Emilia - Gefangen zwischen Liebe und Tod - Julia Lindberg - E-Book

Emilia - Gefangen zwischen Liebe und Tod E-Book

Julia Lindberg

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Beschreibung

Lilly fährt mit ihrer Freundin Clara in den Sommerurlaub nach San Remo. Obwohl sie schwören könnte, noch nie in ihrem Leben in Italien gewesen zu sein, wirkt ihr Urlaubsort seltsam vertraut auf sie. Lilly kann das unheimliche Gefühl nicht einordnen. Durch Zufall trifft sie Luca, zu dem sie sich spontan hingezogen fühlt. Er erwidert ihre Liebe, doch dann geschehen Dinge, die Lilly zunehmend verunsichern. Was hat Luca zu verbergen? Unaufhaltsam wird Lilly in einen Strudel aus Macht und Gewalt gezogen, in dem eine Frage immer drängender wird: Ist Luca ihr Feind oder ihr Beschützer?

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Liebe kann äußerst gefährlich sein, sie hat ihre eigenen Regeln.

Sie kann zerstörerisch sein und dein Herz brechen.

Dieses Buch widme ich voller Liebe meinen drei Engeln

L.D., M.D. und L.D.

Auch wenn ihr es jetzt noch nicht versteht,

so werdet ihr es irgendwann tun.

Inhalt

Sommerurlaub

Italien

Bordighera

Die Begegnung

Luca und Matteo

Rocchetta Nervina

Lucas Eltern

Wie ein Gespenst

Aurelia

Emilia

Luca

Geheimnisse

Menton

Alfredo

Der Auftrag

Ungewolltes Treffen

Kampfansage

Ablenkung

Sehnsucht

Schlechte Nachrichten

Tod oder Liebe

Das Zusammentreffen

Todesangst

Claras Überraschung

Leonardo

Der vorletzte Tag

Der Abschied

Der Tag der Abreise

Der Don

Das Wiedersehen

Man sieht sich immer dreimal …

Neuanfang

Danksagung

Sommerurlaub

Der letzte Tag an der Uni. Alle Prüfungen waren bestanden und der Sommer lag vor mir.

Ich holte dreimal tief Luft und spürte dabei, wie der Stress der letzten Wochen immer mehr verschwand. Nie wieder würde ich lernen müssen. Endlich!

Mit einem Strahlen im Gesicht verließ ich selbstbewusst das Unigelände und stieg mit Leichtigkeit in mein kleines Studentenauto, welches auf dem überfüllten Parkplatz stand. Der schwarze VW Beatle war mein ganzer Stolz. Ich hatte ihn zu Beginn meines BWL- Studiums von meinen Eltern bekommen, die mir so zeigen wollten, dass sie mich immer unterstützten.

Ich war überglücklich, aber auch planlos, was ich in den nächsten Wochen mit meiner neugewonnenen Zeit anstellen sollte. Am liebsten würde ich bis ans andere Ende der Welt fahren, weit weg von den Büchern und der Uni. Die letzten Tage hatten mich fertig gemacht, eine Klausur jagte die andere, sodass man am Schluss nicht einmal mehr wusste, welche man gerade überhaupt schrieb.

Mit heruntergelassenen Scheiben und lauter Musik fuhr ich zu meiner WG. Ich war offensichtlich nicht die Einzige, die nach Hause wollte und es dauerte, bis das Wohnhaus in dem ich lebte, vor mir auftauchte. Nachdem ich die Wohnung betreten hatte, schleppte ich mich müde in mein Schlafzimmer und ließ mich auf mein bequemes Bett fallen.

Der Anblick der ganzen Unterlagen aus dem letzten Semester nervte mich. Sie lagen auf dem Fußboden verteilt und stapelten sich in dem Mülleimer unter meinem Schreibtisch, der dringend geleert werden musste. Ganz zu schweigen von den endlosen Klamottenbergen, die sich in den Ecken meines Zimmers auftürmten.

In mir lebte das Chaos, was sich eins zu eins in meinem Zimmer widerspiegelte.

Die kleine Studentenwohnung, die außerhalb meines Zimmers aufgeräumt war, teilte ich mir mit Clara. Jede von uns hatte natürlich ihr eigenes Reich, sodass wir nur die Küche, das Wohnzimmer und das Bad gemeinsam nutzten.

Clara war eine Kommilitonin von mir und gleichzeitig meine beste Freundin. Wir hatten uns im Studium kennengelernt und von Anfang an gut verstanden. Sie war genauso durchgeknallt wie ich, nur etwas ordentlicher und organisierter. Ich war froh, dass ich sie kannte. Wir ergänzten uns einfach super. Im Gegensatz zu mir hatte sie strahlend blaue Augen, blonde lange Haare, lange Beine und immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Ich hingegen, bin eher der dunkle Typ, lange dunkelbraune Haare, dunkler Teint, ungeduldig und schnell reizbar. Ich kann nicht genau sagen, woher ich diese Gene habe, mein Vater ist zwar auch dunkelhaarig, hat aber eher eine helle Haut, meine Mutter ist ebenfalls hellhäutig dabei aber strohblond.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als ich hörte, wie sich plötzlich die Wohnungstür öffnete und Clara hereinkam.

»Lilly«, rief sie aufgeregt. »Lilly … hast du dir schon Gedanken gemacht, was wir diesen Sommer machen können?« Clara war nicht zu bremsen und völlig euphorisch. Aber so kannte ich sie.

Ich quälte mich langsam von meinem bequemen Bett hoch, stieg mühsam über einige Unterlagen und ging in die Küche zu Clara, die gerade dabei war, die Einkäufe in die jeweiligen Schränke zu sortieren.

»Eigentlich habe ich das noch nicht«, gab ich zurück, nachdem ich ihr einige Sekunden zugesehen habe.

»Nicht schlimm«, erklärte sie strahlend. »Ich habe eine super Idee für uns beide.« Sie sah mich hoffnungsvoll an. Noch bevor ich die Chance hatte, sie danach zu fragen, sprudelte es auch schon aus ihr raus. »Was hältst du davon, wenn wir mit dem Auto nach Italien fahren … ans Meer? Wir haben keine Uni mehr und viel Zeit«, stellte sie fest, obwohl ich das auch selbst wusste.

»Vor kurzem gab es einen tollen Bericht über die italienische Blumenküste »Ligurien« im Fernsehen. Es ist wunderschön dort. Die Sonne scheint jeden Tag, das Meer ist dunkelblau gefärbt und glasklar, sodass man den Grund sehen kann, die Luft leicht salzig und es weht immer eine erfrischende Brise.«

Sie kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus und ihre Augen wurden mit jedem Satz immer größer. »Es gibt Palmen, Kakteen und in jedem Garten wachsen dunkelrosa Bougainvillea-Sträucher und Oleander in verschiedenen Farben. Wir könnten auf der Hinfahrt einen Zwischenstopp in Mailand einlegen. Mailand, Lilly! Hast du das gehört?« Sie stellte sich vor mich und legte ihre Hände auf meine Schultern, um an mir zu rütteln. »Die Hauptstadt der Mode und der Models.«

Ich sah Clara überrascht an. Italien, dachte ich. Mit Italien kann ich gar nichts anfangen. Ich bin noch nie in Italien gewesen. Keine Ahnung warum. Meine Eltern hatten mit mir fast ganz Europa bereist. Bis jetzt hatte sich jedoch nicht die Gelegenheit ergeben, nach Italien zu fahren. Warum eigentlich nicht? Ich kannte das Land nicht und freute mich immer über neue Orte, Kulturen, fremde Menschen und ich liebte Pizza und Pasta.

Clara sah mich immer noch hoffnungsvoll mit großen Augen an. »Lilly, sag doch was!« »Ja, äh, warum eigentlich nicht? Hauptsache weg vor hier.«

Clara sprang vor Freude in die Luft und umarmte mich überglücklich. Aufgeregt verließ sie die Küche, wobei sie die eingekauften Lebensmittel achtlos liegen ließ, ging in ihr Zimmer und setzte sich gleich an ihren Computer, um nach einer günstigen Ferienwohnung für uns zu suchen.

Plötzlich stand ich alleine vor den vielen Einkaufstaschen in der Küche, schüttelte den Kopf und begann den Rest in Ruhe in die Schränke zu räumen.

Es dauerte nur eine halbe Stunde bis sie mit ihrem Laptop in meinem Zimmer stand und mir stolz die Wohnungsannonce präsentierte, die für uns beide finanziell in Frage kommen könnte.

Gespannt betrachtete ich den Bildschirm. Ich merkte an Claras Stimme, dass sie sehr aufgeregt war. »Die Ferienwohnung liegt in einem kleinen Dorf in der Nähe von San Remo, fast an der französischen Grenze und kurzfristig wäre diese auch für uns verfügbar«, erklärte sie.

Wir sahen uns gemeinsam die Fotos von der Wohnung und der Umgebung an. Ich konnte Claras Gedanken lesen und erkannte ihre verkrampfte Miene. Sie betete innerlich, dass ich ihrem Vorschlag zustimmte.

Die Wohnung war schön, sie hatte mit ihren 33 qm genau die richtige Größe für uns, außerdem einen kleinen Garten. Da sie etwas oberhalb auf einem Hügel lag, konnte man sowohl von der Terrasse als auch vom Pool auf das Meer sehen. Der Strand war in zehn Minuten zu erreichen.

Kurz fing ich an zu träumen. Ich spürte die Sonne auf meiner Haut. Wie gerne würde ich nach dem Stress am Pool liegen und auf das ewig weite Meer schauen.

Um es spannender zu machen, wartete ich einen kurzen Moment, bevor die Worte wie von selbst aus mir heraus kamen. »In Ordnung, die Wohnung gefällt mir!«

Clara sprang auf und warf sich voller Freude mit aller Wucht an meinen Hals, sodass ich beinahe von der Couch fiel. »Wie toll, ich freue mich. Ich weiß jetzt schon, das wird der schönste Urlaub in unserem Leben.«

»Ich freue mich auch«, stimmte ich ihr zu. »Doch du musst zugeben, dass das sehr spontan ist. Bis vor einer Stunde hatte ich noch keine Idee, was ich diesen Sommer anfangen soll und jetzt sitzen wir schon fast im Auto nach Italien. Lass mich noch kurz mit meinen Eltern sprechen, bevor wir buchen. Mein Vater hat auch immer gute Ideen, was Urlaubsschnäppchen angeht.«

Ich bemerkte, dass Claras Lächeln abrupt verschwand und sich ihr euphorischer Tonfall in einen trockenen änderte. »In Ordnung, aber heute Abend müssen wir spätestens buchen, sonst ist die Wohnung vielleicht weg.«

Ich notierte mir die Nummer der Annonce und Clara wünschte mir beim Verlassen der Wohnung noch viel Glück. Schnell stieg ich in meinen Beetle und machte mich auf den Weg zu meinen Eltern.

Meine Eltern lebten in einem kleinen Häuschen in einem ruhigen Wohngebiet am Stadtrand von Frankfurt, nicht weit von unserer WG entfernt. Noch vor wenigen Jahren hatten sie im Stadtteil Sachsenhausen, in einer Altbauwohnung im vierten Stockwerk, ohne Fahrstuhl gewohnt. Die Wohnung war schön, hatte hohe Wände, die aufwendig mit Stuck verziert waren, doch die Treppen bis dahin waren mühsam. Ich schnaufte jedes Mal wie eine Dampflok, bis ich die Wohnungstür meiner Eltern erreicht hatte. Zusätzlich kam das Parkplatzproblem dazu. Trotz Anwohnerparkausweis hatten sie selten Glück, direkt vor dem Haus einen freien Platz zu finden.

Seit fünf Jahren wohnten sie jetzt in einem Wohngebiet, das ausschließlich aus Einfamilienhäusern besteht und fühlten sich dort sehr wohl. Meine Mutter musste die Einkäufe nicht mehr durch etliche Stockwerke schleppen und mein Vater konnte sein Talent im Garten unter Beweis stellen.

Nachdem ich mein Auto vor dem Haus geparkt hatte, konnte ich sehen, dass meine Mutter dabei war, im Vorgarten das Unkraut zu entfernen. Als sie mich bemerkte, ließ sie alles stehen und liegen, kam mit einem Strahlen im Gesicht auf mich zu, nahm mich in den Arm und drückte mich an sich. Ich freute mich meine Mutter zu sehen. Sie ist der herzlichste und liebste Mensch den ich kenne.

»Schön, dass du vorbeikommst und nach uns schaust. Dein Vater ist im Wohnzimmer, geh schon einmal zu ihm, ich komme gleich nach.«

Mein Vater saß mit einer Tasse Kaffee auf unserer alten schwarzen Ledercouch und las entspannt die Tageszeitung. Er war so ins Lesen vertieft, dass er mich nicht gleich bemerkte.

»Papa«, überfiel ich ihn »Ich wollte dich fragen, ob du mir einen Rat geben kannst?« Mein Vater schreckte hoch und schaute mich überrascht an.

»Was ist passiert?«, erkundigte er sich skeptisch. Ich konnte ihm ansehen, dass er nicht wusste, wie er auf meinen Überfall reagieren sollte.

Aufmerksam hörte er mir zu, während ich ihm von unserem Plan berichtete. Die Worte überschlugen sich voller Aufregung.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis er sich plötzlich merkwürdig verhielt. Nachdem ich ihm von unserem bevorstehendem Urlaub erzählt hatte, schüttelte er den Kopf.

Ich bekam noch nicht einmal die Gelegenheit, ihm die Internetannonce mit den schönen Fotos zu zeigen.

»Papa, was ist auf einmal los mit dir? Findest du es keine gute Idee für unseren Sommerurlaub?«

Mein Vater faltete die Zeitung langsam zusammen und legte sie zur Seite. Sein Blick war auf mich gerichtet. »Lilly«, begann er mit einem ernsten Ton. »Ich möchte nicht, dass du dahin fährst!«

Ich verstand meinen Vater nicht. »Würdest du mir auch sagen warum? Italien liegt in Europa. Hast du Angst, dass mir etwas passiert?«

Ich war ratlos. Seine Gesichtszüge verdunkelten sich aus unerklärlichen Gründen immer mehr und sein Ton wurde streng.

»Lilly, akzeptiere es einfach. Ich möchte es nicht!«

In der selben Sekunde, in der er dies aussprach, betrat nichtsahnend meine Mutter das Wohnzimmer. »Was ist denn hier los?«, fragte sie und betrachtete erst mich und dann meinen Vater.

»Aus irgendeinem Grund, den Papa mir nicht nennen will, verbietet er es mir, nach Italien zu fahren.«, erklärte ich ihr und hoffte dabei, dass sie mir sagen könnte, was los war.

Verwirrt drehte sie sich in die Richtung ihres Mannes. »Tom, wieso lässt du unsere Tochter nicht nach Italien fahren? Es ist doch ein schönes Land. Lilly war doch schon öfters mit ihren Freundinnen im Ausland.«

Bei ihren Worten wurde er immer wütender. So kannte ich meinen Vater nicht. Es gab immer Themen, die er nicht gut fand und über die er nicht sprechen wollte. So ging es Mama und mir auch. Er war aber auch jemand, mit dem man über alles reden konnte. Nur bei dem Thema Italien machte er dicht.

Meine Mutter setzte sich zu ihm auf die Couch und legte zärtlich ihren Arm um seine Schultern. »Tom«, gab sie in einem ruhigen Ton seinen Namen von sich. »Unsere Tochter hat uns nie enttäuscht. Wir können uns auf sie verlassen und sie hat gerade ihren Uniabschluss bestanden. Warum willst du ihr den Wunsch nicht erfüllen?«

»Elsa!«, erklärte er immer noch gereizt, löste ihren Arm und stand sauer von der Couch auf. »Das weiß ich alles und auch, dass Lilly mittlerweile erwachsen ist und machen kann was sie will. Aber ich möchte nicht, dass sie in dieses Land fährt! Sie kann doch woanders hinfahren. Holland ist doch auch sehr schön und die Holländer sprechen zum größten Teil deutsch, sollten die beiden Mädels mal Probleme haben. Dort gibt es auch ein Meer, wenn es den beiden so wichtig ist.«, erklärte er mit energischer Stimme. Meine Blicke verfolgten meinen Vater, wie er nervös durch das Zimmer lief.

»Papa«, flehte ich ihn an. »Ich möchte nicht nach Holland, es kommt mir vor, als würde ich jede Ecke dieses Landes kennen, da wir unsere meisten Familienurlaube dort verbracht haben.«

Mein Vater ging nicht auf meinen Einwand ein. Er schenkte mir keinerlei Beachtung und lief auch nach einer Ewigkeit noch im Wohnzimmer auf und ab.

Ich merkte, dass es keinen Sinn machte, weiter mit ihm über das Thema Italien zu sprechen. Ich war davon überzeugt, dass er seine Meinung nicht ändern würde. Sauer stand ich auf und verließ das Haus, ohne mich von meinen Eltern zu verabschieden. Die Haustür schmiss ich beim Rausgehen noch zu und fuhr zu Clara in die WG.

Die Reaktion meines Vaters ging mir dabei nicht aus dem Kopf. Er war plötzlich so wütend gewesen. Sonst freute er sich immer mit mir und unterstützte mich, wo er nur konnte.

Ich hoffte, dass meine Mutter ihn davon überzeugen konnte, dass Italien kein gefährliches Land ist.

Kaum hatte ich die Tür der WG aufgeschlossen, stürmte Clara mit ihrer gewohnten guten Laune auf mich zu und betrachtete mich mit einem hoffnungsvollem Ausdruck in den Augen.

»Sollen wir buchen? Ich habe mit meinen Eltern gesprochen und sie freuen sich, dass wir noch kurzfristig ein Schnäppchen gefunden haben. Meine Mutter meinte sogar, dass sie am liebsten mit uns fahren würde.«

Als Clara von ihren Eltern erzählte, betrachtete ich traurig den Boden.

»Was ist los?«, fragte sie mitfühlend. »Hatte dein Vater keine guten Tipps?«

»Meine Mutter freut sich, nur mein Vater hat sich nicht so verhalten, wie ich es erwartet hatte. Er möchte nicht, dass wir nach Italien fahren. Ich weiß aber nicht warum. Er war plötzlich total sauer.«

Clara nahm mich liebevoll in den Arm und drückte mich an sich.

»Und was machen wir jetzt?«

»Meine Mutter versucht mit ihm zu sprechen. Sie ist auch von seiner Reaktion total überrascht. Was hat er nur für ein Problem mit Italien?«

Ich dachte über die wenigen Minuten nach, die ich bei meinen Eltern verbracht habe. Clara hingegen wartete darauf, dass ich das Schweigen brach.

»Ich bin eine erwachsene Frau. Wir buchen!«

»Wirklich?«

»Ja«, antwortete ich in einem sicheren Ton.

Kurz schien Clara noch unsicher zu sein, verschwand aber nach wenigen Minuten in ihrem Schlafzimmer um die Reise zu organisieren. Als ich meiner Freundin hinterher sah, machte sich ein schlechtes Gefühl in mir bemerkbar.

Am nächsten Samstag wollten wir uns auf den Weg machen. Von morgens bis abends war Clara damit beschäftigt, ihren Koffer zu packen. Ich merkte, wie sehr sie sich auf den Urlaub freute. Sie stand ununterbrochen vor dem großen Spiegel im Flur und probierte ihre schönsten Sommerkleider an. Mit guter Laune wirbelte sie singend und tanzend den ganzen Tag durch unsere Wohnung.

Meine Freude war zwiegespalten. Mir fehlte innerlich das Okay von meinem Vater. Ich hatte kein gutes Gefühl, wenn er mit meiner Entscheidung nicht einverstanden war.

Auch jetzt konnte ich seine Reaktion nicht nachvollziehen. Sonst war es immer meine Mutter, die Angst um mich hatte und sich Gedanken machte.

Welches Problem hatte mein Vater mit Italien?

Die Tage gingen schnell vorbei. Meine Mutter hatte ihr Glück noch einmal versucht, mit meinem Vater zu sprechen, aber sie konnte ihn leider nicht überzeugen.

Ganz im Gegenteil, er hatte bis zum letzten Tag nicht damit aufgehört es zu probieren, mich von unserer Reise abzuhalten.

Am Abend vor unserer Abreise beluden wir das Auto.

»Nur noch wenige Stunden, dann werden wir uns auf den Weg machen«, verkündet Clara und klatschte begeistert in die Hände.

Die Reise konnte beginnen … Eine Reise, die ich in meinem ganzen Leben nicht mehr vergessen würde.

Italien

Mitten in der Nacht wurde ich durch das schrille Klingeln meines Weckers aus dem Bett geworfen. Ich schleppte mich müde und mit zerzausten Haaren ins Badezimmer, um mich für die Fahrt fertig zu machen. Clara war bereits aufgestanden und stand in der Küche, um den Proviant vorzubereiten. Ich hörte das Radio laufen und Clara, die zu den Liedern aus dem Sender mitsummte. Langsam begann ich, meine Idee mit dem »früh losfahren« zu bereuen.

Obwohl es eine lange Autofahrt war, hatte ich gute Laune. Ich freute mich schon auf unsere Ferienwohnung, das Meer und den Strand. Gemeinsam schmiedeten Clara und ich Pläne, für unsere ersten Urlaubstage. Wir waren voller Tatendrang, woran auch die stark befahrene Autobahn nichts ändern konnte.

Wir fuhren quer durch die Schweiz an zahlreichen Seen und Dörfern vorbei. Die Sonne war gerade dabei, hinter den Bergen langsam aufzugehen. Die saftig grünen Wiesen, die Berge mit ihren weißen Schneespitzen und die orange gefärbte Sonne. Ich schaute aus dem Fenster und genoss den Anblick der wunderschönen Landschaft.

Die Straße des Gotthardpasses war extrem kurvig und führte uns über 1500 Höhenmeter an vereinzelten vom Winter übrig gebliebenen Schneehaufen vorbei. Clara krallte ihre Hände ins Lenkrad und konzentrierte sich auf die Straße, um jedem dicken Wohnmobil auszuweichen, das uns auf der schmalen Serpentine entgegenkam.

Erst als wir oben auf dem Berg ankamen, konnte ich Claras Erleichterung im Gesicht erkennen. Mir ging es jedoch nicht anders.

Für unseren ersten Zwischenstopp suchten wir uns eine schöne Stelle auf einem Parkplatz, mit tollem Ausblick. Ich öffnete die Autotür und stieg langsam aus. Meine Beine taten vom langen Sitzen weh und fühlten sich steif an. Clara kam wackelig auf mich zu gelaufen und lächelte mich zufrieden an.

Ich spürte, wie die kühle Bergluft meinen Körper umhüllte, atmete mehrmals tief durch und bekam neue Energie. Gleichzeitig wurde ich neugierig von den braun gescheckten Kühen beobachtet, die gemütlich und zufrieden auf der Weide standen und das frische grüne Gras fraßen.

Bevor ich die Gelegenheit hatte, etwas zu sagen, rannte Clara bereits durch die Gegend, machte Fotos von der schönen Bergkulisse und den Bergseen. Auch von mir landeten ein paar Schnappschüsse auf ihrem Handy, mit Hotpants, einem engen Top und Flip-Flops im Schnee. Klar waren meine Klamotten unpassend für meine Umgebung, ich war bereits sommerlich für Italien angezogen. Woher sollte ich ahnen, dass ich auf dem Weg in den Sommerurlaub mitten im Schnee stehen würde?

Ich lief ein paar Schritte, um meine Muskeln aufzulockern. Als ich mich streckte, schweifte mein Blick ins Tal vor mir.

Mein Vater kam mir kurz in den Sinn. Wieso konnte er sich nicht freuen?

Während der Fahrt hatte ich keine Zeit gehabt, mich wieder mit ihm auseinanderzusetzen. Und auch jetzt schob ich den Gedanken schnell wieder zur Seite. Ich wollte mir nicht schon wieder den Kopf über etwas zerbrechen, woran ich eh nichts ändern konnte. Vielleicht würde er mir ja den Grund sagen, wenn wir wieder in Deutschland waren.

Clara riss mich aus meinen Gedanken, indem sie mir einen Schneeball an den Kopf warf.

»Aua!«, schrie ich und erschreckte mich gleichzeitig.

»Lilly, … es ist wunderschön hier. Schau, die Kühe, mit ihren großen Glocken um den Hals.« Clara machte Luftsprünge vor Freude. Die Stille wurde einzig vom Geläute der Kuhglocken unterbrochen. Wir setzten uns gemütlich auf einen Felsen und machten unser erstes Urlaubspicknick, während wir die Aussicht genossen und von der Fahrt für einen kurzen Moment entspannten.

Nach einiger Zeit drehte sich Clara zu mir und sah sie mich fragend mit müden Augen an.

»Was ist los?«, erkundigte ich mich.

»Ist es schlimm, wenn wir an Mailand vorbei und direkt zu unserer Wohnung fahren? Ich möchte irgendwann mal ankommen.« Noch vor wenigen Minuten hatte ich auch kurz darüber nachgedacht. Wir einigten uns darauf, bis zu unserem Urlaubsziel durchzufahren, ohne weiteren Zwischenstopp.

Ich war froh und erschöpft, als ich endlich von der Autobahn aus das Meer am Horizont sehen konnte. Seit der Schweiz waren wir noch einige Stunden gefahren, bis wir schließlich in den Ort, in dem unsere Ferienwohnung lag, hineinfuhren. Es war ein kleiner Küstenort namens Monorolo, der vor der Stadtgrenze von San Remo lag.

Die Ortsstraße war chaotisch voll mit kleinen italienischen Autos und unzähligen Vespas.

Claras Blick auf die Straße wirkte wieder starr und hoch konzentriert und ihre Hände lagen fest um das Lenkrad. Der Verkehr kam mir ungeregelt und durcheinander vor. Als wir in den überfüllten Kreisel kamen, fuhren gleich fünf weitere Vespas mit uns, ohne Rücksicht auf Vorfahrt. Ich konnte absolut mitfühlen, wie Clara die letzten Meter bis zu unserem Ziel gelitten hat.

Als sie das Auto vor unserer Unterkunft auf einem großen Parkplatz abstellte, schauten wir beide uns entkräftet an.

»Wir haben es geschafft.« Ich stieg aus dem Auto, meine Knochen schmerzten noch von der Fahrt. Auch Clara stiegt verkrampft aus. Doch das hinderte uns nicht daran, uns neugierig umzusehen. Der Parkplatz war von unzähligen Beeten umsäumt, in denen sich kleine Palmen und bunte Blumen befanden. Von ihm führten Wege in unterschiedliche Richtungen, die aus weißen Schottersteinen bestanden. Die Häuser, die ich sehen konnte, waren in hellen Farben gestrichen.

Die schweren Koffer ließen wir vorerst noch im Auto und machten uns auf die Suche nach unserer Unterkunft.

Die Anlage bestand aus privaten Ferienwohnungen, die teils von den Eigentümern an Feriengäste vermietet wurden.

Neugierig liefen wir durch den mediterran gestalteten Garten an Zitrusbäumen und Blumenbeeten vorbei. Unsere Blicke waren dabei auf die Nummernschilder der Türen gerichtet, bis wir letztendlich vor unserer Nummer 1001 stehen blieben. Unser Vermieter Paolo hatte uns per Mail geschrieben, dass er den Wohnungsschlüssel unter die Fußmatte legt.

Mein Bauch kribbelte voller Neugierde, als Clara den Schlüssel im Türschloss umdrehte und die Wohnungstür öffnete.

Mit aufgerissenen Augen betraten wir gespannt unsere Bleibe für die nächsten Wochen. Die Wohnung lag, wie in der Internetannonce beschrieben, auf einem Berg etwas oberhalb des Meeres. Gleich rechts vom Flur befand sich unser Schlafzimmer mit einem großen Bett für uns beide. In der linken Ecke stand ein kleiner Kleiderschrank und an den Wänden hingen gemalte Bilddrucke aus den 50er Jahren von San Remo. Nebenan befand sich das kleine und schlichte Badezimmer, das in weiß und hellblau gehalten war.

Das Herzstück der Wohnung war der Wohn- und Essbereich mit einer Terrassentür, die in den angrenzenden privaten Garten führte. Auf dem Esstisch stand ein Strauß Blumen und vor den Fenstern hingen bunte Gardinen. Der Küchenbereich war zwar klein, doch er reichte aus. Schließlich würde man eh nicht sehr oft hier essen.

Als ich aus dem großen Fenster durch die Küche auf die Terrasse blickte, kam ein Glücksgefühl in mir auf. Die anstrengende Fahrt war in dem Moment vergessen, als ich das dunkelblaue glitzernde Meer sah. »Clara«, war ich es nun, die aufgeregt schrie. »Wir haben es geschafft, wir sind endlich angekommen!« Überglücklich umarmten wir uns und gingen in unseren eigenen Garten, der mit einem kleinen Zaun zu den anderen Grundstücken abgetrennt war.

»Es ist so schön hier«, jubelte Clara, nachdem sie sich einmal im Kreis gedreht hatte.

Noch bevor wir unser zurückgebliebenes Gepäck aus dem Auto luden, suchten wir gespannt und voller Freude den Pool, der nur wenige Meter entfernt war.

Die Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen. Wir zogen unsere Bikinis an und sprangen ins Wasser, schwammen um die Wette, spritzten uns gegenseitig nass und genossen unsere Ankunft.

Nach einer Weile tauchte ein etwa sechzigjähriger braun gebrannter Mann mit lockiger Frisur am Pool auf.

»Ihr müsst Lilly und Clara sein?«, fragte er freundlich. Wir sahen uns beide unwissend an und bejahten seine Frage.

»Schön, dass ihr gut angekommen seid. Ich bin Paolo, euer Vermieter.« Er reichte uns zur Begrüßung die Hand. »Meine Ferienwohnung liegt gleich neben eurer. Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr mich jederzeit ansprechen.«

»Das werden wir bestimmt tun«, versicherten wir ihm strahlend und bedankten uns für sein Angebot.

Am nächsten Tag, nachdem wir das restliche Gepäck ausgepackt hatten, keine Wolken am Himmel zu sehen waren und die Sonne bereits zu stechen begann, suchten wir uns spontan einen schönen Strand zum relaxen.

Die engen Straßen waren voller Autos und Vespas, sodass es ein wenig dauerte, bis wir an unserem Ziel ankamen. Ich war erleichtert, dass Clara wieder am Steuer saß. Sie war die Ruhigere von uns beiden und bewahrte in solchen Situationen einen kühlen Kopf, während ich auf dem Beifahrersitz über die anderen Verkehrsteilnehmer und ihren Fahrstil schimpfte.

»Komm doch mal runter. Was regst du dich so auf? Wir haben Urlaub!«, stellte Clara in einem genervten Ton fest und rollte dabei mit ihren schönen blauen Augen. Sie hatte ja recht, wir hatten Urlaub. Ich versuchte, mich Clara zuliebe etwas zu entspannen und mein Temperament im Zaun zu halten. Was aber nicht so einfach war.

Ununterbrochen suchten meine Augen nach Straßenschildern, die zum Strand führten.

Aus einem Reflex heraus hob ich meine Hand und zeigte mit gespitztem Finger auf ein Schild, das den Weg zum Strand auswies. »Hier lang«, erklärte ich aufgeregt. Clara schreckte hinter dem Steuer zusammen, antwortete aber nichts und folgte dem Schild durch enge Gassen, bis wir an eine Strandpromenade kamen.

Wir hatten großes Glück und mussten nicht lange nach einer Parkmöglichkeit suchen. Es war noch recht früh, außer uns waren nicht viele Standbesucher zu sehen. Die meisten von ihnen waren Einheimische, die sich unter ihren bunten Sonnenschirmen lebhaft unterhielten und gestikulierten.

Clara sah mich glücklich und zufrieden an, als wir den Sandstrand betraten und uns ein schönes Plätzchen direkt am Wasser suchten.

Mit angewinkelten Beinen saß ich auf meinem Strandtuch und hatte endlich das Gefühl, angekommen zu sein. Clara, die neben mir lag, wälzte die Reiseführer, um die nächsten Tage zu planen.

Ich blickte auf das weite Meer und lauschte dem Rauschen der Wellen. Dabei stellte ich mir in Gedanken die Menschen vor, die gerade auf den vorbeifahrenden Yachten waren. Ich träumte und ließ meine Seele baumeln.

Doch es dauerte nicht lange, bis Clara mich mit aufgedrehter Stimme aus meinen Fantasien riss und mir den Reiseführer vor die Nase hielt.

»Was hältst du von der Idee, wenn wir morgen nach Bordighera fahren, einem Nachbarort? Da gibt es auch einen tollen Strand.«

Ich hob meine Augenbrauen. »Klar, können wir machen«, antwortete ich planlos und blickte weiter auf das blau gefärbte Meer. An dem Tag blieben wir noch lange, entspannten und beobachteten die Sonne beim Untergehen.

Am nächsten Morgen gingen wir gut gelaunt mit unserem Strandgepäck durch die Ferienanlage zu unserem Auto.

Clara hatte mir keine Wahl gelassen, als sie mir die Autoschlüssel in die Hand drückte. Dabei wusste sie genau, wie ungern ich im Ausland Auto fuhr. Ich spürte ein unangenehmes Kribbeln in meiner Bauchgegend. Doch ich biss die Zähne zusammen, öffnete die Fahrertür und setzte mich verkrampft hinter das Steuer. Clara musterte mich mit einem irritierten Blick.

Ich konzentrierte mich jede einzelne Sekunde während der Fahrt, damit ich keinen Fahrer von seiner Vespa holte. Erst nachdem wir San Remo verlassen hatten, verteilte sich der Verkehr und die Straße wurde allmählich leerer. Wir fuhren die berühmte Via Aurelia an der Küste parallel zum Meer entlang. Links sah ich das Meer unter dem sonnigen Himmel und rechts die grünen Terrassengärten mit Kakteen, Agaven und kräftig pinker Bougainvillea. Sowohl in den Gärten der Jugendstilvillen, als auch am Straßenrand standen viele großgewachsene Palmen.

Als ich in den Küstenort Bordighera hinein fuhr, passierte etwas unbeschreibliches mit mir. Ein Gefühl, welches ich nicht richtig einordnen konnte, ergriff Besitz von mir.

Von einer Sekunde auf die andere fühlte ich mich zu Hause.

Was war das für ein Gefühl? Was war los mit mir? Die unerwartete Vertrautheit in mir machte mir Angst.

Clara riss mich aus meinen Gedanken. »Du musst jetzt, um zum Strand zu kommen, durch den Ort fahren und hinter dem Haus vorne links abbiegen.«

»Mache ich«, antwortete ich verwirrt.

»Alles okay bei dir?« Clara betrachtete mich besorgt.

»Mir geht es gut.«

Clara blickte mich zweifelnd an. Ich wusste, dass sie mir nicht glaubte, war aber froh, dass sie sich nicht weiter dazu äußerte.

Was war das für ein plötzliches Gefühl in mir?

Bordighera

Ich war erleichtert, als ich das Auto in der Nähe des Strandes abstellen konnte. Schnell holten wir unsere Taschen aus dem Kofferraum und liefen die breite Strandpromenade entlang, um uns einen Platz direkt am Wasser zu suchen. Clara hatte, wie immer, an alles gedacht: Sonnenschirm, Sonnencreme, Kühltasche, Decke und was man sonst noch alles für den Tag brauchte. Dementsprechend hatten wir auch viel zu schleppen.

Nachdem wir unser Lager aufgebaut hatten und Clara es sich auf der Decke gemütlich machte, ging ich mit Schnorchel und Taucherbrille ins Meer, um die italienische Unterwasserwelt zu erkunden. Es hatte eine sommerliche Temperatur. Ich tauchte an einigen, auf dem Grund liegenden Felsen vorsichtig vorbei, die mit braunen, stacheligen Seeigeln gespickt waren. Die Fische, die mir dabei entgegen schwammen waren nicht der Rede wert, sie hatten anstatt der erhofften bunten Farbe eher einen grau silbrigen Ton.

Zufrieden und erfrischt ging ich zurück und legte mich auf mein Handtuch. Clara schien in der Sonne eingeschlafen zu sein.

Mein Blick schweifte in die Ferne und ich entspannte, dabei kam wieder das Gefühl der Vertrautheit mit der Umgebung in mir auf. Als wäre ich schon einmal hier gewesen.

Das nicht sein kann, ich bin mir sicher, ich war noch nie in Italien und schon gar nicht in Bordighera!

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, sah ich mich um, blickte zur Standpromenade und auf das Geschehen dort. Ich beobachtete die Italiener, die damit beschäftigt waren, einige Stände aufzubauen.

Es sah so aus, als ob sie sich auf einen Markt in den Abendstunden vorbereiten würden.

Meine Blick wanderte weiter zu Clara, die mittlerweile mit dem Rücken zur Sonne lag und ihre Knöchel zufrieden kreuzte.

»Ich habe das Gefühl«, erklärte sie, »dass ich von hier nicht mehr weg will. Ich liebe das Fleckchen.«

»Ich auch«, stimmte ich meiner Freundin zu.

Als die Sonne allmählich schwächer wurde, packten wir unsere Sachen zusammen und gingen an einigen Ständen vorbei, die italienische Leckereien wie Calamari oder eingelegte Oliven anboten. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als mir der Geruch von gegrillten Sepia mit Knoblauch in die Nase stieg und ich blieb prompt vor dem Stand stehen. Auch Clara schien nicht abgeneigt zu sein. Ich spürte mit dem ersten Bissen, wie mir das Essen auf der Zunge zerging und in mir ein Glücksgefühl auslöste.

Nachdem wir gestärkt am Auto ankamen und alles in den Kofferraum geräumt hatten, setzte Clara sich auf den Beifahrersitz und ließ mir auch jetzt wieder keine Wahl.

Hinter dem Lenkrad sitzend, warf ich ihr noch einen entsprechenden Blick zu, bevor ich den Motor startete.

»Fahr mit dem Verkehr mit und mach dir keine Gedanken über die Vespafahrer. Die wollen auch keinen Unfall riskieren. Sie passen genauso auf wie du. Das merkst du nur nicht.« Clara sprach in einem beruhigten Ton auf mich ein. Ich blickte sie ungläubig mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

»Dein Wort in Gottes Ohr.«

»Bleib ruhig, das schaffst du schon.« Sie lächelte mich aufmunternd an.

Als wir Bordighera verließen, fuhren wir erneut die Küstenstraße via Aurelia parallel zum Meer. Der Himmel verfärbte sich langsam rötlich durch die untergehende Sonne und die ersten Fischerboote verließen den kleinen Hafen, um in der Dunkelheit zu fischen.

Je näher wir San Remo kamen, desto dichter wurde der Verkehr. Ich fuhr langsam in den Kreisverkehr, um ihn nach der dritten Ausfahrt wieder zu verlassen. Doch im gleichen Moment, in dem ich rechts raus fahren wollte, fuhr parallel ein Motorradfahrer auf mein Auto zu. Er war so schnell, dass ich keine Zeit mehr hatte zu reagieren. Bereits in der nächsten Sekunde ertönte ein lauter Knall. Der Fahrer kollidierte mit meinem Auto und fiel durch den Zusammenstoß von seiner pechschwarzen Maschine auf die Straße.

Ich schrie laut auf, krallte meine Finger fest an das Lenkrad und brachte den Wagen zum Stehen. Auch Clara war erschrocken und schrie. Die ersten Schaulustigen hatten sich am Straßenrand versammelt und fingen an, untereinander draufloszureden und zu diskutieren, noch bevor ich ausgestiegen war. Clara und ich rannten zu dem gestürzten Fahrer, der neben seinem Motorrad auf dem Boden lag.

Ich konnte erkennen, dass sein Arm und seine Knie aufgeschürft waren und bluteten. Er schien Schmerzen zu haben, als er sich aufrichtete. Vorsichtig hob er seine schwere Maschine vom Boden auf und musterte sie von oben bis unten.

»Es tut mir leid«, flüsterte ich. Ich stand immer noch unter Schock, sodass mein Körper zitterte. »Ich hatte Sie nicht gesehen. Sie kamen so schnell in den Kreisverkehr gefahren.«

Seine Gesichtszüge verdüsterten sich. Er betrachtete mich wütend und drehte sich wieder weg.

Mein Tonfall ihm gegenüber änderte sich schlagartig ins Vorwurfsvolle. »Sie müssen auch auf Autofahrer Rücksicht nehmen. Sie können nicht einfach so fahren, wie Sie gerade Lust haben!«

Er ignorierte mich, stieg auf sein verkratztes Motorrad und fuhr davon. Das einzige, was ich mir noch in der Eile merken konnte, war sein Nummernschild.

»Spinnt der?« schrie ich Clara an.

Zornesröte stieg mir ins Gesicht. »Wir müssen die Polizei rufen. Wir haben jetzt auch Kratzer im Auto. Wieso haut der einfach ab? Wie soll ich das der Versicherung erklären?«

Clara sah mich, immer noch durcheinander, an. »Lilly, er konnte wahrscheinlich kein Wort verstehen, was du von dir gegeben hast.« Ich warf ihr einen stechenden Blick zu.

»Selbst wenn er mich nicht verstanden hat, ist das kein Grund von der Unfallstelle abzuhauen, als ob nichts passiert wäre! Wir fahren sofort zur Polizei. Ich habe mir sein Nummernschild und sein Aussehen gemerkt. Er hat einen sportlichen muskulösen Körperbau, ist braun gebrannt, hat schwarze gegelte Haare, stechend schwarze Augen und eine Tätowierung mit einem Totenkopf und einem Rosenkranz auf seinem rechten Oberarm. Sein Alter würde ich auf fünfundzwanzig Jahre schätzen! Der bekommt eine Anzeige wegen Fahrerflucht!«

»Wie du meinst«, sprach Clara in einem etwas ruhigerem und unterwürfigem Ton. »Dann lass uns die nächste Polizeistation aufsuchen.« Ich war erleichtert, dass sich Clara selbstverständlich hinter das Steuer gesetzt hatte. Ich war nicht mehr in der Lage zu fahren.

In dem tristen Wartezimmer der Polizei kam mir das Warten wie eine halbe Ewigkeit vor. Ich wurde mit jeder Minute ungeduldiger und nervöser. Ich ärgerte mich über den Unfall.

In der Stille, die hier herrschte, konnte ich nach weiteren endlosen Minuten Schritte im Gang hören, die sich uns langsam näherten.

Ein Polizist, etwa sechzig Jahre alt, mit grau meliertem Haar und gelangweiltem Gesicht kam zu uns und bat uns beide mit einem Handzeichen, ihm in sein Büro zu folgen.

Als wir an seinem Schreibtisch Platz genommen hatten, fing ich an zu erzählen, was passiert war. An dem Gesichtsausdruck des Polizisten merkte ich jedoch relativ schnell, dass er kein Wort verstand oder verstehen wollte.

Ich bat ihn um einen Stift und Papier, schrieb ihm das Nummernschild des Motorrades auf und versuchte ihm, mit Händen und Füßen zu erklären, dass ich eben einen Verkehrsunfall hatte. Der Polizist nahm den Zettel, drehte sich träge zu seinem Computer und gab gelangweilt die Zahlen-Nummer-Kombination ein.

Seine Augen leuchteten kurz auf und er zuckte zusammen, nachdem er das Kennzeichen eingegeben hatte. Plötzlich vermittelte er uns das Gefühl, dass er uns nicht nur nicht verstand, sondern auch, dass er kein Interesse mehr hatte, den Unfall aufzuklären. Freundlich bat er uns die Polizeiwache zu verlassen.

Ich sprach weiter auf ihn ein, doch er stand selbstsicher auf und öffnete seine Bürotür, mit dem Zeichen, dass wir jetzt endlich gehen sollten.

Clara nahm mich fest am Arm und schleifte mich aus der Polizeiwache. »Du merkst doch, dass das keinen Sinn hat.«

Ich warf Clara einen wütenden Blick zu. »Es geht um Fahrerflucht, der Typ muss bestraft werden. Er ist an dem Unfall Schuld, nicht ich!«

»Sei doch nicht so naiv. Du hast doch gemerkt, dass das keinen Zweck hat. Der Polizist hatte ab dem Moment, als er den Besitzer des Motorrades ausfindig machte, kein Interesse mehr weiter zu ermitteln. Wir sind in Italien und nicht in Deutschland. Hier gibt es anscheinend andere Regeln.«

Ich merkte, dass ich keine andere Wahl hatte und es akzeptieren musste. Für mich war der Tag gelaufen und meine Laune lag am Tiefpunkt.

»Lass uns am besten heute nicht mehr weggehen. Ich mag keine Motorräder, Vespas und Autos mehr sehen!«

Clara reagierte verständnisvoll. Sie hatte die Unfallsituation schneller akzeptiert als ich.

Wir saßen an diesem Abend noch lange auf unserer Terrasse und beobachteten in der Dunkelheit die vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe mit ihren leuchtenden Lämpchen.

Der nächste Tag sollte uns von dem Geschehenen ablenken. Clara hatte die Idee, sich Wale auf dem offenen Meer anzusehen. Meine Freundin fand heraus, dass direkt ab San Remo eine Whale-Watching Tour startete, für die sie uns auch anmeldete. Wir stellten uns für den Morgen den Wecker, um pünktlich am Hafen zu sein.

Ich freute mich riesig auf die Tour, obwohl ich schon ein bisschen Angst davor hatte.

»Was ist, wenn ein riesiger Wal unser Boot umwirft?«

Clara sah mich mit einem leichten ironischen Schmunzeln an.

»Das ist noch nie passiert, zumindest habe ich nichts davon gehört. Auch wenn Finnwale fünfzehn Meter groß werden, warum sollten sie das tun? Wale sind friedliche Tiere und wir Menschen stehen nicht auf ihrer Speisekarte. Eher umgekehrt, leider.« Sie blickte bedrückt unter sich.

Direkt am Hafenbecken stand ein kleines blaues Häuschen aus Holz, an dem die Eintrittskarten für die Tour verkauft wurden. Nach und nach sammelten sich mehr Menschen und bildeten eine Schlange davor.

Meine Blicke waren in die Hafeneinfahrt gerichtet, bis ich am Horizont das Ausflugsschiff erkennen konnte. Alle Passagiere sammelten sich am Treffpunkt.

Nachdem der Matrose an der Gangway unsere Eintrittskarten entwertet hatte und wir auf das Schiff konnten, drängelten wir uns an den anderen Besuchern vorbei und ergatterten einen Platz auf dem obersten Deck. Als alle Fahrgäste an Bord waren, wurde die Gangway wieder eingezogen und das Schiff setzte sich mit kurzem Hupen langsam in Bewegung. Es entfernte sich von der Küste und fuhr auf den Horizont zu.

Gespannt warteten wir auf den ersten Wal. Nachdem wir über eine Stunde auf dem Meer in beißender Sonne herumirrten und immer noch keinen gesehen hatten, setzte Clara einen gelangweilten Ausdruck auf.

»Mir kommt es so vor, als würden wir heute nichts anderes mehr sehen, als das weite offene Meer.«

Ich blickte auf das Wasser und beobachtete die anderen Passagiere, die sich die Zeit mit Essen und Trinken vertrieben. Einige, vor allem die Kinder, spielten auf ihren Handys.

Ich sah auf die Brücke zu der Crew hoch, die vergeblich mit Ferngläsern versuchte, einen Wal zu sichten. Ich hatte das gleiche Gefühl wie Clara und gab ebenfalls die Hoffnung allmählich auf.

Doch da tat sich etwas vor uns. Alle drei Crewmitglieder blickten mit ihren Ferngläsern in die gleiche Richtung und einer von ihnen zeigte mit dem Finger nach Norden. Meine Augen sahen in die gleiche Richtung und plötzlich schoss ich eine riesige Fontäne aus dem Wasser.

Das Boot steuerte genau auf den Wal zu. Auch die anderen Besucher wurden unruhig, legten alles beiseite und griffen zu ihren Handys, um Fotos zu machen. Durch die Lautsprecher bat die Crew darum, sich leise zu verhalten, um den Wal nicht zu vertreiben.

Ich konnte den Anblick kaum fassen. Glücksgefühle machten sich in mir breit. Wow, ich habe gerade einen cirka fünfzehn Meter langen Finnwal direkt vor meinen Augen.

Auf dem Boot herrschte absolute Stille. Ich spürte lediglich das Wackeln des Schiffes auf den Wellen. Deutlich war zu hören, wie der Wal die Luft aus stieß, bevor er wieder gemütlich abtauchte. Erst dann durfte wieder gesprochen werden.

Clara war völlig außer sich. »Hast du Fotos machen können? Wie schön der Wal war, so sanft.«

Wir waren beide total aufgeregt.

Es war ein unvergessliches Erlebnis, solch schöne friedliche Tiere zu sehen mit welcher Grazie und Ruhe sie durch das Wasser glitten.

Am Abend betrachteten Clara und ich die Fotos und tranken ein Glas italienischen Wein auf den gelungenen Tag, an dem ich nicht einmal mehr an den Verkehrsunfall und den Motorradfahrer gedacht hatte.

Ich liebe Wale, ich liebe ihre Sanftheit und Gelassenheit.

Ich liebe das Gefühl, welches sie bei der Begegnung in mir auslösen.

Die Begegnung

Als ich am nächsten Morgen die Augen langsam öffnete, schien die Sonne direkt auf mein Bett. Auf diese Weise hatte der Tag gut angefangen. Die Frage war nur, ob er auch so enden würde?

Clara war schon aufgestanden und deckte den Tisch auf unserer Terrasse. Marmelade, Käse und Wurst aus Italien sorgten dafür, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief. Meine Freundin sah wie immer top gestylt aus. Sie trug ein leichtes gelbes Sommerkleid und hatte ihre Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Mit halb verschlafenem Blick und zerzauster Frisur ging ich zu ihr.

»Guten Morgen«, begrüßte sie mich in hellwachem und gut gelauntem Ton.

»Hi«, erwiderte ich verschlafen und setzte mich.

Ich merkte an Claras gedankenverlorenem Gesichtsausdruck, dass ihr etwas auf der Seele lag. Und wie ich sie kannte, hatte sie wieder Pläne für den heutigen Tag gemacht. Ich ließ sie keine Sekunde aus den Augen, während ich nur darauf wartete, dass sie endlich mit der Sprache herausrückte.

Clara schenkte mir Kaffee ein und betrachtete mich, als würde sie überlegen, wie sie mich am besten von ihren Plänen überzeugen könnte. Dann richtete sie sich auf und begann vorsichtig zu erzählen.

»Ich würde heute gerne nochmal nach Bordighera an den Strand fahren. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Du musst in Italien kein Auto mehr fahren. Wahrscheinlich ist es besser, wenn ich jetzt immer fahre. Nicht wegen des Unfalls, aber du bist zu unentspannt, regst dich ständig auf.« Clara machte eine kurze Pause, als würde sie nicht genau wissen, wie sie es sagen sollte.

»Bitte Lilly, ich meine das nicht böse.« Clara sah mich unsicher an, da ich nichts darauf erwiderte. So fasste ich es auch nicht auf. Es war eher das Gegenteil der Fall. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich war über Claras Vorschlag erleichtert.

»Können wir machen«, stimmte ich zu und erkannte dabei Claras zufriedenes Lächeln.

Nach dem Frühstück packten wir Proviant und unsere Badesachen zusammen und fuhren los, wieder an der Küste entlang und durch etliche Tunnel bis Bordighera.

Wir fanden noch einen freien Platz direkt am Wasser. Es waren trotz der frühen Tageszeit schon viele Besucher vor Ort. Schon am Morgen brannte die Sonne auf meiner Haut, weit und breit war keine Wolke am Himmel zu sehen. Mehrmals sprang ich ins Wasser, um mich zu erfrischen. Dabei spürte ich, wie jeder einzelne Zentimeter meines Körpers langsam wieder abkühlte.

Zufrieden schwamm ich durch die Wellen parallel zum Strand und tauchte unter.

Von hier aus hatte ich einen tollen Ausblick auf die Promenade, die vielen schönen alten Villen mit ihren Gärten und das bergige, felsige Hinterland.

Ich beobachtete Clara, wie sie sich gründlich unter dem Sonnenschirm mit ihrer Sonnencreme einrieb. Sie winkte mir fröhlich zu, als sie merkte, dass ich zu ihr sah.

Ich lief aus dem Wasser und sah, dass sich neben unserer Decke einige italienische Jungs unseres Alters ihr Lager aufgebaut hatten. Laute Musik lief unentwegt und es roch nach Gras. Die Jungs schienen sich zu amüsieren, lachten lautstark, rauchten, tranken Bier und waren gut gelaunt.

Ich war ebenfalls gut drauf, bis zu dem Zeitpunkt, als ich »ihn« plötzlich erkannte.

Das kann nicht sein. Ich erschrak und zuckte kurz zusammen. Die Haare auf meinen Armen stellten sich vor Emotionen in sekundenschnelle auf.

»Clara, sag mir, dass ich mich täusche. Aber da ist doch der Motorradfahrer, der uns vor kurzem ins Auto gefahren ist.«

Meine Freundin drehte ihren Oberkörper gleich zu den Jungs und streckte ihren Hals. »Meinst du den da?« Sie zeigte mit dem Finger auf einen Italiener mit kurzen schwarzen Haaren, muskulöser Figur und einem auffälligen großen Tattoo.

»Genau den meine ich. Der mit den Schürfwunden an seinen Beinen und Armen! Was sollen wir jetzt machen?« Mein Ton klang gereizt, meine Augen formten sich zu schmalen Schlitzen. Plötzlich war ich wieder so sauer wie in dem Augenblick, als er einfach abgehauen war.

»Lilly bleib ruhig!« Clara merkte, dass ich kurz davor war zu platzen und versuchte mich mit aller Kraft zu beruhigen.

Ich sah rot. Die Wut kroch immer schneller in mir hoch. Ich stand wütend von unserer Stranddecke auf.

»Den schnappe ich mir. Der hat unser Auto zerkratzt und Fahrerflucht begangen!«

»Lilly bleib hier!« Clara versuchte mich noch aufzuhalten und an meinem Arm festzuhalten. Doch zu spät, ich war schon längst auf dem Weg zu den Jungs.

Als ich in meinem schwarzem Bikini und in die Hüfte gestemmten Händen vor ihnen stand, sahen sie mich verwundert und ahnungslos an. Ich schaute dem Motorradfahrer sauer in seine tiefschwarzen Augen. Meine Augen verformten sich erneut zu winzigen Schlitzen.

Er erwiderte meinen Blick. Mit scharfem Ton sprach ich ihn an: »Machst du öfters so einen Mist?«

Er schaute mich immer noch mit einem etwas verwirrten Blick an. Auch seine Freunde verstanden nicht, was ich von ihnen wollte.

»Du bist mir vor zwei Tagen mit deinem Motorrad ins Auto gefahren und hast Fahrerflucht begangen! Ich möchte jetzt deinen Namen und deine Adresse haben, damit ich zur Polizei gehen kann!«

Mein Ton wurde immer lauter und bestimmter. Mittlerweile zog ich die Blicke der anderen Strandbesucher auf mich. Doch das war mir egal.

Der Italiener sah mir direkt in die Augen und redete ganz ruhig in gebrochenem Deutsch: »Ich weiß nicht, wovon du sprichst.« Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen drehte er sich wieder zu seinen Freunden.

Ich war so wütend, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Ich biss die Zähne zusammen, um die Wörter zurückzuhalten, die mir bereits auf der Zunge lagen. Hilfesuchend blickte ich zu Clara, als die Jungs keine Anstalten mehr machten, mich zu beachten. Clara erwiderte meinen Blick, versuchte mich zurück zu winken und rief mir zu: »Das hat doch keinen Sinn. Komm wieder zurück und vergiss die Sache einfach.«

Ich musste mich bemühen, dass ich nicht ausrastete. Doch es hatte wirklich keinen Sinn, weswegen

ich wieder zu ihr ging. »Der Typ ist dreist«, stellte ich fest, nachdem ich mich wieder gesetzt hatte.

Clara verzog das Gesicht.

»Was erwartest du? Dass er auf einmal alles zugibt, mit dir zur Polizei geht, sich freiwillig wegen Fahrerflucht meldet und auch noch die Werkstatt für das Auto bezahlt? Vergiss es, er wäre doof, wenn er das machen würde. Er ist wahrscheinlich schon aus dem Grund weggefahren und nicht geblieben bis die Polizei kam.«

Es brodelte in mir. Ich lag nur einen Meter von dem Idioten entfernt, der unser Auto zerkratzt hatte und konnte nichts tun. Clara versuchte mich zu beruhigen.

»Wir haben Urlaub, den lassen wir uns nicht versauen. Wir können nichts machen. Selbst wenn du die Polizei rufst, kannst du es ihm nicht nachweisen.«

Ich merkte, wie er immer wieder zu mir sah, seine neugierigen Blicke. Was will er? Er hatte gewonnen. Clara hatte recht, ich hatte nichts in der Hand!

Ich versuchte auf andere Gedanken zu kommen, setzte mir Kopfhörer auf und hörte laute Musik.

Clara nahm sich die Luftmatratze und ging ins Meer. Ich musste eingeschlafen sein. Als sie mich weckte, ging die Sonne bereits unter. Meine Blicke schweiften zur Seite.

Unsere Nachbarn waren nicht mehr da.

Doch der Typ ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Seine unverschämte Art, sein Lächeln, das doch unwiderstehlich war. War es Zufall, dass ich ihn wiedergetroffen habe?

Ich musste an ihn denken, leider.

Der nächste Tag sollte weniger aufregend sein, wir beschlossen unsere Ferienanlage nicht zu verlassen und einen Pooltag einzulegen. So konnte ich mir auch sicher sein, einer unangenehmen Begegnung aus dem Weg zu gehen.

Wir lagen in der brennenden Sonne und jede las ein Buch. Die Anlage war sehr liebevoll in mediterranem Stil gestaltet. Der Pool war von creme-beigen Natursteinplatten umrandet und lag in einem Garten mit leuchtend rot blühenden Hibiskus Pflanzen und Palmen. Außer uns war niemand aus der Ferienanlage am Pool.

Ich genoss den grandiosen Ausblick. Von meiner Liege konnte ich auf das Meer und die vorbeifahrenden Schiffe hinunter schauen. Rechts waren die felsigen Berge im Hinterland mit ihren kleinen Dörfern, die man an den einzelnen Kirchtürmen erkennen konnte. Dazwischen lagen Olivenbaum-Plantagen mit vereinzelten Zitronenbäumen und Palmen.

Auch wenn ich es nicht wollte, dachte ich wieder an den Motorradfahrer und an den Blick, mit dem er mich angesehen hatte. Ich versuchte krampfhaft die Bilder in meinem Gedächtnis zu löschen, es klappte aber leider nicht.

Langsam wurde es später. Die Sonne glühte nicht mehr so sehr und die ersten Feriengäste kamen mit ihren Kindern an den Pool. Auch unser Vermieter Paolo erschien und legte sich auf die freie Liege neben uns. »Wie gefällt euch Italien? Habt ihr schon viel erlebt?« Ich wollte ihm nichts von dem Unfall erzählen und schwärmte stattdessen von der Whale-Watching Tour und dem Strand in Bordighera.

»Bordighera ist eine tolle Stadt und der Strand ist auch sehr schön. Wenn ihr von mir einen Insidertipp haben wollt, kann ich euch den Strandabschnitt unterhalb der ersten Klippe am Ortsausgang von San Remo empfehlen. Dort gibt es einen gepflegten Sandstrand. Touristen kennen ihn nicht. Dort sind nur Einheimische und es ist ruhig.«

Clara sah mich mit einem fragenden Blick an, »Das wäre doch eine Idee. Ich denke, du möchtest die nächste Zeit sowieso nicht mehr zum Strand nach Bordighera fahren.« »Stimmt!«, sagte ich und willigte in den Vorschlag ein, in der Hoffnung, ihn dort nicht anzutreffen.

Doch für den nächsten Tag musste ich Clara versprechen, mit ihr die Villa Nobel, die direkt in San Remo liegt, zu besichtigen. Wir liehen uns morgens Fahrräder, um den Fahrradweg, der an der Küste entlang führte, zu befahren. Die Tour war angenehm, weit und breit keine Autos und die Temperatur war noch kühl. Nur die letzten Meter bis zum Ziel führten über eine stark befahrene Straße. Schließlich blieben wir vor einem gelb gestrichenen, architektonisch aufwendig geplanten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert stehen. Clara spulte ihr ganzes Wissen ab, welches sie sich im Reiseführer angeeignet hatte.

»Wusstest du, wer hier einmal gewohnt hat?«

Ich betrachtete das Haus und schüttelte auf ihre Frage ahnungslos den Kopf und versuchte konzentriert ihrem Vortrag zuzuhören.

»In dieser schönen Villa hatte der berühmte Alfred Nobel gewohnt, nach ihm ist die schwedische Nobel-Stiftung gegründet worden. Wenn wir ins Innere des Hauses gehen, können wir das Bett sehen, indem er 1896 verstarb.«

Clara wurde hippelig vor Aufregung. Ich hingegen, war weniger interessiert und versuchte ihr mit der Besichtigung einen Gefallen zu tun. Nachdem wir das Haus mit seinen Räumlichkeiten angesehen hatten, schlenderten wir durch die parkähnliche Gartenanlage der Villa zurück zu unseren Fahrrädern. Es war bereits Nachmittag, als wir wieder in unserer Ferienanlage ankamen und wir entschlossen uns, den Tag am Pool ausklingen zu lassen.

Paolo hatte mit seinem Geheimtipp nicht zu viel versprochen, stellten wir zwei Tage später fest. Der Sandstrand kurz vor der Klippe war wirklich wunderschön.

Nun strahlte uns das Meer an. Clara holte wie immer den Reiseführer aus der Tasche und saß mit gekreuzten Beinen auf der Decke.

Ich ging ins Meer und genoss das kühle Wasser und die Wellen. Bella Italia!

Es dauerte ein wenig, und Clara kam auch und schwamm auf mich zu. Wir dachten nicht mehr an die Geschehnisse der letzten Tage und genossen die Zeit. Als wir beide erfrischt zur Decke zurück gingen, legte ich mich dort zufrieden auf den Bauch und holte mein Handy aus der Tasche, um ein paar Urlaubsgrüße zu verschicken.

Erschrocken zuckte ich plötzlich zusammen und drehte mich in die Richtung, in der ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung erkennen konnte. Eine Person setzte sich, ohne zu fragen, neben mich auf mein Strandtuch. Es dauerte einen Moment, bis ich ihn erkannte, doch dann zog ich scharf die Luft ein.

Neben mir saß er! Der Typ, der mir ins Auto gefahren war. Seine tiefschwarzen Augen funkelten mich an. Panisch setzte ich mich auf.

»Du wolltest doch meinen Namen wissen«, stellte er ruhig fest. »Luca.«

Mir fehlten die Worte. Seine Worte wurden plötzlich samtweich. »Es tut mir leid wegen des Unfalls. Ich zahle natürlich den Schaden an eurem Auto.«

Ich starrte ihn weiter an. Meine Augen verengten sich.

Er unterdrückte mühsam das Lächeln, welches um seine Lippen zuckte.

»Was soll das?«, fragte ich ihn mit zorniger Stimme. Dabei konnte ich nicht verbergen, dass ich eindeutig überfordert war.

»Was soll was? Du sagtest doch, dass du den Unfall klären willst. Hier bin ich.«

Er schaute mir immer noch tief in die Augen und sein Blick ließ mich nicht mehr los. Es hatte zur Folge, dass ich nicht mehr klar denken konnte.

Ich wusste nicht, wie ich reagieren oder was ich sagen sollte. Hilfesuchend blickte ich Clara an, die allerdings auch von der Situation überfordert war.

»Fangen wir doch einfach damit an, dass du mir deinen Namen verrätst.«

Wollte er das wirklich wissen? Was interessierte ihn das? Seine gefährlichen Augen verwirrten mich.

»Ich …heiße Lilly.«, stotterte ich wie ein kleines Kind.

Er musterte mich aufmerksam. »Lilly, ein schöner Name für eine schöne Frau.«

Macho, dachte ich mir.

Luca reichte mir mit einem freundlichem Lächeln auf dem Gesicht seine Hand.

»Frieden?«

Ich war immer noch verwirrt von der Situation, streckt ihm aber meine entgegen. Seine Haut war rau, sein Griff jedoch sanft, trotzdem spürte ich die Kraft, die von ihm ausging.

»Lilly, was denkst du? Wie teuer wird die Reparatur an eurem Auto sein?« Seine Augenbrauen schoben sich zusammen.

»Ich weiß es nicht.« Ich war überrascht über diese Frage, brauchte jedoch nur einen Blick in sein Gesicht zu werfen, um zu wissen, dass er sich denken konnte, dass ich davon keine Ahnung hatte. Frech grinste er mich an.

Unerwartet stand er auf und ging zu seinen Strandsachen, die er bei seinen Freunden in einiger Entfernung liegen hatte. Ich wusste nicht wie ich reagieren sollte, also betrachtete ich mir gelangweilt den Sand auf meinen Handinnenflächen.

Als er nach einigen Sekunden zurückkam, wedelte er mit zwei fünfhundert- Euro-Scheinen vor meinem Gesicht herum.

»Spinnst du? Soll das vielleicht witzig sein?«, fuhr ich ihn wütend an. »Das kann ich doch nicht annehmen!« Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, sein Geld zu nehmen. Es kam mir unseriös vor. Wir funkelten uns böse an.

»Doch, das wirst du!«, befahl er. In seiner Stimme war plötzlich ein scharfer Unterton zu hören. »Und ich möchte jetzt nicht mehr mit dir über den Unfall sprechen! Lass es uns einfach vergessen.«

Ich schaute starr auf das Meer. So wollte ich ihm zeigen, dass ich das Geld nicht annehmen würde.

Luca musste darauf gewartet haben. Er steckte das Geld einfach in meine Strandtasche.

»Also Lilly, wir sehen uns«, sagte er und betonte meinen Namen besonders, dabei blickte er mir erneut tief in die Augen und ging zurück zu seinen Jungs, die ihn schon mit freudigem Gegröle erwarteten.

Clara schaute mich immer noch fassungslos an.

»Was?!«, fragte ich sie gereizt.

»Ich habe das Gefühl, dass du ihm gefällst.«

»Kann ja sein, er ist aber nicht mein Typ!«

Ich merkte, dass er mich die ganze Zeit von seiner Decke aus beobachtete.

Um auf andere Gedanken zu kommen, begann ich mit Clara ein belangloses Gespräch.

»Da du vorhin den Reiseführer so intensiv studiert hast, konntest du bestimmt für morgen schon Pläne machen.«

»Ja«, verkündete sie mit einem stolzen Lächeln im Gesicht. »Ich dachte, dass wir nach San Remo fahren und shoppen gehen. Es fährt eine Buslinie von unserer Ferienwohnung aus direkt in die Innenstadt. Was hältst du von der Idee?«

»Das hört sich super an.« Ich freute mich schon auf den Tag in San Remo und darauf, nicht mit dem eigenen Auto unterwegs zu sein.

Die Busfahrt war kürzer, als ich gedacht hatte, es dauert keine halbe Stunde bis zur Haltestelle an der Fußgängerzone, die direkt vor dem berühmten Casino von San Remo endete. Als ich den Bus verließ, fiel mir sofort das beeindruckende im Jugendstil gebaute Gebäude ins Auge. Die Treppen zum Eingangsbereich waren mit rotem Teppich ausgelegt, alles sah sehr edel aus. Clara machte ein Selfie nach dem anderen.

Nachdem wir Fotos in allen Varianten geschossen hatten, betraten wir in die angrenzende Fußgängerzone Corso Matteotti, um von einem Geschäft ins nächste zu gehen. Dabei schlenderten wir an Cafés und Restaurants vorbei, die zum Verweilen einluden. Clara und ich kauften soviel wie wir tragen konnten, sodass es nicht lange dauerte, bis wir mit Tüten beladen waren.

In meinem Bauch tummelten sich Glücksgefühle, ich freute mich so sehr über meine neue Kleidung.

Meine Füße schmerzen mittlerweile vom Laufen, ich war müde vom vielen Anprobieren. Die Geschäfte waren teils angenehm klimatisiert, doch sobald wir sie verließen, spürte ich die glühende Hitze. Es wehte nicht einmal ein angenehmer Wind durch die Fußgängerzone. Clara nahm mich die letzten Schritte bis zur nächsten Gelateria am Arm.