Gottesfurcht - Nicola Förg - E-Book
Beschreibung

Kaum tritt Gerhard Weinzirl seinen Dienst im Oberbayerischen an, wird er mit einer Leiche im winterlichen Eibenwald westlich von Weilheim konfrontiert. Als zwei weitere Tote gefunden werden - der eine am Döttenbichl in Oberammergau, der andere in Peißenberg -, erkennt Gerhard einen Zusammenhang. Alle Opfer hatten an der Schnitzschule von Oberammergau gelernt. Mordet hier ein gestörter Täter? Welche Rolle spielen die ungelenk geschnitzten Tiere, die alle drei bei sich hatten? Und was soll Gerhard von "Frau Kassandra" halten, die ausgerechnet ihn davon überzeugen will, dass die Opfer in den mystischen Raunächten umgekommen sind und ihr Tod an kultischen Plätzen regelrecht inszeniert wurde. Gerhard bohrt in der Vergangenheit seiner Opfer. Und dabei lässt ihn das Allgäu nicht los: Die Spur zum Mörder führt in die Heimat, und dann ist da ja auch noch Jo, die Gerhards Seelenleben durcheinander wirbelt...

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Seitenzahl:322

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Nicola Förg ist im Oberallgäu aufgewachsen und studierte in München Germanistik und Geographie. Sie lebt mit vielen Tieren in einem vierhundert Jahre alten denkmalgeschützten Bauernhaus im Ammertal. Als Reise-, Berg-, Ski- und Pferdejournalistin ist ihr das Basis und Heimat, als Autorin Inspiration, denn hinter der Geranienpracht gibt es viele Gründe zu morden – zumindest literarisch. Im Emons Verlag erschienen ihre Kriminalromane »Schussfahrt«, »Funkensonntag«, »Kuhhandel«, »Gottesfurcht«, »Eisenherz«, »Nachtpfade«, »Hundsleben«, »Markttreiben« sowie die Katzengeschichten »Frau Mümmelmeier von Atzenhuber erzählt«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlung, Personen und manche Orte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2005 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagzeichnung: Heribert Stragholz eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-033-9 Oberbayern Krimi Originalausgabe

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Für Fenja

»Well I lost all I was, and it’smore than I’ve tried to be.«Standing here with you.

(Megan’s Song), Pavlov’s Dog, 1976

        Fuizbuam Dezember 1948

Als Karli den Kopf hob, fiel ein Lichtstrahl auf sein Gesicht. Das Licht kam von hoch oben, dort, wo fast an der Decke des Kellers ein kleines Fenster eingesetzt war. Die Nachmittagssonne spielte mit den Eisblumen auf der Scheibe, das Licht brach sich und sendete feine Strahlen auf den gestampften Lehmboden, wo die vier Buben hockten. Im Schneidersitz auf zusammengefalteten Rupfensäcken.

Karlis Freund Schorschi atmete tief durch und seufzte: »So was möchte ich können. Glasschleifer möcht ich werden und Blumen machen, so wie die. Der Onkel hat’s erzählt, irgendwo weit weg, in irgend so einem Wald da sitzen arme Leute, arm wie wir, und machen Glas. Glas wie im Märchen.«

Hansl, der Dritte im Bunde, wandte sich Schorschi zu. »Glasschleifer, du? Du warst noch niemals in Weilheim, wie willst du da in irgendeinen Wald kommen? Bleib lieber bei uns. Schnitzen wir halt was. Das kannst du doch so schön. Das ist ebenso gut wie Glas.«

»Ja, schnitzen wir was!«, rief Pauli.

»Und was wollen wir schnitzen?«

Kurze Zeit war es still, bis Karli leise sagte: »Tiere. Die Kathl sagt, Tiere können in diesen Nächten sprechen. Schnitzen wir sprechende Tiere.«

Hansl gab ihm einen Knuff. »Warst bei der Kathl. Da sollen die Kinder aber nicht hin. Die ist ‘ne Hexe. Die kann die schwarze Kunst. Die war kürzlich bei der Mutter und wollte sich ein Beil leihen. Die Mutter hätt ihr nie eins gegeben, weil sonst Pech ins Haus kommt. Sie hat nicht mal lügen müssen. Wir haben eh keins.«

»Sie kann auch die weiße Kunst. Sie hat meiner Schwester Anna die Warzen weggebetet.« Karlis Augen glänzten, fast als hätte er Fieber. »Es ist mir egal, was die Erwachsenen sagen. Ich mag die Kathl.«

Schorschi sah vom einen zum anderen. »Jetzt streitet nicht. Ja, schnitzen wir Tiere.« Er warf jedem der drei anderen ein Prügel Holz hin, und ehrfürchtig verteilte er drei Schnitzmesser. »Die gehören dem Onkel Josef aus Oberammergau. Macht bloß nix kaputt.«

Die Köpfe senkten sich, bis Pauli nach einiger Zeit fragte: »Was schnitzt ihr eigentlich? Ich mach einen Ochs.«

»Ich mach ein Schaf«, sagte Schorschi.

»Und ich einen Esel!«, rief der Hansl.

Karli sah die Freunde an. »Das passt ja: Pauli der sture Ochs, Schorschi das ängstliche Schaf, Hansl der gewitzte Esel.«

»Ja und du? Was bist dann du?« Hansl stupste ihn mehrmals mit dem Holzstück in die Rippen.

Karlis funkelnde Augen waren noch wilder als sonst. »Ich, ich bin ein Drache, ein Adler, ein Ungeheuer.« Er fuchtelte mit seinem Messer.

»Depp!« Hansl war mit solchen Reden nicht zu beeindrucken. »Außerdem ist bald Weihnachten: Ochs, Esel, Schaf, das passt in die Krippe. Du musst was schnitzen, was in die Krippe passt.«

Die anderen nickten. »Ja, noch ein Schaf oder einen Hütehund, oder …?«

»Ein Kamel«, fiel Hansl ein. »Das von den Weisen im Morgenland. Das passt zu dir. Ein großes Tier aus der Wüste. Nix von hier. Du passt ja auch nicht zu uns. Wir Fuizbuam, der Berliner Hansdampf und du, der Großbauer!«

Karli schoss hoch und packte Hansl an seinen dünnen Handgelenken. »Was, ich pass nicht zu euch? Ich denk, wir sind Freunde.«

»Klar sind wir Freunde. Depp! Ich mein doch bloß. Ein Kamel ist schön und groß und anders und edel, ja edel.«

Karli starrte Hansl an, der wie immer ein wenig spöttisch schaute. Dann sah er in die angstgeweiteten Augen von Schorschi, suchte Pauls stets neugierigen Blick und lenkte schließlich ein. »Einverstanden, ein Kamel.«

Die Augen senkten sich wieder auf die Stücke, bis Schorschi einwarf: »Machen wir morgen weiter. Es ist fast dunkel und kalt, und die Eltern kommen bald aus Achberg zurück. Der Vater mag’s nicht, wenn ich nichtsnutzige Dinge tu. Und schaut: Der Hansl hat schon ganz blaue Finger.«

Hansl zuckte mit den Schultern. »Ja, hab ich immer. Meine Handschuhe hat mein Bruder, der Hermann. Den friert schneller als wie mich.«

»Und deine Knie sind auch blau.«

Hansl legte seine kleinen knochigen Finger auf die Knie und rieb sie ein wenig. »Hast du etwa eine lange Hose für alle Tage?«

Schorschi schüttelte den Kopf. »Bloß der Karli hat eine, oder sogar zwei?«

»Ja und? Also was ist jetzt mit den Tieren? Schnitzen wir morgen weiter?«

»Natürlich!«, sagte Pauli, und plötzlich ging ein Leuchten durch seine Augen. »Wir gründen eine Bruderschaft, die Bruderschaft der unzertrennlichen Tiere.«

»Au ja, der sprechenden unzertrennlichen Tiere. Tiere reden in diesen Nächten!«, stimmte Karli zu.

»Das darf der Herr Pfarrer aber nicht wissen. So was glauben doch bloß Heiden«, flüsterte Schorschi gerade so, als würde ihn der Pfarrer sonst hören.

»Ach der!«, bellte Karli, nahm sein Messer und ritzte sich in den Unterarm. »Blutsbrüder der redenden Tiere. Die Unzertrennlichen, Ochs, Esel, Schaf und Kamel. Oder seid ihr zu feig?«

Hansl hatte das Messer schon angesetzt, Paul auch, und Schorschi schaffte es schließlich auch.

1

Gerhard lächelte. »Horch in di nei, Bua«, hatte seine Mutter gesagt. »Loos gscheid und dann dua eabbas räächts.« In sich reinhören, das klang ihm doch wirklich zu sehr nach Selbstfindungsseminar. Schön, dass wir darüber geredet haben? Aber er wusste, was seine Mutter ihm hatte vermitteln wollen: Folge deiner Intuition, du machst das schon richtig.

Er war gefahren, aber war das nun richtig? So sehr er auch horchte, sein Inneres blieb ihm eine Antwort schuldig. Er war unterwegs an diesem nasskalten Tag. Die Entscheidung war also gefallen. In seinem VW-Bus purzelten einige Rucksäcke durcheinander, sein Mountainbike und Tourenski. Mehr hatte er erst mal nicht dabei. Er hätte wirklich gern etwas gefühlt: Trauer, Unwohlsein, Unruhe, aber da war nichts. Meine Seele ist ebenso grau wie der Himmel, dachte Gerhard, wahrscheinlich bin ich ein gefühlloser Klotz. Eigentlich hätte er ja erst am 2. Januar anfangen sollen, aber die Aussicht, Weihnachten in Kempten zu verbringen, war wenig prickelnd. Er hätte mit Jo feiern können, aber nach dem Ärger der letzten Tage konnte er sich nicht überwinden anzurufen. So hatte er beschlossen, sich schon mal ein Bild von seiner neuen Arbeitsstelle zu machen.

Er fingerte nach einem Stück Papier, die Mail, auf der die neue Dienststelle die Anschrift seiner Wohnung verzeichnet hatte. Gerhard war froh, dass sie ihm etwas besorgt hatten. Sein zukünftiger Kollege Peter Baier oder besser dessen Frau hatte das arrangiert.

»Meine Frau ist ein wandelndes Ehrenamt«, hatte Baier am Telefon gesagt. »Orgelverein, Nachhilfe für die Minderbemittelten, Bürger für Bürger, Rentner für Kinder, Bauern für Städter, Mediatoren für die Zwiderwurzen dieser Welt – was weiß ich alles. Meine Frau kann arbeiten wie eine Besessene, darf bloß nichts sein, wo man eventuell Geld damit verdienen würde. Eine Bekannte von ihr, ganz ähnlich, Weinzirl! Ganz ähnlich! Bei denen haben Sie die Wohnung. Skurrile Familie, aber sehr nett. Wird Ihnen gefallen.« Er ließ offen, ob er die Familie oder die Wohnung meinte.

Gerhard hatte sich über Baiers reduzierten Sprechstil mehrfach schon amüsiert. Der Mann schien Verben zu hassen, und wenn, dann beschränkte er sich auf »sein«, »haben« und andere Hilfsverben, wenn’s irgendwie ging. Gerhard fand das beruhigend. Kein Schwätzer. Außerdem verstand er Baier: Wenn das Leben zur Routine wurde, dann brauchte man nicht mehr so viele Worte zu verwenden.

Auch deshalb wollte er etwas Neues erproben. Gegen die Routine, gegen die Sprachlosigkeit. Die Stelle war ausgeschrieben gewesen, eine A 13. Gerhard hatte sich eigentlich nur so nebenbei als Gag beworben, in der tiefen Überzeugung, dass ihm für den ersten Kriminalhauptkommissar der Hintern viel zu tief hing. Da würden sich ganz andere Kaliber bewerben. Und nun wollten sie ihn als Nachfolger für Peter Baier. Gerhard war nur abgeordnet für jene Monate, die Baier noch im Dienst sein würde. Er könnte zurück, zumal Evi momentan den Laden in Kempten nur kommissarisch leitete.

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