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Old is great – eigentlich ist ein Wegweiser für glückliches Altern Was man alles tun sollte, um möglichst gesund immer älter zu werden, das können Sie auch in unzähligen anderen Büchern lesen – hier erfahren Sie, was Sie alles nicht tun und vor allem nicht denken sollten. Denn mit unseren Gedanken programmieren wir uns selber alt. Nicht, was wir tun, entscheidet über unsere Gesundheit und Lebenserwartung, sondern wie wir es bewerten. Das Ausmaß, in dem unsere Gedanken und Gefühle unsere Befindlichkeit und unsere Lebenszeit beeinflussen, ist immens. Old is great – eigentlich beschäftigt sich auch mit dem "eigentlich", weil es immer wieder unsere eigenen inneren Widerstände sind, die es uns schwer machen, auch im Alter das Leben zu genießen. Denn wir tappen, ohne es zu wollen, in viele Fallen. Das Buch möchte auch unsere Aufmerksamkeit schärfen, damit wir es merken, wenn wir uns wieder einmal älter denken, als wir eigentlich sind. Die überachtzigjährige Psychotherapeutin, Brigitte Halenta, führt zwölf Gespräche mit einem Paar im Ruhestand. Annalena und Gregor waren in ihrer Jugend ein Liebespaar, haben sich nun im Alter wiedergetroffen und möchten herausfinden, wie es ihnen gelingen könnte, zusammenziehen und gemeinsam glücklich zu altern. Die Leser*innen können sich entweder mit dem Skeptiker Gregor oder mit der lebenslustigen Annalena identifizieren und mit ihnen Alter als ein Abenteuer erleben, auf dem es immer noch viel zu entdecken gibt.
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2020
Brigitte Halenta
OLD IS GREAT
- eigentlich
Old is great – eigentlich ist ein Wegweiser für glückliches Altern.
Was man alles tun sollte, um möglichst gesund immer älter zu werden, das können Sie auch in unzähligen anderen Büchern lesen – hier erfahren Sie, was Sie alles nicht tun und vor allem nicht denken sollten. Denn mit unseren Gedanken programmieren wir uns selber alt. Nicht, was wir tun, entscheidet über unsere Gesundheit und Lebenserwartung, sondern wie wir es bewerten. Das Ausmaß, in dem unsere Gedanken und Gefühle unsere Befindlichkeit und unsere Lebenszeit beeinflussen, ist immens.
Nach dem neuesten Stand der Wissenschaften kann Alter nicht länger nur als biologisches und gesellschaftliches Schicksal gesehen werden, seine Erscheinungsformen kommen vorrangig durch individuelle Selbstbestimmung zu Stande. Der mentale Spielraum des Einzelnen in unserer Gesellschaft ist viel größer, als allgemein wahrgenommen wird. Doch haben wir das Alter als Mängelmodell tief verinnerlicht, und das blockiert bei vielen die Möglichkeit, wenigstens nach Rentenbeginn das eigene Leben erfüllend zu gestalten. Dabei ist der durch die rapide gestiegene Lebenserwartung verlängerte Ruhestand die letzte Chance, es doch noch einmal mit dem Glücklichleben zu versuchen.
Old is great – eigentlich beschäftigt sich auch mit dem „eigentlich“, weil es immer wieder unsere eigenen inneren Widerstände sind, die es uns schwer machen, auch im Alter das Leben zu genießen. Denn wir tappen, ohne es zu wollen, in viele Fallen. Das Buch möchte auch unsere Aufmerksamkeit schärfen, damit wir es merken, wenn wir uns wieder einmal älter denken, als wir eigentlich sind.
Die überachtzigjährige Psychotherapeutin, Brigitte Halenta, führt zwölf Gespräche mit einem Paar im Ruhestand. Annalena und Gregor waren in ihrer Jugend ein Liebespaar, haben sich nun im Alter wiedergetroffen und möchten herausfinden, wie es ihnen gelingen könnte, zusammenziehen und gemeinsam glücklich zu altern. Die Leser*innen können sich entweder mit dem Skeptiker Gregor oder mit der lebenslustigen Annalena identifizieren und mit ihnen Alter als ein Abenteuer erleben, auf dem es immer noch viel zu entdecken gibt.
Brigitte Halenta
OLD IS GREAT
- eigentlich
Wegweiser zum glücklichen Altern
Impressum:
© 2020 Brigitte Halenta, 1. Auflage
Umschlag: David Halenta
Umschlagfoto: Felicitas Rehbock
Satz und Layout: BookDesigns
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-347-20227-6
ISBN ebook: 978-3-347-20229-0
Erfahren Sie mehr über die Autorin auf brigittehalenta.de
Bibliografische Information der Deutschen BibliothekDie Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Vorwort
Wenn Sie ein Mensch sind, der gerne schnell zur Sache kommt, dann können Sie das 2. Vorwort überschlagen. Sie müssen nur wissen, dass ich eine achtzigjährige ehemalige Psychotherapeutin bin, die sich einmal in der Woche mit einem jüngeren Paar trifft. Annalena und Gregor sind Mitte sechzig, seit kurzem ein Liebespaar, aber sie wohnen getrennt. Sie erwägen zusammenzuziehen und möchten von mir wissen, welche Chancen ich für Glück im Alter sehe. Mit meinem Vorsprung an Jahren und Erfahrungen will ich ihnen gerne erzählen, was man dafür tun kann, im Alter ein glücklicher Mensch zu sein.
2. Vorwort
Annalena Himmelblau. Der Name fiel mir sofort ein. Solch einen Namen vergisst man nicht. Sie wartete an der Käsetheke und wippte ungeduldig mit den Füßen. Unverkennbar. Annalena. Ich habe mindestens zwanzig Jahre nicht mehr an sie gedacht. Aber als gestern unvermutet mein Blick auf sie fiel, war sie mir auf der Stelle so gegenwärtig wie an dem Tag, als sie in meine Praxis rauschte: bebend vor Entschlossenheit. Ihre durchaus attraktive Fülle war nachlässig von mehreren Schichten bunter Stoffe verhüllt, ihre fast schwarzen Locken trug sie zu Rasterzöpfen geflochten, die in bunten Bändern endeten. Sie setzte sich auf meiner Couch mit übereinandergeschlagenen Beinen und vorgerecktem Busen in Szene, als sei ich ein Mann, den sie verführen wollte. Das muss Ende der Neunzigerjahre gewesen sein. Zwar war ich eine Frau ohne lesbische Neigungen, aber beeindruckt war ich trotzdem. Es gab nicht viele Patienten, die so viel frischen Wind mit hereinbrachten. So viel Energie, die ein Ziel suchte.
Annalena war auch damals schon nicht mehr die Jüngste. Mitte vierzig schätze ich, aber die Lachfältchen um ihre braunen Augen taten ihrer mediterranen Schönheit keinen Abbruch. Im Gegenteil. Sie waren der Akzent, die liebenswerte Unregelmäßigkeit, die ihr klassisch proportioniertes Gesicht davor bewahrte, langweilig perfekt zu wirken. Therapiebedürftig fühlte sie sich nicht, denn sie war der Meinung, ihr herrschsüchtiger, ewig an ihr herumnörgelnder Ehemann müsse sich nur ändern, dann würde ihr das Leben auch wieder mehr Spaß machen. Annalena war nicht depressiv, sie war wütend. Wir kamen schnell überein, dass sie in einer Gruppe besser aufgehoben sei als in einer Einzeltherapie. So wurde Annalena für zwei Jahre Mitglied in einer der Psychodrama-Gruppen, die ich damals leitete, und begriff schnell, dass man nur sich selbst und nicht die anderen ändern konnte.
Wie ihr Leben weiter verlaufen war, wusste ich nicht. Ob sie ihr Graphik-Studium wiederaufgenommen hatte, ob sie sich von ihrem Mann, der Richter am Landgericht war, getrennt hatte, war nicht mehr zu mir gedrungen. Sie hatte beides vor. Aber offensichtlich musste sie heute mit sechzig plus nicht mehr in einer Protest-Aufmachung gegen alles Bürgerliche herumlaufen. An der Käsetheke zwischen den anderen Wartenden fiel sie höchstens durch ihre Eleganz auf. Sie trug schmale dunkelgraue Hosen und eine aparte violette Tunika. Als sie der Bedienung hinter der Theke ihre Wünsche mitteilte, sah ich ihr römisches Profil, so wie ich es in Erinnerung hatte, nur mit kaum angedeutet erschlafften Hautpartien am unteren Kieferbogen. Der kurze Bob, noch immer dunkel, stand ihr gut.
Ich beschloss, einer Begegnung aus dem Weg zu gehen. Begegnungen mit früheren Patienten sind zwiespältig. Manche sind begeistert, mich zu treffen, und wollen mir sofort erzählen, was sich nach dem Therapieende alles ereignet hat, andere sind unangenehm berührt, weil ich sie an Zeiten des Leidens und der Schwäche erinnere. Zwischen diesen beiden Polen sind alle möglichen Abstufungen denkbar. Aber auch meine Reaktionen haben eine Bandbreite und bewegen sich von erfreut bis peinlich. Letzteres dann, wenn ich mich partout nicht an den Namen erinnern kann und an das Gesicht auch nur noch vage. Nach fünfundzwanzig Jahren Praxis und mittlerweile zehn Jahren Ruhestand nehme ich mir das nicht übel, aber ich möchte niemand kränken. Annalena Himmelblau war eine Lieblingspatientin wie eine große Zahl anderer auch. Ich erinnere mich an ihre Gesichter, ihre Namen und ihre Geschichten. Sie sind allesamt aufbewahrt in einem extra Archiv mit der Überschrift: Meine Jahre als Psychotherapeutin.
Gegenwärtig befinde ich mich in einem Lebensabschnitt, den ich mit Meine letzten Jahre als Autorin überschreibe. Alles, was ich in meinem Leben erlebt und gelernt habe, ist nicht vergessen, sondern fließt jetzt zusammen. Es ist eine reiche Zeit der Ernte, und ich bin glücklich, wenn es mir gelingt, in meinen Romanen meinen Lesern und Leserinnen etwas davon mitzuteilen.
Ich wendete mich also statt der Käsetheke und Annalena den Weinregalen im hinteren Teil des Ladens zu. Ich bin keine gute Weinkennerin, aber für meine Gäste kaufe ich gerne das Beste ein. Über meinem Schwanken zwischen einem Merlot aus Sizilien und einem Kaiserstühler vergaß ich Annalena Himmelblau vollkommen.
Ich bin fasziniert von der Quantenphysik. Zwar bin ich weit entfernt davon, sie zu verstehen, aber das Wenige, das mir davon zugänglich ist, hat schon so ungeheuerliche Implikationen für mein Leben, dass mir manchmal ganz schwindelig wird. Gestern im Supermarkt ging es nur um ein Alltagsphänomen, das, will man nicht den Zufall bemühen, mit quantenphysikalischen Theorien erklärbar wäre. Ich erledigte also meinen Einkauf und dachte dabei an meine Gäste am Abend, für die ich ein kleines Menü plante. Weil mein Supermarkt von beträchtlicher Größe und sehr besucht ist, gibt es am Ausgang sechs Kassen nebeneinander, von denen immer mindestens vier besetzt sind. Das ist mir wichtig. Ich möchte nicht gerne lange warten. Ich suchte mir deshalb wie immer die kürzeste Kassenschlange aus. Drei Kunden waren vor mir. Genau in dem Augenblick, als ich meine erste Weinflasche auf das Band legte, schaute ich unwillkürlich hoch, und mein Blick traf Annalenas Blick. Sie stand in der Nebenschlange und legte genau in demselben Augenblick eine Packung Nudeln auf das Band. Spukhafte Verschränkung hat Einstein das spöttisch genannt. Es war kein Zufall, dass wir uns treffen sollten, es war zwingend.
Über Annalenas Gesicht ging ein Strahlen, sie gestikulierte wild in Richtung der Cafeteria. Schon klar. Es war jetzt unser Schicksal, eine Tasse Kaffee miteinander zu trinken und alte Zeiten heraufzubeschwören. In der Gruppe hatten wir uns geduzt. Ich fühlte mich aber nicht in der Lage, diese fremde Frau, zu der sie in der Zwischenzeit geworden war, mit Du anzusprechen. Ob es ihr ähnlich ging? Ohne uns darüber verbal zu verständigen, siezten wir uns, benutzten aber unsere Vornamen. Eine gute Mischung von alter Vertrautheit und jetziger Fremdheit. Annalena ging mit dem Kaffeepott in der Hand voran auf der Suche nach einem ungestörten Eckchen. Ich folgte, ich leugne es nicht, zögerlich. Ich fühlte mich überrumpelt. Ich hätte mich lieber den Vorbereitungen für meine Gäste gewidmet, als mit einer ehemaligen Patientin, mit der mich nichts mehr verband, ein Gespräch zu führen. Ein Gespräch, das in aller Regel darauf hinauslief, dass die oder der andere seine derzeitige Lebenssituation beschrieb, was ich mit den jeweils richtigen einfühlsamen Bemerkungen begleitete. Mit Lieblingspatienten lief das allerdings dann doch anders, und mit Annalena Himmelblau sowieso. Schnell fand ich wieder an ihrer intensiven Art zu sprechen Gefallen, und ihr ganz eigener Charme bestrickte mich derart, dass mir meine Abend-Einladung ganz aus dem Sinn geriet.
Ich erfuhr, dass der Tod sie – noch gerade rechtzeitig, wie sie ironisch bemerkte – von ihrem nörgelnden Richter erlöst hatte. Jetzt lebte sie schon zehn Jahre allein und überdies komfortabel in dem Haus, das er ihr hinterlassen hatte. Die Witwenpension und gelegentliche Aufträge für Illustrationen enthoben sie aller finanziellen Sorgen. Aber leider sei es nun – genaugenommen seit vier Monaten – mit ihrer inneren Ruhe vorbei. Die Behaglichkeit, mit der sie vor sich hingelebt habe, sei endgültig dahin. Ich muss sie sorgenvoll angesehen haben, denn sie tröstete mich gleich. Nichts Ernstes, nur ein Luxusproblem. Erleichtert stimmte ich in ihr Lachen mit ein. Ich fühle mich nicht mehr zuständig für Ernstes, aber Luxusprobleme interessieren mich schon noch.
Wie konnte es anders sein. Es ging um einen Mann. Es geht immer um einen Mann, respektive um eine Frau. Also um die Liebe und um all die unvernünftigen Wünsche, die sofort mit ihr aufwachen und keine Ruhe mehr geben, bis man sich zugrunde gerichtet hat. Annalena hatte einen Jugendfreund wiedergetroffen. Oder besser gesagt: Der Jugendfreund hatte sie gezielt gesucht und gefunden. Gregor Rehberg. (Meiner Meinung nach sind Jugendfreunde, die im Alter wieder auftauchen, wie ein unverhoffter Sahneklecks auf einem zu schwarzen Kaffee. Man kennt sich noch jung, schön und unbeschrieben, und die Veränderungen, die einem die gelebten Jahre zugefügt haben, wirken im erinnerungsseligem Auge des anderen – wenigstens eine Weile – nur wie hässliche Verkleidungen, die man auch ablegen könnte, bis sie sich dann im Laufe der Zeit als angewachsen erweisen.) Gregor Rehberg also, ein Architekt. Die beiden waren schon zusammen zur Schule gegangen und hatten gemeinsam ein Architekturstudium in Aachen begonnen. Ein Paar wurden sie erst in den letzten Tagen des zweiten Semesters, als Annalena sich entschlossen hatte, doch lieber Graphik Design zu studieren, und schon ein Zimmer in München angemietet hatte. „Es war nur aus Abschiedsschmerz“, sagte Annalena, „ich habe mir weiter nicht viel dabei gedacht, wir haben uns schnell aus den Augen verloren.“
Vielleicht hatte sich Gregor schon damals mehr dabei gedacht und versucht, den Kontakt zu der schönen Annalena aufrechtzuerhalten. Jetzt jedenfalls, gut vierzig Jahre später, hatte er das von ihm vor Jahren für einen Onkel entworfene Haus in Bad Oldesloe bezogen und begehrte nicht weniger und nicht mehr, als mit Annalena zusammenzuziehen, um, wie er es ausdrückte, sich im Alter mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Annalena schüttelte sich. „Er ist immer so negativ, wissen Sie. Das hört sich für mich eher nach gegenseitiger Pflege als nach Liebe an.“ – „Aber dieses Angebot bringt Sie um Ihre Ruhe“, warf ich ein und ärgerte mich, denn derart quasi-therapeutische Sätze wollte ich nicht mehr sagen. Annalena lachte: „Also das Pflegeangebot bringt mich nicht aus meiner Ruhe, zur Zeit geht es noch um Liebe. Wir haben uns in Oldesloe ein Liebesnest eingerichtet, kein Pflegenest.“ Sie nahm meine Hand und flüsterte mir zu: „Unglaublich! Jede Begegnung bringt eine neue Überraschung, ich meine, ich überrasche mich auch selbst, daran hatte ich schon gar nicht mehr gedacht! Und er ist entzückend! Hinreißend, witzig, klug natürlich. Ein Glücksfall.“ Ich unterdrückte die professionelle Frage nach dem Problem. Annalena kam auch sofort ganz von selbst darauf zu sprechen, nahm ihre Hand zurück und sagte in einem anderen Ton: „In intimen Situationen ist Gregor, weil er dann nicht so viel denkt, ein Schatz, aber im Alltag verdirbt er mir die Laune. Oder wie würden Sie das finden, wenn Sie sich in einer tomatenroten, engen Leggins gerade absolut unwiderstehlich finden und der Typ, mit dem Sie zusammen sind, sagt: In dem Knaller willst du doch jetzt wohl nicht auf die Straße gehen, in deinem Alter wirkt das einfach lächerlich?“
„Nicht so gut“, sagte ich und trank meinen letzten Schluck Kaffee.
„Es ist, als wenn Gregor ein Raster über das ganze Leben legt“, fuhr sie fort. „Das Raster trägt die Überschrift: In unserem Alter, und in jedem Planquadrat werden zu jedem Verhalten Bewertungen abgegeben, abwertende natürlich: Mein Lieblings-Sommerkleid zu ausgeschnitten und bunt, also zu auffällig in unserem Alter; sein Ellbogenbruch zu kompliziert, um in unserem Alter folgenlos zu heilen; Chinesisch zu komplex, um es in unserem Alter noch zu lernen. Und so weiter.“
Es fiel mir nicht schwer, mir Gregor vorzustellen. Er ist kein Einzelfall. Das Foto, das Annalena aus ihrer Tasche kramte, ergänzte nur die Merkmale seiner äußeren Erscheinung. Gregor war ein großer, schlanker Mann, ein wenig schon nach vorne geneigt, aber mit den feinen vergeistigten Gesichtszügen neugieriger Menschen, die nachts allein in ihren Laboratorien forschen. Ich fand, er sah eher wie ein Wissenschaftler aus als wie ein Architekt, den ich mir immer irgendwie bodenständig vorgestellt hatte. Annalena und Gregor waren beide Lübecker und hatten an der Oberschule zum Dom Abitur gemacht. Aber während Annalena die meiste Zeit ihres Lebens in Lübeck verbrachte, war Gregor in der Welt herumgekommen und hatte zuletzt in Hamburg als Architekt und Städteplaner genügend Erfolg, um ein gutsituiertes Leben zu führen. Seine Frau war vor fünf Jahren bei einem Autounfall in den USA ums Leben gekommen, sein einziger Sohn lebte in New York und sah keinen Grund, jemals wieder nach Deutschland zurückzukehren. Einmal im Jahr flog Gregor in die USA, um für ein paar Wochen seine beiden Enkelkinder zu besuchen. Damit sah er seine Familie beziehungsweise das, was von ihr übriggeblieben war, auch nicht öfter als Annalena ihre. Ihre zwei Töchter hatte es nach Flensburg und Hannover verschlagen. Beide Mädchen waren verheiratet und versuchten, Kleinkinder und Job unter einen Hut zu bringen. Eine kilometerweit entfernt wohnende Oma war nicht eingeplant. Meistens verbrachte Annalena Ostern und Weihnachten abwechselnd in Flensburg und in Hannover.
Gregor und Annalena waren also frei und ohne Anhang. Sie hatten die nötigen Mittel und die nötige Phantasie, um ein anderes Leben zu zweit anzufangen. Und Gregor drängte. Bei jeder Gelegenheit wies er darauf hin, dass ihre Zeit ja schließlich nur noch kurz bemessen sei. Aber Annalena hatte Bedenken, Einwände, womöglich Ängste. Wenn der altersmelancholische Gregor sich nicht überzeugen ließe, dass Alter nicht nur ein Desaster, sondern immer auch noch Zukunft bedeutete, die man negativ oder positiv gestalten konnte, dann war es für sie keine gute Idee, mit ihm zusammenzuziehen. Ich konnte ihr nur zustimmen, denn wenn man schon nicht für sich alleine im Stande ist, ein glücklicher Mensch zu sein, dann gelingt das zu zweit erst recht nicht. Annalena selbst wähnte sich schon auf dem Weg in ein glückliches Alter. „Ich kenne jedenfalls die Richtung“, sagte sie, „aber Gregor müsste eine Kehrwendung machen. Im Grunde ist es die alte Geschichte mit dem Glas Wasser. Ist es nun halbleer oder halbvoll? Gregor müsste sich zu der Ansicht entschließen, dass heutzutage unser Glas noch halbvoll ist.“
„Ja“, pflichtete ich ihr bei, „so ein Entschluss kann ein ganzes Leben radikal verändern, sogar noch am allerletzten Tag.“
Und für mich dachte ich: Natürlich könnte sich Gregor genau wie 90% der relativ gesunden, in Frieden und genügend Wohlstand lebenden Europäer entschließen, statt eines melancholischen Alters wie bisher ein glückliches Alter zu erleben. Aber warum sollte er? Vielleicht wegen Annalena. Möglich ist alles. Denn solange wir schmerzfrei an einem sicheren Platz leben, es unter einem Dach warm und trocken haben und täglich satt zu essen und zu trinken, hängt unser Glücklich- oder Unglücklichsein von der Welt in unserem Kopf ab. Die sogenannte Wirklichkeit, auf die wir schwören, entsteht nicht außen, sie entsteht innen. Ein glückliches Alter ist möglich – wenn wir es wollen.
Annalena war entzückt, mich getroffen zu haben. „Wer, bitte, wenn nicht Sie“, rief sie emphatisch so laut in den Raum, dass sich andere Gäste nach uns umsahen, „wer, bitte, wenn nicht Sie als achtzigjährige ehemalige Psychotherapeutin, die einen – ich darf das mal sagen – sehr ausgeglichenen und glücklichen Eindruck auf mich macht, wäre eine bessere Gewährsfrau!“
Vielleicht war ihre Schmeichelei daran schuld oder der sprichwörtliche Annalena-Charme oder zu guter Letzt doch meine psychologische Neugier, aber nach zwei Stunden hatte ich einigermaßen gegen meine erklärten Absichten eine Vereinbarung mit ihr getroffen. Annalena und Gregor würden 12 Mal jeden Freitagnachmittag für zwei Stunden zu mir kommen, um bei einer Tasse Tee mit mir über das schillernde Phänomen Alter zu plaudern. Nach landläufiger Meinung bin ich nun seit bald zwanzig Jahren alt. Ich will es nicht leugnen. Es haben sich einige Erkenntnisse angesammelt, die ich gerne weitergebe. Denn ich bin überzeugt: Ein glückliches Alter, solange es denn währt, ist möglich.
1
Annalena und Gregor sind pünktlich. Gregor deutet einen Handkuss an und überreicht mir ein Sträußchen bunter Astern. Ein Kavalier alter Schule, nicht nur deshalb gefällt er mir an Annalenas Seite. Ein Mann mit einem hohen Sympathiewert. Ich schenke Tee ein und komme gleich zur Sache, mit Small-talk will ich keine Zeit vergeuden.
„Haben Sie ein Thema mitgebracht?“
Natürlich haben sie das. Gregor ist 66 und der festen Überzeugung, dass er in spätestens 10 Jahren sterben wird – wie sein Vater, der 75 Jahre alt wurde. Die 1 Jahr jüngere Annalena dagegen will über so etwas gar nicht nachdenken und sagt fröhlich:
„Also mindestens 20 Jahre geb ich mir noch.“
Gregor findet, dass sich Annalena da etwas in die Tasche lüge, er sei Realist, man müsse den Tatsachen ins Auge sehen. Ich frage ihn, wie lange er sich denn schon mit seinem baldigen Tod beschäftige. Seit seinem 50. Geburtstag, erzählt er, da habe ein feinfühliger Kollege ihm mit folgendem Spruch gratuliert: Willkommen im Club. Von nun an geht es nur noch bergab.
„Damals habe ich gelacht, aber als ich kurze Zeit später ein langwieriges Problem mit meinem rechten Knie bekam, habe ich immer öfter an diese Prophezeiung gedacht.“
„Seit 16 Jahren also“, fasse ich zusammen, „erleben Sie jede körperliche Erkrankung als Pflasterstein auf dem Weg zum Ende. Da macht das Leben nicht viel Spaß, stelle ich mir vor, denn schmerzfreie Zeiten kann man auch nicht so recht genießen, weil sie dann doch nichts weiter sind als die augenblickliche Abwesenheit von der Bedrohung durch den Tod. Da ist Annalena, die an so etwas gar nicht denkt, besser dran. Optimisten leben angenehmer, gesünder und länger, das ist wissenschaftlich erwiesen.“
Annalena nimmt einen der Zettel, die ich bereitgelegt habe, einen Stift und schreibt sich einen Merkzettel.
1
Optimisten leben angenehmer, gesünder
und länger als Pessimisten.
„Warum das so ist, wird uns noch ausführlich beschäftigen. Aber eins nach dem anderen. Gregor, schauen wir uns doch mal die statistischen Fakten an. “
„Die durchschnittliche Lebenserwartung für meinen Jahrgang, 1952“, unterbricht mich Gregor, „beträgt 65,45 Jahre. Danach müsste ich schon tot sein.“
„Ich weiß nicht, wo Sie die Zahl herhaben. Ich habe hier eine Tabelle vom Statistischen Bundesamt1, in der für bestimmte Altersstufen für die Jahre 2013/2015 die sogenannte fernere Lebenszeit berechnet ist. Danach hat ihre Generation – statistisch gesehen – noch eine Lebenszeit von 17,71 Jahren vor sich.“
Gregor macht ein derart ungläubiges Gesicht, dass ich die besagte Tabelle aus meinen Unterlagen heraussuche und sie vor ihm zwischen Sahnekännchen und Kandisschale platziere.
Gregor findet schnell die ihn betreffenden Zahlen und sagt: „Hm.“
„Und ich?“, fragt Annalena. „Wie viele Jahre lebe ich noch?“
„Du bist unsterblich“, sagt Gregor.
Annalena zieht die Tabelle zu sich heran und studiert sie.
„Guck an. 20,9 Jahre! Das ist ja sogar noch mehr als 20 Jahre.“
„Also wirklich“, sage ich, „ein Orakel ist diese Statistik nicht. Tatsächlich haben die durch die Analyse der Sterberegister zustande gekommenen Mittelwerte für den Einzelnen so gut wie keine Relevanz. Es sind Größen, die nur für Statistiker und Soziologen aussagekräftig sind. Sie können damit zum Beispiel feststellen, dass die Bevölkerungsgruppe, die weltweit am stärksten wächst, die der Hundertjährigen ist. Aber ein Maß, das die individuelle zu erwartende Lebensdauer beschreibt, kann es nie geben. Zu unterschiedlich wirken sich die vielen Einflussfaktoren aus. Schon wenn Sie morgen ihre Koffer packen und von Lübeck 30 Km weiter in den Landkreis Storman umziehen, steigt Ihre statistische mittlere Lebenserwartung um mehr als 3 Jahre.2 Oder denken Sie an Raucher und Nichtraucher. Selbst wenn Sie mit 66 das Rauchen aufgeben, wirkt sich das noch positiv auf die zu erwartende Lebensdauer aus. Statistisch gesehen wechseln Sie damit in eine Gruppe mit einem kleineren Sterberisiko. Für Sie und mich sind solche Aussagen nur interessant, weil sie unzweideutig eine Entwicklung beweisen: Die Menschen werden immer älter. Insofern, liebe Annalena, greifen Sie nur noch beherzter in den Zukunfts-Topf! Geben Sie sich nicht nur 20, sondern 40 Jahre. Warum sollen nicht gerade Sie zu den 100-Jährigen gehören.“
Gregor stöhnt. Ich wende mich direkt an ihn.
„Sie haben ja recht mit Ihrer Skepsis, aber tatsächlich ist es doch so, dass wir über unsere Zukunft absolut nichts Sicheres wissen. Allenfalls haben wir Wahrscheinlichkeiten. Ihnen kann auch nachher, wenn Sie hier hinausgehen, der berühmte Ziegelstein auf den Kopf fallen, und das war dann das Ende aller Spekulationen. Wir wissen aber auch aus unzähligen Experimenten, dass das, was wir uns lebhaft vorstellen, eine höhere Wahrscheinlichkeit hat einzutreten.
2
Das, was wir uns lebhaft vorstellen,
hat eine höhere Wahrscheinlichkeit
einzutreten, als das, was wir uns nicht
vorstellen.
Also, um es auf den Punkt zu bringen: Gregor, wenn Sie sich vorstellen, 100 Jahre alt zu werden, haben sie eine größere Wahrscheinlichkeit, wenigstens 85 zu werden, als wenn Sie sich vorstellen, wie Ihr Vater mit 75 zu sterben. Und was dazu kommt: Von Ihrer Lebensstimmung her wären es gute Jahre gewesen. Jahre, die Sie so gelebt hätten, wie sie mit 20, 30 oder 40 gelebt haben, lebenszugewandt und unbekümmert, weil der Tod noch kein Thema war. Ich meine, dass man ans Leben denken sollte, solange man lebt, und nicht an den Tod.“
„Mit 20, 30 oder 40“, wendet Gregor ein, „hatte ich keine Schmerzen in den Knien, ich konnte essen und trinken, was ich wollte, die Nächte durcharbeiten und war trotzdem am nächsten Tag fit.“
„Also ich kann auch ein paar Zipperlein aufzählen“, mischt sich Annalena ein.
„Und ich erst!“ Pflichte ich ihr bei. „Ich muss im Alltag bei sehr vielen Gelegenheiten Rücksicht auf meine 80 Jahre nehmen. Aber trotzdem lebe ich doch gern. Sie etwa nicht?“
„Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen“, antwortet Gregor und setzt die schon aufgenommene Teetasse wieder ab. „Die einzige Alternative, die wir haben, ist ein früher Tod.“
„Genau. Annalenas Zipperlein, Ihre Knieschmerzen, meine Einschränkungen, überhaupt das allmähliche Nachlassen der Kräfte, die Veränderungen der Haut, die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten – das alles ist der Preis für unsere neue Langlebigkeit. Die moderne Medizin wird mit der Zeit immer mehr dieser Altersleiden mildern oder gar abschaffen. Das Ziel ist es, dass der Mensch möglichst viele Jahre seiner langen Lebenszeit gesund verbringt. Schauen Sie mich an. Ich kann heute mit 80 besser laufen als mit 60. Mit meiner neuen Hüfte walke ich täglich ohne irgendwelche Beschwerden 4 Kilometer. Vor 100 Jahren hätte ich deshalb, wenn ich nicht schon lange tot wäre, längst im Rollstuhl gesessen. In diesen letzten 100 Jahren ist die Lebenserwartung in Deutschland um 25 Jahre gewachsen, und sie wächst weiter. Aber so erfreulich das ist, wir haben damit ein riesengroßes Problem.“ „Was für ein Problem?“, fragt Annalena. „Das ist doch einfach nur klasse.“
„Ja, das ist es, aber unser Kopf kommt da nicht mit. Alles, was wir über unser eigenes Alter und über das der anderen denken, stammt noch aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, als die durchschnittliche Lebenserwartung 25 Jahre kürzer war. Unsere altmodischen Vorstellungen passen nicht zu der veränderten Lebenswirklichkeit von heute. Noch bis in die 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts gab es nur 3 große Bevölkerungsgruppen: Die Jungen, die Erwachsenen und die Alten. Erwachsensein war der Normalzustand, von dem sich die beiden anderen Extremzustände abhoben: Jugend und Alter. Die Jungen waren eine positive Super-Gruppe, zu der jeder gerne gehören wollte: dynamisch, glatthäutig, gesund, kräftig, unsterblich. Die Alten waren das krasse Gegenteil, eine Negativ-Gruppe: gebrechlich, hässlich, einsam, chancenlos, schwach, kränklich, todesnah. Die Gesellschaft von heute sieht anders aus. Die Gruppe der Alten zerfällt in Untergruppen, und dem größten Teil davon geht es gut. Nach der Generali Altersstudie 20173 sind 85% der 65- bis 85-Jährigen zufrieden, aktiv und engagiert. Und bezogen auf alle Altersgruppen bedeutet das, dass die Deutschen – im Widerspruch zu den Altersbildern in ihren Köpfen und in der Gesellschaft – 97% ihrer Lebenszeit keinen Pflegebedarf haben.“
„Wenn man die gängigen Gesundheitszeitungen, die Anzeigen und die Werbung für Senioren-Messen liest“, unterbricht mich Gregor, „entsteht ein ganz anderer Eindruck, nämlich dass es genau umgekehrt ist: 85% kränkeln mehr oder weniger, und nur den glücklichen Ausnahmen von 15% geht es einigermaßen gut.“ „Recht haben Sie. Und wenn man dann noch die allgegenwärtige Apothekerzeitung liest, die schon in ihrem Titel unterstellt, dass wir ein Volk von Kranken sind, dann ist das doch ein ganz unglaublicher Befund. Im Jahr 2017 haben es also 85% der Alten in Deutschland geschafft TROTZ der herrschenden negativen Altersstereotypen zufrieden und aktiv zu sein. Das ist eine Lebenswirklichkeit, die bisher weder in den Köpfen der Menschen, noch in den Gesellschaftswissenschaften angekommen ist. Es herrscht noch immer das überholte negative Bild vom Alter, ein Mängel-Modell der universellen Ablehnung.“
„Na ja, Altersrassismus“, ruft Annalena, „sag ich doch, überall. Versuch bloß mal einen Job zu bekommen, wenn du über …“
„Bitte hier nicht!“, stoppt sie Gregor. „Auch wenn es dein Lieblingsthema ist.“
Ich bin ihm dankbar, weil wir doch nicht über die vielfältigen Probleme der alternden Gesellschaft, sondern über innere Prozesse des alternden Individuums sprechen wollen. Also nehme ich meinen Faden wieder auf.
„Ich habe schon immer gedacht, dass wir uns mit solchen Interpretationsmustern das Alter vergiften. Sie lassen keinen Raum, den subjektiven Prozess des Alterns anders als negativ zu erleben. Alter wird im Kopf gemacht4 ist eine Kurzformel für die Tatsache, dass die Interpretation und die Bewertung des Alterungsprozesses die Wahrnehmung und das Erleben modifizieren. Mit dem bösen und abwertenden Blick auf das eigene Altern wird dieser Prozess Kränkungen und Leiden ohne Ende bringen, ein einziges Massaker, wie Philip Roth es in seinem Roman Der menschliche Makel formuliert. Wohingegen der freundliche Blick auf das eigene Altern die Schrecken verscheucht und die Türen offen hält für Freude und Lebensgenuss.“
3
Alter wird im Kopf gemacht.
„Das genau ist es, was ich meine, mein Lieber, du vergiftest uns mit deinen negativen Bemerkungen das Leben. Wenn ich das schon höre: In unserem Alter. Oder: Wir haben nicht mehr viel Zeit.“
Gregor will protestieren, aber bevor die beiden jetzt in ein Streitgespräch einsteigen, unterbreche ich sie.
„Psychologisch gesehen ist es für den Menschen natürlich ungemein wichtig zu wissen, wie groß seine Lebenserwartung ist. Tausende von Jahren war die durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre.“
„Das kann man sich gar nicht vorstellen. 30!“ Annalena schüttelt den Kopf. „Da fängt heute unser Erwachsenenleben erst richtig an.“
„Ja, das ist schwer vorstellbar. Mit 30 ist die Gehirnreifung gerade erst abgeschlossen. Ich habe mich immer gefragt, wie die Menschen in der Antike oder im Mittelalter mit diesem Wissen gelebt haben. Sie müssen ein vollkommen anderes Lebensgefühl gehabt haben. Der Tod stand gewissermaßen immer hinter der Tür und konnte jeden Augenblick eintreten. Die Menschen starben wie die Fliegen an Infektionskrankheiten und banalen Verletzungen. Ein Fieber, eine Magenverstimmung lösten Todesängste aus. Kinder wurden erst getauft, wenn sie das Babyalter überlebt hatten. Wer das Erwachsenenalter erreichte, gehörte schon zu den Siegern. Denen, die ein höheres Alter erreichten (50 oder 60), zollte man Ehrerbietung, sie galten als begnadet und weise, und man nahm es für gegeben, dass sie einen sanften Tod haben würden. Heute sind in Europas Gesellschaften die Verhältnisse genau umgekehrt. Die Kindersterblichkeit liegt bei 1%. Wer heute geboren wird, wird mit fast hundertprozentiger Sicherheit auch erwachsen. Noch nie in der Menschheitsgeschichte war die Lebenssicherheit so groß wie heute. Denken Sie einmal daran, wie das war, als Ihre Kinder geboren wurden. Sie haben das Baby im Arm gehalten und sich vorgestellt, was aus diesem kleinen Wesen einmal werden würde. Sie hatten nicht den Schatten einer Furcht, Ihr Kind könnte nicht erwachsen werden. Eine Mutter im Mittelalter hat ihr Neugeborenes mit Sorge im Herzen angesehen und gebetet, wenigstens dieses Kind möge ihr erhalten bleiben.“
„Mein Mann hat für seinen neugeborenen Sohn eine Ausbildungsversicherung abgeschlossen“, wirft Annalena lachend ein.
„Ja, das meine ich mit Lebenssicherheit. Der Tod ist für moderne Menschen eigentlich das ganze erwerbstätige Erwachsenenleben kein Thema. Erst mit dem nahenden Alter rückt er allmählich ins Bewusstsein. Dann aber massiv. Das Wissen, dass uns der Tod sicher ist, das in anderen Epochen auf das ganze Leben verteilt war, konzentriert sich nun auf das Alter. Ich denke, dass die absolut negative Konnotation von Alter untergründig von der Ablehnung des Todes herrührt. Wir haben ein tolles Erwachsenenleben in narzisstischer Grandiosität geführt, in dem für den Tod kein Platz war, und verfügen nun über keine Strategien, mit ihm umzugehen. Alter verweist auf die Sicherheit des Todes, und das macht Angst.“
„Also bitte“, bemerkt Gregor, „Sie sagen es ja selbst. Mit den ersten Anzeichen des Alters wird es uns bewusst, dass wir auf den Tod zugehen.“ „Ich beschreibe, wie heute die meisten Menschen Alter erleben, weil in unserem Denken Alter und Tod Geschwister sind. Das sind sie ja auch, aber doch nicht mit 65, wenn Sie 90 Jahre alt werden. Wenn Sie unbedingt Alter und Tod koppeln wollen, dann reservieren Sie das für die allerletzte Phase Ihres Lebens.“
„Und wann beginnt die?“, will Annalena wissen. „Können wir die Beantwortung dieser Frage bitte noch etwas zurückstellen, denn darüber werden wir später noch ausführlich zu reden haben. Halten wir erst einmal fest, dass wir uns über die gewonnene Lebenszeit freuen sollten. Dank der Medizin, unserem besonderen Lifestyle, wie man das heutzutage nennt, und nicht zuletzt unserer Einstellung zu unserem Altsein können wir mit vielen relativ gesunden Jahren rechnen. Lifestyle und Einstellung werden später auch noch große Themen sein. Aber ich möchte gerne, bevor unsere Stunde für heute zu Ende geht, auf einen anderen Aspekt unseres Themas zu sprechen kommen.
Inzwischen ist es ja wohl eine Binsenweisheit, die auch bei dem letzten Zeitungsleser angekommen ist, dass die Menschen immer älter werden, übrigens nicht nur in Europa, sondern global. Damit kehrt sich die Bevölkerungspyramide um und verdient den Namen Pyramide gar nicht mehr. Statt einer breiten Basis aus vielen jungen Menschen und einer Spitze aus wenigen alten, entwickelt sich ein Gebilde, das einem Baum ähnlicher sieht: Immer weniger junge Menschen an der Basis und immer mehr alte in der Krone. Dass eine derartige Entwicklung immense Probleme mit sich bringt, leuchtet unmittelbar ein. Aber der gesellschaftspolitische Aspekt unserer Langlebigkeit ist ja nicht unser Thema, sondern wir wollen über die psychologische Bedeutung für den Einzelnen sprechen. Sie haben bestimmt davon gehört, dass es Siebzigjährige gibt, die Weltreisen machen oder sportliche Rekorde aufstellen.“
„Bei Facebook habe ich gerade ein Video von einer 100-jährigen Yogalehrerin, die noch unterrichtet, gesehen.“
„Die Süddeutsche Zeitung brachte im Sommer 2017 4 Reportagen über Menschen jenseits der 90, die alle noch mitten im Leben stehen. Eine 93-Jährige, die über die Philosophie des Todes promoviert; ein 92-jähriger Kardiologen, der weiter seine Vorlesungen hält; ein 100-jähriger Schwimmlehrer, der nach wie vor Kindern Schwimmen beibringt, und ein 97-jähriger Rückwanderer, der gerade aus den USA wieder in seiner Heimat Österreich angekommen ist. Vielleicht denken Sie, wenn Sie so etwas lesen, das sind Ausnahmen, damit habe ich nichts zu tun. Oder diese Geschichten ermutigen Sie, selbst etwas anzufangen, was Sie sonst nicht gewagt hätten – wie auch immer, Sie denken sich etwas, und nur in Ausnahmefällen fühlen heute lebende Menschen, dass sie selbst die Helden in einer einmaligen historischen Situation sind.“
„Das muss ich aufschreiben“, sagt Annalena.
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Wir selbst sind die Heldin oder der Held in
einer einmaligen historischen Situation.
Ich warte, bis sie fertig ist.
„Wir haben es schon angesprochen: Noch nie in der gesamten Menschheitsgeschichte wurden Menschen in einem sichereren Umfeld bei guter Gesundheit so alt wie heute in Europa. Der Einzelne, der immer zum ersten Mal alt wird und nun gar so alt wie vor ihm niemand in der Familie, sieht sich nach Orientierungshilfen um
– und findet keine. Es gibt keinen Erfahrungsschatz seiner Vorfahren, aus dem er schöpfen könnte. In den meisten Fällen hat er keinen Opa, der ihm erzählen könnte, wie das Leben auch noch mit 95 Spaß macht. Insofern sollte man die 4 Biographien aus der Süddeutschen Zeitung nicht als Ausnahme-Lebensläufe betrachten, sondern als die ersten Vorbilder, denen es nachzueifern gilt. Ihr Vater, Gregor, starb möglicherweise mit Anfang 70, weil er sich mit 70 auch schon als sehr alt erlebte. Das haben wir doch alle als Kinder gelernt: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon,5 heißt es in der Bibel. Wir alle haben zu bestimmten Altersangaben bestimmte Bilder im Kopf. Diese Behauptung können Sie leicht überprüfen. Gregor, denken Sie mal an eine 50-jährige Frau. Irgendeine oder eine aus Ihrer Bekanntschaft.“
„Okay, mehrere, wenn es recht ist.“
„Was würden Sie sagen, sind diese Frauen jung oder sind sie alt?“
„Weder noch, mittelalt.“
„Sie vermeiden selbstverständlich eine Entscheidung, weil 50 Ihrer Erfahrung nach weder jung noch alt ist. Da sind Ihre Vorstellungen von Alter schon im Wandel begriffen. Vor 100 Jahren war 50 alt, heute hat eine 50-Jährige möglicherweise noch ihr halbes Leben vor sich und ist deshalb jung. In dem, wie ich finde, wichtigsten Buch zum Thema Alter Das Methusalem-Komplott6 steht Folgendes: Es geht um unsere eigenen Rechenfehler. Wir rechnen uns nämlich buchstäblich zu früh zu Tode. Wir, die wir gelernt haben, jede Sekunde zu nutzen und jede Verspätung zu ahnden, sind im Begriff, uns auf tragische Weise in dem Einzigen zu verrechnen, was zählt:in der Summe unseres Lebens. Deprimiert, wie wir in den letzten Jahren geworden sind, kleinmütig und pessimistisch, sind wir offenbar außerstande, den Sieg der Langlebigkeit zu feiern. Die Altersbilder in unseren Köpfen machen uns älter und bringen uns dem Tod näher, als wir wirklich sind. Wir müssen dringend umlernen.
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Wir brauchen dringend neue Altersbilder.
Ein kurioses Beispiel, was jungen Leute im 2. Jahrzehnt des 21. Jahrhundert noch immer zu dem Begriff Alter einfällt, habe ich neulich selbst erlebt. Ich erteilte einer Druckerei einen Auftrag. Sie sollte mir 100 Buttons mit dem Slogan Old is great! herstellen. Meine Vorgaben waren klar. Weiße Schrift auf grünem Grund. Den Grünton suchte ich mir aus, für die Schrift bestand die junge Graphikerin auf einem Entwurf. Sie würde mir per Mail verschiedene Entwürfe zuschicken. Das tat sie denn auch, und ich staunte nicht schlecht. Unter unterschiedlichen Versionen mit Schrifttype, Schriftgröße und Platzierung gab es auch einen Entwurf, wo der Slogan am Rand des Buttons im Kreis herumlief. Der Spruch war dadurch schwer zu lesen, aber der Clou war das, was die Graphikerin in den Scheitelpunkt zwischen Anfang und Ende der Schrift gesetzt hatte: den kleinen Schattenriss einer alten Frau, gebückt, mit Dutt und Krückstock.“
„Da weiß man nicht, wer wen persifliert“, sagt Gregor, „das Bildchen den Spruch oder umgekehrt“, und Annalena fügt hinzu: „Alt und gebrechlich, das ist für junge Leute doch fast dasselbe.“
„Wenn es nur die Jungen wären, es sind aber eben auch die Alten selbst, die Gebrechlichkeit e r w a r t e n – wenn noch nicht jetzt, dann aber auf jeden Fall später. Im Gegensatz zu den Jungen gehen die Älteren selbst mit dem Begriff Alter differenzierter um. Da gibt es die jungen Alten und die neuen Alten, die Best- und Silver-Ager, die absolut nicht gebrechlich sind und deren Teilhabe am Leben sich kaum von dem der 40- oder 50-Jährigen unterscheidet. Genau das ist die neue Lebenswirklichkeit: Ein langes Alter bei relativ guter Gesundheit. Wir sind Zeugen, wie die Erscheinungsformen von Alter sich rasant verändern. Alte Menschen von heute sehen nicht mehr aus wie alte Menschen von gestern. Statt der Oma mit Krückstock begegnen uns flotte Endsechzigerinnen in löcherigen Jeans und bunten Sneakers. Aber die Altersbilder in den Köpfen sind leider immer noch von gestern. Ein Bonmot, das Erika Pluhar zugeschrieben wird, lautet: Ich bin zu jung für mein Alter. Das ist witzig. Der Witz funktioniert, weil es ihm gelingt, aus einem bedrängenden Konflikt noch Spaß zu gewinnen. Die neuen Alten von heute leben in diesem Konflikt zwischen gefühlter Lebenslust und vom Verstand diktierten Altersbildern.“
„Klar“, lacht Annalena, „wenn ich mich fit fühle, ist die Lebenslust obenauf und sagt: Ich bin so alt, wie ich mich fühle; wenn es irgendwo wehtut, siegen – wie Sie sagen – die alten negativen Vorstellungen von Alter, dann sag ich mir: Das ist ganz normal im Alter, irgendetwas tut immer weh, man muss halt zurückstecken.“
„Das ist mein Dreh- und Angelpunkt“, sage ich. „Das schöne:
