Eiskalter Tod - Alexandra Scherer - E-Book

Eiskalter Tod E-Book

Alexandra Scherer

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Beschreibung

"Ein Buch, auf das ich mich jeden Abend freute, es weiterzulesen – und ich war traurig, als es zu Ende war." Wenn der Winter im Allgäu zur tödlichen Falle wird... Ein erfrorener Landstreicher. Ein vergiftetes Getränk. Rätselhafte Zettel mit biblischen Anspielungen. Und Magdalena Sonnbichler mittendrin – getrieben von Alpträumen und einer Neugier, die sie in Gefahr bringt. Zwischen Martinimarkt und Fasnachtsbräuchen kommt Leni einem fanatischen Mörder gefährlich nahe. Wer ist die verstörte Obdachlose? Was verbindet die Toten? Und warum fühlt sich alles so seltsam vertraut an? "Außergewöhnlich, etwas anders als der übliche Regionalkrimi. Der Dialekt gibt dem Buch Lebendigkeit. Man schließt Leni schnell ins Herz." – Leserinnen Ein schönes, gut geglücktes Werk im Reigen der Lokalkrimis. Der zweite Fall für Magdalena Sonnbichler – überarbeitete Neuauflage 2025 inkl. Bonusmaterial

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Seitenzahl: 394

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Epilog
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Interludium
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Was sich inzwischen geändert hat
Hat es dir gefallen?
Wie es weitergeht:
Ein traditionelles Rezept aus Lenis Heimat
Und du willst mehr von der Leni?
Das Leniversum
Danke
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Impressum neobooks

Eiskalter Tod

Alexandra Scherer
Ein Allgäu-Krimi
Incl. Bonusmaterial

Buchbeschreibung

Ein durch Unterkühlung verstorbener Landstreicher, ein vergiftetes Getränk am Martinimarkt und kunstvoll beschriebene Zettel mit rätselhaftem Inhalt. Inmitten von Fasnachtstraditionen und weihnachtlichen Vorbereitungen treibt ein fanatischer Mörder sein Unwesen. Magdalena Sonnbichler ahnt, dass etwas Größeres dahintersteckt, doch ihre Neugier stößt nicht überall auf Gegenliebe. Wer ist die junge Obdachlose? Wovor hat sie Angst? Und woher kommen Lenis Alpträume, in denen ein Teufel und ein Engel die Hauptrollen spielen? Ein eiskalter Krimi im winterlichen Allgäu.

Der zweite Fall für Magdalena Sonnbichler

Über den Autor

Alexandra Scherer wurde 1962 in Wangen im Allgäu geboren, wo sie auch aufwuchs. 1985 heiratete sie und zog mit ihrem polynesischen Ehemann in seine Heimat Funafuti in Tuvalu. Dort las sie aus purer Langeweile eine komplette Bücherei aus: Querbeet von Georgette Heyer, Terry Pratchett, Mills and Boone, Jane Austen und Thackeray hin bis zu einer Publikation über Schweinezucht in England um 1942. Deshalb liest und spricht sie sehr gut Englisch. Ihr Humor und literarischen Vorlieben sind stark britisch geprägt.

Eiskalter Tod

Ein Fall für Magdalena Sonnbichler
Alexandra Scherer

[email protected]

www.alexandrascherer.de

2 überarbeitete Auflage incl. Bonusmaterial. Auflage, veröffentlicht 2025.

© Alexandra Scherer – alle Rechte vorbehalten.

Cover@ jedwillphotoart

Impressum:

Alexandra Scherer

Armin-Winkle-Str. 17, 89281 Altenstadt/Iller

[email protected]

www.alexandrascherer.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

Die in diesem Buch dargestellten Figuren und Ereignisse sind fiktiv. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten realen Personen ist zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.

Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Epilog

Ein Wagen hielt neben dem Mann, der mit hoch bepacktem Rucksack die Landstraße entlang ging.

»Wo musst denn hin?«

»Nach Wanga zum Markt. Beim Aufbau helfa.«

»Soweit komm i net, aber a Stückle kann i di scho mitneama. Komm steig ei. S'isch saukalt. Leg dein Rucksack auf da Rücksitz.«

Der Wanderer tat wie geheißen und setzte sich neben den Fahrer. Der betrachtete seinen Passagier von oben bis unten. Eine schwarze Wollmütze hielt den Kopf warm. Trotzdem leuchtete im hageren Gesicht eine bläulich-rot angelaufene Nase. Parka und Hosen stammten, ebenso wie die fingerlosen Handschuhe, aus alten Bundeswehrbeständen.

»Hunger?«, fragte er den Mann, der sichtlich unruhig wurde bei einer so genauen Beschau.

»Scho.«

»Hinta. In meiner Tasch.«

In einer altgedienten Ledertasche fand der Vagabund ein dick belegtes Vesperbrot, eine Thermoskanne und eine Flasche Schnaps.

»Kaffee. Trink nur. Und wenn du magst, kannsch den Schnaps gern mitnehmen. Selbstgebrannter Birnenschnaps. Ich experimentier grad a bissle.«

»Vergelt's Gott.«

Eine Weile herrschte Schweigen, während der eine aß und trank und der andere sich auf die enge Landstraße konzentrierte.

»So hier musch raus.« Der Fahrer blinkte und fuhr auf einen Wanderparkplatz.

Eine Weile stand der Wanderer noch auf dem leeren Platz mitten im Nirgendwo. Er zuckte mit den Schultern. Manche Leute hatten komische Ideen, was helfen bedeutete. Heute käme er nicht mehr nach Wangen. Aber wenigstens gab es hier ein Dach über den Kopf. Er würde in dem Unterstand übernachten und morgen weiter nach Wangen ziehen.

Er legte seinen Schlafsack in eine Ecke des einseitig offenen Schuppens und machte es sich darin bequem. Wenigstens war ein Essen für ihn herausgesprungen und das hier: Der Mann streichelte liebevoll über die Flasche Selbstgebrannten, bevor er den ersten Schluck nahm. Der Schnaps schmeckte rauchig bitter. Heute Nacht würde er gut schlafen.

1

»Du weißt nie, was im nächsten Augenblick passiert.«- Leni Sonnbichler

»Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.« Leni sang laut und schräg, während sie zügig die Landstraße entlang schritt. Ihr altmodischer Einkaufskorb schwang im Takt mit. »Rabimmel, rabammel, rabumm.«

— Dir ist schon klar, dass du dich kindisch benimmst?—Ihre innere Stimme klang genervt, aber Leni ließ sich die gute Laune nicht verderben, stattdessen sang sie: »Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder.«

 —Dann lieber das mit der Laterne.— 

Ach komm, sprach Leni ihren inneren Nörgler an. Sei doch nicht so miesepetrig. Der Tag war so perfekt.

 —Stimmt schon, Käthe macht gute Kuchen.— 

Leni war nachmittags spontan zu einem Spaziergang durch den Hexenwald aufge- brochen und bis zum Huberhof gekommen. Dort fand sie Käthe, die junge Ehefrau von Lenis Kindheitsfreund Kilian, beim Laternenbasteln vor.

»Du bist aber zeitig dran. Dein Kind kommt frühestens in drei Jahren in den Kindergarten.« Leni deutete lächelnd auf Käthes sich runden- des Bäuchlein.

Käthe schob Leni Material für eine Laterne zu. »Probiers mal. Es macht echt Spaß. Esme hat mich drauf gebracht.«

Leni hielt ihren Blick auf das Bastelmaterial gerichtet, während sie sich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemühte. Immer wenn es um Esme ging, bekam sie mentale Zahnschmerzen.

»Ich dachte mir«, fuhr Käthe fort, »ich lade Frau Makaschek und ihre vier Blagen zum Laternenumzug in der Fachkinderklinik ein. Der ist öffentlich. Esme kommt auch mit ihrer Klein- en. Hast du Lust? Anschließend gibt es Martinsgänse und Kakao.« Käthe rollte das R in Martinsgans, wie nur ein Nordlicht es konnte.

»Mal sehen«, wich Leni aus und konzentrierte sich auf ihre Laterne. DasFeigling, in ihrem Kopf überhörte sie geflissentlich.

Als sie aufbrach, war es zu dunkel, um durch den Hexenwald zurückzugehen.

»Nein. Lass gut sein«, antwortete sie auf Käthes Angebot, sie heimzufahren. »Ich geh über die Landstraße zurück. Das ist die Gelegenheit, meine Laterne auszuprobieren.«

* * *

»Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne«, trällerte Leni. Vielleicht wäre es doch lustig, beim Laternenumzug mitzulaufen ... Weiter vorn blinkte neben der Straße etwas bläulich zwisch- en den Bäumen.

Ein Unfall?

Leni beschleunigte ihre Schritte, querte die Straße, um die Einfahrt zum Wanderparkplatz hochzugehen.

»Halt, junge Frau. Wo wollen Sie denn hin?« Ein Polizeibeamter, dessen Wagen den Zugang zum Parkplatz versperrte, trat ihr entgegen.

 —Junge Frau ist gut, schließlich winkt die Zahl mit der Fünf vorne dran schon heftig.— 

»Ich wollte gucken ...«, begann Leni.»Ich wollte gucken ...«, begann Leni.

»Dees homma gern. Sogar hier draußen tauchen die Gaffer schneller auf, als der Rettungsdienst. Schämen Sie sich!«

»Ich bin doch kein Gaffer«, empörte sich Leni. »Ich wollte schauen, ob ich helfen kann.«

»Frau Sonnbichler, wenn ich mich recht erinner.«

»Kennen wir uns?« Leni blinzelte gegen das Licht des Scheinwerfers.

»Ich war damals dabei, als Sie die Leiche am Hexenwasser gemeldet haben«, brachte der Mann sich in Erinnerung. »Irgendwie scho komisch, dass Sie alleweil umanander sind, wenn die Leit was passiert.«

Lenis Magen zog sich zusammen. »Nicht schon wieder ein Mord?«

Der Beamte schüttelte den Kopf. »Ein Landstreicher. Hat hier im Unterstand übernachtet und gesoffen.«

Leni blickte dem abfahrenden Rettungswagen nach. »Kein Blaulicht. Er hat's wohl nicht geschafft«, dachte sie laut. Die ganze gute Laune fiel von ihr ab.

»Lassen Sie uns unsere Arbeit tun. Gehen Sie nach Hause. Hier gibt es für Sie nichts zu sehen.« Der Polizist ließ sich auf kein Gespräch ein.

»Ich nehme an, Sie sind ein Freund von Kriminalkommissar Jürgen Wagner«, vermutete Leni.

»Das tut nichts zur Sache. Gehen Sie jetzt bitte weiter.«

—Sie behindern den Verkehr—, spöttelte Lenis innerer Kommentator.  —Schon komisch, wie die Antipathie eines Vorgesetzten gleich dazu führt, dass die Streifenpolizisten nachziehen.—

Leni grinste den Mann in Uniform an, bevor sie sich umwandte und weiterging: »Grüßen Sie den Herrn Wagner von mir und natürlich auch den Hauptkommissar Maier und erinnern Sie ihn bitte an das Essen, nächste Woche bei mir. Ich mach extra sein Lieblingsgericht.«

Sobald sie ihren Weg fortsetzte, erlosch ihr Grinsen.

Schäm dich! Einfach 'ne Essenseinladung zu erfinden. Es wäre nicht nötig gewesen, dem Mann unter die Nase zu reiben, dass du mit seinem Vorgesetzten befreundet bist.

Schweigend legte sie den restlichen Weg nach Hause zurück. Die gute Laune war verflogen. Sie zitterte. Ihr Mund fühlte sich trocken an. Metallisch bitterer Geschmack lag ihr auf der Zunge.

2

»Liebet eure Feindbilder!« Unbekannt

»Wieso kann die Frau Sonnbichler nicht einfach verschwinden?« Kriminalkommissar Jürgen Wagner trat gegen den Papierkorb in seinem Büro und warf einen dünnen Ordner auf seinen Schreibtisch.

»Ein Antiaggressionstraining würde dir nicht schaden.« Christine Grabherrs Kopf tauchte kurz über einem Wall aus Zimmerpflanzen auf. Sie markierten die Grenzlinie zwischen ihrem und Jürgens Schreibtisch.

»Halt du dich da raus. Die Frau nervt einfach.«

»Was ist denn los?« Christine klickte mit der Maus auf Datei speichern.

»Die Kollegen von der Streife wurden gestern gerufen, weil Wanderer einen Toten gefunden haben.« Er fuhr sich mit den Fingern durch sein pomadegetränktes Haar. »Dreimal darfst du raten, wo.«

Christine grinste. »Ich kombiniere, dass der Fundort auf dem Sonnbichlerhof liegt und du denkst jetzt, die Frau Sonnbichler hat jemanden um die Ecke gebracht.«

»Schön wär's«, brummelte er. »Dann könnte ich sie einsperren und hätte meine Ruhe. Nein, es war ein Landstreicher in einem Unterstand, in der Nähe von Unterweiler. Wahrscheinlich besoffen und erfroren.«

»Klingt nach Routine. Also, wo ist das Problem?«

»Das Problem?« Jürgen presste seine Worte durch zusammengebissene Zähne. »Der Weber Alois hat mir erzählt, die Sonnbichler taucht auf, gerade, als der Notarzt den Tod feststellt und will ihre fette Nase reinstecken.« Er lachte trocken. »So, wie der Alois das geschildert hat, ist die alte Schachtel doch tatsächlich wie ein Rotkäppchenverschnitt singend, eine Martinilaterne schwingend auf der Landstraße dahergewackelt gekommen. So was kann man doch nicht ernst nehmen!« Er schnaubte abfällig. »Als der Kollege sie darauf hinwies, dass sie Land gewinnen soll, hat sie gleich die Ich-kenn-den-Chef-Karte ausgespielt.« Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen. »Ich sag dir, die Frau ist nicht ganz dicht im Kopf.«

Christine schüttelte den Kopf. »Irgendwie klingt das gar nicht nach Frau Sonnbichler.«

»Ich lass es nicht drauf ankommen. Nicht, dass sie dem Chef beim sonntäglichen Essen Flausen in den Kopf setzt, ich würde nicht gründlich arbeiten. Die alte Schabracke hat es auf mich abgesehen.«

»Du klingst paranoid«, widersprach Christine. »Die Frau Sonnbichler ist echt nett. Nur ein wenig verschroben. Ich versteh nicht, was du gegen sie hast.«

»Die verkauft Leute für dumm mit ihrem esoterischen Quatsch. Meine Kollegen in Stuttgart ...«

»Ach komm, nicht schon wieder das Gequake. Das war ihr damaliger Freund, dieser Theo - wie hieß er doch gleich noch? - Nicht die Frau Sonnnbichler, und das weißt du auch.«

»Nur weil sie sich da rausgewunden hat und alle auf sie reinfallen.« Jürgen schüttelte den Kopf. »Ich lass mir von der Sonnbichler jedenfalls nicht schlampiges Arbeiten unterstellen. Ich hab den Pathologen angewiesen, bei dem Landstreicher eine gründliche Obduktion durchzuführen. Volles Programm. Nicht dass die Frau nachher noch behauptet, ihr sei der Geist des Typen erschienen und hätte ihr exklusiv mitgeteilt, er sei vergiftet worden.«

3

»Es ist nicht alle Tage Jahrmarkt.« - Sprichwort

—Manche Dinge ändern sich nie. Das war schon immer ein Theater, bis man am Martinimarkt einen Parkplatz kriegt. Du hättest beim Universum vorbestellen sollen.— 

Erst nach einer Viertelstunde hatte Leni Sonnbichler auf dem großen Parkplatz am Einkaufszentrum eine freie Lücke gefunden.

Sie blickte nach oben.

—Mit Sonne wäre das ein wirklich toller Markttag.—

Den Reißverschluss ihres Anoraks zog sie bis unters Kinn und versenkte die Hände tief in den Jackentaschen. Zügig schritt sie gen Fußgängerbrücke zur Altstadt. Außer den vielen Menschen, die in die gleiche Richtung strebten, konnte man hier noch nichts von Wangens größtem Jahrmarkt entdecken.

Als Leni den Fußgängersteg zur Altstadt überquerte, fielen ihr die Landstreicher auf, die unter der Gallusbrücke kampierten. Leni hegte gegen diese spezielle Brücke, die hoch über ihrem Kopf die Argen überquerte, eine gewisse Abneigung.

Schon 'ne ganze Weile her, dass sie das Ding bauten. So um die Zeit, als ich sechzehn war. Umgehungsstraße. Dabei demolierten sie den schönen Spitalgarten.

Wenn man auf der Ravensburger Straße die B32 Richtung Isny herunterfuhr, bemerkte man nicht, dass man eine Brücke überquerte. Lediglich die Skulptur, wie St. Gallus mit den Bären ringt, machte für Leni die Brücke kenntlich.

Und die Straßenlaternen, führte sie ihren inneren Dialog fort. Total affektiert für so einen kleinen Fluss. Die Landstreicher ziehen wenigstens einen Nutzen aus dem blöden Ding. Mal sehen, wie lange die da bleiben dürfen. Komisch, dass die sich Hunde halten. Wie können sie die Tiere mit durchfüttern? Die haben doch selber nicht viel. Leni seufzte. So ein Hund hätte schon was.

 —Schöne Tiere—, mischte sich ihre innere Stimme ein.  —Deutlich gepflegter als ihre Besitzer.— 

Ob sich Fräulein Mikesch mit Hunden verträgt? Sie würde Schorsch nachher gleich fragen. Das wäre ein unverfängliches Thema.

Sie fühlte sich unsicher. Leni hatte ihren Freund nach den Ereignissen am Hexenwasser nicht mehr gesehen. Nur mit ihm telefoniert.

Sie bog in die Schmiedstraße ein, wo schon die ersten Marktstände mit ihren Waren lockten. Leni verzögerte ihren Schritt und schielte im Vorbeigehen auf die Auslagen.

Später. Sind eh hauptsächlich Klamotten. Zuerst das Treffen mit Schorsch.

Ihr Herz schlug schneller, als sie klingelte. Kurz darauf knisterte es in der Gegensprechanlage. Sie musste sich zweimal räuspern.

»Hallo Schorsch. Ich bin's.«

Die elektronische Türverriegelung summte.

Kein Hallo? In ihrem Magen bildete sich ein harter kalter Klumpen.

Am Treppenabsatz stand Georg Ansbach, Lenis Jugendliebe und hielt ein Telefon ans Ohr.

Er bedeutete Leni mit einer Geste einzutreten.

Leni fühlte, wie sich Tränen bilden wollten.

—Was hast denn erwartet? - Eine stürmische Begrüßung? Du hast ihm doch erst vor ein paar Wochen gesagt, dass du Zeit brauchst, alles zu sortieren. Dass es dir einfach zu schnell ging. Wie er's macht, macht er's falsch.— 

Innerlich zog Leni einen Flunsch. Sie hasste es, wenn ihre innere Stimme den Finger genau auf den Knackpunkt legte.

Schorsch fuhr mit seinem Telefonat fort.

»Ich weiß nicht. Ob die mitmachen? Die sind doch froh, ihre Erfahrungen hinter sich zu lassen. Das alles noch mal aufrühren? ... Sie haben recht, es gäbe eine tolle Serie. Ich bereite ein Konzept vor und melde mich die Tage.« Er beendete das Gespräch.

»Griaß di Mädle. Schön, dass du da bist.« Er umarmte sie und drückte ihr einen Kuss auf den krummen Scheitel. »Ich habe noch nicht mit dir gerechnet. Bist ja schon wieder ganz zerzaust.« Zärtlich lächelte er sie an.

»I kann ja ganga, wenn's dir it passt«, entgegnete sie und drückte sich enger an ihn.

»Passt scho. Drüben in der Küche steht Kaffee. Nimm dir einen. Ich muss mir noch schnell ein paar Sachen aufschreiben. Ich habe einen Auftrag.« Er drehte sie Richtung Kaffeemaschine und gab ihr einen Klaps aufs Hinterteil.

Der Klumpen im Magen löste sich auf.

—So schlimm war das gar nicht. Er mag dich doch noch.— 

Zufrieden mit der Begrüßung, aber aus Prinzip halblaut protestierend, schenkte sie sich einen Kaffee ein. Sie stellte sich mit ihrem Kaffeebecher in den Türrahmen zu Schorschs Arbeitszimmer und sah ihm zu, wie er verschiedene Papiere abheftete und sich Notizen machte.

—Ordentlicher ist er in den letzten Tagen aber auch nicht geworden.— 

Ihr Blick schweifte durch das kleine Büro.

»Ich soll eine Artikelserie über Menschen schreiben, die eine Haftstrafe abgesessen haben und nun wieder draußen sind.«

»Wieso das denn? Ich glaube nicht, dass jemand, der aus dem Gefängnis rauskommt, drüber noch breit in der Öffentlichkeit berichten will. Ich stell mir das mit dem Sich-wieder-Integrieren eh schon schwer vor. Außerdem, dein Käsblättle agiert doch lokal. So viele interessante Verbrecher wirds doch gar nicht geben.«

Ihr Freund lachte. »Und das aus deinem Munde. Wer hat grad vor ein paar Wochen geholfen, eine Mörderin zu überführen?«

»Des war aber eine aus Ravensburg, it aus Wanga.«

»Komm Leni, gib zu, dass du jetzt Blech schwätzsch. Du willst mir doch nicht weismachen, dass hier im idyllischen Städtchen keine Verbrechen passieren?« Schorsch blickte seine Freundin ungläubig an.

»Hast ja recht«, lenkte sie ein »Des war echt blödes Gschwätz. Da fällt mir ein: Als ich fünfzehn war, gab es diesen Mord aus Leidenschaft. Eine Klassenkameradin wohnte schräg gegenüber von dem Ermordeten. Und eine aus meiner Parallelklasse, die starb ein oder zwei Jahre später an Drogen. Nur irgendwie ...« Leni wusste nicht, wie sie es erklären sollte.

»... verdrängt man das ganz gerne«, beendete Schorsch ihren Satz. Dann wechselte er das Thema: »Ich hab das Konzept noch nicht ausgearbeitet. Ich muss da noch drüber brüten. Erzähl lieber: Hast schon was Interessantes auf dem Markt entdeckt?«

Leni schüttelte den Kopf. »Nein. Hauptsächlich Klamotten. Wieso kauft man eigentlich Klamotten auf den Märkten? Bei dem Überangebot im Internet und in den Läden? Jedenfalls ist da nichts dabei, was mich dazu verleiten könnte, mein Geld auszugeben.«

Ihr Freund zuckte die Schultern. »Die Leute meinen halt, es sei billig und die Spontanität spielt sicher auch noch eine Rolle.«

»Billig«, schnaubte Leni. »Das Zeugs ist überteuert und wenn ich daheim feststelle, dass es beim ersten Waschen einläuft, kann ich nicht mal reklamieren. Weil der Händler schon wer weiß wo ist mit seinem Kruscht.«

»Aber gib zu, manchmal findet man auch interessante Sachen auf dem Markt«, verteidigte Schorsch die altehrwürdige Institution. »Die ersten Mikrofasertücher hab ich damals auf dem Martinimarkt gekauft. Inzwischen benutzt sie jeder.«

Leni ging nicht darauf ein und dachte bei sich: Ich kann auf die Dinger verzichten. Was ist so schlecht an alten Lumpen und Wasser und Seife?

»Du, sag mal, kommt deine Katze eigentlich mit Hunden aus?«

»Kommt auf den Hund an. In der Regel ja. Willst du dir einen anschaffen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Nur so ein Gedanke.«

»Wie geht es Frau Mikesch? Vermisst sie mich?« Schorschs Katze wohnte zurzeit auf dem Sonnbichlerhof. Er hatte sie dort gelassen, als eine Art Brückenkopf, wie Leni vermutete.

»Sie lässt dich grüßen, scheint sich aber momentan sehr wohlzufühlen, wo sie ist.« Leni grinste ihn an.

»Typisch Frauen. Halten zusammen. Vermisst wenigstens du mich?«

Musste die Frage sein? Leni war erst vor Kurzem wieder ins Allgäu zurückgekehrt, um ihr Leben auszusortieren. Für ihr Gefühl hatte die Affäre mit Schorsch viel zu schnell und zu heftig aufgelodert. Sie fühlte sich zwiegespalten. Einerseits genoss sie die Vertrautheit mit ihm, andererseits fühlte sie sich bei dem Gedanken eingeengt, sich als Teil des Paares Leni und Schorsch zu präsentieren.

—Gib's zu, du begehrst ihn und willst hemmungslosen heißen Sex mit ihm.— 

Schon. Aber deswegen gleich zusammenziehen? Mich nach ihm richten? Will ich das?

—Wer sagt denn, dass du das musst.— 

Leni entschied sich dafür, die innere Stimme zu ignorieren, und antwortete: »A bissel scho. Aber bild dir da nichts drauf ein.« Sie linderte ihre Antwort mit einem Kuss ab, den Schorsch intensiv erwiderte.

—Küssen kann er wirklich gut.— 

Später lösten sich die zwei heftig atmend voneinander und er grinste frech auf sie herunter.

»Sollen wir uns in den Rummel stürzen?«

4

»Wenn's zum Feste geht, hört ein lahmes Weib auf, zu hinken.« - Sprichwort

Arm in Arm ließen sich Leni und Schorsch durch den Markt treiben. Die Sonne hatte sich aus dem Hochnebel gekämpft und vor den Ständen bildeten sich Menschentrauben.

So musste es sich im Inneren eines geschäftigen Bienenstocks anhören. Das gut gelaunte Gebrummel der Menschen, die sich durch die Straßen schoben, bildete die Grundmelodie. Das laute Rufen der Marktschreier, die ihre Waren anpriesen, den Kontrapunkt.

An der Ecke des alten Fachwerkhauses bei der Brotlaube hatte ein Händler einen kleinen Stand aufgestellt. Eine große Anzahl von Interessierten drängelte sich davor. Neugierig blieben Leni und Schorsch stehen und hörten eine Weile zu.

»So schnell geht das. Meine Damen und Herren: Mit dem Wunderhobel hobeln sie nicht nur in kürzester Zeit genügend Gurkensalat für eine Hochzeitsgesellschaft. Nein, Sie raspeln auch den Käse für die Kässpatzen. Der Wunderhobel: nur zehn Euro, und ich lege den Supersparschäler noch drauf, das Ganze nicht für zwanzig, nicht für fünfzehn, nein für lausige Zwölfeurofünfzig.«

»Ich könnte schwören, dass das derselbe Mann ist, von dem Mutter den Hobel vor dreißig Jahren gekauft hat.« Leni redete lauter, damit Schorsch sie verstehen konnte.

»Meinst? Vielleicht ist es der Sohn, von dem Mann damals. Oder er hat das Elixier der ewigen Jugend entdeckt.«

»Jedenfalls ist mir der alte Hobel beim Ausmisten in die Hände gefallen. Das Ding ist so was von scharf, hab mir fast die Fingerkuppen amputiert. Dafür braucht man eigentlich einen Waffenschein.«

»Sagte ich nicht, dass man auf dem Markt auch Sachen kriegt, die ewig halten?« Schorsch grinste auf Leni herab, die ihn spielerisch in die Seite boxte, bevor sie weiter schlenderten.

»Hm. Riech mal.« Leni schnupperte. »Da wird man ganz Nase.«

»Jedenfalls schaust du aus wie ein verstrubbelter Hase, wenn du so die Luft einziehst. Lass uns auch noch etwas Sauerstoff.«

Leni ignorierte Schorschs Frotzeleien und ergab sich ganz dem Duftgenuss. Sie roch Sandelholz, Zeder, Salbei, Thymian und einige exotische Komponenten, die sie nicht zuordnen konnte.

Ihr Blick schweifte über diverse Auslagen, dann fand sie, was sie gesucht hatte: Zwischen zwei Händlern, die vielfältige Kleidung anboten, von Jeansjacken über lange graue Unterhosen, bis hin zu karierten Baumwollhemden, duckte sich ein kleiner Stand mit allerlei ätherischen Ölen, Engelskerzen und Halbedelsteinen.

Zielstrebig steuerte Leni darauf zu und ignorierte Schorschs Lachen.

Ihre Augen versuchten, die ganze Pracht in sich aufzunehmen. Die Farben der unterschiedlichen Halbedelsteine, die in kleinen Holzkisten zum Kruschteln einluden, strahlten um die Wette mit bunten Talismanen. Am Stand aufgehängte Windspiele klimperten sanft. Wegen des Marktlärms konnte Leni die Melodien nur erahnen.

Die Standbesitzerin trug einen dicken selbstgestrickten Schal, der in allen Regenbogenfarben erstrahlte und somit die perfekte farbliche Ergänzung für ihre Waren bildete.

Ein strahlend grüner Stein zog Lenis Blick magisch an. »Achat? Der ist aber gefärbt?«

Sie nahm den Stein in die Hand. Er fühlte sich angenehm kühl an.

Die Budenbesitzerin schüttelte den Kopf. »Könnte man meinen. Ist aber tatsächlich seine natürliche Farbe. Kennen Sie sich mit Edelsteinen aus?«

»Nur ein bisschen. Aber der da lacht mich richtig an. Was würde der kosten?«

Nachdem sie den genannten Preis gehört hatte, focht Leni einen stillen kurzen Kampf mit ihrer allgäuerischen Sparsamkeit, und meinte dann: »Gut, den nehme ich. Aber warten Sie, ich schau no, ob es sonst was gibt, was ich will.«

Den übertriebenen Seufzer ihres Begleiters ignorierte sie ebenso wie das Genöle der inneren Stimme, die von Verschwendungssucht und Krempel sprach.

Geraume Zeit später drückte sie voller Besitzerstolz eine kleine schwere Tüte an die Brust.

Schorsch grinste amüsiert auf sie herunter.

»Was gugsch so?« Leni fühlte sich ertappt.

»Wenn du das wirklich nicht weißt, ist es mit deinen übersinnlichen Fähigkeiten nicht weit her«, neckte er sie.

»Wenigstens hab ich was gekauft, das nicht in der Wäsche eingehen wird. Kommst?« Leni stolzierte an ihm vorbei.

Mit wenigen Schritten holte er sie ein und legte seinen Arm um ihre Schulter.

»Wie rum sollen wir gehen? Erst rechts zum Tor und dann auf der andren Seite zurück? Bis zum Marktplatz vor?« Leni überlegte kurz.

»Wird wohl das Beste sein. Dann fehlt uns aber noch die andre Hälfte von der Herrenstraße.«

»Die nehmen wir mit, wenn wir zurück zu meiner Wohnung gehen. Ich hab so das Gefühl, dass wir ein paarmal laufen müssen. Falls du in den Kaufrausch verfällst.«

»Schorsch, wenn du meinst, dass das lustig ist, muss ich dir sagen: I finde es nicht komisch.«

—Weil du dich über dich selber ärgerst, musst das jetzt nicht am Schorsch auslassen.— 

Pff!

»Ja griaß di Leni.«

Leni drehte sich suchend um die eigene Achse. Hinter ihr stand Maria Huber.

»Bisch au aufm Markt. Schee. I hon mi scho gfrogt, obs dir guat geht.« Die Mutter von Kilian Huber, der den Nachbarhof bewirtschaftete, ergriff Lenis Hand und schüttelte sie überschwänglich, gleichzeitig wandte sie sich dann dem Mann zu, der neben ihr stand.

»Sie miassat entschuldiga, Herr Gutman, darf i Ihna die Leni vorstella? Leni, des isch der Herr Gutman. Er und sei Frau und Tochter warat früher öfters mal bei uns Gäst.«

Der Mann nickte Leni zur Begrüßung zu. »Das ist schon in Ordnung Frau Huber, ich wollte mich eh verabschieden. Auf Wiedersehen.« Damit drehte er sich ohne Weiteres um und verschwand in der Menschenmenge.

Maria Huber seufzte und sprach mehr zu sich selbst, als zu Leni: »So a Tragödie. Er hots net leicht. Erst die G'schicht mit der Tochter und jetzt isch au no sei Frau gstorba. Aber ...« und ihr Blick glitt zwischen Leni und Schorsch hin und her »... es freit mi, dass es eich zwei guat geht.«

Schorsch grinste die alte Frau an. »So sieht man sich wieder. Wie geht's denn der Käthe und dem Kili?«

»Die sind au do. Der Sepp und i, mir hont a paar Bsorgunga gmacht.« Die Huberin deutete durch eine Bewegung des Kopfes auf einen großen Stand hinter sich.

Dort herrschte ein reger Handel mit rosaroten Damenunterhemden, Wollsocken und Büstenhaltern, welche Leni für sich immer als Kampf-BHs bezeichnet hatte.

»I komm jeden Martinimarkt und dua mi eidecka. Sowas krieagsch sonst nirgends.«

Gottseidank.

Leni unterdrückte ein Schaudern, als ihr die alte Frau stolz die diversen gekauften Dessous präsentierte.

»Vater und Mutter sind auch immer zum Socken kaufen auf den Markt. Ich hätte gedacht, dass heutzutage die Stände koi Geschäft me machat.«

Jedenfalls nicht mit mir. Ich würde so etwas nicht anziehen und wenn man mir die Pistole auf die Brust setzte.

»Woisch. Dees isch zeitlos. Und grad bei die Unterhosa. Wo krieagsch denn no so a Qualität? Echte Baumwolle. Käthe hot mi mol mitgnomma in so an Lada. Elles an Dreck. I ka echt it verstanda, wia die junge Mädle solche synthetische Sache aziaht und dann no diese Arschgweih. Also echt!«

Baumwolle? Das klang wiederum interessant. Vielleicht würde sie sich das doch genauer ansehen. Nur so mit Schorsch im Schlepptau? Peinlich, wenn er sie beim Kauf von Blümchenunterhosen ...

Schorsch schien das Gesprächsthema zu langweilen. »Huberin, Sie sind mir nicht bös, wenn ich mich mal kurz ausklinke, ich hab gerade mitgekriegt, da vorne gibt's Taschenmesser. Wir sehen uns sicher noch mal. Leni, kommst du nach?«

Sie nickte, da war er schon mit schnellem Schritt entschwunden.

Dann kann ich doch noch schnell schauen.

»Huberin, ich wollt mir auch grad noch mal die Sachen an dem Stand angucken. Bleibst oder musst weiter?«

»I muss no a baar Bsorgunga macha, aber mir kenntet uns so in ner halba Stund vorne beim Rupp treffa. Do beim Stand mit de Fischwecka? Käthe und Kilian werdat au do sei und der Sepp.«

Leni eilte auf den Stand zu. Vielleicht gab es sogar schwarze Schlüpfer mit Spitzen ...

5

»Kein Mädchen ohne Liebe,kein Jahrmarkt ohne Diebe.« - Aus dem Salzkammergut

Leni drängelte sich zum Messerstand durch. Schorsch fand sie nicht.

Wo ist der denn hin? In dem Gewühl find ich ihn nie. Warum können Männer nie das tun, was sie sagen?

Sie blickte sich um: Zu viele Menschen. Nirgends konnte sie Schorschs hellbraune Lammfelljacke entdecken.

Leni wurde von hinten angerempelt und stolperte nach vorne.

»Entschuldigen Sie, das wollte ich nicht. Ist Ihnen was passiert?« Ein junges Mädchen, nicht älter als achtzehn, stützte Leni fürsorglich am Ellbogen und klopfte ihr gleichzeitig beruhigend auf die Schulter.

Als wäre ich eine klapprige Rentnerin, die gleich umfällt, wenn man sie anstupst. Ich finde das echt übertrieben.

Die junge Frau wirkte müde und verfroren. Ihre Kleidung war sauber, für Mitte November aber nicht warm genug.

Eine selbst gestrickte Wollmütze verbarg das Haar des Mädchens und ein Wollschal sollte für zusätzliche Wärme sorgen. Die dunkelblauen Augen leuchteten riesengroß in dem mageren Gesicht.

Lenis beabsichtigter Anschnauzer fiel milde aus: »S'nächste Mal besser aufpassen. Es ist ja nichts passiert.«

»Entschuldigen Sie nochmals. Oh! Ihnen ist die Börse heruntergefallen ... Hier bitte.«

Verblüfft blickte Leni auf den Geldbeutel in den behandschuhten Händen der jungen Frau.

»Ich hätte schwören können, dass die in meiner Anoraktasche war. Danke. Hätt' ich nicht gemerkt.« Das Mädchen lächelte Leni zu und verschwand in der Menge.

—Irgendetwas passt nicht.— 

»Ach da bist du. Ich hab mich schon gefragt, wie lang du noch zwischen den Liebestötern herumstöbern wolltest. Hast wenigstens was gefunden?« Schorsch tauchte unvermittelt neben Leni auf.

»Wo warst denn? Hier am Stand jedenfalls net.«

»Da drüben kurz. Ich wollt was nachsehen.«

Leni brachte ihn auf den aktuellen Stand: »Ich hab uns mit den Hubers am Fischstand vorne verabredet, so in zwanzig Minuten. Vielleicht können wir ja einkehren.«

»Am Martinimarkt?« Schorsch runzelte die Stirn. »Da ist jede Wirtschaft zum Bersten voll. Wir könnten zu mir und dort Kaffee trinken. Das wär einfacher.«

»Fragen wir die Hubers nachher. Dann lass uns langsam Richtung Fischstand gehen. Ich freu mich schon richtig auf mein Lachswecka.«

»Das ist kein echter Lachs, sondern dieser knallrote Lachsersatz. Wie kannst du als Heilpraktikerin so ein ungesundes Zeugs essen?« Schorsch verzog das Gesicht.

»Lachswecken gehören einfach dazu. Das ist Tradition. Genauso wie Zuckerwatte und Magenbrot.«

»Mit rohen Zwiebelringen auf dem Wecken. Dann wird's mit dem Küssen problematisch.«

Leni grinste. »Mein Lieber, erstens: Wer sagt denn, dass ich heute noch küssen will? Und wenn doch, dann stört mich das mit den Zwiebeln nicht.«

»Aber mich.«

»Tja Schorsch, dann musst halt auch einen Fischwecka essen. Ich lade dich ein.«

»Was tut man nicht alles, um der Frau seines Herzens zu gefallen? Krieg ich auch 'ne Zuckerwatte und zeigst du mir, was du am Wäschestand gekauft hast?« Schorsch wackelte mit den Augenbrauen, um Lüsternheit anzudeuten.

»Wennst brav aufisst, vielleicht.«

Gutgelaunte hungrige Marktbesucher umlagerten den Fischstand. Leni stellte sich an.

»Wie viel willst? Ich nehm' zwei. Du auch? ... Nein? ... Gut. Drei Lachswecken bitte.« Leni zückte ihre Geldbörse, öffnete sie und runzelte die Stirn. Komisch.

Sie fischte einen Zehneuroschein heraus, bezahlte und nahm Wechselgeld und Fischwecken in Empfang.

Ich hätte schwören können, dass noch zwei Fünfziger neben dem Zehner im Geldbeutel waren. Hab ich mich an dem Unterwäschestand übers Ohr hauen lassen?

Schorsch biss herzhaft in seinen Fischwecken, während Leni der Appetit vergangen war.

»Was ist los? Doch keinen Hunger?« Schorsch kaute genüsslich. »Du hattest recht, schmeckt lecker.«

Leni biss in die kunstrote Herrlichkeit, während sie gedankenverloren die finanziellen Transaktionen des Tages nachrechnete.

Ich hab heut morgen dem Sepp zwei Fünfziger in die Hand gedrückt für den Markt. Der alte Mann kann das Extrageld gut gebrauchen.

Während ihre Geschmacksnerven sich der einzigartigen Mischung aus fischigem Öl, roher Zwiebel, lascher Sternsemmel und zu viel Salz hingaben, dachte sie an die kleine Szene vom Morgen.

»Schorsch an Leni. Hallo. Was war in deinen Wecken drin? Du bist ja ganz geistesabwesend.« Schorschs Stimme holte sie in die Gegenwart zurück.

Beide Wecken waren aufgegessen. Lediglich der salzige Zwiebelgeschmack im Mund und der damit einhergehende Durst legten Zeugnis ab, dass es die Lachswecken wirklich gegeben hatte.

»Tschuldige, ich war grad am Überlegen. Schorsch, kannst du hier auf die Hubers warten? Ich muss rüber zur Bank und Geld abheben. Ich treff euch dann hier wieder.«

»Hast dich beim Wäschestand finanziell verausgabt? Da hoff ich aber schwer, dass da auch was Interessantes für mich dabei ist.« Schorsch kannte Lenis Vorliebe für bequeme, aber unerotische Unterwäsche. »Geh nur. Beim Martinimarkt kann es schnell passieren, dass man mehr Geld ausgibt, als man geplant hat. Ich halt hier die Stellung.«

—Vor allem wenn das Geld einfach so aus dem Portemonnaie verschwindet.— 

Taschendiebe? Würden die nicht einfach den ganzen Geldbeutel nehmen?

Leni lief es eiskalt den Rücken herunter. Inzwischen war sie bei der Sparkasse angekommen. Sie untersuchte ihr Portemonnaie genauer und atmete erleichtert auf. Ihre Bankkarte war noch da, ebenso wie alle anderen Plastikkarten. Vom Personalausweis bis zum Büchereiausweis und ihrer Tankkarte.

Sie reihte sich in die Schlange vor dem Bankautomaten ein.

Sollte sie wirklich ihr ganzes Geld schon ausgegeben haben?

—Das Mädchen.— 

Lenis Wut richtete sich mehr auf sich selbst, als auf die Taschendiebin. Es war das erste Mal, dass sie einem Taschendiebstahl aufgesessen war.

Gut. Der schöne Theo, ihr früherer Lebensgefährte, hatte ihr auch das Geld aus der Tasche gezogen, aber das war etwas anderes. Sie hasste es, wenn ihr Vertrauen in Menschen missbraucht wurde.

Sie hob Geld ab.

Dieser Martinimarkt kam sie teuer. Ab morgen würde sie sparen.

6

»Alte Freunde werden leichter vergessen als alte Feinde.« W. Ludin

»Bist dir sicher, dass die Hubers uns hier treffen wollten?« Schorsch blickte hoch auf die riesige altmodische Uhr, die als Aushängeschild über einem Juwelierladen hing.

Leni sah sich suchend um. »So hab ich die Huberin verstanden. Weißt was: Gehen wir weiter zu den gebrannten Mandeln und schauen nachher noch mal vorbei.«

Wenige Meter vom Fischstand verdichtet sich der Strom der Marktbesucher an einer strategischen Engstelle, die von zwei sich gegenüberliegenden Süßigkeitenständen gebildet wurde. Diese Hindernisse musste man überwinden, bevor man auf den Marktplatz kam. Die Leute standen vor den Buden teilweise in Dreierreihen an. Der Geruch von frisch gebrannten Mandeln und Erdnüssen hing in der Luft.

»Schau mal Schorsch: Sie bieten zuckerreduzierte Mandeln an. Ein Trend in Richtung gesunder Ernährung«, frotzelte Leni, nachdem sie die Ware studiert hatte. »Bitte drei Packungen Mandeln, aber normale, eine Packung Magenbrot und zwei Packungen Erdnüsse«, wandte sie sich dann an die Verkäuferin »und zweimal Zuckerwatte.«

»Zweiundzwanzig Euro fünfzig. Zuckerwatte ist extra. Der Stand gehört nicht zu uns.« Die Verkäuferin gab Leni das Wechselgeld und bediente den nächsten Kunden.

»Zweimal Zuckerwatte bitte.« Schorsch hatte sich schon dem Mann zugewandt, der geschickt die feinen Zuckerfäden auf einen Holzstab fädelte. »Süßes für meine Süße.« Schorsch grinste provozierend, als er Leni die weiße Wolke überreichte.

»Ich geb' dir gleich Saures, wennst net aufpasst«, kam die prompte Antwort.

»Moin, ihr zwei.«

Leni würde Käthe überall an ihrer Stimme erkennen. Das rollende R der eingeheirateten Norddeutschen war unverwechselbar.

»Man kann sich gut unbemerkt an euch zwei anschleichen. Ihr wart mit eurem Süßigkeitenkauf beschäftigt«, meinte Kilian, der mit seiner Frau Händchen haltend hinter Leni und Schorsch stand.

»Kilian dachte, wir würden euch sicher hier finden.« Käthe sah ein bisschen blass um die Nase aus, fand Leni.

»Bin ich denn so durchschaubar? Dabei hab ich mich immer bemüht, unberechenbar zu erscheinen«, scherzte sie.

»Wir sind zusammen zur Schule gegangen und ich erinnere mich gut dran, wie du jedes Jahr dein gesamtes Taschengeld für Magenbrot und gebrannte Mandeln ausgegeben hast.« Kilian grinste. »Christian und ich haben dann die nächsten Wochen immer von deinen Vorräten gezehrt.«

»Ha! Jetzt wird mir so einiges klar. Ich hatte den Vater in Verdacht, weil meine Vorräte so schnell abnahmen.« Leni fühlte, längst vergangene Wut aufsteigen. Als Teenager war sie zu eingeschüchtert, um ihren Vater offen auf die gemopsten Süßigkeiten anzusprechen. Hätte sie damals gewusst, dass ihr verstorbener Bruder und Kilian schuld waren ...

»Schorsch, du auch?«, wandte sie sich indigniert an ihren Freund, der ein verdächtig unbeteiligtes Gesicht zog.

»Leni, sieh es positiv: Wir wollten verhindern, dass du in jungen Jahren zur Diabetikerin wirst«, versuchte Kilian seine alten Schulkameraden in Schutz zu nehmen.

»Und denk an die Zahnarztkosten, die wir dir erspart haben«, warf Schorsch ein.

Leni bedachte ihn mit einem speziellen Blick, der bei ihren Kindern früher gewirkt hatte, auf ihren Gefährten jedoch keinen Eindruck zu machen schien.

»Von diesen Mandeln kriegt ihr jedenfalls nichts ab. Käthe, willst du welche?« Leni hielt ihr die Tüte hin.

Die jüngere Frau winkte ab. »Danke aber ich hab grad keinen Hunger. Aber bevor ich es vergesse.« Käthe stöberte in einer ihrer Einkaufstaschen und förderte eine Glasflasche hervor, in der eine bernsteinfarbene Flüssigkeit strahlte. Ein Aufkleber zeigte lachende Birnen und tanzende Buchstaben.

»Kruškovac. Jessas, da krieg ich ja richtige Knoten in die Zunge. Wie spricht man das aus?« Leni unterdrückte einen Rülpser. Neben leichter Übelkeit machte sich ein bitterer Geschmack auf der Zunge breit. Hoffentlich war der Kunstlachs frisch.

»Kruschkowatsch«, erklärte Käthe. »Ein Birnenlikör. Ich hab das Rezept vor einigen Jahren von einem Bekannten bekommen und jetzt mal ausprobiert. Echt lecker. Den will ich ab nächstem Jahr in meinem Hofladen anbieten.«

Na prima. Wie soll ich Käthe jetzt diplomatisch sagen, dass ich keinen Alkohol mag? Leni bedankte sich und stopfte die Flasche in eine ihrer Taschen. Sie schluckte heftig. Der Kunstlachs versuchte, sich einen Weg nach draußen zu bahnen.

»Wo habt ihr geparkt?«, schaltete sich Schorsch in das Gespräch ein. »Wir können ja ein Stück mit euch mitgehen.«

»Drüben bei der Post«, erklärte Kilian.

»Das passt«, meinte Schorsch. »Wir wollten eh noch zum Rummel, dann laufen wir mit euch zur Post und biegen dann ab. Was meinst, Leni?«

Sie nickte. »Dann haben wir den Markt einmal durch und mir reicht's wieder für ein Jahr.«

 —Du hättest nicht so viele Fischsemmel essen sollen.—  Der inneren spöttischen Stimme war die Schadenfreude anzuhören.

Stimmt gar nicht, ich bin immer noch aus dem Gleichgewicht, wegen des Taschendiebstahls. Sogar Leni fand die Verteidigung lahm.

Während sich die vier aus dem Gedränge schoben, fragte Schorsch: »Wo habt ihr deine Mutter und den Sepp gelassen?«

»Die sind schon vorausgegangen. Mutter wollte vorne beim Gewürzherzel einkaufen. Käthe kann den Geruch grad nicht ab.«

Käthe runzelte die Stirn. Leni vermutete, dass ihr Kilians Besorgtheit auf die Nerven ging.

Schorsch hängte sich bei Leni ein und schlenderte mit ihr gemütlich hinter den Hubers her. »Soso, du warst also fleißig und hast das Wohnzimmer renoviert. Gibts auch ein neues Sofa?«

»Ja und es ist sehr bequem.« Leni grinste ihren Freund an. »Du solltest mal vorbeikommen und es ausprobieren.«

»Ist das eine Einladung?«

»Zum Sofa testen.«.

Das Gemurmel der großen Menschenmasse ebbte ab, als sie die Altstadt verließen. Gleichsam wie das Rauschen eines reißenden Baches hatte es alles andere unterlegt.

Das unangenehme Gefühl von Müdigkeit und Magenproblemen verschwand. Leni atmete auf und bat ihre Schutzengel, Käthe Kraft und Energie zu spenden.

»Wenn du daheim bist, solltest es die nächsten Tage ruhiger angehen lassen.«

Käthe reagierte gereizt: »Ich bin schwanger, nicht krank! Es ist schon schlimm genug, dass Kilian so ein Theater macht, fang du nicht auch noch an!«

Hoppla, hab ich da einen Nerv getroffen?

»Ich bin echt ein Trampel«, entschuldigte Leni sich.

Ein jüngerer Mann überquerte den Zebrastreifen, an dem die Gruppe stehen geblieben war. Er zögerte kurz und wandte sich dann an die Hubers: »Kilian? Käthe? Kennt ihr mich noch? Oder darf ich euch nicht mehr ansprechen?«

 —Komisch, die Käthe ist schon wieder ganz blass und warum wird der Kilian so rot?— 

Käthe fasste sich als Erste: »Hallo Manfred. Natürlich kenne ich dich noch.«

 —Irgendwas ist an dem Mann komisch, der vermeidet Augenkontakt, und die Stimme ist echt leise, für so ein Trumm.—  

Leni schätzte den Neuankömmling altersmäßig um die dreißig. Näher an Käthe, als an Kilian.

 —Der Kilian schaut aus, als hätt' ihn der Blitz beim Scheißen erwischt.— 

Käthes Mann setzte, wie Leni es nannte, ein Staubsaugervertreterlächeln auf, streckte dem Mann betont herzlich die Hand hin und schüttelte dessen zögernd ausgestreckte Rechte.

Also wenn der Kili noch a bissi mehr an der Hand schüttelt, fällt dem Kerle no der Arm ab.

»Hallo Manfred. Wie geht's?«

»Könnt schlimmer sein. Ich bin seit September wieder da. Isch scho komisch. Mein Bruder hat gemeint, ich muss mich ein wenig unter die Leute mischen, aber mir reicht's, ich will grad zum Busbahnhof.«

Kilian nickte und gab sich einen Ruck.

»Wennst magst, kannst mit uns fahren. Aber i warn di, die Mutter ist dabei. Du kennsch se jo.«

»Deine Mutter kann mir nicht mehr Vorwürfe machen, wie ich mir selber. Ich dank dir, aber ich gehe nur mit, wenn es dir auch recht ist, Käthe.«

»Natürlich. Warum sollte es mir nicht recht sein? Leni, Schorsch, entschuldigt unsere Manieren. Darf ich euch vorstellen? Manfred Gerber. Ein Freund unserer Familie, den wir einige Zeit nicht mehr gesehen haben.«

7

»Lieber 'nen Lebkuchen als 'n toter Zwieback.«- Unbekannt

»Das war schon komisch grad. Wer ist denn dieser Manfred Gerber? Kennst du den?«

»Nicht persönlich. Aber ich erinner mich, da war was vor ein paar Jahren.«

»Schorsch! Musst gerade jetzt mit Alzheimer anfangen?«

»Mädel. Ich recherchiere dir das heute Abend, wenn du sonst nicht schlafen kannst. Aber momentan kann ich den Namen nicht einordnen. Ich hab so ein Gefühl, das wäre vielleicht was für diese Artikelserie. Weißt, wo ich vorhin mit der Redaktion telefonierte. Aber jetzt lass uns das Riesenrad ausprobieren.«

»Bist du wahnsinnig? Was dees koscht! Nie im Leben.«

»Ach komm. Ich lad dich ein. Wenn du das Riesenrad nicht magst, dann such dir was andres aus. Wie wär's mit dem Flipper? Sei kein Frosch.«

»Wenn du willst, dass ich dir die Fischsemmel auf die Füße kotz', von mir aus. Ich wär eher für das Karussell, aber ich nehme an, die lassen mich nicht mehr auf den Apfelschimmel.«

Widerwillig ließ sich Leni von Schorsch in eine Gondel bugsieren. Sie wollte nicht zugeben, dass sie an leichter Höhenangst litt und vor die Wahl gestellt, im Riesenrad nach oben getragen oder im Flipper zentrifugiert zu werden, empfand sie das Riesenrad als das kleinere Übel.

»Ist dir kalt? Jetzt wo es dunkel ist, wird's gleich so kebelig. Komm, ich wärm dich.«

»Hmm« Leni kuschelte sich in Schorschs Arme und genoss den Blick von oben auf ihre beleuchtete Heimatstadt. »Schön hier.«

»Find ich auch.« Schorsch nahm die Gelegenheit wahr, küsste sie sanft auf die Stirn um sich dann Kuss für Kuss zu ihren Lippen vorzuarbeiten.

Die nächste Stunde verlief aus Lenis Sicht recht romantisch, obwohl ihre innere Stimme immer wieder kritische Bemerkungen einwarf.

 —Schießbude. Das ist doch so was von juvenilem Balzverhalten. Fehlt nur noch, dass er den riesengroßen Teddybären erbeutet.— 

Siegesstolz überreichte Schorsch ihr drei rote Plastikrosen. Leni schaffte es, die Beute mit einem »Vergelts Gott« anzunehmen und ihrem Helden den erwarteten Siegeskuss aufzudrücken.

Als Schorsch ihr ein Lebkuchenherz mit dem obligatenI mog dium den Hals hängte, war ihre Geduld erschöpft.

»Kann man die Dinger überhaupt essen? Wir hatten jetzt das volle Programm: Riesenrad, Schießbude, eine ganz und gar ungruselige Geisterbahn und nun das Lebkuchenherz. Können wir gehen? Ich hab jetzt genug Rummel für ein Jahr.«

Ihr Freund lachte. »Ich hab mich schon gefragt, wann du die Bremse reinhaust. Ich gebe zu, du hast dich tapfer gehalten. Ich hatte schon bei den Plastikrosen damit gerechnet, dass du abbrichst.« Er umarmte sie und sah ihr in die Augen. »Und? Bleibst heute Nacht bei mir?«

Leni fühlte, wie ihr die Hitze die Wirbelsäule hoch bis ins Gesicht schoss. Die aufkommende Schüchternheit verdeckte sie ihrer Meinung nach recht gut mit der Bemerkung: »In Gottes Namen ja. Nicht, dass du mir noch einen dieser Riesen-Teddys vor die Füße legst.«

Danach schmiegte sie sich an seine Brust und lauschte seinem Herzschlag. Der Lärm und die Geschäftigkeit des Rummels versanken für sie, bis nach einer Weile ihr Geliebter sich räusperte.

»Mädle, gehen wir.« Seine Stimme klang rau.

Sie nickte zustimmend. Händchen haltend strebten sie dem Milchpilz zu, der am Ende des Rummelplatzes stand.

»Warum versperren die denn den Weg? Gibt's da was umsonst?« Leni suchte eine Lücke, um sich durch die Menschenansammlung zu schlängeln, und blieb stehen.

In der Mitte der Menge saß eine junge Frau auf dem kalten Boden, um sich drei Aldi-Einkaufstaschen und ein großer Rucksack. Ein Mann kauerte vor ihr und hielt ihre Hand.

»Unmöglich. Können die Eltern ihre Töchter nicht besser erziehen? Das junge Ding ist doch total besoffen. Also, wenn das meine wäre.« Selbstgefällig durchdrang die schrille Stimme einer wohlbeleibten Matrone das Gemurmel der anderen Passanten.

Leni wäre am liebsten weiter gegangen.

Es war doch grad so schön. Ich hab mich auf mein Schäferstündchen gefreut. Da kümmert sich schon jemand drum.

Energisch verwies sie ihren inneren Schweinehund in die Grenzen.

»Schorsch? Rufst du die Rettung? 112. Da stimmt was nicht.«

Ihr Freund nickte und zückte das Handy.

»Die isch doch blos bsoffa. Des wird scho wieder«, mischte sich der Begleiter der Erziehungsexpertin ein.

Leni knirschte mit den Zähnen und blickte in die sensationslüsternen Gesichter. Einige hatten ihre Handys gezückt und machten Aufnahmen der vor sich hin stierenden Frau.

»Ach ja? Meinen Sie, wenn jemand im Vollrausch auf der Straße sitzt, dann ist das okay? Und es ist natürlich auch in Ordnung, dass man Fotos macht und ins Internet stellt?« Wütend musterte sie Gaffer. Ein paar schauten beschämt zur Seite, die meisten aber blieben unbeeindruckt.

»Hei Alte. Was regst dich denn so auf? Alles cool ey«, kam es aus der Menge.

»Jo hot eich einer ins Hirn gschissa? Ihr Deppa! Schorsch, ruf die Polizei an. Ich erstatte Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung.« Leni wandte sich dem Mädchen am Boden zu.

 —Wo ist denn der Mann hin, der da vorher noch bei ihr war?— 

Leni kniete hin und ignorierte den Protest ihrer Gelenke, als sie Kontakt mit dem harten kalten Asphalt aufnahmen.

»Hallo so sieht man sich wieder. Was ist passiert?« Leni musterte das Gesicht der jungen Frau, die ihr zuvor das Geld gestohlen hatte.

Kurz erwachte das Mädchen aus seinem verwirrten Zustand und blickte Leni klar an, sie streckte die Hände in einer unkoordinierten Abwehrbewegung nach vorne.

»Scheiße. Geh weg.«

Instinktiv hielt Leni die Hände des Mädchens fest. Irgendetwas drückte in Lenis Handflächen. Sie steckte es in ihre Jackentasche.

»Keine Angst, unser vorheriges Treffen bleibt unter uns. Ich will helfen. Sag mal, wie heißt du denn?«

»Katti«

»Hallo Katti. Ich bin die Leni. Hast du was genommen? Drogen? Alkohol?«

»I ... ich schwör. Keinen Tropfen. Nichts. Bin clean.«

»Nicht einschlafen. Die Rettung kommt gleich.«

Katti schien wacher zu werden. »Nein. Keine Bullen, keine Rettung ... muss weg. Der Böse holt mich.«

»Du gehst nirgends hin. Du bist krank. Lass mich was versuchen.«

Leni positionierte sich genau vor der jungen Frau, drückte deren kalte schlaffe Hände fest und schloss die Augen.

Sie konzentrierte sich und ließ Ruhe und Wärme durch sich hindurch in ihre Handflächen fließen.

»Schön warm. Will schlafen.«

»Katti, wach bleiben. Nicht einschlafen.« Leni rüttelte Kattis Schultern. Dabei fiel ihr der neue dicke Anorak über der verschlissenen Jeansjacke auf.

 —Wenigstens hat sie das Geld vernünftig angelegt.— 

»Hallo, mein Name ist Dimitri, ich bin Rettungsassistent. Was ist passiert?« Neben Leni kniete ein Mann in roter Uniform. »Machen Sie bitte Platz.«

Leni rückte zur Seite. Aber Katti hielt ihre Hände fest. »Nicht gehen ... der schwarze Mann holt mich ... bleib da.«

Leni sah den Sanitäter fragend an, der ihr zunickte. »Bleiben Sie erst mal, bis wir die Untersuchung abgeschlossen haben.«

»Isch doch klar, zu viel trunka«, murmelte der jüngere der zwei Sanitäter halblaut vor sich hin.

»Wo bleibt die Absaugbereitschaft? BZ messen.« Dimitris Stimme blieb ruhig und bestimmt. Der Kollege senkte den Blick und konzentrierte sich auf seine Aufgaben.

 —dass die Idioten auf dem Rummel so reagieren, kann ich verstehen. Aber von medizinischem Fachpersonal erwarte ich etwas mehr Professionalität, als der junge Schnösel da vermuten lässt.— 

»Katti hat nichts getrunken. Schauen Sie sich doch um. Sehen Sie irgendwo Alkohol?«, verteidigte Leni die Streunerin.

»Kein Alk - Kaffee. Da ...« Die Worte waren schwer zu verstehen. »... Tasche ...« Katti löste ihre Hand aus Lenis und zeigte wackelig auf eine der Plastiktüten, aus der eine verbeulte Thermoskanne lugte.

»Kennen Sie die junge Dame persönlich?« Dimitri blickte Leni kurz an.

»Vom Sehen. Soll ich die Thermoskanne herholen?«

Der Rettungsassistent nickte und wandte sich dann Katti zu. »Katti, ich mach ein paar Untersuchungen und wir müssen deinen Finger piksen, wegen der Blutzuckeruntersuchung. Hast du heute was gegessen?«

»Pommes ... Wurst ...«

»BZ 110. Blutdruck 100 zu 90, Puls 90«, rasselte Dimitris Kollege herunter.