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Élisabeth Vigée-Lebrun (1755-1842) war nicht nur eine der wenigen Frauen ihrer Zeit, die zur französischen Académie Royale de Peinture zugelassen wurden, sondern auch begehrte Porträtistin in Adelskreisen. Ihre Gemälde sind Zeugnisse eines der Schlüsselmomente in der Geschichte Europas: Vor der Französischen Revolution erhielt sie Aufträge von Marie-Antoinette, nach ihrer Flucht bereiste sie die europäischen Königshöfe, um schließlich in das napoleonische Kaiserreich zurückzukehren. Dabei entwickelte sie ihren Stil beständig weiter. Vigée-Lebrun wusste ihre Modelle stets ins rechte Licht zu rücken und brachte ihren feinsinnigen Malstil zur Perfektion. In einer nie dagewesenen Gesamtschau des Schaffens der Haus- und Hofmalerin Marie-Antoinettes mit mehr als 100 großformatigen Abbildungen bringt dieser Band den Leser dem Werk Élisabeth Vigée-Lebruns näher als jemals zuvor. Der Autor Hermann Clemens Kosel lässt in seinem historischen Roman das bewegte Jahrhundert der Aufklärung wiederauferstehen, das Vigée-Lebrun zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der französischen Kunstgeschichte aufsteigen sah.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2018
Autor:
Hermann Clemens Kosel
Layout:
Baseline Co. Ltd
Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam
© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Parkstone Press International, New York, USA
© Image-Barwww.image-bar.com
© Fotografie von Michael Cavanagh und Kevin Montague.
© Ligier Piotr / Muzeum Narodowe w Warszawie.
© Kimbell Art Museum, Fort Worth (Texas).
© Hessische Hausstiftung, Kronberg im Taunus, Deutschland.
© The National Gallery, London / National Gallery Photographic Department.
© The National Trust, Waddesdon Manor.
© Royal Collection Trust / Her Majesty Queen Elizabeth II.
© Sterling and Francine Clark Art Institute, Williamstown (Massachusetts), USA (Fotografie von Michael Agee).
© Carlos Monteiro, Direção-Geral do Património Cultural / Arquivo e Documentação Fotográfica.
© Su concessione del MiBACT – Archivio Fotografico Pinacoteca Nazionale – Bologna.
© The Baltimore Museum of Arts / Fotografie von Mitro Hood.
© RMN-Grand Palais / Fondation Bemberg / Mathieu Rabeau, Fondation Bemberg, Toulouse.
© Museum of Fine Arts, Boston.
© Copyright von Wilczynski Krzysztof / Muzeum Narodowe w Warszawie.
© Musée des Beaux-Arts de Troyes / Fotografie: Jean-Marie Protte.
© The State Hermitage Museum / Fotos von Vladimir Terebenin, Leonard Kheifets, Yuri Molodkovets.
Weltweit alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.
ISBN: 978-1-68325-609-0
Hermann Clemens Kosel
Élisabeth
Inhalt
Das Wunderkind
Anfänge einer Künstlerkarriere
Eine Zweckehe
Élisabeth Vigée-Lebrun, Porträtistin der Königin
Revolutionswirren
Die letzten Jahre
Biografie
Bibliografie
Abbildungsverzeichnis
Porträt von Mrs Chinnery, 1803. Öl auf Leinwand, 91,4 x 71,1 cm. Indiana University Art Museum, Bloomington. 75.68
Der folgende Text ist einem Künstlerroman entnommen, in dessen Mittelpunkt die Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun, das Wunderkind der Pariser Kunstwelt, steht, die später, ab 1789, zur Porträtistin der höfischen Welt ganz Europas wurde. Jene höfische Welt hat im Frankreich des 18. Jahrhunderts einen Namen: Marie Antoinette, die strahlende Königin, deren Wahrnehmung im Volk und persönliches Schicksal eng mit dem Werdegang der Künstlerin verbunden sind.
Briefe, historische Daten, Erinnerungen sowie Erdachtes und Anekdoten vermischen sich zu einer romanesken Erzählung über die Künstlerin, ihr Schaffen und ihr hochwohlgeborenes Lieblingsmodell.
Eine verheißungsvolle Jugend
Schon als Kind hatte Élisabeth eine Vorliebe für die Malerei. Als sie einmal als siebenjähriges Mädchen im Lampenschein einen alten Mann zeichnete und diese erste Arbeit nach einem Modell ihrem Vater zeigte, schloss er sie in seine Arme und jubelte: „Du wirst eine Malerin werden, mein Kind, oder es wird nie eine geben!“
Hernach weilte sie an allen freien Tagen, die ihr die Erziehung im Kloster ließ, im Atelier ihres Vaters, wo sie nach seiner Anleitung Köpfe zeichnete und dann auch in Pastell zu malen begann. Das gewissenhafte Studium ihres Vaters gab ihr Anregungen und Lehren, die ihr rasch weiterhalfen.
Mit emsiger Vertiefung in Anatomie und Drapierung des Gewandes verbrachte sie die meisten Nächte über dem Zeichentisch; das rasch aufgeschossene Mädchen kannte bald nichts als die Kunst. Wie wenig sie die Jugendzeit genoss, bereitete ihrer Mutter oftmals Sorgen.
Saß nun die junge Künstlerin in den Dämmerstunden vor ihrem Bild, wurde ihr die Sterbestunde ihres Vaters wieder lebendig. Sie hatte das große Unglück damals weniger begriffen wie heute. Auch war alles so rasch gekommen. Der Vater hatte eine Fischgräte verschluckt, die im Magen Entzündungen hervorrief. Die Operation misslang. Er fühlte den Tod. Eine Stunde später, nachdem er seine Kinder gesegnet hatte, war Louis Vigée verschieden.
Wenn Élisabeth in einsamen Stunden die Palette auf den Tisch legte und vor dem Bild sinnierte, das sie malte, trat die Leidensgeschichte ihrer schönen Mutter warnend vor sie. Drei Jahre waren verflossen, seit der gute Vater gestorben war, und diese Jahre waren die tiefste Demütigung im Leben ihrer Mutter. Louis Vigée galt als guter Pastellmaler, seine Gemälde wurden von Latour geschätzt. Auch malte er Ölbilder in der Art von Watteau, geistvoll und reizend in den Farben. Aber er malte derart gewissenhaft, füllte so viele Zeit mit Studien aus und verdiente so wenig, dass nach seinem Tode die Witwe mit zwei Kindern in Armut leben musste. Élisabeth erwarb zwar durch die Malerei schon viel Geld, aber es reichte nicht, die Ausgaben für die Haushaltung zu decken. Außerdem musste sie noch die Pension für ihren Bruder, der in einem Institut erzogen wurde, seine Kleider und Bücher bezahlen. Die Mutter sah sich also genötigt, dem Werben eines Juweliers nachzugeben, der sich bald als ein verdrießlicher, launenhafter Geizhals zeigte und gleich nach der Hochzeit der Frau sowie ihren Kindern selbst das Nötigste versagte. Sogar das mühsam erworbene Geld Élisabeths scharrte er zusammen und obwohl sich ihr Lehrer, der Maler Joseph Vernet, auch darüber empörte und der jungen Schülerin vorschlug, nur ihre Pension zu zahlen und das Übrige zu sparen, der Stiefvater brachte sie stets dazu, diesen Rat unbefolgt zu lassen.
Mit ihrer Freundin Bettina Boquet nahm Élisabeth bei dem treuesten Freunde ihres Vaters, Gabriel Briard, Unterricht im Zeichnen nach Skulpturen. So mittelmäßig Briards Ansehen als Maler war, war er doch ein vortrefflicher Lehrer und verstand es, den beiden Schülerinnen hinsichtlich Proportion, Linienadel und Präzision der Bildentwürfe Erstaunliches beizubringen.
Die unglaublich raschen Fortschritte in der Malerei, die sie in dieser Zeit machte, und ihre Allüren, Widerstand gegen jede modische Übertreibung zu leisten, waren von so geistvoller Schärfe, dass die Damen das kluge Mädchen zu schätzen begannen. Man nannte es das ,Wunderkind‘.
So, wie die Pariser Gesellschaft aufzuatmen schien in dem Augenblick, da sie der Tod Ludwigs XIV. von dem unerträglichen Joch der Etikette befreite und sich Hals über Kopf in den tollen Strudel der Vergnügungen stürzte, so entzog sich auch die Kunst den strengeren Regeln, denen sie hatte gehorchen müssen, und Willkür und Laune wurden zum obersten Gesetz. Aus dem Chaos scheinbarer Verwilderung erwuchs jene Kunst der Caprice, deren Formenwelt sich tänzelnd und scherzend um ein anmutiges Leben rankte.
Tatjana Wassiljewna, Fürstin Jussupow, 1797. Öl auf Leinwand, 141 x 104 cm. Fuji Kunstmuseum Tokio, Tokio.
Louis Vigée, Frau, als eine Pilgerin gekleidet, 1745. Pastell, 62,8 x 52,1 cm. Privatsammlung.
Reifezeit
Élisabeth Louise Vigée war eine der ersten, die bei ihren Schöpfungen den undefinierbaren Modeleichtsinn, den Ausfluss unbekümmerter Lebens- und Genusssucht als frivol und geschmacklos bezeichnete und die Gesellschaft des Rokoko im Sinne des einfachen Stils zu erziehen begann. Ihren Bestrebungen kamen die deutschen Maler zu Hilfe, die den Übermut, den in Rausch und Ekstase versetzten quellenden Leichtsinn in das akademische Milieu zurückdrängten und der Antike zuführten.
Das Natürliche, wie es dem ganzen Wesen Élisabeths entsprach, schien ihr im Einfachen zu liegen und sie begann, der Formenwelt nachzuspüren, die in Italien durch die Aufdeckung Pompejis, der Ruinen von Sizilien, Athen und Split wieder auftauchte. Der Einfluss Winckelmanns und Lessings begann in Frankreich durch Diderot wirksam zu werden und die Gebildeten machten sich mit dem Gedanken vertraut, dass der gute Geschmack und der tiefere Geist in der Antike zu finden seien. In der Gesellschaft solcher Geister erfuhr Élisabeth die Bestätigung ihrer allerinnersten Veranlagung, weibliche Schönheit aus dem Liebesleben der Hirten oder höfisch übersättigten Prunk in klassische Ruhe zu versetzen und Regungen der Seele zu belauschen.
Erst im Atelier Vernets dämmerte Élisabeth die Tragweite der klassischen Kunst. Die Zeichnungen nach Abgüssen antiker Skulpturen zeigten ihr höhere Ziele und die Lehren des väterlichen Freundes prägten sich ihr unauslöschlich ein. Er riet ihr, sich keine bestimmte Schule zur Richtschnur zu nehmen, sie solle sich entwickeln, wie es ihr Charakter verlange. Im Studium der italienischen und holländischen Meister, die sie in der Galerie Luxembourg kopierte, solle sie beständig allen Widerstreit in sich ausgleichen und sich nur an die Natur halten. Denn wer sich in die Natur vertiefe, würde davor bewahrt bleiben, in eine Manier zu verfallen, die jede Aussicht auf bleibenden Wert der Werke versperre. Diese Lehre Joseph Vernets bewiesen seine Bilder, die zu allen Zeiten bewundert wurden.
In diesen Tagen ihres Aufstieges machte Élisabeth die Bekanntschaft mit einem Mitglied der französischen Akademie, dem geistreichen Abbé Arnault, der, in reicher Fantasie für Wissenschaft und Kunst begeistert, den Ideenkreis der lernbegierigen jungen Malerin erweiterte. Er sprach sehr viel und Wertvolles über die Malerei und eröffnete ihr noch mehr die Perspektive der Musik. Als glühender Verehrer Glucks verstand er es, im Herzen Élisabeths Begeisterung für die Melodik der Töne zu wecken, die sie nun in neue Bahnen lenkte. Sie übte sich im Gesang, im Klavierspiel und lernte die Harfe meistern. Bald war sie in der Gesellschaft auch als Sängerin beliebt. Sie fand in der Musik die gleiche Harmonie wie in der Malkunst und verband beide so eng miteinander, dass man von ihren melodiösen Malereien und ihrem farbenglühenden Gesang sprach. Und ihre Schönheit zeigte den Augen der Bewunderer in zierlicher Vollendung das Bild wahrer Anmut und Reinheit.
Porträt von Caroline von Thun, 1792-1795. Farbstift und Pastell auf Papier, 42,5 x 31,5 cm. Muzeum Narodowe w Warszawie, Warschau.
Porträt eines jungen Mädchens, um 1771. Pastell auf blauem Papier, 39 x 29 cm. Privatsammlung.
Yolande Martine Gabrielle de Polastron, Herzogin von Polignac. Pastell auf Papier, 43,2 x 28,3 cm. Rijksmuseum, Amsterdam.
Porträt der Mutter der Künstlerin, Madame Le Sèvre, 1775-1778. Öl auf Leinwand, oval, 65 x 54 cm. Privatsammlung.
Erste Erfolge
Nach der zweiten Verheiratung ihrer Mutter übersiedelte sie mit dieser in das Haus ihres Stiefvaters in der Rue Saint-Honoré, gegenüber der Terrasse des Palais Royal, und sie bekam ein Arbeitszimmer, dessen Fenster Aussicht auf Palais und Park bot. Von dort sah sie oft die Herzogin von Chartres mit ihren Damen im Park lustwandeln. Das schöne Mädchen am Fenster zog die Aufmerksamkeit der Herzogin auf sich, und eines Abends schickte diese eine ihrer Hofdamen zu Élisabeth und ließ sie bitten, zu ihr zu kommen.
Die Herzogin hatte Erkundigungen eingezogen, wer das allerliebste Mädchen sei, und als sie erfuhr, dass es die Malerin Vigée war, hatte sie großes Verlangen, das ,Wunderkind‘ kennenzulernen. Die ernsten Gespräche, der tiefe Geist und die kühle Ruhe Élisabeths flößten der hochgeborenen Frau Bewunderung ein. Sie konnte verstehen, wie gerecht die Begeisterung war, mit der die Hofdamen von der jungen Malerin sprachen. Aber sie kannte noch nicht die Kunst Élisabeths. Als ihr dann das Gemälde gezeigt wurde, welches die sechzehnjährige Malerin nach ihrer schönen Mutter geschaffen hatte, war die Herzogin davon derart hingerissen, dass sie Élisabeth bat, ein Porträt nach ihr selbst zu malen, zu welchem Zwecke sie bereits ein Gemach im Palais Royal ausersehen hatte.
Und das Bild gelang. Teils durch die glückliche Fügung, dass die Herzogin der jungen Malerin in freundschaftlicher Gesinnung entgegenkam, teils auch, weil die Vertraute der Königin Marie Antoinette so schön war, dass Élisabeth ganz in der Freude am Schaffen aufging. Die kluge Wahl des Kleides, dem die Malerin durch Vereinfachung allen übertriebenen Pomp nahm, gab dem Bild eine glänzende Stilschönheit, die auch dem Geschmack der Herzogin entsprach. Als das Gemälde fertig war, wurde es im Salon des Palais Royal aufgestellt und die Damen des Hofes und der Gesellschaft waren entzückt davon. Graf Orlow und Graf Schuwalow von der russischen Gesandtschaft, der Kardinal Rohan und viele Diplomaten ließen sich von Élisabeth Vigée malen. Ihnen folgten die Damen der Gesellschaft.
Gräfin de Brione rief, als sie das Bild der Herzogin von Chartres sah: „Endlich ein Wesen, das im Geiste unserer Zeit aufgeht und den Ton findet, der unser Milieu zum Entzücken ausweitet!“ Diese Worte verbreiteten sich in Windeseile und begründeten den frühen Ruhm der jungen Malerin in Paris.
Nun wanderte Élisabeth von Salon zu Salon. Alle Damen, die etwas darauf gaben, an ihren Abenden beliebte Künstler zu versammeln, nahmen sie bald derart in Anspruch, dass sie dieser Zeitaufwand reute, weil sie ihrer Kunst entzogen wurde. Die Tage waren ihr zu kostbar, das Vergnügen zu karg, und ein kleines Missgeschick bewegte sie dazu, fortan die zeitraubenden und unergiebigen Einladungen abzulehnen.
So mied sie die Gesellschaft der galanten Damen und verkehrte mehr mit den Größen der Kunst. Mit dem Vorbild des Vaters im Herzen hing Élisabeth auch seinem frommen Sinn an und hütete ihre Tugenden, die in der galanten Zeit, wo die Schönheit alles galt, bei so vielen Frauen ihres Kreises ins Wanken gerieten. Die Gesellschaft belächelte die eheliche Liebe und Treue, bevorzugte abenteuerliche Regungen und verlieh den Frauen, welche die meisten Liebhaber begünstigten, den Glorienschein geheimnisvoller Bewunderung. So waren selbst junge Mädchen, die in der Gesellschaft Zutritt fanden, in großer Gefahr, den Verführungskünsten lüsterner Kavaliere zu erliegen.
Ihr Vater war fromm gewesen und hatte seine Frau über alles geliebt. Die Erinnerung an dieses harmonische Familienleben blieb in Élisabeth unauslöschlich. Ihr war das beseligende Geben nur in der Kunst eine Notwendigkeit.
Der Geiz und die üble Laune des Stiefvaters nahmen täglich zu und die arme Mutter hatte keine glückliche Stunde. Wie sehr selbst Élisabeth unter dem Zwange dieses hartherzigen Mannes litt, beweist, dass sie auf dem Boden, vor dem Bett ihrer Mutter, in einer engen, luftarmen Kammer schlafen musste. Mit allem geizte der Alte, das Essen wog er ab, den Kleiderstoff maß er, jedes Vergnügen, das bei Élisabeth überhaupt nur in Theaterbesuchen bestand, erschien ihm als Verschwendung, und das Geld, das sie verdiente, nahm er ihr ab und häufte es zu seinem.
Ihre Sehnsucht, den heißen Sommer in der freien Natur zu verbringen, erfüllte sich erst, als sie das Geld für die Miete eines Landhauses durch besonderen Fleiß verdient hatte. Aber der unverständige, geizige, allem Luxus feindliche Stiefvater mietete nicht in den schönen Landstrichen der Umgebung, sondern auf dem flachen Land in einem elenden Bauemdorf eine halb verfallene Hütte mit einem verwilderten Gärtchen, was eher einer Strafverbannung als einer Sommererholung gleichkam. Allein die flinke, ordnende Hand Élisabeths schuf in wenigen Tagen auch dort ein gemütliches Heim.
Sie gewöhnte sich rasch an die Umgebung und jeder, der ihr nahe kam, dem wurde wohl ums Herz. Als eines Sonntagsmorgens eine Freundin ihrer Mutter, Madame Suzanne, diese aufsuchte, fand sie derart Gefallen an Élisabeth, dass sie sie einlud, mit ihr eine Spazierfahrt zu dem nahen königlichen Schloss Marly-le-Roi zu unternehmen. Dort traf sie zum ersten Mal auf die Königin Marie Antoinette.
Der Bruder der Künstlerin, 1773. Öl auf Leinwand, 61,6 x 50,5 cm. Erwerb durch das Museum 3:1940, Saint Louis Art Museum, Saint Louis (Missouri).
Der Fürst von Nassau, 1776. Öl auf Leinwand, 63,9 x 53,7 cm. Schenkung von Mrs. Ralph W. Showalter, Indianapolis Museum of Art, Indianapolis.
Die Begegnung mit Marie Antoinette
Über die flachen Steinstufen stieg die Königin elastischen Schrittes herab. Die dunklen Taxuspyramiden, welche an den Seiten der Stufen wuchteten, schienen sich vor der hoheitsvollen Gestalt Marie Antoinettes zu verbeugen wie Chevaliers. Ein weißes, lang wallendes Kleid aus weichem Leinen umschloss in spärlichen Falten die edle Gestalt, die, mit gehobenem Kopf, schön und versonnen wie vom Thron herabgestiegen kam. Neben ihr schritt eine Hofdame, die soeben einen Brief in ihrer Korsage versteckte und lächelnd plauderte. Der Blick der Königin suchte die Weite, sie schien nicht zu hören, was die reizende Plauderin vertraulich zu berichten hatte. Ihr Antlitz war in Wehmut gehüllt, sie mochte in Sehnsucht an ihre Mutter, die deutsche Kaiserin, und an ihren guten Bruder Joseph denken, die fern im schönen Wien ein freieres Leben führten als sie, die Fremde, die unbeliebte Deutsche im unverstandenen Paris.
Mit verhaltenem Atem stand Élisabeth Vigée hinter einem Gesträuch und sah das herrliche Bild der königlichen Frau, die beinahe schwebend über den grellbeleuchteten Kiesweg glitt. „Sehen Sie doch diesen schönen Gang“, flüsterte sie Madame Suzanne zu, „so kann nur eine Königin schreiten. Und diese hohe, stolze Gestalt, gewohnt, nur Purpur und Hermelin zu tragen, verliert auch im schlichten Leinen ihre Würde nicht! Oh, nun kann ich es fassen, wenn Paris diese Erscheinung rühmt.“
Die Königin, geblendet von der Helle des Kiesweges, schritt auf die Wiese. Dort blieb sie stehen, faltete ihre Hände über der Brust und atmete tief. Dann kam sie, als zöge sie eine magnetische Kraft, zu dem Gesträuch geschritten, in dem Élisabeth verborgen stand und in der Aufregung, Marie Antoinette aus solcher Nähe sehen zu können, zitterte.
„Sie ist eine Frau wie alle anderen“, flüsterte die Malerin ihrer Freundin zu, „sie ist ein Geschöpf wie wir, die Natur ist ihre Mutter. Aber mit unverkennbaren Lettern ist in ihrem Gesicht ein Bekenntnis eingegraben, das sich offenbaren muss, selbst wenn es die Schminke überdeckt. Es ist wie die Grundschrift erkenntnisreicher Mönche, die unsere Kirchengelehrten überstreichen, um darüber den klösterlichen Kanon mit feierlichen Initialen zu malen. Aber das kräftige Gepräge der Urschrift kann keine Malkunst verdrängen, sie leuchtet hindurch so wie das von der Natur in die Züge der Königin geschriebene Bekenntnis, echt und getreu.“ „Welches Bekenntnis?“, fragte Madame Suzanne, über die seltsamen Worte Élisabeths erstaunt.
„Das Bekenntnis, dass ihr die Krone keine Erfüllung ist, dass sie die Natur mehr liebt als den Hermelin. Das Bekenntnis einer Königin, die in ihrem Reiche eine Fremde geworden.“
Das unendlich feine Gehör Marie Antoinettes hatte das Flüstern erlauscht und jedes Wort verstanden. Lächelnd schritt sie zu dem Gebüsch, und mit rosiger Hand griff sie in die Zweige. Von der Schönheit Élisabeths entzückt, rief sie gütig: „Komme Sie nur heraus, Sie kleine Staatsverbrecherin! Sieh, sieh! Eine Sibylle ist vom Piedestal gestiegen und lauert der Königin auf. Trete Sie nur hervor, kleine Seherin, Sie soll die Urschrift, die mir die Natur in mein Antlitz schrieb, besser entziffern und nicht so traurig deuten. Sie hat das zwar sehr sinnig gesprochen, aber eine Königin, die in ihrem Reiche eine Fremde ist, möchte das nicht hören.“
Élisabeth sank auf die Knie vor der hohen Frau. Sie war so verwirrt, da sie sich belauscht wusste, dass sie kein Wort der Entschuldigung sprechen konnte. Lange sah die Königin die zierliche Gestalt und das errötete Gesicht der Malerin an. Dann sagte sie mit innigster Güte: „Stehe Sie auf und sage Sie mir, wer Sie ist.“ Élisabeth nannte stammelnd ihren Namen. Die Königin lächelte.
„Mon Dieu! Sie ist das Wunderkind, von dem mir die Herzogin von Chartres so anmutig gesprochen hat? Ich hätte gleich sehen müssen, dass der Genius auch das Rosenblütenblatt Ihres Gesichtes mit einem Bekenntnis beschrieben hat, das niemand verlöschen kann. Ja, die liebe Natur ist anzustaunen und Élisabeth Louise hat recht, wenn sie von mir das Bild malt, das mein Wesen aufzeigt. Wohl liebe ich die Natur mehr als den Hermelin, aber ich will keine Fremde in meinem Reiche sein. Ich liebe mein Volk und viele lieben mich. Zeig’ Sie mir Ihre Mappe!“
In der Mappe lagen Skizzen und Zeichnungen von Köpfen und Landschaften, alle besah die Königin aufmerksam. Die Skizze aber, die Élisabeth vorhin nach dem Ausblick auf das Schloss gezeichnet und nicht vollendet hatte, gefiel der Königin ganz besonders.
„Das hat Sie mit den Augen einer Träumerin erfasst, kleine Vigée. Meine Liebe, wenn ich einem Dauphin das Leben gegeben habe, dann will ich Sie rufen lassen, dann soll Sie mich malen, auf dass alle Mängel, die mir das Volk vorwirft, von Ihrer Hand ausgeglichen werden. Ich weiß, dass Sie es kann, kleine Vigée, und Sie soll ganz ehrlich sein. Nichts braucht verschwiegen werden, was alle wissen dürfen und wenige erkannten.“
Mit der Zeichnung in der Hand schritt Marie Antoinette über die Wiese zurück und stieg die Treppe empor. Von der Gnade der Königin übersonnt, knickste ihr Élisabeth nach. Als Élisabeth die Königin nicht mehr sah, erhob sie ihren Kopf so stolz, wie die erlauchte Frau zuvor, schritt mit schwebendem Gang den Kiesweg entlang, trat zu Madame Suzanne und rief überschwänglich: „Kommen Sie, Madame, durch den Anblick der Königin hat sich die Natur für mich entzaubert. Ein Wesen voller Schönheit ist eingezogen in mein Herz. Jetzt bin ich begnadet: Ich liebe! Ich – liebe – die – Königin!“
Selbstbildnis, um 1781. Öl auf Leinwand, 64,8 x 54 cm. ACK 1949.02 In Anerkennung seiner Dienste für das Kimbell Art Museum und seiner Rolle in der Gewinnung regionaler Sammler hat der Treuhänderausschuss der Kimbell Art Foundation dieses Werk aus der Sammlung von Herrn und Frau Kay Kimbell, Gründungsstifter des Kimbell Art Museum, dem Gedenken an Mr Bertram Newhouse (1883-1982) aus New York City gewidmet. Kimbell Art Museum, Fort Worth (Texas).
Porträt von Anne Catherine Le Preudhomme de Chatenoy, Gräfin von Verdun, 1776. Öl auf Leinwand, 66,4 x 53,3 cm. Privatsammlung.
Jean-Baptiste-Pierre Lebrun
Der Künstlerruf Élisabeth Louise Vigées fand rasche Verbreitung in Paris. Anfangs war es mehr ihr Wesen, das die Gesellschaft bewunderte, die ersten größeren Aufträge aber begründeten auch ihr Ansehen als Malerin.
In Bewunderung drängte man an sie heran mit dem Begehren, sich von ihr porträtieren zu lassen. So hatte sie bald Gelegenheit, von den schönsten Damen Bilder zu malen, die die Gesellschaft entzückten. Immer mehr vertiefte sie sich in das Wesen der Menschen und der Kunst und bald bekam sie so viele Aufträge, dass ihr das Zimmer, welches der Stiefvater als Atelier bestimmt hatte, zu klein wurde.
