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Marianne Theil ist zufrieden in ihrem Beruf als selbstständige Podologin und alleinerziehende Mutter. Bis ein Zufall sie auf die Idee bringt, alle Verpflichtungen hinter sich zu lassen, um sich die Welt anzusehen. "Alles kann, nichts muss!" und so zieht sie los, nicht ahnend, wie aufregend das Leben außerhalb der Komfortzone sein kann. Rückenschmerzen, Spinnenphobien und mangelnde Englischkenntnisse verschwinden aus dem Bewusstsein, wenn das Abenteuer an die Tür klopft. Aber auch danach ist nichts mehr wie davor, jedoch anders, als sie es sich gedacht hatte.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2020
Marianne Theil
Einmal um die ganze… (halbe) Welt
© 2020 Marianne Theil
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-10778-6
Hardcover:
978-3-347-10779-3
e-Book:
978-3-347-10780-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmach
Inhalt
Bestandsaufnahme
Der Ursprung
Los geht die Reise
Vereinigte Arabische Emirate – Dubai
Indien – Neu Delhi
Indien – Goa
Thailand – Bangkok
Thailand – Chiang Mai
Kambodscha – Phnom Penh
Kambodscha – Siem Reap
Singapur, Teil I
Thailand – Phuket
Malaysien – Kuala Lumpur
Malaysien – Perhantian Inseln – Palau
Singapur, Teil II
Indonesien – Bali
Indonesien – Bali –Gili Trawangan
Japan – Tokio
Australien – Perth
Australien – Brisbane
Australien – Sydney
Neuseeland – Auckland, Teil I
Neuseeland – Christchurch
Neuseeland – Auckland, Teil II
Zwei Wochen Quarantäne
Die Rückholung
Deutschland, zwei Wochen später
Zwei Monate später
Bestandsaufnahme
55 Jahre alt, geschieden, drei Kinder, selbstständig und mit zahlreichen Hobbys gesegnet. So würde ich mich mit einem Satz beschreiben. Und so fühlte ich mich auch. Von morgens bis abends durchgeplant, nicht unglücklich, nicht krank, nicht einsam. Aber trotz allem machte sich bei mir eine innere Leere breit. Manchmal dachte ich, es könnte an den Wechseljahren liegen, die letzte Periode lag schon einige Zeit zurück, kleinere unbedeutende Hitzewallungen kamen und gingen, manchmal schlief ich schlecht. Warum sollte nicht auch die Psyche an der hormonellen Veränderung leiden?
Vielleicht war das der Grund, dass ich diese wagemutige Idee jetzt in die Tat umsetzte und mich entschloss, einen Schnitt in meinem Leben zu machen. Warum nicht noch mal so leben und handeln wie ein junger Mensch? Meine Kinder waren alle volljährig, die zwei Großen waren mittlerweile aus dem Haus und meisterten ihr Leben ganz gut. Mein Jüngster war gerade mal achtzehn geworden, was nicht unbedingt aussagt, dass er erwachsen war, aber ohne mich würde er es auf jeden Fall schneller werden. Tja, wo kein Schaden, da auch kein Nutzen! Ich hörte von meinen Bekannten oft: „Ach, das ist noch die Spätpubertät, das gibt sich!“ Man könnte meinen, die Pubertät sei eine Krankheit, mit der sich die Jugendlichen einen Freifahrtschein für schlechte Manieren, Taktlosigkeiten und Faulheit ergattert hätten. Ich verstand ja, dass oft die Hormone verrücktspielten und das ganze Seelenleben durcheinandergeriet. Schließlich haben wir alle diese Zeiten durchgemacht.
Die erste Liebe, nach der das Leben zu Ende zu gehen scheint, die aufregenden Nächte mit Bacardi Cola und den ersten Zigaretten. Wie schnell fühlten wir uns erwachsen. Die Eltern hatten ja keine Ahnung, wie cool wir damals waren. Okay, das Kopfweh und der fahle Geschmack waren am nächsten Morgen nicht ganz so toll, aber das gehörte zum Erwachsenwerden eben auch dazu, und bis der Abend kam, war alles wieder vergessen. Trotzdem kann ich mich nicht daran erinnern (und das liegt nicht an meinem gehobenen Alter), dass ich zu meinen Eltern in dieser Zeit besonders frech gewesen wäre oder meine auferlegten Hausarbeiten nicht erfüllt hätte. Dass diese mir in dieser Zeit nicht unbedingt Spaß gemacht haben, steht außer Frage. Aber weiß sein muss, muss sein!
Deswegen war ich schon manchmal perplex, wenn ich auf eine normal gestellte Frage keine oder nur eine patzige Antwort bekam und gefühlte hundertmal darum bitten musste, dass der Geschirrspüler ausgeräumt werden sollte. Auf die Gefahr hin, gesteinigt zu werden, gestehe ich hiermit, obwohl ich kein Freund erzieherischer Maßnahmen bin, manchmal schreit so ein Fehlverhalten nach einer winzig kleinen Kopfnuss.
Natürlich wäre es besser gewesen, im normalen Umgangston miteinander zu reden, würde nicht auf einer Schulter so ein kleines Teufelchen sitzen und dir ins Ohr flüstern: „Jetzt zeig dem Nachwuchs mal, wer hier das Sagen hat, oder willst du dir ständig auf der Nase herumtanzen lassen!“ Wahrscheinlich blieb deswegen auch das Erfolgserlebnis aus, wurden die Anweisungen, wenn auch widerwillig, tatsächlich einmal befolgt. Vielleicht hätte man doch auf das Engelchen der anderen Schulterseite hören sollen, das leise vor sich hin säuselte: “Lass ihn doch in Ruhe, vielleicht hat er gerade andere Sorgen. Er wird sich schon wieder beruhigen.“ Aber das sind schließlich die unerforschten Gefühlsschwankungen, die es dem pubertierenden Teenager und vor allem den Eltern unmöglich machen, miteinander zu kommunizieren. Vielleicht war auch das ein Grund, einmal raus aus dieser Schublade der autoritären und anstrengenden Mutter zu kommen.
Deswegen würde ich jetzt für ein Jahr meine Podologiepraxis meinen beiden Mitarbeiterinnen anvertrauen und zwei Studenten in meinem Haus wohnen lassen, damit die laufenden Unkosten gedeckt waren und mein Jüngster nicht sich allein überlassen blieb. Und ich würde mich ausloggen …
Denn ich hatte einen Entschluss gefasst: Ich mache eine Weltreise, die mich ein ganzes Jahr rund um den Globus führen soll.
Ein Jahr Auszeit bedeutete allerdings auch ein Jahr Vorbereitung. Das ist nicht so einfach, vor allem wenn man so ein Computersteinzeitmensch ist wie ich. Nun habe ich ja drei Kinder, aufgewachsen mit Smartphone, Apple und digitalem Alltag. Glück gehabt, so könnte man meinen, aber weit gefehlt. „Keine Ahnung“, „keine Zeit“, „keine Lust“, das waren die Antworten, die ich zu hören bekam, wenn ich mal wieder nicht weiterwusste. Na, hätte ich das mal gesagt, wenn man mich zum tausendsten Mal anrief wegen Liebeskummer, Geld oder ähnlichen Dingen.
Aber das ist das Los einer jeden Mutter: allzeit bereit und immer für alles da zu sein. Und bitte, bitte keine Fragen stellen oder Unwissenheit zeigen. Ich fühlte mich innerlich so zerrissen, zwischen Fürsorge, Loslassen und Verständnis für alles, dass ich manchmal selbst gar nicht wusste, was noch richtig war. Einmal nur für sich selbst verantwortlich zu sein, keinem Rechenschaft für sein Handeln abzulegen, nicht als emotionaler Mülleimer herhalten zu müssen, das wäre schon sehr verlockend. All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf und bestärkten mich in meinem Tun. Mein Ehrgeiz war ungebrochen. Ich würde doch diese Reise um die Welt auch ohne das Fachwissen meiner Kinder hinkriegen. Allerdings war ich fest entschlossen, bei nächster Gelegenheit auch mal keine Ahnung, keine Zeit und keine Lust zu haben.
Also druckte ich die Formulare für die Visa für Indien, Australien, Kambodscha und die USA aus, genauso wie den gescannten Reisepass und das digitale Passbild und schickte es mit der Post. „Mal sehen“, dachte ich mir, „vielleicht geht das ja auch. Wenn nicht, dann lass ich mir von meiner örtlichen Druckerei helfen. Denn dort konnte ich sämtliche Dokumente auch digital verschicken lassen. Außerdem nehmen sie sich wenigstens die Zeit und sind auch nicht teurer als der Dank, den ich dann meinen Kindern wieder schulde.“
Zwei Tage später
Da hatte ich mal wieder Glück gehabt! Ein Patient und guter Freund aus meiner Praxis gab mir einen Tipp und nun konnte ich doch noch alles online verschicken. Geht doch!
Schade, dass meine Lieben das nicht so selbstverständlich hinkriegten, eigentlich habe ich sie so erzogen, dass sie sich artikulieren können. Na ja, Schwamm drüber. Allerdings zeigte mir das mal wieder, dass man in manch wichtigen Momenten oft allein dasteht.
Der Ursprung
Diese Idee kam buchstäblich aus heiterem Himmel. Eines Sonntagvormittags während des Kochens hörte ich nebenbei einen bayerischen Radiosender. Dort gab es regelmäßig interessante Berichte über Leute, die etwas Außergewöhnliches in ihrem Leben unternommen oder erreicht hatten. An diesem Sonntag wurde ein Ehepaar interviewt, das mit seinen beiden Kindern eine Segeltour um die ganze Welt gestartet hatte.
Diese Begeisterung und die Freude in ihren Erzählungen ließen mich dann doch genauer zuhören. Als dann die Frau am Schluss den Hörern noch mit auf den Weg gab, so eine Reise würde sie jedem wünschen, da es einen jeden prägen und im Positiven verändern würde, keimte ganz klein ein Plan auf.
Als mein Jüngster, der als Einziger noch daheim bei mir lebte, pünktlich zum Mittagessen aufstand, überfiel ich ihn erst einmal mit der Frage: „Was hältst du davon, wenn wir nach deinem Schulabschluss eine Weltreise machen?“ – … – Tja, wahrscheinlich dachte er sich: „Die Mama spinnt!“
Gesagt hat er es zum Glück nicht.
Aber die Idee schien ihm zu gefallen, denn sogleich machten wir uns über den Computer her, um uns alle Weltwunder zu betrachten, die wir uns ansehen wollten. Dabei stellten wir fest, dass uns alle Weltwunder gar nicht so sehr interessierten, waren doch einige dieser Bauten in Ländern, die als nicht ungefährlich eingestuft wurden.
Also fingen wir an, uns die Route um die Erdkugel einmal genauer anzusehen. Innerhalb einer Stunde mussten wir allerdings feststellen, dass wir unmöglich alles bereisen konnten. Die Welt ist ganz schön groß und so wurden immer mehr Abstriche gemacht. Ich denke, in der ersten Zeit unserer Planung haben wir unsere Reiseziele fast täglich verändert, aber bald kristallisierten sich dann doch unsere Schwerpunkte heraus. Wir hatten eine sehr abwechslungsreiche Route, in der ich doch für mich ein paar Abstriche machte.
Zum Beispiel war da Afrika mit Mauritius. Das wurde gecancelt, da sich mein Jüngster absolut nicht mit diesem Land anfreunden wollte. Dafür sollten es die Strände von Goa in Indien sein, Party am Strand und kiffen bis zum Abwinken. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich darauf wirklich Lust hatte. Teenager haben dann wohl doch noch eine andere Vorstellung von kultureller Bildung. Allerdings wollte ich unbedingt das Taj Mahal in Indien besuchen und da wir schon in diesem Land wären, könnten wir den Süden gleich mitnehmen.
Nun gut, ein Reiseplan ist eine Sache. Arbeit, Haus und Berufsausbildung für ein Jahr allein zu lassen bzw. zurückzustellen eine andere. Am nächsten Tag fragte ich meine Mitarbeiterin, ob sie es sich zutrauen würde, für ein Jahr die Praxis im Alleingang zu meistern. Wahrscheinlich nahm sie mich nicht ganz ernst, aber sie sagte gleich zu.
Im Anschluss ging es zum Steuerberater. Von ihm kam grünes Licht und einige gute Tipps, wie es ohne mich weiterhin gut laufen könnte. Da wurde mir bewusst, wie entspannt es doch sein kann, ersetzbar zu sein. Meistens ist es doch das Ziel, ob privat oder beruflich, unersetzlich zu sein, einzigartig. Aber was passiert, wenn man ausfällt?
Natürlich kratzt es gewaltig am Ego, wenn sich der Ehemann problemlos anderweitig tröstet oder deine Arbeitsstelle ohne große Umstellung von jemand anderem besetzt werden kann. Andererseits birgt es doch auch eine große Freiheit in sich, zu erkennen, dass sich das Leben ohne einen weiterdreht.
Nun müsste ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich das gleichgültig lassen würde. Denn letztendlich möchte man nicht nur als Hausfrau und Mutter gelten, als Fachkraft in seiner beruflichen Tätigkeit, sondern auch als Mensch, der geliebt wird. Zu spüren, dass man eine Lücke hinterlässt, macht den Menschen aus, der man in der Gemeinschaft ist.
Den Beginn unserer großen Reise planten wir für den September des kommenden Jahres. Dann war die Abschlussprüfung von meinem Jüngsten vorbei und meinen Geburtstag Anfang September wollte ich noch mit meinen Freunden und Kindern feiern, bevor es für ein Jahr auf große Wanderschaft (mit dem Flugzeug) ging. Jetzt hatten wir Mitte April im Jahr davor, genug Zeit, die Sache zielgerecht und entspannt anzugehen.
Ich muss dazu sagen, meine zwei großen Kinder waren alles andere als begeistert, als sie hörten, dass wir zwei für ein ganzes Jahr unterwegs sein sollten.
„Mama, du kannst nicht mal einen Handyvertrag allein abschließen. Wie willst du denn so eine Reise bewerkstelligen?“
Meine Tochter zeigte sich dann doch noch kooperativ und schickte mir einige Links zur „Inspiration“:
- Vergewaltigung im Ausland
- Terrorismus in Tourismusgebieten
- Flugzeugabstürze im Jahr 2010–2018 etc.
Nach einer ernsten Aussprache unterließ sie dann doch ihre Mitarbeit an diesem Projekt, wollte sich aber auch nicht mehr zu weiteren Reiseplänen meinerseits äußern. Schade eigentlich, denn ich verreise grundsätzlich sehr gern mit meiner Tochter. Sie spricht fließend mehrere Sprachen, ist sehr weltgewandt und auf sämtlichen Flughäfen dieser Welt zu Hause. Von der ganzen Familie ist sie (bis jetzt) die Einzige, die das Reiseholic-Virus in sich trägt.
Zudem sieht sie sehr gut aus: groß, schlank, mit langen dunkelblonden Haaren und einem erstklassigen Modegeschmack. Egal wohin uns unsere Reisen bisher verschlagen hatten, immer war irgendein aufmerksamer Rezeptionist, Kellner oder Verkäufer zur Stelle, der uns überfreundlich weitergeholfen hatte, falls wir Hilfe brauchten. Dabei hatten diese jungen Männer nur Augen für sie. Vielleicht lag das auch daran, dass ich klein und nicht ganz so schlank und jung war. Auf meinen Modegeschmack möchte ich auch nicht näher eingehen, schließlich kann man nicht auf allen Gebieten talentiert sein.
Außerdem teilen wir viele Interessen, gehen gern in Museen, Theater und alte Kirchen. Wir lieben es, in Straßencafés zu sitzen, die Menschen um uns herum zu beobachten und über das Leben und die Liebe zu philosophieren. Wie fast alle weiblichen Individuen gehen wir leidenschaftlich gern shoppen, egal ob es sich um Souvenirs, Kleidung, Schuhe oder Modeschmuck handelt. So hatten wir schon mehrmals Paris, Stockholm, Hamburg und Singapur für uns eingenommen und jedes Mal unseren Spaß dabei gehabt.
Nur mit dieser Reise hatte sie dann doch ihre Probleme. Gut, man kann eine Weltreise nicht mit einem kulturellen Wochenendtrip vergleichen, aber ein bisschen mehr Anteilnahme hätte ich mir doch von ihr erhofft.
Natürlich hatte sie Angst um mich. Ich konnte das verstehen, schließlich war mein Englisch mehr wie dürftig, andere Sprachen sprach ich gar nicht. Allerdings war ich der Meinung, das Essen, Trinken und Schlafen auch nonverbal mitgeteilt werden konnte. Und das wäre auf so einer Reise eh das Wichtigste. Nicht zu vergessen, mein Handy war inzwischen voll von lauter Apps, um Übernachtungen aller Preisklassen zu buchen, sämtliche Sprachen zu übersetzen und (Aus)Flüge zu organisieren. Ich wusste nicht, warum, aber ich hatte keine Bedenken, nur eine übermäßige Vorfreude auf dieses Abenteuer, das mich erwartete. Und wenn ich wieder daheim war, dann würde es auch mit dem Englisch klappen, dachte ich mir.
Mein ältester Sohn ging mit meiner Idee sehr pragmatisch um. „Mama, du hast dein Leben lang viel gearbeitet, ich finde, das kannst du dir jetzt schon mal gönnen. Schließlich wirst du auch älter und jetzt kannst du es körperlich noch meistern. Aber nicht alles ausgeben, denk an die Rente!“ Und: „Wieso willst du eigentlich den Kleinen mitnehmen? Der hat doch nichts geleistet. Allein könntest du viel individueller reisen, außerdem hättest du mehr Geld für dich und deine Sicherheit. Zum Beispiel bessere Hotels statt billiger Absteigen sowie geführte Reisetouren. Du könntest die Sehenswürdigkeiten anschauen, die dich interessieren, und hättest keinen maulenden Teenager dabei, der ständig meckert, dass er kein WLAN hat.“
In diesen Punkten musste ich ihm recht geben, daran hatte ich auch schon gedacht. Aber es erschien mir dann doch zu riskant, ihm für ein ganzes Jahr allein das Haus zu überlassen. Nur hatte ich auch schon seit einigen Wochen das Gefühl, das mein Jüngster meine Begeisterung nicht mehr teilte. Sobald das Thema darauf fiel, wurde er sehr einsilbig. Als dann von mir noch der Vorschlag kam, in den Ferien oder an den Wochenenden zu jobben, war seine Laune zu diesem Thema auf dem Nullpunkt. Schließlich konnte er nicht erwarten, dass er mit fast achtzehn Jahren keinerlei Beitrag dazu leisten musste.
Als ich ihn nach einigen Monaten direkt darauf ansprach, ob er denn überhaupt noch mitwolle, druckste er ein bisschen rum und gestand mir dann, dass ihm ein Jahr doch zu lang wäre, schließlich hätte er seit Kurzem eine Freundin. Außerdem würden ihm seine Freunde fehlen und überhaupt …
Gut, damit war es entschieden, er würde daheimbleiben, eine Lehre beginnen und sich um das Haus und die Katzen kümmern.
Inzwischen hatte ich noch zwei Studenten für die Zeit meiner Abwesenheit gewinnen können, die sich jeweils ein Zimmer mieten und das Haus als Wohngemeinschaft nutzen würden. So hatte ich wenigstens ein paar Mieteinnahmen, damit sämtliche Unkosten daheim gedeckt wären. Mein Exmann würde ein bis zweimal die Woche mit meinem Sohn essen gehen und sich vergewissern, dass alles in Ordnung war. Wenigstens hatte er mir das versprochen, aber ich dachte, dass ich mich in dieser Hinsicht auf ihn verlassen könnte.
Eine sehr gute Freundin würde regelmäßig nach dem Rechten sehen, schließlich hatte sie auch Kinder in diesem Alter und wusste, was alles schiefgehen konnte. Ich war froh, dass ich sie zur Unterstützung hatte, das ließ mich diese Reise auf jeden Fall viel gelassener angehen.
Nun waren es nur noch zwei Monate, bis zum Tag X und ich wurde langsam doch aufgeregter, als ich es mir vorgestellt hatte. Plötzlich sah ich meine Umgebung mit ganz anderen Augen. Nein, nicht anders, aber vielleicht genauer. Ich nahm mein Heim, meinen Garten, die Berge viel genauer wahr, überlegte mir, ob ich das alles vermissen würde oder vielleicht etwas Neues kennenlernen würde, das mich alles hier vergessen lassen würde.
Daran wollte ich gar nicht denken, denn ich flüchtete nicht, wollte aber meinen Horizont erweitern und neue Landschaften und Kulturen kennenlernen. Ich freute mich auf neue, fremde Menschen und hoffte, dass ich mich mit ihnen verständigen könnte.
Ich konnte es gar nicht erwarten, unbekannte Bauten und Tempel zu erleben. In Landschaften zu wandern, die mir absolut neu und unbekannt waren. An Stränden zu liegen und die Wolken am Himmel zu beobachten oder mit den Fischen um die Wette zu tauchen.
Ich wusste auch, dass ich Heimweh bekommen würde. Ich liebe meine Kinder, mein Zuhause und auch meine Arbeit. Aber das alles war nicht aus der Welt und nur für eine kurze Zeit aus meinem Leben verbannt. Schließlich würde ich wieder zurückkommen.
Tausend Gedanken gingen durch meinen Kopf: “Hoffentlich werde ich nicht krank und liege einsam irgendwo auf einer Pritsche, wo man mich vergisst.“ – „Hab ich auch nichts vergessen, werde nicht bestohlen oder erschlagen? Ab sofort werden keine Krimis mehr angesehen, nur noch Traumschiff-Reisen und Rosamunde Pilcher-Filme“.
Bis jetzt hatte ich keinerlei Bedenken, diese einzigartige Reise anzugehen, und ich wollte, dass es auch so bliebe. Denn viele Bekannte und Patienten in meiner Praxis gaben mir zu verstehen, wie gefährlich und risikoreich diese Auszeit werden könnte. Ich wollte mich dadurch nicht verunsichern lassen und redete inzwischen nur noch mit den Leuten darüber, von denen ich wusste, dass sie sich mit mir freuen würden.
Los geht die Reise
Und ehe man sich’s versah, war es so weit. Ein letztes Mal mit der Kollegin alles durchgegangen: die Büroarbeiten, Vollmachten für Firmen, Steuerberater, etc. Eine wunderschöne, feuchtfröhliche Abschiedsfeier, mit der ich gleichzeitig in meinen Geburtstag hineinfeierte (mache ich bei der nächsten Weltreise nicht mehr, da ich am nächsten Tag so verkatert war, dass ich vergessen habe, die Abschiedsbriefe meiner Kinder mitzunehmen). Dafür fiel mir das Verabschieden von meinen Lieben nicht ganz so schwer, da ich nur müde war und im Flixbus gleich schlafen wollte.
Von Frankfurt aus ging es dann in den Flieger weiter und mit zwei Stunden Verspätung flog ich endlich los, weg aus dem grauen, verregneten Deutschland. Es war eh in den Bergen Schnee angekündigt und so wurde mir der Abschied von allen Seiten leichtgemacht.
Mein erstes Ziel sollte Dubai sein. Eigentlich war diese Stadt nur zur Zwischenlandung geplant, aber wenn ich schon landete, wollte ich dort auch die Highlights bewundern. Außerdem gab es da den höchsten Turm der Welt, den Burj Khalifa, den es galt (mit dem Fahrstuhl) zu besteigen. Auch interessierte mich die Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi, über deren überwältigende Pracht so viel geschrieben stand. Also hatte ich eine Woche Dubai als Beginn meiner Reise eingeplant.
Gebucht hatte ich ein Zimmer über Airbnb bei einer jungen Frau, die gebürtig aus Polen kam, allerdings fließend Deutsch und Englisch sprach. Das wäre für den Anfang schon mal ganz gut, dachte ich, damit ich sprachlich nicht gleich ins kalte Wasser geworfen würde.
Vereinigte Arabische Emirate – Dubai
Allerdings stieß ich gleich nach meiner Ankunft an meine Grenzen, als ich über Uber eine Fahrt buchen wollte, was ohne WLAN und mit meinen geringen Englischkenntnissen nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen war. Gut, mein Fahrer war sehr verständnisvoll und fand mich schließlich wie ein aufgescheuchtes Huhn am äußeren Flugzeuggelände umherirren. Wahrscheinlich war ich nicht die erste Touristin, die an diesem Flughafen total überfordert war. Er hat seine Sache gut gemacht, mich nicht erst stundenlang durch die Stadt gefahren und mich sicher an die aufgeschriebene Adresse gebracht.
Meine Vermieterin, die schon länger in Dubai lebte und dort arbeitete und vor allem sehr gut Deutsch sprach, nahm mich herzlich auf und zeigte mir mein Zimmer mit Klimaanlage. Sie arbeitete in der Dubai Mall, einem riesigen Einkaufszentrum, um nicht zu sagen, der größten Einkaufsmeile weltweit (lt. Stadtführerin), in einem Juweliergeschäft und war den ganzen Tag außer Haus.
War es die lange Reise, acht Stunden Bus, sechs Stunden Flug, dazwischen lange Fußstrecken mit meinem überfüllten Handgepäcksrucksack? Auf jeden Fall hatte ich bei meiner Ankunft ziemliche Rückenschmerzen. Nun gut, es lebe die Pharmaindustrie, sie würde alle Beschwerden schnell verschwinden lassen. Doch weit gefehlt!
Nach einem Tag des Eingewöhnens hatte ich eine Tagestour durch Dubai gebucht. Ich freute mich sehr auf die neuen Eindrücke, denn unsere Reiseleiterin war eine deutschsprachige Ägypterin. Ich würde also alles verstehen und musste mir nicht das meiste zusammenreimen. Wie gesagt: die leidigen Englischkenntnisse!
Gleich morgens nach dem Frühstück nahm ich eine Schmerztablette gegen meine Rückenbeschwerden, die leider nicht besser geworden waren, und los ging der erste Ausflug. Das Treffen begann gleich im Dubai Museum, dem Al Fahidi Fort. Dort konnte man sich im Kurzprogramm über die Geschichte und die Gebräuche Dubais informieren. Wir waren acht Personen und freuten uns nicht nur über die neuen Erkenntnisse, sondern auch über die Klimaanlage, da es morgens um 9 Uhr schon an die 36 Grad hatte.
Danach erwartete uns ein kleiner Shuttlebus am Ausgang, um uns zum Spice & Gold Market zu fahren. Nach einer kleinen Gewürzkunde hatten wir ein bisschen Zeit, um uns die Geschäfte anzusehen. Es ist unvorstellbar, welch kunstvoller Schmuck dort hergestellt wird. Ja, sogar ganze Mieder werden aus Gold fabriziert, um die zukünftige Braut damit zu zieren. Es mag für die arabische Mentalität normal sein, aber ich denke, die europäische Frau würde sich für ein Leben im goldenen Käfig nicht mit Gold aufwiegen lassen wollen. Nun ja, vielleicht wäre da sogar der ein oder andere Scheich mit seinen Mitteln überfordert.
Nach einem kurzen Fotostopp am Jumeirah Beach mit Blick aufs Burj al Arab, das Siebensternehotel, das einem Segel gleicht, ging es ins Souk Madinat, ein arabisches Einkaufszentrum mit viel bunten Lichterarrangements, glänzenden Goldgeschmeiden und Tourismus-Schnick-Schnack.
Je länger die Fahrt dauerte, umso mehr genossen wir den Blick aus dem Bus, denn dort herrschte angenehme Kühle, während draußen schon lange die 40-Grad-Grenze überschritten war.
Aber egal wohin wir kamen, überall war die Handschrift des Herrschers Mohammed bin Raschid Al Maktum erkennbar. Überall wurde gebaut: ein noch größeres Hotel, ein noch höherer Turm, neue Villen, alles für gigantische Summen. Nirgendwo wird einem der Unterschied zwischen reich und arm so bewusst und nirgendwo hat mich dieser unermessliche Reichtum so irritiert, weil er in meinen Augen für so viel unnötige Dinge verschwendet wurde.
Alsdann befuhren wir die Palmeninsel, der Stamm, eine mehrspurig befahrene Schnellstraße mit einem Tunnel unterhalb des Meeresspiegels. Die Wedel der Palme, eine Reihe von Privatvillen mit eigenem Strand. Auch David Beckham besitzt hier ein Domizil. Der Preis: mehrere Millionen Dollar. Nun ja, seine Frau verdient gut.
An der Stirnseite dieser einzigartigen Formation erstreckt sich Atlantis, der kolossale Bau eines Hotels. Dessen teuerste Behausung, die Royal-Bridge-Suite, ganz oben in der Mitte, ist 900 qm groß und kostet am Tag 35.000 Dollar, Frühstück inklusive.
Es versteht sich von selbst, dass das Atlantis-Hotel auch ein Atlantis-Aquarium beherbergt. Eine gigantische Wassersäule mit Haien, Rochen verschiedenster Art und Größe und etlichen Tausenden Schwarmfischen. Nicht in der Größe eines Guppys, nein, eher in Medizinballgröße. So musste die Vorstellung der versunkenen Stadt Atlantis gewesen sein.
Im Anschluss an unseren Palmeninselausflug kamen wir eine Prachtstraße entlang, links und rechts gesäumt von Schönheitsund Dentalkliniken. „Schließlich möchte man für sein Gold auch eine Zeit lang etwas davon haben“, denkt sich das begüterte Familienoberhaupt. Überhaupt ist es für diese Frauen sehr existenziell, gut auszusehen, auch wenn sie dies in der Öffentlichkeit nur sehr begrenzt zeigen dürfen. Eigentlich schade, so viel Aufwand für einen Mann, der sich bis zu drei Frauen leisten darf. Aber wahrscheinlich kommt man deshalb so in Zugzwang.
Danach folgten gleich die Mauern der Privatanwesen des Bruders und der Schwester von Mohammed bin Raschid Al Maktum. (Es ist in Dubai erwünscht, seinen Namen immer ganz zu nennen, also werde ich das auch so halten. Schließlich möchte ich nicht in Ungnade fallen.) Daran schloss sich sein Besitztum an. Wie man vielleicht erahnen kann, noch gigantischer, imposanter, schlicht übermächtig! Schon anhand der Größe dieser Domizile lässt sich der unermessliche Reichtum dieser Familie erahnen. Kein Wunder, Dubai wächst täglich, überall entstehen neue kolossale Hotelpaläste und die drei Baufirmen, die dafür zuständig sind, gehören: Mohammed bin Rashid Al Maktum … ein bemerkenswerter Mann!
Das Ende unserer Unternehmung war unter anderem der Besuch der bereits erwähnten Dubai Mall. Die Galerie Lafayette darf dort ebenso wenig fehlen wie Chanel, Louis Vuitton, Hermès etc. Aber auch Geschäfte für die Normalsterblichen wie H & M, Adidas und Burger King sind dort vertreten. Kurzum, es gab dort nichts, was es nicht gab. Unsere Reiseleiterin drückte uns jeweils eine Karte für das Burj Khalifa in die Hand und verschwand.
Mit einem geräuschlosen Fahrstuhl ging es dann in die 124. Etage. Der Ausblick war phänomenal. Allerdings konnte ich ihn schon nicht mehr so hemmungslos genießen, denn die Schmerztablette vom Morgen hatte deutlich nachgelassen und es fühlte sich langsam so an, als hätte ich mir auf meiner Kehrseite einen Nerv eingeklemmt. Mist, eine Blockade!
Gut, in dieser Beziehung bin ich ein alter Hase, da hatte ich schon einige sehr miese Erfahrungen machen können. So hat halt jeder seine Schwachstellen, meine war das Kreuz mit meinem Kreuz. Deswegen nichts wie runter und eine Apotheke finden! Was nicht so leicht ist, wenn einen die Beschwerden wie eine 99Jährige schlurfen lassen und das inmitten von Burberry- und Escada-Shops. Es war auch nicht sehr einfach, sich in der größten Mall zurechtzufinden, zumal die Entfernungen in so einem Zustand ganz schön groß sein können.
Inzwischen fror ich entsetzlich, einerseits wegen der übermäßig aufgedrehten Klimaanlagen, andererseits auch wegen der Schmerzen. So schlich ich dann in gebückter Haltung auf der Suche nach Hilfe mit meiner lila-gemusterten Pumphose, meinem rosa Shirt und einem zu einer Stola umfunktionierten Tuch in schwarz-rot, ein absoluter Fremdkörper in dieser schönen reichen Umgebung, herum und freute mich, dass mein Sohn nicht mitgefahren war, um mich in diesem Zustand zu sehen.
