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Eines Abends erfährt sie, als sie, statt zu schreiben, nach ihrer ersten Liebe googelt, dass er sich aus dem achten Stock gestürzt hat. Vor fast fünf Jahren schon. Sie ist schockiert, ebenso sehr über seinen Selbstmord wie über die Tatsache, dass sie ihn gar nicht vermisst hat. Nun hat sie ihn am Hals, stärker als zu Lebzeiten. Was ist das, die Liebe? Wieso kann sie kommen und gehen? Wohin geht sie, wenn sie geht? Und was ist eigentlich mit der aktuellen Liebe los? Der sitzt in seinem Zimmer und checkt Mails oder sieht fern. Die Protagonistin in Monique Schwitters neuem Roman beginnt nun eine Liebesrecherche: Sie handelt ihre Liebesbiographie an zwölf Männern ab, die weit mehr als die Namen gemein haben mit den Aposteln, den Gesandten des Glaubens und der Liebe. Es sind beinahe mythische Umrisse von Männern, die sie schreibend mit Liebe, Leben und Geschichte füllt. Und je länger sie schreibt, desto stärker schiebt sich die Rahmengeschichte, ihre aktuelle Liebessituation, ins Zentrum, bis sie die Handlung übernimmt. "Eins im Andern" ist ein außergewöhnliches Buch: ein Wagnis, ein trickreiches, konsequentes Spiel mit Leben und Fiktion. Seine mitreißend lebendige Sprache verleiht ihm, bei aller Intensität, eine fast heitere Leichtigkeit.
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Monique Schwitter
Eins im Andern
Roman
Literaturverlag Droschl
Was, wann, wo
1 Petrus Ähnlich schnell, wie ein Mensch geht 9
Hamburg, Januar 2013 / Lenzerheide, Silvester 1992/1993
2 Andreas Nein, so nicht. Schon eher so 22
Hamburg, Januar 2013 / Zürich – ein kleiner Ort im französischen
Département Allier, Juli 1992 / Zürich, Juli 1993
3 Jakob Zwölfmal Herbst 45
Hamburg, Mitte Februar 2013 / Salzburg – Zürich – Frankfurt –
Graz – Berlin 1994 – 2001
4 Johannes Fremd ausgezogen 64
Hamburg, Ende Februar 2013 / Berlin, Frühling 2001
5 Thomas Was er sieht 82
Hamburg, Anfang März 2013
6 Nathanael Scheinpaar 99
Hamburg und Umgebung, Ende April 2013
7 Philipp So wusch, aus dem Nichts 115
Hamburg, Juli 2013 / Hamburg – Wien – Hamburg 2005/2006
8 Mathieu Spielmacher 136
Hamburg, Oktober 2013
9 Simon Schwimmen und fliegen 156
Hamburg – Zürich, November 2013 / Zürich, Winter 1992/1993
10 Tadeusz Graue paar Grad plus 180
Zürich, zweiter Advent 2013 / Salzburg 1993/1994
11 Jakob der JüngereLetzte Fahrt 200
Zürich, dritter Advent 2013
12 Du Beginnen, wieder 219
Zürich,vierter Advent 2013 / Zürich 1982 und 1993
Clov: What is there to keep me here?
Hamm: The dialogue.
Samuel Beckett, Endgame
Für dich von mir
1. Ähnlich schnell, wie ein Mensch geht
Wenn man plötzlich nach seiner ersten Liebe googelt, ist das eine Reaktion auf die Klopfgeräusche, die man vor dem Einschlafen und, noch kräftiger, beim morgendlichen Blick in den Spiegel, beim Anblick der tiefen, senkrechten Falte zwischen den Augenbrauen, vernommen hat. Vergeblich hat man das Klopfen zu orten versucht, hat es immerfort abwechselnd außen und innen vermutet – auf dem Dachboden / unter der Schädeldecke –, aber niemals zu fassen bekommen.
Immer häufiger taucht es auf, immer unerklärlicher, so auch an diesem späten Freitagabend im Januar. Die Kinder waren, wie meistens am Ende der Kindergartenwoche, erschöpft und überreizt; den ganzen frühen Abend haben sie gemeinsam gestritten und abwechselnd geheult, und später, weil sie ins Bett gehen sollten, wie Verrückte geschrien. Endlich schlafen sie, es ist einen Augenblick völlig still, selbst der Hund liegt reglos auf seiner Decke unter meinem Schreibtisch, ich starre auf sein schwarzes Fell, bis ich sehen kann, dass der Brustkorb sich hebt und senkt; ich atme auf, und das Klopfen wird laut. Kurze Hammerschläge erst, dann abwechselnd auch längere. Ich male Striche und Punkte in mein Notizbuch. Es ist nicht so, dass ich viel vom Morsen verstehe, aber ich beuge mich solange über die Tabelle, bis annähernd etwas Sinnvolles herauskommt. Annähernd. RAUCH. ZEIT. KIND. Naja. (Die Alternativen wären LXCH. TDIA. CRNE oder ETINAKSI. MESA. NDKI. Ich kenne keine Sprache, in der das auch nur ansatzweise Sinn ergäbe, also entscheide ich mich für Rauch, Zeit, Kind.) Stille. Mein Mann, nehme ich an, ist in seinem Zimmer damit beschäftigt, die Emails der ganzen Woche aufzuarbeiten, wie jeden Freitagabend, wenn er keinen Dienst hat, um kurz vor Mitternacht Wochenende zu rufen. Wir nehmen uns schon länger vor, wieder einmal etwas gemeinsam zu machen. Etwas. Mal hat er keine Zeit, mal ich. Rauchzeitkind! flitzt es mir durch den Kopf. Ich schlage mein Notizbuch zu, schließe die Word-Datei und öffne ein neues Fenster. Ins Suchfeld gebe ich Petrus’ Namen ein, den Namen meiner ersten Liebe.
Ich bin darauf vorbereitet, gar nichts zu finden und unbefriedigt abzubrechen. Auch mit Hinweisen auf eine Frau und Kinder rechne ich. Warum sollte nicht auch er inzwischen Familie haben? Sogar auf Fotos bin ich gefasst. Nicht aber darauf. Darauf nicht. Angekündigt aber hatte Petrus es schon in der ersten Nacht. Vom Fliegen hatte er gesprochen, zu dem der Mensch nicht fähig, und wie unendlich betrübt er darüber sei. Aufs Fallen war er zu sprechen gekommen, und von da ganz plötzlich aufs Gehen; und er hatte, weil ich nachfragte: Gehen?, ergänzt: Einen Schritt nur, einen einzigen Schritt ins Leere, und gut ist. Er hatte die Arme ausgebreitet, als ob er fliegen wollte, hatte mich angesehen und gelächelt. Mein Mann kommt herein, er hat weder geklopft noch meinen Namen gerufen, das kommt selten vor, nur im Streit, wenn er richtig wütend, richtig empört oder richtig erregt ist. Bist du beschäftigt, fragt er. Nein, antworte ich und verschlucke: Ich habe gerade von Petrus’ Tod erfahren.
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