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Emanuel Schaffer gilt heute als erfolgreichster Fußballnationaltrainer Israels. Seine Biografie erzählt allerdings viel mehr als ein Sportlerleben: In Recklinghausen aufgewachsen, nur knapp dem Holocaust entkommen und in Israel als Fußballer, Trainer und Geschäftsmann erfolgreich, trug er zur Annäherung zwischen Israel und Deutschland bei. Die Freundschaft mit Hennes Weisweiler schuf dafür die Grundlage.
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Diese Veröffentlichung wurde gefördert durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Essen, und die Stiftung Irene Bollag-Herzheimer, Basel.
Trotz intensiver Recherche konnte nicht in allen Fällen die Urheberschaft an den Abbildungen ermittelt werden. Der Verlag bittet um entsprechende Hinweise, um berechtigte Ansprüche abzugelten.
Die Umschlagabbildung zeigt Emanuel Schaffer im Dezember 1969 als amtierenden israelischen Nationaltrainer.
Foto: Nachlass Schaffer
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2021 Verlag Die Werkstatt GmbH
Siekerwall 21, D-33602 Bielefeld
www.werkstatt-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medienproduktion GmbH, Göttingen
ISBN 978-3-7307-0569-8
Inhaltsverzeichnis
Prolog: Unser größter Trainer
Gestohlene Jugend
Aliya nach Israel
Rückkehr ins Land der Täter
Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft
Auf Erfolgskurs
Fußballdiplomatie
Der Höhepunkt: Mexiko 1970
Die Entlassung
Jenseits des Gipfels
„Mein größter Fehler“
Die Freundschaft lebt weiter
Ex Deutschland Lux
Der Geschäftsmann
„Wiedergutmachung“
Rückkehr nach Recklinghausen
Familie
Im Herbst des Lebens
Erinnerung und Erbe
Quellen
Literatur
Namensregister
Die Autoren
Dank
Prolog:Unser größter Trainer
„Er war der größte Trainer, den wir je hatten.“ Diese Worte des Präsidenten des israelischen Fußballverbandes, Avi Luzon, begleiteten Emanuel Schaffer am 30. Dezember 2012 ins Grab.
Emanuel „Eddy“ Schaffer gilt bis auf den heutigen Tag als erfolgreichster Trainer der israelischen Fußballnationalmannschaft . Bei der Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko hat Schaffer seine Elf in die Runde der letzten 16 geführt. Dieser absolute Höhepunkt seiner Karriere war zugleich der bis heute größte Erfolg des israelischen Fußballs. Weder vor 1970 noch danach hat eine israelische Nationalmannschaft wieder die Endrunde einer Welt- oder Europameisterschaft erreicht.
Emanuel Schaffer, im polnischen Drohobycz geboren, als Kind in Deutschland aufgewachsen, floh 1933 vor den Nazis über Metz, Saarbrücken zurück nach Drohobycz und später vor der einmarschierenden deutschen Wehrmacht bis nach Alma Ata. In den 1950er Jahren fand er als Israeli den Weg zurück nach Deutschland, um sich als Fußballtrainer ausbilden zu lassen. Seine deutschen Sprachkenntnisse und auch der gute Ruf, den der deutsche Fußball und die Trainerausbildung nach dem Weltmeistertitel 1954 genossen, haben diese Entscheidung zweifellos entscheidend beeinflusst.
Seine Biografie erhält ihre besondere Bedeutung vor dem Hintergrund der Geschichte des Staates Israel und des Zionismus wie auch der traumatischen Geschichte der Shoah, des Holocaust. Bei Schaffers Karriere geht es nicht nur um die Karriere eines Fußballers und Trainers, eines Sportlers, sondern um eine Personifizierung dessen, was in der Historiographie unter dem Titel „Galut-Juden (Diasporajuden) und Nationaljuden“ oder „Von der Shoah zur Wiederauferstehung des jüdischen Volkes“ verstanden wird.
Seitdem Max Nordau (1849-1923), Theodor Herzls engster Mitarbeiter in der zionistischen Bewegung, beim zweiten Zionisten-Kongress in Basel 1898 den Begriff des Muskeljudentums zum Thema seiner Rede gemacht hatte, galt die Genesung des in der Diaspora angeblich degenerierten jüdischen Körpers mithilfe von Turnen und Sport als wichtiges Ziel des Zionismus, oder mindestens als wichtiger Schritt auf dem Weg zur „Regeneration“ des jüdischen Volkes und der staatlichen Wiederbelebung.1 Die Erziehung der praktizierenden Zionisten, d. h. derjenigen Juden, die nach Palästina einwanderten bzw. im Lande geboren wurden, und ihr Selbstverständnis sollten mit diesem Ziel körperlicher Ertüchtigung in Einklang gebracht werden. Entsprechend gehörte zum Gegensatz zwischen Galut und Yishuv, also zwischen Diaspora und zionistischer Gemeinschaft in Palästina, auch automatisch der stereotype Gegensatz zwischen dem jüdischen Schwächling und dem Muskeljuden. Das Muskeljudentum, so der zionistische Mythos, könne zwar bereits in der zionistischen Vorbereitungsphase vor dem Verlassen der Galut in Erscheinung treten, verwirkliche sich aber letztlich doch nur im eigenen Land; denn Diasporajuden sind per definitionem muskel- und nervenschwach. Vorbilder des Muskeljudentums suchte man aus diesem Grunde in der Antike, im altgeschichtlichen Judenstaat, nicht im modernen europäischen oder amerikanischen Diaspora-Judentum.2 Besonders deutlich schien dieser Kontrast bei der Gegenüberstellung der jüdischen Opfer der Shoah mit den „neuen Juden“ im drei Jahre nach der Shoah gegründeten Staat Israel hervorzutreten.
Dieses schlichte Schwarz-Weiß-Denken musste jedoch im Verlauf der sieben Jahrzehnte seit der Gründung des Staates Israel Schritt für Schritt revidiert und relativiert werden. Man begriff, dass das Leben in der Diaspora Wichtiges zum Judentum beigetragen hat, ja dass sogar manches Element im zionistischen Judentum auf Fundamenten der Diaspora beruht und dass auch Überlebende der Shoah ihren Beitrag zum Aufbau des Judenstaates geleistet und am Kampf für diesen Staat mitgewirkt haben.3 Darüber hinaus entdeckte man schließlich Muskeljuden, die es vor dem Zionismus und außerhalb dieser Bewegung gegeben hat. Doch dieses Umdenken brauchte viel Zeit, und bis heute sind alte Vorstellungen und Mythen in diesem Zusammenhang fest verankert.
Dies alles erklärt, weshalb man die herausragenden und bekannten Sportler in der vorstaatlichen jüdischen Gesellschaft des Yishuv und dann im Staat Israel als Produkte des Zionismus oder – da Sportler meist junge Leute sind – als exklusive Erzeugnisse des Landes Israels betrachtete. Ihre frühere Geschichte vor der Einwanderung verdrängte oder ignorierte man. So blieb auch in den Fällen, in denen sich die Presse ausführlicher mit der Person oder der individuellen Geschichte eines aus der Diaspora nach Israel eingewanderten Sportlers befasste, dessen Vergangenheit unterbelichtet. Meistens wurde sie sogar bewusst ausgeblendet.4 Auch der Umgang mit der Person und Ikone Emanuel Schaffer in der israelischen Gesellschaft stand lange im Zeichen dieses zionistischen Narrativs.
Gestohlene Jugend
Kindheit in Recklinghausen
Der Lebensweg von Emanuel Schaffer ist eng mit der deutschen Geschichte seit den 1920er Jahren verknüpft . Wenige Wochen nach seiner Geburt am 11. Februar 1923 im damals polnischen Drohobycz – in einem typischen osteuropäischen „Shtetl“ des bis 1918 österreichischungarischen Galizien –, zog er mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern zunächst nach Marl und später nach Recklinghausen, beides Orte am nördlichen Rand des Ruhrgebiets.
Emanuel Schaffers Mutter Hela Schaffer, geb. Odze-Tuch (geb. 23.06.1898) stammte aus Drohobycz, sein Vater Moses Schaffer (geb. 16.07.1893) aus dem benachbarten Porohy. Seine Eltern hatten 1918 geheiratet, am 17. Januar 1920 wurde die älteste Tochter Cila geboren, ein Jahr später am 18. Januar 1921 Salka.
Drohobycz war in der damaligen Zeit eine kleine Stadt in Ostgalizien mit einer multiethnischen Bevölkerung und gehörte zur 1918 gegründeten Zweiten Polnischen Republik. Polen, Ukrainer und Juden prägten das Stadtbild und das Alltagsleben der Kleinstadt. Mit nahezu 40 Prozent stellten die Juden die größte Bevölkerungsgruppe. Bis kurz vor der Geburt von Emanuel tobte um die Stadt herum der Kampf zwischen der kurzlebigen Ukrainischen Republik und Polen. Geprägt war das jüdische Leben im Weltkrieg wie auch zur Zeit der anschließenden Kämpfe von Unruhe und Pogromen. Es handelte sich schließlich um eine Region im Herzen der „Bloodlands ,“ die Timothy Snyder so eindrucksvoll geschildert hat.5 Für die jüdischen Bewohner dieser Region assoziierte sich historisch der Begriff Antisemitismus entsprechend eher mit Polen oder der Ukraine als mit Deutschland.
Moses und Hela Schaffer.
Quelle: Virtuelles Shtetl
Zentrum des jüdischen Lebens war die 1865 eingeweihte Synagoge, seinerzeit die größte Synagoge Polens. Die Wirtschaft der Stadt profitierte in Friedenszeiten von größeren Erdöl- und Erdgasvorkommen in der Umgebung. Die Ausbeutung dieser Bodenschätze brachte viele Bewohner in Lohn und Brot. So auch Moses Schaffer, er war als Manager bei einer Erdölfirma tätig. Geschäftliche Beziehungen hatten ihn 1922 für einige Monate nach Deutschland geführt.
Warum er sich entschied, mit seiner Familie im Jahr darauf nach Deutschland zu gehen, liegt im Dunkeln ebenso wie die Entscheidung, sich zunächst in Hüls niederzulassen. Die sich abzeichnende wirtschaft-liche Krise in der Ölindustrie und die antisemitischen Attacken gegen die jüdische Bevölkerung in Galizien können ein Grund gewesen sein.6 Jedenfalls entschieden sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs viele Juden in den von Deutschland und Österreich-Ungarn abgetretenen Gebieten, nach Deutschland oder nach Österreich auszuwandern. Als die junge Familie Schaffer nach einigen Jahren in Hüls 1927 nach Recklinghausen kam, fand sie eine sehr aktive jüdische Gemeinde vor. Zahlreiche jüdische Vereine sorgten für ein vielfältiges und abwechslungsreiches Gemeindeleben.7 1925 lebten in der Stadt 451 Juden. Vor allem durch die Zuwanderung „vornehmlich orthodox orientierter Juden“ aus Osteuropa war die Gemeinde vorübergehend auf ca. 700 Mitglieder angewachsen, erreichte jedoch 1930 mit 452 Mitgliedern wieder ihren alten Stand.8 Ihre Gottesdienste feierte sie in der am 26. August 1904 eingeweihten neuen Synagoge an der Hedwigstraße (später Limperstraße)/ Ecke Westerholterweg.9 Unmittelbar in der Nähe der Synagoge, Am Steintor 5, befand sich die einklassige jüdische Volksschule, die auch Emanuel Schaffer und seine Schwestern besuchten. Emanuel wurde 1929 eingeschult. Gemeinsam mit seinen drei Schwestern – die jüngste Schwester Rosa kam am 19. August 1929 in Recklinghausen zur Welt –, wuchs er mit der deutschen Sprache auf, die seine Muttersprache werden sollte. Deutsche Staatsbürger wurden Moses Schaffer und seine Familie nicht, ein Antrag auf Einbürgerung hätte erst 15 Jahre nach der Einwanderung gestellt werden können.
In Recklinghausen bezog die Familie in der Paulusstraße 28 eine geräumige Vier-Zimmer-Wohnung. In dem Haus hatte Vater Schaffer gleichzeitig die Geschäftsräume seiner Firma „Menschenfreund“10, ein Abzahlungsgeschäft für Möbel und Konfektion, dessen Teilhaber er war.11 Das Geschäftsmodell von Abzahlungsgeschäften bestand darin, Waren gegen Ratenzahlung zu verkaufen. Geliefert wurde sofort, das Eigentum ging aber erst mit Begleichung der letzten Rate auf die Käufer über. Einer ehemaligen Mitbewohnerin des Hauses, Clara Huissen, zufolge hieß die Firma von Moses Schaffer entweder „Schaffer & Schüssler“ oder „Schüssler & Schaffer“. Das Unternehmen hatte noch „mehrere Handelsvertreter angestellt“. Die Wohnung der Schaffers war bürgerlich eingerichtet. Der Mietpreis betrug „100,— RM monatlich“, ein für die damalige Zeit stattlicher Preis für eine Wohnung. Der gehobene Lebensstil der Familie drückte sich – so Frau Huissen – darin aus, „daß Frau Schaffer seinerzeit schon sehr gut gekleidet war (Pelzmantel – Brillantringe u. sonstiger Schmuck)“. Hinter diesem Rückblick der guten Nachbarin auf eine Zeit, die bereits fast 40 Jahre zurücklag, verbirgt sich allerdings ein typisches antisemitisches Klischee.12 Offensichtlich hatte sich die Familie in kurzer Zeit gut in Recklinghausen etabliert und es zu einem gewissen Wohlstand gebracht.
In Recklinghausen entdeckte Emanuel Schaffer schon als Kind seine Leidenschaft für das Fußballspielen. Auf dem Schulweg „kickte er mit allem, was ihm im Weg lag“, was dazu führte, so Schaffer später in einem Interview, dass es „zu Hause […] dann oft Ärger wegen der kaputten Schuhe [gab]“.13 Einer seiner früheren Spielkameraden, mit dem er den Religionsunterricht besuchte, war Rolf Abrahamsohn. „Emanuel Schaffer war ein Fußballverrückter. Wir waren damals nicht die Frömmsten und haben lieber Fußball gespielt, als zum Religionsunterricht zu gehen, der vom Rabbiner Auerbach erteilt wurde“.14
Schon in dieser Zeit wurde er wohl von seinen Freunden nur „Eddy“ gerufen. Dieser Name sollte bis zu seinem Tode sein deutscher Rufname bleiben. Sein jiddischer Rufname war jedoch „Mundek“, die geläufige Abkürzung für Emanuel. In Israel nannten ihn seine Freunde „Munsek“.
Flucht zurück nach Drohobycz
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 in Deutschland veränderte das politische und gesellschaftliche Klima auch in Recklinghausen grundlegend. Der Antisemitismus wurde zur Staatsdoktrin. Aus ehemals angesehenen jüdischen Bürgern wurden jetzt „Staatsfeinde“, für die in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft kein Platz mehr war. Der Status der nicht-deutschen Juden im Lande war noch prekärer. Der im Jahr 1922 gegründeten NSDAP-Ortsgruppe in Recklinghausen war es zwar erst im Jahr 1930 gelungen, nennenswerte Wahlerfolge zu erzielen, sie machte dann aber schnell durch Groß-kundgebungen und SA-Umzüge auf sich aufmerksam. 15 Am Abend des 30. Januar 1933 demonstrierte sie auf dem Recklinghäuser Marktplatz mit einer „vaterländischen Kundgebung“ ihre Machtansprüche. Wenige Wochen später folgten die ersten antisemitischen Maßnahmen: das Verbot des rituellen Schächtens und die Veröffentlichung einer „Liste mit 84 Geschäften jüdischer Inhaber“ in der örtlichen Presse. Die antisemitische Hetze erreichte deutschlandweit ihren ersten Höhepunkt am 1. April 1933. SA-Wachen postierten sich vor den Geschäftseingängen und Arztpraxen jüdischer Inhaber, Spruchbänder wie „Deutscher, kauf nicht bei Juden! Wer bei Juden kauft, ist ein Volksverräter!“ waren quer über die Einkaufsstraßen gespannt.16
Moses Schaffer erkannte sehr schnell, dass es für seine Familie in dem neuen nationalsozialistischen Deutschland keine Zukunft mehr gab. Am 4. April 1933 flüchtete er mit seiner Familie aus Recklinghausen17 nach Metz, wo sie drei Tage später ankamen und zunächst in der Rue Pasteur 20 wohnten. In den nächsten Monaten wechselten sie zweimal ihre Unterkunft, blieben aber in der Rue Pasteur.18 Vater Moses Schaffer war bereits wenige Tage vor der nationalsozialistischen Machtübernahme nach Metz gereist und dort ab dem 25. Januar 1933 offiziell gemeldet, um sich nach einer entsprechenden Arbeit und vor allem nach einer Wohnung für seine Familie umzusehen.19 In Recklinghausen hatte sich schon länger abgezeichnet, dass er sein Abzahlungsgeschäft nicht erfolgreich würde weiterführen können, da er „von Schuldnern bedroht wurde – und oftmals von denen, welchen er gerade großzügig Kredit eingeräumt hatte“.20 Wie die Familie in Metz ihren Lebensunterhalt sichern konnte, ist nicht bekannt. Moses Schaffer hatte wohl versucht, auch in Metz ein Abzahlungsgeschäft aufzubauen – aber ohne großen Erfolg. Für die vier Kinder war die Flucht in das französische Metz ein tiefer Einschnitt in ihrem noch so jungen Leben. Herausgerissen aus ihrer gewohnten Umgebung und aus ihrem vertrauten Freundeskreis, mussten sie jetzt in einem Land leben, dessen Sprache sie nicht verstanden. Seitdem Elsass-Lothringen 1918 wieder zu Frankreich gehörte, war dort die deutsche Sprache im Erziehungssystem tabu. Aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse gingen Emanuel Schaffer und seine zwei älteren Schwestern in Metz nicht in die Schule.
In dieser Situation entschied sich die Familie, ins deutschsprachige Saarbrücken weiterzuziehen. Das Saarland war gemäß dem Versailler Vertrag seit 1919 deutsches Gebiet unter Verwaltung des Völkerbundes als Treuhänder. Am 3. August 1934 kam Familie Schaffer in Saar brücken an und wohnte zunächst in der Bahnhofstraße 19. Die Bahnhofstraße war die größte Einkaufsstraße der Stadt mit einem hohen Anteil jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte. Ohne die zahlreichen Geschäfte jüdischer Eigentümer wäre die „Entwicklung der Bahnhofstraße zu einer mondänen Einkaufsstraße […] kaum vorstellbar“ gewesen. Vielleicht war der Geschäftsmann Moses Schaffer aufgrund des „regen jüdischen Lebens“21 in der Saarmetropole zu der Überzeugung gelangt, dass hier ein sicherer Aufenthaltsort für sich und seine Familie sein konnte, wo er für den Lebensunterhalt seiner Familie sorgen konnte und seine Kinder wieder die deutschsprachige jüdische Religionsschule der Gemeinde besuchen konnten. Aber auch im Saarland war die nationalsozialistische Machtübernahme im deutschen Reich nicht ohne Folgen geblieben.
Wenngleich das Saarland und damit auch Saarbrücken zu der Zeit noch immer Mandatsgebiet des Völkerbundes waren und praktisch unter französischer Verwaltung standen, war die Stimmung „schon stark nationalistisch aufgeheizt mit Sympathie und vorauseilendem Gehorsam gegenüber NS-Deutschland“22. Am 28. August zog die Familie in den Saarbrücker Stadtteil Malstatt und dort in die Wilhelm-Meyer-Straße 1. Bereits wenige Monate, nachdem sie in Saarbrücken angekommen war, meldete sie sich am 26. November wieder ab. „In der Kartei ist Polen als neuer Ort angegeben“.23 Wenige Wochen später, am 13. Januar 1935, votierten 90,5 Prozent der saarländischen Bevölkerung im vom Versailler Vertrag bestimmten Volksentscheid über die Zukunft des Gebiets für den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland. Die „Heimkehr der Saar“ erfolgte am 1. März 1935. Unmittelbar danach setzten in dem neu geschaffenen Gau Saarland unter dem Gauleiter Josef Bürckel die nationalsozialistischen Gleichschaltungs- und rassistischen Verfolgungsmaßnahmen ein. Wie zwei Jahre zuvor hatte Moses Schaffer rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und floh erneut mit seiner Familie vor dem nationalsozialistischen Terror. Wäre die Familie im Saarland geblieben, wäre sie bereits im Oktober 1940 auf Befehl des Gauleiters mit den saarländischen und pfälzischen Juden in das südfranzösische Lager Gurs deportiert worden und später nach Auschwitz.
Emanuel Schaffer war zu diesem Zeitpunkt gerade elf Jahre alt. In Saarbrücken hatten er und seine Schwestern in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts die jüdische Schule besuchen können. Sie konnten sich wieder in einer Sprache verständigen, die sie beherrschten. Aber auch das war nur ein kurzes Intermezzo.
Ob die Familie Schaffer nach dem 26. November 1934 direkt nach Polen gereist ist, muss offenbleiben. Die nächsten Jahre liegen komplett im Dunkeln. In den verschiedenen kurzen biografischen Beiträgen über Emanuel Schaffer werden unterschiedliche Jahreszahlen genannt, wann die Familie in ihre alte polnische Heimat zurückgekehrt ist: In einem Interview mit dem „Virtuellen Schtetl“ sagte Emanuel Schaffer, dass der Vater Moses Schaffer nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im März 1936 in das entmilitarisierte Rheinland entschieden habe, nach Porohy/Polen zurückzukehren.24 Auch Piorr datiert die Rückkehr „ins ostpolnische Galizien“ auf das Jahr 1936.25 Borggraefe26 und Lämmer sprechen von einer Ausweisung „als polnische Staatsbürger in ihr Hei-matland“ 193727 und auch Schleicher datiert die Rückkehr „nach Drohobycz“ auf das Jahr 1937.28 Vorsichtiger in der Datierung ist Schröder, die die Rückkehr der Familie nach Polen auf „1936 oder 1937“ legt.29 Lediglich in einem Schreiben des Regierungspräsidenten Münster vom 8. April 1960 zu dem Antrag von Emanuel Schaffer auf Gewährung von Entschädigung wird festgehalten: „[…] bis sie am 26.11.1934 nach Stanisławów/Polen, wo die Erblasser im Jahre 1919 die Ehe geschlossen hatten, zurückgekehrt sind“.30 In seiner eidesstattlichen Erklärung vom 28. Februar 1965 bestätigt Marian Nadel, ein ehemaliger Nachbar aus Drohobycz, dass die Familie Schaffer bereits „im Jahre 1934 oder 1935“ nach Polen zurückgekommen sei.31 Da das einzige vorliegende amtliche Dokument aus Saarbrücken die Abreise aus der Stadt für den 26. November 1934 ausweist, ist davon auszugehen, dass die Familie Schaffer spätestens zu Beginn des Jahres 1935 wieder in Polen wohnte.
Für Emanuel Schaffer und seine Schwestern bedeutete die Flucht nach Galizien keineswegs die Rückkehr in ihre alte Heimat. Ihre Heimat war Recklinghausen, wo sie neun Jahre ihrer Kindheit und Jugendzeit verbracht hatten. Sie waren mit der deutschen Sprache aufgewachsen, die polnische Sprache und auch das Leben in einem Shtetl waren ihnen fremd. Eine Fortsetzung ihrer schulischen Laufbahn war unter diesen Umständen zunächst ausgeschlossen. „Ich brauchte eineinhalb Jahre, meine Schwestern sogar noch etwas länger, bis wir so gut polnisch konnten, daß uns die Schule aufnahm“.32 Vermutlich kam eine jüdische Schule, wo auf Jiddisch gelehrt wurde, für die Schaffers nicht infrage. Emanuel besuchte vom Ende des Jahres 1936 bis August 1938 die Volksschule in Stanisławów und im Anschluss von 1938 bis 1941 die technische Mittelschule in Drohobycz.
Nachdem die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfallen hatte, lebten die Schaffers in der von der Roten Armee besetzten Region in relativer Sicherheit. Am 23. August 1939 hatten die Sowjetunion und Nazi-Deutschland einen Nichtangriffspakt geschlossen (Hitler-Stalin-Pakt), der einerseits dem Deutschen Reich die Neutralität der Sowjetunion bei einem Krieg Deutschlands mit Polen und den Westmächten zusicherte und andererseits u. a. Ostpolen zum sowjetischen Interessengebiet erklärte. Am 17. September 1939 begann die sowjetische Armee mit der Besetzung Ostpolens. Die Schaffers lebten damit zwar unter sowjetischer Besatzung, waren aber noch geschützt vor der antisemitischen Verfolgung durch die Deutschen. Aber auch unter der sowjetischen Besatzung war das jüdische Alltagsleben in Galizien geprägt von politischen Restriktionen. Prominente Juden der Stadt wurden als Kapitalisten verhaftet und in die Sowjetunion deportiert.33
In Drohobycz konnte Emanuel Schaffer endlich wieder seiner Leidenschaft Fußball nachgehen. Er wurde Mitglied der Fußballmannschaft des jüdischen Klubs Betar Drohobycz, einem Klub der revisionistischzionistischen Jugendbewegung, der sich 1910 gegründet hatte.34 Ein Bild aus dem Jahr 1939 zeigt ihn im Kreis seiner Mannschaft (obere Reihe, Dritter von links). 25 Jahre später teilte er einer israelischen Zeitung mit, dass er als 16-Jähriger eigentlich nicht spielberechtigt gewesen sei und deswegen für ihn ein fingierter Spielerausweis unter einem falschen Namen ausgestellt wurde.35
Emanuel Schaffer bei Betar Drohobycz.
Quelle: Virtuelles Shtetl
Der Pakt mit Stalin hatte es Hitler ermöglicht, ohne Angst vor einer zweiten Front die Beneluxstaaten zu überfallen und zu besetzen sowie in Frankreich und in Teilen Skandinaviens einzumarschieren. Die Sowjetunion erweiterte ihr Einflussgebiet durch die Eroberung und Besetzung des Baltikums, Bessarabiens und der Nord-Bukowina. Hitler war der Überzeugung, dass sich der Kampf um die Hegemonie über Europa jedoch nicht im Krieg gegen die Westmächte entscheiden würde, sondern im „Krieg um den Lebensraum“ gegen die Sowjetunion. Am 18. Dezember 1940 wies er in seiner „Weisung 21“ die deutsche Militärführung an: „Die deutsche Wehrmacht muss darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen (Fall Barbarossa)“.36 Der geplante Krieg gegen die Sowjetunion war für Hitler von Beginn an ein rassenideologisch motivierter „Vernichtungskrieg“, wie er in einer Geheimrede am 30. März 1941 den 250 anwesenden Generälen, die die rund drei Millionen Soldaten des Ostheeres befehligen sollten, deutlich machte. Unmittelbar vor dem Angriff auf die Sowjetunion wurden die Soldaten mit einem „Kommissarsbefehl des Oberkommandos der Wehrmacht“ auf die Kriegsführung im Osten ideologisch eingestimmt. Danach verlange der Kampf gegen den Bolschewismus „als Todfeind des nationalsozialistischen Volkes“ ein „rücksichtsloses und energisches Durchgreifen“ und die „restlose Beseitigung jedes aktiven und passiven Widerstandes“. Da im NS-Sprachgebrauch „Bolschewist“ und „Jude“ auswechselbar waren, bezogen sich diese Verhaltensrichtlinien quasi automatisch auch auf den „Kampf“ gegen Juden.37
Am 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht „mit 153 Divisionen in drei Heeresgruppen, das waren drei Millionen Mann mit 600.000 Kraftfahrzeugen, 500.000 Pferden, 3.350 gepanzerten Fahrzeugen und 7.200 Geschützen“ die Sowjetunion.38 Wie in anderen Ortschaften Ostpolens und in den baltischen Staaten, die seit 1939 von den Sowjets besetzt waren, stachelten die neuen Besatzer auch in Drohobycz die Bevölkerung an, an Juden als Kollaborateuren der Sowjetunion „Rache“ zu nehmen. Dies war vor dem Hintergrund des in diesen Regionen verbreiteten Antisemitismus eine zynische, aber erfolgversprechende Taktik.39
Am 30. Juni wurde Drohobycz von der deutschen Wehrmacht erobert. Innerhalb von drei Tagen wurden über 400 jüdische Einwohner der Stadt von Ukrainern und Polen unter tatkräftiger Hilfe deutscher Soldaten ermordet. Diesem ersten Pogrom folgten Ausgangsbeschränkungen für die jüdische Bevölkerung und weitere Restriktionen. Vom 20. September 1941 an mussten sie am rechten Arm sichtbar weiße Armbänder mit dem blauen Davidstern tragen. Es folgten die Ermordung von 300 Juden am 30. November, Hungertod und Seuchen, bis es im März 1942 zur Vernichtung von 2.000 Drohobyczer Juden im kurz zuvor errichteten Vernichtungslager Belzec kam.40
In verschiedenen Befehlen hatte die Wehrmachtsführung ihren Soldaten zu verstehen gegeben, dass auch Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung von der deutschen Militärgerichtsbarkeit nicht verfolgt werden würden.41 Bekannt geworden ist zum Beispiel ein Fall im benachbarten Lemberg. Dort hatten die Sowjets vor dem Rückzug aus der Stadt mehrere im Gefängnis Inhaftierte umgebracht. Die neue deutsche Besatzung beschuldigte nun „die Juden“, für dieses Verbrechen verantwortlich zu sein; daraufhin fand unter Teilnahme der Wehrmacht im Lemberger Ghetto ein Pogrom statt, bei dem Hunderte von Juden ermordet wurden. Dort wurden übrigens einige Monate später auch zwei berühmte jüdische Fußballspieler, die früher der polnischen Nationalmannschaft angehört hatten, Leon Sperling und Zygmunt Steuermann, ermordet.42
Flucht nach Alma Ata
Emanuel Schaffer „war in der Schule, als die Nachricht“ vom Einmarsch der deutschen Truppen kam. In einem späteren Interview beschrieb er seine damalige Reaktion folgendermaßen: „Die Russen sind weggelaufen, also bin ich einfach mitgelaufen“.43 Gezeichnet von Krankheiten, erreichte er Baku in Aserbaidschan. Genaueres über diese mehr als 2.000 Kilometer lange Flucht Richtung Osten, die ganz sicher entbehrungsreich und kräftezehrend war, ist nicht überliefert. In Baku arbeitete Schaffer die folgenden zwei Jahre in einer Schuhfabrik, die für die sowjetische Armee produzierte. Von dort floh er weiter nach Alma Ata in Kasachstan, wieder mehr als 2.000 Kilometer weiter östlich. Dort landete er in einem vom NKWD (Geheimpolizei der UdSSR) kontrollierten Flüchtlings- bzw. Arbeitslager. Emanuel Schaffer wurde Mitglied der Lager-Fußballmannschaft, die, vom Kommandanten organisiert, Spiele gegen andere Lager- oder Lokalmannschaften austrug. Nach seinen eigenen Angaben spielte er in der Fußballmannschaft der Schuhfabrik des Lagers. In einem anderen Interview erzählte er, dass „die Russen“ ihn zuerst nach Nowosibirsk deportierten, er dort zwei Jahre lang Bäume fällte, bevor er erst im Jahr 1943 nach Alma Ata verlegt wurde, wo er zuerst für Spartak Alma Ata, dann für Dynamo Alma Ata spielte.44 Im Interview mit der israelischen Zeitung „Haaretz“ sprach er davon, dass er in der russischen Oberliga gespielt habe.45 Bei den Spielen ging es nicht nur um den sportlichen Erfolg. Die zusätzlichen Lebensmittel, die die Spieler erhielten, waren überlebenswichtig.46 In dieser Zeit erfuhr er von seiner Tante Luisa, dass seine Eltern und seine drei Schwestern von den Deutschen ermordet worden waren.47
Emanuel Schaffer wurde zu seinem Fluchtweg und zu seinen Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs bei verschiedenen Gelegenheiten und mit teils erheblichem zeitlichen Abstand befragt. Die daraus überlieferten Erinnerungen stimmen in manchen Details nicht überein, und etwaige Differenzen aufzuklären, scheint inzwischen unmöglich. Dennoch sind die Konturen seiner Fluchtgeschichte klar.
Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Ostpolen war die Familie Schaffer in das Ghetto Stanisławów bei Drohobycz deportiert worden. Zu diesem Zeitpunkt lebten dort ca. 40.000 Juden. Wenige Monate später fand eine erste Massenerschießung statt, geleitet von einem SS-Offizier namens Krüger. Am Morgen des 12. Oktober 1941 „mussten sich etwa 20.000 Juden an den verschiedenen Plätzen sammeln“ und wurden von „Polizisten und ukrainischen Hilfspolizisten zum jüdischen Friedhof“ getrieben. „An zwei vorbereiteten Gruben mussten sich
