Frau Mümmelmeier von Atzenhuber erzählt - Nicola Förg - E-Book

Frau Mümmelmeier von Atzenhuber erzählt E-Book

Nicola Förg

4,8

Beschreibung

Frau Mümmelmeier von Atzenhuber erzählt wieder; gleich sechs neue Geschichten gibt es zu den bewährten dazu. Und wer es immer noch nicht weiß, dem erklärt sie es geduldig noch einmal: "Es gibt drei Sorten von uns. Fußwärmer (Menschen halten sie für die angenehmsten) rollen sich adrett auf den Menschenfüßen zusammen. Dann gibt es Kragen, die liegen am liebsten so, dass ein Mensch im Hochsommer das Gefühl hat, 'nen Angorakragen umzuhaben. Und dann gibt es Schlüpfer, die zieht es unter die Decke." Katzengeschichten einmal anders - von der Katze einer Erfolgsautorin erzählt.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar       © 2014 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten © der Fotografien: Nicola Förg und Andreas Baar Umschlaggestaltung: Weusthoff Noël, Hamburg(www.wnkd.de) eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-557-0 überarbeitete und erweiterte Neuausgabe

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Inhalt

Vorwort von Nicola Förg

1Ich bereichere deren Leben

2Herr Moebius von Atzenhuber kommt an

3Wir übersiedeln ins Oberbayerische

4Besucher sind wie Fisch, am dritten Tag werden sie schlecht

5Ich bin dann mal weg

6Bianchi von Grabenstätt verlässt den Graben

7Ein kleiner Exkurs über Tisch- und Bettmanieren

8Zu Hilfe, ein Denkmal!

9Ein Hendl namens Hölderlin

10Namen sind Identität

11Leben beinhaltet Abschiede

12Ein bisschen Jägerlatein

13Die Strohschupp’schen Turbos

14Curiosity kills the cat – beinahe

15Nasi, die Schnudel und der Pol

16Requiem für Pinele und der Warzenkopf

17

Vorwort von Nicola Förg

IM ALTEN ÄGYPTEN wurden sie als Gottheiten verehrt. Ehrlich? Hand aufs Herz, liebe Archäologen, wisst ihr wirklich, was auf den Schrifttafeln und Papyrusrollen unter dem Bildnis einer Katze steht?

»Verzweifelter Pharao hat fünf kleine Kätzchen abzugeben. Mit Katzenklo. Wer eine abnimmt, erhält zwei Wochen Kost und Logis gratis. Mit Nilblick.« Und wieso ist dieser Pharao verzweifelt? Weil seine Priester und sein Hofstaat eben auch am Verzweifeln waren und irgendwann die Meuterei in der Pyramide ausgebrochen war.

»Herr Pharao, wenn die mir noch einmal durchs Orakel rennt, dann können Sie sich einen neuen Weissager suchen. Die schmeißt mir jedes Mal die Knöchelchen von Ihrem Vater durcheinander.«

»Verehrter edelster Herr Pharao, wenn die nochmals ihre Krallen am Sarkophag von Ramses wetzt, dann können Sie sich eine neue Putzfrau suchen. Am Ende werde doch ich verdächtigt.«

»Lieber Onkel Pharao, wenn Ihr Kater nochmals die Osiris-Statue markiert, dann laufe ich zu den Assyrern über. Verwandtschaft hin oder her. Wissen Sie, wie das stinkt, lieber Onkel?«

»Wertester Pharao, Gönner der schönen Künste, wenn dieses Vieh mir nochmals auf die wichtigen Schrifttafeln kotzt, dann kündige ich. Wissen Sie, wie lange ich an so was meißle?«

Ja, liebe Pharaonen, liebe Archäologen, liebe Zeitgenossen: Die Geschichte von Katz und Mensch ist eine Geschichte voller Fabeln, Legenden und Mären. Die Geschichte der Katze und des Menschen ist eine voller Missverständnisse und Irrtümer. Aber wir alle haben mal so angefangen. Klein und voller Illusionen. Wir lernten Mümmel kennen, also Frau Mümmelmeier von Atzenhuber, und unser Leben sollte nie mehr so sein wie zuvor.

Alles begann mit Mümmel. Als wir Mümmel besaßen … Ganz falsch, Katzen besitzt man nicht, Katzen besetzen Menschen. Also, als Mümmel die Gnade hatte, unser bis dahin armseliges Leben zu bereichern, wurde alles anders. Ganz anders, und sie war »nur« die Erste.

Kein normaler vernunftbegabter Mensch fährt eines schönen Morgens aus wirren Träumen hoch, horcht in sich hinein und hört die Botschaft: Du sollst dir sechs Katzen anschaffen. Kein normaler Homo sapiens schafft sich einfach so sechs Katzen an. Katzen kommen über einen. Wie Gewitter. Wie unangemeldete Verwandtschaft. Wie Fußpilz. Wieder falsch. Wie der größte Segen natürlich.

Wir waren einmal – olim, einst, in grauer Vorzeit, die sich heute unserer Erinnerung komplett entzieht – recht normal. Fast. Wir hatten zwei Kaninchen und ein Fjordpferd, aber Letzteres wohnte ja nicht zu Hause. Der Fjordwallach war irgendwie schuld, denn auf seinem Pferdehof zogen vier kleine Kätzchen ein. Herbstlinge, verfroren, viel zu früh der Katzenmama entrissen. Zweimal in Schwarz-Weiß und zweimal in Rabenschwarz. Die beiden Rabenschwarzen entführte eine Reitkollegin, waren noch die beiden anderen übrig. Es war ein Elend! Gammlige Milch von Fliegen übersät als Katzenfutter, mistiges Stroh in den Ställen der Kälber. Bauernschädel! Was Katzen betrifft, ist der Nährstand nicht zimperlich. Unnütze Kreaturen, Mäuse sollen die fressen. Und wenn es »Verreckerle« sind, holt man halt die nächsten. Gibt ja genug davon!

Seit Katzendame Mümmel gelten wir bei Bekannten und in der Nachbarschaft als wunderlich. Journalisten (lügen), keine Kinder (Sozialschädlinge im Widerstand, Rentenzahler zu produzieren) und dann noch sechs Katzen. Und zwei alte Kaninchenjungfern und fünf Pferde, aber diese niederen Spezies wohnen ja im Stall, Katzen hingegen sind präsent, omnipräsent in unserem Leben, und damit möchte ich das Wort an eine weit begnadetere Erzählerin übergeben.

KAPITEL 1

Ich bereichere       deren Leben

GUTEN TAG, MOIN, MOIN, TACH oder wie ihr Menschen euch auch sonst begrüßt. Hier in Bayern heißt das »Grüß Gott«, ich meine in Menschenlatein, wir begrüßen uns ja mit einem Nasenstüber und schnuffeln mal am Popo des Neuankömmlings. Da weiß man gleich, mit wem man es zu tun hat. Solltet ihr Menschen auch machen, das würde euch viele Enttäuschungen ersparen, ihr mit eurer viel besungenen Menschenkenntnis – Katzenkenntnis erreicht ihr Menschen leider nie!

Aber gut, das nur am Rande, ich soll also erzählen? Nun, wir hatten einen schlechten Start da im Stall, aber da gab es Silvi, die Tierärztin, die uns geimpft hat und entwurmt, und Nachbar Franz, der richtiges Katzenfutter ausgegeben hat, und so war der Winter ganz erträglich. Ich meine, solche Durststrecken muss man durchstehen, unsere Mutter hat uns immer eingeschärft: Stil hat man, egal wie die Umstände sind. Ich bin ja eigentlich eine ostpreußische Gräfin, wir mussten flüchten übers Haff, wir hatten natürlich Personal und haben Trakehner gezüchtet, wir hatten sogar einen zahmen Elch, hat uns Mama ins Ohr geschnurrt. Warum und wieso wir nahe Augsburg gelandet sind, bitte, wen interessiert das schon! Wir Katzen haben einen anderen Zeitbegriff und leben mehrdimensional.

Jedenfalls hielten mich die schlechten Startbedingungen nicht davon ab, schön zu werden. Nicht putzig oder lieb oder süß, wie Menschen dann immer quäken, wenn sie uns sehen. Nein, ich wurde schön, mit edlem Langhaarkleid und perfekt geometrischer Schwarz-Weiß-Zeichnung. Mein Bruder sah auch nicht übel aus, aber plötzlich, auf einmal im Frühjahr, war der Kerl weg. Lag nirgends überfahren am Straßenrand, und ich hoffe bis heute inständig, dass er sich einen praktischen Menschen gesucht hat. Merlin, wie die Menschen ihn getauft hatten, der schnurrte ja schon, bevor ein Mensch um die Ecke bog. Aber Merlin war weg, und ich gebe zu, es war einsam ohne ihn, man konnte so schön seinen Schwanz jagen, und als Kopfkissen war er im Stroh auch sehr geeignet. Zu mir sagten sie anfangs »Mim«, und dann driftete mein Name irgendwie lautmalerisch immer mehr in Richtung »Mümmele« ab. Wahrscheinlich weil der Hof nahe bei Augsburg lag, wo man ja gerne mal diesen schwäbischen »le«-Sprachfehler hat.

Also, ich war immer noch auf der Suche nach Merlin, und dann roch es auch so interessant, jedenfalls ich in so einen Schuppen rein, Witterung aufgenommen, und plötzlich fiel die Tür zu. Ich dachte mir noch, das Geräusch kennst du, wenn sich so ein Schlüssel im Schloss umdreht, und ich nahm mal an, dass bald wieder jemand käme. Ich überschlage in solchen Situationen die Pfoten und warte, Rumschreien kostet nur Energie und ist stillos. Aber es kam lange keiner, sehr lange, die Menschen haben wahrscheinlich gedacht, ich sei ins Silo gefallen oder in der Odelgrube grausam verendet. War ich natürlich nicht, wir haben sieben Leben und notfalls noch ein paar mehr.

Ich musste einen Ausgang finden, und der war zugegeben nicht so gut gewählt, eine Scheibe brach, und ich habe mir ziemlich den Hals zerschnitten. Als ich bei Franz auf der Treppe saß, ist der fast in Ohnmacht gefallen. Gut, ich war dürr wie ein Skelett, nur mein edles Langhaar kaschierte noch das Gerippe. Und den Hals hatte ich komplett zerschnitten, Blut macht auf weißem Haar wirklich dramatische Flecken. Menschen können ja so schlecht Blut sehen.

Silvi kam mit Spritzen und Verbänden, unangenehm, aber wahrscheinlich nötig, und ich gebe zu, ich wurde ein wenig depressiv. Das ist sonst weniger meine Art, und ich wusste, dass sich in meinem Leben etwas ändern musste. Dieser Stall war einfach kein Umfeld für eine Katze meiner Couleur.

Nun hatte ich ja bereits einmal einen Ausflug zur Menschin gemacht, indem ich in ihr Auto eingestiegen war. Sie hatte mich auch erst bemerkt, als sie zu Hause war. Sie hat mich – und das war ein-kalkuliert – mit hineingenommen und ihrer Frau Hrdlicka und Frau Bösl vorgestellt. Zwei Karnickel! Sie war nachgerade panisch, ob ich den Karnickeln etwas antue oder die mir. Ich bitte Sie, welche Katze macht sich die Pfoten an diesen kurzohrigen Hopplern dreckig! Ich hab denen gesagt: Friede, Schwestern, denkt an Woodstock, und dann war das Körnerfutter mehr oder wenig gebissen. Die eine klopfte herzhaft auf der Treppe, das machen diese Nager ja gerne, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen, aber das war es auch schon. Doch die Menschin hat mich zurück in den Stall gefahren, dabei fand ich mein Bewerbungsgespräch damals eigentlich sehr gelungen.

Das jedenfalls hatte ich in Erinnerung und dass ich nun doch zu intensiveren Mitteln greifen musste. Ich also mit kugelrunden Augen den Trauerkloß gegeben, und als Franz ein Fest ausrichtete, bin ich ständig mit hängendem Schwanz scheu durchs Bild gehuscht, ein peinlicher Auftritt im Prinzip, aber der Zweck heiligt die Mittel.

Die Menschin und der Mensch warfen sich so Blicke zu, na endlich hatten sie es begriffen, setzten mich ins Auto, wo ich mich sofort auf einer nach Pferde müffelnden Jacke zusammenrollte. Sonst gab ich keinerlei Kommentare ab. Zu Hause durchschritt ich langsam und nachdenklich alle Räume, nahm ein Bett mit Daunendecke ins Visier, sprang hoch und schlief. Den beiden Klopfern hab ich in einer unbeachteten Minute mal ganz sanft auf die Nase gehauen und klargemacht, dass ich soeben eingezogen bin. Da setzt doch eine dieser beiden ältlichen Kaninchendamen zu einem jähen Sprung nach vorne an und will mit erdbebenartigem Hinterpfotentrommelwirbel klarstellen, dass sie zuerst da gewesen sei. Also, das focht mich nicht an, diese alten Tanten waren ja sozusagen Personal. Solch unflätiges Volk hatten wir in Ostpreußen auch. Ich hab mich dann mal eine Woche lang ausgeschlafen, gut gegessen, und langsam kehrten meine Kräfte zurück. Jetzt war mal Zeit, Terrain abzustecken. Ich schritt also ins Wohnzimmer und verbrachte mich lang hingebreitet auf die Couch vor dem Fernseher. Die Menschen guckten nur kurz ein wenig komisch, also gab ich noch ein Maunzen von mir, übersetzt in etwa: »Wollen wir mal gemeinsam einen gemütlichen Abend verbringen.« Und sie haben es begriffen, schneller als erwartet, Menschen sind ja ungeheuer begriffsstutzig. Sie nahmen zu meinen Füßen auf dem Parkettboden Platz, ich legte der Menschin zierlich die Pfote auf die Schulter und hab sie einmal huldvoll angesehen. Menschen brauchen das, sie fühlen sich dann gut und angenommen. Ich war eingezogen und angekommen.

Anfangs habe ich ja wahnsinnig gerne ferngesehen, vor allem Tiersendungen. Vor allem Programme mit Vögeln, die dann irgendwo in dem Kasten verschwinden. Ich mich also obendrauf gelegt und auf die Beute gehauen. Die Menschen haben mich ausgelacht, also, das mögen wir Katzen ja gar nicht. Wir sind dann gezwungen, die Niederlage mit klassischen Übersprungshandlungen zu kaschieren: putzen, den eigenen Schwanz jagen. Wir hassen es wirklich, wenn man uns auslacht. Katzen, die Geschöpfe der Pharaonen, versagen nämlich nicht. Schon gar nicht, wenn man wie ich eine Edle, eine Gräfin, eine Baroness, eine Hoheit ist mit dem selbstverständlichen Auftreten des Landadels. Noblesse – und es kann sein, dass ich mich da wiederhole – ist keine Frage der Lebensumstände. Noblesse hat man, man muss sich einfach ein bisschen pflegen. Was ich auch tat, ausgiebigst! Die Hingabe ans Ich ist wichtig! Wenn sich diese Menschen doch nur einen Hauch davon gönnen würden! Aber sie bezichtigen sich dann gegenseitig der Eitelkeit. Uns sind solche Selbstzweifel fremd.

Dass ich etwas Besonderes bin, ein Geschöpf, dem man huldigen muss, das begriffen die Menschen schnell. Und sie verliehen mir einen adligen Namen, wobei ich nicht mehr so genau über die Namensbestandteile Auskunft geben kann. »Atze« stammte von einem kleinen Mädchen, das das »k« nicht aussprechen konnte, »Huber« von der Menschin, die eine Weile lang zu allen Katzen »Huber« sagte. Aber wie auch immer: Frau Mümmelmeier von Atzenhuber, das klingt – so viel Zeit muss sein!

Weil die Menschen sich im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten wirklich Mühe gaben, habe ich angefangen, sie behutsam ins Wesen der Katze einzuführen. Es ist natürlich eine Mär, dass wir treuloser sind als ein Hund. Wir können so einem Menschen durchaus tagelang auf Schritt und Tritt folgen und uns an seine Ferse heften. Wir setzen uns vor ihn, wenn er aufs Klo geht. Also, mein Mensch war dann etwas blockiert, wenn ich während des Vorgangs auf seinen Schoß sprang. Aber generell: Wenn der Mensch sitzt, sofort seinen Schoß belegen, das machen wir gerne. Aber wir entscheiden, Hunde sind ja erbärmliche Kreaturen, wer bitte nimmt ein Tier ernst, das ein halbes Jahr braucht, bis es stubenrein ist. Wir gehen von klein auf aufs Klo! Und wer möchte ein Tier souverän nennen, das von einem Menschen zum Scheißen vor die Tür geführt werden muss. Himmel!

Ganz entzückend war und ist ja die Sache mit dem Cappuccino. Da fragt sich die Menschin also lautstark, woher das verwahrloste Wesen vom Bauernhof – na, na, na! – das wusste, dass der Maschine gleich ein leckeres Getränk entsteigt. Bitte, das ist Urwissen, wir hatten in jenen grandiosen Zeiten in Ostpreußen natürlich auch schon Cappuccino. Immer wenn die Cappuccino-Maschine anlief, war ich da. Auf dem Esstisch. Das war ja auch niedlich, wie die Menschin so was wie einen Erziehungsversuch unternommen und mich mehrfach runtergeschubst hat. Es dauerte etwa drei Sekunden, bis ich wieder saß. In situ, die grünen Kullerchen auf die Maschine gerichtet. Sie gab auf, Menschen geben generell und ständig auf! Das Leben ist viel zu kurz für schlechte Getränke. Ich verlange nach Milchschaum. Den bitte fest, einen Hauch von Illy dazu, und das Ganze dann nicht aus einer profanen Schale am Boden, sondern vom Finger. Das ist ja wohl das Mindeste, wenn man sich schon einen Menschen hält! So taucht die Menschin nun morgens den Finger in den Milchschaum, reicht ihn Portiönchen für Portiönchen an, ich setze mein entzückendes felliges Hinterteil auf eben jenen Teil der Zeitung, den sie gerade lesen will. Es ist unhöflich, in meinem Beisein Zeitung zu lesen! Ein schönes Ritual das alles, das ich nie verpasse. Auch wenn ich gerade mal draußen bin, beim ersten Aufdampfen der Maschine bin ich da.

KAPITEL 2

Herr Moebius von   Atzenhuber kommt an

DIE MENSCHEN KAUERTEN also auf dem Boden in inniger Anbetung meiner reizenden Wenigkeit und erfreuten sich täglich daran, dass ich wuchs und gedieh. Ich bekam sogar ein kleines Bäuchlein. Was diese elend profane und lakonische Tierarztfreundin Silvi nur kurz kommentierte: Ist so, wenn Katzen Junge kriegen. Und da sagt doch meine Menschin: »Diese kleine Schlampe! Dieses Luder! Dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen, unser Mitgefühl ausgenutzt und sich mit einem dahergelaufenen Kater vergessen haben! Pfui!« Na, na, na, was heißt da dahergelaufen, der war durchaus stattlich. Nun kamen harte Zeiten auf mich zu, weil die Menschen mich stündlich beäugten und belauerten, weil diesen Katzenneulingen die alten Besitzerhasen ja vermittelt hatten, dass Katzen vor der Niederkunft verschwinden, den Wurf verstecken und erst mit zwei Wochen alten Kätzchen wieder auftauchen. Ja, ja, noch was aus dem weiten Reich der Mären! Ich verzupf mich doch nicht in irgend so einen Stadel!

Und dann war es so weit. Ich wartete extra eines schönen Morgens, bis der Mensch endlich erwacht war, wartete, bis er vom Klo zurückkam – Mensch, brauchte der lange; hab mir das Junge so lange verdrückt! –, bis ich dann auf seinem Kopfkissen und vor seinen schlaftränigen Augen gebar. Mein Sohn war schwarz-weiß, nass und blind. Die waren ja so was von entzückt und gerührt und so dankbar für das Vertrauen und hockten vor mir und starrten mich an, ob denn noch ein Geschwisterchen kommen möge. Nix kam, Herrschaftszeiten, ihr dämlichen Menschen, jetzt schaut mich nicht so an. Das ist ein Einzelkind, das ich natürlich auf dem Daunenkissen kriegte. Wo denn sonst? Ich quetsche mich doch nicht in so eine blöde Schublade!

Der nasse Schwarz-Weiße trocknete langsam, und die Menschen stopften die Bettseite zur Wand hin so aus, dass der Winzling nicht runterfallen möge. Als würde ich da nicht aufpassen! Sie bauten regelrechte Dämme zur vorderen Seite, die dem Assuanstaudamm zur Ehre gereicht hätten. Und dann verzogen sie sich in ein anderes Zimmer und anderes Bett. So hatten wir das aber nicht geplant. Es dauerte einige Minuten, bis ich auf ihren Magen hopste und den Sohn federleicht ins »Gräbele« – sprachlich befinden wir uns immer noch bei Augsburg – zwischen die Menschen legte. Die waren entsetzt. Warum eigentlich, wir wollten doch alle in einem Bett schlafen?! Wollten die Menschen aber nicht. Na ja, gut: Was, wenn sich so ein dicker, schlafdamischer Mensch auf den Winzling rollt? Der Sohn und ich wurden zurückgetragen. Etwa zwölfmal in dieser Nacht. Dann haben sie es kapiert. Schließlich bauten sie eine Kiste mit Wolldecke auf, stellten sie neben das Bett, und die Menschin ließ die Hand hineinhängen. Das funktionierte.

Wir ruhten endlich alle. Außer mir: Ich habe diese Menschen lange betrachtet. Nun, wir würden erst mal bleiben, denn sie waren relativ brauchbar. Doof wie alle Menschen, aber für sie sollte endgültig ein lebenslanger Lernprozess beginnen. Wir Katzen setzen uns immer durch, als klüger wird man den Menschen erst dann bezeichnen, wenn er sich der Katze schnell und ohne Gegenwehr beugt. Wir sind eben perfekt, wir kriegen keine Pickel in der Jugend, keine Falten im Alter, unser Outfit sitzt immer. Muss ich mehr sagen?