«, da einzig und allein »die richtige Besserung und Übung unserer Vernunft die höchste Vollkommenheit darstellt, zu der ein Mensch in diesem Leben gelangen kann«.

Locke will, dass Eltern(10) und Erzieher(5) den Kindern unermüdlich Gründe für die von ihnen getroffenen Entscheidungen vor Augen führen, sie sollen stets »Argumente« liefern, die in ihrer Transparenz und Klarheit nachvollzogen werden können. Man muss die Dinge unermüdlich erklären, dabei auch notfalls Ruhe und Geduld bewahren, um jedem zu ermöglichen, das Erläuterte auch wirklich selbst zu reflektieren und zu verstehen. Selbstverständlich weiß Locke genau, das die von den Lehrern vorgetragenen Argumente und Begründungen dem Auffassungsvermögen(1) der Kinder entsprechen müssen, denn »niemand kann auf den Gedanken kommen, man solle mit einem Knaben von drei oder von sieben Jahren derart argumentativ reden wie mit einem Erwachsenen«. Die Vernunft(5) bessert sich, wie Locke ja betont hat, durch Übung(1), ein Leben lang, weshalb die Vernunftleistung eines erwachsenen Denkers einen anderen Reifegrad hat als die eines Jünglings oder eines kleinen Mädchens. Doch ist die Vernunft ihrem ureigensten Wesen nach auch bei Kindern immer in einer ausreichenden Menge und Qualität vorhanden. So wird es auch »niemals an Gründen mangeln, welche hinreichen, sie zu überzeugen«.

Beim Darlegen von stichhaltigen Argumenten und guten Gründen kommt es auch sehr darauf an, stets freundlich, gelassen und ruhig zu bleiben, denn Erklärungen sollen ja aus sich heraus überzeugen. Hitzige Reden oder gar wütende Tiraden sind im Vermittlungsprozess also kaum angebracht, weil sonst der Eindruck entstehen könnte, dass die vorgetragenen Begründungen eines bestimmten Wissenszusammenhanges nicht von selbst die Kraft haben, Kindern als erhellende Beschreibung zu dienen. Gehen sie einmal in zu hastigen Schlussfolgerungen in die Irre, soll man sie mit freundlicher Anteilnahme korrigieren und »mit sanfter Hand berichtigen«. Erstrebenswert ist immer »eine ruhige, argumentative Überredung«, die Kindern Zeit lässt, einen Gedanken in ihrer individuellen Lerngeschwindigkeit nachzuvollziehen. Zu diesem Zweck ist es auch von Vorteil, einem Kind soweit es nur geht zu erklären, wie nützlich das ist, was es lernt, um es einsehen zu lassen, »dass es durch das Gelernte etwas vermag, was es zuvor nicht konnte«.

Wer auf diese Weise an die Vernunft(6) der Kinder appelliert und auch ihre Fähigkeit zur sicheren Beurteilung von Begründungen verlässlich und nachhaltig schulen will, muss zuerst ihr Sprachgefühl stärken und vom frühesten Alter an ihr logisches Denken fördern. Locke hebt hervor, dass schon die kleinsten Kinder, »sobald sie die Sprache verstehen«, Argumente nachvollziehen können, doch muss dies mit Gründen geschehen, denen ihr Alter und ihr Verständnis folgen können, »und diese Gründe müssen stets in wenigen und einfachen Worten ausgedrückt sein«. Dies gilt auch deswegen, weil guter Unterricht(13) auch in der Kunst des Vereinfachens besteht. Ein Lehrer(12) soll den Schülern deshalb auch niemals »Schwierigkeiten vorlegen«, sondern ihnen »im Gegenteil den Weg glätten und ihnen voranhelfen«, so dass der geschickte Pädagoge »alles so leicht macht, wie er nur kann, gerade auch in der Vermittlung eines guten sprachlichen Ausdrucks.

Der Gebrauch einer klaren, einfachen und wahrhaftigen Sprache steht deshalb in jedem Unterrichtsfach, ob in Geschichte, Naturkunde oder Geographie, im Mittelpunkt. Obschon Locke ja selbst ein ganz hervorragender Altphilologe ist, der einstmals in Oxford(6) Vorlesungen über die griechische Sprache gehalten hat, misst er dem Lateinischen(2) und Griechischen(4) in der Erziehung der Kinder keine überragende Bedeutung bei. Die Kinder sollen zunächst ihre Muttersprache, die sie im Alltag zur gewöhnlichen Verständigung einsetzen, so erlernen, dass sie vernünftig, redlich, klar und in guter Reihung reden lernen. Wenn sie dann verstanden haben, wie man »im richtigen Zusammenhang angemessen und in der Ordnung« spricht, dann kann man sie im Schreiben von einfachen Briefen unterweisen, was eine gute Übung ist, »ihren eigenen Verstand leicht und einfach auszudrücken, ohne Holprigkeit, Verwirrung oder Grobheit«. Der Sprachunterricht(1) schult also in ganz besonderer Weise die Vernunft.

Um die Vernunft(7) in der gewünschten Weise zu formen, bedarf es allerdings, was nicht übersehen werden darf, auch eines wohlerzogenen und mit guten Manieren(2) ausgestatteten Lehrers(13), der selbst in seinem eigenen Betragen in vorbildlicher Weise vorführt, was es heißt, gemäß der Vernunft zu handeln. Er hat den Schülern in exemplarischer und untadeliger Weise eine vernünftige Lebensweise zur Schau zu stellen, rechtschaffen, ungekünstelt und mit natürlicher Eleganz(1). Er muss wahrhaftig und authentisch sein. Das heißt dann aber eben auch, dass jeder für die Erziehung von Kindern verantwortliche Mensch in der Lage sein muss, wenn es die sorgfältige und ehrliche Befragung seines Verstandes gebietet, »sich sein eigenes Begehren(4) zu versagen, seinen Wünschen(1) zuwiderzuhandeln« und allein dem zu folgen, »was die Vernunft als Bestes angibt, wenn auch der Trieb einen anderen Weg gehen will«. Ein Lehrer(14) muss ein Beispiel für Selbstbeherrschung abgeben, weil er doch andernfalls bei den Schülern einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen würde, wie jeder weiß, der schon einmal von seinem Erzieher(6) ungebührlich angeschrien wurde, denn, so Locke, »es gibt wohl niemanden, der dieses liest, der keine Erinnerung daran hätte, was für Verwirrung(1) rasche und gebieterische Worte von Eltern(11) oder Lehrern in seinen Gedanken angerichtet haben«. Somit ist die Affektkontrolle(1) für Locke eine unverzichtbare Grundlage jeder erfolgreichen Vernunfterziehung

Affektkontrolle(2), Gefühlserziehung und die Macht der Gewohnheit(1)

Der Umgang, den Menschen miteinander pflegen, wird nach Locke demnach erst für alle dann erträglich und angenehm, wenn jedes Mitglied der Gesellschaft(1) es so weitgehend wie möglich vermag, seine Leidenschaften und spontanen Aufwallungen zu zügeln oder wenigstens gut zu temperieren, wenn diese in eine unvernünftige Richtung auszuschlagen drohen. Deshalb weisen einige Abschnitte im Erziehungstraktat mit Nachdruck auf die Notwendigkeit zur emotionalen Selbstkontrolle hin, die nicht früh genug erworben werden kann. Ersichtlich wird das bei der Betrachtung des Weinens(1) und des jeweiligen Eingehens auf dieses kindliche Wehgeschrei. Besonders die jüngsten Kinder neigen ja dazu, bei jedem kleinen Schmerz, den sie erleiden, erst einmal heftig zu weinen. Noch das kleinste Missgeschick, das ihnen widerfährt, bringt sie immer wieder einmal zum Heulen. Locke, der in England und in Holland mit ganz unterschiedlichen Jungen und Mädchen in einem Haushalt(1) gelebt hat, weiß aus Erfahrung, dass dies an sich nicht verwerflich ist, da es bei beiden Geschlechtern doch »der erste und natürliche Weg ist, ihre Leiden(2) oder Bedürfnisse zu erklären, ehe sie noch sprechen können«. Entscheidend ist nun, wie die Erwachsenen mit diesem zunächst recht häufigen Weinen der Kinder umgehen, wenn das Erziehungsziel doch lautet, eine dauerhafte Affektkontrolle(3) herauszubilden.

Locke fächert die Fragestellung weiter auf, indem er darauf hinweist, dass das Weinen(2) verschiedene Ursachen haben kann. Es ereignet sich entweder als Folge echten Schmerzes(1), aus Trotz(1) und Wut(1) über versagte Wünsche(2), aus Enttäuschung über das Erlebnis einer Ungerechtigkeit oder im Moment der störrischen Verweigerung einer unliebsamen Tätigkeit. Obwohl manche Anlässe des hemmungslosen Schluchzens besser nachzuvollziehen sind als andere, möchte Locke das Weinen aber letztlich in keinem Fall tolerieren. Auch da, wo ein übler Schmerz(2) oder eine echte Frustration die Ursache für ein heftiges Heulen ist, sollte man ein Kind nicht in übertriebener Weise in seinem Weinen bestärken, sondern eher davon abbringen. Wimmert ein Kind aus unangemessenem Trotz und haltloser Wut, sollte ein Erzieher(7) sogar seine Missbilligung dieses Verhaltens durch einen strengen Blick oder eine entsprechende Bemerkung zum Ausdruck bringen und sich durch das Weinen nicht weiter beeindrucken lassen. Wenn schlimmer körperlicher Schmerz der Grund für das Heulen ist, heißt die Devise hingegen: »Helft ihnen und erleichtert ihnen ihr Los, wie Ihr könnt, aber beseufzt und beklagt sie auf keinen Fall.« Eher soll der Erzieher das Kind durch eine nüchterne Ansprache beruhigen und ihm erklären, warum es etwa beim Laufen gestürzt ist oder sich in einer hastigen Bewegung gestoßen hat, damit es beim nächsten Mal vorsichtiger und achtsamer ist.

Entscheidend ist für Locke, dass der Erzieher(8) nicht durch eine übertriebene »Mitleidigkeit« dem Kind eine unschöne Wehleidigkeit anerzieht, die es in seiner Weinerlichkeit nur dauerhaft bestätigen würde. Man kann in diesem Erziehungshinweis schon einen Vorgriff auf das spätere viktorianische Ideal der »stiff upper lip« erkennen, zu dem sich Generationen von Engländern ausdrücklich bekannten, um schmerzhaften Herausforderungen im Angesicht widriger Umstände mit stoischer Härte zu begegnen, damit diese dann mit Mut, Tapferkeit, Ausdauer und Würde bewältigt werden konnten. An einer Stelle findet sich diese Sicht als Selbstzuschreibung einer nationalen Identität auch in Lockes Erziehungstraktat, wenn der Autor dort als stolzer Engländer(3) feststellt, dass es keine »Nation« gibt, »die so natürlich tapfer ist wie die unsrige«. Doch hält er diese Einstellung auch für alle anderen Menschen für erstrebenswert und erreichbar, wenn die Erziehung die dafür nötigen Fundamente legt.

Das Schmähen einer falschen »Mitleidigkeit« ist jedoch nicht mit dem Verzicht auf jegliche emotionale Anteilnahme am Missgeschick eines anderen Menschen zu verstehen. Ein echtes »Mitgefühl(1)« ist für Locke durchaus wünschenswert, gehört es doch zu den wichtigsten und unbedingt zu kultivierenden Gefühlen der »Humanität(1)«. Wer Not leidet, dem soll man Hilfe gewähren, doch kann man dies auch ohne übertriebene Gefühlsaufwallungen tun, sachlich, diskret und vor allem effektiv. Ein solcher Helfer gewinnt zudem die Zuneigung(1) aller Menschen: »Wir können nicht anders, als uns über ein humanes, freundliches, höfliches Temperament(2) zu freuen, wo immer wir ihm auch begegnen«. Locke hält es auch der Erwähnung für wert, das Mitgefühl auch auf die Tiere(1) zu beziehen, weshalb Kinder dazu angehalten werden sollen, »zu allen fühlenden Wesen freundlich« zu sein und nicht etwa »Vögel(1), Schmetterlinge(1) und andere solcher armen Tiere, die ihnen in die Hände fallen« aus Vergnügen zu quälen. Auch darauf sollte man sorgsam achten, wenn man das »Temperament der Güte und des Mitgefühls« stärken möchte. Schließlich sollte Mitgefühl auch nicht »künstlich oder bemüht wirken«, sondern »naturgemäß aus der Liebenswürdigkeit des Geistes und einem wohlgeordneten Naturell« hervorgehen.

Eine wichtige Unterstützung erhält die Gefühlserziehung, wenn man es erreicht, bei Kindern auch mit Blick auf ihre Emotionalität und ihren Charakter besonders wünschenswerte Gewohnheiten als dauerhafte Einstellungen herauszubilden. Dies gelingt, wenn Eltern(12) und Lehrer(15) Menschenfreundlichkeit, Güte und Mitgefühl selbst stetig vorleben. Wenn Ermahnungen der Erzieher(9), die zwar Regeln des Anstands zitieren und Exempel des Mitgefühls anführen, nicht »die Praxis« des eigenen Vorbilds hinzugegeben wird und die »Schüler nicht die entsprechende Handlungsweise auch vor ihren Augen« in Gestalt tugendhafter Lehrer erblicken, finden sie keinen Widerhall. Besonders in der Gefühlserziehung gilt die »Methode(1), die Kinder etwas durch wiederholte Praxis zu lehren und durch Handlungen, welche noch einmal und noch einmal getan werden, unter den Augen und der Anleitung des Lehrers(16), bis sie sich gewöhnt haben, es gut zu vollführen«. Die Macht der Gewohnheit(2) kann auch ein guter Lehrmeister des Mitgefühls sein. »Wenn dies geschehen ist«, so Locke, »und eine solche Haltung(1) durch ständige Übung(2) zur Gewohnheit geworden ist, dann ist der schwierigste Teil der Aufgabe vorbei.«

»Ein gesunder Geist(2) in einem gesunden Körper(1)«:Über reichliche Bewegung und gute Ernährung(1)

Sowohl eine Vernunfterziehung zur Schärfung des Verstandes als auch die Herausbildung eines Gefühls der Humanität(2) zielen zuallererst auf die Formung von Geist(3) und Gemüt. Doch ist Locke als guter Arzt(7), der mit Verweis auf seinen langjährigen Aufenthalt in Oxford(7) bereits am Anfang seiner Abhandlung daran erinnert, »eine gewisse Zeit mit dem Studium der Medizin verbracht« zu haben, zusätzlich ein Advokat der konsequenten Körpererziehung. Ein wacher und reger Geist kann sich umso besser entwickeln, befindet er, je mehr der Leib, der den Intellekt gleichsam wie ein Haus aus Fleisch und Blut beherbergt, sorgfältig gepflegt wird. Auf die »Gesundheit(2) des Körpers(2)« eines jungen Menschen müssen Eltern(13) und Erzieher(10) deshalb ebenfalls achten, wenn sie seinen Bildungsprozess so gut wie möglich anleiten und begleiten wollen. Beweglichkeit im Denken hat für den versierten Mediziner Locke – der das psychische Verhalten und die anatomische Struktur des Menschen niemals getrennt betrachtet, sondern den ganzheitlichen Blick auf seine Patienten und Zöglinge favorisiert – auch mit einer regelmäßigen Betätigung aller Glieder zu tun, die am besten draußen in der Natur unter freiem Himmel stattfindet.

Um zu verdeutlichen, welche körperlichen Exerzitien das zum Beispiel sein könnten, verweist er auf eine Reihe von bewährten Leibesübungen. Das Schwimmen(1) empfiehlt er als die wohl beste Form des sportlichen Ausgleichs, weil der Körper dabei weitgehend nackt ist, sich gleichzeitig im Wasser und an der Luft befindet, daneben auch vom Wind und der Sonne massiert und beschienen wird. Noch in der kälteren Jahreszeit können Kinder in Flüssen und Seen baden, wenn sie beizeiten damit vertraut gemacht worden sind. Denn es gilt der Grundsatz: »Unsere Körper(3) werden alles ertragen, wenn sie von Anfang an daran gewöhnt werden.« Auch beim Springen und Hüpfen oder beim Rennen und Laufen bietet es sich an, den Oberkörper »splitternackt« und »ohne Hemden« der »frischen Luft« auszusetzen, um die Atmung zu kräftigen und »die freie Zirkulation des Blutes« anzuregen. Das Toben wirkt so noch befreiter.

Selbst wenn die Kinder im Winter dann Jacken und lange Hosen tragen müssen, sollten sie dennoch nicht derart vermummt aus dem Haus gehen, dass ihre Beweglichkeit zu ihren Ungunsten eingeschränkt wird. Die »Winterkleider des Kindes« sollten nicht einmal »allzu warm« sein, nicht einmal Mützen sind für Locke bei Frost zwingend. Die Gesundheit(3) des Körpers(4) wird eher durch maßvolle Abhärtung(1) als durch übertriebene Schonung und Verzärtelung(1) begünstigt. Armer Leute Kinder, die vielfach keine Schuhe haben und barfuß laufen müssen, werden auch nicht häufiger krank, wie Locke beobachtet hat. Viel Bewegung mit möglichst leichter Kleidung(1) unter freiem Himmel soll auch in den wichtigen Erholungszeiten zwischen den Unterrichtsstunden eine wesentliche Rolle spielen. Kinder dürfen dann in völliger Ausgelassenheit spielen, sich jagen und fangen, um nach dem Sitzen, das den Körper anstrengt, die Glieder in Bewegung zu bringen. Ein Spiel(6) unter freiem Himmel ist dann gut, wenn es »allen Körperbewegungen eine Freiheit und Leichtigkeit verleiht«, die beim Erwerb eines ungekünstelten Ganges und unaffektierten Betragens die menschliche Anmut(1) erst auszeichnen. So ist für Locke auch neben dem Schwimmen(2) das Tanzen(1) eine zweite Freizeitbetätigung, die alles bietet, was der Mensch an sportlichem Schwung braucht.

Die körperliche Robustheit hängt neben der ausreichenden Bewegung aber auch von einer ausgewogenen und gesunden Ernährung(2) ab. Wieder kommt Locke seine Autorität als Arzt(8) sehr zustatten, wenn er gleich am Anfang seiner Ausführungen eine Diät empfiehlt, die den Kindern, zu einer guten Konstitution(1) verhilft, insofern sie sich daran schon früh und dauerhaft gewöhnen lassen. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich modern, was der Oxforder Mediziner dem Leser an Ratschlägen auftischt: Der Tag beginnt mit einem Frühstück(1), in dem ein Getreideporridge mit einem Schuss Milch allenfalls durch ein Stück Brot(1) mit Butter und etwas Käse ergänzt wird; mittags(1) und abends(2) soll die Nahrung salzarm und niemals überwürzt sein; auf Fleisch(1) muss man zwar nicht vollständig verzichten, doch soll man es nur selten und in geringen Mengen zu sich nehmen, eher mager als fettreich, eher Rind und Lamm als Schwein; Gemüse(1) ist immer von Vorteil, auch Obst(1), insbesondere gut ausgereifte Erdbeeren, Kirschen, Stachelbeeren und Johannisbeeren, dazu natürlich auch Äpfel und Birnen; auch Trockenobst darf bedenkenlos und in Fülle gegessen werden; Alkoholika(1), insbesondere Schnäpse, Branntweine(1) und Liköre, sind hingegen zu vermeiden, weshalb Jugendliche, die daran Interesse haben, über die schädliche Wirkung dieser Getränke aufgeklärt werden sollen; allenfalls darf minderprozentiges Dünnbier(1)(1) genossen werden, wenn kein gutes Wasser(2) zur Verfügung steht; doch ist und bleibt Wasser, vor allem, wenn es aus einem reinen Brunnen geschöpft werden kann, als Lebensmittel und Erfrischungsgetränk immer die erste Wahl. Locke, der ja einst im Kurort Astrop(2) die Qualität eines sehr guten Mineralwassers eingehend studiert hat, kann das auf der Grundlage eigener Studien belegen.

Das Grundnahrungsmittel schlechthin ist für Locke ein gehaltvolles Vollkornbrot, das er genauer als »wohlgebackenes braunes Brot(2)« bezeichnet. Von diesem sollen die Kinder täglich essen. Wenn ein Kind nicht sofort einen Geschmack für das knusprige Braunbrot entwickelt, muss der Erzieher(11) es dahin bringen, dass es dann doch wenigstens »durch Gewohnheit(3) das Brot lieben lernt«. Denn es gibt nichts besseres und bekömmlicheres als ein solches Brot, das auch ohne Butter und Belag verzehrt werden kann. In manchen Passagen klingt Lockes Lobpreis des trockenen Brotes wie die Beschreibung des Mahles eines Asketen, doch täusche man sich nicht: Locke betont ja auch, dass das Leben ohne lustvollen Appetit ein freudloses Dasein ist, weshalb er einige Sorgfalt darauf verwendet, dem schlichten und gesunden Essen nicht jeglichen Wohlgeschmack abzusprechen. Gerade die einfache Kost kann den Gaumen in besonderer Weise erfreuen. Das ist auch der Grund, warum sich in Lockes Nachlass etliche Brotrezepte erhalten haben, die der englische Gelehrte offensichtlich sein Leben lang sammelte.

Sein Lieblingsbrot(3) war ein französisches Landbrot, auf das ihn der Philologe Nicholas Toinard(1), mit dem er eine Korrespondenz unterhielt, aufmerksam machte. Doch auch die aus feinem Mehl zubereiteten kalorienhaltigen Süßspeisen erfreuten Locke, wie man an dem wunderbaren Rezept für einen mit sieben Eiern und einem halben Liter Sahne angereicherten Pfannkuchen ersehen kann, welches der britische Historiker David Armitage unlängst in der Oxforder Bodleian Library zwischen Lockes Briefen entdeckte. Was für ein sinnenfroher Mensch Locke war, wird auch daran ersichtlich, dass er rät, den gebackenen Pfannkuchen vor dem Servieren mit Muskatnuss und Orangenblütenwasser zu würzen. Als Arzt(9), der selbst auch ständig nach eigenen Rezepten hergestellte Salben, Heilcremes und Pasten zu produzieren hatte, aber auch wirksame Tinkturen anfertigen und Pillen drehen musste, hatte er ein untrügliches Gespür für die Komposition von allem, was ess- und trinkbar war. Und immer war er dabei darauf aus, die beste Zubereitungsart als den aus seiner Sicht »richtigen Weg« der Herstellung zu ermitteln, weshalb es im letzten Satz seines für ihn ultimativen Pfannkuchenrezepts entsprechend selbstgewiss heißt: »This is the right way«.

Lockes »richtige Methode(2) der Erziehung«:Ein undogmatischer Entwurf »genereller Regeln(1)« für den zivilen »Umgang mit Menschen«

Den »richtigen Weg« im Sinne einer verlässlichen pädagogischen »Methode(3)« sucht Locke auch auf dem Gebiet der Erziehung einzuschlagen. Schon in dem seiner Abhandlung vorgeschalteten Widmungsschreiben an den Freund Clarke(6) verkündet Locke, mit seiner Schrift nichts geringeres als die »richtige Form der Erziehung« aufzeigen zu wollen. Und bei diesem einmal gefassten Vorsatz bleibt es dann auch in seinen von Paragraph zu Paragraph fortschreitenden Ausführungen. Immer wieder einmal erinnert er an seine Absicht, »eine richtige Erziehung« vorzustellen, oder auch »eine gute Methode« des Unterrichts(14). Doch mit dem, was er als »richtig« und »gut« bezeichnet, will er kein unverrückbares System fixieren, dass dogmatisch ein für alle Mal festlegt, wie Erziehung gelingt. Es geht ihm um eine Richtung, eine Richtlinie, die einen Weg andeutet, der am vielversprechendsten zu sein scheint, wenn man als Ziel der Erziehung die Verbesserung der Vernunft(8), die Herausbildung eines warmen Gefühls der Menschlichkeit und auch die Stärkung und Gesundheit(4) des Köpers beschreibt. Locke besteht darauf, dass alle seine Erziehungsvorschläge von der präzisen, unbestechlichen Beobachtung(2) gedeckt und von der jahrzehntelangen Erfahrung(1)