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Der Roman setzt sich mit der zentralen Frage nach der inneren Freiheit des Menschen auseinander: Wie frei sind wir wirklich in unseren Entscheidungen, und inwieweit ist das, was wir unser Leben oder gar unser Schicksal nennen, das Ergebnis unserer Wahlen, die ihrerseits auf unbewussten Identifizierungen beruhen.
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2017
Brigitte Halenta
Emilia schließt eine Tür
Es sind die Zwänge im Kopf, die uns in Ketten legen, sie entscheiden, ob wir unser Leben überwiegend autonom oder überwiegend angepasst führen können. Die beiden Protagonisten des Romans, der fünfundvierzigjährige Psychologe Paavo Kindermann und die zwanzig Jahre ältere Dame der Gesellschaft Emilia Engelbrecht, wären einander nie begegnet, wenn Emilia nicht straffällig geworden wäre. In der Strafvollzugsanstalt stehen sie sich als Gefängnispsychologe und Untersuchungsgefangene gegenüber. Auf ihre Weise sind beide Meister in der Anpassung. Ohne es zu wollen, befreien sie einander aus dem inneren Gefängnis ihrer Abhängigkeiten. Paavo kann endlich seine Phantasiewelt verlassen und ein selbstbestimmteres Leben in der Realität führen, und Emilia ist im Gefängnis freier, als sie es draußen je war, weil sie endlich Zugang zu einem großen Teil ihres abgespaltenen Selbst gefunden hat. Indem Paavo das Leben der Emilia Engelbrecht nicht einfach nur nacherzählt, sondern erzählend nach der Wahrheit sucht, wird das Zufällige an Emilias Tat zur Notwendigkeit.
Brigitte Halenta,Jahrgang 1937, lebt und schreibt in Lübeck. Bis 2010 war sie als Psychotherapeutin in eigener Praxis tätig. Sie ist verwitwet und hat drei Kinder. Obwohl sie schon immer geschrieben hat und Texte von ihr in verschiedenen Literaturzeitungen erschienen sind, konnte sie sich erst nach Aufgabe ihrer Berufstätigkeit ganz dem Schreiben widmen. Im März 2007 stellte sie ihren ersten Roman DIE BREITE DER ZEIT (Orlanda Verlag, Berlin) in einer stark gekürzten Fassung im Buddenbrookhaus in Lübeck vor. Die Neuauflage des Romans ohne Kürzungen erschien 2015. Seitdem veröffentlichte sie drei weitere Romane: DAS LETZTE WORT HAT DOROTHEE, LAVENDEL IST BLAU und DER EINE.
Brigitte Halenta
Roman
Impressum
© 2017, Brigitte Halenta, Grillenweg 17, 23562 Lübeck
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Lektorat: Ingeborg Mues
Satz, Layout & Umschlag: David Halenta Development
ISBN:
978-3-7439-0027-1 (Paperback)
978-3-7439-0028-8 (Hardcover)
978-3-7439-0029-5 (e-Book)
Erfahren Sie mehr über die Autorin auf ihrer Website:www.BrigitteHalenta.de
4. Juli 2005
Schade, dass der Tod uns erst widerfährt, wenn er zum Leben nichts mehr nütze ist. Für solche wie mich, die zu viel denken und zu wenig leben, will mir scheinen, macht dieses kuriose Leben erst vom Ende her Sinn. Ich wünsche mir meinen Tod als eine letzte fundamentale Erfahrung, in der jede Zelle mitschwingt. Aber es ist nur dann mein Tod, der zu mir gehört wie mein Leben von Geburt an, wenn er es ist, der mich gefunden hat. Hätte ich den Tod gesucht, wie könnte ich sicher sein, dass alle Zellen mit mir einer Meinung sind. Also muss ich weiter jeden neu heraufsteigenden Tag mit Morgen, Mittag, Abend und der Nacht hinter mich bringen, mehr oder weniger erfolgreich, mehr oder weniger unglücklich.
Der trügerischen Sicherheit des Alltags habe ich noch nie getraut. Auch wenn es gestern und heute so war, wie ich es erwartet habe, kann es morgen ganz anders sein. Selbst vierundzwanzig Jahre, deren Tage zuverlässig mit dem kleinen unterdrückten Seufzer, den Betty beim Erwachen ausstößt, begonnen haben, konnten mich nicht überzeugen. Im Gegenteil. Mit jedem Morgen, an dem ich schon früh schlaflos liege und auf Bettys Seufzer warte, werde ich unruhiger. Nichts in diesem Leben ist für die Ewigkeit, sicher ist nur, dass sich alles verändert. Wenn sich lange nichts verändert, wird es mit jedem Tag wahrscheinlicher, dass die gewohnte Ordnung des Alltags auseinanderbricht. Und genau das ist heute geschehen. Wenn es Vorboten des Einbruchs gegeben hätte, so hätte ich sie wahrscheinlich nicht zu deuten gewusst. Die immer wiederkehrenden Abläufe sind zu einem Singsang geworden, dessen Melodie ich nicht mehr erkennen kann. Ein neuer Ton macht mich nicht stutzig, eine neue Phrasierung nicht hellhörig.
Der Morgen war noch ein Morgen aus dem anscheinend unerschöpflichen Fundus meiner gleichförmigen Tage. Bettys Seufzer, der defekte Duschkopf, den ich schon seit Wochen ersetzen will, eineinhalb Vollkornbrötchen mit Bettys selbst eingekochter Marmelade, Kirsche mit einer Prise Chili, in letzter Minute Ellis verschlafenes Gesicht im Türrahmen, Ciao, Papi, die geschlossenen Schranken an der Sedanallee, die stickige Luft in meinem Dienstzimmer. Ich riss wie immer als Erstes das Fenster auf und schätzte mich wie jeden Morgen glücklich, dass meine relative Bedeutungslosigkeit als Gefängnispsychologe mir den Verbleib im Altbau der Justizanstalt eingetragen hat, einem muffigen, verwinkelten Bau der Gründerzeit, wo aber immerhin vor den Fenstern noch Jahreszeiten stattfinden, die man riechen kann. Die künstliche Luft im Neubau würde mich krank machen. Schon von meinem allmorgendlichen Besuch im Sekretariat trocknen mir die Nasenschleimhäute aus, von den in den Klimaanlagen verquirlten Viren und den Flüchen meiner Kollegen will ich gar nicht reden.
Um über den Tag zu kommen, brauche ich den Besuch im Sekretariat. Der ist so unverzichtbar wie frische Luft, mein nachmittäglicher Kuchen in der Kantine und die Führung dieses Journals. Ohne einen verstohlenen Blick auf die liebreizende Franziska, während ich mit Engelchen scherze, ohne einen Kaffee mit Schwatz am Nachmittag, ohne diese fortlaufenden Eintragungen in mein Journal müsste Dr. Grönenbach auch mir wie den meisten Inhaftierten Antidepressiva verschreiben. Die schöne Franziska trug heute ihre blonde Lockenfülle aufgesteckt, was den Blick auf einen sehr weißen und sehr zarten Nacken freilegte. Vielleicht war das schon das Zeichen, das ich übersehen habe. Wenn Frauen ihre Frisur ändern, beginnt immer etwas Neues. Vielleicht hat sie sich verliebt, ging es mir durch den Kopf. Dass es vielleicht auch etwas Neues in meinem Leben geben könnte, daran habe ich nicht gedacht. Engelchen beschwerte sich über die neuen Formulare und darüber, dass ich sie schon lange nicht mehr Féchen genannt habe. Ich entschuldigte mich wortreich. Es sei eben schwierig mit Mitarbeiterinnen, sagte ich, die schon so lange da wären, dass sie sich das Anrecht auf zwei dienstliche Kosenamen erworben hätten. Feodora Engel ist seit mindestens vierzig Jahren die hauptamtliche Kraft im Sekretariat. Ich habe es nachgerechnet. Sie ist die Seele des Knasts.
Was mich auf die grundsätzliche Frage brachte, ob eine Justizanstalt eine Seele haben kann. Gerade als ich darüber ein wenig philosophieren wollte und die Datei öffnete, die ich unter J 05 wie Journal und nicht wie Justiz gespeichert habe, aber die Verwechslungsmöglichkeit kommt mir gerade recht, brach die beruhigende Routine meines Alltags jäh und unerwartet ein. Statt den Faden meiner alltäglichen Existenz geruhsam weiterzuspinnen, sah ich mich mit einem Wunder oder möglicherweise auch mit dem ersten Zeichen einer Katastrophe konfrontiert. Der Herr Direktor Bovensiek, seines Zeichens seit achtzehn Jahren Leiter unserer Anstalt, erschien leibhaftig vor meinem Schreibtisch. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon jemals vorher die Ehre gehabt habe, ihn in meinem Dienstzimmer begrüßen zu dürfen. Gewöhnlich ruft Engelchen an und zitiert mich hinüber in den Neubau, wo er vor einer beeindruckend geschwungenen Fensterfront hinter seinem überdimensionalen Schreibtisch residiert. Das letzte Mal liegt schätzungsweise eineinhalb Jahre zurück. In den wöchentlichen Teambesprechungen hat er mich schon lange nicht mehr angesprochen. Wenn die Psychologie überhaupt Erwähnung findet, dann an die Adresse meiner jungen übereifrigen Kollegin. Andrea reißt alles, was sich nur irgendwie mit der Seelenkunde in Verbindung bringen lässt, an sich und verteidigt ihre Beute mit apodiktischen Sätzen wie: „Nur die Psychologie vermag den Anspruch unserer Arbeit zu legitimieren.” Oder: „Die Grundeinheiten des menschlichen Wahrnehmens, Denkens und Handelns sind ohne psychologische Kenntnisse überhaupt nicht zugänglich.” Für solche Sätze, auch wenn ich sie nicht immer verstehe, bin ich ihr sehr dankbar. Seit sie da ist, kann ich mein tägliches Journal ohne Störungen führen und die Gespräche mit den Inhaftierten nach ihrer inneren Logik und nicht nach dem Terminbuch abhalten. Direktor Bovensiek hält Psychologen im Knast für entbehrlich, die wirkliche Arbeit tun nach seiner Meinung die Vollzugsbeamten. Andrea Wendt duldet er, weil sie eine Frau ist und in dieser Eigenschaft und nur in dieser Eigenschaft für einen besseren Geschlechterproporz im Team sorgt. Mich, nehme ich an, verachtet er, vielleicht aber auch macht er sich nicht einmal die Mühe, mich zu verachten. Ich meinerseits finde ihn unerträglich, allein seine körperliche Nähe verursacht mir Atemnot. Dieser Mensch ist mir in tiefer Seele zuwider, was ich ihm leider auf Grund der Machtverhältnisse nicht zeigen kann. Ich hasse Hardliner mit Suchtproblematik. Das sind die Schlimmsten.
Nun also stand dieser Fettsack unvermutet vor meinem Schreibtisch, die massige Verkörperung eines gewaltsamen Einbruchs in meinen geordneten Alltag, und warf mir eine dünne Akte auf den Schreibtisch.
„Wir haben einen Neuzugang, U-Haft, weiblich, fünfundsechzig, Tötungsdelikt, aus einflussreicher Familie, kümmern Sie sich darum. Ich erwarte Diskretion.”
Er war so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. Ich starrte auf die Akte, und zum ersten Mal kam mir mein Dienstzimmer unerträglich klein vor.
5. Juli 2005
Ich habe niemandem etwas erzählt, nicht einmal Betty. Es könnte sie beunruhigen. Die Kollegen scheiden natürlich erst recht aus. Joe Ziethen mit seinem pessimistischen Blick auf die Welt würde gleich Unheil wittern, und Ronald Klopfstein mir ein paar Paragraphen, von denen ich noch nie gehört habe, herbeten. Als Einzige könnte ich Engelchen ins Vertrauen ziehen, aber sie weiß wahrscheinlich mehr, als mir lieb ist. Ich möchte meine Unbefangenheit behalten. Ich werde mir diese Frau aus einflussreicher Familie, die im reifen Alter noch ein Tötungsdelikt begangen hat, erst einmal ansehen. Ich schaue nie in eine Akte, bevor ich die Leute nicht mit eigenen Augen gesehen habe. Ich fürchte meine Vorurteile. Für morgen Nachmittag habe ich Frau Engelbrecht einbestellt.
Ein unangenehmer Tag heute, der glücklicherweise in zwei Stunden zu Ende ist. Diese Akte liegt wie ein unappetitliches Insekt auf meinem Schreibtisch. Ich habe sie unter einen Stoß normaler Vorgänge geschoben, aber sie bringt den Haufen in Bewegung, er zuckt, er hat eine Tendenz, sich unmerklich vom Rand in die Mitte meiner Arbeitsplatte zu bewegen, so dass ich ihn dauernd wieder zurückschieben muss. Diese Akte nimmt mir zweifellos von meinem wunderbaren Gleichmut, den ich mir in zwanzig Dienstjahren mühsam erarbeitet habe. Muss ich etwa wegen dieser Frau meine Gewohnheiten ändern? Ist Bovensiek mir auf die Schliche gekommen? Will er mich auf die Probe stellen? Alles Wichtige macht doch Andrea, warum jetzt ich? Oder haben wir es hier mit einer ganz besonderen Wichtigkeit zu tun, die er eher mir als Andrea zutraut? Ich erwarte Diskretion. Was soll das heißen? Ich bin allerdings, anders als die Kollegen, noch nie mit Fallgeschichten hausieren gegangen. Dass sie in der Regel spektakulär sind, gehört zu unserem Geschäft. Es geht immer um Grenzsituationen. Wahnsinn und Abgründe sind unser Alltag.
Ich wollte aber gerne mein Haus abzahlen, den Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen, meine Frau zufriedenstellen. Von meiner Pension trennen mich noch zwanzig Jahre, wenn ich keinen vorzeitigen Ruhestand in Anspruch nehme. Zwanzig Jahre muss ich noch durchhalten. Die Frage ist allerdings, wofür. Für diese Art von einschläfernder Sicherheit, die mein ausgeglichenes Bankkonto verbreitet? Angesichts dieser Akte, die Aufmerksamkeit und Vorsicht erfordert, erschreckt mich das.
In den letzten zwei Jahren bin ich sehr leichtsinnig geworden. Ich habe mir ein wenig Aufstand geleistet. Aus mir hätte auch etwas Besseres als ein kleiner Polizeipsychologe in einer Provinzhauptstadt werden können. Meine Mutter hätte mich gerne auf einem Lehrstuhl gesehen, auf internationalen Kongressen bahnbrechende Erkenntnisse der modernen Seelenkunde verkündend. Das Zeug dazu hätte ich gehabt, wenn ich nur an meine Aggressionstheorie denke, aber ich habe die falsche Frau geheiratet. Indem ich mich in Betty verliebte und keine andere haben wollte als diese kleine, pummelige Amerikanerin, die ihren Lebenszweck in der Führung eines perfekten Haushalts sieht. Heute glaube ich, dass ich damit die Weiche in die Mittelmäßigkeit gestellt habe. Seitdem konnte ich mir nur noch darauf etwas einbilden, dass sich meine Fallberichte wie Romane lasen. In dieser Hinsicht berufe ich mich gern auf Freud, der selbst bemerkte, dass seine Fallberichte sich wie Novellen ausnähmen, was ihn im Gegensatz zu mir allerdings nicht mit Stolz erfüllte, sondern mit der Besorgnis, man könne ihn möglicherweise als Wissenschaftler nicht ernst nehmen. Nun, um Wissenschaftlichkeit muss ich mich nicht bemühen. Zwar bin ich verpflichtet, von allen Sitzungen mit den Inhaftierten Gesprächsprotokolle anzufertigen, aber kein Mensch liest sie. Die letzten ruhten unberührt zehn Jahre in ihren Ordnern, dann war die Aufbewahrungspflicht abgelaufen, und irgendwelche jungen Praktikanten, die sonst nichts zu tun hatten, kamen, sortierten sie aus und zerschredderten sie in gleichmäßige, 0,8 Zentimeter breite Streifen.
Seit die elektronische Datenverarbeitung auch im Strafvollzug Einzug gehalten hat, gibt es meine Berichte, die ich offenbar so ausführlich und detailversessen einzig und alleine zu meinem Vergnügen geschrieben habe, noch auf den Festplatten, auf Disketten und neuerdings auch auf CDs. Nur Datenmüll für die Experten, die alle paar Jahre kommen, die Geräte warten und jungfräulich reine Festplatten hinterlassen. Eine Weile habe ich die von mir verfassten Fallberichte noch einmal extra auf einen Datenträger gespeichert und mit nach Hause genommen. Das ist zwar aus Datenschutzgründen verboten, aber wer könnte schon Interesse daran haben, mir etwas Unrechtmäßiges nachzuweisen. Niemand, denn in den Augen der Vollzugsbeamten ist mein Job ein nutzloses Zugeständnis an politische Strömungen der sechziger Jahre, das ihnen nur die Arbeit erschwert. Ich habe versucht, Betty abends daraus vorzulesen, aber ihr Interesse erlosch schnell. Sie interessiert sich nur für andere Menschen, wenn sie neue Koch- oder Backrezepte haben.
Es wurmte mich, dass sich kein Mensch für meine Berichte interessierte, angeforderte psychologische Stellungnahmen werden natürlich zur Kenntnis genommen, aber meine alltägliche Arbeit ist für die Katz. Es war gewissermaßen eine Entwicklung, an deren Ende ich dieser Erkenntnis nicht mehr ausweichen konnte. Die Arbeit, mit der ich mein Leben verbringe, ist für die Katz. Zuerst habe ich nur unpassende, ja unsinnige Sätze in den Text eingeschoben, wie zum Beispiel: „In archaischen Zeiten kopulierten die Kanarienvögel mit den Jungfrauen der Paläste, deshalb sollte man den Gefangenen die Haltung von Haustieren erlauben.” Sicherheitshalber wartete ich ein paar Wochen ab. Als niemand darauf reagierte, erprobte ich die nächste Stufe der Provokation, indem ich unprofessionelle Bemerkungen einflocht wie: „Der Kinderschänder R. ist eine stinkende Sau, Abschaum, der in den Gully gehört. Jede normale Strafe ist zu milde, man sollte ihn täglich zwei Stunden auf dem Marktplatz an den Pranger stellen, damit die Vorübergehenden ihn beschimpfen und bespucken können.” Wochenlang hatte ich nachts Alpträume, aber nichts passierte, niemand nahm mich diskret beiseite, um mir ins Ohr zu raunen: „Hören Sie, Herr Kindermann, da ist Ihnen wohl, in aller Freundschaft, ich meine ja nur, wir wissen ja alle.” Als auch die Abmahnung ganz von oben ausblieb, wusste ich nicht mehr, ob ich nun erleichtert war oder ob ich mich ärgern sollte. Ich wurde immer frecher. Frech – ich stolpere über das Wort! Ja, natürlich, wie ein Schuljunge, der die Provokationen auf die Spitze treibt, weil er erwischt werden möchte.
Auf die Dauer wurde mir das zu anstrengend. Im März letzten Jahres übergab ich meiner schönen Franziska zum ersten Mal eine gänzlich leere CD zum Archivieren. Auf dem Label standen säuberlich die Namen derjenigen Inhaftierten, deren Gesprächsprotokolle der Datenträger angeblich dokumentierte. Im Grunde war das ungefährlicher als meine Spielereien vorher. Sollte tatsächlich einmal jemand darauf stoßen, dass die CD leer war, konnte ich mich auf Probleme mit der Speicherung herausreden. Und wenn es darauf angekommen wäre, hätte ich leicht etwaige Inhalte aus meinem Journal herausfiltern können, denn die Zeitersparnis kam unmittelbar meinem Journal zugute.
Ich brauche diese Dokumentation für mich. Eine Dokumentation, die bezeugt, dass ich hier mein Leben verbracht habe, dass ich Gespräche geführt, dass ich über Menschen und über dieses verrückte Leben nachgedacht habe, dass mir der Apfelkuchen in der Kantine geschmeckt hat und dass ich mit Engelchen über die Tücken des Alltags geplaudert habe, während meine Aufmerksamkeit bei Franziska war. Jeder Besuch im Sekretariat gilt eigentlich nur ihr. Noch in dem Augenblick, in dem ich die Klinke herunterdrücke, bin ich mir ganz sicher, dass sie heute ihre blauen Blumenaugen von ihrer Arbeit abwenden und mich voll anschauen wird. Aber dann murmelt sie wieder nur, ohne aufzublicken, „Hallo” und widmet sich ihrem Computer, als wäre ich nicht im Raum. Mein einziger Trost besteht darin, dass ich mir einbilde, sie hört, was ich mit Engelchen rede, und meine klugen Bemerkungen über das Leben machen ihr Eindruck.
Betty weiß übrigens, dass ich ein Interesse an Franziska habe, aber das erschüttert ihre Sicherheit keinen Deut. Sie hält ihren Paavo für den einzigen treuen Ehemann der Welt. Manchmal fragt sie mich sogar: „Na,und hast du deine Franziska heute gesehen?” Einmal, als mich ihre unerschütterliche Sicherheit ärgerte, habe ich ihr das Outfit unserer jungen Praktikantin beschrieben: Die knallengen Hosen, unter denen sich die Konturen der Unterwäsche abzeichnen, die Schockfarben ihrer knappen Oberteile, das Klappern ihrer hohen Absätze auf den Granitfliesen der Anstalt, mit dem sich ihr Auftritt schon von weitem ankündigt. Die wahre Franziska sieht dagegen aus wie eine Lady aus dem englischen Hochadel, Understatement in jedem Detail ihrer Kleidung und in ihrem Auftreten. Wenn nicht die Locken wären und diese Blumenaugen, deren Blick einen Mann wie mich zu Grunde richten kann, es würde sich niemand nach ihr umdrehen. Alles in mir sträubt sich dagegen, Betty zu verraten, wie die Frau aussieht, die täglich mein Herz erfreut.
„Na ja”, sagte Betty damals, „wenn man so jung ist. Wenn sie erst drei Kinder hat, wird sie auch vernünftig.”
Dazu habe ich natürlich gar nichts gesagt. Denn Betty muss auch nicht wissen, dass Franziska auf die vierzig zugeht und eine fast erwachsene Tochter hat. Betty nimmt selbstverständlich an, dass mein gewissermaßen abstraktes männliches Interesse nur nicht ernstzunehmendem jungen Gemüse gilt, und hat mich nie nach Franziskas Alter gefragt.
6. Juli 2005
Ich wollte nie so dickfellig werden wie die aus dem Vollzugsdienst. Schließlich sind es doch immer noch Menschen, um die es geht, auch wenn sie hier Inhaftierte heißen. Über die Jahre bin auch ich unempfindlicher geworden, das wohl. Mich kann nichts mehr überraschen, dachte ich. Bis heute Nachmittag um drei.
Frau Engelbrecht! Fünfundsechzig Jahre alt, aus einflussreicher Familie, Tötungsdelikt. Sie war in die Wolke eines teuren Parfums gehüllt, das auch jetzt noch, nach langem Lüften, in jedem Winkel meines Dienstzimmers nistet. Ich versagte mir zu fragen, wie es hieß. Frau Engelbrecht ließ sich vorsichtig auf meinem abgewetzten Klientenstuhl nieder, als fürchte sie, ihr mauvefarbenes Seidenkostüm zu beschmutzen. Sie saß aufrecht auf der Kante und sah mich erwartungsvoll an. Ein Energiebündel. Klein, zierlich, aber keinesfalls zart. Ein Mord ist ihr schon zuzutrauen. Erstaunlicherweise redete sie mit mir. Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet, als ich erfuhr, dass sie niemand von ihrer Familie sehen will und auch die Besuche ihres Rechtsanwalts aussitzt, schweigend, als ginge sie das alles nichts an. Sie redete. Flüssig, manchmal sogar ausschweifend, und ich machte mir meinen Reim darauf. Ich hörte die gesagten Sätze, und ich hörte die nicht gesagten Sätze.
So habe ich ziemlich schnell verstanden, dass eigentlich etwas Besonderes aus ihr hätte werden können, aber nun ist sie fünfundsechzig, und es ist nur eine gewöhnliche Straftäterin aus ihr geworden. Vielleicht würden manche denken, dass sie bis zu der Straftat doch zu den Erfolgreichen gehört hat, weil sie an der Seite eines bedeutenden Mannes die Welt gesehen, in den vornehmsten Hotels logiert und mit berühmten Zeitgenossen diniert hat; weil die Familie Häuser besitzt an der Côte d’Azur und in Florida, eine Cassetta am Lago di Garda und ein Chalet in der Schweiz, aber ich habe schnell erkannt, dass ihr Häuser, Autos und Kleider von Chanel und Dior einigermaßen unwichtig sind. Ich habe einen Blick für so etwas, ich meine, für das, worauf ein Mensch sein Leben baut. Frau Engelbrecht hat ihr Leben auf etwas anderes gebaut. Ich weiß noch nicht, was es ist, aber ich ahne, dass es etwas sein könnte, das mir Respekt abnötigt.
Ich muss es zugeben: Frau Engelbrecht interessiert mich, ganz unabhängig davon, wie ihre Akte auf meinen Schreibtisch gekommen ist. Sie ist glücklicherweise kein Pflichtfall, ein weiterer abzuarbeitender Name auf der Liste wie die meisten anderen. Ich werde in meinem Journal die Passagen, die von ihr handeln, markieren, damit ich nötigenfalls schnell ein Dossier über sie zusammenstellen kann.
Emilia Engelbrecht, geboren 1940 in Stuttgart als älteste Tochter eines Konzertagenten, in zweiter Ehe verheiratet mit Ludwig Engelbrecht, einem ehemals international sehr erfolgreichen Plastischen Chirurgen, machte nicht gerade den Eindruck, als litte sie unter ihrer Tat. Ich wage es kaum zu sagen, aber sie wirkte fröhlich. Den angebotenen Kaffee nahm sie gerne an, schlug die Côte-d’Azur-gebräunten Beine unter dem kaum die Knie bedeckenden Kostümrock übereinander und lächelte mich verbindlich an.
„Sie fragen sich wahrscheinlich”, fing ich vorsichtig an, „warum Sie zum Psychologen einbestellt worden sind.”
„Aber nein, überhaupt nicht, es freut mich doch, Ihnen meine Geschichte erzählen zu können”, entgegnete sie freundlich in einem Ton, als sei es das Natürlichste auf der Welt, an diesem Mittwochnachmittag hier mit mir zu plaudern.
„Sie werden sehen”, sagte sie, „Sie werden wenig Mühe mit mir haben. Wenn Sie mögen, können Sie mich auch Mila nennen, alle nennen mich Mila.”
Ich war irritiert. Dieses unangemessene Angebot von Vertrautheit ärgerte mich. Ich werde sie selbstverständlich nicht Mila nennen.
„Ich fange von vorne an”, sagte sie.
Ich nickte. Ich lasse meine Klienten immer erst einmal reden, was und wie sie wollen, aus der Art und Weise, wie sie den leeren Raum, den ich ihnen anbiete, benutzen, erfahre ich sehr schnell mehr über sie, als sie mir erzählen könnten. Aber in diesem besonderen Fall hätte ich wahrscheinlich heute mehr Struktur setzen müssen. Indem ich nickte, überließ ich ihr die Zügel.
„Ich war ein Schreikind”, sagte sie.
Was für eine Eröffnung! E.E. war ein Schreikind, notierte ich. Aber dann legte ich den Stift aus der Hand und hörte nur noch zu. Emilia Engelbrecht, geborene Lohse, genannt Mila, breitete den Teppich ihres Lebens vor mir aus, mit einem drängenden Redefluss, als hätte sie fünfundsechzig Jahre darauf gewartet. Nach zwei Stunden, in denen mein mehrfaches Auf-die-Uhr-Sehen von ihr nicht wahrgenommen wurde, musste ich sie nachdrücklich unterbrechen.
„Morgen”, sagte ich, „morgen können Sie weiter erzählen”, und schob sie zur Tür, hinter der der Kollege, der sie hinüberbegleiten sollte, schon wartete. Sie drehte sich noch einmal um:
„Ich freue mich”, sagte sie in einem Ton, als hätten wir eine Verabredung zum Dinner, „vielen Dank, bis morgen also.”
Ich werde jetzt aus dem Gedächtnis aufschreiben, was ich gehört habe. Vermutlich muss ich dafür eine Überstunde anhängen. Auch gut, zu Hause erwartet mich nichts, das spannender wäre. Übrigens bin ich froh, dass ich hier kein Protokoll schreiben muss, das die Inhaftierte nach Prüfung der Richtigkeit unterschreiben müsste. Ich bezweifele, dass sich Emilia Engelbrecht, geborene Lohse, in meinen Aufzeichnungen wiedererkennen würde. Es ist ihr Leben, wie ich es sehe. Ich nehme mir schon seit langem die Freiheit, mit den unverdaulichen Brocken, die mir die Inhaftierten vor die Füße spucken, nach meinem Gusto umzugehen, sonst würde ich mir an ihnen den Magen verderben. Ich reinige sie, prüfe sie eindringlich auf ihre Echtheit, schätze ihr Gewicht und suche für sie den einzigen Platz, an den sie passen. Wie ein Steinmetz aus vielen, verschieden gewachsenen Natursteinen einen Platz pflastert, der in seiner Gesamtheit wirkt, so entsteht am Ende eine wahre Geschichte mit Sinn und Verstand. Ich bestehe nicht nur auf meiner psychologischen Autonomie, sondern auch auf meiner ästhetischen. Die Geschichte muss wahr sein, ob sie auch wirklich ist, interessiert mich nicht. Wer erzählt schließlich die Geschichte? Ich erzähle die Geschichte. Milas Geschichte, die wie alle Geschichten, die in der Lankenau erzählt werden, böse endet.
Emilia war ein Schreikind. So fängt die Geschichte an. Der Protest beginnt schon in den Windeln. Wogegen protestiert das Kind? Gegen eine unzumutbare Mutter? Oder nur gegen die Unruhe in seinen unreifen Därmen? Die Eltern, Hildegard und Hubert Lohse, waren, als Mila geboren wurde, seit sechs Monaten verheiratet. Die blutjunge Mutter war überfordert. Ich höre ihre vorwurfsvoll empörte Stimme in der eleganten Stuttgarter Wohnung, mit der sie sich gegen ihren Mann zur Wehr setzt.
„Wie kannst du von mir erwarten, dass ich mich an dem Baby freue! Seine Geburt hat mich fast das Leben gekostet. Es ist hässlich mit seinem kahlen Schädel, das musst du doch zugeben, und wenn es nicht gerade schläft, schreit es.”
Hubert war wahrscheinlich nach monatelanger Abstinenz gereizt, wenn nicht wütend. Dafür hatte er nicht eine Neunzehnjährige geheiratet. Erst ein halbes Jahr war es her, dass er sie ihren Eltern, die einen achtzehn Jahre älteren Konzertagenten für ihre vielversprechende Tochter abartig fanden, mit viel Phantasie und Aufwand abgeschmeichelt hatte. Von dieser onyxäugigen, hüftschwingenden höheren Tochter, mit der er ein paar, man darf annehmen, lustvolle Wochen auf Reisen verbracht hatte, hatte er, wenn es denn schon sein musste, eine unauffällige Geburt und eine reizende Mutterschaft erwartet. Hildegard aber litt seit Milas sechsundzwanzig Stunden währender Geburt unter einer, wie der Doktor sich ausgedrückt haben soll, Schwäche an Leib und Gemüt und musste viel ruhen. Die Pflege des Säuglings oblag einer Frau Ahrens, einer resoluten Frau in den Vierzigern, die auf Huberts dringliche Nachfrage das Mütterhilfswerk geschickt hatte. Hubert war viel unterwegs, er musste sich um seine Künstler kümmern. Die Konzertagentur Lohse zehrte offenbar auch im zweiten Kriegsjahr noch von dem Glanz vergangener Jahre. Noch immer feierte man nach Konzerten die Nächte durch und fuhr an freien Tagen mit den Künstlern zu Picknicks hinauf auf den Birkenkopf. Hildegard, allein zu Haus, beschäftigte sich dann mit ausländischen Illustrierten, und wenn auch Frau Ahrens fortgegangen war, schob sie, um ungestört schlafen zu können, den Wagen mit dem schreienden Baby in die Speisekammer.
Auf Anraten des Arztes schickte Hubert seine junge, aber nutzlose Frau widerwillig zur Kur ins Sauerland. War er zu Hause, trug er seine schreiende Tochter stundenlang durch die Wohnung. Manchmal gelang es ihm, sie zu beruhigen. Er nannte sie Mila, weil ihm Emilia für so ein kleines Wesen zu lang und zu feierlich erschien. Es war Hildegard, die auf Emilia bestanden hatte, in der Hoffnung, den Allerweltsnamen Lohse, der ja nun tatsächlich nichts hermacht, wenigstens ein bisschen interessanter klingen zu lassen: Emilia Lohse.
Mit sechseinhalb Monaten zog sich Mila eines Morgens auf Huberts Schoß an seinem Schlips selbständig in die Senkrechte, saß da mit schwankendem Oberkörper, aber eindeutig aufrecht aus eigener Kraft, und krähte vor Befriedigung. Von Stund an hörte sie auf zu schreien.
Als Hildegard von ihrer Kur zurückkam, konnte das Kind freihändig sitzen, wo immer man es absetzte, und hatte ein Kränzchen von feinen blonden Löckchen um den Kopf.
„Eigentlich ist sie ja jetzt richtig niedlich”, bemerkte Hildegard.
„Kein Wunder”, brüstete sich Hubert, „meine Tochter! Die Locken hat sie von mir.”
Hildegard beschaffte sich für eine stattliche Summe Ba-bykleidung noch aus Vorkriegsbeständen und fuhr ihre Tochter in einem eleganten Kinderwagen von Hartan durch Stuttgart. Trotzdem gab es für die weniger dekorativen Seiten der Kinderpflege natürlich weiterhin Kindermädchen. Hildegards Familie besaß vor dem Krieg Mühlen im Erzgebirge und pflegte einen Lebensstil, bei dem es selbstverständlich war, dass sich eine Mutter nicht an den Windeln ihres Kindes die Hände beschmutzte. Die meisten Kindermädchen blieben nicht lange, weil sie Hildegard nicht zufriedenstellen konnten. Eine Reihe von jungen Pflichtjahrmädchen gaben sich die Tür in die Hand.
Wechselnde Bezugspersonen, man weiß, was das nach sich zieht, mindestens eine unsichere Bindung, wenn nicht Schlimmeres. Länger ausgehalten hat es anscheinend nur eine: Mariele. Das muss aber schon nach der Geburt von Julian gewesen sein, als Hildegard sich Hilda nannte und versuchte, als Pianistin Karriere zu machen.
Hildegard hatte mit Hubert gepokert, und er hatte gewonnen: ein weiteres Kind gegen eine Karriere. Sie brachte Julian zur Welt, diesmal ohne besonderes Aufsehen während eines Fliegeralarms im Keller, und nun hatte er trotz aller Einschränkungen, die das vierte Kriegsjahr mit sich brachte, für ihre Karriere als Pianistin zu sorgen. Er arrangierte Unterrichtsstunden bei großen Pianisten, wenn sie in Stuttgart gastierten, und Konzerte in kleinem Rahmen, aber mit einflussreichen Leuten. Sie hatte zweifelsfrei Talent, aber Talent ist nur wie ein Keim. Um ihn zum Wachsen und Blühen zu bringen, braucht es Fleiß und Hingabe, beides aber ging Hildegard ab. Sie besaß keine Disziplin, war schnell Feuer und Flamme für verheißungsvolle Ideen, die, sobald etwas Neues kam, nichts mehr wert waren.
Milas frühste Erinnerung sieht die Mutter am Flügel. Sie durfte um keinen Preis gestört werden. Eine Weltkarriere stand auf dem Spiel. Mariele flüsterte dann nur noch mit den Kindern und malte mit ihren Buntstiften Rauten und Kreise auf die Tür zum Musikzimmer. Die Zeichen sollten böse Geister fernhalten. Was wohl nicht viel nützte, denn die Auswirkungen des Krieges drangen auch bis in die abgelegene Villa in Riedenberg vor. Konzerte mussten abgesagt werden, und Hildegard machte Hubert eine Szene, weil es ihm nicht mehr gelang, ihr französisches Lieblingsparfum zu besorgen. Von da an war Hildegard gegen die Nazis.
„Banausen”, sagte sie, „denen ist alles zuzutrauen. Wenn die Nazis nicht gekommen wären, hätte ich eine große Karriere gemacht.”
Sie fuhr nun viel nach Heidelberg, wo sie bei Professor Paul Böckmann Germanistik studierte. Sie stapelte Romane auf ihrem Sekretär, redete von Weltliteratur und von Paulchen, als wäre sie mit ihm auf Du und Du.
Mariele sagte: „Sie ist eine Eingeweihte. Wir müssen ihr zeigen, dass wir es auch wissen.”
Sie besorgte Blumen, die sie und Mila zu Girlanden banden, Julian war noch zu klein, um mitzuhelfen, er knickte alle Blüten ab. Mit den Girlanden schmückten sie die Haustür und hängten ein Schild dazu: „Willkommen, du Wissende.”
Aber Hubert kam früher als erwartet nach Hause und riss alle Girlanden wieder ab.
Dieses Kindermädchen muss nicht recht bei Trost gewesen sein. Wahrscheinlich eine Persönlichkeitsstörung mit Wahnvorstellungen. Sie zwang die Kinder, rückwärts ins Bett zu gehen, mit der Begründung, im Falle einer Katastrophe kämen sie so schneller wieder heraus. Sie dachte dabei nicht an Fliegeralarm, wie ich zuerst mutmaßte, sondern es ging um eine abstruse Wahnwelt, in der es von guten und bösen Geistern wimmelte und in die sie die Kinder mit hineinzog. In diesem Fall musste man auf die nackten Geister achten, die nur darauf warteten, in die abgelegten Kleidungsstücke schlüpfen zu können, um damit als Menschen verkleidet in der Stadt ihr Unwesen zu treiben. Es kam vor, dass sie vergaßen, alles ordentlich zurückzubringen, und dann stand man morgens da und hatte kein Hemd, oder der Rock fehlte. So etwas ließ sich nur dadurch verhindern, dass man ihnen nicht den Rücken zudrehte, sondern so tat, als würde man seine Kleider im Auge behalten.
Der Vater war wahrscheinlich froh, dass überhaupt jemand Verlässliches für die Kinder da war, wenn seine Frau tagelang in Heidelberg steckte. Manchmal kam auch Huberts Mutter aus Reutlingen herüber und kümmerte sich um die Kinder. Sie nannten diese Oma Omilo, was die Abkürzung war von Oma Lohse, im Gegensatz zur anderen Oma, die sie Großmama nennen sollten und die aus Leipzig kam. Omilo war eine richtige Oma, eine wie aus dem Bilderbuch, auch wenn sie keinen Dutt hatte, sondern eine Dauerwelle. Sie war schon über siebzig, aber sie wusste, was Kinder brauchten und wie ein Haushalt geführt werden sollte. Wenn sie da war, wurde es gemütlich. Es gab Hefeklöße mit Zucker und Zimt, auf dem Tisch standen Blumen, und bald hatten alle gute Laune. Leider musste Omilo immer schnell wieder zurück nach Reutlingen, wo sie ein Haus besaß und Georg auf sie wartete. Georg war ein Riesenschnauzer, den sie nicht mitbringen durfte, weil Hildegard auf Hundehaare allergisch reagierte.
Wenn Großmama anreiste, wurde es offenbar nicht gemütlich. Die Großmutter aus Leipzig war ein Naturereignis, wie ein Sturm, vor dem die Kinder sich ducken mussten, wenn sie nicht davongeweht werden wollten. Wenn sie ihren Besuch ankündigte, kam der Alltag aus dem Tritt. Hildegard brach schon tagelang vor ihrer Ankunft ihre Studien in Heidelberg ab und stellte das Haus auf den Kopf. Möbel wurden verrückt, Gardinen gewaschen, Silber poliert, Gäste eingeladen und mit Frau Kastringius von „Delikatessen Clemens” , die in Vertretung ihres Mannes, der im Felde war, die Geschäfte führte, ganze Vormittage über mögliche Menus debattiert. Hildegard konnte sich derart über Frau Kastringius aufregen, dass Hubert für ihre Gesundheit fürchtete.
„Du musst dich nicht so aufregen, das schadet deinem Herzen”, beschwichtigte er sie, „die Frau tut, was sie kann. Schließlich haben wir Krieg.”
Aber Hildegard war überzeugt, dass die hinterhältige Frau Kastringius in den unübersichtlichen Kellern ihres Geschäfts all die guten Vorkriegsdelikatessen bunkerte und sie nur an bevorzugte Nazis herausgab. Wenn die Großmutter wieder abreiste, blieben alle erschöpft zurück, und Mariele sagte zu jedem, den sie abpassen konnte:
„Die Frau Villingen aus Leipzig, das ist eine, die hat den Hintern vorne und den Busen hinten.”
So etwas konnte sich wahrscheinlich nur Mariele leisten. Die Großmutter war nämlich der General in der Familie. Sie hatte das Geld mitgebracht, und darauf gründete sie ihren allseits anerkannten Machtanspruch. Hildegards Vater konnte nur auf heruntergekommene Güter und einige halbwegs bedeutende Politiker verweisen. Alle standen stramm, wenn Großmama ihre Meinung kundtat. Hildegard fühlte sich von dieser herrischen Frau abgelehnt, denn Hans, der zwei Jahre jüngere Bruder, war der Liebling der Mutter. Als kleines Mädchen versuchte sie, den Vater für sich zu gewinnen. Manchmal durfte sie ihn im Ministerium besuchen. Hildegard besaß das gleiche bildhafte Gedächtnis, das auch Mila für sich reklamiert. Sie konnte bis ins hohe Alter genau das Arbeitszimmer ihres Vaters beschreiben: Die Schreibtische mit den Löwenfüßen zum Beispiel, zwischen deren Pranken die kleine Hildegard gekauert hatte, und die Farben der Troddeln an den Portieren, die sie hin und her schwingen ließ.
Milas Kindheit ist geprägt von derartigen Erzählungen. Wo andere Mütter Märchen erzählen, wiederholte Hildegard immer und immer wieder die Geschichten ihrer Herkunft aus einem herrschaftlichen Haus, wo das Personal noch mit weißen Handschuhen servierte und wo die Gäste zum Souper in Kutschen vorfuhren. Die Glorifizierungen in den Erinnerungen der Mutter wurden kritiklos von der Tochter übernommen und wurden unbesehen an deren Söhne weitergegeben. Drei Generationen, auf die der ferne Glanz des Leipziger Lebens in den zwanziger Jahren fällt, aus dem die Familie sich einen Dünkel mästet.
Es ist spät geworden. Betty wird sich wie immer beschweren, dass ich meine Arbeit wichtiger nehme als die Familie. Ich habe viel mehr aufgeschrieben, als ich vorhatte. Ich kann nicht genau begründen, was mich dazu treibt. Ich habe dunkle Vermutungen. Es könnte sein, dass Frau Engelbrechts Lebensgeschichte auf eine Weise, die ich bisher nur undeutlich erkennen kann, Übereinstimmungen mit meiner eigenen Lebensgeschichte aufweist.
7. Juli 2005
Terroranschlag in der Londoner U-Bahn. Missstimmung am Frühstückstisch. Betty macht mir ungerechtfertigte Vorwürfe. Nur weil ich gestern zwei Stunden später nach Hause gekommen bin, redet sie gleich von Vernachlässigung der Familie. Seit Jahren bin ich pünktlich um achtzehn Uhr zu Hause. Ich habe meinen Mantel noch nicht ganz auf den für mich vorgesehenen Bügel gehängt, da greift schon das abendliche Programm, das Betty für mich zusammengestellt hat. Ich könne doch noch vor dem Essen den Rasen mähen, das Gras stehe schon viel zu hoch, weil er gerade jetzt gut abgetrocknet sei, und man könne ja nicht wissen, ob es morgen nicht schon wieder regnete; die Kübelpflanzen müssten auch dringend gedüngt werden, und Elli brauche Unterstützung bei ihrer mathematischen Hausarbeit. Das war vorgestern, wenn ich mich recht erinnere, gestern galt es, Bettys Fahrrad zu richten, das nicht nur einen Plattfuß hat, sondern auch noch auf unerklärliche Weise nach links zieht. Als ich anrief, um ihr zu sagen, dass ich später kommen werde, haben wir nur von diesem Fahrrad geredet und von der bedauerlichen Tatsache, dass sie, wenn ich mich nicht noch abends spät darum kümmere, heute mit dem Bus in die Stadt fahren muss.
Ich habe immer versucht, Betty zufriedenzustellen. Manchmal beschleicht mich ein Zweifel, ob es das überhaupt war, was sie wollte. Vielleicht wäre ihr ein Kerl, der auf den Tisch haut, lieber gewesen. Sie weiß nicht, dass ich eigentlich schon um fünf zu Hause sein könnte. Da sie nicht in der Lage war, mir nach Dienstschluss zu Hause eine Stunde des Abschaltens zu gönnen, einen Puffer gewissermaßen zwischen meiner Person als Vollzugspsychologe und meiner Person als Privatmensch, verschaffe ich mir diese Stunde, indem ich in meinen geliebten Palmengarten gehe. Ich kenne alle Pflanzen und alle Gärtner und werde täglich herzlich begrüßt. Fast war ich gestern in Versuchung, auch dort anzurufen, um zu melden, dass ich an diesem Abend leider verhindert sei. Nun, heute werde ich die Einrichtung pünktlich verlassen, denn Frau Engelbrecht hat einen Morgentermin. Es bleibt mir noch eine Stunde, um lästige Pflichten zu erledigen.
Später. E.E. kam fünf Minuten zu früh. Sie war bester Laune und begrüßte mich wie einen alten Bekannten. Ich frage sie nicht, was sie erheiterte. Ich finde sowieso, dass Frau Engelbrecht die Dinge zu leicht nimmt. Wenn man genau hinsieht, ist sie richtig fröhlich, eine Gemütslage, die angesichts der Tat, die sie begangen hat, vollkommen unangemessen ist. Man könnte auf den Gedanken kommen, sie sei manisch, dagegen spricht aber, dass sie zweifelsfrei allseitig orientiert und bewusstseinsklar ist. Wie soll ich das verstehen? Ich habe mir angewöhnt, meine Beurteilung so lange freischwebend zu halten, bis sie sich irgendwann, gewissermaßen unwiderstehlich angezogen wie ein Schmetterling von einer bestimmten Blüte, wie von selbst ergibt. Also ich nehme den Faden wieder auf.
Diese Stuttgarter Kinderjahre in dem schönen Haus in Riedenberg fanden 1944 ein jähes Ende, als der Vater, den bisher sein Alter und Beziehungen geschützt hatten, doch noch eingezogen wurde. Hubert beschloss, die Kinder zu seiner Mutter nach Reutlingen zu bringen. Da waren sie sicherer als in Stuttgart. Es gab eine heftige Abschiedsszene. Mariele hatte sich in Milas Bett eingenistet, saß da auf den Kuscheltieren der Kinder wie eine Glucke auf ihren Eiern, fest entschlossen, ihre Brut zu verteidigen. Der Vater redete auf sie ein, beschwor sie, brüllte sie mit hochrotem Kopf an und schüttelte sie schließlich an den Schultern. Aber alles nützte nichts. Mariele saß unerschütterlich und hoffte wohl, so eine Abreise zu vereiteln. Der Vater war in einem Erregungszustand, der den Kindern Angst machte, so hatten sie ihn noch nie gesehen. Am Ende fuhr man in einem großen, fremden Auto ohne Kuscheltiere fort, und Mila lag abends in Omilos Bett und konnte nicht einschlafen, weil ihr ihr Hasi fehlte.
Wo war die Mutter? Das ist ungewiss. Wahrscheinlich nicht mehr in Heidelberg, wahrscheinlich schon in Berlin, wo sie als Funkerin kriegswichtige Aufgaben wahrnahm und, so füge ich hinzu, wahrscheinlich genügend Zeit fand, die kriegsmüden Helden zu betreuen. Zu Weihnachten kam der Vater auf Urlaub. Er hatte eine Verwundung am Arm, und Omilo machte ihm Umschläge mit Essigsauretonerde, damit er nachts schlafen konnte. Das war das letzte Mal, dass die Kinder ihn sahen. Er geriet in russische Gefangenschaft und kam erst 1951 zurück. Hildegard ließ sich nur einmal blicken. Zu Milas siebtem Geburtstag. Sie brachte ein Kinderfahrrad und einen fremden Mann mit. Julian wollte nicht zur Mutter auf den Schoß und weinte. Vielleicht deswegen oder wegen anderer Unstimmigkeiten gab es einen großen Streit. Am Ende weinte auch Omilo, und Hildegard knallte die Autotüren und fuhr wieder ab.
Mila wunderte sich noch tagelang darüber, dass der Mann, den die Mami mitgebracht hatte, nicht hereinkommen wollte, obwohl sie ihn immer wieder dazu aufforderte. Sie hatte die Terrassentür aufgerissen und hinausgerufen:
„Lothar, nun sei doch nicht albern!”
Der fremde Mann aber kümmerte sich nicht darum, sondern lief die ganze Zeit auf dem kurzen Kiesweg vor dem Haus wie aufgezogen hin und her. Mila fand das komisch. Sie erfuhr nie, wer Lothar war. Die Mami hat ihn später nicht mehr erwähnt.
Aber in Reutlingen war es schön. Endlich mal eine angemessene Bemutterung, nehme ich an, ohne drohenden Abschied, ohne Dramen oder umwälzende Veränderung. Die eigentliche Muttergestalt in dieser Kindheit war die Oma, Omilo aus Reutlingen, die Mutter des Vaters, der seinerseits auch für diese Tochter, wie für so viele Töchter dieser Generation, ein ferner Vater war. Abgehalten durch falsche Vorstellungen von Erziehung, durch seine Arbeit, schließlich durch Krieg und Gefangenschaft.
Mila wurde 1946 in Reutlingen eingeschult. In einem blassblauen Kleidchen mit Bubikragen, dessen Stoffbahnen von einer gesmokten Passe locker herabfielen. Omilo hatte es selber genäht, und die feine Stickerei der Passe wurde in der ganzen Nachbarschaft bewundert. Milas rebellische blonde Haare waren derart fest zu Zöpfen geflochten, dass es an der Kopfhaut riss. Aber auch das nützte nichts, noch immer stand ein Flaum aus feinen blonden Haaren um ihren Kopf herum wie ein unordentlicher Heiligenschein. Es gab keine Schultüten, und sie hatte einen Fußweg von einer halben Stunde zu ihrer Schule. Das fand man damals normal. Die Kinder schrieben mit Griffeln auf Schiefertafeln. Zur Ausrüstung gehörten auch kleine Döschen mit einem feuchten Lappen oder einem feuchten Schwämmchen. Wenn man Bohnen oder Erbsen mit in die Dose legte, konnte man beobachten, wie sie keimten. Trockengerieben wurden die Tafeln mit einem größeren Lappen, der an einem Bindfaden hing, der durch ein Loch im hölzernen Rahmen der Tafeln gezogen wurde. Mila erinnert sich nicht, wann sie die ersten Hefte erhielten. Aber sie erinnert sich an Horst. Nach dem Vater der zweite Mann in ihrem Leben, dessen dunkle Ringellockenpracht sie unwiderstehlich anzog.
Unter den Erinnerungsbildern drängt sich, wenn sie an die Reutlinger Zeit denkt, eines immer vor, das von diesem schönen Horst, wie er dasteht in seiner kurzen Turnhose und einem Unterhemd, die Hände in die Hüften gestemmt, mit einem siegesgewissen Lächeln, dem auch die breite Lücke zwischen den Schneidezähnen nichts anhaben kann, das rechte Bein angewinkelt mit dem Fuß auf einem lächerlich kleinen roten Gummiball, als hätte er ihn erlegt. Horst hatte nicht das Geringste für sie übrig, aber Mila verfolgte jede seiner Bewegungen mit gierigen Augen.
Das ganze erste Schuljahr musste Mila ein um die andere Woche statt morgens nachmittags in die Schule, weil sich die Grundschule mit dem Gymnasium ein und dasselbe Schulgebäude teilte. Dann wurde eine neue Schule gebaut, schöner und moderner, stand in der Zeitung, als die alte, die der Krieg in Schutt und Asche gelegt hatte. Auf dem abgedruckten Foto von der Einweihung stand Mila in der ersten Reihe, weil sie auf der Feier ein Gedicht aufgesagt hatte. Sie schnitt das Bild mit Omilos Nagelschere fein säuberlich aus und legte es in ihr blaues Kästchen. Das Kästchen enthielt alles, was sie dem Papi zeigen wollte, wenn er denn endlich wiederkommen würde.
Bis 1948, bis zu Omilos Tod, beteten sie und Julian jeden Abend zusammen für seine gesunde Rückkehr. Der verschollene Vater, von dem es seit seinem Weihnachtsurlaub im letzten Kriegsjahr keine Nachrichten mehr gegeben hatte, war allgegenwärtig. Wenn Omilo die Einkaufstaschen zu schwer wurden, wenn es durch die Decke der oberen Stube regnete, wenn ihr die Knie derart schmerzten, dass sie sich einen Stuhl vor den Herd rücken musste, kurz, den lieben langen Tag formten ihre Lippen das immer gleiche Stoßgebet: Lieber Gott, wenn Du nur Deine Hand über Hubert hältst und den Kindern ihren Vater heil zurückgibst, dann will ich mich nicht beklagen. Amen.
Wenn der Papi wiederkommt, wird alles besser. Immer sollte, wenn dies oder jenes eintreten würde, alles immer besser werden. Die Zukunft hatte immer irgendwelche Wunder vorrätig, an die man bloß glauben musste. Wenn sie nicht eintraten, hatte man nicht fest genug geglaubt. Meistens wurde es allerdings schlimmer.
Eines Mittags kam Mila aus der Schule nach Hause, weil es hitzefrei gegeben hatte, und fand Omilo im Flur am Boden. Sie rief, sie zerrte, sie schmeichelte, sie weinte, aber Omilo starrte gegen die Decke und rührte sich nicht. Die Nachbarin, deren Name Frau Engelbrecht nicht einfallen will, sagte zu den Kindern, dass sie jetzt besonders lieb sein müssten, weil die Oma sich darüber gefreut hätte. Mila schlief mit Julian in einem Bett bei der Nachbarin, er oben, wie es sich gehörte, und sie unten mit dem Kopf am Fußende. Sie musste mit ihm schimpfen, weil er nicht still lag und ihr immer wieder mit seinen Füßen gegen den Bauch trat. Am nächsten Tag gab es Schokoladenpudding. Der war so fest, dass man ihn mit einem Messer in Stücke schneiden konnte. Er war bitter, und die Vanillesoße war nicht richtig süß.
8. Juli 2005
Das angebliche Paradies der Kindheit kann leicht die Züge einer Hölle annehmen, in der isoliert, überwältigt, gequält und gefoltert wird. Die Verurteilten sind rechtlos und lieben noch die Peiniger, deren Willkür sie ohnmächtig ausgeliefert sind, weil Lieben ihr biologischer Auftrag ist. Wenn sie ihn nicht erfüllen, droht der physische Tod. Den psychischen können sie überleben. Ohne das Elend der Kinder wäre die Welt ein besserer Ort. Niemand kommt unbeschadet aus seiner Kindheit. Es sind verletzte Kinder, die die Welt zu dem gemacht haben, was sie ist. Im Bösen wie im Guten.
Mila weinte von Reutlingen bis Heidelberg. Sie weinte lautlos, denn jedes Mal, wenn die Mami sich umdrehte und ihr ein neues Tempotaschentuch reichte, traf sie auch ihr missbilligender Blick, der sagte, mach jetzt bloß keine Scherereien, es ist alles schon schwierig genug für mich. Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder, der stellt sich auch nicht so an wie du und lacht über die Witze, die Onkel Hardy macht. Mila verstand, dass es vor allem darum ging, Onkel Hardy nicht zu verstimmen. Er lenkte das große Auto so schnell, wie sie noch nie gefahren war, und jedes Mal, wenn er den Mund auftat, erschrak sie aufs Neue über die Lautstärke, mit der die Töne auf sie eindrangen. An die Reichweite dieser Stimme gewöhnte sie sich nie. Zwei Jahre schwieg sie in seiner Gegenwart, um diese Stimme nicht herauszufordern. Eigentlich wusste sie es schon auf dieser ersten Autofahrt in den Lederpolstern seines Mercedes, dass sie ihn hassen würde. Er war es auch, der den Keil zwischen sie und Julian trieb. Er behandelte den Sechsjährigen wie einen Kumpel, von Mann zu Mann gewissermaßen, und Julian liebte ihn dafür.
Julian wurde in Heidelberg eingeschult. Er bekam eine Schultüte, die größer war als die aller anderen Kinder und außer Süßigkeiten auch noch die heißbegehrten neuartigen Fußballschuhe mit Gumminocken enthielt. Julian tat so, als hätte es Reutlingen nie gegeben, und das nahm Mila ihm sehr, sehr übel. Sie vermisste den kleinen Bruder, mit dem sie in einem Zimmer geschlafen hatte, wo sie sich abends, wenn sie nicht schlafen konnten, flüsternd Gruselgeschichten ausgedacht hatten. Wenn sie am Sonntagmorgen noch keine Lust gehabt hatten aufzustehen, hatten sie sich in einem Bett zusammengekuschelt und hatten sich gegenseitig Bilder auf den Rücken gemalt. Julian malte immer dasselbe, und sie wusste schon nach dem ersten Strich, was es werden sollte, aber sie dachte sich, den Altersvorteil skrupellos ausnützend, immer wieder Neues aus, bis Julian so frustriert war, dass er aus dem Bett sprang.
In Heidelberg lag Mila allein in einem großen Bett, das die Mami ein französisches nannte, und das Zimmer, in dem es stand, war schon ein Jungmädchenzimmer. Darauf sollte Mila stolz sein. Julians Zimmer lag auf der anderen Seite des Flurs neben Onkel Hardys Arbeitszimmer. Das Haus war so groß, dass es mehrere Zimmer gab, die von niemand benutzt wurden. Man nannte sie Gästezimmer, aber es kamen keine Gäste.
Die Mami hatte ihnen nach ihrer Ankunft alles gezeigt, das ganze elegant eingerichtete Haus, vom Boden bis in den Keller, und erwartet, dass sie sich gebührend beeindruckt zeigten. Julian konnte seine Mutter zufriedenstellen, aber Mila schluckte noch immer an ihren Tränen. Sie fand den Garten schöner als das Haus, eine parkähnliche Anlage mit Rhododendronbüschen, die so groß waren, dass man sich unter ihnen verstecken konnte. Am Ende einer großen Rasenfläche gab es sogar einen künstlich angelegten Badeteich, in den ein Sprungbrett hineinragte.
Es war noch immer derselbe heiße Sommer, der in Reutlingen begonnen hatte und nun in Heidelberg einfach weiterging. Ohne die letzten Schulwochen, denn Hildegard hatte kurzerhand beschlossen, es sei ausreichend, wenn die Kinder nach den großen Ferien in ihre neuen Schulen gebracht würden. Mila und Julian konnten schwimmen und verbrachten oft ganze Tage am Teich. Gegen Abend nach seiner anstrengenden Arbeit in der Praxis kam auch Onkel Hardy an den Teich, sprang von dem Brett kopfüber ins Wasser und tauchte furchterregend prustend wie ein Nilpferd wieder auf. Mila fürchtete sich vor ihm. Er war ihr zu laut, zu groß und zu wichtig. Alles gehörte ihm, und man musste immer genau das tun, was er sagte. Manchmal dachte Mila an Omilos Garten und an ihr Beet, wo sie im Frühjahr Radieschen und Ringelblumen gesät hatte, und stellte sich vor, wie jetzt alles vertrocknete, weil niemand die Beete goss. Sie machte sich auch Sorgen um Georg. Irgendjemand hatte ihn ins Tierheim gebracht, und die Nachbarin hatte ihr versichert, dort gehe es ihm gut, er sei ja auch schon alt. Als ob das ein Grund wäre, um glücklich zu sein. Sie stellte sich vor, wie Georg nach dem Tod von Omilo auch nicht mehr leben wollte und einfach aufhörte zu atmen. Der Mami konnte man nichts davon erzählen. Sie hatte Reutlingen aus ihrem Wortschatz gestrichen, und wenn es sich nicht vermeiden ließ, Omilo zu erwähnen, redete sie von „dieser alten Frau, die sich um die Kinder gekümmert hat”.
Aber Mila betete jeden Abend die alten Gebete, die sie mit Omilo gebetet hatte, und schickte ihr Grüße in den Himmel. Sie dachte sich lange Geschichten aus, wie der Papi eines Tages vor der Tür stehen würde und sie mitnähme. Sie ganz allein, denn Julian, davon war sie überzeugt, würde bei Onkel Hardy bleiben wollen. Nachdem er dessen chromglänzende Praxis gesehen hatte, wollte er auch Orthopäde werden. Das erzählte er jedem, der es hören wollte, und Onkel Hardy stand dabei und lachte wohlwollend sein dröhnendes Lachen: „Schaut mal, der Kleine ist doch gewitzt, der weiß jetzt schon, was gut für ihn ist.”
Mila dagegen enttäuschte. Es fiel ihr schwer, die fremd gewordene Mutter, so wie sie es wünschte, mit „Mami” anzureden. Sie schwieg meistens, zu Hause und in der Schule. Beteiligt sich zu wenig am Unterricht, stand in ihrem ersten Zeugnis in Heidelberg, und daran änderten auch Hildegards wiederholte Besuche in der Schule nichts. Sie versprach ihrer Tochter als Belohnung, wenn sie denn in die 4. Klasse versetzt würde, ein Tagebuch. Zu Milas eigener Überraschung wurde sie versetzt und durfte sich im feinsten Geschäft der Stadt ein Tagebuch aussuchen. Sie suchte sich ein Buch mit einem himmelblauen Samteinband aus, der mit vielen kleinen Rosenkränzchen verziert war. Wenn das Buch geschlossen war, sah der Buchschnitt golden aus. Das Tagebuch war ihr von der Minute an, in der der Verkäufer es ihr in die Hände legte, heilig. In ihrem Zimmer war ihr kein Platz gut genug für das Buch. Abends legte sie es auf ihren Nachttisch und freute sich an seinem Anblick, bis ihr die Augen zufielen.
„Schreibst du gar nichts in dein Buch?”, erkundigte sich die Mami.
„Ich weiß nicht, was man in ein Tagebuch schreibt”, antwortete Mila.
„Alles, was du so erlebst und was du dir so denkst.”
„Alles?”
„Alles!”
