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Es ist die Frage aller Fragen, die jeder Pilger einmal gestellt bekommt: Warum pilgerst Du? Bist Du denn so religiös? Kaum einer kann sich vorstellten, dass man, auch wenn man nicht übermäßig gläubig ist, zum Pilgern aufbricht. Wobei man tatsächlich irgendwann auf seinem Weg nachzudenken beginnt, ob es denn nicht tatsächlich einen Gott gibt, der unsere Geschicke lenkt. Im Frühsommer 2012, mit 55 Jahren, tat ich meinen ersten Schritt auf dem Camino Francés. Ziemlich unvorbereitet, unbedarft aber voller Optimismus pilgerte ich los und lies mich auf das ein, was der Weg mir täglich bot. Und er hatte viel zu bieten, eine unvergessliche Zeit, wunderbare Momente, interessante Menschen und wertvolle Erkenntnisse. Und er infizierte mich mit einem Virus, der seit dieser ersten Pilgerreise beständig eine Sehnsucht in mir wach hält. Eine Sehnsucht nach dem puren Leben, nach Freiheit, Natur, Kameradschaft, aber auch nach einem reduziertem Leben ohne Pflichten und Zwänge, in dem Freude und Leid dicht beieinander liegen und nur mit dem unterwegs, was mein bester Freund, mein Rucksack, fassen und ich tragen kann. Und eine andere Frage taucht ebenfalls immer wieder auf, nämlich die, dass man doch solche Empfindungen und Erlebnisse auch auf einem ganz normalen Wanderweg erleben kann. Da müsste man nicht unbedingt auf einem Pilgerweg in Spanien oder Portugal laufen. Diese Meinung kann ich nicht teilen. Denn genau das macht die Faszination und das Besondere der Jakobswege aus, über Wege und Steine zu wandern, über die bereits Tausende vor mir gegangen sind, viele hunderte von Jahren zurück. Diese Energie und die Aura all dieser Menschen schwingt in der Luft und lässt diese Wege zu etwas ganz besonderem für uns werden. Für mich sollten und werden noch viele Caminos folgen, denn es war der Beginn einer leidenschaftlichen Liebe für mich. Bwußt verzichte ich auf die Angabe der Kilometer, denn einzig und alleine das Loslaufen und Ankommen ist wichtig und die Distanz, die zurück gelegt wird. Diese Schilderung eines meiner Jakobswege ist eine Schilderung meines eigenen Weges. Es sind meine ganz persönlichen Empfindungen, Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke. Kompromisslos ehrlich und authentisch. Denn Gefühle und Eindrücke zu verarbeiten bedeutet für mich eine sehr große Herausforderung, da ich diese durch eine verstärkte Sensitivität (HSP)um ein Vielfach. Dieser Weg wurde zu meinem emotionalsten Pilgerweg, zu einer schmerzhaften Metamorphose von der Raupe zum Schmetterling.
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Seitenzahl: 647
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Felicidad …das Leben ist wunderbar und voller Überraschungen, also lasst uns leben, denn wenn nicht genau jetzt, wann dann? Bedenkt, das Leben ist endlich!
Vorwort
Einleitung
Irún – Hondarribia
Hondarribia – San Sebastian
San Sebastian – Zarautz
Zarautz – Pobeña – Deba
Deba – Markina-Xemein
Markina-Xemein – Guernika
Guernika – Bilbao – Pobeña
Pobeña – Castro Urdiales – Islares
Islares – Lardo – Santoña
Santoña – Güemes
Güemes – Santander – Bezana
Bezana – Santillana del Mar
Santillana del Mar – Cóbreces – Comillas – San Vicente de la Barquera
San Vicente de la Barquera – Colombres – Buelna
Buelna – Llanes – Póo – Nueva
Nueva – Ribadesella – La Isla
La Isla – Ruhetag
La Isla – Colunga – Villaviciosa
Villaviciosa – Peon – Gijon
Gijon – Avilés – Esteban de Pravia – Puerto de San Esteban
Puerto de San Esteban – Cudillero – Soto de Luiña
Soto de Luiña – Cadavedo – Canero (Tag 20
Canero – Luarca – Vilapedra
Vilapedra – Tapia de Casariego
Tapia de Casariego – Ribadeo
Ribadeo – Vilela – Gondán – San Justo
San Justo – Mondoñedo (Mariz)
Mondoñedo (Mariz) – Gontán
Gontán – Vilalba
Vilalba – Baamonde
Baamonde – Miraz – Roxíca
Roxíca – Sobrado does Monxes – Boimorto
Boimorto – Arzua – O Pedrouso
O Pedrouso – Monte do Gozo – Santiago de Compostela (Ankunft
Santiago de Compostela - Tag 2
Santiago de Compostela - Tag 3
Nachwort
Dankesworte
Literaturhinweise
Bilder
An die Pilger
Geh,
seit Deiner Geburt bist Du auf dem Weg.
Geh,
eine Begegnung wartet auf Dich,
wo, mit wem, Du weißt es noch nicht.
Vielleicht mit Dir selbst!
Geh,
Deine Schritte werden Deine Worte sein. Der Weg Dein Gesang,
deine Ermüdung dein Gebet, dein Schweigen wird schließlich zu
dir sprechen.
Geh,
allein, mit anderen, aber tritt heraus aus Dir.
Du, der du Dir Rivalen geschaffen hast, wirst Kameraden finden.
Du, der du dich von Feinden umgeben siehst, wirst sie zu Freunden
machen.
Geh,
auch wenn Dein Geist nicht weiß, wohin deine Füße Dein Herz
führen,
Geh,
Du bist für den Weg geboren, den Weg der Pilger.
Geh,
ein Anderer kommt Dir entgegen und sucht dich, damit du Ihn
finden kannst.
Im Heiligtum am Ende des Weges.
Dem Heiligtum im Innersten Deines Herzen.
Kloster Randa - Mallorca
Viele Bücher wurden über Jakobswege geschrieben, Reiseberichte, Wanderführer, Hilfen zur Ausrüstung, usw. Und doch sind gerade „Neulinge“, also die Menschen, die das erste Mal vor der Entscheidung stehen, sich auf einen Jakobsweg zu begeben, verunsichert., stellen die Fragen: Schaffe ich dies körperlich? Habe ich genügend Ausrüstung? Habe ich zu viel eingepackt? Was brauche ich wirklich? Schaffe ich dies mental? Und alleine gehen? Für mich! Nur für mich!
Dann hört man immer wieder: Der Weg gibt dir alles, was du brauchst! Habe nur Mut, dich darauf einzulassen. Und oft kommen gerade diese Fragen meist in einer angespannten Lebenssituation, private Probleme im Familien- oder Partnerbereich, berufliche Extremsituationen, „Burn-out!“
Wir alle haben zu viel materiellen und immateriellen Ballast in unserem Leben, oder?
Der Satz „Ich bin dann mal weg“ ist mittlerweile zu einem geflügelten Wort geworden. Ja, das ist der erste Schritt. Nicht: „…ich würde“, nicht „…ich könnte, nicht „ ..ich möchte“, nein, sondern: MACHEN!
Dann mal weg sein, ist keine Flucht, sondern DIE Herausforderung.
Jakobsweg („Caminos“) sind eine Herausforderung. Aber noch mehr eine Chance. Eine Chance, sich selbst zu erkennen.
Auf einem Camino reisen wir gleichzeitig auf zwei Wegen; wir bewegen unsere Füße, Schritt für Schritt. Wir schleppen manchmal unseren Körper. Das ist der äußere Weg. Und dann gibt es noch den inneren Weg. Das ist der der Seele und der Weg der Emotionen.
Womit wir wieder bei den anfangs gestellten Fragen wären …Angst!
Wir müssen uns beider Wege bewusst werden und uns Zeit nehmen, nicht nur für eine körperliche Vorbereitung. Nach der Tradition ist der Weg des Pilgers eine Reise zu Fuß, alleine. Er trägt allen materiellen Besitz, den er für die bevorstehende Pilgerreise benötigen wird, mit sich.
Was lernen wir daraus?
Lektion 1 für den Pilger: alles Überflüssige hinter sich zu lassen und nur mit dem Notwendigen zu gehen.
Lektion 2 für den Pilger: Ich trage alles selbst in meinem Rucksack. Weniger, umso leichter ist mein Weg.
Die Vorbereitung für den inneren Weg gestaltet sich ähnlich. Sie beginnt mit dem Zurücklassen von „psychischen Müll“. Vorurteile, Ängste, Groll, Hass usw. Mit Offenheit werden wir umso leichter die Leere (!) annehmen und daraus die Lehren (!) ziehen, die entlang dieser Wege gefunden werden können.
In einer von vielen als chaotisch empfundenen Welt reift aber – immer mächtiger- der Wunsch, sich dem Risiko auszusetzen, einen neuen Weg zu betreten. Denn Camino ist nicht nur ein Wanderweg, Camino ist ein Lebensweg. Und mancher möchte auch aus Hektik, Gleichgültigkeit und Lethargie erwachen. Zeichen dieses Erwachens ist die Anzahl der Menschen, die sich angezogen fühlen, die Caminos zu erwandern, oder treffender gesagt zu erpilgern. Die Hektik des modernen Lebens, die wir nicht nur in unserem beruflichen, sondern auch in unserem familiären und gesellschaftlichen Bereich erfahren, schleudert uns weg von unseren inneren Ich. Wir haben es zugelassen und sind nicht glücklich mit unserem Dasein.
Eine Pilgerreise bietet uns die Gelegenheit, langsamer zu werden und Weite in unser Leben hineinzulassen. Wir sehen es in der Landschaft, durch die wir kommen. In diesem Umfeld können wir auch über die tiefere Bedeutung unseren Lebens nachdenken und über den Grund, wozu wir hierher kamen. „Warum pilgerst du?“ Der Camino ermutigt uns, die immerwährende Frage zu stellen: Wer bin ich? Und entscheidend ist: der Camino bietet uns Zeit dafür, die Antworten zu finden und zu integrieren. Wir haben ja „nur“ zu laufen. Also hetz nicht auf dem Camino – nimm dir die Zeit, die er erfordert, denn er könnte sich als ein entscheidender Wendepunkt in deinem Leben herausstellen.
Wir brauchen nur die grundlegendsten Informationen, um an das Ziel zu gelangen. Es ist schwer, sich zu verlaufen; wir brauchen nur auf die gelben Pfeile oder die Muschel achten, die den Weg nach Santiago de Compostela weisen. Und oft lernen wir auch wieder, auf unsere innere, unsere eigene Stimme zu hören und über unseren Weg zu entscheiden.
„Ich bin dann mal weg“. Vergessen sollten wir aber nicht: Das „Ankommen nach einem Camino, sich wieder in Beruf, in Umfeld und Familie einzufügen. Von Vielen, die den Weg gegangen sind, wird berichtet, was sich hinterher verändert hat. Trotzdem – oder gerade deshalb:
Nimm dir Zeit und Mut. Mach es!
Joachim Paeulgen
Bad Urach
Es ist die Frage aller Fragen, die jeder Pilger einmal gestellt bekommt:
„Warum pilgerst Du? Bist Du denn so religiös?“
Kaum einer kann sich vorstellen, dass man, auch wenn man nicht übermäßig religiös ist, zum Pilgern aufbricht. Wobei man tatsächlich irgendwann auf seinem Weg nachzudenken beginnt, ob es denn nicht wirklich einen Gott gibt, der unsere Geschicke lenkt.
Bei mir kristallisierte sich der Wunsch, einmal im Leben den Jakobsweg zu laufen, so nach und nach mit den Jahren heraus. Bis dahin war mir nur der Camino Francés, der in einem kleinen Ort in den Pyrenäen unmittelbar an der Grenze zu Frankreich, in Sant-Jean-Pied-de-Port, beginnt, bekannt. DER Jakobsweg schlechthin.
Zuerst empfand ich es als schiere Utopie, ca. 700km auf gut vier Wochen verteilt, zu Fuß zu marschieren, obwohl ich eine begeisterte Bergwanderin und Joggerin war. Aber das Pilgern gehörte für mich in eine ganz andere Kategorie, reduziert auf das Wesentliche, in Gemeinschaftsschlafsälen in Herbergen zu nächtigen, bei Wind und Wetter draußen, Verzicht auf Bequemlichkeit … das war schon eine Herausforderung und hatte etwas abenteuerliches an sich. Aber Herausforderungen liebte ich schon damals und ich war neugierig darauf, ob ich das überhaupt bewältigen könnte. Und als sich dann ein einschneidender Wendepunkt in meinem Leben ereignete, wurde der Wunsch immer stärker in mir, bis ich eines Morgens aufwachte und genau wusste: Jetzt will ich laufen, jetzt bin ich soweit. Im Frühsommer 2012, mit 55 Jahren, tat ich meinen ersten Schritt auf dem Camino Francés. Ziemlich unvorbereitet, unbedarft aber voller Optimismus pilgerte ich los und lies mich auf das ein, was der Weg mir täglich bot. Und er hatte viel zu bieten, eine unvergessliche Zeit, wunderbare Momente, interessante Menschen und wertvolle Erkenntnisse. Und er infizierte mich mit einem Virus, der seit dieser ersten Pilgerreise beständig eine Sehnsucht in mir wach hält. Eine Sehnsucht nach dem puren Leben, nach Freiheit, Natur, Kameradschaft, aber auch nach einem reduziertem Leben ohne Pflichten und Zwänge, in dem Freude und Leid dicht beieinander liegen und nur mit dem unterwegs, was mein bester Freund, mein Rucksack, fassen und ich tragen kann. Und eine andere Frage taucht ebenfalls immer wieder in Gesprächen auf, nämlich die, dass man doch solche Empfindungen und Erlebnisse auch auf einem ganz normalen Wanderweg erleben könne. Da müsste man nicht unbedingt auf einem Pilgerweg in Spanien oder Portugal laufen. Diese Meinung kann ich nicht teilen. Denn genau das macht die Faszination und das Besondere der Jakobswege aus, über Wege und Steine zu wandern, über die bereits Tausende vor mir gegangen sind, viele hunderte von Jahren zurück. Diese Energie und die Aura all dieser Menschen schwingt in der Luft und lässt diese Wege zu etwas ganz besonderem für uns werden. Für mich sollten und werden noch viele Caminos folgen, denn es war der Beginn einer leidenschaftlichen Liebe für mich.
Bewusst verzichte ich auf die Angabe der Kilometer, denn einzig und alleine das Loslaufen und Ankommen ist wichtig und nicht die Distanz, die zurück gelegt wird.
Diese Schilderung eines meiner Jakobswege ist eine Schilderung meines eigenen Weges. Es sind meine ganz persönlichen Empfindungen, Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke.
Kompromisslos ehrlich und authentisch. Denn Gefühle und Eindrücke zu verarbeiten bedeutet für mich eine sehr große Herausforderung, da ich diese durch eine verstärkte Sensitivität (HSP)um ein Vielfaches heftiger wahrnehme und empfange. Jeder wird seinen Pilgerweg, welchen er auch immer erwandern möchte, auf eine ganz andere Art und Weise empfinden und erfahren, jeder hat eine eigene Herangehensweise, jeder besitzt einen eigenen ganz persönlichen Charakter
Und ist nicht auch unser Leben eine einzige große Pilgerreise?
Entspannt drücke ich mich in den bequemen Sitz des Zuges, der mich von Santiago de Compostela am Ende meines Weges zurück nach Bilbao bringt. Bereits bei meiner ersten Pilgertour trat ich meine Heimreise auf diese Weise an. So komme ich ein wenig langsamer wieder zurück in das hektische und laute Alltagsleben. Damals packte mich die pure Lust am Pilgern und seitdem habe ich diesen Virus nach Freiheit und Kameradschaft, nach Frieden und Abenteuer im Blut, der in uns Pilger ständig eine stille Sehnsucht wach hält. Solange, bis uns das Camino-Heimweh wieder unser Päckchen schnüren lässt und wir uns von Neuem auf eine unbeschreiblich schöne aber auch fordernde Wanderschaft begeben.
Jetzt fliegen die vielen Kilometer, die ich in den letzten Wochen zu Fuß zurück gelegt hatte, innerhalb weniger Stunden in Windeseile vor dem Fenster an mir vorbei. Das monotone Rattern der Schienen unter mir macht mich schläfrig. Meine Gedanken schweifen ab, zurück zu dem Tag, als ich vor 5 Wochen in Bilbao aus dem Flugzeug stieg. Viel ist seit dem geschehen. Wochen, gefüllt mit Erlebnissen, Emotionen, Freude, Lachen, Weinen, kämpfen.
„Nur wo Du zu Fuß warst, da bist Du auch gewesen“ Johann Wolfgang von Goethe
Auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt
- Konfuzius -
Die Maschine der Germanwings, die mich von Stuttgart nach Bilbao bringt, ist im Landeanflug. Unter mir liegt der kleine baskische Flughafen mit dem markanten Terminal, das in der Sonne schneeweiß leuchtet und einem startenden Starfighter gleicht. Bereits vor zwei Jahren beeindruckte mich dieses Gebäude. Damals pilgerte ich von Pamplona aus auf dem Camino Francés. Jetzt kommt mir alles sofort wieder vertraut vor.
Der Abflug kurz vor zehn Uhr in Stuttgart fühlte sich seltsam unwirklich an. Alles ging so schnell, die Fahrt zum Flughafen, der Abschied von meinem Lebenspartner. Er wird nun die nächsten 6 Wochen ohne mich auskommen müssen. Für mich wird jeder Tag neu und aufregend sein aber für ihn werden es lange Wochen werden. Lange muss ich nicht auf meinen roten Rucksack am Gepäckband warten. Da ich vom letzten Mal weiß, wo sich die Bushaltestelle Richtung Innenstadt befindet, laufe ich zielstrebig vor die Eingangshalle. Mit mir kamen noch einige andere Pilger an, die ebenfalls diesen Weg nehmen. In Erwartung dessen, was jetzt in den nächsten Tagen und Wochen auf sie zukommen mag, stehen die Einen noch ein bisschen unsicher herum, weil es für sie die erste Pilgerreise ist. Die Anderen geben sich fröhlich und ausgelassen, voller Tatendrang und Ungeduld, weil sie sich endlich wieder auf den Weg machen können. Ich bin die einzige unter ihnen, die ohne Begleitung wartet. Die meisten sind zu zweit oder mit einer Gruppe unterwegs. Schon nach wenigen Minuten erscheint der Bus. Der Fahrer verstaut unsere Rucksäcke in den Gepäckraum unterhalb der Fahrgastsitze und wir suchen uns, nachdem wir bei ihm ein Ticket gelöst haben, einen Sitzplatz. Die Fahrt in die Innenstadt dauert nicht lange. Einen ersten Eindruck von Bilbao bekommt man bereits, wenn man über eine bemerkenswerte Metallbrücke mit rotfarbenen Streben fährt, die sich über den breiten Ria Nervión spannt. Links der Brücke erkennt man einen Teil der Altstadt und rechts davon besticht das imposante Guggenheim-Museum, das wie ein träger Koloss am Flussufer liegt und dessen Außenfassade, die komplett aus Titanplatten besteht, in der Mittagssonne silbern glänzt und funkelt. Beeindruckend sind auch die vielen anderen auffälligen Gebäude, die die Uferpromenaden säumen. Begrenzt wird die Altstadt im Hintergrund von den letzten Ausläufern der Berge.
Gerade einmal zwei Stunden hatte der Flug gedauert. Jetzt ist es kurz vor Mittag. Mittlerweile steht die Maschine auf dem Rollfeld und wir Passagiere warten ungeduldig auf das Öffnen der Türen. Beim Aussteigen kommt mir ein Schwall feuchtwarmer Luft entgegen. Ich liebe Spanien und schon alleine durch die vielen unterschiedlichen Gerüche fühlt es sich jedes Mal an wie ein Nachhause kommen. Mittlerweile stehe ich ein wenig verloren zwischen lachenden und lärmenden Menschen im Busterminal, denn ich muss noch etwas mehr als eine Stunde warten, bis der Irísbus, der mich zu meinem Ausganspunkt Irún bringen soll, hier eintrifft. Zeit genug, auf einer Bank zu sitzen, die bunt gemischten Menschen zu beobachten und den Gedanken nachzuhängen. Dabei kommt mir meine vorgezogene Geburtstagsfeier von gestern in den Sinn. Da ich mein Wiegenfest auf dem Jakobsweg verbringen werde, kam meine ganze Familie noch zum Kaffee vorbei. Auch meine Kollegin hatte sich eingefunden. Sie wird jetzt die nächsten Wochen die Stellung an unserem gemeinsamen Arbeitsplatz halten. Das rechne ich ihr hoch an, denn ohne ihre bereitwillige Hilfe und auch nicht ohne das Verständnis meines Arbeitgebers könnte ich mir diese längeren Pilgerreisen momentan noch nicht erlauben.
Es war schön, sie alle vor meiner Abreise noch zu sehen, denn so ganz alleine losziehen und völlig auf mich gestellt zu sein ist eine völlig neue Herausforderung. Schon beim Packen war ich dieses Mal mehr als konfus und unorganisiert, obwohl ich ja nur meinen Rucksack, meinen treuen Begleiter für die kommenden Wochen, dabei habe. Das sollte ich dann auch in den nächsten Tagen schmerzhaft zu spüren bekommen.
Meine Gäste meinten es gut mit mir und beschenkten mich reichlich mit Glücksbringern. Damit kann jetzt garantiert nichts mehr schief gehen! Zu einem witzigen kleinen lilafarbenen „Muskelkater" aus samtigem Stoff gesellte sich ein Metall-Schutzengel und ein Marienkäfer als Anhänger für den Rucksack.
Die Geräusche und das Stimmengewirr um mich herum reißen mich aus meinen Gedanken. Ich beobachte die Pilger, die sich hier im Busterminal in zwei ungleiche Hälften teilen. Die meisten von ihnen machen sich auf in Richtung St. Jean-Pied-de Port, einem kleinen französischen Pyrenäenörtchen. Dort beginnt der Camino Frances, der Weg, der allgemein bekannt ist unter dem Namen Jakobsweg. Oder aber auch Richtung Pamplona, dort beginnen diejenigen, die sich die ersten schweren Bergetappen über die Pyrenäen auf dem Frances ersparen möchten. Nur eine Hand voll Pilger wartet mit mir auf den Bus, der uns an die Grenze zu Frankreich, nach Irún bringen wird. Nicht ohne den nötigen Respekt habe ich mich dieses Jahr für den Camino del Norte, den Weg am Atlantik entlang, entschieden. Dieser gilt als schwerer und härter. Die Berge hier im Baskenland sind steiler und die Wälder dunkel und geheimnisvoll und trotzdem herrlich und abwechslungsreich. Mit ca. 850 km ist der del Norte um Einiges länger als der Frances. Vor meiner Abreise hatte ich immer wieder einschlägige Erlebnisberichte gelesen und einer davon, der mich besonders in seinen Bann zog, war ausschlaggebend dafür, dass ich mich letztendlich für diesen Camino entschieden habe. Schon beim Lesen wäre ich am liebsten auf und davon. Für Mai liegt bereits eine ungewohnte Hitze über der Stadt und nach den eher kühlen Temperaturen in Stuttgart ist diese Witterung für mich noch gewöhnungsbedürftig. In einem Kiosk kaufe ich mir eine Flasche Wasser und suche mir wieder einen Sitzplatz auf einer der reichlich unbequemen Bänke. Um mich herum herrscht ein buntes Gewirr von Menschen und Sprachen. Hier und da versuche ich etwas von den Gesprächen aufzuschnappen, fühle mich alleine unter diesen frohgestimmten Menschen. Noch immer kann ich nicht wirklich realisieren, dass ich mich tatsächlich auf diesen langen Weg begebe. Diesem Moment habe ich monatelang entgegen gefiebert und jetzt, da ich hier mitten in Bilbao sitze, erscheint es mir noch immer reichlich unwirklich. Die meisten Pilger stehen auch hier in Grüppchen beisammen und eine davon, die nur aus, Männern besteht, ist bereits mit einem ordentlichen Vorrat an Bier versorgt. Diese fidelen Wandervögel wollen den Camino Fancés laufen und die Busfahrt nach St. Jean-Pied-de Port wird wohl recht feuchtfröhlich ausfallen. Die Vier machen bereits jetzt schon einen reichlich beschwipsten Eindruck auf mich.
Der Bus fährt ein und die mitfahrenden Passagiere drängeln sich ungeduldig an dessen Eingang. Der Fahrer stopft die Rucksäcke und das Gepäck drunter und drüber in den Stauraum. Dabei habe ich jedes Mal Sorge, dass meine schöne große Jakobsmuschel, die mir mein jüngster Sohn geschenkt hatte und die das Erkennungszeichen des Jakobspilgers ist, zu Bruch geht. Aber immer übersteht sie wie durch ein Wunder alles wohlbehalten. Ich deute das als positives Zeichen.
Spanische Reisebusse sind bequem und der Platz, den ich ergattere ideal, um während der Fahrt in Ruhe die Landschaft zu betrachten. Und die ist unbeschreiblich herrlich! Dieses Baskenland habe ich jetzt schon in mein Herz geschlossen. Es erinnert mich ein wenig an das Allgäu, aber auch sehr stark an den Schwarzwald. Beim Anblick dieser dunklen Wälder kommt mir die schwäbische Geschichte von Wilhelm Hauff: „Das steinerne Herz“ in den Sinn. Mal sind die Berge schroff und steil, bewaldet mit Kiefern, Esskastanien, Eichen, Ginster und den unterschiedlichsten Laubbäumen. Mal sind sie sanft und überzogen mit einem Samtteppich aus saftig grünen Wiesen, auf denen das Vieh weidet.
Ein Ort, der mich besonders fasziniert, ist eingebettet in ein tiefes, schmales Tal, umgeben von dunklem Wald. Die Häuser, zumeist Hochhäuser, kleben an den Hängen wie Schwalbennester und wurden hauptsächlich aus terracottafarbenen Steinen gebaut. Alles wirkt auf mich seltsam fremd und doch so vertraut. Leider achte ich nicht auf den Namen dieser Stadt, so bin ich mit Schauen beschäftigt. Die Fahrt vergeht wie im Flug, denn begierig sauge ich alles in mich auf, was vor meinem Fenster an mir vorbeifliegt. Die Landschaften und Orte sind für mich neu und aufregend und einige dieser Städte werde ich auf meinem Weg zurück in Richtung Bilbao wieder durchlaufen.
Eine kleine unscheinbare Haltestelle empfängt meinen Bus in Irún. Mit mir steigen nur noch vier weitere Pilger aus, die allerdings weiter möchten nach St. Jean-Pied-de Port. Der erste Schritt auf meinem weiten Weg ins entfernte Santiago verursacht in mir schon ein wenig banges Herzklopfen. Dementsprechend unsicher stehe ich auf dem Gehweg. Bei einer Körpergröße von gerade mal 1,57m sieht man von hinten wohl nur meine Beine unter dem großen Rucksack hervor schauen. Die gut 850km, die vor mir liegen sind vergleichbar mit einem neuen ungelesenen Buch. Erst dann, wenn man die letzte Seite umblättert, kennt man die ganze Geschichte. Mit welchen Geschehnissen wird wohl mein Buch gefüllt werden?
Ratlos und völlig alleine stehe ich nun mit meinem Rucksack auf der Straße. Welche Richtung ist nun die richtige, um in das vier Kilometer entfernte Hondarribia zu gelangen? Dort habe ich mir bereits vor der Abreise außerhalb des Ortes kurz vor dem Anstieg auf den Jaizkibel in einer Jugendherberge eine Unterkunft reserviert. In Irún wollte ich nicht bleiben, denn meine Überlegung war die, dass ich mir am ersten Etappentag auf diese Weise acht Kilometer einsparen könnte. Außerdem schadet ein wenig Bewegung nach dem Flug und der Busfahrt den eingerosteten Gelenken sicherlich nicht und mein Rücken bekommt schon mal einen Vorgeschmack des Ballastes, den er die nächsten Wochen tragen muss. Ich entscheide mich dafür, meine Schritte in Richtung Ortsmitte zu lenken. Das kann nie verkehrt sein und auf dem Weg dorthin werde ich dann hoffentlich die Muschel oder einen gelben Pfeil, die Zeichen des Jakobsweges, an einer Hauswand oder auf dem Boden entdecken. Beide werden mir in den nächsten Wochen den Weg nach Santiago weisen.
Gleich vor der ersten Bar auf die ich stoße, sitzt eine blonde Frau. Dem Aussehen nach ist sie eine Landsmännin von mir. Mit einem „Hola“ und „Buen Camino“ spreche ich sie kurz entschlossen an. Überglücklich, wohl darüber, dass jemand ihre Sprache spricht, dreht sie sich zu mir. Meine Vermutung, dass sie ebenfalls aus Deutschland stammt, bestätigt sich. Sie heißt Natalie und macht einen mehr als aufgeregten Eindruck auf mich.
„Bist du erst angekommen?“ möchte ich wissen. „Du glaubst es nicht! So ein Mist! Ich sitze schon seit heute Vormittag hier herum. Die haben doch tatsächlich meinen Rucksack in Frankfurt nicht in die Maschine gepackt und mir jetzt hoch und heilig versprochen, ihn mit dem nächsten Flieger nach zu schicken. Jetzt warte ich hier auf eine Freundin, mit der ich gemeinsam pilgere.
Sie hat versprochen, ihn mir mitzubringen. Hoffentlich klappt das, sonst kann ich gleich wieder nach Hause zurück. Im Moment besitze ich nur das, was ich an habe und was in meiner kleinen Tasche steckt“, sprudelt es aufgeregt aus ihr heraus. Dass sie so aufgelöst ist, kann ich sehr gut verstehen. „Ist das deine erste Pilgerreise?“ frage ich neugierig. „Ja, das auch noch. Ich habe keine Ahnung, was da auf mich zu kommt. Und die Freundin, auf die ich warte, kenne ich noch nicht einmal persönlich. Wir haben uns im Internet auf einer Pilgerseite gefunden. Ich war auf der Suche nach einer Begleitung weil ich mir das nicht alleine zutraue“. Oh je, dumm gelaufen, denke ich. „Jetzt mach dir mal nicht zu viele Gedanken, das wird schon alles klappen. Dein gutes Stück taucht bestimmt auf. Schlimmstenfalls hast du eben einen Tag verloren. Sag mal, bekomme ich in der Bar einen Stempel für meinen Pilgerpass? Sonst muss ich hier noch zur städtischen Herberge laufen.“ Natalie deutet mit dem Finger in Richtung Tresen. „Ja, geh einfach rein. An der Bar bekommst du einen“.
Der erste Stempel in meinem Credenzial, meinem Pilgerausweis. Solch einen Ausweis, den man bei uns in Deutschland bei den Jakobusgesellschaften oder auch hier auf dem Camino in den Herbergen erhält, berechtigt jeden Pilger, in den Herbergen übernachten zu dürfen. Zudem sammelt man darin die Stempel der jeweiligen Tagesetappen, die in den Unterkünften, in Bars, Kirchen, Touristenbüros und auch Rathäusern erhältlich sind.
Später in Santiago im Pilgerbüro ist das Credenzial der Nachweis dafür, dass diese Strecke tatsächlich zu Fuß bewältigt wurde und für sich selbst eine schönes Erinnerungsstück.
„Natalie, hast Du eine Ahnung, wie ich von hier nach Hondarribia komme?“ Freudestrahlend darüber, mir helfen zu können, reckt sie ihren Arm in die Richtung einer Abzweigung. „Das weiß ich inzwischen. Du biegst einfach hier in diese Straße und läufst immer gerade aus und dann kommst du direkt auf den Ort zu“.
„Prima, ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass du deinen Rucksack bekommst. Alles Gute für dich und vielleicht treffen wir uns ja unterwegs. Ich mache mich jetzt auf den Weg. Heute Abend will ich in einer Jugendherberge unterhalb des Jaizkibel übernachten. Ich habe mir dort schon ein Bett reserviert. Mach’s gut und Bon Camino Natalie“. Ich schüttle ihr die Hand und lasse sie wieder alleine wartend vor der Bar zurück. Im Stillen freue ich mich auf die Zeit, die vor mir liegt.
Viele Wochen ohne diese andauernde Fremdbestimmung.
Grenzenlose Freiheit!
Die ganze Alltagsroutine los lassen… keine Arbeit, kein Haushalt, keine Termine, keine Planungen, einfach nichts… nur laufen und warten, was der jeweilige Tag an Neuem im Gepäck bereit hält.
Aber in mir steckt noch sehr viel Unruhe und es wird seine Zeit brauchen, bis ich die tägliche Routine ablegen kann.
Noch ungewohnt heiß brennt die Sonne für mich vom Himmel. Meine Wetter-App zeigt mir mehr als 30Grad an. Bereits nach kurzer Zeit drückt der Rucksack unangenehm und schwer auf meine Schultern. Diese Last sind sie noch nicht gewöhnt. Selbst meine Füße sträuben sich gegen das Laufen und der Durst steigert sich mit jedem Meter. Sträflicher Weise habe ich nicht daran gedacht, mir einen Wasservorrat mit zunehmen und nirgends gibt es hier an der Straße eine Bar oder einen Laden, um etwas zum Trinken zu kaufen.
Hondarribia soll eine sehr malerische und sehenswerte Altstadt besitzen und direkt am Atlantik liegen. Auch wenn mich dieser Ort neugierig macht, aber dieser Umweg übersteigt heute noch meine Kräfte. Also erspare ich mir diesen Stadtbesuch und wende mich gleich der ersten Steigung zu, die am Ortsbeginn hinauf in Richtung Berge zu meiner Herberge führt. Die kleine Asphaltstraße, die sich in der prallen Sonne teuflisch böse bergauf windet, lassen meine Beine brennen und der Durst tut sein Übriges. Wenigstens mündet dieser Weg in ein idyllisches Gebiet mit Gärten, Wiesen und Bäumen und ich bekomme endlich ein wenig Schatten. An einer Weggabelung treffe ich das erste Mal auf einen hölzernen Wegweiser, der mir zeigt, dass ich mich auf dem Camino de Santiago befinde, dem Donejakue Bidea, wie er auf Baskisch heißt. Done, das baskische Wort für Heilig und Jakue für Jakob. Baskisch, eine furchtbar fremde Sprache für mich. Beim besten Willen kann ich keine Ähnlichkeit mit dem Spanischen erkennen. Das ist mir vertraut, ich kann es lesen und zumindest ausreichend sprechen. Verwunderlich ist es nicht. Denn Euskara, wie diese seltsam klingende Sprache auf Baskisch heißt, ist mit keiner anderen Sprache der Welt genetisch verwandt. Sie ist eine vollkommen isolierte Sprache und wird in der spanischen Grenzregion Biskaya bis nach Frankreich hinein in den unterschiedlichsten Unterdialekten gesprochen. Während der Franco-Diktatur von 1939 – 1975 war diese Sprache verboten.
Inzwischen wird sie aber wieder begeistert von den Bewohnern gepflegt und gesprochen. Und auch alle öffentlichen Verkehrsschilder, Ortsschilder, Hinweisschilder, eigentlich alles, ist auf Baskisch verfasst und schon alleine beim Lesen breche ich mir fast die Zunge. Beim Anblick dieses Wegweisers steigen in mir vertraute Gefühle hoch und jetzt habe ich die beruhigende Gewissheit, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Aber der Durst quält immer heftiger. Meine Kehle gleicht einem ausgetrockneten Wasserloch. Wie kann man auch so dämlich sein, bei dieser Hitze ohne Wasser loszulaufen. Außerdem fühlt sich mein Rucksack mittlerweile an, als hätte ich Blei eingepackt.
Trotzdem hält mich das alles nicht davon ab, diese wunderbare Landschaft rings um mich herum begeistert aufzunehmen. Es ist, als ob ich gerade durch den Garten Eden wanderte. Die Blütenpracht und die Vegetation sind trotz dieser Hitze unbeschreiblich. Am Wegrand huschen Eidechsen in den unterschiedlichsten Größen und in schillernden Farben vor mir davon oder bleiben neugierig sitzen und beäugen mich. Vögel zwitschern in den Bäumen und ab und an meckern Schafe und Ziegen. Der Duft der vielen Blumen und das würzige Aroma der Kräuter mischen sich zu einem betörenden Bouquet. Und endlich taucht wie eine Fata Morgana vor meinen Augen ein Schild mit dem rettenden Hinweis auf eine Bar auf. Augenblicklich erscheint in meinem Kopf das Bild eines eisgekühlten prickelnden Radlers.
Die wenigen Gäste, die sich zu dieser Stunde noch auf der Terrasse der Bar befinden, haben sich alle in den Schatten der Sonnenschirme geflüchtet. Aber in der Gaststube empfängt mich eine erfrischende Kühle. Der Wirt eilt sofort auf mich zu. “Du siehst durstig aus. Was möchtest du haben? Magst du auch etwas essen?“. „Oh ja, sehr gerne, ich bin völlig ausgedorrt. Am besten eine große Clara und noch eine Flasche Wasser dazu. Zum Essen nur ein Bocadillo mit Schinken und Käse bitte?“ Mein Gott, freue ich mich auf dieses Radler! Auf der Terrasse suche ich mir einen ruhigen Platz, nehme den Rucksack ab und lege meine Füße auf einen Stuhl. Jetzt bin ich noch nicht mal sechs Kilometer gelaufen und schon so erledigt. Das kann ja heiter werden. Eilfertig bringt der Wirt mir das Bestellte. Die Clara, ein erfrischend kaltes Radler, trinke ich fast in einem Zug leer, so lechzt mein Körper nach Flüssigkeit. Jetzt fällt mir auch auf, dass ich seit dem Frühstück zuhause in Stuttgart nichts Vernünftiges mehr in den Magen bekommen habe. Das große, dick belegte Brötchen stillt vorerst den schlimmsten Hunger. Obwohl es ja nicht mehr allzu weit sein kann bis zu meiner Herberge, mache ich es mir im Garten unter dem ausladenden Schirm gemütlich und genieße diese willkommene Unterbrechung. „Du bist eine Jakobspilgerin, nicht wahr? Bis wohin willst Du denn gehen?“ neugierig fragt mich der Wirt, als ich zahle. Nicht ohne Stolz erwidere ich „ Bis nach Santiago de Compostela“. „So ganz alleine als Frau? Hast Du gar keine Angst?“. Diese Frage klingt ehrlich besorgt. “Bis nach Galicien ist es sehr weit“, meint er sichtlich beeindruckt. Und um dem Gesagten wohl noch mehr Gewicht zu verleihen, fügt er hinzu: „Ich selbst bin noch nie dort gewesen, aber irgendwann will ich da auch mal hin“. Ein wenig feierlich drückt er mir den Stempel seiner Bar in meinen Pilgerausweis und mit einem herzlichen „Bon Camino“ verabschiedet er mich mit einem heftigen Händeschütteln.
Ohne quälenden Durst und mit gefülltem Magen läuft es sich besser. Aber zur Sicherheit habe ich mir noch genügend Wasser für die restliche Strecke mitgenommen. Wenig später stehe ich vor einer winzig kleinen Jakobskapelle und halte für einen Moment inne. Dabei fällt mir dieses Pilgergebet wieder ein:
„Möge der Weg sich öffnen und mich treffen. Möge der Wind in meinem Rücken sein. Möge die Sonne warm auf mein Gesicht scheinen Und der Regen weich auf meine Pfade fallen. Und bis wir uns wieder sehen, möge Gott mich sanft in seinen Händen halten.
Pilgrims Oasis
Ein Stückchen weiter im Garten eines Wochenendhauses wird lautstark ein Familienfest gefeiert. Und endlich entdecke ich ein Holzschild mit dem Hinweis auf die Herberge „Capitan Ximista“.
Friedlich gelegen in einer Wiesensenke steht die einstige Wassermühle, umgeben von vielen hochgewachsenen, schattenspendenden Bäumen und üppigen Büschen. Noch immer wird das mächtige Holzmühlenrad vom Bach angetrieben. Sein monotones aber beruhigendes Plätschern hallt bis zu mir nach oben. Auf der angrenzenden Weide lässt es sich eine Herde Ziegen gut gehen. Fasziniert stehe ich am Eingangstor oberhalb des Anwesens und betrachte ganz versunken diese Szenerie. Es ist bereits das zweite Mal heute, dass ich das Gefühl habe, mich in einem kleinen Traumland zu befinden. Darum wundert es mich nicht, dass mir der Name „Shangrila“ in den Sinn kommt, dieses elysische Wunderland irgendwo in Tibet. Ein großer Steinbuddha, der am Eingangstor ruht und den Wanderer dazu einlädt, in sein kleines Reich einzutreten, strahlt eine wohltuende Atmosphäre von Frieden und Bedächtigkeit aus. Bunte tibetanische Gebetswimpel flattern in den Bäumen und unten an einem großen Tisch sitzen mehrere Personen, die zu mir herauf blicken. Fröhlich winken sie mir zu und deuten zum Eingang der Herberge. Schon während ich Richtung Haus laufe weiß ich, hier fühle ich mich geborgen. Der Gastraum im Inneren erinnert mich an eine Berghütte bei uns in den Alpen. „Hola, Guten Abend. Schön, dass du da bist“. Ein junges baskisches Paar, das diese Unterkunft bewirtschaftet, begrüßt mich freundlich. „ Ich bin Erika, da sollte ein Bett für mich reserviert sein“, erkläre ich der jungen Frau. „Ja stimmt. Das geht in Ordnung. Nachdem wir die letzten Nächte voll belegt waren, haben wir heute Nacht kaum Gäste. Es wird also für Dich ein ruhiger Aufenthalt werden. Willst du nachher mit zu Abend essen? Das kostet dann ein bisschen mehr. Jetzt trage dich erst mal hier in unser Gästebuch ein und dann zeige ich dir den Schlafraum, die Waschräume und Toiletten“. Sie drückt mir einen Stempel in meinen Pilgerpass und steigt mit mir die Holztreppe nach oben. „Such dir einfach ein Bett aus, das du magst. Es übernachten nur fünf Personen im Haus, drei Männer, du und noch eine deutsche Frau“. Mehrere Stockbetten aus Holz stehen in einem ebenfalls mit Holz getäfelten, gepflegten und einladenden Zimmer. Das Licht, das durch die Fenster fällt, hüllt alles in einen warmen honigfarbenen Ton. Meine Wahl fällt auf ein Bett direkt an einem großen Fenster, das sich zur vorderen Gartenseite hin befindet. Ich liebe es, bei offenem Fenster zu schlafen, in der Nacht den Sternenhimmel zu sehen und den Geräuschen zu lauschen, die von draußen ins Zimmer dringen. Das einzige Bett, das in diesem Raum noch belegt ist, gehört der zweiten Frau, die ebenfalls hier übernachtet. Die drei Männer nächtigen im Nebenzimmer.
Jetzt verkrümele ich mich erst einmal in den Waschraum. Bei nur einer weiteren Pilgerin im Hause habe ich den quasi für mich alleine und ich kann mir Zeit lassen, da ja keine weitere verschwitzte Wandersfrau darauf wartet, ebenfalls duschen zu können. Von unten steigt mir leckerer Bratenduft in die Nase, der meinen Appetit anregt. Die jungen Hospitaleros sind dabei, das Abendessen zuzubereiten, das wir kurze Zeit später im Garten serviert bekommen. Wir fünf zusammengewürfelte Pilger sitzen dort gemeinsam um einen großen rustikalen Tisch versammelt und nachdem die Hitze des Tages abgeklungen ist, genießen wir dabei die angenehm milde Abendluft. Mit großem Appetit lasse ich mir nach diesem aufregenden ersten Tag den frischen knackigen Salat schmecken und erst recht das gebratene Fleisch.
Dazu gibt es noch einen Berg lecker gerösteter Kartoffeln und Gemüse. Und was wäre ein spanisches Essen ohne Vino Tinto, mit dem wir uns immer wieder zuprosten und uns dabei auf unser Caminoabenteuer einstimmen. Ein kleines Festmahl unter dem funkelnden Sternenbaldachin. Die Zikaden fiedeln dazu ein lautstarkes Konzert, ab und an quakt ein Frosch im nahen Bach und ein Nachtvogel lässt seinen Schrei ertönen. Trotz der unterschiedlichen Nationalitäten entwickelt sich zwischen Gabi, mir, den beiden Franzosen Michel und Claude und dem Kanadier Fred eine rege Unterhaltung. Erst die kühl vom Mühlbach an unseren Tisch herüber wehende Nachtluft vertreibt uns in unsere Betten. Es ist bereits 23 Uhr. Die Männer wollen am Morgen frühzeitig aufbrechen. Gabi, die ein wenig jünger ist als ich, und ich, beschließen, die morgige Etappe gemeinsam zu pilgern. Irgendwie ist man wohl doch nie wirklich alleine auf diesen Wegen.
Wohlig in meinen Schlafsack eingekuschelt, falle ich nach diesem langen Tag in einen tiefen Schlaf, wache aber trotzdem mitten in der Nacht auf. Still liege ich da und lausche den Tönen, die ich durch das geöffnete Fenster wahrnehme. Der Mühlbach plätschert leise und die Ziegenglocken klingen zart im Hintergrund. Der Vorhang am Fenster bewegt sich leicht durch die kühle Nachtluft. Eine herrliche Nacht, wenn da nicht die tausend Gedanken wären, die mir durch den Kopf schießen. Denn der Weg, der vor mir liegt, ist mir noch gänzlich fremd. Was wird mich alles erwarten?
Ein Schweizer Dorf am Atlantik und eine faszinierende Stadt am Muschelstrand
Irgendwann schlafe ich doch wieder tief und fest ein und werde am Morgen von den Geräuschen der drei Männer geweckt, die bereits dabei sind, die Herberge zu verlassen. Gabi und ich begnügen uns mit einer schnellen Katzenwäsche und verstauen unsere Habseligkeiten in unsere Rucksäcke. Noch fehlt die nötige Routine beim Packen und irgendwie habe ich einfach zu viel dabei. Wer braucht auf einem Pilgerweg einen Kulturbeutel? Was habe ich mir bloß dabei gedacht, den mitzunehmen! Dann einen in spanischer Sprache verfassten Etappenführer, den ich notfalls als Waffe benutzen kann, so schwer und umfangreich ist er. Meine Haarbürste aus Olivenholz… und sicher habe ich auch Zuviel an Kleidung mit und wer weiß, was noch alles. Dafür habe ich eine Zahnbürste vergessen.
Merklich aufgeregt sitzen wir zwei Frauen alleine im Frühstücksraum. Das spartanische Mahl bereiten wir mehr oder weniger selbst zu. Eine merkwürdige Stille hat sich im Haus breitgemacht, denn die Hospitaleros übernachten nicht hier in der Mühle sondern kommen erst später wieder um Ordnung zu schaffen, wenn alle Pilger die Herberge bereits verlassen haben.
Der Kaffee, der in einer Thermoskanne bereit steht, schmeckt bitter. Auf einem Tisch liegt ein wenig Obst. Der Rest wie Butter, Marmelade, Brot, süße Madalenas, Sandkuchen, und Müsli ist, wie in Spanien üblich, alles in Folie eingeschweißt oder in Pappschachteln und Plastikschälchen abgefüllt. Dadurch bleibt immer ein Berg Müll zurück und daran muss ich mich erst wieder gewöhnen. Umweltschutz lässt grüßen! Endlich verlassen auch wir die Herberge. Noch ist die Luft angenehm kühl, der Himmel tief mit Wolken verhangen. Der Tau der Nacht und die Nässe des Nebels hängen in den Bäumen und Sträuchern. Blauen Himmel und Hitze wie gestern wird es heute sicher nicht geben. Uns steht der Aufstieg auf den „heiligen Berg der Basken“, dem Jaizkibel, bevor. Er ist ein Klassiker der Baskenland-Rundfahrt und bei Radfahrern deshalb sehr beliebt. Aber wir wollen nicht die bequeme Straße nehmen sondern den direkten Anstieg auf den Bergkamm. Und dabei geht es ausgerechnet am ersten Tag gleich 550m steil bergauf. Ehrlich gesagt ist mir davor ein wenig mulmig, nachdem was ich darüber schon alles so gelesen habe! Trotzdem marschieren wir Beide voller Tatendrang aus der Senke, in der die Herberge steht, den Asphaltweg hinauf, bevor wir in einen Waldweg Richtung Kloster Guadeloupe abbiegen. Durch die enorm hohe Luftfeuchtigkeit, die bereits am frühen Morgen herrscht, ist es beklemmend schwül und erschwert das Atmen. In kürzester Zeit komme ich mir vor wie ein nasser Waschlappen, den man auswinden könnte, denn es geht stetig steil bergauf. Meine Knie zittern verdächtig und meine Hände beginnen zu kribbeln. Das verheißt nichts Gutes. Schließlich bricht mir auch noch kalter Schweiß aus und es rauscht heftig in meinen Ohren. Und dann wird es mir mit einem Mal schwarz vor den Augen. Verdammt noch mal, jetzt fange ich gleich an Sternchen zu sehen! Für den ersten Tag und für diese Witterung stürmen wir Beide einfach mit einem viel zu hohen Tempo los! Am liebsten würde ich mich sofort und hier auf den Boden schmeißen! Auch Gabi keucht hinter mir her, ihr geht es kein bisschen besser. Fast gleichzeitig plumpsen wir am Wegesrand ins Gras. Wir brauchen dringend eine Pause und etwas Süßes, um unseren Kreislauf wieder aufzupäppeln. Zum Glück haben wir uns etwas von dem eingepackten zuckrigen Kuchen mitgenommen. Auch unser Wasservorrat muss heftig dran glauben, bis unsere Lebensgeister langsam zurück kehren. Einigermaßen erholt setzen wir unseren Marsch fort. Bald darauf erreichen wir das kleine Kloster „Heiligtum von Guadeloupe“. Mit frischem Trinkwasser, das aus einem Brunnen sprudelt, löschen wir nochmals unseren Durst, der nach diesem ziemlich kurzen Wegestück bereits wieder ordentlich angestiegen ist. Auch sämtliche Flaschen werden aufgefüllt. Wer weiß, wie das heute noch weitergeht. Unser Pilgerführer schwärmt von einem eindrucksvollen Blick von dieser Stelle Richtung Meer. Eindrucksvoll ist aber nur der fahle wabernde Nebel, der über der Aussicht liegt. Irgendwo da unten in diesem undurchdringlichen Grau liegt der Atlantik und davor Hondarríbia.
Nach einer kurzen Pause schultern wir unsere Rucksäcke und machen uns auf in Richtung Anstieg. Der Pfad, der hinauf auf den Bergkamm führt, ist tatsächlich sehr steil. Wankelmütig stehe ich da, denn durch die Feuchtigkeit auch noch sehr matschig, schlängelt er sich durch den kargen Strauch- und Grasbewuchs hangaufwärts. Ein Schild weist darauf hin: „Alpin, nur für geübte Wanderer“. Noch könnten wir uns für den bequemen breiten Schotterweg um den Berg herum Richtung Pasaia entscheiden. Aber furchtlos wie wir sind, wählen wir den senkrechten Anstieg.
So schlimm wird es schon nicht werden. Schließlich bin ich oft genug in den Alpen gewandert und habe dabei bereits steilere Hänge erklommen. Wie bergerfahren Gabi ist, weiß ich allerdings nicht, aber sie schließt sich mir ohne lange zu überlegen an. Keine von uns Beiden denkt in diesem Moment an unsere Rucksäcke. Also kraxeln wir los um ziemlich schnell festzustellen, dass steil noch untertrieben ist. Die Beschaffenheit des Untergrundes durch die Nässe macht es noch schwerer. Zeitweise haben wir den Eindruck, senkrecht am Berg zu kleben. Wir halten uns an allem fest, was uns zwischen die Finger kommt, Ginstersträucher, Heidekraut, Gräser, Steine und kleine Kiefern. Dabei müssen wir höllisch Acht geben, uns nicht an den scharfen Halmen des Schneidgrases oder den Dornen der Büsche zu verletzen. Jetzt um Himmelswillen nur nicht ausrutschen! Wir kämen mit Sicherheit erst am Kloster wieder zum Halten. Letztendlich erreichen wir aber wohlbehalten und außer Atem und noch verschwitzter wie wir sowieso schon waren, den Bergkamm. Eigentlich war es dann doch nicht so schwierig. Lediglich die Nässe war es, die uns den Aufstieg mühsam machte und der Umstand, dass wir beide noch nicht in Übung sind, was das Laufen und diese Anstrengung anbelangt.
„Wenn sie den Bergkamm erreichen, dann werden sie für ihre Mühen mit einem grandiosen Ausblick auf den Atlantik belohnt“, … mal wieder! Wenigstens oder zum Trost befindet sich neben diesem Satz auch ein Foto dazu im Pilgerführer. Es hätte uns ja klar sein können, dass wir hier oben nicht plötzlich mit strahlend blauem Himmel und Sonnenschein empfangen werden. Aber so wissen wir zumindest, wie die Aussicht sein könnte, denn die Sicht auf das Meer und auf das ganze Gebiet hier um uns herum ist ebenso in eine undurchdringliche Suppe aus dicken schweren Wolken und undurchdringlichen Nebelfetzen gepackt wie der Ausblick unten vom Kloster. Nichts ist zu erkennen. Wo endet der Berg und wo beginnt die Unendlichkeit? Auf dem jetzt nahezu ebenen aber felsig verlaufenden Pfad trotten wir auf dem breiten Bergkamm vorwärts. Immer wieder gibt der Nebel geisterhaft eine bizarre, geheimnisvolle Felsenlandschaft frei, in der wir mannshohen gelb blühenden Ginster und erikafarbenes Heidekraut entdecken können, die sich abwechseln mit Zistrosen, Kiefern, Steineichen, Laubbäume, Wachholdersträuchern, Esskastanien und hohem Schneidgras. Almwiesen, übersät mit leuchtenden Blumen tauchen aus diesem beklemmenden Grau auf.
Und über allem hängt ein aromatisch würziger Duft. Die Nebelwand verschluckt jedes Geräusch und wir tapsend schweigend vorwärts. Ab und an tauchen schemenhafte Ziegen aus diesem fast angsteinflößenden Nichts auf und kreuzen unseren Weg oder wir hören zumindest ihre Glöckchen. Zumindest sind wir hier nicht die einzigen Lebewesen, auch wenn es nur Kühe sind, die unverhofft vor uns auf dem holprigen Weg stehen. Trotz der Höhe hat sich an der Witterung nichts geändert, im Gegenteil, hier oben ist es noch schwüler und drückender.
Gefühlt sitze ich in einem römischen Dampfbad. Alles ist klamm und feucht und von meiner Nasenspitze und meinen Haaren tropft ständig Wasser. Wir machen Pause bei den Überresten eines alten verlassenen Steinwachturms aus den Anfängen des 19.
Jahrhunderts und packen unsere Essensvorräte aus. Mit einem Mal purzelt aus diesen Nebelschwaden eine sich laut unterhaltende und wild gestikulierende Pilgergruppe und reißt uns aus unserer Lethargie. Vorne weg mit weit ausholenden Schritten springt ein blonder junger Bursche, nicht viel größer als ich. Irgendwie kommt er mir vor wie das Tapfere Schneiderlein. Im Gänsemarsch folgen ihm mit lautem Geschnatter drei junge Frauen. „Hey, hallo Natalie“, rufe ich erstaunt. „Das ist ja eine Überraschung. Wie es aussieht, hast Du Deinen Rucksack bekommen“. Die Vier bleiben ruckartig stehen, denn sie haben hier oben ebenfalls mit keiner anderen Menschenseele gerechnet. „Mensch Erika! Das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass wir uns so schnell wieder treffen. Ja das mit meinem Rucksack hat geklappt wie Du siehst. Das da ist übrigens Nora, mit der ich mich zum Pilgern verabredet hatte.“
Natalie zeigt auf eine etwa 40-jährige Frau mit kurzen dunklen Haaren und einem frechen Grinsen im Gesicht. „Ach ja, und sie ist Alba und der da Eric. Die sind alle mit Nora im Bus angekommen.
Zusammen haben wir in Irún in der Herberge übernachtet und jetzt laufen wir eben gemeinsam“. Eric scheint ein ziemlich aufgedrehter, redefreudiger, deutscher Bursche zu sein und Alba, die dritte Frau im Bunde, ist Spanierin, trägt lange dunkle Haare und erfreut sich einer recht drallen Figur. Diese kleine Gruppe veranstaltet einen gehörigen Spektakel und als sie wie ein Geisterspuk wieder weiterzieht, versinkt alles um uns herum erneut in Stille und Nebel. Zumindest sind wir nicht die einzigen Deppen, die sich bei diesem Wetter einen steilen Hang hinauf quälen um dann auf dem Bergkamm im Nebel herum zu stochern.
Zügig marschieren Gabi und ich vorwärts, bis meine Begleiterin plötzlich feststellt, dass ihre Sonnenbrille, eine teure Brille mit eingearbeiteter Sehstärke, fehlt. Die hat sie doch tatsächlich am Wachturm liegen lassen und jetzt möchte sie die unbedingt zurückholen. Das kann ich gerade noch leiden! Kann man denn nicht auf seine Sachen aufpassen? Und es nervt, vor allem auch, weil das unnötig Zeit kostet. Trotzdem setze ich mich auf einen Felsen und verspreche, auf sie zu warten. Im Stillen hoffe ich aber, dass das nicht allzu lange dauert. Auch wenn ich nicht unerschrocken bin, aber so ganz alleine in einer Nebelsuppe in einer einsamen Bergwelt zu sitzen ist schon etwas schräg und unheimlich. Jedes noch so kleine Geräusch lässt mich aufschrecken und es knackst und raschelt überall. Wer weiß, welches Ungetüm sich aus dem Nebel heraus schält. Nach einer Weile aber beginne ich, diese Ruhe zu genießen. Ich lausche auf das Zwitschern jedes einzelnen Vogels und auf die Klänge der Natur. Betrachte die Spinnweben, in denen Wassertropfen hängen wie silberne Perlen an einer Schnur, wundersame filigrane Gebilde. Völlig in meine Gedanken versunken vergesse ich die Zeit bis wie ein Gespenst plötzlich Gabi geräuschlos aus der Nebelwand wieder auftaucht, ihre Brille triumphierend in der Hand.
Schweigend setzen wir unseren Weg entlang der Waldgrenze fort, kommen an weiteren verlassenen Wachtürmen vorbei und an Dolmen, alten prähistorischen Gräbern. Dort, wo die Straße bis zum Bergkamm empor führt, treffen wir auf eine Aussichtsplattform mit einem Parkplatz. Gerade mal ein Auto steht verlassen da, denn auch hier stecken wir noch immer im feuchten Nebel und mit Aussicht ist nicht viel zu wollen. Erst als wir die höchste Erhebung des Jaizkibel, den Gipfel Alerru mit seinen 547 Metern erreichen, beginnt sich die Nebelwand zu lichten und zumindest die Wiesenhänge und die Wälder rings um uns herum tauchen wie kleine Inseln aus dem Nichts auf. Dieser Berg zeigt uns endlich sein Gesicht, aber der Blick in die Ferne liegt noch immer im Verborgenen. Vorbei an einer alten Festungsanlage und Fernmeldemasten leitet uns der Pfad jetzt über felsiges Gelände bergab. Wieder passieren wir einige Wachtürme nebst einer weitläufigen Schießanlage. Dann teilt sich unser Weg, aber es ist nicht genau ersichtlich, welche Richtung wir einschlagen müssen. Mal wieder verwirren die Wegweiser. Der eine Pfad führt einen steilen Hang hinauf, der andere, breitere Pfad führt durch eine Waldschneise den Berg abwärts in einen Wald hinein. Mein Bauchgefühl drängt mich, den Weg nach unten zu nehmen. Vielleicht auch, weil mich der Steile aufwärts ein wenig abschreckt. Aber Gabi ist felsenfest davon überzeugt, dass ausgerechnet dieser der richtige sei. Zum diskutieren habe ich jetzt keinen Nerv. Aber hätte ich den mal gehabt! Denn wir stellen bald fest, dass das die falsche Entscheidung war. Es wird Zeit, dass ich beginne, meinem Gefühl und meinem Orientierungssinn mehr zu vertrauen. Also wieder zurück und weiter durch ein Waldgebiet Richtung Tal. Wie ein verwunschener Märchenwald der Gebrüder Grimm sieht das Gehölz hier aus. Umgestürzte Baumstämme, Wurzeln und Zweige liegen immer wieder kreuz und quer auf und entlang des schmalen Trampelweges, und alles wächst wild durcheinander.
Durch die unzähligen Moose und Flechten, die wie zerzauste Bärte von den Ästen hängen, habe ich den Eindruck, durch einen grünen baumbewachsenen Tunnel zu schreiten. Ein halb zerbrochener Holzzaun versperrt uns hangabwärts den Weiterweg und es bleibt uns nichts anderes übrig, als darüber zu klettern. Mit unseren unförmigen Rucksäcken ist das nicht so einfach und fast hätte ich es geschafft, da bleibe ich mit einem Fuß an einem der Pfosten hängen und stürze nach vorne den Hang hinunter. Das Gewicht auf meinem Rücken schiebt mich weiter. Ein stechender Schmerz durchfährt mein linkes Knie.
„Scheiße! So ein Mist!“,
schießt es mir durch den Kopf. „Das war´s jetzt. Kaum angefangen, schon zu Ende“. Erst mal bleibe ich unbeweglich am Boden liegen und fühle in mich hinein, versuche, meine Gedanken zu sortieren. Ich bin wütend auf mich, weil ich so unkonzentriert über das Hindernis geklettert bin und wage es kaum, mich zu rühren. Allerdings ist es auch nicht einfach mit dem Gewicht des Rucksackes auf dem Rücken und dann auch noch hangabwärts aufzustehen und Gabi muss mich dabei stützen. Sie schaut genauso erschrocken drein wie ich. Vorsichtig versuche ich, mit dem linken Bein aufzutreten und bin mehr als erleichtert, keinerlei Schmerzen zu verspüren. Schritt für Schritt taste ich mich mit Hilfe meiner Stöcke langsam vorwärts. Ein Stein fällt mir vom Herzen als ich feststelle, dass alles in Ordnung ist. Nichts scheint verletzt, die Gelenke funktionieren. Noch mal Glück gehabt und erleichtert atme ich auf.
Die dichten Steineichenwälder, die mich an die Berge Mallorcas erinnern, begleiten uns noch ein gutes Stück bergabwärts. Sie sehen so ganz anders aus als unsere Eichen in Deutschland. Die Bäume sind kleiner und gedrungener und sie besitzen winzige dunkelgrüne, ledrige Blättchen. Angeblich ist ihr Holz so schwer wie Stein, daher der Name. Wenn das Licht durch ihr Blätterdach fällt, erzeugt das eine ganz mystische, in sphärischen Grüntönen leuchtende Aura, die typisch ist für diese Eichen. Bei trübem Wetter wiederum wirkt es sehr unheimlich. Ich liebe dieses Licht, das man bei uns in den Wäldern nirgends so vorfindet.
Irgendwann erreichen wir nach einem langen mühsamen Abstieg endlich eine Landstraße und auf ihr zur Mittagszeit Pasaia.
Warum fühlen sich auf diesem Weg zehn Kilometer an wie zwanzig. Liegt es daran, dass ich das Laufen noch nicht gewohnt bin und auch die Zeit noch nicht einschätzen kann?
Der Ort Pasaia befindet sich beidseitig einer spektakulären schmalen Meeresbucht, eingerahmt von steilen Bergen. Für das nahe gelegene San Sebastian ist Pasaia der ideale Platz für ein Industriegebiet mit Werftanlagen und alten Fabriken. Allerdings können die großen Frachtschiffe, die hier in den Hafen einlaufen möchten, dies nur mit Hilfe eines kleinen Lotsenbootes bewerkstelligen, da die Einfahrt so schmal ist. Der alte Teil des Ortes liegt vom Meer her gesehen auf der linken Seite der Bucht und besteht aus pittoresken alten, dicht aneinander gebauten bunten Häuschen, die mich an ein altes Schweizer Bergdorf erinnern. Der modernere Teil der Stadt befindet sich im Hinterland am Ende der Hafeneinfahrt und entbehrt in meinen Augen jeglicher Romantik.
Im selben Moment, in dem ich die vielen Bars und Restaurants an einem weitläufigen Platz an der Bucht entdecke, melden sich ganz heimtückisch aus dem Hinterhalt bei mir Hunger und Durst. Zu Recht, denn es ist bereits Mittagszeit. Haben wir in den letzten Stunden außer Natalie und ihrer Gruppen nur noch zwei weitere Wanderer getroffen, so befinden wir uns jetzt plötzlich in Gesellschaft unzähliger Ausflügler und auch Pilger. Vermutlich haben sich die meisten für den bequemeren breiten Schotterweg entschieden, der um den Berg herum führt oder für die Straße.
Wir genießen die Rast im Schatten auf der Terrasse einer Bar und füllen unsere Speicher mit Clara und Tortilla auf, bevor wir uns auf den Weiterweg Richtung San Sebastian machen. Irgendjemand dort oben im Himmel legt wohl gerade einen Schalter um, während wir essen. Denn der Nebel beginnt sich durch die immer stärker werdende Sonne aufzulösen. Schneller als uns lieb ist, heizt uns dieser Planet erbarmungslos ein.
Da es über die Bucht keine Brücke sondern nur ein kleines Fährboot gibt, das im Pendelverkehr die Menschen von einem Ufer zum anderen bringt, setzen auch wir damit über. Auf einer Asphaltstraße geht unser Weg weiter, bis diese abrupt vor einer Steinmauer an der Öffnung der Bucht zum Meer hin endet. Wie versteinert stehen wir vor einer enorm steilen Steintreppe mit mehr als sechzig Stufen. Hatte ich eigentlich schon gesamt, dass ich vor hatte, den Eiffelturm zu besteigen? Nicht wirklich! Heilige Mutter Gottes, geht es mir durch den Kopf, das wird kein Honigschlecken! Bei dieser Hitze ist das Folter. Immerhin können wir, angelehnt an eine Steinbrüstung, das erste Mal an diesem Tag ganz bewusst auf die Weite des Atlantiks blicken und hinab in die tosende, schwindelerregende Tiefe unter uns. Und dann klettern wir beherzt Stufe um Stufe auf der Treppe nach oben, die kein Ende zu nehmen scheint. Wir passieren dabei einen kleinen Friedhof und freuen uns schon, es geschafft zu haben.
Aber nein, abermals geht es über einen schmalen Pfad im Zickzack weiter Richtung Himmel, bis wir unerwartet eine Stelle erreichen, von der aus sich uns zum allerersten Mal heute eine umwerfend phantastische klare Sicht auf den Atlantik bietet.
Diese schweißtreibende Mühe hat sich mehr als gelohnt und ich kann mich nicht satt sehen am leuchtenden Blau und der Weite dieses Ozeans, der inzwischen tief unter uns in der Ferne glitzert.
Ein kurzes Stück müssen wir entlang der Straße weiter, bis wir wieder in einen dieser märchenhaften Waldabschnitte des Küstenweges eintauchen können. Dichte Baumbestände, auch hier zumeist Steineichen und Esskastanien, und Bäumen, deren Namen mir unbekannt sind, wuchern entlang unserer Strecke. Die Äste und Blätter bilden ein herrlich kühlendes Dach als Schutz gegen die mittlerweile herrschende Hitze und die von außen durchscheinenden Sonnenstrahlen malen ein wunderbares Lichterkaleidoskop auf den Boden. Genau so stellt man sich als Kind einen verwunschenen Zauberwald vor, in dem allerlei Geisterwesen und Elfen zu Hause sind. Es würde mich nicht wundern, wenn hinter einem dieser knorrigen Bäume ein Kobold hervor lugen würde. Auf den Wiesenflächen, die wie kleine Seen immer wieder zwischen den Bäumen auftauchen, stechen die magentafarbenen Kardinalsnelken hervor und sogar winzige leuchtend blaue Enziane. Die Sträucher der zartgelb blühenden Zistrosen umranken die Pfade und das balsamisch-würzige Aroma des intensiv blauen Rosmarins mischt sich mit dem betörend süßen Duft der Akazienbäume. Und immer wieder eröffnen sich uns überraschende Ausblicke auf den Atlantik, die vor Begeisterung das Herz höher schlagen lassen. Mehr braucht man nicht zum Glücklich sein und genau das bin ich jetzt in diesem Moment… einfach nur glücklich und von allen Lasten befreit! Befremdlich wirken auf mich nur die vielen sportlichen Jogger, die uns auf diesem schmalen, mit Baumwurzeln durchzogenen und steinigen Waldweg entgegenkommen oder uns überholen. Sie springen leichtfüßig und ohne Ballast über diese holprigen Pfade als wollten sie uns verspotten, weil wir uns mit unserem Gepäck und den klobigen Wanderstiefeln an den Füßen wie plumpe Dickhäuter bewegen.
Kurz vor unserem Tagesziel stehen wir unversehens an einem Felsvorsprung weit oberhalb des Meeres. Der Ausblick von hier auf die Endlosigkeit des Ozeans und entlang der Felsenküste Richtung San Sebastian raubt mir beinahe den Atem und macht mich demütig und sprachlos. Wenn ich mir vorstelle, dass von hier aus immer weiter westwärts hinter dem blauen Streifen des Horizontes Amerika liegen muss? Na ja, eigentlich England, würde man eine gerade Linie ziehen. Und trotzdem, unfassbar! Es ist nur die Weite des Atlantiks, die mich von jenem Kontinent trennt, der für mich in diesem Augenblick fast zum Greifen nahe scheint und doch so weit entfernt ist. Dieser Gedanke fühlt sich sonderbar an. Versunken schaue ich auf die unendlich wirkende Wasserfläche, die in der gleißenden Sonne in allen erdenklichen Blautönen flimmert, wie eine Aneinanderhäufung von Milliarden von Edelsteinen zu einem grandiosen Mosaik. Tief unter mir klatscht die Gischt an die Felsen und hoch über mir ziehen kreischende Möwen ihre Kreise am Himmel oder stürzen sich im Sturzflug auf die bewegte See hinab. Ihre Nesterkolonnien kleben dicht an dicht in den hohen Klippen und die Felsen sind mit ihrem Kot bekleckst. Der salzige Geruch des Meeres lässt Weite, Ferne und Freiheit erahnen. Der milde Wind trocknet die Schweißperlen auf meinem Gesicht und meine nass geschwitzte Kleidung. Ach, könnte ich nur ewig hier stehen und die Zeit vergessen, aber es hilft nichts, wir müssen weiter. In San Sebastian haben wir für heute Nacht noch keine Unterkunft und es ist bereits später Nachmittag.
Nach dieser beeindruckenden Unterbrechung gelangen wir alsbald auf einen asphaltierten Fußweg, der gemächlich bergab führt und die ersten Häuser der Vororte unseres heutigen Etappenziels auftauchen lässt. Einen ersten staunenswerte Überblick von der, wie es heißt schönsten Stadt Europas, erhalten wir von einer Aussichtsplattform. Die beiden Strände, von denen der hintere der berühmte La Concha, der Muschelstrand ist, liegen im Abenddunst. Das verleiht diesem Anblick eine ganz besondere Stimmung, so als ob man die ganze Szenerie durch einen Weichzeichner betrachtet. Inzwischen ist es kurz vor 18 Uhr und trotz dieser Zeit herrscht ein reges Treiben unten am Strand. Die vielen Surfer, die sich auf dem Wasser tummeln, sehen von hier oben aus wie kleine Seehunde, die ihren Spaß in den Wellen haben.
Kurz darauf erreichen wir die Strandpromenade und es empfängt uns ein fröhliches buntes Gemisch von Menschen. Surfer, die mit ihren Brettern unter dem Arm Richtung Wasser laufen, Familien mit ihren Kindern, die zum Strand schlendern, dazwischen Spaziergänger, die ihre Hunde ausführen, Menschen in eleganter Garderobe, die ins Theater strömen, und jene, die erst aus der Arbeit kommen oder einfach nur einen Stadtbummel genießen. Diese Stadt lebt, ist heiter und quirlig und wirkt auf mich sehr unkonventionell.
Donostia, wie der baskische Name von San Sebastian lautet, ist die Hauptstadt der Provinz Gipuzkoa. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dank der strengen Bauvorschriften das Stadtbild nicht verändert und die Architektur ist bemerkenswert. Zwischen neuzeitlichen und modernen Gebäuden kann man noch immer wunderbare alte Jugendstilhäuser bewundern. Verblüfft lese ich, dass der neue Kongress- und Musikpalast tatsächlich „Kursaal“ heißt.
San Sebastian blickt auf eine sehr bewegte Vergangenheit zurück. 1489 wurde die Stadt das erste Mal durch ein Großbrand komplette zerstört, da zu dieser Zeit die Häuser noch aus Holz gebaut wurden. Der nächste Großbrand im Jahre 1813 ereignete sich im Befreiungskampf gegen die französische Besatzung.
Abermals wurde die komplette Stadt in Schutt und Asche gelegt. Durch ihre besondere Lage im Zentrum des Baskenlandes wurde sie sehr oft in heftige Kämpfe verwickelt. Trotzdem entsteht hier im Jahr 1914 ein weltoffenes Zentrum, in dem sich alles, was Rang und Namen hatte, die Hand gab.
Gabi und ich schlendern völlig gebannt von diesem Treiben entlang der belebten Strandpromenade, die über eine Brücke über die Flussmündung des Urumea führt, Richtung Parte Vieje-Alde Zaharra, der Altstadt. Dort hoffen wir für die heutige Nacht eine Unterkunft zu finden. Eine Pilgerherberge direkt in der Stadt gibt es nicht und die Jugendherberge liegt weit abseits des Zentrums am Ende des La Concha-Strandes. In einer der engen Altstadtgassen werden wir fündig. Ein Backpacker-Hostel, das sich in einem der oberen Stockwerke befindet, bietet uns Beiden ein angenehmes Zimmer zu einem akzeptablen Preis. Selten habe ich mich so auf eine heiße Dusche gefreut wie jetzt gerade und kurze Zeit später stehe ich entspannt unter dem heißen Wasserstrahl in einer engen Kabine und spüle den Schweiß und die Strapazen dieses Tages von mir ab. Etwas, das ich im Laufe meiner Pilgerreise immer mehr zu schätzen lerne. Auch meine Füße haben eine Belohnung verdient und werden von mir nach allen Regeln der Kunst mit Fußbalsam verwöhnt. Immerhin mussten sie heute für den ersten Tag ordentlich etwas leisten.
Inzwischen ist es fast einundzwanzig Uhr und gegen unser Hungergefühl sollten wir auch noch etwas unternehmen.
Tatsächlich entdecken wir in einer Seitengasse der Altstadt eine Pizzeria. Genau das Richtige für uns zwei Frauen. Welche Überraschung, als wir dort Claude, Fred und Michel wieder treffen. Die Freude ist auf beiden Seiten groß. Sofort rücken die Drei zusammen und machen Platz für uns. Bei einem reichhaltigen Abendessen mit dem dazugehörigen Rotwein gibt es genug zu berichten und im Nu vergeht die Zeit. Nicht ohne uns viel Glück für den weiteren Weg zu wünschen und mit vielen Umarmungen und den obligatorischen Küsschen rechts, Küsschen links verabschieden wir uns dann spätnachts voneinander.
Zu den täglichen Riten eines Pilgers gehört auch das Schreiben eines Tagebuches. Wohlweislich wurden mir dafür gleich zwei kleine Notizbücher geschenkt. Es ist mir beim Pilgern zu einer liebgewordenen Angewohnheit geworden, meine Erlebnisse und Gedanken am Ende des Tages aufzuschreiben. Außerdem komme ich dabei zur Ruhe und kann meine Gedanken Revue passieren lassen. Und genau das ist es, womit ich selbst bei dieser späten Stunde den heutigen Tag ausklingen lasse. Die erste Etappe ist geschafft, ich bin noch ganz aufgedreht von den vielen neuen Eindrücken und doch gleichzeitig rechtschaffen müde. Die Muskeln am Körper schmerzen leicht, auch die Füße melden sich. Und trotzdem bin ich rundum glücklich und zufrieden mit mir.
