Einladung nach Balkonien - Nell McMillan - E-Book

Einladung nach Balkonien E-Book

Nell McMillan

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Beschreibung

Balkonien ist ein fiktives Land, in das der Leser immer wenn er Lust und Zeit hat, reisen kann, um dort Einblick in unterschiedliche Kleinstädte Europs zu bekommen, die die Autorin alle selbst besucht oder in ihnen gelebt hat. Diese Städtereisen sind in sich geschlossen, die Ziele wurden bewusst danach ausgesucht, dass man sie in einem Tag oder Wochenende intensiv erleben kann. Wer auch in der Realität hierher kommt, kann das Kapitel daher für einen Stadtrundgang nutzen. Wem es momentan nicht möglich ist, überhaupt oder länger zu verreisen, dem bietet das Buch Unterhaltung in Form von kurzen Reiseberichten weniger bekannter Besuchsziele. In unsicheren Reisezeiten wie in den letzten zwei Jahren soll das Buch auch dazu inspirieren, kürzere Ausflüge zu Zielen der Umgebung zu machen. Es zeigt auf, dass gerade auch weniger bekannte Stätten viel zu Interessantes zu bieten haben.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Einladung nach Balkonien

Nell McMillan

Einladung nach Balkonien

1 Bath – Mondäne Welt des englischen Regency

2 Èze – Perle der französischen Riviera

3 Zadar – Gruss an die Sonne

4 Taormina – Italienische Reise

5 Colmar – Störche, Fachwerk und Geranien

6 Schleswig – Unter Wikingern

7 Schaffhausen – Rund um den Rheinfall

8 Saint-Malo – Und ’ne Buddel voll Rum

9 Monaco – Mehr als schnelle Autos

10 Haarlem – Tulpenblase

11 Salzburg – Barocke Winterklänge

12 Sintra – Paläste aus 1001 Nacht

13 Åarhus – Suche nach dem Glück der Dänen

"Joch sint jedoch gedanke fri."

(sind doch Gedanken frei)

Walther von der Vogelweide

Einladung nach Balkonien

Ich habe zwei Balkone. So wie andere Menschen Badezimmer oder Garagen sammeln, sammle ich Balkone. Zwar gehören sie nicht mir, denn die Wohnung in der obersten Etage ist nur gemietet, dennoch dienen sie mir als Garten, Ruheplatz und Zufluchtsort. Von hier unternehme ich Reisen zu versteckten oder unentdeckten Plätzen in der Nähe oder der Ferne, besonders dieses Jahr, in dem virtuelles Reisen die einzige Möglichkeit zu sein scheint, dem globalen Virus zu entkommen.

Meine Balkone haben miteinander fast nichts gemein, weder ihr Charakter noch ihre Ausstrahlung lässt auf eine gemeinsame Wurzel schliessen. Sie scheinen aus unterschiedlichem Stein gemeisselt, und eignen sich daher auch für unterschiedliche Unternehmungen.

Der grosse Balkon ist dem Himmel und den Elementen gegenüber offen, allein eine kleine, recht farblose Markise schützt seinen mittleren Teil vor der schlimmsten Mittagshitze. Überhaupt hält er nichts von Farbe, Schnörkeln oder Gemütlichkeit. Sein Betonboden und seine stählernen, silbernen Geländer sind fahl, minimalistisch und zweckmässig. Er gibt sich wie ein öffentlicher Platz, von hier aus kann man das Kommen und Gehen der Nachbarn beobachten, oder die Landungen der Rettungshubschrauber im gegenüber gelegenen Krankenhaus verfolgen. Für lauschige Abende oder romantische Zusammenkünfte hat er nichts übrig, doch kann man auf ihm mit Freunden und Familie grössere Zusammenkünfte ausrichten. Ein Grill und mehrere Sitzgelegenheiten haben auf dem Grossen Balkon ihren Platz. Man sieht ihn sofort, wenn man die Wohnung betritt, denn er verläuft über die Länge mehrerer Zimmer, allein vom Wohnzimmer gehen zwei der drei Patiotüren zu ihm hinaus. Der grosse Balkon kennt keine Geheimnisse, er unterstützt das Nützliche, etwa einen Wäscheständer oder ein paar Kübel mit Kräutern und Pflanzen, die das Sonnenlicht nicht scheuen, etwa Rosmarin oder Lavendel, alles andere trocknet er erbarmungslos aus. Von ihm aus kommt man in karge Gegenden, heisse Landstriche und zu geselligen Orten.

Hingegen ist der kleine Balkon den meisten Besuchern und auch den Nachbarn der Wohnung völlig unbekannt. Er ist nur über ein abgelegenes Zimmer in der Wohnung zu betreten. Er ist überdacht und auf zwei Seiten durch Wände geschützt. Auf ihm gedeihen eine Vielzahl von Pflanzen und Träumen. Der kleine Balkon ist mit Steinplatten ausgelegt, und sein Geländer ist zart und durch die Pflanzen fast unsichtbar. Er erstrahlt in der Morgensonne, bietet für den Rest des Tages Schatten und in den Sommernächten wunderbare Abendstimmung. Auch bei Regen kann man auf ihm gut ausharren, er ist der Hüter der Regenbogen und des Mondscheins dieser Wohnung. Vögel kommen gern zu seinem Futterplatz und dem Wassertrog. Insekten und Fledermäuse umschwirren den duftenden Blumengarten, der üppig aus allen Planzschalen, -kübeln und -töpfen hervorquillt. Der kleine Balkon ernährt nicht nur die Phantasie, sondern auch uns mit einer Vielzahl von Kräutern und Gemüsen. Bohnen, Erdbeeren, Tomaten, Minze, Basilikum, Radieschen, Karotten, Erbsen finden eine noch so kleine Nische auf ihm. Wicken mit ihrem betörenden Duft, ein kleiner Feigenbaum und ein etwas grösserer Lorbeerstrauch gedeihen hier. Der kleine Balkon ist poetisch, still und für sich bestehend. Er mag keine grossen Ansammlungen von Menschen, daher gibt es auch nur zwei Sitzplätze neben einem kleinen Tisch und einigen Windlichtern. Von ihm aus kommt man zu den entfernten, stilleren Orten der Welt und sich selbst.

Bath – Mondäne Welt des englischen Regency

Es ist fünf Uhr Nachmitttags auf dem kleinen Balkon. Nach der Mittagshitze ist es hier im Halbschatten angenehm und still. Bohnenkraut, Wicken, Löwenmäulchen, Thymian und Sonnenblumen glänzen in allen Farben, verströmen ihren überreichlichen Duft, und füllen somit die laue Luft mit Hummeln und Bienen, die eifrig die Blüten nach Nahrung absuchen. Der Tisch ist zum Tee gedeckt. Scones, englische Teebrötchen, und die darauf zu verteilende Erdbeermarmelade und Clotted Cream warten neben einer Kanne Countess Grey Tee. Für die Gräfin wurde der für ihren Mann, den englischen Premier Earl Grey, 1833 ins Leben gerufene Tee um eine fruchtige Note Orange erweitert. Das Steingutgeschirr aus demselben Jahr trägt das Camilla Motiv, dunkelrote Blumen auf elfenbeinfarbenen Untergrund. Es wurde von der damals bekanntesten englischen Töpferei von Josiah Spode in Stoke-on-Trent im Norden Englands hergestellt. Mit dem ersten Schluck Tee befinden wir uns auf einer Zeitreise in die elegante, im Südwesten Englands in der Grafschaft Somerset gelegene Kurstadt Bath im Jahr 1806. Seit römischer Zeit ist die Stadt berühmt für ihre heissen Quellen, seit dem 17. Jahrhundert trifft sich hier die feine englische Gesellschaft zur Erholung, Erbauung, zur Intrige und dem Business.

Gegen Ende des 18. Jahrgunderts entsteht das elegante georgianische Stadtbild aus honigfarbenem Kalktein, dem hiesigen Bath Stone. So auch der Pump Room, in dem wir uns jetzt befinden. Er wurde gebaut, damit die flanierenden Besucher die heissen Wasser mit ihren 43 verschiedenen Mineralien, die aus der Thermalquelle in den alten römischen Bädern nebenan gepumpt wurden, geniessen konnten. Sie sollten gegen alle möglichen Leiden helfen. Wir werden uns gleich zu einem Stadtrundgang aufmachen, aber zuerst zieht eine zierliche Dame mit wachen Augen und dunklen Locken in einem stahlblauen Regency Seidenkleid, die die Eskapaden der eleganten Besucher amüsiert verfolgt, unsere Aufmerksamkeit auf sich. Sie kommt uns doch sehr bekannt vor, vielleicht daher, weils sie seit ihrem 200. Todestag in Jahr 2017 die Rückseite der britischen 10 Pfundnote ziert. Ja, es ist wirklich Jane Austen, Englands vielleicht meistverehrte Schriftstellerin, auf einem ihrer Besuche in der Stadt, in der sie von 1801-06 in 4 Sydney Place zuhause war. Mit ihrer Spitzen Feder und gesellschaftskritischem Witz verfasste sie sechs Romane. Das Treiben in Bath inspirierte sie, zwei von ihnen – Mansfield Park und Northanger Abbey – hier spielen zu lassen. Liebhabern ihrer Werke wird die Stadt daher wahrscheinlich gleich sympathisch und ein wenig bekannt vorkommen. Angeblich war sie selbst aber eigentlich gar nicht so angetan von ihr.

Jane Austen würde sich auch heute noch auf dem Stadtrundgang heimisch fühlen, denn das Stadtzentrum ist im Grossen und Ganzen so verbleiben, wie es vom Vater und Sohn Architekten- und Stadtplanerteam John Wood Senior und John Wood Junior erdacht wurde. Ihre Aufgabe war es, genügend Unterkünfte zu bauen, die die Kurgäste der Oberschicht für sich und ihre Bediensteten für ihren Aufenthalt mieten konnten. Ihnen verdankt Bath seine breiten Gehwege, seine Parks und öffentlichen Gebäude, aber vor allem seine einheitliche Architektur im Neo-klassizistischen Stil und den goldenen Look durch den Bath Stone. Auch neue Gebäude heute werden mit diesem verkleidet, um das Gesamtbild zu schützen, denn 1987 bekam Bath als einzige gesamte Stadt Großbritanniens den UNESCO Weltkulturerbe Status verliehen. Von den von den beiden Woods entworfenen Bauten und Strassenzügen sind The Circus und The Royal Crescent wohl die Bekanntesten, aber auch das Theatre Royal, die Assembly Rooms, die jetzt ein Kostümmuseum beherbergen, und ganze weitere Strassenzüge der Altstadt folgen dem originalen Design und stehen heute unter Denkmalschutz. Für die Besitzer ist dies oft mit nicht unerheblichen Kosten verbunden, da alle Reparaturen originalgetreu ausgeführt werden müssen, und eine Erlaubnis auch selbst für nur interne oder dekorative Neuerungen sehr schwierig zu bekommen ist.

Nachdem wir ein Glas des Thermalwassers genossen haben, verlassen wir den Pump Room und kehren damit auch ins Heute zurück. Vom Pump Room sind es nur ein paar Schritte bis zum eindrucksvollen Westportal der spätgotischen Abbey, der Letzten der grossen mittelalterlichen Kathedralen, die in England gebaut wurden. Ihre Enstehung auf den Überresten der grossen normannischen Kathedrale, die diesen Platz seit 1090 innehatte, aber in der englischen Reformation, einer Zeit der Auflösung der Klöster, verfiel, begann um 1499 und dauerte gut 150 Jahre, was einige architketonische Änderungen zu Folge hatte. Aber auch die von den normannischen Eroberern Englands erbaute Vorgängerin ersetzte eine noch viel ältere angelsächsiche Kirche, die hier 757 von den Benediktinermönchen gebaut wurde. Wir stehen also an einem Platz, an dem Christen seit 1200 Jahren ihrem Gottesdienst nachgehen. Wahrscheinlich war dies sogar ein Ort, der schon den Kelten, die diese Gegend ursprünglich besiedelten, heilig war. Die Römer erbauten jedenfalls in der Nähe einen Tempel für Minerva, Hüterin der Thermalquelle.

Als der biblische Stammesvater Jakob auf der Flucht vor seinem Bruder Esau abends Rast machte, hatte er in der Nacht einen Traum, den das Alte Testament so wiedergibt:

»Und Jakob zog aus von Beerseba und ging nach Haran. Und er gelangte an einen Ort und übernachtete daselbst; denn die Sonne war untergegangen. (…) Und er träumte: und siehe, eine Leiter war auf die Erde gestellt, und ihre Spitze rührte an den Himmel; und siehe, Engel Gottes stiegen auf und nieder an ihr.«

Genesis 28 10-12

Was Jakob damals erträumte, können wir nun hier in Stein gehauen vor uns sehen. Auf beiden Seiten des Portals sind die nach ihm benannten langen Himmelsleitern aus Stein gemeisselt. An ihr klettern die Engel wie geschwinde Boten zum Himmel auf und nieder. Vielleicht könnten auch wir eine Botschaft mit auf den Weg geben.

Das Streben nach Höhe, dem Himmel und dem Paradis zeigt sich uns auch im Inneren der Abbey. Luftig, licht und aufwärtstrebend kommt einem der Raum wie ein durchlässiger Gartenpavillion aus Stein und Glas vor. Die einzigartigen Fächergewölbe erscheinen wie Palmenwedel, über denen es kein anderes Dach als das Paradis gibt. Sie gelten als spätgotisches Meisterwerk der königlichen Steimetze. Der Eindruck von Licht und Leichtigkeit wird durch die Vielzahl der schlanken, gotischen Buntglasfenster noch verstärkt, an der Westpforte und im Altarraum nehmen sie sogar die ganze Höhe und Breite der Wand ein. Das grosse Westfenster über dem Eingang enstand 1894 und erzählt die Geschichten der ersten fünf Bücher der Bibel – Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri und Deuteronomium. Links unten baut Noah seine Arche und Gott verteibt Adam und Eva aus dem Garten. Die gesamte Front hinter dem Altar wird durch ein etwas älteres Fenster aus dem Jahr 1873 eingenommen, und stellt 56 Szenen aus dem Leben Jesu nach. So schön und strahlend diese Fenster auch sind, gibt es doch noch ein Weiteres, für Bath und das Königreich Englands Wegweisenderes, denn es stellt die Krönung des ersten Königs des vereinigten Englands hier in der angelsächsischen Abtei dar. Dieses Ereignis fand 973 statt, der König war Edgar, genannt der Friedliche. Leider setzte sich seine Geisteshaltung nicht bei allen Nachfolgern durch, wohl aber das Krönungszeremoniell, das auch heute noch befolgt wird.

Nun sehen wir auch, dass die Wände und der Boden der Abbey von über 1400 Gedenksteinen übersät sind. Mehr finden sich nur in Londons Westminster Abbey. Nur ein Teil von den 600 Wandplatten sind Grabplatten, und obwohl insgesamt einheitlich elegant und hell gehalten, erscheinen sie doch als etwas eitler Brauch. Viele drücken die Hoffnung auf eine Wiedergeburt am jüngsten Gericht aus. Besonders im 17. Und 18. Jahrhundert war es üblich sich hier sozusagen, teilweise mit einer ausführlichen Charakterbeschreibung, in diesem steinernen Who is Who der besseren Gesellschaft verewigen zu lassen. So zweifeln wir nicht daran, dass Anne, Tochter von George Finch Esq. aus Valentines in Essex tatsächlich eine Excellent Person war. Nachstehend listet die Tafel zu Sicherheit dennoch ihre Qualitäten nochmals auf. Wir finden aber auch bekannteren Namen unter den Gedenktafeln, etwa Issac Pitman, dem Erfinder der Stenografie oder Beau Brummel. Die Restauration und Bewahrung der über 800 Grabplatten, die den Boden der Abbey ausmachen, sind seit 2010 Teil des Denkmalschutzprojekts Footprint.

Zu Beginn unseres Stadtrundgangs durchqueren wir die neben der Abbey gelegene Markthalle und kommen so bis zum Fluss Avon, der hier von der Pultney Bridge überspannt wird. Sie wurde von Robert Adam 1770 nach einem originalen, aber dann verworfenen Design von Andrea Palladio für Venedigs Rialtobrücke erbaut, und enthält, wie diese, eine Reihe von Geschäften. Überhaupt dienten die klassischen Designs von Palladio als Vorlage und Inspiration vieler der georgianischer Bauten in Grossbritannien und insbesondere hier in Bath. Wir sehen dies überall, während wir durch die Stadt schlendern. Milsom Street, Gay Street, The Colonnades, John Street, jede Strasse, jede Passage, die Mews und Terassen zeigen ein einheitliches Bild. Geometrische Fassaden erinnern an die Zeichungen von Michelangelo, dorische und ionische Säulen schmücken die Strassenseite der Häuser. Für den Circus soll das Kolosseum in Rom die Inspiration gewesen sein.

Um zu diesem und von dort auch zu der wohl bekanntesten Häusereihe von allen, dem Royal Crescent, zu gelangen, müssen wir erst die Innenstadt gen Norden verlassen, am besten fragen wir uns zum Queen’s Square durch. Für den Crescent entwarf der jüngere John Wood eine 150 Meter lange leicht gebogene Fassade von etwa 30 einheitlichen ’Häusern’, getrennt durch Ionische Säulen, von denen man über einen Park auf die Stadt herabblicken konnte. Diese wurde zwischen 1767 und 1774 erbaut, und dann an unterschiedliche Käufer sozusagen als Meterware oder Scheibe verkauft. Die einzelnen Besitzer bauten dann das eigentliche Haus hinter ihrem Teil der Fassade nach ihren eigenen Vorstellungen und finanziellen Möglichkeiten an. Ein heutiger Käufer darf für eine Scheibe/Haus des Crescents mit einem Preis ab 5 Millionen Pfund rechnen. Es lohnt sich also in jedem Fall, einen Blick hinter die Kulisse zu werfen. Wer sich für Georgian Interiors interessiert, kommt in No 1 Royal Crescent auf seine Kosten. Eine weitere kleinen Besonderheit findet man im Park. Dort wurde ein Ha-Ha angelegt, ein unsichtbarer Graben, der den privaten und den öffentlichen Teil des Parks unterteilt ohne die Sicht zu unterbrechen oder zu stören, wie es etwa eine Mauer oder ein Zaun tun würden.

Am besten, man nimmt sich Zeit für den Stadtbummel durch Bath, lässt sich hierhin und dorthin treiben, biegt einmal in kleine Gassen ab, verweilt auf stillen Plätzen und schaut in einige der vielen kleinen unabhängigen Geschäfte und Boutiquen. Wer mag, folgt eine Weile dem Verlauf des Avon, verweilt in den Parade Gardens oder wandert den Kennet und Avon Kanal mit seinen Hausbooten und Locks entlang. So entdeckt man weitere Schätze, auch aus älterer Zeit, wie etwa das Sally Lunn Haus in der York Street, eines der ältesten Häuser Bath von 1680, wo der gleichnamige Teekuchen das Licht der Welt erblickte und heute noch serviert wird. Zu seiner Entstehung gibt es gleich mehrere Anekdoten. Er soll vielleicht eine Kreation der hugenottischen Bäckerin Solange Luyon sein, die kurz nach 1680 als Flüchtling nach Bath kam und in diesem Haus eine Backstube eröffnete. Vielleicht ist es aber auch einfach ein Anglisierung von Soleil et Lune (Sonne und Mond), wobei damit die goldene Kruste und das weisse Innere des Teekuchen gemeint sind. Auf jeden Fall aber lohnt es sich, diese lokale Delikatesse zu probieren.

Nur ein paar Schritte weiter, und wir befinden uns auf einem einen bei Strassenmusikern beliebten Platz neben der Abbey und den Thermalquellen, die Bath schon im 1. Jahrhundert als Badeort Aqua Sulis bekannt werden liessen. Wir wollen zum Abschluss noch einmal zu dem Ort zurückkehren, an dem alles begann. Hinter der Mauer zu unserer Linken entspringt die Thermalquelle, als ein in England einzigartiges Naturphänomen, wurde sie bereits von den Kelten verehrt und als heilsamer Aufenthaltsort geschätzt. Die Römer brachten dann nach ihrer Eroberung Englands ihre Badekultur und das passende architektonische Wissen mit. Sie bauten die Quelle zu einer umfassenden Anlage mit Fußbodenheizung und Wasserleitungen aus, um sich im warmen Heilwasser vom unwirtlichen Klima der Insel zu erholen. Wie auch in späteren Jahrhunderten diente der Ort also der Oberschicht zum Vergnügen und zu dem, was wir heute als Netzwerken bezeichnen würden. Die Überreste und Funde aus dieser Zeit sehen wir gleich im unterirdischen Museumsbereich. Mit dem Aufstieg der angelsächsischen Herrschaft bekam die Stadt zwar ihren heutigen Namen (Hat Batha), doch mit den Römern verließ auch ihre Badekultur die Stadt. Die imposante Anlage verschwand erst einmal buchstäblich in der Versenkung – sie versank im Schlamm, bis das Badehaus im 19. Jahrhundert zufällig bei der Restauration der späteren King’s und Queen’s Bäder wiederentdeckt wurde.

Gehen wir nun wieder zum Eingang des Pump Rooms, den wir aber diesmal nicht betreten, stattdessen durchqueren wir das luftige Vestibül, um zur Terasse des Great Baths, im Zentrum der römischen Anlage, zu gelangen. Wir blicken jetzt auf ein von Kolonnaden eingefasstes Becken hinab. Die Wasser schimmern tief smaragdgrün. An kalten Tagen steigen leichte Dämpfe auf, wenn sich das heisse Quellwasser mit der kühlen Luft vermischt. Dann erscheint dieser Ort wirklich mystisch und heilig. Früher wäre das Bad allerdings durch ein 20 Meter hohes Tonnengewölbe von den Elementen geschützt, vielleicht das grösste Bauwerk, das ein damaliger Gast je betreten hätte. Besucher stehen oder sitzen wie schon zu römischen Zeiten unter den Kolonnaden, allein sie sind bekleidet, denn sie sind zum Staunen und nicht zum Baden hier. Dies wäre auch nicht unbedingt gesund, da das 1.6 Meter tiefe Becken von den Römern mit 46 Lagen oder sage und schreibe 9 Tonnen Blei augekleidet wurde. Die offene Form ist daher auch für den heutigen Besucher zweckdienlicher, da man von hier den Ausblick über die Stadt und Abbey geniessen kann. An den Säulen, die das Becken einrahmen kann man noch die römischen Sockel erkennen, die bei den Renovierungsarbeiten im 19. Jahrhundert mit den neu erbauten Säulen verschmelzen, als wären sie schon immer Teil von ihnen gewesen. Überhaupt ist im heutigen Bäderkomplex kein Stilbruch zu erkennen, alles ergänzt sich zu einem eleganten und überzeugendem Gesamtbild.

Ebenerdig eröffnet sich dann, von aussen unsichtbar, die gesamte Anlage. Im Osten findet man die Umkleiden, Ruheräume, Saunas unterschiedlicher Art und einige Warmwasserbecken, die von grossen Bad gespeist werden. Die ausgeklügelte Bodenheizung der Römer, die hier und auch im Westteil vorhanden ist, wurde hier offengelegt. Wie angenehm muss es gewesen sein, aus dem rauen, für Südländer ungewohnten Klima in die Wärme zu kommen, und sich dem Luxus hinzugeben. Im westlichen Teil gibt es neben weiteren prachtvoll ausgestatteten Räumen ein kreisrundes kaltes Tosbecken, sozusagen einen Plunge Pool, zur schnellen Erfrischung nach dem Saunagang, der auch heute noch sicher eine coole Sache wäre. Durch einen noch im Original erhaltenen Bogen hören wir ein Rauschen und folgen ihm zur Heiligen Quelle.

Hier liegt also das Herz Aqua Sulis, die Quelle, die pro Tag etwa 1.8 Millionen Liter des 46 Grad heissen Wassers hervorbringt, für unsere Vorfahren ein unerklärliches und unvergleichliches Phänomen. Diese Fülle galt es zu erhalten, und somit wurden der Götting Sulis Minerva als Heilerin und Schutzpatronin der Quelle kostbare Opfergaben, unter ihnen 34 Halbedelsteine, geschenkt, die wir gleich im Museum neben Fundstücken aus dem noch erhaltenen Abflusssystem bewundern können. Hier eröffnet sich uns auch das Leben im römischen Bath, das, wie die späteren Inkarnationen dieses faszinierenden Orts, die Schönen und Reichen seiner Zeit anzog. Auch wir können heute mit von der Partie sein. In den 2005 eröffneten Thermae Baths Spa werden wir es ihnen gleichtun, und unsere wunderbare Reise ins englische Bath entspannt in den warmen Bädern ausklingen lassen.

Èze - Perle der französischen Riveira

Die Luft auf dem Grossen Balkon flirrt, und sein heller Betonboden gleist noch in der abklingenden Mittagshitze. Die Markise ist ausgefahren, unter ihr ein paar bunt bemalte Klappstühle und ein Bistrotisch, auf dem eine Vielzahl provençalischer Köstlichkeiten auf senfgelb grundiertem, mit Zitronen, Oliven und Insekten bemaltem Steingut ausgebreitet ist - eine Tarte mit Ratatouile und ein grosser Teller mit Feigen, Ziegenkäse, Lavendel und Honig. Dazu Tomaten, ein Schälchen mit Lucques, den kleinen, delikaten Oliven aus dem Languedoc, und ein Bauernbaguette mit krosser Kruste. Ein Krug gekühlten Rosés steht schon neben den mit einem Band aus Lavendel verzierten Kristallgläsern bereit. Den Tisch bedeckt eine helle Leinendecke mit einem in lindgrün gehaltenen Muster aus Lavendel und Zikaden, die auf dem Grossen Balkon bis spät in die Sommernacht ihre Ständchen geben. Lavendel blüht auch in den Töpfen auf dem Balkon, allein er und der grosse Rosmarinstrauch können in der Hitze bestehen. Unzählige Hummeln und Schwebwespen tummeln sich um die Blüten des Lavendels, besonders gegen Abend verströmt er auch seinen beruhigenden Duft, und macht so den Aufenhalt auf dem Grossen Balkon angenehm. Ein erster Schluck des kühlen provençalischen Rosés, ein tiefes Ausatmen und ein Schliessen der Augen. Wir sind auf dem Weg nach Èze.

Wir beginnen unseren Ausflug in Nizza, der ’Königin der Riveira’, denn von hier führen drei atemberaubende Küstenstrassen, die Corniches, die Nizza mit dem zweitkleinsten Staat der Welt, Monaco, verbinden, durch das Hinterland der Alpes Maritimes, in dem wir Èze finden. Es gibt allerdings nicht nur ein Èze, denn zu dem malerischen Bergdorf an der Mittleren Corniche (Moyenne Corniche) gehört auch noch ein Ortsteil direkt am Meer an der Unteren Corniche (Basse Corniche). Ausserdem vermag es zu verwundern, dass wir uns gerade auf der obersten Corniche (Grande Corniche), die fast auf dem Berggrat entlangläuft, befinden. Die Sicht von hier über die Mittelmeerbucht und das Bergdorf Èze, das wir rechter Hand etwas unter uns erkennen können, ist phantastisch. Unser erstes Ziel ist La Turbie, ein kleines Bergdorf oberhalb von Monaco gelegen. Es wurde mit Steinen aufgebaut, die grösstenteils von einem naheglegenen römischen Siegesdenkmal, dem Tropaeum Alpium, stammen, das Kaiser Augustus um 6 vor Chr. anlässlich seines Siegs über verschiedene Alpenstämme errichten liess. Diese lokalen Stämme, die schon seit Jahrhunderten in dieser Gegend, und damit auch in Èze, heimisch waren, werden auf dem Sockel des Monuments aufgelistet. Durch den Sieg wurde die Ausbreitung des römischen Imperiums nach Westen und die Unterwerfung Spaniens möglich. Die Obere Corniche, oftmals als ein Verdienst Napoleons gefeiert, folgt dem Lauf der römische Via Aurelia, die am Ende von Rom bis nach Arles in der Provence führte. Das Hinterland ist also alles andere als unbedeutend, und erklärt auch, warum ein kleines Bergdorf wie Èze über viele Jahrhunderte so oft und so hart umkämpft wurde. Um nach Èze (village) zu gelangen, wechseln wir auf die Mittlere Corniche und befinden uns schon bald vor den Toren des alten Ortskerns.

Hier am Place de Centenaire unterhalb der Kirche verlassen wir das Heute und begeben uns in eine frühere Zeit vor der Motorisierung, denn wir können die verwinkelten, schmalen Gassen und Treppen des Dorfes nur zu Fuss betreten. Über uns thront spektakulär am Felsen klebend das mittelalterliche Èze (village), wohl das bekannteste Village perché (auf deutsch etwa mit Adlerhorst zu übersetzen) der französischen Riveira. Der Eingang zum Dorf führt uns durch ein mächtiges Doppeltor mit Wehrturm aus dem 14. Jahrhundert, der Poterne. Einst wurde dieser damals einzige Zugang zum Dorf durch eine Kanone geschützt. Die Mauern sind trutzig und tragen noch die Spuren der häufigen Angriffe durch Piraten, Sarazenen und Franzosen, denen das Dorf bis 1706 ausgesetzt war.

Sobald wir die Übereste des zweiten Tores hinter uns lassen, tauchen wir in die friedlichere und bäuerliche Welt des charmanten Dorfes ein. Jasminduft schlägt uns entgegen, die schmalen Gassen - selbst die Hauptstrasse auf der wir uns gerade befinden ist nur wenige Meter breit - winden sich zwischen rustikalen, oft unverputzten Häusern aus dem hellen Fels der Gegend den Berg zur Burg hinauf. Kleine Gässchen und Treppen zweigen hier und dort ab, viele führen aber nur zu winzigen, durch schmiedeiserne Tore geschützen Höfen oder Eingangstüren. Trotz der Hitze und der kargen, trockenen Umgebung des Dorfes findet sich überall die blühende Pracht karminroter oder dunkelvioletter Bougainvillen, Geranien, Kletterrosen und Wein, die sich an Gittern, Bögen, Fensterläden und an den rauen Mauern der Häuser entlang ranken. Durch sie werden die Strassen hier und dort in einen Halbschatten getaucht, jeder kleinste Winkel wird durch einen Topf blühender Geranien oder einer aus einer Felsritze hervorspringenden Pflanze eingenommen. Überall finden sich Plätze zum Verweilen, mal eine Steinbank inmitten von Tabakplanzen, Palmen und Rosen, oder auch ein Kissen, auf eine Mauer gelegt, aus der Mittagsblumen und Schleierkraut hervorbrechen.

Die Besiedlung Èzes geht weit über 2000 Jahre zurück. Kurz hinter der Poterne finden sich die Überreste einer Mauer aus der Bronzezeit. Man nimmt an, dass das Dorf später von griechischen Phöniziern aus Anatolien besiedelt wurde, die zuvor an der Küste Nizza gründeten. Wie diese ging auch Èze 1388 von den Herrschern der Provence zum Herzogtum Savoien in Italien über, 1543 wurde es vom Herrscher des ottomanischen Reichs, Soliman dem Prächtigen, angegriffen, der mit Francois I von Frankreich verbündet war. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Ort mehrmals von französchen Truppen belagert und geplündert. Ruhe kehrte erst ein, nachdem die Bewohner im April 1860 in einer Volksabstimmung für den Anschluss an Frankreich stimmten. Die Wehrhaftigkeit und die unwirtliche Lage nimmt also nicht wirklich Wunder. Auch das Wappen, ein Phönix, der von Feigenästen umgeben auf auf einem Knochen steht, und das Motto des Dorfes im lokalen alt-monegassischen Dialekt Moriendo Renascor (’Im Tod werde ich wiedergeboren’) macht nun Sinn.

Die engen und gebogenen Gassen sollten den Eindringlingen die Eroberung erschweren. Alle paar Meter findet man eine einzige kleine Stufe vor. Diese sollten es den Eseln erleichtern, ihre Last durch das Dorf zu tragen, wenn sie schwer beladen mit Feigen, Oliven, Mandarinen und anderen Früchten von den terassenförmigen Feldern, die das Dorf umgeben, zurückkamen. Auch zusätzliches Wasser wurde so nach Èze gebracht, das nur Zisternen aber keine Brunnen oder Quellen hatte. Nach kurzer Zeit kommen wir zu einem flachen kleinen Platz an dem schon jetzt Früchte an einem Mispelbaum reifen. Dies ist der Place de Planet. Hier steht das Le Riquier, eines der eindruckvollsten Häuser des Dorfes. Erhalten ist auch noch die schwere, reich geschmückte Holztür aus dem Mittelalter. Die aus Nizza stammenden Riquier waren unter den ersten in Èze bekannten Edelmännern, ihre Herrschaft dauerte vom 13. bis ins 16. Jahrhundert. Es war einer der letzten Besitzer des Hauses Riquier, der 1930 hier auf dem Platz einen Brunnen im italienischen Stil erbauen liess, der das erste fliessende Wasser für die Bewohner bereitstellte, und an dem wir uns nun erfrischen können. Der Brunnen passt mit seiner kruden, altrömischen Form - ein runder Kopf speit Wasser in ein Becken – gut in seine Umgebung. Erst 1952 kam fliessendes Wasser auch in die Häuser des Dorfes.

Am Rande des Ortskerns liegen noch weitere herrschaftlichere Gebäude, etwa das Chateau Eza, das einst von 1923 bis 1953 der Sitz des Prinzen Wilhelm von Schwedens war. An manchen Fassaden an der Hauptstrasse und in der Kirche findet man Trompe L’Oeil Malereien aus der Renaissance, die das Fehlen eines Fensters oder einer Tür verdecken sollen, oder einen Eindruck der Weite und Eleganz schaffen sollen. Das luxuriöse Hotel Chateau La Chèvre D’Or (Goldene Ziege) haben wir allerdings Mickey Mouse zu verdanken. Nun, vielleicht nicht direkt dem weltbekannten Nager, aber zumindest seinem Erschaffer Walt Disney. Er kam in der 50ger Jahren, als das Haus ein Restaurant war, auf eine Stippvisite vorbei, und blieb gleich mehrer Monate in Èze. Er überzeugte den Besitzer Robert Wolf, weitere Nachbargebäude zu erwerben, und den auch heute noch sehr beliebten Hotelkomplex zu erschaffen. Von den Gärten und der Terasse des Hotels hat man einen atemberaubenden Ausblick über die Bucht. Aber auch ohne Walt Disney geht die Geschichte des Chèvre D’Or auf eine Legende zurück. Sie beginnt mit einer kleinen alten Frau, die dort mit ihren Ziegen eine Kate bewohnte. Die Einnahmen aus dem Verkauf von Käse und Milch verbarg sie in Form von Goldmünzen unter Felsbrocken. Viele Jahre später sah ein von weit her gereister Geigenspieler an dieser Stelle eine Ziege mit goldenem Fell, ein Fabeltier, dass schon viele unvorsichtige Schatzsucher in die Irre geführt hatte, die aber ihm den versteckten Schatz zeigte. Er blieb in Èze und baute sich mit dem Geld eben dieses Haus. Man kann spüren, dass es hier viele Legenden, Geschichten und Sagen gibt, die die reiche Geschichte des Ortes erklären. Natürlich tragen auch die liebevoll und detailgetreu restaurierten alten Gebäude, umrankt von romantischen Kletterrosen, und die charmanten kleinen Restaurants und begrünten Plätze dazu bei. Einmal im Jahr veranstaltet Èze einen beliebten Mittelaltermarkt, zu dem Dorfbewohner und Schausteller in Kostümen das Leben dieser bewegten Zeit darstellen und lokale Produkte verkaufen. Heutzutage gibt sich das Dorf als Village d’Art et de la Gastronomie, der Kunst und des Genusses. Die Erdgeschosse und Keller der meisten Häuser, die früher als Weinkeller und Tierställe dienten, sind nun grösstenteils in winzige Künstlerateliers, Gallerien und Boutiquen umgewandelt. Die Cote D’Azur, und insbesondere Nizza, ziehen durch die kräftigen Farben und das Licht an der Küste schon seit mehreren Jahrhunderten Künstler von Weltformat an. Unter ihnen Matisse, Chagall, Picasso, Nikki de St Phalle und Dufy. Viele von ihnen kamen auch nach Èze. Heutzutage finden sich auch wunderbare Stücke örtlicher Künstler mit Bezug zum Dorf. So findet man in der Kirche eine wunderschöne Büste Jesu, die von einem örtlichen Bildhauer nach dem Feuer, das 1986 das Dorf angriff, aus Olivenholz geschnitzt wurde. Die Widmung ist schlicht: »Aus Olivenholz, das 1986 vom Feuer gerettet wurde.« Davor Votivkerzen der Dankbaren und Gläubigen der Gemeinde.

Noch haben wir das Dorf erst zur Hälfte durchschritten. Auf dem Weg zum Gipfel kommen wir in einen Durchgang, der Boden ist hier anders als die Gassen, er ist mit bunten, kleinen Kieseln mit dem Motiv eines Sterns gepflastert, rechts hinter einem schmiedeeisernem Tor liegt die Kapelle St. Croix, des heiligen Kreuzes. Sie wurde um 1306 für die Mönche des Büsserordens der Penitents Blancs erbaut, die sich um die Aussätzigen und Pestkranken des Dorfes kümmerten. Heute ist sie das älteste, noch bestehende Haus in Èze.

Die Gassen laufen in immer enger werdenden Schleifen den Berg hinauf, bald verlieren sie sich nach den letzten Häusern und werden zu einem Pfad, der uns zum Jardin Exotique, einem Projekt des ehemaligen Bürgermeisters Réne Giaton führt. Dieser hatte 1949 die Idee, hier im unwirtlichen Teil des Burgbergs unterhalb der Ruine einen Kakteen- und Sukkulentengarten vom Landschaftsingenieur Jean Gastaud anlegen zu lassen, wie dieser ihn schon in Monaco erschaffen hatte. Hierzu wurden Felsen und Steine per Hand auf den Berg gekarrt, um daraus Terassen und Wege anzulegen, auf denen dann hunderte von jungen und etablierten Kakteen, Aloen, Agaven und Sukkulenten gepflanzt wurden. Eine etwa 130 Jahre alte Dornenkronen Akazie wog ein halbe Tonne.

Der Garten unterteilt sich in den grandiosen Kakteen- und Sukkulentengarten im Süden. Hier findet man auch Euphorbien, Aloen und andere Sukkulenten, die in dem trockenen Areal bestens gedeihen. Ich habe auf dem Grossen Balkon Euphorbien, interessante und genügsame Pflanzen mit kleinen hellgrünen Blüten. Viele der Pflanzen haben leuchtende Blüten oder Früchte, wie etwa die Opuntien. Es ist erstaunlich, wie viele verschiedene Formen sich entwickelt haben. Im Norden wurde ein duftender mediterraner Garten angelegt, hier ist die Luft durch Bäche, kleine Teiche und einen Wasserfall feuchter, die Farben, besonders das Grün, dunkler. Geniessen wir diese Natur. Natürlich ist auch die Kunst nicht weit, der zeitgenössische Bildhauer Jean-Philippe Richard stellt im Garten eine Reihe von schwebenden, schwerelos erscheinenden weiblichen Bronze-, Ton- und Kristallstatuen aus. Einige verharren wie im Gebet oder der Meditation.

Und dann endlich - auf dem Gipfel des Ortes, 429 M über dem Meerespiegel, stossen wir auf die Ruinen der 1706 durch Ludwig den XIV zerstörte Sarazenenburg. Seit dem 12. Jahrhunderte sah sie stolz auf des Dorf hinab, zu dessem Schutz sie erbaut wurde. Der nun leere Platz mit einigen Mauerresten gleist in der Sonne, und gibt uns einen aussergewöhnlichen 360 Grad Panoramablick über die französische Riviera frei. Alle drei Cornichen, die Schluchten und zum Meer abfallenden Felsen der Alpes Maritime, das dünne Band des Strands entlang der weiten Bucht, und natürlich das tiefblau schimmernde Mittelmeer breiten sich vor uns aus. Man erkennt einen kleinen Hafen am Ende der Bucht, die Yachten erschienen klein wie Spielzeuge, vor der Bucht, draussen auf dem Meer sieht man noch mehr von ihnen. Das Cap Ferrat, die ’Halbinsel der Milliardäre’ begrenzt unseren Blick auf der rechten Seite, linker Hand können wir schon Monaco erkennen. Das dünn besiedelte Hinterland lockt mit rauer Natur. Unter uns liegt das Dorf, die dicht zusammengedrängten Häuser mit ihren roten, für die Provence so typischen Dachziegeln aus Ton, die steilen Gassen halbverdeckt, die kleine Glocke der Kapelle St. Croix. Nur ab und zu scheint etwas Grün der Pflanzen durch. Dann die zitronengelb leuchtende Kirche Notre Dame de L’Assumption, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts gebaut wurde, und die wegen ihrer barocken Ausstattung vielbesucht ist. Hier findet sich auch der schon erwähnte, aus Olivenholz geschnitzte Kopf Jesu. Ein ägyptisches Kreuz erinnert uns wieder an längst vergangene Zeiten. Èze führt seinen Namen auf die geheimnisvolle Göttin Isis zurück, der die Phönizier hier einen Tempel errichtet haben sollen.

Wer nun aber denkt, damit haben wir Èze gesehen, hat vergessen, dass dies eine Gemeinde mit zwei Gesichtern ist. Etwa 800 Meter Luftlinie trennen das Dorf von seinem maritimem Teil Èze-sur-Mer am Fuss der hier steil abfallenden Alpes Mairitimes. Zwei Teile, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Das malerische, filmkulissenreife Adlernest auf der einen Seite, und unten an der Basse Corniche und dem Kiesstrand des Mittelmeers gelegen, das quirlige Küstenstädchen mit Cafés, Restaurants, Hotels und dem Zug zurück nach Nizza. Früher war der Zugang zum Meer und damit zum Handel und dem Fischfang überlebenswichtig für das Dorf. Das milde Mikroklima war ideal für den Anbau von Gemüse und Blumen, und im 19. Jahrhundert wurde der früher arme Küstenstreifen durch die Stars, Sternchen, Künstler und Politiker, die den Winter hier verbrachten zu einem Hot Spot der High Society. Wie aber kommen wir nun dorthin? Ein gut fünf Kilometer langer Wanderweg namens Chemin de Nietzsche, auch Sentier de Nietzsche genannt, der gleich unterhalb des Place du Centenaire beginnt, verbindet die beiden Ortsteile schon seit Urzeiten. Machen wir uns also auf und folgen ihm auf einer Wanderung durch die zerklüfteten Klippen zum Meer.

Die Erwähnung des deutschen Philogen und Philosophen Friedrich Nietzsches als Namensgebers eines Pfades im Hinterland von Nizza macht natürlich neugierig. Nietzsche, geboren 1844, war Zeit seines Lebens ein von Krankheit geplagter Mann – Migräne und Magenleiden begannen ihn schon in jungen Jahren zu peinigen und zwangen ihn letztendlich seine Lehrtätigkeit an der Universität Basel aufzugeben. Danach reiste er viel, war auf ständiger Suche nach für seine Leiden lindernden Klimabedingungen, die er insbesondere in der Schweiz, Italien und auch in Nizza vorfand. Ab 1883 verschlechterte sich sein Zustand, er befand sich in einer Phase der Depression und Isolation, in der sein grosses, philosphisches Meisterwerk ’Also sprach Zarathustra …’ entstand. 1884 kam Nietzsche nach Èze. Seine Leidenschaft für den gut 5 Kilometer langen, sich in steilen Serpentinen den Berg hinaufwindenden Wanderweg vom Meer ins Dorf, der heute seinen Namen trägt, erwähnte er in Briefen. Hier wurde er auch für den dritten Teil seines Werks ’Also sprach Zarathustra …’ inspiriert, den er während seines Aufenthalts im beendete.

Vielleicht verkünden auch wir nach unserer Wanderung auf Nietzsches Spuren wie Zarathustra: »Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, ich liebe die Ebenen nicht.« Der Pfad ist zwar gut ausgebaut, aber steinig, recht steil und von der mediterranen Macchia, der immergrünen Gebüschvegetation der Gegend, überzogen. Glücklicherweise sind wir in der abklingenden Hitze des Nachmittags unterwegs und können uns bald in Èze-sur-Mer im Mittelmeer erfrischen. Später sitzen wir in einem Strandcafé und blicken über die weite, azurblaue Bucht. Weit draussen vergnügen sich die Reichen und Schönen dieser Welt auf ihren Luxusyachten. Unsere Reise endet hier bei einem Cocktail bei Sonnenuntergang in Èze-sur-Mer.

Zadar - Gruss an die Sonne

Ein würziger Duft liegt in der Luft. Die Kohlen im Grill auf dem Grossen Balkon knistern leicht, auf ihnen wurde noch vor kurzem ein wahres Festessen zubereitet. Dalmatinische Spiesse, ein ganzer mit Olivenöl und Zitronensaft beträufelter Wolfsbarsch, fester Schafskäse und gegrillte Zucchini, Tomaten und Paprika, alles mit den Kräutern vom kleinen Balkon verfeinert. Frischer Thymian, Rosmarin, Minze und Basilikum verströmten ihren Duft an diesem Sommerabend. Natürlich fehlten auch der gedünstete Mangold und die grosszügig mit gehackten Knoblauchzehen bestreuten grünen Bohnen nicht. Zum Abschluss noch ein kleines Glas des köstlichen, kroatischen Kirschlikörs Maraskar aus dalmatinischen Maraschinokirschen. Dann schwebt ein Heissluftballon ins Bild, das rot-weisse Schachbrettmuster seiner Ballonhülle hebt sich fröhlich gegen den noch hellblauen Himmel ab. Langsam zieht er an uns vorbei, gerade so, als würde er uns zum Mitkommen auffordern. Nun, warum auch nicht, steigen wir ein und lassen uns dem Sonnenuntergang und Zadar entgegentreiben.

Zadar klingt exotisch, fremd und geheimnisvoll. Zadar ist eine alte Stadt – schon zur Steinzeit war dieser Ort an der dalmatinischen Küste besiedelt. Etwa 15.000 v. Chr. lebten hier Šime und Lili, deren Skelette man bei Ausgrabungen gefunden hat. Sie und ihre Zeitgenossen machen Zadar zur ältesten, ununterbrochen besiedelten Stadt Kroatiens. Seit fast drei Jahrtausenden ist Zadar ein wichtiger Hafen und Ankerplatz, von dem aus das Seefahrervolk der Liburnier mit den Phöniziern und den Etruskern regen Handel unterhielt. Erbaut wurde die Stadt auf einer schmalen Landzunge die das Adriatischen Meer vom Kanal von Zadar trennte. Zum Festland hin war sie durch einen Wassergraben vor Gefahren geschützt. Hier wurde ein Wehrtor erbaut, damit der Zugang gut überwacht werden konnte. Auch heute noch ist die Altstadt dadurch weitgehend vom Verkehr abgeschirmt. Wir nehmen die neue Fussgängerbrücke auf der Nordseite, auf der man von der Neustadt aus herüberläuft, und nähern uns so den beeindruckenden venezianischen Schutzmauern. Davor ankern am Quai entlang historische und neuere Segelschoner, auf denen man in einer kleinen Gruppe von vielleicht zwanzig Reisenden eine mehrtägige abwechslungsreiche Küstenkreuzfahrt bis hin nach Split unternehmen kann. Dabei erkundet man auch die Kornaten, eine dichte Gruppe von Karstinseln, die Zadar in der Adria vorgelagert sind, und hier auf der Meerseite Schutz bietet. Die Kornaten sind zum grössten Teil unbewohnt, denn es finden sich hier weder Quellen noch Wasserläufe, und der steinige Untergund bietet nur karger Vegetation und Macchia Lebensraum. Bleiben wir daher doch lieber in der Stadt, die uns Einiges zu bieten hat.

Eben haben wir Venedig erwähnt, wie kam es dazu, dass die italienische Stadtrepublik hier Mauern erbaute? Dazu müssen wir aber nochmals ein paar Jahrhunderte zurückgehen, denn vor den Veneziern interessierten sich natürlich auch die Griechen und der Stamm der Dalmati für diese strategisch gelegene Stadt, doch ein Bund mit dem antiken Rom bescherte Zadar eine jahrhundertelange Blütezeit, deren Spuren wir noch entdecken werden. Von der Vogelperspektive aus gesehen, sieht man sofort das typisch römische symmetrische Schachbrettmuster, in dem die Strassen der Altstadt angelegt wurden. Anfangs des 12. Jahrhunderts gehört Zadar zum Reich Österreich - Ungarns, und war damit auch Teil des Heiligen Römischen Reiches und des Königreichs Neapels. Ganz schön weltstädtisch ging es hier zu. Diese Konkurrenz in der Nachbarschaft gefiel der mächtigen Seemacht Venedig nun doch nicht, denn ihr Reichtum gründete sich auf den Handel mit der Levante, den Staaten des mittleren Ostens, des heutigen Syriens und der westlichen Türkei. 1409 kaufte die Republik Vendig Zadar kurzerhand zusammen mit Dalmatien für einhunderttausend Dukaten, nachdem jede Menge Scharmützel und Kämpfe nicht das gewünschte Ergebnis erbracht hatten. Damit hatte La Serenissima endlich beide Seiten der Adria, und damit damit den Seeweg zur Levante, unter Kontrolle. Allerdings wuchs im 16. und 17. Jahrhundert eine neue Gefahr durch das Osmanischen Reiches heran, das sich im Hinterland von Zadar ausbreitete. Venedig baut daraufhin Zadar zur grössten Stadtfeste der Republik aus, und seine Stadtmauern, vor denen wir gerade stehen, befinden sich heute auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Sie waren unbesiegbar und verteidigten die Stadt jahrelang vor Eindringlingen, auch vor dem Einen, nicht Menschlichen – der schrecklichen Bora, hier als Bura bekannt.

Man kann sich die Veränderung kaum vorstellen, wenn dieser trockene, eiskalte Wind, der entsteht, wenn kalte Luftmassen aus dem Nordosten über das karge Karstplateau oder der an der Küste entlangführende Bergkette mit enormer Gewalt zur warmen Adria herunterströmen, und dort eingekesselt orkanartig wüten. Der Name dieses gefürchteten Windes, der an einem etwa 800 Kilometer langen Adriaabschnitt zwischen Italien im Norden und Albanien im Süden sein Unwesen treibt, leitet sich von Boreas ab, dem Gott des Winters mit seinem Bart aus Eis. Der Wind überzieht nicht selten alles mit einer kristallenen Eisschicht, es wird erzählt, dass er Fische aus dem Meer schleudert, Bäume entwurzelt, Schiffe zum Sinken und Häuser zum Einstürzen bringt. Der deutsche Schriftsteller Stendhal, der der Bora in Triest begegnete, schrieb: »Ich nenne es ’starker Wind’, wenn man unablässig damit beschäftigt ist, den Hut festzuhalten, und ’Bora’, wenn man Angst haben muss, sich den Arm zu brechen.« Atmen wir also auf, dass wir in der milderen Jahreszeit gekommen sind, in der ein Besuch in Zadar wahrscheinlich glimpflich verlaufen wird. Allerdings ist Kroatien ein regenreiches Land, und wir sollten uns in diesem Fall auf dem polierten Strassenpflaster vorsehen, denn es ist dann extrem rutschig.

Noch allerdings stehen wir draussen vor den meterhohen Mauern, die man hier Muraj nennt, oder auch Bedemi zadarskih pobuna (’Stadtmauern der Zadarer Aufstände’) nach den elf Aufständen, die die Bürger von Zadar gegen die Herrschaft der Republik Venedig geführt haben. Diesen aufmüpfigen Geist der Bürger werden wir noch mehrmals antreffen. Vor uns eines der drei noch existierenden Tore zur Innnenstadt. Dies ist das Neue Tor, das erst während der italienischen Besatzungsherrschaft im 20. Jahrhundert in die Mauern gebrochen wurde. Etwas weiter südlich führt das Tor des Hl. Rochus zum Stadtmarkt, ein weiteres, mittelalterliches Tor der Hl. Maria ist heute nicht mehr erhalten. Östlich von hier in der Nähe des Fährhafens und der Segelschoner, wurde 1573 anlässlich des Sieges der christlichen Armada über das Osmanische Reich in der Seeschlacht von Lepanto das Seetor gebaut. Wegen der nahe gelegenen, dem Schutzheiligen von Zadar gewidmeten Kirche ist es auch als Tor des Heiligen Chrysogonus (Krševan) bekannt. Dort begegnen wir auch zum ersten Mal der römischen Vergangenheit Zadars. In das Tor wurden Teile eines römischen Triumphbogens integriert, den Melia Aniana, eine Römerin aus Zadar, ihrem verstorbenem Ehemann errichtet hat.

Aber zurück zum Neuen Tor. Treten wir ein – es fühlt sich wirklich so an, als ob wir eine Kathedrale oder ein Schloss betreten, das zum Himmel offen ist.

---ENDE DER LESEPROBE---