Eleonora - Olaf Wegner - E-Book

Eleonora E-Book

Olaf Wegner

0,0

Beschreibung

Eine plötzliche Erbschaft bringt einschneidende Veränderungen in das Leben des Protagonisten. Das Buch gönnt dem Leser keine Verschnaufpausen, da die Ereignisse sich teilweise überschlagen. Einfach und gut verständlich beschrieben, als wäre man selbst dabei. Humor, Spannung und Action schliessen sich nicht gegenseitig aus. Ein Muss für jeden, der gerne schmunzelt und lacht.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Eleonora

4b115c189544637c7a9cd777d247513a

Eleonora - Die Erbschaft

VORWORT Was fasziniert einen Leser an einer Geschichte ? Die Personen, die Situationen und die Orte, die vom Autor beschrieben werden, erwachen in unserer Phantasie zum Leben. Sowohl beim Autor, als auch beim Leser. Es entstehen Bilder wie in einem Film. Daher auch der Begriff "Kopfkino". Mit manchen Protagonisten kann man sich identifizieren, während es bei Anderen so scheint, als würde man sie zumindest kennen !? Eine Geschichte muss nicht zwingend logisch erklärbar daher kommen. Nein. Sie muss die Neugier des Lesers erwecken. Sie muss ihn amüsieren oder auch gruseln. Der Leser muss in seiner Erwartung an die Geschichte bestätigt werden. Eine plötzliche Wendung kann diese Erwartung noch bestärken, aber auch schnell zunichte machen. Ein Autor begibt sich mit jedem neuen Wort und jedem neuen Geschehnis auf einen schmalen Grad zwischen Bestätigung und Ablehnung. Ich als Autor finde nichts spannender, als dass man mir hinterher mitteilt, ob ich jemanden mit meiner Geschichte begeistern konnte oder den Leser vor Langeweile fast in den Suizid getrieben hätte. Nichts desto trotz wünsche ich euch ein Kopfkino, das euch ein wenig den Alltag versüsst. Meine Geschichten werden nicht Korrektur gelesen !! Ich alleine übernehme für jedes falsch geschriebene Wort, jedes überflüssige- oder vergessene Komma und jede grammatikalische Unzumutbarkeit, die volle Verantwortung. "Feel Spaß !" WARNUNG : IN MEINEN GESCHICHTEN WIRD GEFLUCHT.

Kapitel 1 Irgendwann vor nicht genau jetzt

Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel und schau mich an. Die letzte Nacht war tropisch und an Schlaf kaum zu denken. In solch einer Situation hat man zwangsweise viel Zeit um über Dinge nachzugrübeln. Seit nunmehr einem halben Jahrhundert blicke ich schon in dieses Spiegelbild. Mein Alterungsprozess nimmt in letzter Zeit richtig Fahrt auf und zeigt mir grinsend wo die Kaffeefahrt in Zukunft hingehen wird. Immer grauer, immer faltiger guckt mich mein spiegelverkehrtes Gegenüber an. Ich ziehe ein paar Fratzen, kann aber immer weniger einen Unterschied zu meinem normalen Gesichtsausdruck erkennen. "Ist das die sogenannte Midlife Crisis ? Wechseljahre ? Tief in mir bin ich doch immer noch 18. Das spüre ich. Sind das schon Altersflecken ?" Es keimt ein Gefühl der Selbstbemitleidung in mir auf. Um diesen wertvollen Moment aufrecht zu erhalten, stürme ich ins Wohnzimmer, lege hektisch eine alte CD ein, suche ein bestimmtes Lied, drücke auf Play und renne zurück ins Badezimmer vor den Spiegel. Hubert Kah beginnt mit Lonesome Cowboy. Im Spiegel verändert sich die Zeit. Grau wird zu braun und Falten glätten sich. Das Sackgesicht weicht einem frischen Teint. Der junge Mann mir Gegenüber lächelt. Ich kann das Grinsen aber leider nicht erwidern. Melancholie breitet sich aus. Herrlich. Düster. "In the mirror there's reflections of a younger man. A Lonesome Cowboy has to leave the desert land", dröhnt es aus den Boxen. Ich singe mit. Meine Augenringe werden von Tag zu Tag dicker, so scheint es. Von der nicht mehr vorhandenen Haarpracht wollen wir erstmal gar nicht anfangen. Die Zahnstellung lebt anscheinend auch nach Ihren eigenen Gesetzen. Heute so und morgen so. Schlupflider wie Bierbäuche. "Think of yesterday. Far away. Out of time." War ich eigentlich schon pinkeln ? Der junge Mann im Spiegel nickt bejahend. Ich zeige ihm mit Zeigefinger und Daumen eine imaginäre Pistole, drücke ab und zwinkere mit dem rechten Auge zurück. Er tut so, als hätte ich ihn getroffen und fällt nach hinten. Dann erscheint wieder mein eigentliches Spiegelbild vor mir. Ich hebe die Hände und betrachte sie. "Boah. Was haben die schon alles geleistet !? Von viel Arbeit über jahrzehntelanges Musizieren bis hin zu allem was Hände eben so tun im Leben", denke ich verträumt. "FF", kürzelt mich meine innere Stimme an. "FF. Ich bin Fucking Fünfzig !" Das Lied endet. Ich beginne mir die Zähne zu putzen und ziehe mich an. Am Frühstückstisch sitzend, lese ich auf meinem Smartphone die Bild Zeitung online. Mord, nochmal Mord, dann Selbstmord, Krieg, Hinrichtung und das nackte Girl des Tages. "Kranke Welt." Durch das Fenster kann ich meinen neuen Nachbarn sehen. Der ist weit über fünfzig und macht Tai-Chi auf seinem Balkon. Jedes Wochenende macht er das. Und ? Hat es ihm was genutzt ? Nö ! Zwei Bypässe und ein künstliches Knie hat er. Ob Tai-Chi oder Banshee. Scheissegal. Wenn es soweit ist, trifft Dich die Schicksalskeule mit voller Wucht. Ich vermisse meine alte Nachbarin, Frau Fischer. Sie ist tatsächlich zu Frau Simon nach Wattenscheid gezogen. "Niemand klingelt mehr", denke ich sehnsüchtig. Es klingelt ! "Leck mich", rufe ich automatisch laut durch die Wohnung. Die neue Nachbarin aus dem 3. Stock bestellt Pakete, als hätte sie eine Flatrate bei Amazon. Jeden Tag schellt der DHL Mann bei jedem Bewohner im Haus, in der Hoffnung, dass irgendein Drösel ihm aufmacht. Ich verlasse den Tisch und geh zur Tür. Als ich öffne hält mir ein junger Typ einen Brief entgegen. "Sind Sie Herr Wegner ?" "Wat steht denn da auf dem Schild, hä ?", antworte ich. "Sie müssen mir die Entgegennahme bitte unterschreiben", sagt der blauäugige Mitzwanziger freundlich. "Wat is dat denn ?", frage ich skeptisch. "Ein Brief", antwortet er. "Ach !? Echt ? Potztausend. Tatsächlich. Danke für die Aufklärung, junger Mann." "Immer gern", grinst er. Ich unterschreibe mürrisch und nehme das weiße Papier entgegen. Auf dem Rückweg zum Tisch mache ich mir noch einen Kaffee im Automaten und setze mich wieder hin. Mein Nachbar steht immer noch auf dem Balkon und macht den zeitlupen Fliegenfänger. Ich öffne den Brief und setz mir die Brille auf. "Rechtsnotar Dr. Reiffenberg", nuschel ich leise vor mich hin, "Blablablablablaaaa…möchte ich Sie bitten am Montag…blablablablablaaaa…zur vorläufigen Testaments Eröffnung…" "TESTA WAS ???", rufe ich fragend aus und beginne die Zeilen nochmal intensiv zu lesen. "Zur vorläufigen Testaments Eröffnung von Frau Eleonora zu Stiepel-Ischeldorf zu erscheinen. Ihre Anwesenheit ist in dieser Angelegenheit zwingend notwendig." Ich lege das Schriftstück geistesabwesend auf eine Brötchenhälfte mit Rübenkraut ab. "Eleonora ? Leonora ?", überlege ich. "Leo ? Leo ? Tante Leo !!", die Erinnerung sagt 'Guten Tag' zu mir. "Tante Leo. Meine Fresse. Patentante Leo ! Die muss doch schon hundertzwölf sein !?", überlege ich wild, "Obwohl !? Davon hat sie jetzt anscheinend auch nichts mehr !?" Ich telefoniere sofort mit meiner Mutter. Mama und ihr Mann leben mittlerweile glücklich in Spanien. Man fragt sich gegenseitig nach dem Befinden und was tagtäglich so abläuft. Ihnen geht es gut und sie erzählt mir schließlich, dass sie nächste Woche eine Kreuzfahrt in die Karibik machen. Ich freue mich künstlich für sie, obwohl ich eigentlich vor Neid platzen könnte. Dann berichtet sie mir, dass der Kontakt zu Eleonora damals abbrach, als ich zehn Jahre alt war und Tante Leo nach Bayern gezogen ist, wo sie geheiratet hat und bis heute blieb. Sporadisch haben meine Mutter und sie früher ab und zu telefoniert bis der Kontakt schließlich einschlief. "Nun ja. Dann werde ich diesen Dr. Reiffenberg am Montag mal besuchen gehen. Wer weiß, was das Patentantchen mir post mortem mitzuteilen hat !? Schulden kann sie gerne behalten", denke ich und beende das Telefonat. Draussen auf dem Balkon gegenüber steht mein Nachbar auf einem Bein und macht den Kranich. Als er mich erblickt, versucht er zu winken, verliert das Gleichgewicht und fällt um. Ich proste dem gefallenen Luftkrieger zu und widme meine Aufmerksamkeit wieder der Bild Online. Von unten auf der Straße hört man Stimmen, die sich unterhalten. Die Stimmen kenne ich. Es sind der Büdchenmann von gegenüber und der Verbrecher. Büdchenmann und ich kennen uns schon ein lange Zeit. Bei unserer ersten Begegnung damals, bat ich ihn um eine Schachtel West. Nachdem wir eine ganze Weile aneinander vorbei geredet hatten, gab er mir schließlich ein leckeres Pilsken aus und die Zigaretten habe ich letztendlich bei Kosta gekauft, dem anderen Büdchenmann ein paar Häuser weiter die Straße rauf. Seitdem nennen mich alle in der Straße nur noch 'West'. Zu meinem eigentlichen Spitznamen kommen wir aber später noch. Der Verbrecher bekam seinen Spitznamen, als er versuchte den Büdchenmann, in meiner Anwesenheit, mit einer Spielzeugpistole auszurauben. Diese bizarre Situation endete dann letztendlich ebenfalls in einem Trinkgelage. So entstehen wahre Männerfreundschaften. Ich stehe also auf und gehe zum Fenster. Ich: "Guten Morgen, Büdchenmann. Guten Morgen, Verbrecher." Sie schauen nach oben. Büdchenmann: "Merhaba, West." Verbrecher: "Hi West. Ich: "Worüber diskutiert ihr am frühen Morgen ?" Büdchenmann: "Was macht diese Mann da auf Balkon ?" Verbrecher: "Ja ? Was macht der da ?" Ich: "Tai-Chi." Büdchenmann: "Gesundheit ! Du krank ?" Verbrecher: "Man, das ist asiatisch." Büdchenmann: "Wos sprichst Du ?" Ich: "Das ist asiatisch." Büdchenmann: "Das ist bescheuert. Sieht aus wie Tanzpuppe, wo Batterie fast leer !?" Verbrecher: "Ja. Sieht aus wie Du beim Bordstein fegen." Büdchenmann: "Willst Du Fresse, Verbrecher ?" Verbrecher: "Nee. Besser Pilsken." Nachbar vom Balkon: "Guten Morgen, die Herren." Büdchenmann: "Eyh. Wos machst Du für Bewegung da ?" Nachbar vom Balkon: "Tai-Chi." Büdchenmann: "Gesundheit ! Auch krank ?" Nachbar vom Balkon: "Belebt Körper und Geist." Büdchenmann: "Hört sich nicht so an." Ich: "Tai-Chi !!" Büdchenmann: "Wos los ? Habt ihr Epidermis ?" Verbrecher: "Epidemie ! Büdchenmann: "Ich geh rein." Verbrecher: "Warum ?" Büdchenmann: "Alle krank." Ich: "Wat is ? Pilsken ?" Verbrecher: "Das erste vernünftige Wort heute." Nachbar vom Balkon (winkt): "Gülle Gülle !" Büdchenmann: "Wos sagst Du ?" Ich: "Mach 4 Pilsken feddich. Ich komm gleich !" Nachbar vom Balkon (winkt): "Gülle Gülle, Herr Kiosk." Büdchenmann: "Hör auf, Balkonmann. Du besser kein türkisch sprechen. Komm lieber Pilsken. Du Hatschi !" Und geht rein. Im Endeffekt verbringen wir alle 4 den Tag im Büdchen. Wie ich schon sagte. So entstehen Männerfreundschaften.

Kapitel 2 Schulden ?

Montagmorgen. Ich stehe vor einem renovierten Altbau mitten in Düsseldorf. Das Notarschild ist in Gold gefasst mit schwarzer Schrift. Eine Eingangstür von der Größe einer Toreinfahrt. Ich trete ein. Vor der sich-erstreckenden Treppe steht ein Pinguin und lächelt freundlich. Der Türsteher im Anzug fragt mich wo ich hin möchte und zeigt mir den Weg. Die Tür des Notars ist offen und eine Dame bittet mich auf einem der Sessel zu warten. Überall hängen große Bilderrahmen mit alten Männern drauf. Sie alle sind so gemalt, dass man meint, sie beobachten Dich. Eine riesige Standuhr beginnt zehn Uhr zu schlagen. Ich erschrecke mich. Hinter mir sagt plötzlich eine Stimme, "Herr Wegner ? Bitte kommen Sie." Ich erschrecke mich erneut und springe auf. Eine in Leder gefasste Doppeltür steht offen und dahinter sitzt ein älterer Mann an einem großen Schreibtisch und winkt mich herein. "Bitte. Setzen Sie sich. Möchten Sie etwas trinken ?" Ich schüttel nervös den Kopf. Der Sessel, in dem ich Platz genommen habe, scheint mich verschlingen zu wollen, so sehr versinke ich in ihm. "Also", beginnt der Herr Notar zu sprechen, "Sie möchten bestimmt zu aller erst wissen, warum Sie zur vorläufigen Testamentsverkündung eingeladen worden sind ?" Ich nicke stumm und nervös. "Nun ja. Sie müssen innerhalb der nächsten fünf Tage beim Nachlassgericht in Ischeldorf vorstellig werden, wenn Sie das Erbe antreten möchten", verkündet der halbglatzige Mann energisch. Ich schaue ihn stumm an. "Haben Sie das verstanden ?" Ich kann mich nicht konzentrieren und schwitze. "Das Nachlassgericht wird alles Nötige in die Wege leiten." "Ääähm", sage ich in feinstem hannoveraner Hochdeutsch. "Ääähm. Ich hätte da eine Frage." "Ja. Bitte. Fragen Sie." "Ääähm. Muss ich das Erbe antreten ?" Er kneift die Augen mit den mächtigen Augenbrauen zusammen und fragt, "Wie meinen Sie das ?" "Ääähm. Woher weiß ich denn, ob ich damit nicht einen Haufen Schulden übernehme ? Und warum wurde ich zur Beerdigung nicht benachrichtigt ? Sind Schulden in so einer Angelegenheit etwas so Abwägiges ?" Der Notar schaut jetzt erschrocken. Dann ändert sich sein Gesichtsausdruck. Er nimmt die Halbbrille von der Nase und beginnt laut zu lachen. Der dicke Bauch bebt auf und ab und Tränen laufen ihm die Pausbacken entlang. Ich gucke erst geschockt und lache dann aus Sympathie mit. "Schulden ?", lacht er weiter. "Schulden ?", wiederholt er sich. "Ja. Schulden", lache ich mittlerweile lauter. "Mein lieber Herr Wegner", beruhigt der dicke Mann sich langsam. "Ich beginne jetzt wohl erstmal mit dem Verlesen des Testamentes Ihrer Patentante. Gott habe Sie gnädig." Dann öffnet er einen Umschlag, der mit einem Siegel in rotem Wachs verschlossen wurde und zieht ein doppelseitiges Schriftstück hervor. Nachdem er die Halbbrille wieder aufgesetzt hat, beginnt der Notar zu lesen. Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf einer der drei Couchen im Vorzimmer des Notarbüros. Die Sekretärin und Herr Reiffenberg stehen über mir und fächern mir Luft zu. "Hier. Trinken Sie etwas, Herr Wegner. Sie sind einfach umgefallen." Ich erinnere mich an die vielen Worte, die ich aus seinem Mund gehört habe, als er das Testament vorgelesen hat. Wörter wie "Land", "Konten", "Finkas", "Autos", "Wein". "WEIN ?", stehe ich auf. "Bitte, wie meinen ?", fragt der Notar. "Wein. Sie sagten was von Wein in dem Testament." "Ich sagte Weingut", berichtigt er mich. "Weingut ? Dat is ja auch gut !?" "Kann ich davon eine Kopie haben ?", frage ich. "Nein. Sie müssen innerhalb der nächsten fünf Tage das original Testament beim Nachlassgericht in Ischeldorf unterschreiben. Erst dann haben Sie die Erbschaft angenommen." Ich nicke. "Boah, ist mir schwindelig." Dr. Reiffenberg sagt, "Warten Sie. Ich hole mal was Starkes aus meinem Geheimfach." Dann geht er aus dem Raum. "Sind Sie schon öfter einfach mal umgefallen ?", fragt die Sekretärin. "Nicht das ich wüsste !?" Sie erzählt mir schließlich, dass ich in den paar Sekunden meines Wegtretens wirres Zeug geredet habe. Unter anderem von einem Herrn Pitchko, der anscheinend Doktor war und ich Angst vor ihm hatte !? Ich überlege. Und überlege. Und überlege. "Ach, ja klar !", beginne ich zu grübeln, "Das ist aber schon so lange her, dass ich mich daran überhaupt nicht wirklich erinnere ? Wahnsinn. Ich habe vor gut 35 Jahren ein Praktikum in der Psychiatrie gemacht. Ein Schulpraktikum. Jeder in der Klasse musste sich einen Praktikumsplatz suchen. Mein Kumpel und ich haben damals gewettet, wer wohl den schrägsten Job ergattern könnte. Ich bin durch Beziehungen in der Psychiatrie untergekommen." "Und ihr Schulfreund ? Welche Stelle hat er bekommen ?" Ich blicke sie mürrisch an, "Der Sack hat das gar nicht ernst genommen und hat sich schön bei seinem Onkel in der Kuchenfabrik die Eie….ich meine…ausgeruht und jeden Tag Pflaumenkuchen geschnorrt. Dieser miese Drecksack." Die Sekretärin schaut mich bemitleidend an, "Und wer war nun dieser angebliche Doktor dort ?" Bei diesem Gedanken ist mir nicht ganz wohl, "Da war ein Patient mit dem Namen Pitchko. Der war kein Doktor. Er dachte, er sei irgend eine Art Akademiker von hohem Rang in seinem weißen Kittel und hat immer nur zwei Fragen gestellt. Den ganzen Tag. Von morgens bis abends. Er lief im Trakt hin- und her und sprach jeden an. Mit feuchter Aussprache und weit aufgerissenen Augen fragte er immer wieder dasselbe. Niemand nahm ihn ernst, aber ich hatte immer ein wenig Angst vor seinem stechenden Blick." Sie schaut mich an. "Ja", erzähle ich weiter, "Das ist mir aber jetzt zu peinlich." Sie fordert, "Was hat er Schlimmes zu Ihnen gesagt ?" Ich guck sie beschämd an und schweige. Sie fordert wieder, "Was hat er gesagt ?" Ich schaue sie an und sage nichts. Sie macht ein bittendes Gesicht. Schließlich beuge ich mich etwas nach vorne und hauche ihr erotisch entgegen, "Wat is ? Bock auf 'ne Nummer, Du Sau ?" In diesem Moment reuspert sich Dr. Reiffenberg direkt hinter uns. Die sichtlich überraschte Frau wird rot wie eine Herdplatte. "Möchten Sie den Rest des Tages frei nehmen, Frau Kling ? Ich meine, bei dem Angebot !?" Sie schüttelt heftig den Kopf, dreht sich um und verlässt im Stechschritt den Raum. "Ich kann das erklären ?", stammel ich verlegen, "Das ist jetzt nicht so, wie Sie vielleicht…!" Der Notar schließt die Augen, macht einen zufriedenen Schmollmund und schüttelt langsam den Kopf zur Verneinung. In seinen Händen warten zwei Schwenker mit braunem Beruhigungswasser. "Oh. Ein Brandy !? T-T-Toll !", stottere ich ablenkend. Der Notar lächelt nun wieder, gibt mir einen Schwenker in die Hand und wir stossen an. Ich kippe das Zeug direkt runter. Er schenkt nach und wir setzen uns. Nach einer interessanten Unterhaltung über psychiatrische Einrichtungen und ihre Vor- und Nachteile, verlasse ich schließlich diesen schönen Altbau, vorbei an der Sekretärin, die mich keines Blickes mehr würdigt und fahre zur Arbeit. Dort angekommen spreche ich mit meinem Chef. Auch seine Gesichtsfarbe ändert sich im Laufe unserer Unterhaltung von rosa zu rot zu rosa zu rot. Ich erkläre ihm mehrmals die Situation. Er ist alles andere als amused über meine Bitte Frei zu bekommen. Im Endeffekt einigen wir uns schließlich nach ein paar weiteren Ungereimtheiten und ich bekomme die Woche frei. Dann geht's ab nach Hause um den Koffer zu packen und nach einer Zugverbindung zu schauen.. Ischeldorf. Ich komme !

Kapitel 3 Die Abfahrt

Bahnsteig 2. Homestation. Hier gibt's nur 2 Bahnsteige. Ich sitze auf einer der Stahlgeflecht Bänke und warte mit meinem Koffer auf Beförderungsmittel Nr.1 von 3, da ich Richtung Ischeldorf zweimal umsteigen muss. Genau genommen sind es 4 Beförderungsmittel, denn Bus muss ich schließlich auch noch fahren. Meine Gedanken kreisen um die Worte des Notar. "Tante Leo muss da unten eine große Verantwortung gehabt haben. Warum hat sie nie Kinder bekommen ? Was ist mit Onkel Leo, ihrem Mann ? Ach ja. Früh verstorben hat der Dicke mit der Halbbrille gesagt." Eine der zahlreichen Tauben hier auf dem Bahnsteig kommt zu mir und beginnt frech an meinem Schnürsenkel rum zu picken. Ich stosse sie mit meinem Schuh zur Seite. "Hören Sie auf Gottes eigene Geschöpfe zu quälen", ruft eine ältere Dame. Sie steht an einem der Pfeiler. In der Hand hält Sie ein aufgeklapptes Exemplar der Bravo für Menschen ohne eigenes Leben. Erwachet ! steht auf dem Titelblatt. Ich schau die Zeugin an und zwinker ihr mit einem Auge zu. Meine Hände greifen nach meiner Zigarettenschachtel und ich zünde mir eine an. "Dies ist ein rauchfreier Bahnhof, junger Mann. Respektieren sie das gefälligst." Ich antworte singend, "Bald ist wieder Weihnachten. Ich freu mich schon." Die Frau schüttelt den Kopf. Die Taube will es nochmal wissen und stolziert auf mich zu. Ich springe blitzschnell vom Sitz hoch. In ihrer Panik flattert sie geradewegs über die Bahnsteigkante hinweg und ein durchfahrender Zug beendet ihren letzten Flug. "Ups", denke ich. Die Frau ruft, "Mörder !" Ich stehe auf und schaue auf die Gleise. Weiter hinten liegt die Taube im Gleisbett und berappelt sich gerade wieder. Nichts passiert. "Schnell", rufe ich dem Wachturm zu, "Schnell. Eine Bluttransfusion." Die Frau nimmt kopfschüttelnd ihre Sachen und geht die Treppe hinunter. Meine Bahn kommt und ich steige ein. Kein Käsemann, kein Bärtina, keine Keith und auch kein Westerwelle. Diese vier Freunde treffe ich normalerweise immer im Abteil. Wir fünf haben schon viel miteinander erlebt und überlebt. Westerwelle erhielt von mir diesen berühmten Namen, weil er dem, leider viel zu früh verstorbenen, Vorbild sehr ähnlich sieht. Das zusammengesetzte Nomen Bärtina enthält die Synonyme Bär für stark und Tina für weiblich. Es handelt sich hierbei um einen knapp zwei Meter großen Hünen mit Vollbart, der sich nur in roten Moschino Pumps fortbewegt. Er liebt diese Schuhe. Und seine Leidenschaft ist das Kleingeldsammeln. Wenn ihr also irgendwann einmal im Bahnhof oder in der Bahn die Worte, "Kleingeld, der Herr ?", hört, dann kann das nur Bärtina sein. Des weiteren wäre da noch Keith. Eine Frau die von hinten gesehen wie ein Model- und vom Gesicht her wie Keith Richards aussieht. Klingt komisch, ist aber so. Und schließlich, letztlich und endlich der Käsemann. Er ist ein ganz besonderer Mensch mit dem Hang zu allem, was man aus Lab herstellen kann. Wenn man ihn sieht, isst er Käsebrote und zwar immer. Den ganzen Tag. Er liebt Käse, stottert ein wenig, aber ist ein richtig guter Freund und ein herzensguter Mensch. Zwei Sachen jedoch haben sich bei ihm in letzter Zeit geändert. Durch die Bekanntschaft eines netten Mädchens isst er nur noch selten Käse und stottern hört man ihn gar nicht mehr. Tja, was die Liebe eben so mit einem macht !? Ich wiederum fühle mich momentan alleine. Im Hauptbahnhof angekommen wechsle ich das Gleis und steige in einen ICE Richtung München. Mein Ziel ist allerdings zwei Stationen vorher. Nürnberg. "Ja mein lieber Scholli. Dat nenn ich mal nen Zug. Edel, edel", staunen meine braunen Augen. Die Scheiben sind getönt und als der weiße Koloss anfährt und den Bahnhof verläßt, hört man trotzdem fast nichts von Fahrgeräuschen oder Ähnlichem. Ich setze meine Kopfhörer auf und suche in meinem Smartphone Player nach 'Cigarettes after Sex'. Nach gut einer Stunde bin ich so eingelullt von den vorbeiziehenden Häusern und Bäumen, dass mir die Augen zufallen. Ich schlafe ein. Stunden später. "Sehr geehrte Fahrgäste, München Hauptbahnhof. Der Zug endet hier", sagt die Stimme aus den Lautsprechern. Ich schrecke hoch. "München Hauptbahnhof ? Oh fuck. Zu weit. Viel zu weit.", schimpfe ich in Gedanken und suche meinen Koffer. "Wo is der scheiss Koffer denn jetzt ?" "Bitte steigen Sie aus", sagt eine Dame in einer DB Uniform. "Mein Koffer. Mein Koffer is wech. Scheisse, eyh", spricht der Ruhrpott aus mir. "Oh", antwortet sie. Erst hilft die Dame mir suchen, dann verweist sie mich auf die nächste Polizeidienststelle, um eine Anzeige aufzugeben. Nach zig Hasstriaden und Beschimpfungen Richtung deutsche Bahn verlasse ich den Zug und begebe mich zur nächsten Polizeistation. Dort angekommen betrete ich die Wache. "Ja grüß Gott der Herr. Woas hams denn für a Problem", fragt mich die blaue Uniform. Ich meckere direkt los, "Irgendein Hirsel hat mich beklaut. Mein Koffer is wech." "A Hirsel ? Woas in Gottes Namen is a Hirsel ? Könnens den beschreiben ?", guckt der Beamte verwirrt. Diese ganze Unterhaltung führt am Ende natürlich zu gar nichts. Die Anzeige wird aufgenommen und ich verlasse die Wache. "O.K.. Ich habe mein Geld und meine Karten. Mein Smartphone und Haustürschlüssel. Das ist gut", überprüfe ich meine Jeans und Lederjacke, "Jetzt heißt es logisch fungieren und auf nach Ischeldorf. Den Koffer kann ich mir sowieso abschminken. Die Klamotten da drin waren eh nicht viel wert." Ich gehe also wieder Richtung Bahnhof zurück und frage an der Information nach einer Verbindung zum Ziel. Im Raucherbereich stecke ich mir eine Fluppe an und beobachte die Hektik hier. Menschen laufen Treppen rauf und runter. Einige erreichen zwar noch ihren Zug, der wiederum fährt aber im gleichen Moment los, ohne die Türen nochmal zu öffnen. Sie schimpfen und fuchteln wild in der Luft herum. Dann vernehme ich hinter mir eine Stimme, "Kleingeld, der Herr ?" Ich grinse ungläubig, drehe mich um und sehe einen, mir unbekannten, jungen Mann mit Irokesen Schnitt, Doc Martins und Motorrad Jacke. Seine Jeans hat viele Löcher. Sein Gesicht auch, bestückt mit kleinen Ringen und Steckern. "Eyh, coole Haare", sage ich und zeige auf den grünen Fächer. "Dat is ja fast ein Kunstwerk, hömma. Respekt." Er grinst und hält mir die offene Hand entgegen. Ich schlag ein und mache eine Ghettofaust. Er schaut mich fragend an. "Dragon, komm", ruft ein grün-blondiertes Mädchen hinter ihm, "Der Opa ist uncool. Lass ihn." Sie trägt ebenfalls Doc Martins und eine Motorrad Jacke. Ihr kurzer Rock gibt bunte Kniestrümpfe frei. Das Oberteil ist extra kurz damit man das Bauchnabel Piercing und die Tattoos sehen kann. Sie stampft ungeduldig ein paar mal auf. "Komm jetzt. Wir gehen unten abchillen. Kalli hat Zeug besorgt." Der Punk schaut mich an und kann seinen Blick irgendwie nicht abwenden. "Warte", sage ich und krame, mit der Kippe im Mund, in meiner Jeans herum. Dann bekomme ich einen fünf Euro Schein zu fassen. "Hier. Kauf ihr was Schönes." Er starrt mich immer noch an. "Dragon, Du blöder Arsch. Lass den Wichser doch krepieren. Ich geh jetzt. Tschüss", dreht sie sich um und geht die Treppe runter. "O.K.", sage ich, "Nimm das Geld und kauf Dir selbst etwas." Er nickt, nimmt den Schein, grinst und fasst in seine Jeans. Ich erwarte, dass sein Mittelfinger mich gleich durch eines der zahlreichen Löcher in der Hose anguckt, aber er holt die Hand wieder raus und streckt mir eine gedrehte Zigarette hin. "Hier, Alter. Wenn's mal stressig und uncool wird", sagt er und dreht sich um. Dann geht er dem Stressmädchen hinter her. "Danke", ruf ich ihm nach und winke mit dem Joint in der Hand. In diesem Moment passieren zwei Dinge. Erstens. Mein Zug fährt ein.