Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In einer Zeit, in der die allgemeine Verunsicherung und damit auch das Bedürfnis nach Orientierung ständig wachsen, fällt es nicht leicht, Antworten auf existenzielle Fragen zu finden, ohne dem Aberglauben oder Pseudowahrheiten zum Opfer zu fallen. In dieser Publikation wird versucht, auf wichtige Themen, wie etwa dem Streben nach Glück, dem Glauben und der Spiritualität, der Gestaltung von Partnerschaften oder dem Tod aus einer zeitgemässen Perspektive einzugehen. Dies unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse und einer kritischen Beleuchtung von Denkansätzen, die versprechen, die Quelle eines sinn- und glückerfüllten Lebens gefunden zu haben.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Impressum
© 2014 Sébastien Simonet
Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-2002-7
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Denkanstösse zu einem glücklicheren Leben
Inhaltsverzeichnis
Das Streben nach Glück 5
„Back to the roots“ 18
Die Verarbeitung einschneidender Erlebnisse: 36
Gefangene unserer Gedanken 70
Irrgarten des Lebens 98
Das Gesetz der Anziehung („The Law of Attraction“) 118
Der Tod und die Zeit 142
Moral und Ethik 165
Glauben und Religion 195
Partnerschaften und "Liebe" 226
Gewalt, Macht und Ohnmacht 258
Vergänglichkeit 273
„That's all Folks“ 290
Literaturverzeichnis 307
"Ducunt volentem fata, nolentem trahund"
„Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zerrt es mit sich.“
(Seneca, 4 v.Chr. - 65)
„Du bist zu schnell gelaufen für dein Glück. Nun, da du müde wirst und langsam gehst, holt es dich ein.“
[Friedrich Wilhelm Nietzsche (Nietzsche, 1883-1885)]
Das Leben ist einfach zu meistern, wenn es mehr oder weniger unseren Vorstellungen oder Hoffnungen entsprechend verläuft. Doch was geschieht, wenn ein noch so kleines Sandkorn für die einen oder ein massiver Felsbrocken für die anderen das Getriebe ausser Funktion setzen und plötzlich nichts mehr so ist, wie es einmal war bzw. alles ausser Kontrolle gerät, egal was man unternimmt?
Für die einen reichen schon Nichtigkeiten, ein grosses Unbehagen zu verursachen, andere lassen sich erst von sehr einschneidenden Ereignissen aus der Bahn werfen. In dieser Hinsicht gibt es keine gerechtfertigten Gründe, sich unglücklich zu fühlen, vielmehr handelt es sich um ein jedem Menschen zustehendes, subjektives Erleben. Doch nach welchem Rezept gehen wir mit diesen Empfindungen so um, dass das Leben auch dann noch Sinn macht, wenn alles verloren scheint?
Wir streben alle nach Glück und müssen doch früher oder später feststellen, dass wir „da draussen“ durch nichts und niemanden auf Dauer glücklich werden können. Wenn wir unser Glück davon abhängig machen, wie „erfolgreich“, angesehen, reich, gut aussehend, beliebt usw. wir sind, werden wir früher oder später unglücklich sein, denn es gibt nichts, was beständig ist oder unsere Hoffnungen langfristig nähren kann.
„Hoffnung ist die zweite Seele der Unglücklichen“
[Johann Wolfgang von Goethe (Goethe, 1981)]
Aus dem „World Happiness Report“ (Sachs, 2013)geht zwar hervor, dass in reichen Ländern mehr Personen angeben glücklich zu sein als in armen Ländern der Welt, aber dies liegt weniger an Einkommensfaktoren, als vielmehr an sozialen Aspekten, wie etwa dem subjektiv empfundenen Gefühl, frei zu sein und ähnlichen Empfindungen. Die Liste führen die skandinavischen Länder an. Länder wie die Schweiz (Rang: 6), Österreich (Rang: 13) und Deutschland (Rang: 30) erzielen gute bis respektable Werte. Im Vergleich fällt allerdings auch auf, dass z.B. Costa Rica (Rang: 12) oder auch Puerto Rico (Rang: 27) besser dastehen als zum Beispiel Deutschland. Dies, obwohl deutliche (materielle) Wohlstandsunterschiede vorliegen.
Eine weitere Untersuchung (siehe: http://www.happyplanetindex.org) bemühte sich aufgrund einer Befragung, ein Mass für das subjektiv empfundene Wohlbefinden einer Bevölkerung zu entwickeln, das im internationalen Vergleich dargestellt werden kann.
Was auf der Ebene von Nationen gilt, kann auch auf den einzelnen Menschen übertragen werden. Oder denken Sie vielleicht, dass „erfolgreiche“ Menschen glücklicher sind als solche, die jeden Glauben an das Leben verloren haben?
Zur Illustration verweise ich auf eine Passage des Songs „Hurt“, den Johnny Cash (einer der einflussreichsten US-amerikanischen Country-Sänger und -Songschreiber seiner Zeit) ab dem Jahre 2002 wie folgt interpretierte:
„What have I become? My sweetest friend. Everyone I know. Goes away in the end.You could have it all. My empire of dirt“.
[„Was ist aus mir geworden, mein liebster Freund? Jeder, den ich kenne, stirbt am Ende. Und du könntest es haben - mein Reich aus Dreck.“]
Sind das die Worte eines erfolgreichen und bewunderten Menschen, der 13 Grammy-Awards gewann, mehr als 50 Millionen Tonträger verkaufte, 35 Jahre glücklich verheiratet war und im siebten Himmel schweben sollte? Wie kann ein Mann, der alles erreicht hat, was man sich vorstellen und wünschen kann, sich dennoch so unglücklich äussern?
Einen Hinweis dazu mag vielleicht Abraham Maslow’s (Maslow, 1999) Menschenbild geben, das in seiner berühmten Bedürfnispyramide einfliesst und genauso zur Managementliteratur gehört, wie der Sonnenbrand zu englischen Touristen am Strand von Cancún.
In seinem Stufenmodell unterscheidet Maslow 5 Ebenen, die wie folgt zueinander in Beziehung stehen:
Selbstverwirklichung
(Selbstentfaltung usw.)
Bedürfnisse nach Achtung
(Anerkennung, Wertschätzung usw.)
Soziale Bedürfnisse
(Liebe, Zugehörigkeit usw.)
Sicherheitsbedürfnisse
(Stabilität, Geborgenheit, usw.)
Körperliche Bedürfnisse
(Nahrung, Wärme usw.)
In seiner Vorstellung müssen zunächst untergeordnete Bedürfnisse befriedigt werden, damit die darüber liegenden Stufen erreicht werden können. Bevor also die sozialen Bedürfnisse befriedigt werden, muss der Mensch seine physiologischen und Sicherheitsbedürfnisse abgedeckt wissen. Zufriedenheit wird nach dieser Vorstellung also erst dann erreicht, wenn tiefer liegende (v.a. körperliche und sicherheitsbezogene) Bedürfnisse erfüllt sind. Ein Glücksgefühl tritt allerdings erst dann ein, wenn auch die darüber liegenden Bedürfnisse zufrieden gestellt werden können.
Im Abgleich mit entsprechenden Alltagserfahrungen erkennen wir rasch, dass sich die Dinge doch etwas komplizierter gestalten, als das von Maslow vorgeschlagen wurde. Einmal erfüllte Bedürfnisse gelten nämlich nicht als abgehakt, sondern bedürfen einer regelmässigen Aktualisierung und sind daher ständigen Veränderungen ausgesetzt. Doch genau diese entziehen sich völlig unserer Kontrolle, auch wenn wir uns gerne weismachen möchten, dass wir unser Schicksal stets selbst in der Hand haben.
Paradoxerweise scheint es sogar so zu sein, dass je stärker wir uns bemühen, die Kontrolle über das zu bewahren, was uns im Leben widerfährt, desto weniger es uns gelingt, diese Kontrolle tatsächlich zu erlangen, auch wenn wir zeitweise von den Ereignissen darin bestärkt werden. Wie die Geschichte lehrt, wurde unzählige Male versucht, Regime mittels fortdauernder Kontrolle und Überwachung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Doch früher oder später änderte sich die Situation und es ist immer nur eine Frage der Zeit wann anachronistische Vorstellungen selbst in eisern regierten Diktaturen hinweggefegt wurden. Auch Nord-Koreas früherer Alleinherrscher Kim Jong-il dürfte sich vielleicht kurz vor seinem Herzinfarkttod gefragt haben, ob er in seinem Panzerzug, in dem er starb, und der als Festung auf Rädern galt, die Gefahren richtig eingeschätzt hatte.
Die wahre „Kontrolle“ besteht wohl in der Fähigkeit und Bereitschaft, erst einmal loszulassen, die „Dinge“ geschehen zu lassen, was sich zwar leicht sagen, aber nicht immer so leicht umsetzen lässt, denn das Loslassen ist sehr häufig mit vielen Schmerzen und Ängsten verbunden, die erst überwunden werden müssen.
Die Macht über unser Schicksal wird uns unablässig eingeredet, schliesslich gilt es, die Selbstbestimmung zu vermarkten und den global aufkeimenden Individualismus zu „promoten“. Aber werden wir dadurch alle glücklicher? Oder verpassen wir vielmehr das Wesentliche?
Uns wird konsequent eingeredet, in einer Epoche zu leben, in der uns alle Möglichkeiten offen stehen. Die Regale der Buchhandlungen sind prall gefüllt mit Büchern, die uns weismachen wollen, dass der Erfolg jedem zusteht, der nur hartnäckig genug daran glaubt und alles dafür zu tun bereit ist. Gleich daneben stossen wir dann auf Werke, die uns helfen sollen, über die Misserfolge hinweg zu kommen, die wir uns – gemäss der uns zuvor eingeprägten Selbstbestimmung unserer Erfolgsziele – selbst zuschreiben müssen.
Zudem stellt sich grundsätzlich die Frage, ob „Erfolg“ tatsächlich das sein soll, was uns im Leben weiterbringt. Vielleicht trifft die Aussage, die vom römischen Gerichtsschreiber Titus Livius vor mehr als zweitausend Jahren formuliert wurde, den Nagel in dieser Hinsicht auf den Kopf:
„Der Erfolg ist der Lehrer der Toren“.
Die meisten von uns werden frühzeitig sozialisiert, den Erfolg in äusserlich sichtbaren „Manifestationen“ zu erkennen. Wie viele Jugendliche und junge Erwachsene hören überall auf der Welt immer wieder, dass sie sich heute (z.B. im Beruf, in der Ausbildung, usw.) anstrengen sollten, damit sie sich später ein „erfolgreiches Leben“ in einer geliebten Partnerschaft, mit zwei hübschen und klugen Kindern, einem schönen Haus mit gepflegtem Rasen, einem wohl erzogenen Hund, Ferien an den schönsten Orten der Welt usw. leisten können? Und was folgt, wenn alle diese Ziele erreicht werden? Die grosse Erfüllung oder doch nur gähnende Leere?
Wie viele junge Menschen werden in unseren westlichen, zunehmend aber auch in anderen aufstrebenden Zivilisationen dazu ermutigt, vom Rampenlicht der Aufmerksamkeit zu träumen, wo sich offensichtlich jene versammeln sollen, die ein glückliches Leben führen?
Wie vielen Frauen wird pausenlos eingetrichtert, dass sie sich nur in ihrer Mutterrolle erfüllen werden? Wie viele Männer werden darin bestärkt, sich durchzusetzen, Ehrgeiz und Stolz zu entfalten?
Wie oft ertappen wir uns selbst dabei, vom Leben anderer Menschen zu träumen? Aus welchem Grund sind wir denn so rastlos und schliesslich kaum zufrieden mit dem, was wir erreicht haben und voraussichtlich in Zukunft erreichen werden? Aus welchem Grund sind wir der festen Überzeugung, von einem oder mehreren Menschen geliebt und/oder geachtet werden zu müssen, um ein sinnvolles Leben zu führen?
Es liegt mir fern, davon abzuraten, Vorhaben auszuführen und sich im Leben Ziele zu setzen oder Beziehungen einzugehen. Doch sollten wir uns nicht verstärkt Gedanken darüber machen, welche Ziele wir uns setzen und welchen Stellenwert diese einnehmen sollten? Ob diese wirklich unseren eigenen Vorstellungen entsprechen oder uns von anderen aufgedrängt wurden? Aus welchem Grund trachten wir denn nach jener Anerkennung bzw. Bestätigung, die uns dann wieder fehlt, wenn sich das „Scheinwerferlicht“ des Lebens oder der Liebe von uns abwendet?
Auch möchte ich Ihnen keinesfalls vorschreiben, was Sie denken sollen oder wie Sie Ihr Leben besser gestalten könnten, ganz im Gegenteil. Ich möchte lediglich einige Gedanken mit Ihnen austauschen, die sich aufgrund meiner bisherigen Lebenserfahrung und einer zunehmenden Auseinandersetzung mit alternativen Denkansätzen ergeben haben. Vielleicht kann die eine oder andere Idee bzw. Vorstellung dazu beitragen, dass auch Sie Antworten auf Fragen finden werden, die Sie heute bewegen. Bedenken Sie allerdings, dass erst die „richtigen" Fragen gestellt werden müssen, bevor entsprechend relevante Antworten gefunden werden können. Auch dazu hoffe ich, einen ganz bescheidenen Beitrag leisten zu können.
Sie werden hier vergebens nach allgemein gültigen Wahrheiten suchen, denn alle Aussagen basieren auf Annahmen, Erfahrungen, Mutmassungen, etc., die auf die Wahrnehmung und Interpretation einer einzigen Person beschränkt bleiben. Im Vordergrund steht also nicht ein Universal-Bauplan, der es Ihnen erlauben soll, das Gebäude Ihres Lebens nach klaren Vorgaben zu konsolidieren, weiter auszubauen oder gar neu aufzustellen, sondern ein Erfahrungs- und Erkenntnisbericht, der Sie dazu inspirieren könnte, die Dinge auch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Wir alle laufen mit mehr oder weniger ausgeprägten Scheuklappen durch die Welt und unsere Leben. Da schadet es nicht, von Zeit zu Zeit innezuhalten, andere Denkweisen zuzulassen und die Dinge aus einer breiteren Perspektive zu betrachten. Ich selbst bin immer wieder sehr erstaunt darüber, wie hartnäckig sich gewisse „Weisheiten" oder Denkschemen halten und sich in unseren Gedanken festsetzen, sodass viele Möglichkeiten gar nicht mehr in Betracht gezogen werden (können). Es ist nicht einfach, sich von solchen Mustern zu lösen, aber wer das nicht tut, läuft Gefahr, die Welt nur in schwarz und weiss, vielleicht eines Tages in Farbe, aber kaum jemals in vierdimensionaler HD („High Definition") zu sehen und zu erleben.
Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, die Suche nach einem „Sinn" auch dann nicht aufzugeben, wenn plötzlich alles klar scheint. Deshalb empfehle ich, sich nicht nur einer Philosophie, Religion oder Wissenschaft verpflichtet zu fühlen, sondern laufend neue Erkenntnisse aus vielen unterschiedlichen Perspektiven zu berücksichtigen, um die eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit ständig weiter zu entwickeln. Sie können sich dabei weder auf die Meinung der Mehrheit, der von Experten/innen, von Gurus (dazu habe ich bezeichnenderweise keine weibliche Form gefunden) oder „Erleuchteten" verlassen, sondern sollten die Wahrheit erst einmal in sich selbst suchen.
Lassen Sie uns diesen Weg gemeinsam gehen und zum Einstieg vorerst einen Blick in die Vergangenheit wagen.
[Zurück zur Quelle]
„Wenn du zurück zur Quelle willst, dann musst du gegen den Strom schwimmen“.
[Aus dem Zen-Buddhismus]
Versuchen Sie sich daran zu erinnern, wann Sie sich zuletzt völlig glücklich fühlten oder zumindest sehr zufrieden waren, ohne dafür einen „triftigen" Grund gehabt zu haben. Nicht weil man Ihnen eine Liebeserklärung vortrug, nicht weil Sie sich auf eine anstehende Reise freuten, nicht weil Sie sich das neuste Smartphone leisten konnten, von einer bezaubernden Musik begeistert waren oder ein leckeres Essen aufgetischt wurde, sondern einfach nur so und ohne jeglichen ersichtlichen Grund dafür. Falls Sie Mühe damit haben, sich spontan an ein solches Ereignis zu erinnern, dann herzlich willkommen im „Club der Rastlosen", aus dem auch ich mich immer wieder abmelden muss, um mich von der Last einer lang andauernden und intensiven Sozialisation zur chronischen Unzufriedenheit zu befreien.
Doch solche Ereignisse des „Glücks" gab es in Ihrer Vergangenheit immer wieder und gibt es sogar jeden Tag in Ihrem Leben. Bloss haben wir verlernt, diesen unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken. Es sind Momente, in denen manchmal nur für kurze Augenblicke die Stimme in unseren Köpfen, die ständig beurteilt, kommentiert, Handlungsanweisungen erteilt und uns beeinflusst, inne hält und den Weg zu der Person freigibt, die weder glücklich noch unglücklich, weder nett noch böse, schlau oder dumm sein muss, sondern einfach nur da ist und einzig in ihrer Existenz eine Daseinsberechtigung oder sogar eine Quelle des Glücks sieht; das „Primär-Selbst", das die Welt und Ihr „Schein-Selbst" aus sicherer Distanz beobachtet und die Essenz, also den Kern Ihrer Person einschliesst und keine Grenzen oder Einschränkungen kennt.
Das Primär- bzw. das Schein-Selbst und das Ego
Unter dem Primär-Selbst verstehe ich eine stille, innere Instanz des Selbst, die sich kaum gegen aussen manifestiert und gewisse Werte in sich trägt, die sowohl genetisch (z.B. das Mitgefühl für andere Wesen) als auch durch eine bestimmte (meist frühe) Sozialisation angeeignet wurden. Das Primär-Selbst urteilt allerdings nicht, sondern nimmt Ereignisse und Taten zur Kenntnis und lebt im Augenblick. Die Kommunikation mit dem Primär-Selbst ist nicht immer einfach, bedingt viel Ruhe und Geduld, denn es drängt sich nicht in den Vordergrund, spricht nicht, denkt nicht, gibt sich mit wenig zufrieden und erfreut sich bereits eher belangloser Dinge. Ein Zugang zu ihm kann z.B. dann gefunden werden, wenn eine bestimmte Aufmerksamkeitsschwelle überschritten wird, wie etwa während des von Csikszentmihalyi (Csikszentmihalyi, 2010) beschriebenen Flow-Zustandes, wo alles rund herum fast völlig an Bedeutung verliert und einer tiefen Meditation oder Trance, usw. gleicht.
Ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage, würde ich das Zusammenspiel des Primär-Selbst mit dem Schein-Selbst wie folgt beschreiben:
Innere Welt
Primär-Selbst
Ruhe, Gelassenheit, innerer Frieden, Sicherheit und Geborgenheit, Freiheit, Gegenwartsbezug, Einheit, Anspruchslosigkeit, usw.
Vermittelnde Instanzen
Gewissen (Moral)
Logik und Verstand
Emotionen und Impulse
Vorstellung und Fantasie
Persönlichkeit
Biografie / Erfahrungen
Umweltkontrolle
Sinne [...]
Äussere Welt
Schein-Selbst
Spannung, Abenteuer, Rastlosigkeit, Lust, Unsicherheit, Abhängigkeit, Vergangenheits- und/oder Zukunftsbezug, usw.
Das Schein-Selbst ist jene Instanz, die sich mit der Umwelt austauscht und zwischen unserer Innenwelt und der Aussenwelt vermitteln soll. Das Schein-Selbst hilft uns zum Beginn unseres Lebens, um uns von unserem starken Ich-bezug als Kleinkinder zu lösen und die Wechselbeziehung zu anderen und unserer Umwelt zu gestalten. Dies ist vermutlich ein Zusammenspiel, das etwa bei Autisten nicht richtig zu funktionieren scheint und dazu führt, dass die Kommunikation von innen nach aussen und umgekehrt nicht reibungslos abläuft. Mit dem Schein-Selbst haben wir häufig viel mehr Erfahrungen, denn es ist die Stimme, mit der wir uns ständig unterhalten und die sich verschiedener (vermittelnder) Instanzen wie etwa des Gewissens, des Verstandes etc. bedient, um das von aussen sichtbare Verhalten zu steuern. Wenn das Schein-Selbst die vollumfängliche Kontrolle über unsere Gedanken und unsere Handlungen ausübt, dann laufen wir Gefahr, in einen Zyklus zu geraten, in dem wir Sklaven der Ansprüche des Schein-Selbst werden, die aber niemals wirklich befriedigt werden können, denn es verlangt immer nach mehr, egal was wir tun.
Das Ego sehe ich eher als vermittelnde Instanz, als Ausdruck der Persönlichkeit dessen sich das Schein-Selbst manchmal bedient um das zu bekommen, was es sich wünscht.
Nur selten gelingt es dem Primär-Selbst, dem/r stillen Beobachter/in, sich ungestört zu entfalten. Möglicherweise verschafft es sich zumindest teilweise in Träumen Gehör oder ist für Taten und Werke zuständig, die weit über das hinausgehen, was ein Mensch bei vollem Bewusstsein (hier im Sinne eines vom „wachen“ Verstand und dem Schein-Selbst unbeeinflussten Zustandes) zu realisieren in der Lage wäre. Es muss allerdings nicht handeln, sondern kann einfach nur „sein“ und die inhaltslose Gegenwart uneingeschränkt geniessen. Möglicherweise ist dies eine Fähigkeit, die uns im Laufe des Lebens oft abhandenkommt, denn meist ist es das „Schein-Selbst", das sich mit dem Alltagsgeschehen auseinandersetzt und später auch das darstellt, womit sich eine Person am stärksten identifiziert.
Wenn es um den kreativen Prozess geht, will das „Schein-Selbst" Dinge in einer bestimmten Absicht (Ruhm, Erfolg, Beliebtheit, Anerkennung, etc.) realisieren, so dass es die Inspiration häufig, wenn auch nicht immer, untergräbt.
Bezüglich der Inspiration wird mitunter auf eine Form der Eingebung verwiesen, deren Wurzel in Gott, dem Universum, dem Schicksal oder sonstigen ungeklärten Phänomenen liegen soll. Dem Komponisten Ludwig van Beethoven (Arnim, 1835) wurden in diesem Zusammenhang folgende Worte mehr oder weniger in den Mund gelegt:
„So vertritt die Kunst allemal die Gottheit, und das menschliche Verhältnis zu ihr ist die Religion; was wir durch die Kunst erwerben, das ist von Gott, göttliche Eingebung, die den menschlichen Befähigungen ein Ziel steckt, das der Mensch erreicht.
Eher von der Wahl einer bestimmten Lebensausrichtung beeinflusst, beschreibt dies die Schriftstellerin Carola Blacker (Blacker, 1852):
„Die grossen Entschlüsse und Handlungen unseres Lebens sind selten die Folge vielseitiger Erwägungen, noch auch augenblicklicher Eingebung, als vielmehr die eines bestimmen inneren Dranges, dem wir selbstverständlich uns fügen. Dieser aber ist das Ergebnis unserer geistigen und sittlichen Lebensrichtung, deren Elemente sich in dem einen Momente kristallisieren“.
Von einem Geheimnis oder gar einem Rätsel geht schliesslich der deutsche Maler Ernst Ludwig Kirchner aus:
„Der Geist formt, nicht das Auge.
Phantasie und Eingebung stehen am Anfang
jeder künstlerischen Arbeit
und sind ein Geheimnis und Rätsel“.
Vielleicht könnte man auch von einem bestimmten Bewusstseinszustand sprechen, in dem es uns allen gelingen kann, wundervolle Dinge oder Ideen einem tief in uns verankerten Bedürfnis des Erschaffens zu entlocken. Cicero (Cicero, 106 v.Chr. - 43 v.Chr.) spricht hinsichtlich der Inspiration von einem unerwarteten Hauch, der z.B. den Poeten ereilt und dem er unbewusst ausgesetzt ist.
Vielen bleibt diese Eingebung für immer verschlossen, anderen wird sie nur in einem einzigen bestimmten Augenblick oder auch in regelmässigen Abständen zuteil. Der Grund mag wohl in der Schwierigkeit liegen, den „Lärm" unserer Gedanken lange genug unterbinden zu können, bzw. uns eher dem Primär-Selbst derart widerstandslos zu ergeben, bis sich eine Inspiration oder „Beseelung“ einstellen kann. Dabei droht diese aus feinstem Porzellan geformte Eingebung in jeder Sekunde zu zerbrechen, wenn das Schein-Selbst seinen Beitrag einfordert. Nicht von ungefähr gelang es vielen Musikern der 70er Jahre, erstaunliche Werke in von Drogen wie LSD und Amphetaminen beeinflussten Bewusstseinszuständen zu erschaffen, die das „Schein-Selbst" mit den bekannten Nebenwirkungen in den Hintergrund drängten.
Vielleicht fällt es im Alter nicht nur aufgrund einer neurophysiologischen „Degeneration" schwerer, neue Ideen zu entwickeln, sondern auch deshalb, weil die Stimmen in unseren Köpfen immer lauter werden. Die Beobachtung dieser Degression hat auch schon Arthur Schopenhauer (Schopenhauer, 1851) veranlasst, folgende Aussage zu machen, die ich aber in Frage stelle:
„Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text, die folgenden dreissig den Kommentar dazu, der uns den wahren Sinn und Zusammenhang des Textes nebst der Moral und allen Feinheiten desselben erst recht verstehen lehrt".
Natürlich kann der „Zerfall" unserer intellektuellen wie auch körperlichen Leistungsfähigkeit nicht ausgeklammert werden, dennoch stelle ich immer wieder fest, dass diesem mit einer offenen Grundhaltung, einer ständigen Infragestellung und Suche nach neuen Erkenntnissen entgegengewirkt werden kann. Ein solches Verhalten ist einer erhitzten und flüssigen Käsemasse nicht unähnlich; wenn Sie aufhören diese eifrig zu rühren, verklumpt sie und lässt sich nur schwer wieder in einen flüssigen Zustand zurück versetzen.
Offenbar kann es auch bei starken Emotionen wie einer überwältigenden Freude oder einer tief empfundenen Trauer gelingen, dem Schein-Selbst ein Schnippchen zu schlagen und den Kontakt zu dieser Quelle der Inspiration herzustellen. Dies gelingt allerdings nur dann, wenn das starke Gefühl das Schein-Selbst überbrücken kann und die bewusste Auseinandersetzung mit dem Ereignis und die damit verbundenen Gedanken(-ströme) unterbindet.
Zur Inspiration bedarf es weder eines besonderen Talentes, noch einer ausgeprägten „Intelligenz“ (wie immer man diese auch definieren mag) oder sonstiger Voraussetzungen. Wir alle haben Schätze in uns vergraben, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Je mehr wir allerdings darnach graben, desto unwahrscheinlicher wird es, dass wir eines Tages darauf stossen. Nur wenn wir aufhören sie zu suchen, werden wir über sie stolpern und uns wundern, wie wir bloss solange an ihnen vorbeilaufen konnten.
In einem Zustand der inneren Stille und Abgeschiedenheit gelingt es uns, zurück zu unseren Wurzeln zu finden und alles auszublenden, was unser Dasein beeinträchtigt. Diese scheinbar einfache Aufgabe erweist sich im Alltag jedoch als äusserst schwierig, weil wir ständig von irgendwelchen Gedanken an unsere Lebensumstände, Erwartungen des Umfeldes, andere Menschen, tägliche Probleme, Ereignisse usw. „geplagt“ werden.
Hilfreich kann es sein, diese quälenden Gedanken aus unseren Köpfen fernzuhalten, indem wir ihnen eine Gestalt geben. Wir können versuchen, diese Gedanken niederzuschreiben, in passenden Farben auf eine Leinwand zu bannen oder in Gedichten, Liedern usw. zum Ausdruck zu bringen. Doch das ist weder so einfach wie es sich hier liest noch so wirkungsvoll, wie es anmuten mag, sofern nicht ein paar Grundsätze berücksichtigt werden:
Quälen Sie sich nicht, zu unternehmen, wozu Sie (noch) keinerlei Lust verspüren. Warten Sie den Augenblick ab, der Ihnen dafür angemessen erscheint. Setzen Sie sich nicht unnötig unter Druck. Beschäftigen Sie sich regelmässig mit der Vorstellung, Ihren Plan in Angriff zu nehmen, bis es eines Tages praktisch von alleine „Klick“ macht.
Denken Sie daran, dass es nur darum geht, etwas zu realisieren, was zunächst nur für Sie selbst bestimmt ist, also in keiner besonderen Absicht und einer damit einhergehenden Erwartung hergestellt wird. Sie handeln also nicht, damit es Ihnen besser geht, sondern weil es Ihnen genauso viel Freude bereitet, wie sie ein Kind empfindet, wenn es so lange in eine Pfütze springt, bis es vollständig durchnässt ist.
Lassen Sie sich nicht von ästhetischen oder sonstigen Kriterien von diesem Vorhaben abhalten. Es muss am Schluss weder schön noch besonders geschmackvoll sein. Nicht das Ergebnis ist das Ziel, sondern der Weg dorthin.
Schliessen Sie mit sich selbst einen Pakt nach dem Motto: „Die Emotionen, Ereignisse, Lebensumstände, etc., die ich hier zum Ausdruck bringe, verlassen endgültig meinen Kopf und leben fortan nur noch in der Gestalt meiner Wahl weiter“. Sie können einzelne Gedanken auch vergegenständlichen (z.B. Bilder, Texte, Skulpturen, Gemälde, etc.). Den gesamten Ablauf können Sie sich wie einen Umzug vorstellen. Die Gedanken ziehen unwiderruflich aus Ihrem Kopf in eine/oder mehrere neue „Wohnung/en“ um und wenn sie auch eines Tages zurück möchten, steht im Kopf kein „Raum“ mehr dafür bereit.
Sprechen Sie mit Ihren Gedanken in der/n neuen Form/en, selbst wenn es lächerlich erscheinen mag. Betrachten Sie sie aus einer gewissen Distanz, als wären es die Gedanken einer anderen Person. Ignorieren Sie sie anfangs nicht, sondern schenken Sie ihnen in regelmässigen Abständen, aber nur in Anwesenheit der gewählten „Form/en“, Ihre Aufmerksamkeit.
Wenn Sie eines Tages feststellen, dass Sie dem/oder den Gedanken nichts mehr zu sagen haben, räumen Sie dessen „Repräsentation“ erst weg und vernichten Sie diese anschliessend im Rahmen eines Rituals bzw. einer entsprechenden Inszenierung (auch wenn es Ihnen merkwürdig vorkommt). Dabei können Sie die „Form“ beerdigen (dann bleibt Ihnen allerdings ein Ort, an den Sie zurückkehren können, falls Sie das Bedürfnis danach verspüren sollten), verbrennen, versenken oder zerstören Sie die Gedanken anderweitig so, dass keine Spur davon mehr übrig bleibt. Was Sie behalten können ist die Erinnerung an dieses Ritual, das Sie als Entlastung erleben werden, als einen Augenblick des Aufbruchs zu neuen Ufern Ihres Lebens.
Sie wissen jetzt, dass diese Art von Gedanken in Zukunft in Ihrem „Hause“ unerwünscht ist. Wie nach schlechten Erfahrungen mit einem/r unangenehmen Mieter/in sollten Sie fortan darauf achten, solchen Gedanken keinen Einlass mehr zu gewähren.
Die Tätigkeit darf nicht zu einem Abwehrmechanismus geraten, sondern soll dazu beitragen, Abwehrmechanismen zu schwächen. Sie sollten also nicht jedes Mal ein Bild malen, wenn es Ihnen schlecht geht, sondern in einem Bild den Abwehrmechanismus darzustellen (versuchen), der Sie traurig macht, um Sie dem Bann dieser Abwehrreaktion zu entziehen.
Wenn uns das mit allen „Knoten" gelingt, die wir uns unweigerlich auf unseren Lebenswegen knüpfen, dann legen wir den Weg frei zum Primär-Selbst. Es ist aber nicht immer so einfach, solche Blockaden oder „Störungen" zu erkennen, denn manche schmerzhaften Dinge werden auch gerne ausgeblendet, um ein scheinbar „normales" Funktionieren zu ermöglichen. Blockaden treten oft zeitverzögert in Erscheinung und manifestieren sich oft in ganz anderen Zusammenhängen, wenn andere, z.T. ganz neue Probleme auftreten.
Es geht in dieser Hinsicht nicht darum, das Schein-Selbst zu bekämpfen, denn dafür müssten Sie ihm Aufmerksamkeit schenken, was seine Wirkung eher fördern denn einschränken würde. Im Grunde verhält es sich dabei wie in einem total unordentlich gehaltenen Dachboden. Um zu einer alten Kleiderkiste vorzudringen, könnten Sie mit einem Vorschlaghammer wild um sich schlagen und alle blockierenden Gegenstände planlos durcheinander wirbeln (was wohl zu noch mehr Unordnung führen würde) oder aber ein Teil nach dem anderen sorgfältig neu ordnen, um sich langsam zu Ihrem Ziel vorzuarbeiten.
Wollen wir uns von diesen Fesseln der Vergangenheit befreien? Dann sollten folgende Dinge beachtet werden:
Wir sollten (auch weit) in die Vergangenheit blicken (können) und uns fragen, mit welchen Werten unser Schein-Selbst gespeist wurde. Welches sind die Grundwerte, die uns ausmachen? Welche Prinzipien prägen unsere Einstellungen? Welche Vorstellungen von Recht und Unrecht tragen wir in uns? Welche Ereignisse rütteln uns auf? Welche Einstellungen haben wir zu Macht, Missbrauch, Gewalt, Liebe, Glauben, Ehe, Familie, etc.? Wofür schämen wir uns? Worauf sind wir stolz? Was würden wir niemals (wieder) tun und weshalb?
Wir sollten besonders einschneidende Ereignisse in unserer Vergangenheit kennen (lernen) und genau wissen, was damals geschah und wie wir diese bis zum heutigen Zeitpunkt verarbeitet haben. Fragen Sie Ihre alten Freunde/innen, Schulkollegen/innen, Nachbarn, Ihre Eltern, Geschwister etc., ob Sie sich an solche Ereignisse, die Sie betreffen, erinnern. Suchen Sie nach alten Tagebüchern, Briefen, Zeichnungen, etc. und fahnden Sie, wie es ein Archäologe tun würde, nach Spuren in Ihrer Vergangenheit.
In der Folge sollten diese Spuren aus einer „gesunden" (emotionalen) Distanz und aus einer rein sachlichen Perspektive heraus untersucht und in ihre einzelnen Bestandteile (beteiligte Personen, Handlungsstrang, Ort, Dauer, erlebte Gefühle, Abschluss und Konsequenzen, etc.) zerlegt werden. Hier empfiehlt es sich, ähnlich einem/einer Chirurgen/in vorzugehen, indem keine gefühlsmässige Bindung zum „Subjekt" hergestellt wird, sondern sachlich festzustellen, wie sich Störungen ausdrücken, bevor darüber entschieden wird, wie diese beurteilt und dann auch behoben werden könnten.
Dann steht die Neuordnung dieser Erinnerungen an, die bisher unter „Verschluss" gehalten wurden und nun neutralisiert, also wertfrei abgespeichert werden.
"Ich bin mir selbst mein grösstes Trauma".
[Prof. Michael Marie Jung (Jung M. M., 2009)]
Die Verarbeitung einschneidender oder sogar traumatischer Ereignisse erfolgt offenbar ähnlich wie die Verarbeitung von Schmerzen. Wird eine bestimmte Schwelle überschritten, schaltet sich das System von selbst ab, sodass der Schmerz (hier die Erinnerung an das Geschehen) nicht mehr bewusst erlebt werden muss. Bei traumatischen oder traumatisierenden Ereignissen wird oft der bewusste Zugang zur Erinnerung erschwert bzw. längerfristig sogar blockiert. Die Erinnerung erlischt zwar nicht einfach, sondern wird sozusagen in einer dunklen Ecke im „Kellerraum" des Selbst abgelegt, wo sie über Jahre lagern kann, ohne eine unmittelbar sichtbare (!) Wirkung auf das Verhalten der Person zu entfalten.
Doch dort kann sie auch weiter wuchern, durch andere schmerzhafte Erinnerungen angereichert werden, bis eines Tages der Raum im „Keller" zu eng wird. In der Folge kann es zur völligen Destabilisierung einer oft ausgewogen scheinenden Selbst-Struktur kommen, die manchmal explosionsartig, manchmal schleichend, ans Tageslicht dringt. Gleichzeitig kann das Schein-Selbst seine (selbst-)zerstörerische Wirkung entfalten und jeden Versuch, positive Gedanken zu generieren, im Keim ersticken. In dieser Phase ist jeder Anlass recht, die Erosion des Selbst voranzutreiben. Hinter jeder noch so belanglosen Bemerkung wird eine Kritik vermutet, jeder Anlass zur Freude wird in Grund und Boden geredet und nichts entspricht jemals dem, was man erwartet hat.
