Elfen-Dilogie - 2 in 1 Sammelband (Romantasy) - Hazel McNellis - E-Book

Elfen-Dilogie - 2 in 1 Sammelband (Romantasy) E-Book

Hazel McNellis

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Beschreibung

Zwei fremde Welten, eine verbotene Liebe – erlebe eine fesselnde Reise in der romantisch-fantastischen Elfen-Dilogie, beide Teile sind erstmals in einem Bundle vereint! Prinzessin Ariana stolpert ins Reich finsterer Dunkelelfen, wo Kieran herrscht und Menschen Sklaven sind. Dort entsteht eine Verbindung, die das Schicksal beider Welten verändert. Alle Romane wurden für dieses 2-in-1-Bundle sorgfältig überarbeitet, damit du die Geschichte in einem Zug genießen kannst. Band 1: Das Leuchten Deiner Seele Verliebt, verlobt, verheiratet? Prinzessin Ariana möchte am liebsten davonlaufen. Ihre Verlobung mit Prinz Fionn lässt sie deshalb den einzigen Ort aufsuchen, der ihr eine kurze Flucht vor der Realität ermöglicht: die königliche Bibliothek. Aber ausgerechnet zwischen den Buchseiten stürzt sie in das unglaublichste Abenteuer ihres Lebens - in eine andere Welt. Eine Welt, in der unheilvolles Schwarz den Horizont bedeckt, boshafte Dunkelelfen regieren und Menschen wertlose Sklaven sind. Ariana purzelt an diesem Ort ausgerechnet Kieran vor die Füße. Der spitzohrige Elfenkönig hält sie für eine flüchtige Sklavin und nimmt sie kurzerhand mit. Dabei ahnt keiner von ihnen etwas von der merkwürdigen Anziehung zwischen ihnen, die fortan das Schicksal ihrer Welten neu schreibt ... Band 2: Der Schatten Deiner Seele Was bleibt, wenn alles zerbricht? Gefangen in einer fremden und zugleich vertraut wirkenden Welt, rauben ausgerechnet die Hüter Kierans Gedächtnis. Alles Wissen über die Fäden, das Schattenreich und Prinzessin Ariana scheint damit für immer verloren. Das Netz der Fäden zieht sich immer weiter zu und Kierans Seelenlicht ist in großer Gefahr. Er und die Prinzessin sehen sich schnell mit einer Bedrohung konfrontiert, die mehr als nur eine Welt ins Chaos stürzt - und in der Dunkelheit lauert der Tod. Prinzessin Ariana und Dunkelelfen-König Kieran kämpfen gegen eine dunkle Bedrohung – und um ihre Herzen. Entdecke die Magie der Fäden, verbotene Gefühle und eine leidenschaftliche Liebe, die alles auf den Kopf stellt. Genieße die ganze Geschichte in diesem spannenden Romantasy-Sammelband!

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Elfen-Dilogie - 2 in 1 Sammelband (Romantasy)

Hazel McNellis

Buchbeschreibung

Band 1, "Das Leuchten Deiner Seele":

Verliebt, verlobt, verheiratet? Prinzessin Ariana möchte am liebsten davonlaufen. Ihre Verlobung mit Prinz Fionn lässt sie deshalb den einzigen Ort aufsuchen, der ihr eine kurze Flucht vor der Realität ermöglicht: die königliche Bibliothek. Aber ausgerechnet zwischen den Buchseiten stürzt sie in das unglaublichste Abenteuer ihres Lebens - in eine andere Welt.

Eine Welt, in der unheilvolles Schwarz den Horizont bedeckt, boshafte Dunkelelfen regieren und Menschen wertlose Sklaven sind. Ariana purzelt an diesem Ort ausgerechnet Kieran vor die Füße. Der spitzohrige Elfenkönig hält sie für eine flüchtige Sklavin und nimmt sie kurzerhand mit. Dabei ahnt keiner von ihnen etwas von der merkwürdigen Anziehung zwischen ihnen, die fortan das Schicksal ihrer Welten neu schreibt...

Band 2, "Der Schatten Deiner Seele":

Was bleibt, wenn alles zerbricht? Gefangen in einer fremden und zugleich vertraut wirkenden Welt, rauben ausgerechnet die Hüter Kierans Gedächtnis. Alles Wissen über die Fäden, das Schattenreich und Prinzessin Ariana scheint damit für immer verloren. Das Netz der Fäden zieht sich immer weiter zu und Kierans Seelenlicht ist in großer Gefahr. Er und die Prinzessin sehen sich schnell mit einer Bedrohung konfrontiert, die mehr als nur eine Welt ins Chaos stürzt - und in der Dunkelheit lauert der Tod.

Über den Autor

Hazel McNellis, Jahrgang 1985, schreibt für ihr Leben gern und lebt heute mit ihrem Partner und ihrer chinesischen Schopfhündin ein ruhiges Leben im Bergischen Land. Die humorvolle Wahl-Wuppertalerin absolvierte nach ihrer Ausbildung zur staatl. gepr. kaufmännischen Assistentin für Fremdsprachen ein Bachelor-Studium der Physik und Anglistik/Amerikanistik. Heute verdient sie sich ihre Brötchen mit dem Schreiben und erfüllte sich so einen Traum.

Elfen-Dilogie - 2 in 1 Sammelband (Romantasy)

Hazel McNellis

Impressum

1. Auflage, veröffentlicht 2026.

Copyright der vorliegenden Sammelband-Ausgabe:

© 2026 Hazel McNellis – alle Rechte vorbehalten.

Copyright der originalen Einzelbände:

© 2020 Hazel McNellis

Simone Schmälzlein (aka Hazel McNellis)

Siegfriedstr. 87

42117 Wuppertal

[email protected]

Covergestaltung: Simone Schmälzlein

Coverillustrationen: Bildmaterial zur freien kommerziellen Nutzung von Pixabay.com (Stand: 2020), neu zusammengefügt und überarbeitet via Canva Pro (Stand: 2026).

Das Leuchten deiner Seele (Elfen, Teil 1)

Ein Roman von Hazel McNellis

Prolog

In meinem Kopf hörte ich die anderen Seelen schreien. Das weiß-blaue Seelenlicht des Burschen schimmerte, verblasste zusehends. Es flackerte, sandte einen letzten Schein in die Welt, ehe die Schatten es erstickten. Der Körper erschlaffte und fiel zu Boden. Mich kümmerte der Kerl nicht länger. Ich hatte meine Aufgabe erfüllt und den Hunger gestillt – zumindest für den Augenblick.

Die unvermeidbare Zerstörung, die mein Dasein mit sich brachte, weckte die Unzufriedenheit in mir. Sie pochte wie ein verirrter Herzschlag. Ich bleckte die Zähne und knurrte. Denn ich hatte es satt, so verdammt satt.

Es wurde Zeit für eine neue Ordnung.

Teil 1 – der Fall

1. Verblasst

Sie schnappte nach Luft. Das schwere Buch entglitt ihren zitternden Fingern und fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. Die Bibliothek schwankte, die vollgestopften Regale hoben und senkten sich unaufhörlich. Ariana kniff die Augen fest zusammen und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Ihre schweißnassen Hände umklammerten die weich gepolsterten, abgegriffenen Armlehnen. Langsam ebbte das Schwindelgefühl ab. Ihr Herzschlag und ihre Atmung beruhigten sich wieder. Sie berührte ihre eiskalte Stirn, ehe sie sich vorbeugte, um die heruntergefallene Lektüre aufzuheben.

Ein leises Geräusch weiter hinten im Gang erregte ihre Aufmerksamkeit. Ariana hob den Blick. Schritte näherten sich ihrem Platz und Fionn trat um die Ecke. Er lächelte zögernd.

»Hier steckst du«, sagte er, ehe er bei ihrem Anblick die Stirn runzelte. »Geht es dir gut?«

»Ich habe bloß ein Buch gelesen«, erwiderte sie.

Sie genierte sich, ihm die Wahrheit zu sagen und zu erklären, dass sie einen Schwächeanfall durchlitten hatte. Sie war eine Prinzessin, die weder schwächlich noch anfällig war.

»Natürlich.« Er nickte. Seine dunkelblauen Augen blitzten auf. Jeder im Land wusste, dass Arianas Herz an der Bibliothek ihrer Mutter hing. Wer sie suchte, traf sie hier, in ihrem Lesesessel, mit einem Buch in der Hand.

»Was führt dich zu mir?«, fragte sie.

Sein Lächeln versteifte sich. Er rang kurz die Hände und marschierte ein paar Schritte in die eine Richtung, bevor er kehrtmachte und zurückkam. »Wie lange kennen wir uns, Ariana?«

»Das weißt du doch.«

»Ja, selbstverständlich, welch dumme Frage. Verzeih, bitte.« Er zögerte. Schließlich blieb er stehen. »Du bist meine engste Freundin, Ari–Prinzessin«, korrigierte er sich hastig. »Ich habe lange nachgedacht und möchte etwas mit dir besprechen.«

»Und was wäre das?«, fragte sie und musterte ihn. Er benahm sich merkwürdig, regelrecht verdächtig. Was war los mit ihm?

»Ich kann warten«, sagte er.

Sie runzelte die Stirn. »Warten? Aber worauf denn?«

»Auf dich, Ariana. Ich verspreche– Nein, ich schwöre dir, dass ich auf dich warten werde, ganz gleich, wie lange es dauern mag. Ich wünsche mir, dass du aus freien Stücken eine Ehe mit mir anstrebst und nicht, weil es die Politik so verlangt.«

Ariana schwieg. Sie wäre nie dem Gedanken verfallen, Fionn könne so etwas wie Liebe für sie empfinden. Sie hätte aber ebenso nie daran gedacht, dass er ein Gespräch mit ihr führen würde, das verlief wie jenes am gestrigen Abend.

~

Sie standen eine Weile still nebeneinander. Der blasse Halbmond schimmerte über ihnen und eine Handvoll Sterne glimmerte auf sie herab. Wenige Wolken verirrten sich am nachtschwarzen Himmel. Sie war allein mit Fionn auf dem Balkon. Im Palast plauderten und lachten die Gäste miteinander.

»Es wird mir eine Ehre sein, dich an meiner Seite zu wissen, Ariana«, murmelte er neben ihr. Sie sah zu ihm auf.

»Vielen Dank, Prinz.«

Er hob einen Mundwinkel, wandte sich ihr zu und umfing ihre Hand mit seinen beiden. Sie fühlte die kräftige Sanftheit durch ihren Handschuh hindurch. Er hob ihre Finger an die Lippen und hauchte einen Kuss auf ihre Fingerknöchel. Ein flaues Gefühl krauchte durch ihren Magen. Die Regung verstärkte sich und formte einen schweren Klumpen, als Fionn einen Schritt näher herantrat.

»Ariana«, fing er an, »ich muss dir etwas gestehen.«

Ein flüchtiger Ansturm von Panik floss durch sie hindurch. Schnell schob sie die Empfindung beiseite. Ihre Augen blitzten neckisch. »Nur zu«, scherzte sie, um über ihre Nervosität hinwegzutäuschen, »ich weiß, dass du mein Obst gestohlen hast, als ich nicht hinsah.«

Verblüfft blinzelte er. Der Mund stand ihm offen, ehe er grinste. Ein warmer Glanz trat in seinen Blick. »Ach, das«, erwiderte er. Sein Daumen strich ihr über den Handrücken. »Das meinte ich nicht.«

»Nicht?«

Er schüttelte den Kopf. Dabei fiel ihm eine weißblonde Strähne vor das Auge. »Wir kennen uns schon so lange. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber du bist mir in den letzten Jahren wirklich ans Herz gewachsen.«

Ariana lächelte und drückte seine Hand. »Du bist mir ebenso wichtig. Das weißt du.«

»Natürlich, ja. Ich weiß … Was ich eigentlich sagen will, ist …« Sein Adamsapfel hüpfte. Der Prinz holte tief Luft, sog die Nachtluft ein und sah sie durchdringend an.

»Ich liebe dich«, platzte er heraus.

Erstaunen und Überraschung mischten sich. Sie starrte ihn an – und er senkte ertappt den Blick. »Natürlich verstehe ich, wenn du nicht so fühlst«, erklärte er und drückte erneut ihre Finger.

Ariana hob ihre andere Hand und bedeckte seine Lippen für einen flüchtigen Moment.

»Sprich nicht weiter«, bat sie. Sie sah sich um, ob jemand die Worte gehört hatte. »Ich mag dich wirklich sehr. Wir kennen uns seit vielen Jahren, wie könnte ich verschieden empfinden?« Sie zögerte. »Aber …«

Er seufzte, gab ihre Hand frei und trat zurück. Der Schmerz in seinem Blick traf sie schwer. »Du musst nicht weitersprechen«, sagte er. »Ich bedaure, dass du keine tieferen Gefühle für mich hegst, Prinzessin. Ich hoffe darauf, dass sich dies mit der Zeit ändern wird.«

Er verneigte sich. Dann murmelte er eine Entschuldigung und verschwand durch die Flügeltüren ins Innere des Palastes.

~

Sein Geständnis hatte sie überrascht, sodass ihr die passenden Worte gefehlt hatten. Ariana erinnerte sich ungern an den Moment. Es war ihr unangenehm, dass er sie offen mit seinen Empfindungen konfrontiert hatte.

»Ich will mich entschuldigen«, erklärte Fionn jetzt und sank vor ihr auf die Knie. Er griff in eine der Jackentaschen und zog die Hand behutsam wieder heraus. Er hielt eine blutrote Blüte aus dem herrschaftlichen Garten zwischen seinen Fingern und streckte sie ihr hin. »Ich habe mich gestern indiskret verhalten und eine Grenze überschritten. Ich hoffe, du verzeihst mir diesen Fauxpas.«

Sie nahm ihm die Blume aus der Hand. »Dafür musst du dich nicht entschuldigen«, murmelte sie.

»Doch, Ariana. Ich war voreilig. Mein Geständnis hat dich überrumpelt. Auch jetzt sehe ich deutlich, wie deine Augen über einen Fluchtweg nachsinnen.«

»Du hast mich nicht überrumpelt.« Ihre Wangen glühten. War sie so leicht zu durchschauen?

Er schwieg, sodass sie sich genötigt sah, etwas hinzuzufügen.

»Ich danke dir für die Blume«, sagte sie. Sie hob die zarte Knospe an die Nase und atmete den schweren Duft ein.

»Ich freue mich, dass sie dir gefällt. Es war nicht einfach, eine solche Schönheit zu finden. Die meisten hatten ihre Blüte bereits hinter sich oder waren merkwürdig geformt. Doch diese …« Er lächelte zärtlich. »Sie ist perfekt.«

Das Glühen in ihren Wangen wuchs zu einem Flächenbrand heran. Sie mied seinen Blick. »Dann danke ich dir umso mehr für deine Mühe.«

Fionn schob sich ein Stückchen näher. Sein Knie berührte ihr Bein und seine Hand ruhte zwei oder drei Fingerbreit von ihrer eigenen entfernt auf der Sessellehne.

»Ich habe mit dem König gesprochen«, erklärte er. »Ich konnte mich mit ihm auf einen Termin für unsere Vermählung einigen.«

Ariana schluckte. Ihre Finger drehten die Blüte hin und her. Sie war nicht sicher, warum es sie störte, dass er mit ihrem Vater eine solch wichtige Unterredung geführt hatte. Ihre Seele schrie angesichts der Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, auf. Sie hatten sie nicht gefragt. Sie war die adlige Braut. Sie würde gefällig sein und wie schmückendes Beiwerk an seiner Seite stehen.

Ihre Finger krümmten sich, da sie die Hand vor Empörung am liebsten zur Faust geballt hätte. Sie wollte aufspringen und wegrennen. Aber der Prinz saß zu dicht bei ihr. Außerdem wäre es enorm unhöflich, schalt sie sich innerlich. Sie war die Prinzessin. Solche Unterhaltungen sollten ein Leichtes für sie sein. Erst recht derartige Gespräche mit Fionn von Farnàl, den sie ihr ganzes Leben lang kannte. Langsam entspannten sich ihre Hände wieder und sie legte die Blüte in einer fließenden Bewegung auf den Tisch.

»Was hat er gesagt?«, fragte sie.

»Er war mit meinem Vorschlag einverstanden. Wir heiraten beim nächsten vollen Mond – vorausgesetzt, du hast keine Einwände.«

Er lächelte, aber die Sorge und Angst, die Unsicherheit und der Zweifel waren deutlich in seinem Blick zu lesen. Sie erwiderte das Lächeln. Er war ihr Freund, ihr Vertrauter – ihr Verlobter. An ihrer Verbindung war nichts zu beanstanden.

»Das klingt wunderbar«, entgegnete sie.

Fionn griff sofort nach ihrer Hand und barg sie zwischen seinen. Die dunkelblauen Augen des Prinzen strahlten vor Freude über ihre Zustimmung. Sie waren einander seit einer halben Ewigkeit vertraut, aber kannten sie sich innig? In all den Jahren hatten sie massenhaft Zeit miteinander verbracht. Trotzdem bemerkte sie hin und wieder, wie er sie mit einem eigentümlichen Ausdruck ansah. Sie wusste diese Miene oft nicht zu deuten. Jetzt schaute er sie exakt auf ebendiese Weise an. Er senkte den Blick auf ihre Lippen.

»Ich habe mich schon etliche Male gefragt«, sagte er zaudernd. Sein Daumen strich ihr langsam über den Handrücken. »Ich fragte mich, ob du es wohl gestatten würdest.« Er verstummte. Arianas Herz klopfte heftiger. Sie räusperte sich. »Was meinst du?«, erwiderte sie.

Fionn hob sein Gesicht wieder und schaute ihr direkt in die Augen. »Sag, Prinzessin, dürfte ich dich küssen – einmal?«

Eine Gänsehaut glitt ihr über die Arme. Sie holte schwer Atem und sank tiefer in den Sessel. »Was?«, piepste sie.

Sie waren verlobt. Bald lernten sie sich deutlich näher kennen, hämmerte es ihr zeitgleich durch die Gedanken. Mann. Frau. Eine Einheit. War dieser Moment unter den Umständen nicht unvermeidlich?

Fionn beugte sich nach vorne, eine Falte entstand zwischen seinen Augenbrauen. »Ich glaube, ein Kuss könnte dir weiterhelfen«, erklärte er mit gesenkter Stimme.

»Wie?«, entgegnete sie atemlos und wich ein Stück zurück, bis sie im Sesselpolster der Rückenlehne einsank. Sie war drauf und dran, ihren Freund und Verlobten von sich zu stoßen – wollte sie das?

»Du würdest erkennen, dass du mich ebenso ins Herz geschlossen hast wie ich dich«, sagte er. Die Worte säten Zweifel in ihrem Herzen. Hatte er recht? Vergab sie die Chance der Gewissheit? War es möglich, einen Menschen zu lieben – und sei es ausschließlich mit dem Körper? Sie schluckte. Schweiß brach ihr auf der Haut aus. So kam sich das Kaninchen im Angesicht der Schlange vor: ohnmächtig vor Hilflosigkeit.

Entschlossenheit blitzte in des Prinzen Augen auf. Ehe Ariana ein weiteres Wort über die Zunge brachte, überwand er die kurze Distanz zwischen ihnen.

Heißer Atem traf auf ihr Gesicht, ehe sein Mund auf ihrem lag. Sie keuchte unter der intimen Berührung. Der Kuss war, wie sie ihren Freund bisher kannte: sanftmütig und voll der Vorsicht. Doch dabei blieb es nicht. Fionn verstärkte den Druck seiner Lippen auf ihren. Er glitt über sie hinweg, teilte sie schier beiläufig, wieder und wieder.

Ein unerwarteter Ansturm der Emotionen flutete ihr Innerstes. Der Impuls, ihn von sich zu stoßen, ließ sie die Hände im Schoß ballen. Wie sollte sie ihm je in die Augen sehen oder ein Wort mit ihm wechseln können? Gleichzeitig verleitete die Unerfahrenheit und die damit einhergehende Neugierde sie zum Entgegenkommen. Ariana war hin- und hergerissen zwischen der Fassungslosigkeit und den neuartigen Gefühlen in ihrem Inneren. Sein Kuss verursachte ein Kribbeln auf ihrer Haut. Instinktiv folgte sie dem Beispiel, das der Prinz ihr vorgab. Sie bewegte ihre Lippen ebenso wie er.

Fionn stieß einen rauen Laut aus. Er keuchte – und fuhr abrupt zurück. Seine Brust hob und senkte sich in rascher Folge. Das tiefe Blau seiner Augen schien ihr im Vergleich zu vorher undurchdringlicher. Auf den Wangen ihres Freundes zeichneten sich rote Flecken ab.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie ihn. Ihr Tonfall zitterte und sie hörte die eigene Heiserkeit heraus. Auf ihren Lippen schmeckte sie die Feuchte, die er hinterlassen hatte. Der Nachhall der Berührung polterte in ihrem Herzen. Ob es ihm ebenso erging wie ihr?

»Das sollte ich eher dich fragen, Prinzessin«, sagte er. In seiner Stimme vernahm sie die gleiche Rauheit wie bei sich selbst. »Hat es dir gefallen?«

Sie senkte den Blick auf ihre Finger. Was konnte sie ihm antworten?

»Es war neu für mich.«

Er löste seine Hände von ihren. »So?«

Das ohnehin zaghafte Lächeln geriet ins Wanken. Ariana beschlich das Gefühl, dass sie nicht den Erwartungen entsprach, dass ihre Worte nicht das enthielten, was er sich erhofft hatte.

Schnell sprach sie weiter. »Es war eine interessante Erfahrung.«

»Interessant?« Er lächelte flüchtig. »Willst du es wiederholen?«, fragte er.

Ariana stand auf und schob sich an ihm vorbei. »Nein«, sagte sie überstürzt. »Ich meine … besser nicht. Es ist … Ich habe nie … Ich bin verwirrt.«

Einen Moment lang hing da wieder dieses schwere, dicke Schweigen zwischen ihnen in der Luft und bildete eine störrische Mauer. Fionn erhob sich ebenfalls.

»Verstehe«, meinte er brüsk und mied ihren Blick. »Vermutlich sollte ich jetzt besser gehen. Teile deinem Vater mit, dass die Hochzeit wie geplant stattfinden kann.«

»Natürlich. Ich räume nur die Bücher ins Regal.«

Ihr entging nicht, wie er sich umsah. Hier herrschte schon Ordnung. Es war ausnahmslos dieses eine Buch, das nicht bei den anderen stand. Er sagte nichts, sondern wandte sich von ihr ab und ließ sie in der Bibliothek zurück.

Sie atmete tief ein und aus, um ihren Herzschlag zu beruhigen. Mit der Fingerspitze fuhr sie sich über die Lippe. Ob sich jeder Kuss gleich anfühlte? Dies war der Debütkuss in ihrem adligen Leben gewesen. Obwohl sie respektabel aussah mit den weißblonden Locken, indigofarbenen Augen, ihrer ranken Gestalt und den zarten Gesichtszügen, hatte bislang kein Junge es gewagt, die Prinzessin je auf die Art anzusehen. War es da nicht angemessen, dass sie den ersten Kuss von ihrem zukünftigen Ehemann erhielt?

Er hatte gemeint, dass es ihr helfen würde, über ihre Gefühle Klarheit zu gewinnen. Ariana stellte fest, dass sie sich ihrer Empfindungen gegenüber dem Prinzen absolut nicht sicher war. Liebte sie ihn?

Sie beobachtete durch das Fenster bei ihrem Sessel, wie er sich mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern von der Bibliothek entfernte. Sie starrte so lange hinaus, bis er hinter einer Ecke verschwunden war.

Da fiel ihr der Schwindelanfall ein. Hätte sie ihm davon erzählen sollen?

»Ach was«, murmelte sie und wandte sich ab. Sie griff nach dem nachlässig hingelegten Buch. Kurz zögerte sie. Ihre Finger strichen zärtlich über den abgegriffenen Einband. Ihre Gefühle waren in hellem Aufruhr. Sie war verwirrt und wusste kaum mehr, wie sie zu Fionn stand. Am liebsten wäre sie dem Ganzen entflohen. Hätte sich einfach in Luft aufgelöst, damit niemand sie wiederfand. Einfach nur, um Zeit zu gewinnen.

Einer plötzlichen Sehnsucht folgend, schlug sie das Buch auf. Sofort fand sie die Stelle wieder, an der sie unterbrochen worden war. In ihrem Kopf formte sich die vertraute Welt der Geschichte. Sie sah den Wald, hörte das Plätschern des Bachlaufs, das Zwitschern der Vögel – und erschrak.

Was sie eingangs für Bilder in ihrem Kopf gehalten hatte, verwandelte sich zunehmend in ihre reale Wirklichkeit. Erst war es eine verschwommene Bewegung in ihrem Augenwinkel, die sie wahrnahm. Sie hob den Kopf, um zu sehen, was es war. Bereits beim Heben des Kopfes und Lösen ihres Bewusstseins von den Zeilen der Geschichte rollte das drohende Wogen in ihren Adern heran. Vor ihren Augen verschwanden die Regale der Bibliothek, eines nach dem anderen. Sie lösten sich einfach in Luft auf. Hohe Bäume erschienen wie aus dem Nichts und wiegten sich in einer Brise. Der Bach umströmte murmelnd Arianas Füße. Die Kälte des Wassers kroch ihr durch die Röcke und die Knöchel hinauf. Es bildete sich Gänsehaut auf ihren Beinen. Ariana achtete kaum darauf. Was passierte hier? Sie klammerte sich an das Buch in ihren Händen und ließ ihren Blick fassungslos umherschweifen.

Der lichtspendende Kristall schimmerte weiterhin auf dem Tisch, der deplatziert inmitten des Waldes stand. Noch während sie ihn anstarrte, verschwamm er vor ihren Augen. Seine Umrisse verblassten, bevor sich das Möbelstück ebenfalls in Luft auflöste. Ein Schrei bildete sich in ihrer Brust, doch ihre Kehle war wie blockiert. Kein Ton kam hinaus.

Ariana stolperte. Alles drehte sich um sie herum. Ihr Magen revoltierte im Angesicht dieser eklatanten Veränderung ihrer Umgebung. Sie verlor das Gleichgewicht. Hilfe suchend griffen ihre Hände nach Gegenständen. Der Taumel hörte nicht auf. Nach Luft japsend schloss sie die Augen. Sie kämpfte gegen den Aufruhr in ihren Eingeweiden an. Der Schwindel zog und zerrte an ihr, sodass sie sich krümmte. Ihr versagten die Beine und sie fiel endgültig.

Erst eine lange Zeit später kam sie wieder zu sich. Flatterhaft hob sie die Lider und blinzelte in das grelle Licht der Sonnenstrahlen, die durch das rauschende Blätterdach auf ihr Gesicht trafen. Ein flaues Gefühl setzte sich in ihrem Magen fest. Langsam erhob sie sich, stützte sich auf die Ellenbogen, ehe sie sich vollends in eine sitzende Position brachte. Sie guckte auf die Bäume um sich herum. Nieselregen benetzte sie trotz des Sonnenscheins. Sie entdeckte einen gelben Vogel, der ungefähr fünf Ellenlängen von ihr entfernt über die feuchte Wiese hüpfte und sie aufmerksam musterte.

Wo war sie?

Ariana zwang sich, tief einzuatmen. Die Luft strömte taufrisch in ihre Lungen. Der milde Wind rauschte durch das Blätterdach über ihrem Kopf. Träumte sie? Schlief sie in ihrem samtblauen Ohrenbackensessel? Kurzerhand zwickte sie sich kräftig in den Arm. Der Atem entwich ihr mit einem zischenden Schmerzenslaut. Sie kniff die Augenlider zusammen. Dann öffnete sie sie langsam wieder, als erwartete sie einen Schlag ins Gesicht.

Der Wald blieb vor ihren Augen bestehen.

Das Buch in ihrer Hand war der einzige vertraute Gegenstand, der ihr geblieben war. Sie stierte es einen Moment lang irritiert an. Es war erneut ein Gefühl, ein inneres Drängen, dem sie folgte, als sie es aufschlug.

Schockiert starrte sie auf die Buchseiten. Ihre Finger blätterten mit zunehmender Hast hindurch, von vorne nach hinten, umgekehrt und grimmig durcheinander. Ihre Bewegungen wurden fahriger, zittriger. Das Rascheln der Seiten übertönte bald das Blätterrauschen über ihrem Kopf.

Nichts änderte sich.

Die Buchseiten waren leer.

Ariana starrte das Buch an – ihr Lieblingsbuch. Ihr Blick richtete sich auf die Bäume und den Bach, als wüssten sie eine Antwort auf dieses Mysterium.

»Das ist nicht normal«, flüsterte sie.

Sie musste in Erfahrung bringen, was passiert war und einen Weg nach Hause finden. Sie hatte sich eine Fluchtmöglichkeit gewünscht, aber wer hätte ahnen können, dass ihr Wunsch prompt in Erfüllung ging? Vielleicht halluzinierte sie, versuchte Ariana sich zu beruhigen. Ihr Herz klopfte vor Aufregung einen hektischen Takt in ihrer Brust. Sie dachte nach. Zumindest probierte sie es.

Der Regen durchnässte ihre Kleidung. Das Tageslicht ließ zügig nach. Bald dämmerte es und die Nacht zog herauf. Was war, wenn dies allen Ernstes die Geschichte aus dem Buch war?

»Blödsinn«, murrte sie. »Das ist nicht möglich. Mach dich nicht lächerlich.«

Wahrscheinlich hatte sie ihre Nase zu oft zwischen die Seiten gesteckt, grübelte sie zynisch. Sie strich sich durch das Haar und setzte sich in Bewegung. Gleichgültig, was ihr zugestoßen war: Es war unklug, an diesem Ort zu bleiben. Sie riskierte, sich zu erkälten, wenn sie im Nieselregen ausharrte. Sie brauchte einen Unterschlupf.

Wenn dies die Erzählung aus ihrem Buch war, war es besser, nicht den Wesen zu begegnen, die hier ihr Unwesen trieben. Die Trolle, Zwerge, Hexen und Gestaltwandler. Sie alle teilten sich die Welt mit dem zweigeteilten Volk der Elfen. Ein tröstender Gedanke kam ihr in den Sinn: Wenn sie tatsächlich durch eine Laune der Natur in der Geschichte gefangen war, würde bald der Held auftauchen, um die Welt zu retten.

Der Wald um Ariana herum rührte sich nicht.

Sie zuckte die Schultern und stopfte sich ihr Buch in die Rocktasche. Dabei fiel ihr Blick auf das Gras zu ihren Füßen.

»Was ist denn das?« Sie bückte sich zu dem roten Bindfaden hinab, der sich deutlich vom tiefgrünen Gras abhob. Er schimmerte kräftig und war lang wie ihr Zeigefinger. Irritiert betrachtete sie ihn. Der Zwirn stammte nicht von ihrem Kleid. Zwischen lachsrosa und blutrot lag ein himmelweiter Unterschied. Was war das für ein Faden? Hatte ihn jemand verloren? Vielleicht der Held der Geschichte? Bei dem Gedanken schnaubte sie.

Ein Impuls verleitete sie, den Bindfaden in die Seiten ihres Buches zu klemmen. Ein Insekt schwebte über den Bach hinweg und folgte seinem Lauf. Ariana machte es dem Tier gleich. Wo Wasser war, da waren andere Menschen oft nicht weit.

Im Wald herrschte trübes Dämmerlicht. Die Schatten dehnten sich in die Länge, der Regen hörte auf und der Bach wuchs zu einem rauschenden Fluss an, der sich kraftvoll durch sein Bett wühlte. Das Nass sprudelte, gluckerte und plätscherte in einem fort. Es war das einzige Geräusch in ihrer näheren Umgebung. Das Krabbeltier war weggeflogen, dafür erhob sich eine Vielzahl anderer Insekten aus dem feuchten Ufer. Sie gab es bald auf, die lästigen Winzlinge abzuwehren.

Sie war müde. Ihre Füße schmerzten, weil sie es nicht gewohnt war, lange Strecken zu Fuß zurückzulegen, und die Dunkelheit brach unerwartet schnell über sie herein. Zu Hause fielen Tageszeitenwechsel kaum auf. Kristalle spendeten Tag und Nacht Licht. Hier gab es jedoch keine leuchtenden Gesteine. Ariana seufzte. Wo sollte sie schlafen? Was konnte sie essen? Und wie sollte sie je wieder den Weg nach Hause finden?

Der Gedanke drückte ihr schwer auf die Brust und sie blieb stehen, um zitternd Luft zu holen. Warum begegnete ihr niemand? Wo waren die Anzeichen einer Zivilisation? Wo endete der Wald? Arianas Blicke huschten von Baum zu Baum.

»Das ergibt keinen Sinn!«, flüsterte sie. Was war ihr zugestoßen? Warum verschwanden alle Buchstaben im Buch? Was bedeutete der rote Faden, den sie aufgehoben hatte?

Ariana presste die Lippen aufeinander. Es war nicht hilfreich, in dieser Lage den Kopf zu verlieren. Sie fände niemals nach Hause und in ihre Welt. Aber was war, meldete sich eine boshafte Stimme in ihr zu Wort, wenn es keinen Weg zurückgab? Was unternahm sie dann?

Die Bodenbeschaffenheit veränderte sich. Ihre Füße sanken im zarten Moos ein. Sie verursachten schmatzende Geräusche bei jedem Schritt, bis ihre Fußsohlen in der weichen Erde ausrutschten. Ariana ruderte mit den Armen hektisch durch die Luft. Der Fall war unaufhaltsam. Ein Schreckensruf entfloh ihren Lippen. Ein Platschen ertönte. Nässe breitete sich auf ihrem Bauch aus. Spritzer landeten auf ihren Hals bis zum Kinn und den Wangen hinauf. Sie lag mitten in einer Pfütze. Auf ihrem Gesicht wechselten sich Hitze und Kälte ab. Fluchen gehörte sich nicht für eine Königstochter aus Tarnàl, dennoch entfuhr ihr einer. Eine Prinzessin lag allerdings auch nicht in einer abscheulichen Lache voller Dreck.

Wütend rappelte sie sich auf. Das war nicht fair. Frustration, Angst und Trostlosigkeit trieben ihr die Tränen in die Augen.

»Hör auf!«, knurrte sie und presste sich die Hände auf die Augen. »Das ist bloß ein bisschen Dreck. Der lässt sich abwaschen.« Bei dem Gedanken stiegen erneut Tränen in ihr hoch. »Verdammt!«

Sie hob das Gesicht zum Himmel, an dem sich die dünner werdenden Wolken mit dem Dunkelblau der Nacht vereinten. Der Fluss war inzwischen leiser. Irgendwo im Unterholz raschelte es, sodass Ariana zusammenschrak. Zügig setzte sie ihren Weg fort. Sie folgte dem Wasserlauf eine weitere Biegung entlang und blieb an seinem Ende neben einem hohen, breitstämmigen Baum stehen.

Vor ihr lag die nachtschwarze Fläche eines Sees, spiegelglatt und ohne Bäume weit und breit, außer jenen hinter ihr. In der Ferne hoben sich zerklüftete Felsen vom Horizont ab.

Hier konnte sie sich nicht hinlegen, um auszuruhen. Sie brauchte einen sicheren Platz. Aus ihren Büchern wusste sie, dass Tiere derartige Wasserstellen aufsuchten, um zu trinken.

Ariana warf einen Blick auf die Natur um sie herum. Sie sah keine Höhle, die Schutz versprach. Nur der dicke Baum, neben dem sie stand, wies ein paar niedrige Äste auf. Sie zögerte nicht länger, packte einen Ast und kletterte hinauf. Im Kindesalter waren sie und Fionn ständig auf Bäume geklettert. Das letzte Mal lag Jahre zurück, sodass sie einige Körperlängen über dem Boden innehielt. Sie wollte nicht hinunterfallen. Besser, sie erklomm den Baum nicht zu weit nach oben und machte es sich auf einem dicken Ast bequem. Die raue Rinde kratzte ihr in den Handflächen. Bald rutschte sie auf der Suche nach einer gemütlicheren Position unruhig hin und her. Dabei zerriss die Seide ihres Kleides an Schulter, Ellenbogen und Rücken. Ihr schmerzte jeder einzelne Körperteil. Doch die Erschöpfung war übermächtig. Sie verfiel rasch in einen tiefen Schlummer.

2. Nichts

Kieran verließ sein Zimmer mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend. Er hatte es eilig, sie warteten auf ihn. Deshalb hastete er schneller als gewohnt durch die Flure. Das Geräusch seiner Stiefel hallte von den dürftig beleuchteten Wänden wider. Auf dem Weg zum Rat flocht er sich rasch das hüftlange, schwarze Haar und strich sich die übrigen Strähnen hinter die spitzen Ohren. Ein kühler Luftzug fuhr ihm über die unbedeckten Arme, doch es kümmerte ihn nicht. Sein Umhang blähte sich und wehte hinter ihm her wie ein düsterer Schatten. Das weiche Leder der pechschwarzen Kleidung umgab seinen Körper wie eine zweite Haut.

Kieran schritt um die Ecke. Er stieß die schweren, massiven Türen auf. Sofort breitete sich Stille im Herrschaftssaal aus. Sie war angefüllt mit Anspannung und Erwartungen. Er atmete die Atmosphäre ein, sog sie in sich auf, ignorierte dabei die Blicke der Fürsten. Stattdessen marschierte er auf den Thron zu. Er kam sich wie ein Heuchler vor.

Er sah zwei Mindere, die mit gesenkten Köpfen entlang der Mauer standen. Es waren schwächliche Menschensklaven, dünn und mit löchriger Kleidung ausgestattet. In ihren Händen hielten sie entweder ein Tablett mit Bechern oder nichts anderes als die Last ihrer eigenen erbärmlichen Existenz. Kieran wandte den Blick von ihnen ab. Er wollte nicht auffallen, indem er sein Mitleid offen zur Schau stellte.

Sein Herrschaftssitz war schrecklich unbequem. Es war ein einziger, hölzerner Klotz aus massiver Eiche, der über all dem hier wachte. Uralt und unerbittlich. Kieran verlagerte sein Gewicht und verzog die Miene.

Nach einem Augenblick trat Bran vor, der oberste militärische Befehlshaber im Reich. Er war zugleich sein engster Vertrauter. Der Elfe beugte vor ihm das Knie. Ein breites Stirnband aus dunkelbraunem Leder hielt das schwarze Haar zurück, das typisch für ihre Rasse war. Die ebenso braunen Augen schauten besorgt. Kieran kannte den Blick.

»Herr«, sprach Bran. Seine Stimme klang tief und melodisch. »Das Land versumpft im Chaos.«

»Was soll das heißen?«, fragte Kieran. Seine Stimme hallte von den Wänden wider, füllte die Luft. Sie drang von Ohr zu Ohr. Der Befehlshaber räusperte sich.

»Das Nichts dehnt sich unvermindert aus. Es ist bereits an der Grenze zum Wald der Lichtgestalten. Mehrere Gebiete sind verloren, sagen sie.«

Ein Raunen glitt über die Anwesenden. Kieran hob die Hand. Er beugte sich vor und Stille breitete sich aus. »Was meinst du mit verloren?«

»Sie sind weg. Dort findet sich nichts als tiefste Schwärze. Die Leute munkeln, dort überlebt nichts. Nichts und niemand.«

Kieran lehnte sich zurück. Er ließ seinen Blick über die versammelte Menge gleiten. Sie alle kannten den Ernst der Lage. Schon vor dem Überschreiten der Grenze hatten sie ein wachsames Auge auf die heranrückende Finsternis gehabt. Seit sich das Nichts, jene düstere Schwärze, ungehindert über das Land ausbreitete, war jeder besorgt. Die Unruhe im Volk wuchs von Tag zu Tag.

Kieran war der Herrscher der Dunkelelfen. Er war es, dem es oblag, eine Lösung zu finden, um sie vor dem drohenden Tod zu bewahren. Sie alle setzten auf die Urteilskraft ihres Oberhauptes, sein Wissen und seine Erfahrung. Dadurch war der Schuldige schnell greifbar, sobald ihre Welt unterging.

»Stell einen Trupp zusammen«, erklärte er Bran, ehe er an alle gerichtet fortfuhr: »Ich will mit eigenen Augen sehen, wie es um die Länder steht und wie zerstörerisch das Nichts um sich greift. Alle anderen kümmern sich darum, unsere Leute aus den gefährdeten Gebieten herauszuholen.«

»Sehr wohl«, erwiderte Bran. Er verneigte sich ein letztes Mal, ehe er sich zurückzog, um den Befehl zu befolgen.

Ab da war Kieran unkonzentriert. Unruhe kroch ihm durch die Venen, pulsierte in seinem Inneren. Die Schwärze alarmierte ihn ebenso wie alle anderen. Wie sollte er sie aufhalten?

Sie verließen das unterirdische Höhlensystem, das sie seit Jahrtausenden bewohnten, und ritten nach Norden. Das bedrohliche Reich, diese Düsternis, die mit den finsteren Seelen der Dunkelelfen konkurrierte, hing über dem Land wie eine pechschwarze Wolke. Wie dichter, giftiger Nebel bedeckte es Bäume, Seen und alles, was in seine Nähe geriet. Dabei verströmte es eiskalte, trockene Luft, die jegliches Leben aus seinem Dunstkreis vertrieb. Das Nichts verschluckte jedes Licht. Kieran fröstelte. Denn die Schwärze breitete sich aus wie eine Krankheit. Sie war eine Seuche, die sich Tag für Tag den Grenzen des Elfenlandes näherte und es bedrohte.

»Kieran«, hörte er Bran neben sich. Er wandte den Blick ihm zu; weg von der düsteren Bedrohung vor ihnen. »Was sollen wir unternehmen?«

»Wir brauchen Antworten. Wie tödlich ist die Schwärze tatsächlich? Es kursieren zu viele Gerüchte. Alle spekulieren. Sie vermuten was, aber niemand weiß was Genaues. Das muss sich ändern.« Er zögerte. Der nachfolgende Befehl fiel ihm nicht leicht, aber er sah keinen alternativen Weg. Sie brauchten die Information dringender denn je. »Entsende eine Gruppe, nicht mehr als vier Männer. Sie sollen erforschen, wie gefährlich die Schwärze ist, wie nah wir ihr kommen dürfen, ohne Schaden davonzutragen.«

Bran nickte. Seine Schultern hingen herab. In den kastanienbraunen Augen spiegelte sich die Sorge, die alle umtrieb. Kieran wandte den Blick ab. Er war seit dem ersten Ausdehnen der Finsternis vor ein paar Wochen besorgt. Da bedurfte es nicht zusätzlich Brans Mienenspiel.

Nach einer Weile hörte er, wie sein Freund sich entfernte und die notwendigen Schritte einleitete. Der Trupp bestand aus drei hochgewachsenen Elfen und einer Menschensklavin mit rostroten Haaren, deren Hände mit einem Seil an ein Pferd gebunden waren. Es war klar, welche Aufgabe die Mindere zu erfüllen hätte. Kieran ignorierte die Kälte, die sein Rückgrat hinaufkroch. Stattdessen wendete er sein Tier und bellte Befehle. Er hatte etwas anderes zu erledigen.

Bran quittierte den Aufbruch des Königs mit einem spöttischen Blick. Er war der Einzige, der die Wahrheit kannte. Nur er wusste, wie unwohl sich der Herrscher im Umgang mit Minderen fühlte. Zugleich war ausschließlich ihm im Land bekannt, welche Art der Bindung sein Gebieter zur Elfe Fanrày hegte.

Sie gehörte wie Kieran zum Volk der Elfen. Dennoch gefährdete er seine und ihre Position im Reich, indem er sie aufsuchte. Der Kontakt zu ihr war riskant, obwohl sie einander seit Jahrhunderten kannten. Es grenzte an ein Wunder, dass ihre Verbindung im Verborgenen Bestand und Bedeutung hatte. Weder Dunkelelfen noch Hochelfen hätten geduldet, dass sich die Rassen vermischten. Allein eine derartige Vermutung barg das Risiko, das Kieran mindestens den Thron und Fanrày das Leben verloren.

Er traf sie, sobald sich eine Möglichkeit bot. Keiner von ihnen brachte bei derlei Gelegenheit das Wort Liebe über die Lippen. Sie respektierten und achteten einander. Ein-, zweimal lag Kieran ein solches Geständnis trotzdem auf der Zunge. Dann aber lachte Fanrày und wandte sich ab. Sie verstanden sich, ohne diese lächerliche Äußerung in den Mund zu nehmen.

Jetzt trieb ihn die Sorge um sie an. Sie lebte in einer Hütte tief im Wald verborgen. Die Entfernung hinderte ihn nicht, sie aufzusuchen. Da er der König der Dunkelelfen war, stellte kaum einer eine Frage. Die Gerüchte, die sich um seine Herrschaft rankten, eilten ihm voraus und ließen ihn die meiste Zeit unbehelligt davonkommen.

Er schob einen Ast beiseite und stieg vom Pferd. Das Tier kannte den Ablauf. Sie waren oft gemeinsam an dieser Stelle des Waldes gewesen, sodass es den Kopf bereitwillig senkte und an den zarten Gräsern zupfte. Kieran hastete weiter, sprang über den unförmigen Felsen, der zwischen den Bäumen aufragte, hüpfte leichtfüßig über einen schmalen Bach hinweg und erreichte die alte Hütte.

Sie war heruntergekommen, sah auf den ersten Blick gänzlich verlassen aus. Ein verlorener Platz inmitten des Waldes. Anfangs hatte sie ihn wie alle anderen mit der Illusion getäuscht. Das gelang ihr schon lange nicht mehr bei ihm.

Entschlossen stieß er die Tür auf.

»Na, sieh einer an, wer da hereinkommt«, spottete sie. Ihre moosgrünen Augen strahlten vor Freude, als sie nähertrat, um ihn zu begrüßen.

Kierans Mundwinkel hoben sich zu einem breiten Grinsen.

»Gib es zu, Fan, diesmal hast du mich vermisst.«

»Einen Dunkelelfen wie dich? Pah!«, entgegnete sie und grinste ebenso.

Er umschloss ihre schlanke Taille und zog sie dicht zu sich heran.

Fanrày gehörte keiner Rasse der Elfen eindeutig an. Da sie seit jeher eine Waise war, die zur Hälfte das Blut von Hochelfen und Dunkelelfen in sich vereinte, war ihr Aussehen eine wilde Mischung aus dunkler Haut, grünen Augen und schwarzen Haaren. Sie war von hoher Statur und überragte Kieran und viele andere des Volkes. Da, wo Dunkelelfen Hohn, Boshaftigkeit und mutwillige Zerstörung kannten, schätzte Fanrày den Frieden des Waldes. Ihrem Spott fehlte manche Spitze und ihr Humor wirkte oft unangemessen. Ihre Abstammung sorgte für Reibereien zwischen den beiden Stämmen: Niemand vertraute ihr. Das war der Grund, warum sie derart zurückgezogen tief im Wald lebte.

Die Hochelfen hielten sie für verlogen und hinterhältig, ein falsches Wesen unter ihnen. Die Dunkelelfen verhöhnten ihre Sanftmütigkeit. Denn als eine Tochter des Waldes lag ihr das Lügen nicht. Die Wahrheit stand in ihrem Gesicht geschrieben, ob sie es beabsichtigte oder nicht.

Jetzt lächelte sie. Sie hob eine schwarze Augenbraue. »Was ist, mein kleiner Elfenkönig, willst du mich nur ansehen oder bekomme ich auch einen K–«

Kieran ließ sich nicht zweimal bitten. Er umfasste kurzerhand ihren Nacken, zog sie zu sich heran und küsste sie. Gefühle schwappten über sein finsteres Herz. Ihre Küsse waren zart wie Schmetterlinge, ein Hauch des Windes, der durch den Wald strich, warm und weich. Sie passten nicht so recht zu ihrem übrigen Erscheinungsbild. Die Hochelfe in ihr streckte ihre Magie nach ihm aus. Zarte Blumenknospen wuchsen auf seinem Hemd und eine Ranke breitete sich auf dem Arm aus. Er störte sich nicht daran. Ihm gefiel es, wenn Fanràys Gefühle offen zur Schau standen. Er fragte sich flüchtig, was ihn an Fanrày anzog, als ihm etwas auffiel. Er grinste an ihren Lippen und löste den Kontakt. Sie sah ihn mit geröteten Wangen an.

»Was ist?«, erkundigte sie sich.

Kieran registrierte mit einer ordentlichen Portion Selbstgefälligkeit den heiseren Unterton in ihrer Stimme. »Willst du mich gleich hierbehalten, Fan?«, entgegnete er trocken und hob eine Augenbraue.

Als Fanrày dem Blick zu ihren Füßen folgte, stolperte sie erschrocken ein paar Schritte zurück. Sie schlug sich die Hand vor den Mund. »Oje«, rief sie aus.

Kieran prustete los. Seine Füße steckten in einem dicken Wurzelgeflecht. Erde hüllte ihn bis zu den Knöcheln ein. Er lachte herzhaft, wodurch er kurz wankte, ehe er das Gleichgewicht verlor und rückwärts zu Boden fiel. Dort hielt er sich den Bauch. Ihm rannen Tränen über die Wangen. Tief im Inneren war es ihm bewusst, dass sich ein Dunkelelf niemals derart gehen ließ. Das heitere Gelächter war für ihn ungewohnt. Fanrày war die einzige Person, bei der es ihm gelang, die harte Schale seiner Abstammung mühelos abzustreifen. Das, was darunter für alle anderen verborgen lag, erstaunte ihn oft genug selbst.

Dunkelelfen lachten auf eine unschöne, eher groteske Art, die ihre Gesichter verzerrte. Ihre Art des Humors verseuchte die Umwelt wie spitze Giftpfeile. Es ängstigte die menschlichen Sklaven, ließ sie jammern und zittern. Das Lachen, das Kieran in diesem Augenblick über die Lippen kam, glich mehr dem leichtherzigen Klang einer Hochelfe. Gegenüber jeden anderen hätte er sich beschämt abgewandt – bei Fanrày nicht.

»Das ist nicht lustig! Wie konnte das geschehen?!«, jammerte sie aufgebracht. Zugleich bewegte sie ihre Hände in einer fließenden Bewegung über die Erde und Wurzeln, woraufhin sie sich langsam ins Erdreich zurückzogen.

Er sah zu ihr hinauf, die Arme locker auf den Knien liegend. Sie stand mit in den Hüften gestemmten Händen vor ihm und starrte ihn verwirrt an.

»Das war das erste Mal, dass die Magie mit mir durchgegangen ist«, meinte sie. Kieran erhob sich.

»Du weißt ja, es gibt für alles ein erstes Mal, Fan.«

»Aber nicht so!«, brummte sie.

Grinsend zog er sie zurück in seine Arme. »Meine liebe Fan, offenbar kennst du die Macht deiner Magie nach all den Jahrhunderten immer noch nicht.«

»Hmpf«, schnaubte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Einen Augenblick schwiegen sie beide. Dann sah sie ihn an. »Warum bist du wirklich hier, Kieran?«, fragte sie.

»Ich wollte sehen, wie es dir ergeht.«

»Ist es wegen dem, was im Norden vor sich geht?«

Er nickte.

»Ich habe gesehen, wie es sich ausbreitet«, erklärte sie. »Nachts, zur dunkelsten Stunde, bevor die Sonne aufgeht, breiten sich die Schatten aus und bis zum nächsten Tag hat es mehr verschlungen.«

Kieran stellten sich die Härchen in seinem Nacken auf. Es wuchs wie eine lebende Pflanze, ein Unkraut. Eine abnorme Monstrosität.

»Fan«, sagte er.

»Vergiss es!« Erstaunt über ihren aufgebrachten Tonfall, sah er sie an. »Ich werde nicht mit dir kommen.« Er fragte nicht, woher sie wusste, worauf er hinauswollte. Zu oft verfügte sie über Wissen, dessen Ursprung ein Rätsel für ihn war.

»Aber hier bist du in Gefahr«, sagte er stattdessen.

Sie schüttelte den Kopf und löste sich von ihm. »Du täuschst dich«, meinte sie.

»Willst du etwa im Nichts verschwinden – so, wie unzählige vor dir?«, stieß er hervor. Die Wut kochte schlagartig in seinen Adern. »Das ist Irrsinn, Fanrày.«

Wieder widersprach sie. »Der Wald schützt mich. Du scheinst zu vergessen, wer ich bin.« Ihr Mundwinkel hob sich. In ihren Augen las Kieran von verletzten Gefühlen. Sie kannten einander dermaßen, dass er fast vergaß, dass sie zum Teil eine naturverbundene Hochelfe war.

»Was ist, wenn der Wald ebenso im Nichts verschwindet? Wenn er sich einfach auflöst und nicht länger existiert? Wenn er und alles Leben darin stirbt? Was ist dann, Fan?«

Sie zögerte kurz, schaute zum Fenster hinaus auf das friedliche Grünbraun der Natur. »Dann gehöre ich umso mehr hierher«, entgegnete sie stur.

Kieran war ebenfalls ein Starrkopf. Er würde nicht zusehen, wie Fanrày ausgelöscht wurde.

»Komm mit zu den Höhlen«, forderte er. »Dort erwägen wir eine Lösung, wie sich der Wald retten lässt.«

Wieder schüttelte sie den Kopf. Langsam reizte ihn diese Bewegung.

»Das ist unmöglich«, erklärte sie.

»Warum? Das Nichts ist weit entfernt. Es breitet sich vielleicht aus, aber so schnell bestimmt nicht.«

»Ich habe es gesehen. Je größer es wird, umso rasanter verschlingt es das Land. Wir haben keine Zeit zum Streiten, Kieran.«

Er straffte die Schultern.

»Was schlägst du vor?«, fragte er hart. »Soll ich dich einfach zurücklassen?«

»Einen anderen Weg gibt es nicht. Die anderen Elfen würden mich niemals akzeptieren, das weißt du ebenso wie ich. Du bist der König, Kieran Maktùr. Du weißt, was hier auf dem Spiel steht.«

Kieran starrte sie an. Sie hatte recht: Er durfte sie unmöglich mitnehmen zu den unterirdischen Höhlen der Dunkelelfen. Das wäre ihr beider Untergang. Da konnte er sie gleichfalls hier zurücklassen und darauf warten, dass die Schwärze sie überkam. Er hatte die Möglichkeit, ihr weiter zuzureden, ihr anzubieten, mit ihr durchzubrennen und sich in den Wäldern zu verstecken. Aber was nützte es? Wenn er, der König, sich mit ihr vor den anderen Elfen verbarg, riskierte er, dass sie alle den Tod im Nichts fanden. Niemandem wäre damit geholfen.

Mit einem Fluch auf den Lippen starrte er die verrauchten Deckenbalken an, als wüssten sie die Lösung seiner Probleme. Wenn er fortging, stand das Risiko hoch, dass er sie für alle Zeiten verlor. Die Vorstellung ängstigte ihn. Sie machte ihn schier rasend vor Furcht und Wut. Es zerriss ihm das Herz in der Brust.

»Bleibt Zeit für ein Lebewohl?«, fragte er sie rau.

Fanrày sah ihn über die Schulter hinweg an, Trauer im Blick. »Es ist besser, du gehst jetzt … mein kleiner König.«

Ihre Worte verletzten ihn, verstärkten seinen Zorn. Er verstand sie nicht. Es war irrsinnig, dass sie freiwillig in dieser baufälligen Hütte ausharrte. Es war absurd, dass sie den Wald einer Zukunft mit ihm vorzog.

Abrupt wandte er sich der Tür zu. Ehe er hinaustrat in das nachlassende Licht des Tages, drehte er sich zu ihr um. »Ob du es willst oder nicht, Fan: Ich finde einen Weg, die Finsternis am Horizont zu stoppen – und wenn es das Letzte ist, das ich für dich tue.«

Er wartete nicht auf ihre Reaktion, sondern schlug die Tür hinter sich zu. Das Gras und die Blätter raschelten im Luftzug. Alles war unverändert: Die Sonnenstrahlen wärmten seine Arme, der Wind strich sanft über die Haut. Dennoch war es anders.

Er stieg auf sein Pferd. Bevor er ihm die Fersen in die Flanken stieß, sah er zurück zur Hütte. Nichts rührte sich. Das Häuschen erschien weiterhin verlassen. Kopfschüttelnd trieb Kieran das Tier an.

Obwohl die Nacht heraufzog, hatte er es nicht mehr eilig. Sein Herz verharrte im Wald und bei Fanrày. Wenngleich die Vernunft ihn heimwärts drängte, hing er den Gedanken nach. Ihm stockte der Atem, so scharf traf ihn der Schmerz ihrer Logik. Seine Verbindung zu ihr war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Niemand billigte eine derartig unreine Beziehung. Er riskierte seine Stellung als König. Sie gefährdete ihr Leben. Das war ihnen beiden von Anfang an klar gewesen. Trotzdem bereitete ihm die Trennung körperlichen Kummer. Dessen ungeachtet zwang er sich zum Abschied, denn es war ihre Entscheidung. Er hatte nicht die Befugnis, ihr das Recht abzusprechen, über ihre eigene Zukunft zu bestimmen.

Ein Geräusch drang an sein Ohr.

Er wandte den Kopf in die Richtung. Hoffnung flammte für einen Moment in seinem Inneren auf, ehe er sich einen gefühlsduseligen Narren schimpfte. Er zügelte das Pferd und drehte sich im Sattel, um zurückzublicken.

Im Geäst raschelte es.

Nach einem Augenblick setzte er den Weg fort. Vor Einbruch der Nacht würde er es nicht zu den Höhlen schaffen. Derartige Verhältnisse waren ihm nicht unbekannt. Er kannte den See der Träume. Dorthin zog es ihn, um ein Lager zu errichten. Das war in der Vergangenheit mehr als ein Mal erforderlich gewesen.

Am See angekommen saß er ab. Er sah kurz auf die zackigen Umrisse des Gebirgszuges in der Ferne und die schwarzschimmernde Oberfläche, die wie ein Spiegelbild der bedrohlichen Schwärze aussah. Wieder vernahm er ein Geräusch. Die Stirn runzelnd drehte er sich um. Nahezu undurchdringliche Schatten lauerten zwischen den Bäumen. Vorsichtig tastete Kieran nach dem Dolch an seinem Gürtel. Erneut senkte sich Stille über den Wald.

Er hörte ein leises Seufzen, das eher einem qualvollen Ausatmen glich. Ihm fielen herabfallende Blätter von einem Baum auf. Langsam schlich er mit erhobener Waffe näher heran. Über ihm wimmerte jemand oder etwas. Dünne Zweige knackten. Weiteres Laub segelte herab. In dem Moment krachte es. Unter Getöse rasselte das Wesen durch die nachgebenden Äste. Kieran wich zwei Schritte zurück. Er zuckte zusammen, als ein spitzer Schrei der Überraschung durch den Wald hallte.

Die ausladende Bekleidung milderte den Aufprall des Geschöpfes, das vor Schmerz stöhnte. Es war offenkundig keine Elfe, die er vor sich hatte. Eine Elfe hätte niemals ein derartiges Theater veranstaltet. Elfen zeichneten sich durch ihr körperliches Geschick aus. Sie wären weitaus unauffälliger. Ein Troll schien es ebenso wenig zu sein. Solche nächtigten in feuchten Höhlen und an unwirtlichen Orten. Außerdem waren sie nicht zierlich, geschweige denn in Kleider gehüllt. Zwangsläufig glitt sein Blick über die unverkennbar weiblichen Kurven, die sich unter den zahlreichen Lagen Stoff abzeichneten.

Gelassen steckte er den Dolch zurück in die Hülle an seinem Gürtel, verschränkte die Arme und lehnte sich an einen Baum. »Wer bist du?«, fragte er.

Die Frau fuhr zu ihm herum. Ihr Gesicht leuchtete beinahe silbern im diffusen Licht des Mondes. Ihre Augen schimmerten, der Mund stand ihr offen und ihr Kleid war rissig.

»Hast du deine Stimme verloren?«, fragte er sie schroff.

Sie schlug die Lider nieder, ehe sie sich erhob und die Kleidung abklopfte. Sie verzog das Gesicht vor Schmerz. Der Sturz hatte vermutlich wehgetan. Kieran half ihr nicht. Er umklammerte seine Arme und zwang sich zur Ruhe. Sie war eine Mindere. Ihr Kleid deutete darauf hin, dass sie entweder ausgestoßen oder weggelaufen war. Er tippte auf Letzteres.

3. Begegnung im Wald

»Wer bist du?«

Die tiefe, melodiöse Stimme ließ sie erschreckt zusammenfahren. Ariana rappelte sich hoch, ignorierte ihre schmerzenden und steifen Glieder und drehte sich zu dem Sprecher um. Ihre Hand strich beiläufig über den Rock, obwohl sie wusste, dass es nichts nutzte: Der Stoff war ruiniert.

Seine Gestalt war ein schwarzer Schatten, der an einem Baumstamm lehnte und die Arme verschränkt hielt.

»Hast du deine Stimme verloren?«, fragte er sie barsch.

Empört über den ruppigen Tonfall senkte sie den Blick. Sie klopfte den Dreck vom Kleid. Ihre Hüfte schmerzte, ihr Rücken ebenso und an ihre Schultern dachte sie am besten gar nicht erst.

»Ich bin Prinzessin Ariana«, sagte sie nach einem Augenblick.

»Prinzessin?«, hakte er nach und verlagerte sein Gewicht.

Sie nickte.

»Du lügst.«

Erstaunt sah sie ihn an. »Und warum sollte ich das tun?«

Er löste sich von dem Stamm und deutete auf ihre Gestalt. »Du bist ein Mensch.«

»Ja?«, wandte sie gedehnt ein. Langsam kam er näher. Er lief einmal um sie herum und taxierte sie von oben bis unten. Ariana unterdrückte den Drang, mehr Distanz zwischen sie zu bringen.

»Warum warst du auf dem Baum?«, fragte er und trat wieder vor sie.

»Ich versuchte zu schlafen.«

Er wies auf einen Riss in ihrem Ärmel. »Dein Kleid ist zerrissen.«

Sie runzelte die Stirn. Sie hätte den Schaden gerne näher betrachtet, doch es war mittlerweile zu dunkel. Der Kerl hatte scharfe Augen, bemerkte sie. »Vermutlich ist das nicht der einzige«, meinte sie. Jetzt, da er nähergekommen war, erkannte sie die Gesichtszüge besser.

Sein Mundwinkel zuckte. Die winzige Bewegung verlieh ihr mehr Mut und sie lächelte ihn an. Er behielt jedoch die Maske der Gleichgültigkeit. Ariana zwang sich zum Durchatmen. Dabei fiel ihr Blick auf seine Ohren. Kurz war sie irritiert. War es eine Täuschung aufgrund des nächtlichen Dunkels? Er legte den Kopf schief, wie um ihr die Sicht zu erleichtern. »Du hast sie ja wirklich!«, entfuhr es ihr prompt. Sie beugte sich ein Stückchen vor, um die spitz zulaufenden Sinnesorgane näher zu betrachten, aber der Fremde wich einen Schritt zurück.

In seiner Miene rangen Argwohn, Neugier und Missfallen miteinander. Schließlich verschränkte er erneut die Arme und straffte die Schultern.

»Hast du jetzt deine Stimme verloren?«, wagte sie sich mit einem kühnen Grinsen vor.

»Ich bin ein Dunkelelf, Mindere, und ich bin dir keinerlei Erklärung schuldig. Sobald der Tag anbricht, kommst du mit mir.«

»Aber … das geht nicht!«, widersprach sie ihm heftig. Der Kerl packte ihren Arm.

»Hör zu«, zischte er und neigte sich ihr zu. Mit schreckgeweiteten Augen sah sie zu ihm auf. »Ich weiß nicht, woher du stammst oder wer du glaubst zu sein. Ich weiß nur: Du bist ein Mensch. Du hast hier überhaupt nichts zu suchen. Also tust du, was ich dir befehle, verstanden?« Er schüttelte sie kurz und ließ ihr keine andere Wahl. Ariana nickte – und er ließ sie los.

Sie starrte ihn an. Die Art, wie er mit ihr sprach, verwirrte sie. Wie er das Wort Mensch aussprach, bereitete ihr Sorgen. Er hatte es ihr voller Verachtung entgegengeschleudert. Allerdings war da ein zusätzlicher Unterton verborgen gewesen. Ein Beiklang, der sie an seinen Worten zweifeln ließ. Gleichzeitig ängstigte es sie, dass der Unbekannte ihr nicht glaubte. Auf der anderen Seite gehörte sie ohnehin nicht in diese Welt. Die Welt, die Teil einer Erzählung sein musste, war ihr zu fremd. In ihrem Roman gab es keinen dahergelaufenen Kerl wie ihn.

In ihrem Buch existierte ein Held, jene Figur, die am Ende die Welt rettete. Eine Begegnung mit einem spitzohrigen Mann erwähnte die Geschichte kein bisschen.

Erneut sah sie zu ihm herüber.

Er entzündete ein Feuer, wodurch sie ihn besser erkannte. Seine Haut faszinierte sie. Daheim in Tarnàl waren alle blass, die Haut eines jeden war wie Perlmutt. Niemand war dort gebräunt. Außerdem hatte keiner braunes bis schwarzes Haar oder derartig gefärbte Augen. Dieser Unbekannte weckte ihr Interesse.

»Was starrst du mich so an? Nie einen Dunkelelfen von Nahem gesehen?«, knurrte er. Sie hörte ihn verächtlich schnauben. »Woher kommst du, dass du die Unterschiede nicht kennst, Mensch?«

»Nenn mich nicht so«, forderte sie. »Ich heiße Ariana.«

»Wie auch immer.«

Er stocherte mit einem Stock im Feuer. Funken stoben und flogen in die Nacht hinauf, ehe sie verglühten.

»Und nein, ich kenne keine … Dunkelelfen.«

Sein Blick hatte was Glühendes, Brennendes. Vielleicht lag es an der Reflexion der Flammen. Dennoch unterdrückte Ariana einen Schauer.

Durchdringend musterte er sie. »Und warum kennst du keine Dunkelelfen, Mensch?«

»Weil ich nicht von hier komme.«

Einen Moment grübelte er über ihre Antwort nach. »Woher stammst du dann?«

Sie drängte ein Gähnen der Erschöpfung zurück. »Aus Tarnàl«, antwortete sie wahrheitsgemäß.

»Tarnàl.« Misstrauen legte sich in seine Züge, die daraufhin härter und kantiger aussahen. »Solch einen Ort gibt es nicht.«

»Hier vielleicht nicht. Da, wo ich herkomme, schon.«

Ariana sah deutlich den Zweifel. Er hielt sie entweder für verrückt oder eine Lügnerin – vielleicht auch für beides, das war unübersehbar.

»Und was treibt dich hierher?«, forschte er weiter.

Sie senkte den Blick und sah in die Flammen. »Es war ein Unfall, schätze ich.« Wieder hüllte sein Schweigen sie ein, sodass sie sich gezwungen sah, mehr zu sagen. »Glaub nicht, ich wollte hierhin. Eigentlich wollte ich bloß lesen, um den Fragen meines Verlobten auszuweichen.«

»Lesen?« Seine Stimme troff vor Unglauben.

Ariana starrte ihn finster an. »Ja, lesen. Was ist so schlimm daran?«

»Nichts. Sprich weiter, wer ist dieser Verlobte?«

»Sein Name ist Fionn. Prinz Fionn von Farnàl. Wir sollen bald heiraten.« Sie hielt kurz inne bei der Erinnerung an den Kuss und ihr letztes Gespräch. »Jedenfalls setzte ich mich in meinen Lesesessel und mir wurde schwindelig. Ich fiel zu Boden, und als ich zu mir kam, fand ich mich … hier wieder.« Sie machte eine umfassende Geste mit ihrem Arm und bezeichnete damit den Wald, ihn und alles drum herum.

Er starrte sie an. »Hat man dich entführt?«, fragte er. Dabei musterte er abermals ihre Erscheinung.

»Äh … nein?«

»Bist du eingeschlafen und schlafgewandelt?«

Ariana schnaubte. »Natürlich nicht.«

»Wie kann diese Geschichte dann wahr sein?«

»Woher soll ich das wissen?«, herrschte sie ihn an. Sie war müde und hatte keine Lust mehr auf seine Verhörmethoden. Sie wollte schlafen. Womöglich wachte sie ja in ihrem eigenen Bett auf. »Es ist einfach passiert. Mir war schwindelig, alles drehte sich, ich brach zusammen und kam hier wieder zu mir.«

Der Fremde schwieg. Er warf ein Stück Holz in die Flammen und stocherte erneut darin herum.

»Ich nehme dich mit. Du kannst bei mir arbeiten, bis ich herausgefunden habe, zu wem du gehörst und was an deiner Geschichte dran ist.«

»Ich soll arbeiten?«

Er verzog keine Miene. »Du bist eine Mindere. Was glaubst du, was Mindere tun, hm?«

Pikiert löste sie ihre Haltung auf. »Ich bin eine Prinzessin, Prinzessin Ariana von Tarnàl. Ich arbeite gewiss nicht für dich.«

Sie klopfte sich beim Aufstehen erneut den Schmutz von ihrem zerrissenen Kleid. Wenn dieser Kerl meinte, er könne mit ihr verfahren, wie es ihm passte, hatte er sich geirrt. Sie würde sicher nicht zu einer ordinären Putze, weil sie ihm zufällig in die Arme fiel.

Er stand ebenfalls auf. Den Stock, mit dem er das Feuer angefacht hatte, legte er in aller Seelenruhe neben sich auf die Erde. Dann musterte er sie abschätzig.

»Du bist ein Mensch, oder nicht?«, verlangte er zu wissen. Langsam nickte sie. »Dann bist du eine Mindere. Irgendwem gehörst du. Ich vermute, dass du aus irgendwelchen Gründen davongelaufen bist. Also sagst du mir jetzt entweder die Wahrheit oder du kommst fürs Erste mit.«

»Das ist absurd! Ich arbeite nicht. Das machen die Hausmädchen.«

Er schritt langsam um das Feuer herum und kam auf sie zu. Was wollte er tun, sie fesseln und knebeln? Ariana erkannte, dass diese Welt absolut nichts mit der gemeinsam hatte, die sie zwischen den Zeilen kennengelernt hatte. Sie umkreiste ebenfalls die Flammen.

»Jede und jeder Mindere gehört jemanden, man erkennt es an dem Zeichen. Es gibt keine freien Menschen im Land«, erklärte er sachlich. Ehe sie nach dem Merkmal fragen konnte, sprach er weiter. »Wer ist dieser Fionn? Ein Elf – oder ein Troll?« Er musterte sie mit gerunzelter Stirn. »Oder wurde dein Heim von dem Nichts verschlungen?«

Sie warf ihm einen hastigen Blick zu. »Ich weiß nicht, wovon du redest, aber in meinem Land gibt es keinerlei Knechtschaft. Es gibt auch keine Elfen mit spitzen Ohren.« Sie sagte es in einem schnippischen Tonfall. Wenn er wollte, konnte der Kerl ihn durchaus als Beleidigung verstehen. Ariana wollte diesem Wesen sicher nicht zu nahe treten – immerhin hatte sie ja nicht die geringste Ahnung, wie sie zurück nach Tarnàl kommen sollte. Allerdings sah sie ein Problem darin, dass er meinte, sie gehörte jemandem und müsse arbeiten.

Jäh sprang der Fremde mit einem weiten Satz über das Feuer hinweg auf sie zu.

Ariana keuchte. Für einen Schrei blieb ihr keine Zeit. Sie stolperte von ihm weg, da packte er ihre Arme und hielt sie fest. Sie verzog das Gesicht vor Schmerz angesichts seines unerbittlichen Griffes.

»Ich warne dich einmal«, knurrte er dicht vor ihr. »Wage es nicht wieder, mein Volk zu beleidigen. Ein Mensch wie du«, hier glitt sein Blick über ihren Körper, »bedeutet hier nichts. Hörst du?! GAR NICHTS.«

Er stieß sie von sich, sodass Ariana zurücktaumelte. »Besser, du begreifst das schnell«, fügte er hinzu. Dann wandte er ihr den Rücken zu, um zu seinem ursprünglichen Platz zurückzukehren.

Wut über diese ungerechte Behandlung kroch ihr über die Haut. Sie presste die Lippen aufeinander und unterdrückte die Tirade, die ihr auf der Zunge lag. Schweigend trat sie zurück an das Feuer. Die Nacht war kühl.

Sie spürte seinen Blick im Rücken, als sie sich neben den wärmenden Flammen zusammenrollte, aber es war ihr egal. Was kümmerte es sie, wenn er sie anstarrte, getrieben von Neugier und einem Bewusstsein für das Fremde? Was konnte sie dafür, dass er ihr nicht glaubte? Dass er durchweg falsche Vorstellungen von Menschen hatte und nicht begriff, wer sie war oder wie ihr Leben bisher ausgesehen hatte? Ein Schluchzen verengte ihr die Kehle. Ariana biss sich auf die Unterlippe, um kein Geräusch von sich zu geben.

Hinter sich hörte sie ihn im Holz stochern. Ein Ast knackte. Die Hitze der Flammen wärmte ihr den Rücken wie eine schützende Decke. Wenn dieser Elf nicht auf der anderen Seite des Feuers wäre, hätte sie seelenruhig daliegen können. Stattdessen lag die Macht ihrer Gefühle wie eine schwere Last auf ihr. Es presste ihr die Luft ab und trieb ihr das Wasser in die Augen. Tränen rannen ihr über die Wangen und den schmalen Nasenrücken. Sogar das rotzige Schniefen gestand sie sich nicht zu. Sie wollte verdammt sein, wenn sie zuließ, dass er ein Geräusch der Schmach von ihr vernahm oder ihre Schwäche sah. Das Buch lag in der Tasche unverändert tröstlich an ihrem linken Oberschenkel. Die Trauer darüber, was sie verloren hatte, schwappte über ihre Seele hinweg. Ihr Gesicht verzog sich und ihre Schultern erzitterten. Wie sollte sie wieder nach Hause finden? Mutterseelenallein hatte sie keinerlei Chancen. Sie kannte das, was das Buch ihr bot – und das war dürftig. Diese Welt unterschied sich dermaßen von der Geschichte, dass Ariana nicht mehr sicher war, ob sie ernsthaft in der Erzählung feststeckte.

Wenn sie bei dem merkwürdigen Kerl blieb, bestand zumindest eine geringe Aussicht, dass sie herausfand, wo sie war und wie sie wieder wegkam. Ungeachtet dessen hoffte sie, dass seine Ansichten über Menschen nicht die aller widerspiegelten.

4. Suche

Das gesamte Königreich Tarnàl durchkämmte das Land auf der Fahndung nach Prinzessin Ariana. Prinz Fionn verschwieg gegenüber dem König das Gespräch mitsamt dem anschließenden Kuss mit dessen Tochter. Er redete sich ein, dass nicht er für ihr Verschwinden verantwortlich war.

»Wo ist sie nur?«, sagte Arianas Vater, König Arlàn. Er war hochgewachsen mit breiten Schultern. Die Verzweiflung über den plötzlichen Verlust des einzigen Kindes ließ ihn älter aussehen. Tiefe Gräben der Sorge zerfurchten sein Gesicht. Sein Haar stand wirrer als an regulären Tagen von dem herrschaftlichen Haupt ab.

Fionn wandte den Blick ab. War Ariana wegen ihm fort? Das fragte er sich, seit sie verschwand. Wie konnte sie derart rasch entschwinden? Bei der Suche nach ihr waren die Bibliothek und ihre Leseecke genauso wie beim letzten Mal. Der Kristall hatte den Raum unverändert erhellt, als Fionn eintrat. Einzig seine Blume und ihr Buch fehlten ebenso wie sie.

Er liebte Ariana.

Es quälte ihn, dass er womöglich die Schuld trug und sie schlimmstenfalls seinetwegen die Flucht ergriffen hatte. Dabei verwunderte es ihn, dass niemand eine Spur von ihr fand. In jeder Kammer, in jedem Haus, hinter jedem Gebüsch schauten sie nach.

Sie fanden nichts, nicht einmal einen Faden ihres Kleides.

»Ich finde sie«, sagte er zu ihrem Vater und beugte das Knie vor ihm. »Das verspreche ich Euch.«

»Ach, Prinz Fionn …«, seufzte der König erschöpft. »Ihr seid ein ehrenwerter Mann. Ich vertraue auf Euch. Ihr kennt Ariana schon so lange. Nur Ihr könntet erahnen, wo sie hingelaufen ist – oder warum sie fortlief.«

»Ich befürchte, ich kenne sie beileibe nicht genug.«

»Aber Ihr vermutet etwas?«

Die Hoffnung in der Stimme des Königs war kaum zu überhören. Fionn begegnete seinem Blick. »Ich fürchte leider nein, mein Herr. Ich sprach mit Ariana zuletzt zur Feier anlässlich unserer Verlobung. Danach sah ich sie nicht wieder.«

Die Lüge kam ihm glatt von den Lippen. Etwas in der Kehle blockierte und er räusperte sich.

»Schade«, entgegnete der König nach einem Augenblick.

Fionn erhob sich, um seine Suche fortzusetzen.

5. Schwach

Sie erwachte vom raschelnden Laub dicht neben ihrem Gesicht. Sie öffnete ihre Augen und fuhr mit einem schrillen Schrei zurück. Das Tier erschreckte sich ebenso und verschwand flink zwischen den Bäumen.

Kieran tauchte an ihrer Seite auf. Seine Stiefelspitze berührte ihre Wade. In der Hand hielt er ein Messer.

»Was ist los, Mensch?«, fuhr er sie an.

Sie starrte zu ihm hinauf.

»Da war ein Tier«, erklärte sie. Er entspannte sich und steckte die Klinge weg. »Willst du es nicht erlegen?«

»Sicher nicht.«

»Aber es hat mich erschreckt. Vielleicht wollte es mich beißen.«