Eisenherz - Nicola Förg - E-Book
Beschreibung

In Seeshaupt ist der Mode- und Werbefotograf Lutz Lepaysan eindeutig in zu dichten Kontakt mit seinem Stativ geraten - es traf seine Schädeldecke. Kommissar Gerhard Weinzirl ermittelt schnell, dass der Mann sein Objektiv nicht nur auf schöne Frauen richtete, sondern eine ganze Reihe von Personen bespitzelte, die anscheinend Dreck am Stecken hatten. In Kaltenberg trainieren französische Stuntmen für das größte Ritterturnier der Welt. Doch mal liegen sie alle wegen einer Lebensmittelvergiftung flach, mal werden sie verprügelt. Johanna Kennerknecht, genannt Jo, die für die Dauer der Turnierzeit die PR-Abteilung leiten soll, hat ihre liebe Not, die Vorgänge herunterzuspielen, aber es kommt noch schlimmer. Bei einer Probe für das spektakuläre Tjosten, bei dem präparierte Lanzen verwendet werden, ist plötzlich eine echte Lanze im Spiel - und geht mitten ins Herz.

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Nicola Förg ist im Oberallgäu aufgewachsen und studierte in München Germanistik und Geographie. Sie lebt mit vielen Tieren in einem vierhundert Jahre alten denkmalgeschützten Bauernhaus im Ammertal. Als Reise-, Berg-, Ski- und Pferdejournalistin ist ihr das Basis und Heimat, als Autorin Inspiration, denn hinter der Geranienpracht gibt es viele Gründe zu morden – zumindest literarisch. Im Emons Verlag erschienen ihre Kriminalromane »Schussfahrt«, »Funkensonntag«, »Kuhhandel«, »Gottesfurcht«, »Eisenherz«, »Nachtpfade«, »Hundsleben«, »Markttreiben« sowie die Katzengeschichten »Frau Mümmelmeier von Atzenhuber erzählt«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlung, Personen und manche Orte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2006 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagzeichnung: Heribert Stragholz eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-031-5 Oberbayern Krimi Originalausgabe

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Für Gerd Niemand (†)

Muss ich denn sterben, um zu leben?

Falco, Out of the Dark

Prolog

Jo fluchte. So richtig. Und auf Allgäuerisch. Herrgottsakramentnoamoal. Kruzifix! Sie verfluchte ihre Idee. So was Dämliches aber auch. Eine Idee entsprungen in lauen Sommernächten, in denen Bilder aufsteigen von weiß gedeckten Tafeln, die von Kerzenleuchtern gekrönt sind, Tafeln unter Apfelbäumen, an denen Menschen in wunderschönen Gewändern sitzen. Ja, eine Mischung aus Märchen, Telenovela und Bianca-Roman! Aber in Märchen, Telenovelas und Bianca-Romanen herrscht immer schönes Wetter, regieren endlose Sommer.

Es regnet nie. Hier aber regnete es. Seit einer Woche ohne Unterlass. Bis auf kurze Regenpausen, wo Petrus wohl Kraft schöpfte, um dann erst recht die Brause aufzudrehen. Auch heute hatte der himmlische Regenmacher die Erholungsphase nur genutzt, um nun neues Wasser zu schicken, das wie ein undurchdringlicher Vorhang fiel. Und so klatschten die wunderschönen Gewänder schwer um Jos Beine. Wie nasse, schwere Samtvorhänge. Oder wie voll gesogene Putzlumpen.

Ja, es war eine höchst dämliche Idee gewesen, dass alle Mitarbeiter schon weit im Vorfeld des Turniers in historischen Gewändern rumlaufen sollten. Jo hatte diese Idee gehabt, als sie vor vier Wochen die Leitung der PR-Abteilung des größten Ritterturniers der Welt übernommen hatte. Drei Wochenenden im Juli war Schloss Kaltenberg zwischen München, Landsberg und Augsburg der Nabel der Mittelalterwelt. Wenn es bloß schon Juli wäre! Die Vorbereitungszeit war die Hölle. Der Regen auch. Sakrament, wirklich eine extrem dämliche Idee!

Und eine nicht minder dämliche Idee war das mit den Interviews gewesen. Weil doch die zugrunde liegende Story des Turniers auf der Suche nach dem Gral basieren sollte, hatte Jo die Idee gehabt, imaginäre Interviews mit den Rittern der Tafelrunde zu führen, um die User der Homepage so in die Geschichte einzuführen. Eine aparte Idee, im Prinzip. Aber wenn man das Ganze dann umsetzen musste, war Schluss mit lustig, Schluss mit Inspiration. Dafür hatte Jo eine massive Schreibblockade. Und zweifelte an ihren Interviews. War das nun witzig oder einfach nur doof, sich mit fiktiven Personen zu unterhalten? So wie mit Mordred, dem bösen Buben.

Herr Mordred, Sie haben am Hof von König Artus nur rumgestänkert, alle Nahrung und Getränke verschlungen, Guinevere entführt und misshandelt?

Mordred: Ja, und? Liegt in meinen Genen!

Und Lanzelot. Wieso mochten Sie den nicht? Eifersucht?

Mordred: Na hören Sie mal: Ist das normal, dass der Alte diesen dahergelaufenen Lanzelot mir, seinem eigenen Sohn, vorzieht? Und dann poppt der auch noch Guinevere! Sehr loyal, oder? Und wissen Sie was: Diese Guinevere war ein Luder. Die hat mir nämlich auch schöne Augen gemacht! Alles Schlampen, die Weiber!

Nach einigen weiteren Fragen fiel ihr nichts mehr ein. Jo hatte sich auf ihrem Drehstuhl zurückgelehnt. Ihr Büro in einem der Wirtschaftsgebäude von Schloss Kaltenberg war puristisch, neben Computer und Telefonanlage stapelten sich Papiere und Flyer. Ein paar gebrauchte Kaffeetassen standen herum, ein angebissenes Sandwich hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. Trotz Heizkörper wurde der Raum nicht richtig warm. Er war fußkalt, und Jo konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal warme und vor allem trockene Füße gehabt hatte.

Kopf und Füße müssen warm sein, hatte Jos Oma immer gepredigt. Sakrament, ihre Füße waren Eisklötze, der Kopf hingegen rauchte. Jo las nun zum hundertsten Mal ihr Interview durch. In dem Moment kam Steffi herein. Und sie strahlte nicht. Wie sonst immer. Jo hatte sich schon mehrfach gefragt, wie ein Mädchen nur immer so penetrant gut gelaunt sein konnte.

Steffi Holzer, ihre PR-Assistentin, Mädchen für alles, Best Girl, Dolmetscherin, wenn’s sein musste – Steffi Superwoman. Steffi, die soeben die dreizehnte Klasse mit einem Einser-Abitur beendet hatte, Leistungskurse Französisch und Spanisch. Apart und klug und dazu auch noch unkompliziert-umgänglich. Solche Mädchen gab es eigentlich gar nicht. Vielleicht sollte es sie auch gar nicht geben. Sie gemahnten einen so unangenehm an die eigenen Fehler, auch daran, dass man selbst mit achtzehn unerträglich, unreif und nervtötend gewesen war.

Aber heute sah Steffi ratlos aus. Sie stand da, hatte ihre nassen Röcke geschürzt und versuchte so was wie ein Lächeln.

»Jo, wir haben ein Problem!«

»Steffi, ich hab auch eins. Bevor du weiterredest: Bitte lies das. Bitte! Und sag mir ehrlich deine Meinung.«

»Jo, es wäre wichtiger, wenn wir …«

»Zuerst liest du!«

Und Steffi las. Ab und zu schmunzelte sie, dann lachte sie laut auf. Jo entspannte sich.

»Und?«

»Das ist genial. Superwitzig.«

»Steffi, du musst nicht höflich sein.«

»Bin ich nicht! Ich find das wirklich klasse. Jo, ich will nicht nerven, aber wir haben ein Problem.«

»Houston, wir haben ein Problem? Ist es das, Steffi? Haben wir mal was anderes als Probleme?« Das kam zynischer als beabsichtigt.

Steffi war ungerührt. »Momentan zumindest haben wir eins.«

»Ja?« Jo versuchte, einen neutralen Ton anzuschlagen. »Lass uns rausgehen, hier drin fällt mir die Decke auf den Kopf, draußen bloß der Regen.«

Vor der Tür atmete sie tief durch. »Okay, ein Problem?«, und plötzlich lachte sie. Was gaben sie beide für ein Bild ab! Da standen sie, feuchte Röcke bis über die Waden hochgezogen, Steffi hatte Gummistiefel mit Blümchen drunter und sie selbst klobige Bergschuhe. Steffis Zöpfe ringelten sich regennass wie Schlangen an ihrem Hals, und ihr rann ein Bächlein in den Ausschnitt.

»Ein tolles Bild geben wir ab! Entschuldige, dass ich so bissig rüberkomme, aber der Regen zermürbt. Und dann diese Interviews. Die ganze Homepage. Ich bin heillos im Hintertreffen. Und auch sonst: Wir können keinen Terminplan einhalten. Alles schwimmt weg: Aufbauten, der Arenasand und Termine.«

»Hm, es wird wohl noch einer weggespült werden. Dein Dreh für die TV-Leute heute Nachmittag, die einige der Pferde in Zirkuslektionen filmen wollten.«

»Bitte?«

»Jo«, Steffi atmete tief durch, »Suente ist weg.«

»Suente?«

»Das Pferd von Marco, das so wunderbar stürzen kann. Es ist weg. Aus dem Stallzelt verschwunden.«

Suente, natürlich! Marco hatte in seiner Stuntpferdeschar eben auch Spezialisten. Welche fürs Stürzen, welche, die besonders gut sitzen konnten. Welche für Zirkustricks. Suente war ein Spezialist und Superstar, der in vielen Hollywoodfilmen mitgespielt hatte.

»Wie kann der verschwinden? Da sind doch Stallwachen.«

»Anscheinend war der Stallbursche kurz weggegangen. Er hat sogar noch einen Hänger wegfahren sehen. Er dachte, das sind die Pferde von diesem Friesenstall. Aber anscheinend hat da einfach einer Suente eingeladen und ist weggefahren. Am helllichten Tag.«

Jo wischte sich eine klatschnasse Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Hol Marco! Weiß er es schon?«

»Ja, er springt im Fünfeck!«

Marco kam und er kochte. Marco Cœur de Fer, Kopf der weltbesten Stunttruppe. Kaum ein Hollywood-Film mit Pferdeszenen, wo seine tierischen Schauspieler nicht dabei waren. Hochdekoriert mit dem World Stunt Award, ein Mann, der mit Pferden kommunizieren konnte. Ein kühler, kluger, professioneller Typ. Heute kochte er vor Wut – und er war augenscheinlich besorgt. Er konnte sich das nicht erklären, wie ein Pferd einfach so abhanden kommen konnte. Und dann ausgerechnet Suente. Auch Jos Einwand, dass es relativ schwer sei, ein Pferd allein zu verladen, ließ er nicht gelten.

»Meine Pferde sind Profis. Extrem gut ausgebildet. Die müssen mit Schauspielern ohne jedes Händchen für Pferde arbeiten. Sie sind kooperativ. Wahrscheinlich dachte er, das ist ein Filmdreh.«

»Wir müssen die Polizei holen!«, rief Jo.

»Genau das müssen wir nicht!« Marcos Stimme war eisenhart.

»Das ist Diebstahl! Ein wertvolles Pferd wurde gestohlen! Natürlich müssen wir die Bullen anrufen«, insistierte Jo.

»Nein! Tausendmal nein! Weißt du, was das für eine negative Publicity gibt? Womöglich Nachahmer anlockt? He, seht her, so einfach ist es, teure Andalusier zu klauen. Wir werden ihn wiederfinden.« Und mit diesen Worten drehte er auf dem Absatz um und schritt hinein in eine Wand von Regen.

Jo und Steffi starrten ihm nach.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Steffi schließlich.

»Du gar nichts, du beantwortest weiter E-Mails, ich werde mit Engelszungen die TV-Crew besänftigen und dann später nochmals mit Marco reden. Zisch ab. Und zieh dir was Trockenes an.«

Sie scheuchte Steffi davon, atmete tief durch und versuchte es mit Selbsthypnose: Alles wird gut, alles wird gut, das Pferd taucht wieder auf. Alles ist ein Missverständnis. Alles wird gut. Nicht dass sie das geglaubt hätte, außerdem hasste sie Nina Ruge.

An diesem Tag war Jo erst um neun am Abend in ihrem Haus angekommen, das sie von einer Freundin, die sich auf Weltreise begeben hatte, zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Als Haushüterin und Blumengießerin. Jo war sofort halbtot ins Bett gefallen. Als sie um sieben aufwachte, war sie trotz der neun Stunden Schlaf wenig erholt. Sie hatte extrem schlecht geschlafen, hatte von einem Pferd geträumt, das in einer Mondnacht wild dahingaloppierte und immer wieder in einem Stacheldrahtzaun hängen blieb. Stets die gleiche Szene, als würde ein krankes Gemüt diesen Film bewusst zurückspulen.

Die unruhige Nacht hatte allerdings auch damit zu tun, dass die Katzen beschlossen hatten, ab fünf Uhr auf ihrem Bett Fangen zu spielen und zu raufen, dass die Haarbüschel nur so flogen. Als Jo sich schließlich überwinden konnte, die Wärme des Bettes zu verlassen und Richtung Bad zu tapsen, trat sie in etwas Weiches. Es ringelte sich um ihre große Zehe. Igitt! Ein Mäuseschwanz! Jo schüttelte hektisch den Fuß, versonnen beäugt von Pina Grigia, einer langbeinigen Tigerin, die immer einen leicht nachdenklichen oder verdutzten Gesichtsausdruck hatte. Was an ihrer schrägen Augenstellung und der natürlichen »Kajalumrahmung« lag. Sie schien nachzudenken, warum ihr Mensch so seltsam mit dem Fuß wedelte. Dann gähnte sie und rülpste herzhaft. Ja, der Rest des Mäusetiers war wohl ihr Frühstück gewesen. Jo musste lachen, flüchtete ins Bad, wo sie ausgiebig duschte. Um den Traum zu vertreiben – und den Mäuseschwanz!

Heute zog Jo eine Lederhose an, mit einem Lederwams und einem Robin-Hood-Hütchen mit Feder. Sie hatte diese Schwammkleider echt satt.

Als sie in ihrem Büro ankam, war es noch ganz still, bis auf den Regen, der monoton tropfte. Die Tagesaufgaben waren ebenfalls monoton. Pressekarten vergeben, Pressemappen versenden. Gegen Nachmittag suchte sie Marco auf, der in einem der Container, die sich backstage reihten, vor schwarzem Kaffee hockte. Es gab nichts Neues. Jo versuchte ihn erneut davon zu überzeugen, dass sie die Polizei kommen lassen sollten. Aber Marco war uneinsichtig. Er hatte überall herumtelefoniert. Er hatte Späher ausgeschickt, das Pferd aufzutreiben. Späher in ganz neuzeitlichen Autos. Er drohte Jo fast, als sie erneut damit anfing, sie müssten die Polizei rufen. Verdammt, dieser französische Sturschädel.

Sie hatte ihn so bewundert, als er hier angekommen war. Der Pferdeflüsterer. Der Held auf dem Schimmel. Momentan aber war er einfach ein Unsympath und arrogant dazu. Er scheuchte sie wie eine lästige Fliege. Er habe zu tun. Er müsse an seiner Geschichte feilen. Als ob die Gralssage seine Erfindung wäre. Diese verdammte verwirrende Legende. Als ob sie nichts damit zu tun hätte! Wütend stapfte sie durch den Regen, ihre Schuhe quietschen beim Gehen, weil Jo mal wieder im Wasser stand. Dieser verdammte Regen, dieser starrsinnige Marco, dieser blöde Gral und dieses dämliche neue Interview, das sie nun wieder in Angriff nahm. Das mit Artus.

Herr Artus, sind Sie bloß ‘ne Sagenfigur?

Artus: Was heißt denn bloß? Und wenn, dann hat das unschätzbare Vorteile. Das keltische Krönungsritual sah vor, dass eine weiße Stute geschlachtet und zu Suppe gekocht wurde, in der der künftige König baden musste. Ist das widerlich!

Und so weiter. Jo kämpfte um gute Ideen, im Allgäu, ihrer Heimat, sagte man »verkopfa« dazu. Als sie schließlich ihren Text abgespeichert hatte, war sie ganz zufrieden. So dumm war die Idee vielleicht doch nicht. Sie beschloss sich selbst mal zu loben, wenn’s schon sonst keiner tat. Sie war gehobener Stimmung, bis Marco hereingefegt kam. Der hatte ihr gerade noch gefehlt, aber anstatt erneut mit seinem Starrsinn zu nerven, wirbelte er Jo auf ihrem Drehstuhl herum und küsste ihr theatralisch die Hand.

»Der Hengst ist wieder da!«

»Suente?«

»Ja, er ist in Pflaumdorf auf dem Ponyhof gestrandet.«

»Gestrandet?«

»Ich kann mir das nur so erklären, dass ihn irgendwer in einen Stall oder einer Koppel oder was auch immer gesperrt hat, und da ist er dann ausgebrochen. Man kann einen solchen Hengst nicht einfach irgendwo abstellen. Er wurde auch in Eresing gesehen, als er durch ein Neubaugebiet galoppiert ist, und dann hat er wohl den Kontakt von Artgenossen gesucht. Jedenfalls ist er in Pflaumdorf auf dem Ponyhof aufgetaucht, an den Koppeln entlanggaloppiert, hat die kleinen Stuten bezaubert, bis ihn die Besitzerin wieder eingefangen hat. Sie ahnte, dass er hierher gehört.«

»Und sie hat sich gar nicht gewundert, dass ihr ein Ritterpferd zuläuft?« Jo war immer noch sauer.

»Nein!« Marco hatte die Stirn gerunzelt. »Einem meiner Jungs ist der Hengst auf einem Ausritt abhanden gekommen. So einfach ist das. Nun lass uns lieber feiern. Ich gebe ein Gläschen Champagner aus!«

Der hatte Nerven! Auf einem Ausritt. Zwischen Pflaumdorf und Kaltenberg lagen so einige Kilometer, Dörfer, Straßen. Aber sie war zumindest in einem geneigt, Marco zuzustimmen. Wahrscheinlich hatte der Dieb das Pferd irgendwo »zwischengelagert«. Hatte wohl angenommen, dass die Polizei es suchen würde, und wollte warten, bis Gras über die Sache gewachsen war. Sie konnte sich leicht vorstellen, dass das Pferd irgendwo zwischen Schwabhausen und Schöffelding versteckt gewesen war. In den Farteshauser Hölzern gab es verschwiegene Waldwege und versteckte Stadl, rund um den Kreuzberg genauso, und von dort war es nicht weit nach Eresing. Sei’s drum, das Pferd war wieder da, wieso die Feste nicht feiern.

»Also wo ist der Champagner?«, rief Jo, und weil Steffi gerade hereinkam, lachte sie diese an. »Champagner, Mädel! Suente ist wieder da. Champagner für alle!«

»Ich möchte eure Euphorie ja nicht schmälern, aber, ich glaub, der Champagner muss warten! Wir haben schon wieder ein Problem.«

»Bitte nein! Keine Probleme mehr. In ein paar Tagen ist Premiere. Also, was ist los?«

»Die Ritter kotzen! Sie kotzen ganz erbärmlich. Schöner kann ich es nicht formulieren. Sie kotzen sich die Seele aus dem Leib und blockieren alle Klos. Lebensmittelvergiftung, Salmonellen, was weiß ich! Aber bis heute Nachmittag geht da nichts.«

Jo war von ihrem Sessel aufgesprungen. »Wie kann das sein? Seit wann?«

»Muss etwas mit dem Frühstück zu tun gehabt haben. Die haben heute alle in einem der Container gefrühstückt, backstage, nicht im Hotel, weil die doch schon in aller Frühe trainiert haben. Weil’s da gerade mal nicht geregnet hatte.«

»Aber wie kann das sein? Wo kam das Frühstück her?«

»Aus dem Bräustüberl. Die haben keine Ahnung, wie das passieren konnte. Drum denk ich ja, es könnten Salmonellen sein. Die hatten Rühreier.«

Jo sah Marco an. »Dir geht’s aber gut?«

»Ich habe nicht mit den Jungs gefrühstückt.«

»Merde!« Jo konnte auch französisch statt allgäuerisch fluchen. In Notfällen. Das war einer. Schon wieder. Heute wäre Pressekonferenz mit Pressetraining gewesen. Merde! Das würde wieder ein Einsatz im Dienste der Engelszungen und der Diplomatie werden. Sie musste rund fünfzig Journalisten umdirigieren. Nichts leichter als das! Menschenskinder, da musste man doch zynisch werden. Mit Steffis Hilfe gelang es am Ende, den Termin auf morgen, Dienstag, zu verlegen. Bis auf wenige Kollegen, die schon anderweitig verpflichtet waren, war die Meute umdirigiert.

In ihrem früheren Job als Tourismusdirektorin hatte Jo nie Angst gehabt, vor vielen fremden Menschen zu sprechen. Heute hatte sie so was von Bammel. Das war neues Terrain, ein leibhaftiger Prinz würde anwesend sein, zudem war es ihre Aufgabe, die Fragen an Marco zu übersetzen.

Aber wenn sie Marco auch die letzten Tage mehrfach verflucht hatte, heute hätte sie ihn küssen mögen. Er ritt auf Suente mitten in die Pressekonferenz hinein. Ließ das Pferd vor den Zuschauerreihen steigen. Ohs und Ahs und Achs, die Journalisten waren begeistert, erst recht, als die Ritter vorgestellt wurden und in der Arena dahinpreschten für die Fotografen. Suente stürzte spektakulär wie im Film, Motivado platzierte sein Hinterteil im Sand und spielte mit den Ohren. »Ist der süß!« Die Journalistinnen waren begeistert. Ob das »süß« dem Pferd oder Marco galt?

Jo entspannte sich, alles lief reibungslos. Das Essen in der Ritterschwemme, riesige Schweinshaxn, kam gut an, das Kaltenberger Bier lief und lief. Gegen zwei war die ganze Meute wieder weg. Bis auf wenige Journalisten, die noch auf dem Gelände herumschlichen. Aber die kamen allein zurecht. Brauchten nicht unbedingt ihren PR-Babysitter.

Jo atmete nochmals tief durch und begann ein wenig beim Training zuzusehen. Sie lehnte sich an den Zaun der Arena. Wie oft hatte sie das nun schon gesehen? Sehr oft, täglich. Seit Tagen. Und doch war sie immer wieder aufs Neue fasziniert. Marco saß nicht im Sattel, er verschmolz mit seinem Pferd. Sie, die sie seit vielen Jahren Pferde hielt, ihnen verfallen war und ihnen zu oft verzieh, würde es nie zu einer großen Reiterin bringen. Sie war viel zu wenig konsequent. Zu sich selbst und den Tieren. Deshalb faszinierte sie Marco ja so: Mit minimalen Hilfen, sodass ein ungeübtes Auge sie nicht mal bemerkte, dirigierte er seine Pferde. Sie stiegen, sie stürzten hin. Dabei drillte er die Pferde nicht, er war achtsam. Dennoch konsequent. Marco kam an den Zaun geritten, ließ den Hengst vor ihr steigen.

»Steig auf!«, sagte er.

»Ich?«

»Natürlich du. Du kannst doch reiten. Du bist eine Frau mit Mut und Verstand. Du bist ein Alpha-Mensch. Der Hengst ist ein Alpha-Tier. Wenn ihr euch gegenseitig respektiert, könnt ihr ein gutes Team werden.«

Jo glitt in den Sattel. Fast ehrfürchtig. Sie umrundete die Arena im Trab, das war pure Kraft und Leidenschaft da unter ihr. Galopp, immer engere Zirkel. Eigentlich kann ein Pferd auf solchen Zirkeln gar nicht mehr galoppieren. Dieses konnte. Es gab nur drei Dinge im Leben, die so einzigartig unmittelbar waren: auf einem Pferd zu sitzen, das in den Himmel flog, auf Skiern durch den Tiefschnee zu tanzen, der Sonne entgegen, ein Orgasmus. In dieser Reihenfolge. Sie stoppte punktgenau vor Marco.

»Das ging so«, sagte er. Und dann folgte eine lange Liste ihrer Fehler: Hand zu unruhig, Bein zu zappelig. Hüfte geknickt. Zu wenig Präsenz auf dem Pferd.

»Aber er hat gemacht, was ich wollte«, wehrte sich Jo.

»Er machte dich glauben, er hätte gemacht, was du wolltest. Er ist ein Profi. Kennst du Sophie Marceau? Naturellement kennst du sie. Bei einem Dreh mit mir hatte sie ständig ein Rechts-links-Problem. Sie sollte laut Drehbuch nach links reiten, dirigierte das Pferd aber nach rechts. Das Pferd ging trotzdem nach links. Verstehst du?«

»Hmm. Dann lass ich das lieber mit dem Stuntreiten?«, fragte Jo.

»Gib nicht so schnell auf. Und trau lieber deinen Kritikern. Den Schmeichlern gegenüber solltest du skeptisch sein.« Er wandte sich ab und gab einige kurze Befehle an die Ritter, die angefangen hatten, das Tjosten, den spektakulären Reiterzweikampf, zu trainieren.

Sie jagten aufeinander zu. Die Lanzen nach vorne gereckt. Mit dreißig Stundenkilometern ritten sie, pure Gewalt und pure Ästhetik. Einer fiel zu Boden. Viel zu früh. Marco war unzufrieden.

»Das hier ist live! Wir können nicht wieder und wieder drehen. Stürz gefälligst erst, wenn dich die Lanze trifft!«

»Faszinierend, oder?« Ein Mann stand neben Jo.

»Wussten Sie, dass es Versuche in der Crashtest-Zentrale in Landsberg gab, die herausfinden wollten, was passiert, wenn die Lanze in vollem Aufprall den Ritter trifft? Der hatte im Mittelalter zwar eine Fünfundvierzig-Kilo-Rüstung an, aber die Verbindungen brachen, und Rüstungsteile flogen regelrecht umher. Das Tjosten war oft tödlich.«

Jo schenkte ihm einen gelangweilten Blick. »Zufällig wusste ich das. Und als die ersten Langbogen kamen, wurde es besonders gefährlich. So ein Pfeil ging voll durch das Kettenhemd, die Glieder brachen einfach. Hundertneunzig Kilometer hatte so ein Bogen drauf. Das war immer tödlich. Die Rüstung gaukelte nur Sicherheit vor.« Sie machte eine effektvolle Pause und grinste. »Das alles steht in der Pressemitteilung. Die ich zufällig verfasst habe.«

Der Mann schwieg. Schenkte ihr einen angewiderten Blick und straffte die Schultern. »Ich sehe Sie dann bei der Premiere, Frau Doktor Kennerknecht.« Er betonte das Doktor sehr deutlich und ließ seine Augen diesen Tick zu lange auf ihrem Mieder ruhen, bevor er sich abwandte und davonging.

»So ein Arschloch!« Hubert Holzer, der Geländespengler, war neben Jo getreten. Die lachte.

»Lieber Herr Holzer, welch böse Worte!«

»Stimmt doch, ein Granatenarschloch!«

Sie plänkelten noch eine Weile hin und her, lästerten ein bisschen über den Typen. Dabei war der noch von der harmloseren Sorte, da hatte sie schon mit ganz anderen zu tun gehabt.

Jo teilte die Journalisten in drei Kategorien ein: Die-den-Namen-verdienen-Typen, Die-wissen-Sie-wer-ich-bin-Nervensägen und Die-mit-der-Business-Karte-Tänzer.

Erstere waren Profis, wollten ihren Job machen, hatten klare Aufträge von real existierenden Medien und klare Vorstellungen. Das waren die wenigsten! Die zweiten waren durchaus Angehörige oder Mitarbeiter angesehener Blätter, vor allem hatten sie keinen Mangel an Selbstvertrauen zu beklagen. Sie waren wichtig, überirdisch wichtig, und deshalb war es ja sonnenklar, dass der extraterrestrisch prominente Kollege nicht nur eine Eintrittskarte erwartete, sondern eine für Frau und Kind und Kegel und Enkel und Haustier. Dieses Phänomen kannte sie noch aus ihrer Zeit in der Reisebranche. Kollege Oberwichtig wollte in einem Skigebiet recherchieren und brauchte dazu Skipässe für sich, die Gattin und drei Enkel. Für eine ganze Woche und einen Skilehrer für die lieben Kleinen gleich dazu. Sie hatte das immer abgelehnt und sich damit wüsten Beschimpfungen ausgesetzt. »Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?« »Natürlich weiß ich das. Aber ich weiß nicht, wer Ihre Frau ist und Ihre Enkel. Und für wen schreiben die so?«

Dann gab’s noch jene, die selbst gebastelte Business-Karten hatten, Empfehlungsschreiben von Medien, die es vielleicht am Mars gab, aber sicher nicht im weiten Erdenrund. Wer doch alles Journalist war! Solche Abzocker waren ihr seit ihrem Dienstantritt in Kaltenberg schon so viele vorgekommen, dass sie aufgehört hatte zu zählen. Und die der zweiten Fraktion auch! Heute früh hatte eine Frau vom Fernsehen angerufen – das sowieso schon ein atemberaubendes Kontingent an Karten hatte – und ihr eine Rührnummer abgeliefert von Karten, die sie in ihrem Fach hatte liegen lassen und die während ihres Mauritius-Urlaubs abhanden gekommen waren. Die sie nun wiederhaben wollte. Mauritius! Himmel, Mädchen – Jo hatte die Frau, eine bekannte Moderatorin, vor Augen – kauf dir halt welche! Bei dem Gehalt! Aber das sagte sie natürlich nicht, sondern berief sich auf »Total ausverkauft, keine Kontingente mehr, untröstlich!« Was für ein Affentanz, wieso hatte sie nichts G’scheits gelernt? Journalismus und dann PR im Tourismus, wie blöd musste man sein, sich ausgerechnet das anzutun?

Weilheim

Gerhard schnaufte. So richtig. Dann sah er auf die Uhr. Fünfundvierzig Minuten hatte er gebraucht. Keine Spitzenleistung, aber ganz ordentlich auf seine alten Tage. Er holte sich in der Hütte ein Weißbier und Debreziner, dann ließ er sich auf der Terrasse nieder. Die Bänke waren feucht, aber es regnete gerade mal nicht an diesem Mittwochmorgen. Augenblicklich erhob sich ein Vogel aus den dunklen Tannen, landete auf der Brüstung vor Gerhard und beäugte vorwurfsvoll aus dunklen Knopfaugen Gerhards Brot. Er popelte ein paar Krumen raus und legte sie ans Tischende. Zack, weg waren sie. Gerhard lächelte und nahm einen tiefen Zug aus seinem Weißbierglas. Solche Tage gönnte er sich viel zu selten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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