Lavendel ist blau - Brigitte Halenta - E-Book

Lavendel ist blau E-Book

Brigitte Halenta

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Beschreibung

Lavendel ist blau ist nicht nur der Entwicklungsroman eines musikalisch hochbegabten Mädchens, sondern auch die Geschichte vom hässlichen Entlein, das sich nirgendwo zugehörig fühlt. Erst nachdem Ricarda gelernt hat, zu sich und zu ihrer Begabung zu stehen, kann sie sich in einen Schwan verwandeln. Sie nimmt an der Musikhochschule ein Studium auf und findet dort in anderen Studenten, mit denen sie zusammen musiziert, ihre Wahlverwandtschaft. Mit der Liebe zu dem jungen polnischen Geiger Filip wird sie endgültig erwachsen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Brigitte Halenta

Lavendel ist blau

Lavendel ist blau ist ein Coming-of-Age-Roman über ein besonders begabtes Mädchen. Ricarda ist hochmusikalisch, hat ein absolutes Gehör, und sie ist Synästhetikerin, das heißt, sie hört Töne, wenn sie Farben sieht, und umgekehrt.

Der Roman schildert die Entwicklung eines Mädchens, das in der Familie ihres Stiefvaters aufwächst, in der ihre Begabung wie eine unangenehme Störung behandelt wird. Die Erzählung endet mit Ricardas dramatischem, ersten öffentlichen Auftritt als Pianistin in einem Quartett, als sie neunzehn Jahre alt ist.

Lavendel ist blau, der Titel eines englischen Volkslieds, passt gut zu der jungen, naiven Ricarda. Sie ist eine Heldin in der Tradition der deutschen Romantik, der die Welt nichts anhaben kann. Auf der Suche nach ihren Wurzeln reist Ricarda nach England. Dabei folgt sie ganz dem eigenen Gesetz ihrer Musikalität und ihrer synästhetischen Wahrnehmungen. Ihre Reise steht als Metapher für die Reise zu sich selbst. Die Begegnung mit der Überlebenskünstlerin Estelle befreit sie von ihren Ängsten und den Skrupeln ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Es geht um Gefühl und Phantasie, nicht um Ratio und Realität, und vor allem geht es in diesem Roman um Musik. Es ist die Musik, die Ricarda die Kraft gibt, sich ins Leben zu stürzen.

Brigitte Halenta hat bis 2010 als Psychotherapeutin in eigener Praxis gearbeitet. 2000 erhielt sie für das Drehbuch „Lavendel ist blau“ den Förderpreis der Gesellschaft zur Förderung audiovisueller Werke Schleswig-Holstein. Im März 2007 erschien ihr Roman DIE BREITE DER ZEIT stark gekürzt im Orlanda Verlag, Berlin. Die Neuauflage des Romans erschien 2015 in ungekürzter Form als E-Book.

2016 folgte der Roman DAS LETZTE WORT HAT DOROTHEE. Beide Romane sind inzwischen nicht nur als E-Book, sondern auch als Taschenbuch erhältlich.

Brigitte Halenta

Lavendel ist blau

Roman

Impressum

© 2016, Brigitte Halenta

Verlag: Tredition

Lektorat: Ingeborg Mues

Satz, Layout & Umschlag: David Halenta DevelopmentUmschlagfoto: www.istockphoto.com

ISBN:

978-3-7345-5477-3

(Paperback)

978-3-7345-5478-0

(Hardcover)

978-3-7345-5479-7

(e-Book)

Erfahren Sie mehr über die Autorin auf ihrer Website:www.BrigitteHalenta.de

1. Kapitel

„Ordnung ist das halbe Leben“, dröhnt die Stimme von Opa Hähnchen von dem Tisch der Großen zu ihr herüber, und die Befriedigung in seinem Ton ist so dick wie fette gelbe Vanillesoße.

Ist dann das ganze Leben Unordnung?, fragt sich Ricarda und gibt diesen komplizierten Gedanken gleich wieder auf. Das ist zu schwierig für heute. Heute versteht sie gar nichts. Rein gar nichts. Nicht, warum sie ausgerechnet heute solche Halsschmerzen hat und ihr dabei so schrecklich duselig im Kopf ist; nicht, warum Ute auf dem Schoß von dem neuen Opa sitzen darf und sie hier alleine auf der Couch liegen muss; und auch nicht, warum sie ab heute zu Ha-Pe Papa sagen soll, wenn sie ihn doch gar nicht leiden kann. Oder hat sie das auch nur geträumt. So wie sie eben geträumt hat, dass die Farben alle wieder da sind und dass Omas Vorhänge am Fenster wieder so blau leuchten und klingen wie immer. Blau ist überhaupt ihr Lieblingston. Aber als sie die Augen wieder aufgemacht hat, weil Opa so laut „Ordnung ist das halbe Leben“ gerufen hat, waren die Farben noch immer weg. Heute findet sie sich gar nicht zurecht.

Alles ist heute anders als sonst. Einfach nur grau. Opa Hähnchen, das ist doch zum Lachen. Hähnchen. Ein Opa hat wirklich gereicht. Sowieso, was soll man mit einem Opa anfangen, der immer Schmerzen hat und sich nicht bücken kann. Und einen neuen Papa braucht sie auch nicht, sie hat doch schon einen.

Wo der jetzt wohl ist. Immer wenn sie nach ihm fragt, tut die Mama so, als hätte sie überhaupt nichts gehört. Es ist eine Frage aus Luft. Keiner hört sie. Sie wüsste aber wirklich gerne, wo er jetzt ist und ob er vielleicht mal wiederkommt.

Sie erinnert sich noch schwach an den Geruch an seinem Hals, wenn sie mit ihm gekuschelt hat. So riecht sonst niemand, den sie kennt, auch nicht Opa Pross, wenn er sie und Ute auf den Schoß nimmt und ihnen vorliest. Mama nimmt sie überhaupt nicht mehr auf den Schoß, sie sitzt jetzt selber bei Ha-Pe auf dem Schoß.

„Es gibt dann also nach der Vorspeise Fasanensuppe, wann isst man schon einmal so etwas“, sagt die Mama von Ha-Pe, die sie jetzt „Oma Hähnchen“ nennen soll, und die Vanillesoße in ihrer Stimme ist so, als hätte Mama noch ein paar Eidotter extra darunter gerührt, so gelb.

Gott sei Dank, wenigstens kann sie die Farben noch hören, wenn sie sie auch heute einfach nicht sehen kann. Das kommt bestimmt vom Fieber. Gut, dann macht sie eben die Augen zu und hört nur noch auf die Stimmen. Nur noch auf die Stimmen.

„Zwei Jahre Gefängnis ohne Bewährung“, flüstert Mama, und da sind schon wieder die Tränen in ihrer Stimme.

„Genug davon“, dröhnt Opa Pross dazwischen, „erfreulichere Zeiten sind angesagt, nun ist ja alles in schönster Ordnung. Auf unser Brautpaar!“

Die immer mit ihrer Ordnung. Wenn man die wenigstens essen könnte oder damit spielen, aber es ist bloß was Schmutzig-Rot-Braunes, das wahrscheinlich auch noch klebrig ist. Das Wort ist mit Ha-Pe gekommen. Vorher gab es das gar nicht. Es gehört zu dem neuen Leben, das jetzt anfängt. Zu dem neuen Papa, den sie nicht braucht, zu der neuen Oma und dem neuen Opa, zu der neuen Wohnung, auf die sie sich nicht freut, obwohl sie sich freuen sollte, sagen alle, aber bei der alten Oma und dem alten Opa ist es einfach schön. Warum dann eine neue Wohnung. Wer passt dann auf sie auf, wenn Mama Schwesternhelferin wird? Etwa Ha-Pe? Opa hat immer so lange Geschichten vorgelesen, bis sie eingeschlafen sind. Ob der das auch macht?

„Die guckt mich immer so an mit ihren großen braunen Augen“, sagt Ha-Pe. „Ich weiß nicht, was das Kind von mir will? Ist das Kind schwierig?“

„Du wirst das schon machen“, sagt Opa Pross ganz ohne Vanillesoße, „es müssen sich alle erst aneinander gewöhnen.“

Ricarda ist ein bisschen erschrocken. Ha-Pe hat von ihr geredet. Kommt das daher, dass sie gerade an ihn gedacht hat? Sie wird einfach nicht mehr an ihn denken. Sie wird an Mama denken, vielleicht kommt Mama dann zu ihr. So einfach geht das aber nicht. Es wird jetzt bloß von Mama geredet.

„Elfi hat die Gardinen selbst genäht und aufgehängt“, sagt Oma Pross, „das hat sie doch wirklich schön gemacht. Und Geld hat das auch gespart.“

„Für das, was das Hochzeitskleid gekostet hat“, antwortet Ha-Pe, „hätten wir manches in der Wohnung auch machen lassen können, aber ihr wolltet das ja so.“

„Einmal im Leben eine richtige Hochzeit“, flüstert Mama, und Ricarda kann schon wieder Tränen hören.

Deine Mutter hat eben nahe am Wasser gebaut, sagt Opa Pross immer, das musst du nicht so ernst nehmen. Trotzdem tut es ihr jedes Mal innen drin ganz doll weh, wenn sie Mamas Tränen hört. Wenn sie nur wüsste, womit sie Mama zum Lachen bringen könnte. Alles, was ihr bisher eingefallen ist, hat nichts genutzt. Und jetzt weiß sie es plötzlich, dafür ist Ha-Pe gut. Er bringt Mama zum Lachen. Wenn Mama jetzt aufhört zu weinen, dann will sie auch nett sein zu Ha-Pe. Das also ist das neue Leben, von dem sie alle reden. Sofort breitet sich das neue Leben vor ihr aus wie ein schillernder Strom aus Rosa und Gold, und über allem schwirrt das silberne Lachen von Mama, mal hier, mal dort wie ein übermütig hin und her schießender Vogel.

Jemand streicht ihr über das Gesicht. Sie öffnet die Augen. Es ist Oma Pross mit einer dampfenden Tasse Tee.

„Trink das, das wird dir guttun!“

Aber den kann sie gar nicht schlucken, so weh tut das im Hals. Weiß Oma denn nicht, wie weh das tut, wenn man solch heißen Tee schlucken soll.

„Ich will nichts“, krächzt Ricarda und schließt wieder die Augen.

„Armes Mäuschen“, sagt Oma.

2. Kapitel

Das ist eine doofe Melodie, findet Ricarda, die mit Oma Pross und Ute eingezwängt im Fond des Wagens sitzt. Oma muss in der Mitte zwischen den Kindern sitzen und auf die Organza-Kleidchen aufpassen, dass sie ja nicht zerknittern. Sie hat den Kindern die Röckchen bis zur Taille hochgeschlagen.

„Ihr wollt für Mamas Hochzeit doch hübsch sein“, sagt sie.

Ricarda weiß noch nicht genau, ob sie Hochzeit gut finden soll. Oma ist ganz in Rosa. Sogar ihre Schuhe sind rosa. Ute ist weiß. Weiß – Rosa – Weiß. Opa vorne ist schwarz und Onkel Otto daneben auch, aber das ist ein anderes Schwarz. Das blöde neue Kleid zwickt am Hals, und das ist echt eine doofe Melodie. Ricarda summt die Töne: den weißen, den rosanen, den weißen, den schwarzen und den anders schwarzen. Doof. Weiß ist sowieso kein richtiger Ton, so was Ähnliches wie Gelb. Rosa und Schwarz, das klingt gut zusammen, aber das ist ja klar: Oma und Opa gehören zusammen, und bei den anderen muss man springen: Rosa – Weiß – anderes Schwarz – Weiß – Schwarz – anderes Schwarz. Das klingt!

„In der Kirche“, sagt Oma Pross, „hältst du aber den Mund.“

„Das Kleid kratzt“, sagt Ricarda.

Die Fahrt ist endlos. Heiraten ist wahrscheinlich das Letzte. Oma stinkt. Mama stinkt heute auch, aber die ist ja im anderen Auto. Nur Oma Hähnchen riecht heute wie immer.

„Sind wir bald da?“, fragt Ute hoffnungsvoll und stößt mit den Füßen gegen den Vordersitz.

„Da ist die Kirche“, antwortet Oma Pross, „kannst du bitte noch eine Minute stillsitzen.“

Onkel Otto fährt einen großen Bogen und hält direkt vor der Kirche. Er springt aus dem Wagen und reißt endlich die Tür auf. Frische Luft. Ricarda hopst erleichtert aus dem Auto. In diesem Augenblick setzen die Glocken ein. Wow! Ricarda bleibt wie vom Donner gerührt stehen. Oben im Turm schwingen vier mächtige Glocken: dunkelgrün - blau - braun und lila. Und zusammen! Zusammen sind sie toll. Wie Omas Nusskuchen mit Himbeersoße, obwohl Mama die Soße erst gar nicht drauftun wollte, aber sie hat keine Ahnung, was schmeckt. Das fühlt sich genauso gut im Bauch an. Genau. Nein. Besser! Anders. Natürlich bekommt sie mit, dass es regnet, dass Oma ihr von hinten mit dem Blumenkörbchen ins Kreuz stößt, sie soll sich in Bewegung setzen, aber das gute Gefühl soll noch ein bisschen dauern. Wenn sie sich bewegt, hört es bestimmt auf.

Dann kommt Onkel Otto, hebt sie einfach auf und setzt sie unter das Dach des Eingangsportals, damit sie nicht nass wird. Aber die Glocken läuten trotzdem weiter. Auch als Mama kommt, läuten sie noch, aber der ist das ganz egal. Sie zupft nur an ihrem Kleid herum, und Onkel Mathes hält einen komischen Schirm über sie. Wieso ist der viereckig, wenn sie doch sonst immer rund sind. Wieder ist alles nur schwarz und weiß. Mama ist weiß, zehn Meter Seide, hat Oma gesagt, und Ha-Pe, der jetzt Papa heißt, ist schwarz. Nur das Auto ist blau, und Oma Hähnchen ist hellblau. Das ist aber jetzt egal, solange die Glocken läuten, ist das nicht wichtig. Heiraten ist doch nicht so schlecht.

War das jetzt der letzte Ton? Noch einmal Braun, und dann ist es zu Ende. Ganz still ist es jetzt! Nein.

Mama sagt: „Muss es unbedingt heute regnen!“

Und Ute plärrt: „Das kratzt so am Hals.“

Ricarda will sagen, mich auch, da öffnen sich die großen Türen der Kirche und heraus kommt ein Mann in einem schwarzen Kleid mit einem weißen Kragen. Und dann kommt es. Aus der Kirche heraus kommt der Schwall, kommt die Musik.

Sie hat das ja geübt, das mit dem Blumenwerfen, das kann sie doch, und immer schubst sie jemand in den Rücken: weitergehen. Aber so etwas hat sie noch nie gehört. Ein ganzer Raum voll Musik. Alles ist voller Musik, bis in die allerletzte Ecke, bis unter die Bänke, bis hinter dieses komische Kreuz und hoch hinauf bis an die bunten Fenster. Das wogt und schwillt und nimmt sie mit hinauf ins Gewölbe, als könnte sie fliegen. Wo kommt das her? Sie verdreht den Hals und bekommt wieder einen Stoß in den Rücken, und jemand zischelt: „Blumen!“ Das ist ganz anders, denkt Ricarda, total anders, überhaupt anders, riesengroß anders, ganz anders.

Jemand zieht sie auf eine Bank. Dann ist die Musik einfach weg, und die Kirche ist wieder ganz leer. Der schwarz-weiße Mann im Kleid steht vorne und redet. Ute schlenkert mit den Beinen, und ein schwarzer Lackschuh landet zwei Meter weiter in den Blumen. Mama hat gesagt, da wächst sie rein. Oma Pross guckt drohend. Das ist schon klar, dass man jetzt nicht aufstehen darf, um den Schuh zu holen. Aber gucken, wo sich die Musik versteckt hat, das geht. Sie entdeckt das Radio hinter sich und ist sich ganz sicher: Dieses große Ding macht die Musik. Nur so eine große Maschine kann so viel Musik machen.

„Gleich“, flüstert Oma Pross und drückt ihr das Blumenkörbchen wieder in den Schoß, „aufstehen!“

Aber plötzlich ist sie wieder da, diese Musik! Mit dem ersten mächtigen Ton füllt sich die ganze Kirche wieder mit Klängen und Farben, in allen Regenbogentönen wabert es durch den Raum bis hoch zur Decke. Oma zieht sie mit harten Händen hoch, jemand schubst sie in den Gang, und nun sieht sie es genau: Ja, die Musik kommt aus diesem großen silbernen Radio. Und nun? Die Musik stockt – fängt wieder von vorne an. Das Radio hat einen Fehler gemacht und fängt wieder von vorne an. Das ist ja zum Lachen. Ricarda schaut sich um, aber niemand lacht, Mama und Ha-Pe sehen todernst aus. Sie treten ihr fast auf die Hacken der neuen Lackschuhe. Sie soll weitergehen und Blumen werfen. Die große Kirchentür steht weit offen, man kann sehen, wie es regnet. Die Melodie ist richtig schön, und ihre Blumen sind wirklich gleich alle. Ute hat noch welche.

Was ist denn das jetzt? Nein! Die Musik fängt ja an zu heulen und zu quietschen. Eine neongrüne Wolke kommt aus dem großen Radio direkt auf sie zu. Wenn sie die Augen zu ganz kleinen Schlitzen zusammenzieht, gehen vielleicht auch die Ohren zu. Es klappt aber nicht. Es tut weiter weh in den Ohren, in den Augen, im Bauch, im Kopf, hinten im Rücken. Gruselig. Ricarda lässt das leere Körbchen einfach fallen und saust durch die offene Kirchentür davon in den Regen, und weg ist sie.

Das Körbchen ist Ha-Pe direkt vor die Füße gefallen. Er hätte darüber stolpern können. Mit einem ärgerlichen Fußtritt befördert er es aus dem Weg. Dieses Kind ist unmöglich. Mit vier Jahren sollte man sich besser benehmen können. Man merkt, dass sie keinen Vater haben. Das wird sich ja nun ändern. Elfi drückt beruhigend seinen Arm. Ein neuer Ärger: Es regnet stärker, am besten man bleibt für die Fotos unter dem Portal stehen. Elfis Kolleginnen, alle mit Schwesternhäubchen auf dem Kopf, das soll wohl was Besonderes sein, was kichern die so? Alberne Gänse. Typisch! Denen fällt auch nichts Besseres ein. Diese verdammten Reiskörner sitzen nachher überall. In den Haaren, zwischen Hemdkragen und Hals, in den Taschen und so weiter.

„Wo ist Ricarda?“, fragt Oma Pross zum dritten Mal.

Woher soll er das wissen. Diese Abküsserei könnte ja nun auch mal ein Ende nehmen.

„Schnell in die Autos“, ruft Mathes und entfaltet seinen Riesenschirm.

Auf den kleinen Bruder kann man sich doch immer verlassen. Für den Vater mit seinem Bechterew ist das Herumstehen bei diesem Wetter auch nichts. Wahrscheinlich kann er heute Nacht vor Schmerzen wieder nicht schlafen, und Mama in ihrem neuen Kleid sieht auch ziemlich unglücklich aus. So eine Zeremonie kann man sich wirklich schenken, aber sie wollten es ja alle nicht anders.

„Ricarda ist noch immer weg“, sagt Oma Pross, „das geht doch nicht“, ihre wässerigen Augen sind voller Panik, „du bist doch jetzt der Vater.“

Das hat gerade noch gefehlt, dass er am Tage seiner Hochzeit bei strömendem Regen in seinem guten Anzug auf einem gottverlassenen Friedhof herumirrt. Wo hat sich das Gör versteckt? Der kommt es auch nicht in den Sinn, dass sie mit ihrer Wenigkeit die ganze Gesellschaft aufhält. Ach, das da drüben in dem Schuppen, das ist sie doch! Hat sich ein trockenes Plätzchen gesucht, das hätte er sich auch denken können. Und was treibt dieses Kind jetzt wieder? Die merkt gar nicht, dass er kommt, die ist wieder so abgeschottet, dass sie nichts hört und nichts sieht. Klopft mit einem Zweig auf den dort abgestellten Gießkannen herum, als gehörten ihr die. Und ihr teures Kleid ist auch ramponiert, das wird Elfi gar nicht freuen. Na, er wird ihr zeigen, was er von solchen Extratouren hält.

„Ricarda!“

Erschrocken fährt sie hoch.

„Du tust mir weh!“, brüllt sie, aber er packt ihren Arm nur noch fester und zieht sie hinter sich her.

„Was denkst du dir eigentlich dabei? Alle warten nur auf dich.“

„Es hat doch so gequietscht“, plärrt sie.

Soll sie plärren, geschieht ihr recht. Wenn sie jetzt zu ihrem Fototermin zu spät ins Atelier kommen, hat nur dieses eigensinnige Kind Schuld.

3. Kapitel

„Der soll sich mal nicht so haben“, sagt Otto zu Ha-Pe und meint den Fotografen, der mit verkniffenem Mund mit seinen Lampen hantiert.

„Eine Viertelstunde über die Zeit ist eine Viertelstunde zu spät“, murmelt Ha-Pe und fühlt sich verantwortlich für den maulenden Fotografen, für die schlechte Stimmung im Atelier, für Elfi, die lieber nur noch sitzen möchte, weil ihre Brautschuhe drücken, für seine Schwiegermutter, die sich ergebnislos abmüht, Ricardas schlappes Organzakleidchen wieder auf Stand zu föhnen, für seinen Vater, dem wieder einmal alles zu lange dauert, weil er Schmerzen hat, die nur auf dem heimischen Sofa vor dem Fernseher auszuhalten sind.

„Wir sind die Kunden“, sagt Otto. „Fotografen gibt es wie Sand am Meer. Wir beehren diesen eingebildeten Herrn nur deshalb, weil er zufällig mitten in der Innenstadt ein paar Parkplätze hinterm Haus hat. Der soll anständige Bilder machen und weiter nichts. Übrigens – deine Elfriede verlangt nach dir.“

Ha-Pe geht hinüber zu Elfi, die sich schon vor der weißen Leinwand fotogen in einem nachgemachten goldenen Empirestuhl aufgebaut hat. Sie zieht seinen widerstrebenden Kopf zu sich hinunter, hängt sich an seinen Hals und flüstert ihm etwas ins Ohr.

Genau so, denkt Otto! So hat sie sich ihm an den Hals geworfen. Und jetzt verfolgt sie ihn, wohin er auch geht, mit ihren hellblauen Kulleraugen, die immer zu flehen scheinen: Geh nicht fort von mir, lass mich nicht alleine – und die sich so peinlich schnell mit Wasser füllen. Das hätte nun wirklich nicht nötig getan, mein Lieber: dieses naive Blondchen! Und gleich heiraten! Inklusive zwei Kinder. Von denen war allerdings zu Anfang überhaupt nicht die Rede. So gerissen ist sie denn doch. Jetzt macht sie willig die Beine breit. Mein Gott, diesen Typ kennt er. Immer bereit zu Sex, solange sie was erreichen wollen, und wenn sie es haben, dann erpressen sie einen genau damit. Heute Kopfweh und morgen die Tage. Guck an, sie versteht es doch wirklich gut, sich in Szene zu setzen. Der arme Junge dagegen versteht überhaupt nicht, was der Fotograf von ihm will, es ist ihm sowieso alles peinlich, aber sie! Kokettiert da herum, als wäre sie ein Model. Na, so ist es doch gut. Schmachte ihn an, er weiß sowieso nicht, wie ihm geschieht. Armer Ha-Pe, da bist du in etwas hineingeraten und weißt eigentlich gar nicht wie.

„Mit den beiden Trauzeugen, bitte“, ruft der Fotograf.

Das war ja vorauszusehen. Jetzt sind er und Mathes dran. Er muss das Spiel mitspielen. Bitte lächeln! Na und ob! Er rempelt Ha-Pe, als er sich neben ihn stellt, freundschaftlich mit der Schulter an. Ist ja gleich überstanden, und dann gibt es hoffentlich bald was Anständiges zu essen. Ha-Pe stöhnt. Armer Kerl, du bist noch lange nicht entlassen. Es geht weiter mit den Eltern der Braut rechts und den Eltern des Bräutigams links. Den Kindern langt es auch langsam. Bei jedem Bild müssen sie vor dem Brautpaar stehen oder sitzen oder sonst was, auf jeden Fall lächeln. Natürlich, die süßen Kleinen mit ihren Blumenkörbchen machen die Show erst perfekt. Erstaunlich, dass sie überhaupt so lange aushalten. Die kleine Ricarda sieht bei näherer Betrachtung allerdings gar nicht süß aus, sondern eher wie eine zerzauste Krähe unter lauter eleganten Haustauben. Klein-Ute fängt jetzt an zu quengeln und wirft die künstlichen Blumen, mit denen der Fotograf die Körbchen wieder gefüllt hat, auf den Fußboden. Ricarda macht ein Gesicht, als wäre sie überhaupt nicht hier. Recht hat sie.

„Lächelt doch bitte“, fleht Oma Pross.

„Benehmt euch“, zischt Ha-Pe.

„Nur noch fünf Minuten“, tröstet Elfi, „dann könnt ihr laufen.“

Fünf Minuten sind ziemlich optimistisch, findet Otto, denn jetzt kommt das Finale, aber gut gemeint: Alle bitte! Das Brautpaar, die jeweiligen Eltern, die Trauzeugen, die lieben Kleinen.

„Noch einmal bitte“, ruft der Fotograf. „Frau Hähnchen, Sie haben gerade nach unten geguckt. Nein, und so geht das auch nicht. So ein Blumenkorb ist doch keine Eisenbahn. Nimm ihn auf den Schoß, ja. Und dann guckt ihr beide zwischen den Lampen durch auf den lustigen bunten Sonnenschirm dort auf der Wand.“

„Der ist überhaupt nicht lustig“, sagt Ricarda, „der ist voll doof.“

„Jetzt reicht’s“, brüllt Ha-Pe, und alle erschrecken.

„Ist okay“, sagt der Fotograf, „ich habe alles im Kasten.“

Aufatmend löst sich das Gruppenbild in seine Bestandteile auf. Ute fängt an, wie ein kleiner Derwisch durch das Zimmer zu sausen, und bringt dabei eine der großen Lampen ins Schwanken. Der Fotograf fängt sie noch gerade rechtzeitig auf.

„Das war knapp“, sagt er, „da wären mindestens tausend Mark fällig gewesen.“

Ha-Pe reißt den Kopf herum: „Das wollen wir doch erst einmal sehen.“

Otto klopft ihm beruhigend auf die Schulter.

„Du brauchst eine Haftpflichtversicherung für die Kinder.“

„Das kostet alles Geld“, verwahrt sich Ha-Pe.

„So ist das, mein Lieber. Als Familienvater, der du ja nun unbedingt werden wolltest.“

Aber Ha-Pe bekommt seine Spitze gar nicht mit, Elfriede hat ihn mit Beschlag belegt, er soll ihr helfen, mit ihrer Seidenrobe unbeschadet die enge und steile Altstadttreppe hinunterzukommen.

Otto steigt der Wein als Erstem zu Kopf, ein Montrésor, Elfriedes Vater hat sich nicht lumpen lassen. Er hat zu schnell getrunken, nach dem Stress des Morgens brauchte er das. Er ist niemandem Rechenschaft schuldig. Er ist frei und ledig und sein eigner Herr. Die können froh sein, dass er sich hier überhaupt zum Trauzeugen hergibt. Prost! Zum ersten Mal an diesem Tag heute fühlt sich Otto richtig wohl. Fasanensuppe und Cordon bleu erzeugen ein angenehmes Gefühl der Sättigung, und zunehmend gesellt sich Belustigung dazu. Das ist doch ein Witz, dass er hier als Trauzeuge auf der Hochzeit seines Kumpels Ha-Pe sitzt. Vierundzwanzig ist der Junge gerade erst. Das Ganze kommt ihm unwirklich vor. Wie eine Theateraufführung. Eine Ansammlung von Spießern. Genau wie seine eigenen Eltern; die würden hier gut her passen. Aber er wollte immer anders sein, und er hat gedacht, dass auch Ha-Pe anders sein wollte. Nun hat es ihn aber erwischt! Dabei sollte das mit der Anzeige doch nur ein Jux sein. Das ganze Team, alle fünf Jungs hatten denselben albernen Text auf fünf verschiedene Anzeigen in den Lübecker Nachrichten geschrieben. Drei von ihnen bekamen tatsächlich Antwort. Ha-Pe hat sein Schicksal geantwortet, in Gestalt von Elfriede. Junge Frau, nach schwerer Enttäuschung, sucht eine Schulter zum Anlehnen – oder so ähnlich. Sie hat sein Selbstbewusstsein gekitzelt. Sie war ihm ja so dankbar, dass er sich um sie kümmerte. Er war ihr Retter. Wann hat sie angefangen, von den Kindern zu reden? Unter Tränen natürlich. Unter Tränen. Er fühlte sich mal wieder verantwortlich.

Was hat er sich eigentlich vorgestellt? Mit je einem kleinen putzigen Mädchen an jeder Hand auf den Markt gehen und Kollegen treffen? Oder mal eben tausend Mark hinblättern für einen Scheinwerfer, den die süßen Kleinen umgerannt haben? Er sieht doch sowieso schon immer alles pessimistisch, jetzt wird er ein paar Gründe mehr haben, immer gleich das Schlimmste zu befürchten.

Die beiden Opas erzählen sich Witze, solche, die man vor Frauen eigentlich nicht erzählen sollte. Die Omas lächeln denn auch nur etwas säuerlich. Wahrscheinlich hätten die beiden alten Hähne gerne noch mal was Junges unter den Krallen gehabt, aber mit diesen Hennen neben sich auf der Stange – no chance. Prost! Die Brautmutter hat rote Flecken auf ihren Fettbäckchen. Was regt die denn so auf? Ihre Schweinsäuglein sind ganz klein unter den herabhängenden Lidern. Da kann man sehen, wie Elfriede einmal in zwanzig Jahren aussehen wird. Schöne Aussichten. Prost Ha-Pe. Da kann man nur für dich hoffen, dass deine Elfi anders ist. Deine Schwiegermutter jedenfalls ist ein General im Kostüm einer betulichen Henne. Macht scheinbar alles in stiller Ergebenheit, hat aber alle fest im Griff. An ihrem dicken Hintern kommt niemand vorbei. Deine Mama dagegen – die regiert durch Leiden. Immer tut ihr irgendwo etwas weh, alles ist eine Zumutung. Man bekommt wahrscheinlich schon ein schlechtes Gewissen, wenn man sie nur um eine Auskunft bittet. Deine Eltern sind sich im gemeinsamen Leiden verbunden, und sie brauchen ihre Krankheiten wie treue Haustiere. Sie jammert für ihn gleich mit. Ach guck, deshalb hat die tränenreiche, vom Schicksal gebeutelte Elfi dich nicht gleich in die Flucht geschlagen: Das kanntest du schon.

Eigentlich findet er sie hier alle zum Kotzen, die kleine Ricarda ausgenommen, die unverhohlen gelangweilt an den Blättern der Zimmerpalme zupft: die besoffenen, witzelnden Opas, die Omas, die jetzt bei dem Rezept für Fasanensuppe sind, Ha-Pe und Mathes, die mal wieder über Autos reden, und Elfriede, die sich hinüberlehnt zu ihnen und so tut, als interessiere sie das Gespräch. Komm, Ha-Pe, wir verabschieden uns aus diesem Alptraum.

Der hat natürlich nichts gehört. Gedankenlesen war noch nie seine Stärke. Stattdessen schaut ihn Ricarda mit großen dunklen Augen an, und in ihren Augen scheinen lauter kleine Irrlichter zu tanzen, er ist natürlich ein bisschen betrunken, aber es kommt ihm so vor, als hätten ihre Augen gelacht und als wäre sie die einzige in diesem Zimmer, die ihn versteht.

Elfriede zupft Ha-Pe am Ärmel.

„Ich möchte so gerne einmal mit dir tanzen“, sagt sie sehnsüchtig.

Oma Pross wird plötzlich sehr lebendig.

„Das ist doch gar nicht vorgesehen“, sagt sie. „Es kostet alles schon Geld genug. Und wen hätte man denn auch einladen sollen.“

Plötzlich tut Elfriede Otto leid. Ihr frisch angetrauter Ehemann reagiert überhaupt nicht. Alle sind irgendwie auf ihre Kosten gekommen – nur Elfriede nicht. Die Männer haben sich volllaufen lassen und erzählen sich Witze wie am Stammtisch, die beiden Omas sind müde vom guten Essen und waren schon fast über ihrem Cognac eingenickt, die Kinder haben sich draußen irgendeine Unterhaltung gesucht, Ha-Pe hat sein Lieblingsthema am Wickel, und sein kleiner Bruder hängt ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, nur Elfriede langweilt sich, sie möchte tanzen und ihr schönes Kleid zeigen. Kann man ja irgendwie auch verstehen.

„Ich tanze mit dir“, sagt Otto und steht auf, um irgendeine Musik aufzutreiben.

Er kommt mit einem Kassettenrecorder zurück:

„Über sieben Brücken musst du gehen“ – nun schauen doch alle auf. Otto verbeugt sich übertrieben galant vor Elfriede, führt sie in die Ecke des Raumes, wo zwischen Fenster und Zimmerpalme Platz zum Tanzen ist.

Wie die alle gucken! Ist wohl doch nicht angebracht, dass er mit der Braut tanzt, aber wenn sich sonst niemand rührt, nicht mal der Bräutigam. Oder schwankt er etwa? Etwas weich in den Beinen fühlt es sich ja an. Elfriede jedenfalls lacht glücklich und lässt sich erstklassig führen. Er wirbelt sie herum.

„Das reicht jetzt“, ruft Elfriedes Vater dazwischen. Er ist aufgestanden. „Ich will noch ein paar Worte sagen.“

„Das Stück noch zu Ende!“, ruft Otto dagegen und tanzt weiter.

Aber nun ist Elfriede gar nicht mehr leichtfüßig. Sie will ihren Papa nicht warten lassen. Die ganze Zeit hat sie auf die Rede von ihm gelauert. So gehört sich das doch, dass der Vater der Braut eine Rede hält. Otto bringt sie zurück zu ihrem Platz und bedankt sich so übertrieben, als hätte sie ihm eine große Gunst erwiesen. Ha-Pe schaut auf die gegenüberliegende Wand und nimmt sie gar nicht zur Kenntnis. Otto ärgert sich über ihn. Sturer Hund. Dieses Hochzeitsessen erinnert ihn an das trostlose Mahl, zu dem sich seine Familie einfand nach dem Begräbnis der Oma. Da war er vierzehn. Nun ist er achtundzwanzig und verplempert hier seine schöne Zeit. Dass Ha-Pe sein bester Freund ist, ist dafür keine Entschuldigung. Und jetzt noch diese Rede! Der Mann scheint ein Freund von Phrasen zu sein.

„Der größte Segen auf dem Erdenrund“, sagt Herr Pross, der Vater der Braut, „ist, wenn Weib und Gatte das Band treuer Eintracht umschlingt.“

Otto wundert sich. Ach so, das ist von Euripides. Wo er das nur gefunden hat. Ein Wichtigtuer. Und Elfriede himmelt ihren Papa an, sie hängt an seinen Lippen. Natürlich, er preist die Tugenden von Ha-Pe – strebsam und verantwortungsbewusst. He, der legt dir gerade eine schwere Last von Erwartungen auf die Schultern, merkst du das, Ha-Pe?

„Schaut auf uns“, sagt der Redner und meint die beiden Elternpaare, „wir haben ein Leben lang in Treue zueinander gestanden. In einer guten Ehe fügen sich Erde und Himmel zusammen.“

Er ist gerührt von seinen eigenen Worten, aber auch die Omas und Elfriede tupfen sich die Augen.

Otto sucht den Blick von Ha-Pe, aber der starrt vor sich hin, und Mathes hat sich abgewendet und schaut aus dem Fenster. Jetzt sollten mal die Kinder wieder hereinhüpfen und mit ein paar absolut unpassenden Fragen den Sermon beenden. Sie kommen aber leider nicht, und Opa Pross verheddert sich mit schwerer Zunge bei dem komplizierten Satzbau seiner labyrinthischen Gedanken.

Es ist keine Hochzeit, entscheidet sich Otto, es ist doch ein Begräbnis. Ha-Pe hat heute seine Zukunft verloren. Von nun an ist alles vorgezeichnet.

4. Kapitel

Es ist drückend heiß. Eine lastende Schwüle, die das Atmen schwer macht, brütet zwischen den Häusern der Altstadt. Elfriede schiebt ihr mit den Wochenendeinkäufen schwer beladenes Rad langsam nach Hause. Sie ist zweiundzwanzig und mit ihrem dritten Kind im siebten Monat schwanger. Sie hat Rückenschmerzen, sie ist müde, und sie braucht schon wieder ein Klo. Seit dem fünften Monat braucht sie fast stündlich ein Klo. Sie mag schon fast nicht mehr aus dem Haus gehen deshalb. Alles ist mühsam zurzeit. Nun muss sie auch noch die Straßenseite wegen einer Baustelle wechseln. Der Kantstein ist hoch, das Pflaster aufgerissen, das beladene Fahrrad kommt ins Schwanken. Sie stemmt sich dagegen, so gut sie kann, so viel Kraft hat sie schließlich nicht. Zwei Bierdosen aus dem vollgepackten Korb auf dem Gepäckträger kommen ins Rollen und fallen auf die Pflastersteine. Seufzend lehnt sie das Rad an eine Hauswand und geht zurück und holt die beiden Dosen. Sie sind eingedellt und schmutzig.

Auch das noch! Schnell wischt Elfi mit einem Zipfel ihres Rockes die Dosen wieder sauber. Das wird Ha-Pe gar nicht gerne sehen. Entweder er wird ihr Vorwürfe machen, sie suche im Supermarkt die Dosen nicht aufmerksam genug aus, oder er wird sagen, wenn sie ihm erzählt, was passiert ist, du hast nicht ordentlich gepackt, du gehst nicht wirklich sorgfältig mit den Dingen um. Es ist nicht leicht, ihm alles recht zu machen. Da kann sie sich so viel Mühe geben, wie sie will. In diesem Zustand hat sie aber neuerdings immer öfter das Gefühl, dass es auch anfängt, ihr egal zu sein. Das Kind strampelt gewaltig gegen ihre Bauchdecke, und seit vorgestern weiß sie es ganz genau, dass es ein Junge wird. Darüber kann Ha-Pe sich doch freuen. Ein gesunder Junge. Das ist doch viel wichtiger, als dass alles immer ordentlich und sauber ist und die Bierdosen keine Dellen haben. Sie seufzt. Es ist ihr alles zu viel im Augenblick. Sie wünscht sich sehnlich, sie wäre schon zu Hause. Noch ein wenig die Beine hochlegen, bevor die Männer kommen. Wenn ihr die Kinder keinen Strich durch die Rechnung machen. Hoffentlich waren die wenigstens brav. Neue Malstifte für Ricarda bringt sie mit. Das Kind war ganz heiß auf diese Stifte.

Vor ihrem Haus endlich angekommen, stößt sie auf Franek Polakowski, ihren Vermieter, der im Erdgeschoss ein kleines Antiquitätengeschäft betreibt, zu dem im Hinterhof ein geräumiger Speicher gehört. Elfriede mag ihn. Alle Falten in seinem Gesicht sehen freundlich aus. Er war immer nett zu ihr. Ha-Pe findet ihn naiv, aber Elfi findet, dass er einfach nur lieb ist. Genau wie seine Frau Lenka, die immerzu Kuchen backt, sodass es im Hausflur riecht, als wohne man in einer Bäckerei. Er fegt mit großer Gelassenheit den Gehsteig vor dem Haus und sieht dabei aus, als mache ihm das trotz der Hitze Spaß.

„Das ist heiß heute, Frau Hähnchen“, sagt er mit seinem weichen polnischen Akzent und fügt mitfühlend hinzu, „für Sie auch nicht leicht. Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“

Elfi schaut ihn nur groß an, so viel unerwartetes Verständnis macht sie stumm. Er trägt ihr die beiden großen Taschen vom Lenker die vier Treppen hoch bis vor die Wohnungstür, sie folgt langsam und schnaufend mit dem schweren Korb. Wie sie so hinter ihm hergeht, sieht sie, dass er mit seinem rechten Bein bei jeder Stufe ein wenig einknickt. Wie alt wird er sein? Siebzig?

Ha-Pe ist natürlich schon da und Otto auch, sie kann die Stimmen aus dem Wohnzimmer hören. Gott sei Dank ist im Kinderzimmer wenigstens Ruhe. Ricarda ist wieder am Singen. Ha-Pe kommt in die Küche und findet es selbstverständlich, dass sie Bier mitgebracht hat.

„Wieso bist du denn schon da“, fragt Elfriede und versucht ihren Ton unbefangen zu halten, weil ihr Mann sich doch so leicht kritisiert fühlt.

„Du hast doch nicht etwa vergessen“, sagt er, „dass heute ein wichtiges Spiel ist und dass mein Vater und Mathes auch noch kommen.“

„Nein, hab ich nicht“, murmelt Elfriede, „deshalb bin ich ja einkaufen gegangen. Und mein Vater kommt auch. Aber das Spiel fängt doch erst in einer Stunde an“, sagt sie nun doch anklagend, „ich hätte mich so gerne noch ein wenig ausgeruht.“ Sie packt ihre Einkäufe aus den Taschen auf den Tisch.

„Du gönnst mir wohl nicht, dass ich mal eher nach Hause komme. Du kannst dich schließlich den ganzen Tag ausruhen, wann immer dir der Sinn danach steht.“

Ha-Pe schnappt sich ärgerlich zwei Bierdosen, da sieht er das Paket mit den Malstiften.

„Was soll das denn? Sechzehnmarkfünfundneunzig! Du gibst sechzehnmarkfünfundneunzig für neue Buntstifte aus, wenn wir noch einen Schuhkarton voll mit alten haben.“

„Die meisten davon malen nicht mehr richtig“, sagt Elfriede matt, „und dies hier ist eine andere Sorte, die braucht Ricarda für den Kindergarten.“

Das ist eine etwas verzerrte Wahrheit. Allerdings malen die Kinder im Kindergarten mit diesen Stiften, und Ricarda ist begeistert davon, weil die Farben viel leuchtender herauskommen. Sie braucht leuchtende Farben für ihre Klingbilder zu Hause und quengelt schon seit Tagen hinter diesen Farben her.

„Der Kindergarten hat kein Recht, den Eltern noch irgendwelche Auflagen zu machen. In dem monatlichen Beitrag ist eine Pauschale für Material enthalten“, erinnert sich Ha-Pe, der den Vertrag unterschrieben hat, ganz genau. „Was ist, wenn die jetzt jeden Monat ankommen und irgend ein Extra wollen“, schreit er. „Ich verlange, dass du konsequent bleibst. Gerade, wenn es um die Kinder geht. Das ist ein Fass ohne Boden. Sie haben immer nur Ansprüche! Und du unterstützt das auch noch!“

Elfriede will alles, bloß keinen Streit und sucht nach einem Thema, das eine Ablenkung sein oder die Geschichte ins Positive wenden könnte. Sie hatte ein Gespräch mit Ursel, der Kindergärtnerin, und das hat sie gefreut.

„Ursel ist jetzt sehr zufrieden mit Ricarda“, sagt sie. „Sie glaubt auch nicht länger, dass wir Ricarda mal bei einem Psychologen testen lassen müssten, weil sie immer nur diese Klecksbilder malt und keine Menschen wie die anderen Kinder in ihrem Alter. Ricarda ...“

„In meiner Familie muss niemand zum Psychologen. Was bildet sich diese Frau eigentlich ein!“

Ha-Pe hat eine Bierdose aufgerissen und trinkt in großen Zügen.

„Ja eben, sage ich doch“, setzt Elfriede wieder ein. „Uschi hat nämlich herausgefunden, dass das nicht einfach nur Kleckse und Kritzeleien sind, was Ricarda immer malt, sondern dass sie sich ausdenkt, dass die Farben klingen. Ricarda nennt sie Klingbilder.“

„So, Klingbilder“, sagt Ha-Pe und spricht das Wort aus, als handele es sich um eine Obszönität, „aber Menschen wie andere Kinder auch kann sie nicht malen.“

Elfriede kann triumphieren.

„Doch“, ruft sie, „das ist es doch: Ursel hat sie überredet, doch wenigstens mal zu versuchen, sich selbst zu malen, und weißt du was, Ricarda ist richtig wütend geworden und hat ihr in einer Minute fünf, stell dir vor, fünf kleine Ricardas gemalt – alle, wie sie sein sollen, mit Armen und Beinen an den richtigen Stellen, so, wie die Kinder eben malen.“

„So“, sagt Ha-Pe erbost, „sie kann also, wenn sie will, aber sie will nicht.“

Elfriede will das nicht gehört haben und erzählt einfach weiter von ihrer kleinen Tochter, auf die sie doch stolz sein möchte und die alle Lieder, die im Kindergarten gesungen werden, singen kann. „Fehlerfrei, sagt Ursel. Sie behält alle Melodien sofort, während die anderen Kinder oft lange üben müssen.“

„Das ist ja kein Wunder“, sagt Ha-Pe, „sie nervt uns doch dauernd mit ihrem ewigen Geträller.“

Und da ist das Kind! Wenn man an den Teufel denkt, dann kommt er.

„Was willst du denn?“, herrscht er sie an.

Ricarda beachtet ihn gar nicht, sondern hat sofort das Paket mit den Malstiften auf dem Tisch ausgemacht.

„Mama, ich will die Farben haben!“

Bevor sie nach der Packung greifen kann, hat Ha-Pe sie genommen und hält sie hoch in die Luft.

„Das könnte dir so passen, schon zu Hause damit herumzuschmieren, die sind für den Kindergarten, hat deine Mutter gesagt.“

Elfriede saugt ihren Mund nach innen, sodass sie ganz hohlwangig erscheint; Ha-Pe hält die Packung hoch und sieht ganz so aus, als erwarte er, dass das Kind vergebliche Versuche machen wird, doch an die begehrten Malstifte heranzukommen, aber Ricarda schaut nur aufmerksam von einem zum anderen.

„Dann eben nicht“, sagt sie und geht ohne ein weiteres Wort aus der Küche.

Die Männer der Familie sind vollständig im Wohnzimmer vor dem Fernseher versammelt. Das Spiel ist soeben angepfiffen worden: Fußballweltmeisterschaft 1982. Deutschland auf dem Weg ins Endspiel und genügend Bier, das ist es. Elfriede kann ihre erregten Stimmen bis in die Küche hören. Sie sitzt erschöpft einfach nur so da und hat ihre angeschwollenen Beine auf einen zweiten Küchenstuhl gelegt. Es ist einer derjenigen Augenblicke, in denen sie sich verbieten muss, an Richard zu denken. Denn wenn sie an Richard denkt, dann – ja was dann eigentlich –, dann kann sie das alles hier nicht mehr aushalten. Diese Küche, in der nicht einmal die Geräte ordentlich eingebaut sind, alles zusammengestückelt, überhaupt die Enge, wegen der Schräge kann nicht einmal sie, und sie misst doch nur 1,58, ohne den Kopf einzuziehen, um den großen Tisch herumgehen. Die Kinder, die immerzu Probleme machen, weil Ha-Pe eben nicht weiß, wie Kinder sind. Und Arbeit, immer nur Arbeit, damit alles picobello ist, und nie mal ausgehen, nur ins Kino oder so, mehr will sie ja gar nicht, sie ist ja ganz bescheiden zurzeit. Aber Ha-Pe sagt, er muss das Geld zusammenhalten, weil sie ja so eine verschwenderische Ader hat.

Die Wahrheit ist doch, dass sie Besseres gewöhnt ist. Sie würde jetzt so gerne Richards Briefe noch mal lesen und die zärtlichen Karten, die in seinen Blumensträußen steckten, um sich zu überzeugen, dass sie wirklich einmal seine Prinzessin war. Sie kann es schon gar nicht mehr glauben, dass sie sich einmal so schön und so angebetet gefühlt hat. Aber Ha-Pe hat verlangt, dass sie reinen Tisch macht, und unter seiner Aufsicht hat sie alle Erinnerungen verbrannt oder weggeworfen. Sie war ja einverstanden gewesen, eine neue Zukunft sollte beginnen. Wieder eine normale Familie sein, sich nicht schämen müssen und all das Schlimme vergessen, das Richard, der doch eigentlich kriminell veranlagt war, was ja niemand ahnen konnte, ihr nachher angetan hat. Aber sie hat auch ihre Träume verbrannt. Sie möchte einen, der so schön und so zärtlich ist wie Richard und so zuverlässig und anständig wie Ha-Pe. Eigentlich jemand wie Papa. Der ja leider auch nicht immer treu war, fällt ihr ein. Wenn Ha-Pe ihr untreu werden würde, da muss sie fast kichern, so wenig passt diese Vorstellung zu ihm. Aber sie, sie könnte ihn glatt betrügen, wenn da einer käme, der was bieten würde. Das wäre doch kein Wunder, wenn sie so etwas täte, wo er ihr doch nur Vorschriften macht. Nach fünf Monaten mit Ha-Pe findet Elfriede, dass die Ehe mit ihm sich wie ein Gefängnis anfühlt. Das denkt sie aber nicht laut, nur ganz leise.

Das Kinderzimmer ist der kleinste Raum der Dachwohnung, die sich Ha-Pe und Elfriede so gerade eben leisten können. Es ist alles sehr eng. Die Kinder schlafen in Stockbetten. Ricarda oben und Ute unten. Elfriede überlegt sich schon, ob sie nicht, wenn das neue Baby erst durchschläft, wieder Nachtwachen machen soll, damit sie sich eine größere Wohnung leisten können, in der die Kinder etwas mehr Platz zum Spielen haben. Sie hat den beiden Mädchen das Zimmer so schön herausgeputzt, wie sie eben konnte, mit bunter Kinderbettwäsche und je einem Hampelmann an der Längswand der Betten, mit einer großen Spielzeugkiste und einem kleinen Tisch mit zwei Kinderstühlen. Da bleibt nur noch eine Fläche von gerade ein Meter mal zwei Meter zum Spielen, denn der große Schrank muss ja an der den Betten gegenüberliegenden Seite stehen, weil er sonst nirgendwo unterzubringen ist.

Ricarda schätzt den großen, alten Schrank, den sie schon hatten, als sie noch bei Oma und Opa gewohnt haben. Wenn sie im Bett liegt, schaut sie auf die Türen und stellt sich vor, dass der Schrank voller Töne steckt, und wenn man eine Tür auch nur einen Spalt öffnet, dann kommen sie heraus, einer nach dem anderen. Wenn man aber ganz plötzlich beide Türen aufreißt, dann kommt ein ganzer Schwall Musik heraus, so wie damals in der Kirche. Sie wollte so gerne wieder in die Kirche gehen, aber Mama hat nicht gewollt und gesagt, sie spielen die Orgel nur bei Festen, so wie bei einer Hochzeit. Das ist ziemlich schade. Dafür hat ihr Mama eine Melodica mitgebracht, die hat sie auf dem Flohmarkt gekauft, aber die Töne sind grässlich, und Braun fehlt überhaupt. Aber die Töne machen eine Reihe wie die Kinder im Kindergarten, wenn sie sich an den Händen fassen, und das macht Spaß. Den Ton, der fehlt, singt sie einfach dazu. Oder sie sucht sich etwas, das genauso klingt, wie es soll, wenn sie dagegen schlägt. Als Mama vorhin einkaufen war und Papa noch nicht da, hat sie sich in der ganzen Wohnung Sachen gesucht, die gut klingen, und sie unter ihrer Bettdecke versteckt. Sie ist ganz sicher, das gibt eine erstklassige Reihe. Und jetzt ist ein guter Augenblick: Ute spielt mit ihren Puppen am Tisch, Papa und die anderen sehen Fußball, und Mama macht Abendessen in der Küche. Und wenn sie schon die neuen Malstifte nicht bekommen kann ...

Ricarda holt ihre Schätze unter der Bettdecke hervor: Zwei von Mamas Vasen, die eine ist aus Kristall, das weiß sie schon, und sie wird vorsichtig damit umgehen, Papas halbvolle Cognacflasche, der Metalllampenschirm der kleinen Lampe auf dem Fensterbrett, das war schwer, ihn abzukriegen, zwei Saftgläser, ein großes und ein kleines, der Durchschlag und ein Topfdeckel aus der Küche, schließlich Utes abgewetzter Teddybär und ihre Zahnbürste. Sie bringt diese Dinge auf dem kleinen freien Platz zwischen Stockbetten und Schrank in Windeseile in die Reihe, die sie schon im Kopf hat. Dann kommt der große Augenblick: Konzentriert schlägt sie mit dem Stiel der Zahnbürste einen Gegenstand nach dem anderen an, aber die kleine Porzellanvase entspricht nicht ihren Erwartungen. Eine steile Falte erscheint auf ihrer glatten Stirn. Das ist nicht richtig Gelb, das ist doofes Gelb, mault sie vor sich hin und korrigiert den unbefriedigenden Ton, indem sie Gelb-Gelb singt, genau in dem Ton, den sie haben möchte. Dann springt sie mit der Zahnbürste zwischen den Gegenständen hin und her, und so entsteht eine kleine Melodie, die entfernt an Hänschen klein erinnert und jedes Mal mit dem Teddybären, der ein leises Brummen von sich gibt, wenn Ricarda ihn anschlägt, endet.

Ute wird aufmerksam. Sie sieht, wie Ricarda ihren Bären mit der Zahnbürste schlägt.

„Nicht“, schreit sie und stürzt sich auf Ricarda, „du sollst Petzi nicht schlagen!“

Sie versucht, Ricarda den Teddy zu entwinden.

„Ich will meinen Teddy!“, aber die hält ihn wie der Teufel fest und schreit ihrerseits:

„Nein! Das geht nicht. Ich brauche Rot. Den kriegst du nicht. Du bist doof.“

„Ich will meinen Teddy!“

Beide wälzen sich schreiend am Boden.

Die Kinderzimmertür fliegt auf, und fast gleichzeitig erscheinen Ha-Pe und Elfriede.

„Ruhe!“, brüllt Ha-Pe.

Ricarda fährt erschreckt hoch, aus Papas Mund quillt das Wort Ruhe wie eine erdig-rote Blase, aber sie hat keine Zeit, sich darüber zu wundern, denn Ute heult wie eine Sirene.

„Sie hat meinen Petzi geschlagen!“

Papa reißt sie wieder so am Arm, dass es weh tut, gerade will sie sich beschweren, da sieht er ihre schöne Reihe auf dem Fußboden. Erst bleibt ihm richtig der Mund offen stehen, aber dann brüllt er los, und nun füllt sich das ganze Kinderzimmer mit diesem ekligen erdigen Rot.

„Was ist das! Das ist doch eine Frechheit sondergleichen!“

Er greift sich seine Cognacflasche, schwenkt sie über seinem Kopf wie vorhin die Malstifte und schimpft mit Mama. Die tut so, als wäre sie ganz müde, aber sie findet das gar nicht so schlimm. Sie hat doch nichts kaputt gemacht, und Papa muss auch nicht noch mal so brüllen, sie hat das verstanden, er will Ruhe. Aber Onkel Otto und Onkel Mathes sind doch auch nicht ruhig, die schreien gerade sehr laut: Tor, Tor. Der Papa dreht sich noch einmal um und sagt:

„Das Kind ist doch abgedreht.“

„Mama“, fragt Ricarda Elfriede, die angefangen hat, das Zimmer aufzuräumen, „was ist abgedreht?“

5. Kapitel

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