Emotional nicht verfügbar - Bryn Collins - E-Book

Emotional nicht verfügbar E-Book

Bryn Collins

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Beschreibung

Toxische Eltern-Kind-Beziehungen hinterlassen häufig tiefe Spuren und ungeklärte Gefühle wie Wut, Verlassenheit, Einsamkeit oder Scham. Wer mit einem psychisch kranken, narzisstischen oder egoistischen Elternteil aufgewachsen ist, hat oft auch im Erwachsenenalter Schwierigkeiten, gesunde zwischenmenschliche Beziehungen zu führen. Die amerikanische Psychotherapeutin Bryn Collins hilft in ihrem Buch dabei, · diese komplizierten Beziehungen zu erkennen und zu akzeptieren. · mithilfe von aufschlussreichen Selbsttests und wertvollen Kommunikationsstrategien Klarheit über Emotionen sowie ihre Wurzeln und Dynamiken zu finden. · klare Grenzen zu setzen und sich aus alten Mustern zu lösen. So gelingt es, eine liebevolle Partnerschaft auf Augenhöhe zu führen und den eigenen Kindern ein emotional verfügbarer, liebevoller Elternteil zu sein.

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Seitenzahl: 448

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Bryn Collins

EMOTIONALNICHT VERFÜGBAR

Bryn Collins

EMOTIONALNICHT VERFÜGBAR

Wie Sie sich von der toxischen Beziehung zu Ihren Eltern lösen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

1. Auflage 2022

© 2021 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2018 bei Health Communications, Inc. unter dem Titel The Toxic Parents Survival Guide. © 2018 by Bryn Collins, MA, LP. All rights reserved. Published by arrangement with the original publisher, Health Communications, Inc. c/o Simon & Schuster, Inc.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

Übersetzung: Marion Zerbst

Redaktion: Ariane Novel

Umschlaggestaltung: Manuela Amode

Umschlagabbildung: Shutterstock.com/fotohunter, bbearlyam

Layout und Satz: Müjde Puzziferri, MP Medien, München

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-7474-0415-7

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96121-806-6

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96121-805-9

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.mvg-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

INHALT

Prolog

Einführung

WAS IST FEHLENDE EMOTIONALE VERFÜGBARKEIT?

1. Definition

2. Das Wichtigste zum Thema Emotionen

3. Emotionale Dynamiken

SCHWIERIGE ELTERN

4. Inkonsequente Eltern

5. Einfach nicht gut genug

6. Sie leben in ihrer eigenen Realität

7. Helikoptereltern

8. Kopfmenschen: immer nur denken, aber nichts fühlen

9. »Ewig junge« Eltern

10. Schuldzuweiser

11. Ausnutzer und andere emotionale Vampire

12. Psychisch kranke Eltern und Eltern mit Persönlichkeitsstörungen

13. Süchtige Eltern

14. Missbräuchliche Eltern

15. Abwesende Eltern

16. Toxische Eltern

17. Stiefeltern, Großeltern und Schwiegereltern

PRAKTISCHE UMSETZUNG

18. Beziehungsfähigkeiten und -dynamiken

19. Erwartungen, Schuldgefühle, Bedauern und Ressentiments überwinden

20. So findest du die innere Kraft für eine Veränderung

21. Wie verhalten sich emotional verfügbare Eltern?

Danksagung

Literaturhinweise

Andere zu kennen ist Intelligenz;sich selbst zu kennen ist wahre Weisheit.Andere zu beherrschen ist Stärke;sich selbst zu beherrschen ist wahre Macht.

Tao Te King

FÜR ROD

PROLOG

Es ist deine erste Beziehung – und im Babyalter zugleich deine allerwichtigste, denn ohne sie könntest du nicht überleben.

Im Lauf deines Lebens wird diese Beziehung Höhen und Tiefen erleben. Sie wird eine deiner kompliziertesten Beziehungen sein. Doch normalerweise wird sie in irgendeiner Form weiterbestehen. Egal, was passiert, ob es dir gefällt oder nicht.

Wenn du Glück hast, wird dich die Beziehung zu deinen Eltern sehr bereichern und dir viel Freude bereiten. Doch für viele Menschen ist sie eine ständige Quelle der Frustration, Verwirrung und Wut, ein Wechselbad aus gegenseitiger Anziehung und Zurückweisung, mit einigen glücklichen Augenblicken zwischendrin. Und wenn du besonders großes Pech hast, ist diese Beziehung entweder ein endloser Albtraum oder eine riesige Eiswüste.

Wenn du zu den wenigen glücklichen Menschen gehörst, die wunderbar mit ihren Eltern auskommen – herzlichen Glückwunsch! Das ist ungefähr so wie ein Sechser im Lotto. Warum liest du überhaupt dieses Buch?

Aber wenn du zu den vielen Leuten gehörst, die jede Menge Zeit, Energie und oft auch Geld in die Aufgabe investieren, einen Sinn in dieser Beziehung zu erkennen, ist das hier genau das richtige Buch für dich: Denn wir werden jetzt gemeinsam die Ärmel hochkrempeln und versuchen, die Zusammenhänge etwas klarer zu sehen. Wir wollen herausfinden, wie man das Beste aus einer Beziehung zu emotional nicht verfügbaren Eltern macht und sich dabei wohler in seiner Haut fühlt – und zwar nicht nur in dieser allerersten, wichtigen Eltern-Kind-Beziehung, sondern auch in seinen anderen, späteren Beziehungen. Vielleicht fallen dir dann zur Abwechslung endlich mal ein paar andere Themen ein, über die du dich mit deinen Freunden unterhalten kannst!

Und falls diese Beziehung bei dir bisher nur Albträume verursacht hat, werden wir gemeinsam Strategien entwickeln, mit deren Hilfe du dich befreien kannst – aus dem Schlamassel, den du nicht verursacht hast, mit dem du aber trotzdem leben musst. Und wir werden auch darüber sprechen, wie du dich ein für alle Mal aus toxischen Beziehungen befreien kannst.

Wir alle haben eine Beziehung zu unseren Eltern. Diese Beziehung begleitet uns unser Leben lang – auch nach ihrem Tod. Wir müssen lernen, mit den Fehlern und psychischen Problemen unserer Eltern umzugehen, um nicht darunter zu leiden und ihre mangelnde emotionale Verfügbarkeit nicht an die nächste Generation weiterzugeben.

Zum Schluss noch ein kurzer Hinweis: Die Beispiele, die ich in diesem Buch anführe, beruhen entweder auf echten Fällen oder einer Kombination aus verschiedenen echten Fällen. Allerdings habe ich die Namen der betroffenen Personen und auch einzelne Details ihrer Lebensgeschichte verändert.

EINFÜHRUNG

Joyces Geschichte

Als ich die Wohnung betrat, klingelte das Telefon. Ich war mit einem Bücherstapel für mein Studium beladen, den ich gerade gekauft und für den ich mein ganzes Geld ausgegeben hatte. Außerdem schleppte ich auch noch zwei Einkaufstüten mit mir herum: eine mit frischem Obst und Gemüse vom Markt an der Ecke und eine vom Fischgeschäft gegenüber.

Ich wusste sofort, wer anrief, stellte mein Gepäck ab und schloss die Tür auf.

»Hallo, Mama.«

»Und – in welche Schwierigkeiten hast du dich heute wieder gebracht?« Der übliche Vorwurf, mit einer Prise Humor.

»Ich fange wieder an zu studieren«, antwortete ich, fest entschlossen, mich nicht provozieren zu lassen.

»Wahrscheinlich brauchst du dann auch wieder Geld. Aber wir sind keine Geldautomaten. Das vergisst du leider immer wieder.« Diesmal war der Vorwurf nicht zu überhören.

»Kein Problem, ich brauche nichts von euch. Aber trotzdem danke für das Angebot.« Wir wussten beide, dass es kein Angebot war, aber ich wollte die Situation nicht eskalieren lassen, indem ich meine Mutter darauf hinwies, dass meine Eltern seit meinem Grundstudium vor 15 Jahren keinen Cent mehr für meine Ausbildung bezahlt hatten.

»Bist du sicher, dass du das wirklich machen willst, dieses Aufbaustudium? Schließlich hast du doch schon mit deinen letzten beiden Abschlüssen nichts zustande gebracht.«

Ich seufzte. Offenbar gelang ihr die Eskalation auch ohne meine Hilfe.

»Mama, ich habe nach dem Grundstudium zwei Jahre lang unterrichtet und …«

»Und dann bist du diesem Mann hinterhergelaufen und hast drei Jahre deines Lebens vergeudet.« Sie hatte meinen Freund gehasst (vor allem damals, als wir ans andere Ende der USA zogen) und meine wirtschaftlichen Erfolge in diesen drei »vergeudeten« Jahren – unter anderem eine beliebte regionale Fernsehsendung, in der sie mehrmals zu Gast gewesen war – geflissentlich ignoriert.

Ich hielt inne und holte tief Luft, doch das bemerkte sie nicht.

»Und dann bist du zurückgekommen und hast wieder ein Jahr lang nichts getan.« Das erfolgreiche kleine Unternehmen, das ich gegründet hatte und auch jetzt noch weiterführte, um mein Studium zu finanzieren, zählte für sie offenbar nicht.

»Und natürlich konntest du nicht einfach bei uns bleiben, sondern musstest unbedingt nach New York ziehen. Anständige Mädchen wohnen nicht allein in so einer großen Stadt. Hast du eigentlich immer noch vor, Schauspielerin zu werden, oder war das auch nur eins von deinen brotlosen Hirngespinsten?«

Wieder holte ich tief Luft. »Ich will nicht schon wieder über dieses Thema reden, Mama. Ich habe einen langen Tag hinter mir und muss noch lernen …«

»Na ja, wahrscheinlich sollte ich nicht allzu viel von dir erwarten.« Sie stieß einen dramatischen tiefen Seufzer aus. »Du warst ja schon immer mein Sorgenkind.« Jemanden mit einem guten Abschluss, der abends nie zu spät nach Hause gekommen war und auch niemals gegen irgendwelche Vorschriften verstoßen hatte, bezeichnete sie doch tatsächlich als Sorgenkind!

»Du musstest immer alles anders machen als andere Kinder. Schau dir zum Beispiel deine Schwester Virginia an: Sie hat zwei wunderbare Kinder, einen netten Mann und einen tollen Job als Lehrerin. Wenigstens sie hat etwas aus ihrem Leben gemacht.«

Mein Blutdruck stieg, und ich hätte ihr am liebsten eine bissige Antwort gegeben. Im Hinterkopf hörte ich die Stimme meiner Therapeutin, die mir riet, mich nicht auf diese Provokation einzulassen; meine Mutter wollte einfach nur einen Streit vom Zaun brechen. Also holte ich noch einmal tief Luft.

Tief durchatmen … und dich nichtprovozieren lassen!

»Mama, ich muss noch viel lernen und die Sachen, die ich gekauft habe, in den Kühlschrank legen.«

»Na gut. Wir haben dich lieb, und du fehlst uns.«

Das ist ein gutes Beispiel für einen emotional nicht verfügbaren Elternteil. In diesem Buch werden wir uns mit verschiedenen Typen befassen. Wir werden darauf eingehen, woher dieses Problem kommt, wie man mit einer solchen Beziehung umgeht und wie es gelingt, sich selbst nicht die Schuld daran zu geben; und schließlich werden wir uns auch überlegen, wie es dir gelingen kann, ein emotional verfügbarer Elternteil zu werden.

TEIL 1

WAS IST FEHLENDE EMOTIONALE VERFÜGBARKEIT?

1

DEFINITION

Einfach ausgedrückt, ist fehlende emotionale Verfügbarkeit (auch als emotionale Unerreichbarkeit oder Unzugänglichkeit bezeichnet) das Gefühl, das du hast, wenn dich jemand auf Distanz hält und dir einredet, dass das deine Schuld ist; oder wenn dich jemand nicht dein eigenes Leben führen lässt und an allem, was du tust, etwas auszusetzen hat.

Aber natürlich ist das Leben nicht so einfach; also wollen wir nun einmal genau analysieren, woher dieses Problem eigentlich kommt. Emotional unerreichbare Menschen sind nicht bereit oder in der Lage, Gefühle in eine Beziehung zu investieren. Das kann sich auf verschiedene Weise äußern.

Manchmal wirkt emotionale Unerreichbarkeit wie Geschäftigkeit: Die betreffende Person nimmt sich einfach keine Zeit für dich und hat keinen Platz für dich in ihrem Leben, versichert dir aber trotzdem immer wieder, wie wichtig du ihr bist. Sie hat stets tausend Verpflichtungen und Ausreden, warum sie sich nicht bei dir meldet.

Manchmal verhält sich ein Mensch sehr distanziert – wie ein Eisberg. Oder seine emotionale Unerreichbarkeit verbirgt sich hinter Geheimnissen und Lügen. Sie kann sich aber auch darin äußern, dass dieser Mensch ständig an dir herumnörgelt, überfürsorglich ist oder dich erdrückt.

Im Grunde sind sie unfähig, mit anderen Menschen auf angemessene Weise emotional in Kontakt zu treten. Solche Beziehungen sind instabil und geheimnisvoll – man bekommt sie einfach nicht in den Griff, und/ oder sie schenken einem keine Erfüllung.

Die Gründe für diese emotionale Unzugänglichkeit sind oft auf erlerntes Verhalten in der Kindheit zurückzuführen; es kann aber auch eine psychische Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung dahinterstecken. Menschen, die in einem Elternhaus (oder vielleicht auch in mehreren Elternhäusern) aufgewachsen sind, in denen die emotionale Beziehung zu den Eltern oder zu anderen Familienmitgliedern gestört oder gar nicht vorhanden war, nehmen diese Probleme oft mit in ihr Erwachsenenleben und ihren eigenen Erziehungsstil. Wohlgemerkt: nicht immer, aber oft! Nicht jeder Mensch, der in einem emotional gestörten Beziehungsgeflecht aufwächst, gibt diese Störung an seine eigenen Kinder weiter. Vielen Menschen, deren Kindheit von Feuer (Missbrauch in all seinen schrecklichen Erscheinungsformen) oder Eis (Desinteresse oder Vernachlässigung) geprägt war, gelingt es, diese destruktiven Beziehungsmuster ihrer Vergangenheit zu durchbrechen, und sie werden zu wunderbaren, emotional verfügbaren Eltern, die sich ihren Kindern gegenüber angemessen verhalten.

Psychische Erkrankungen sind in letzter Zeit stark in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt – aber nicht immer aus den richtigen Gründen. Genau wie körperliche Erkrankungen treten auch psychische Störungen in verschiedenen Schweregraden auf: von leichten psychischen Problemen bis hin zu Schizophrenie und allem, was dazwischenliegt. Dabei kann es sich um eine einzelne Episode, aber auch um ein lebenslanges Verhaltensmuster handeln. Manchmal sind solche Störungen nur leicht ausgeprägt und gut beherrschbar; sie können aber auch das ganze Leben eines Menschen durcheinanderbringen und verheerende Folgen haben. Doch egal, welche Form eine psychische Erkrankung annimmt und wie kompliziert oder einfach ihre Behandlung ist – sie wirkt sich immer auf die ganze Familie aus.

Die wohl häufigsten psychischen Erkrankungen sind Depressionen und Angststörungen. Leider kommen diese beiden Krankheiten oft familiär gehäuft vor, wobei sowohl genetische als auch umweltbedingte Faktoren eine Rolle spielen. Oft höre ich meine Patienten sagen: »In meiner Familie sind immer alle so ängstlich. Wir sind richtige Angsthasen.« Oder: »Alle meine Angehörigen leiden unter Depressionen und müssen Medikamente dagegen einnehmen.« Psychische Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen, Angststörungen, bipolare Störung oder Schizophrenie sind zumindest teilweise genetisch bedingt; und diese Gene können – in Verbindung mit einem ungünstigen sozialen Umfeld und negativen Lebensereignissen – in einer ganzen Familie zu psychischen Erkrankungen führen.

Bei Persönlichkeitsstörungen dagegen handelt es sich um Muster aus bestimmten Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmalen, die sich im Lauf der Zeit zu einem Hindernis für ein gut funktionierendes Leben entwickelt und verfestigt haben. Während man psychische Erkrankungen oft durch eine Kombination aus Arzneimitteln und Psychotherapie in den Griff bekommt, sprechen Persönlichkeitsstörungen normalerweise nicht auf Medikamente an und bessern sich – von seltenen Ausnahmen abgesehen – auch kaum durch eine Therapie.

Alles, was Menschen von ihren eigenen Gefühlen oder den Emotionen anderer Menschen distanziert, fällt unter den Oberbegriff der mangelnden emotionalen Verfügbarkeit.

In den nächsten Kapiteln werden wir noch viele andere Beispiele für solche Eltern kennenlernen. Hier ein kurzer Überblick über die verschiedenen Erscheinungsformen:

Sie sind inkonsequent:

An einem Tag sind sie die schlimmsten Tyrannen, am nächsten scheint ihnen alles egal zu sein. Manchmal stellen sie die unmöglichsten Regeln auf; dann wieder dürfen ihre Kinder tun, was sie wollen. Wir alle haben gerne berechenbare Menschen um uns herum. Unberechenbare Eltern verursachen Vertrauensprobleme.

Einfach nicht gut genug:

Egal, was du tust, egal, wie viel du erreichst und wie sehr deine Mitmenschen dich anerkennen und respektieren – für diese Eltern wirst du nie gut genug sein. Sie stellen immer zu hohe Erwartungen. Und sie geben dir die Schuld daran, dass du keine Gedanken lesen und ihre ständig wechselnden Anforderungen nicht erfüllen kannst.

Sie leben in ihrer eigenen Realität:

Neue Weltordnung. Chemtrails. Der Yeti. Marsmenschen, die die Erde mit Kornkreisen überziehen. Die Zombie-Apokalypse. Solche Menschen sind von obskuren Vorstellungen besessen, und ihr ganzes Denken kreist darum. Das ist nicht böse gemeint, sondern eher ein Weg, um sich vom Leben und der Realität (deiner Realität und derjenigen der übrigen Menschen) zu distanzieren und Beziehungen aus dem Weg zu gehen.

Helikoptereltern:

Das sind Eltern, die alles, was ihr Kind tut, genau planen und überwachen. Solche Kinder werden später zu Erwachsenen, die nicht wissen, wie man Grenzen zieht, Entscheidungen trifft und mit Enttäuschungen oder Krisensituationen umgeht. Im Erwachsenenalter müssen diese Kinder erst einmal lernen, Grenzen zu setzen – vor allem gegenüber ihren eigenen Eltern, die davon nichts wissen wollen und sich ständig in ihre persönlichen Angelegenheiten einmischen.

Kopfmenschen:

Das sind Eltern, die alle Bücher und Blogs lesen, auf alle »Experten« hören und jedem neuen Trend hinterherlaufen, ohne daran zu denken, welche Folgen das für ihre Kinder hat. Für solche Menschen ist Erziehung reine Kopfsache, und sie behandeln ihre Kinder wie Projekte. Im Erwachsenenalter fällt es diesen Kindern schwer, auf ihr eigenes Urteilsvermögen zu vertrauen; sie orientieren sich stets an äußeren Wissensquellen und ignorieren ihre eigenen Instinkte.

»Ewig junge« Eltern

wollen nicht nur mit ihren Kindern, sondern am liebsten auch mit deren Freunden und Klassenkameraden befreundet sein. Oft konkurrieren sie mit ihren Kindern im Sport, um Partner oder Partnerinnen oder tragen Kleidungsstücke, die für ihr Alter nicht mehr angemessen sind. Vielleicht treten sie auch in intellektueller oder beruflicher Hinsicht oder sogar in Bezug auf bestimmte Erlebnisse oder Erfahrungen mit ihren Kindern in Konkurrenz. Solche Kinder müssen im Erwachsenenalter lernen, Grenzen zu setzen und sich aus dieser Konkurrenzsituation zu befreien.

Schuldzuweiser:

Du bist immer an allem schuld, auch wenn das in Wirklichkeit gar nicht stimmt. Diese Menschen versuchen, die Verantwortung oder die Schuld an einem Ereignis, das sie schlecht dastehen lässt oder für das sie zur Verantwortung gezogen werden könnten, immer auf jemand anderen zu schieben. Wenn es Eltern sind, benutzen sie ihre Kinder als Sündenböcke. Sie können keine Grenzen setzen, oder zumindest fällt ihnen das schwer – mit verheerenden Folgen für die Familie: Denn mit diesem Verhalten zerstören sie das Vertrauen ihrer Kinder und schwächen die Eltern-Kind-Beziehung.

Ausnutzer und andere emotionale Vampire:

Diese Eltern behandeln ihre erwachsenen Kinder wie eine Art Bank – sie »leihen« sich Geld, Autos, Kleidungsstücke oder Schmuck von ihnen und nehmen ihre Zeit in Anspruch, ohne ihnen etwas zurückzugeben, sei es in Form von Wertschätzung oder irgendeiner anderen Wiedergutmachung. Wenn man sie darauf hinweist, entschuldigen sie sich zunächst, reagieren aber dann gereizt oder wütend und beschuldigen ihr erwachsenes Kind, sie verraten zu haben. Mit diesem Verhalten stürzen sie das Kind in einen großen inneren Konflikt. Wir werden später noch darüber sprechen, wie du es schaffen kannst, solchen Eltern gegenüber hart zu bleiben und Nein zu sagen.

Psychisch kranke Eltern und Persönlichkeitsstörungen:

Psychische Erkrankungen wirken sich nicht nur negativ auf die betroffene Person selbst aus, sondern auch auf deren Kinder und andere Familienmitglieder. Erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern haben normalerweise mit großen Problemen zu kämpfen. Wir werden in diesem Buch ausführlich über Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, bipolare Störung (auch unter der Bezeichnung »manische Depression« bekannt) und Schizophrenie sprechen. Außerdem werden wir auf Persönlichkeitsstörungen eingehen – also auf Menschen mit tief verwurzelten maladaptiven Persönlichkeitsmerkmalen wie Borderline-Persönlichkeitsstörung, histrionische, antisoziale und narzisstische Persönlichkeitsstörung oder passiv-aggressives Verhalten. In diesem Buch erfährst du, wie man mit solchen Eltern umgeht und sich selbst schützt.

Süchtige Eltern:

Ebenso wie es erwachsenen Kindern psychisch kranker Menschen schwerfällt, mit den Spätfolgen des elterlichen Verhaltens umzugehen, haben auch Kinder von Eltern, die alkohol- oder drogenabhängig, kauf- oder sexsüchtig sind, ständig lügen oder von anderen Verhaltensweisen und Substanzen abhängig sind, in ihrem späteren Leben mit großen Problemen zu kämpfen. Wir werden uns mit diesen negativen Auswirkungen befassen und Wege finden, diese zu überwinden.

Missbräuchliche Eltern:

Missbrauch und Misshandlung können die verschiedensten Formen annehmen – verbal, emotional, körperlich, sexuell –, und keine davon ist gut. Erwachsene Menschen, die im Kindesalter von ihren Eltern misshandelt oder missbraucht wurden, sind oft sehr wütend oder besonders verletzlich. Leider kommt es häufig vor, dass sie sich in ihrem späteren Leben genauso verhalten wie ihre Eltern. Wenn du einen Missbrauch überlebt hast, werden wir gemeinsam nach Wegen suchen, wie du zu gesunden, heilsamen Verhaltensmustern für dich und deine Kinder finden kannst.

Abwesende Eltern:

Der Verlust eines Elternteils durch Tod, Scheidung, Verlassenwerden oder Umzug ist schwer zu verkraften, vor allem, wenn es noch unerledigte Angelegenheiten oder unbeantwortete Fragen gibt oder wenn die Eltern das Kind oder das erwachsene Kind als Vermittler oder Boten im Umgang mit dem zerstrittenen Expartner benutzt haben. Um mit solchen defizitären Beziehungen – unter Mitwirkung des abwesenden Elternteils oder auch ohne seine Mithilfe – klarzukommen, braucht man stabile Grenzen und realistische Erwartungen.

Toxische Eltern:

Leider sind manche Eltern nicht nur unfähig oder verhalten sich ihren Kindern gegenüber zu distanziert. Es gibt auch Eltern, die selbst extreme Misshandlungen erlebt haben, unter schweren Süchten oder psychischen Erkrankungen leiden, einer Sekte angehören oder ein Verbrechen begangen haben. All das wirkt sich natürlich äußerst negativ auf das Leben ihrer Kinder aus. Erwachsene Kinder toxischer Eltern müssen sich darüber klar werden, wie man solche Beziehungen sicher beenden und innerlich überwinden kann. Auch darum wird es in diesem Buch gehen.

Stiefeltern, Großeltern und Schwiegereltern:

Solche Ersatzeltern können wunderbare Verbündete sein, aber auch große Probleme innerhalb einer Familie verursachen, denn manchmal maßen Sie sich mehr Einfluss an, als ihnen tatsächlich zusteht. Es ist sehr wichtig, ihnen bei der Definition ihrer Rolle zu helfen.

Doch bevor wir damit beginnen, wollen wir uns zunächst einmal mit dem Thema Emotionen beschäftigen, um sicherzugehen, dass wir beide die gleiche Sprache sprechen.

2

DAS WICHTIGSTE ZUM THEMA EMOTIONEN

Wie jede andere Fähigkeit haben auch Emotionen eine Sprache. Manche Menschen haben das Glück, diese Sprache frühzeitig zu erlernen. Andere wiederum erhalten in ihrer Kindheit verwirrende emotionale Botschaften; also geben sie den Versuch, aus Emotionen schlau zu werden, einfach auf und beginnen, sich davon abzukapseln. Es gibt aber auch Menschen, die mit so viel emotionaler Sprache bombardiert werden, dass sie keinen Sinn darin erkennen können, weil diese Sprache keinen Bezug zu ihren Erfahrungen hat und sie diese daher als leere Floskeln empfinden. Wieder andere haben als Kinder überhaupt keine emotionale Kompetenz erworben und halten sich daher ihr Leben lang von Gefühlen fern.

Man kann in jedem Alter lernen, seine eigenen Gefühle zu spüren und auszudrücken, die Gefühle anderer Menschen zu deuten und beides miteinander in Verbindung zu bringen – aber je früher man damit anfängt, umso leichter fällt es einem. Ich hatte einige Klienten, die völlig von ihren Gefühlen abgeschnitten waren; aber durch Ausdauer und Beharrlichkeit und indem sie während der Therapie lernten, mit sich und anderen Menschen in Kontakt zu treten, gelang es ihnen dann doch, Gefühle – sowohl ihre eigenen als auch die ihrer Mitmenschen – zu erkennen und darauf zu reagieren. Emotionen können einfach und direkt sein – wütend, fröhlich, traurig, verängstigt –, es kann sich dabei aber auch um zusammengesetzte Gefühle (verschiedene Kombinationen aus diesen vier Basisemotionen) handeln.

Dementsprechend gibt es einfache und komplexere Bezeichnungen für Emotionen. Wörter wie »verwirrt«, »frustriert«, »erstaunt«, »gereizt«, »durcheinander« oder »aufgeregt« bezeichnen zusammengesetzte Emotionen und können für den Sprecher und den Zuhörer unterschiedliche Bedeutungen haben. Problematisch wird es dann, wenn diese Bedeutungen nicht geklärt oder die Gefühle nicht so ausgedrückt werden, dass beide Gesprächspartner von derselben Definition ausgehen. Deshalb halte ich die Menschen der Klarheit halber immer dazu an, einfache emotionale Begriffe zu verwenden, vor allem, wenn sie über intensive Gefühle sprechen oder gerade erst lernen, ihre Gefühle klar zum Ausdruck zu bringen. Wenn du diesen Ratschlag beherzigst, hast du die Gewissheit, dass alle beide – du und dein Gesprächspartner – genau wissen, was du ausdrücken möchtest.

Emotionen werden innerlich und äußerlich, auf physischer und psychischer Ebene zum Ausdruck gebracht. Wir alle haben schon einmal Situationen erlebt, in denen wir etwas Bestimmtes fühlen, unser Gesicht und unser Körper aber etwas ganz anderes ausdrücken, zum Beispiel als Reaktion auf Fragen wie:

»Möchtest du mal meine Vogelspinne halten?«

»Wie schmeckt dir meine Ziegenleberpastete?«

»Sieht mein Hintern in diesem Kleid zu dick aus?«

Vielleicht lächelt dein Mund als Antwort auf diese Fragen, obwohl du innerlich etwas ganz anderes empfindest – und diese Realität kann man garantiert an deinem Gesicht ablesen.

Die Körpersprache, der physische Ausdruck von Gefühlen, ist ein sehr komplexes Thema; doch in gewisser Weise beobachten und deuten wir alle die Körpersprache unserer Mitmenschen, und zwar schon in unserer frühen Kindheit, noch bevor wir sprechen lernen. Auf diese Weise »lesen« wir andere Menschen und entscheiden, ob sie harmlos oder gefährlich, nett oder beängstigend sind und ob wir mit dem, was wir sagen oder tun, ihre Zustimmung finden oder nicht. Die Körpersprache ist mindestens genauso komplex wie die gesprochene Sprache, doch selbst Babys sind bereits Experten darin, sie zu deuten.

Körpersprache kann so eindeutig sein wie ein Stirnrunzeln und vor der Brust verschränkte Arme, mit denen dein Gesprächspartner dir signalisiert: »Ich bin jetzt richtig wütend auf dich und möchte nicht mit dir reden«, aber auch so subtil wie das leichte, skeptische Hochziehen einer Augenbraue oder ein flüchtiger Blick, den dein Gegenüber dir zuwirft. Wissenschaftler haben subtile Anhaltspunkte wie beispielsweise Augenbewegungen und verschiedene Mundstellungen untersucht, um Zusammenhänge zwischen Körpersprache und Emotionen herzustellen. Dieses Forschungsgebiet bezeichnet man als Neurolinguistik, und es ist wirklich sehr aufschlussreich. Auf diese Zusammenhänge zwischen inneren Gefühlen und äußerem Gefühlsausdruck werden wir später noch näher eingehen.

Doch zunächst einmal wollen wir uns mit den Grundbausteinen von Emotionen beschäftigen. Die folgenden vier Gefühle bilden die Basis der meisten komplexen, zusammengesetzten Emotionen:

wütend – fröhlich – traurig – verängstigt

Wenn du jemandem eindeutig klarmachen möchtest, was du gerade empfindest, verwendest du am besten diese vier »Grundfarben«, wenn du über deine Gefühle sprichst. Komplexere Begriffe werden Menschen, die dich gut kennen, vielleicht auch verstehen, aber es ist besser, nichts dem Zufall zu überlassen! Solange die emotionale Kommunikation zwischen dir und deinem Gesprächspartner nicht wirklich gut funktioniert, solltest du dich dabei lieber auf die vier Basisemotionen beschränken.

Hier ein Beispiel dafür: Als wir ungefähr drei Jahre lang verheiratet waren, erlebten mein Mann und ich eine dieser Kommunikationsstörungen, die es zwischen Ehepaaren manchmal gibt. Wir waren gerade dabei, einen Parkettboden zu verlegen – ein sehr fruchtbarer Boden für Missverständnisse, selbst in den besten Ehen –, und die Arbeit lief nicht gut.

»Ich bin total frustriert«, sagte Rod.

»Ich auch«, sagte ich.

Hättest du das an meiner Stelle nicht auch für eine eindeutige Beschreibung unserer Gefühle gehalten? Und doch hatten wir uns beide gewaltig getäuscht.

Denn daraufhin begann Rod plötzlich unsere Werkzeuge wegzuräumen, und ich fiel aus allen Wolken.

Für mich ist »frustriert« eine Kombination aus wütend und verängstigt, wie zum Beispiel: »Ich bin wütend, weil ich mit dieser Arbeit nicht weiterkomme, und habe Angst davor, es nicht zu schaffen.«

»Bitte erklär mir, warum du unsere Sachen aufräumst«, bat ich ihn.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich total frustriert bin. Das bedeutet: Ich habe es satt. Wir müssen einen Fachmann für diesen Parkettboden engagieren.«

Als wir uns anschließend darüber aussprachen, wurde uns klar, dass »frustriert« für Rod wütend und traurig bedeutete: »Ich bin wütend darüber, dass es nicht funktioniert, und traurig, weil ich es nicht hinkriege, also gebe ich die Sache auf.«

Deshalb ist es so wichtig, deine Gefühle stets klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen, und zwar in einfachen Begriffen. Zwar verstehen wir Menschen uns in der Regel sehr gut, aber es lässt sich trotzdem immer noch etwas an unserer Kommunikation verbessern.

Übrigens haben wir damals dann tatsächlich einen Fachmann engagiert und es hat hinterher noch Wochen gedauert, bis alle Klebstoffspuren von meinem Körper verschwunden waren.

Bitte erklär mir …: magische Worte

In meiner Praxis verbiete ich Paaren, das Wörtchen »warum« zu benutzen, weil danach immer ein (manchmal) unausgesprochenes »zum Teufel« folgt. Bei diesem Wort handelt es sich also immer um einen Vorwurf, egal, ob man es so meint oder nicht.

Wenn du von deinem Partner, deinen Eltern, deinem Kind, deiner Kollegin oder deinem Chef (vor allem von deinem Chef) eine Erklärung für irgendetwas brauchst, solltest du es lieber mit: »Bitte erkläre mir …« oder »Bitte hilf mir, zu verstehen …« versuchen – und diesen Worten kein »Warum« folgen lassen.

»Bitte helfen Sie mir, Ihre Ziele zu verstehen.«

»Bitte erklär mir, woher es kommt, dass du so wütend bist.«

»Helfen Sie mir, Ihre Einwände gegen meine Idee zu verstehen.«

Und dann höre dir die Antwort darauf aufmerksam und respektvoll an.

Damit kann man einen Streit vermeiden, denn man bittet lediglich um Informationen, statt jemanden zu beschuldigen oder ihm Vorwürfe zu machen. Man geht davon aus, dass die andere Person einen triftigen Grund für ihre Entscheidung hatte, und teilt ihr mit, dass man sich für diesen Grund interessiert. Oft wirst du dabei feststellen, dass dein Gesprächspartner die gleichen Ziele verfolgt wie du, nur vielleicht mit anderen Methoden. Es ist der Beginn einer respektvollen Diskussion, bei der beide Seiten gehört werden.

Emotionen stellen sich sofort ein und sind eine Reaktion auf ein Ereignis, sie sind zielgerichtet und zeitlich begrenzt. Ein Beispiel: Angenommen, wir sitzen in meinem Büro und unterhalten uns miteinander. Ich verändere meine Sitzposition auf meinem Stuhl und trete dir dabei aus Versehen kräftig gegen das Schienbein. Wahrscheinlich wirst du als Reaktion darauf wütend auf mich, weil du nicht weißt, ob mein Verhalten beabsichtigt war oder nicht, und dir nicht sicher bist, wie du es interpretieren sollst. Vor diesem Tritt warst du nicht wütend, also handelt es sich dabei um eine sofortige Reaktion auf das Ereignis. Und du bist auch nicht auf irgendjemanden wütend, sondern die Wut richtet sich auf mich und mein Verhalten. Ich entschuldige mich wortreich und biete dir an, dich in die Notaufnahme zu bringen. Du wirfst einen Blick auf dein Schienbein und reibst es ein bisschen, aber der Schmerz lässt bereits nach, und du akzeptierst meine Entschuldigung, bist also nur für eine begrenzte Zeit wütend. Sofort – Reaktion – zielgerichtet – zeitlich begrenzt.

Und nun wollen wir die einzelnen Bausteine dieses Verhaltens genauer unter die Lupe nehmen.

WÜTEND

Denke einmal kurz daran zurück, wann du das letzte Mal wütend warst. Vielleicht, als du auf der Fahrt zur Arbeit in einem Verkehrsstau stecktest; oder du hattest eine Wut auf deinen Ehepartner, deine Eltern, deine Chefin, deine Nachbarn oder den unausstehlichen Kommentator im Fernsehen. Und nun denke bitte darüber nach, wie sich dieses Gefühl in deinem Körper und auf emotionaler Ebene angefühlt hat.

Wenn du wütend bist, ist sowohl dein Körper als auch deine Psyche daran beteiligt:

Deine Psyche konzentriert sich messerscharf auf das Objekt deiner Wut. Manche Menschen sagen sogar, dass sie »rot sehen«, wenn sie so richtig wütend sind. Dabei schießt dir das Blut ins Gehirn und in die Augen, weil deine Blutgefäße sich jetzt blitzschnell erweitern, um dein Gehirn und die Muskeln deiner Arme und Beine mit Nährstoffen zu versorgen.

Dein Körper produziert jetzt auch mehr Adrenalin, ein Hormon, das in den Nebennieren ausgeschüttet wird und zu den Kampf-oder-FluchtHormonen gehört. Dieses Adrenalin lässt dein Herz schneller schlagen, um das Blut rascher durch deine Adern zu pumpen. Gleichzeitig erhöht es deinen Blutdruck, indem es die großen Blutgefäße verengt, und sendet eine Botschaft an dein Gehirn: »Leite das Blut zu den Armen und Beinen und bereite dich darauf vor, entweder zu kämpfen oder wegzulaufen.« Außerdem erhöht Adrenalin die Atemfrequenz und zieht das Blut aus inneren Organen wie Magen, Leber und Nieren ab, wo es momentan nicht gebraucht wird.

Deine Hände ballen sich zu Fäusten, deine Stimme wird lauter, dein Gesicht läuft rot an und in deiner Körperhaltung spiegelt sich die Kampf-oder-Flucht-Stimmung des Adrenalins wider. Vielleicht läufst du aufgeregt hin und her, schlägst mit der Faust auf den Tisch, du wirfst mit Gegenständen oder knallst die Tür zu. Menschen, die ihre Wut nicht im Griff haben, können in solchen Situationen körperlich gewalttätig werden oder sogar jemanden umbringen.

Wut ist ein starkes Gefühl. Wenn sie überstrapaziert wird oder die einzige Emotion ist, die jemand empfindet, wird sie mit der Zeit weniger stark, zehrt aber gleichzeitig mehr an den Kräften der betroffenen Person. Die Menschen im näheren Umfeld einer chronisch wütenden Person rechnen damit, dass sie auf jede Situation mit Wut reagieren wird. Für sie ist das nichts Besonderes mehr, sondern einfach nur ihr übliches Verhalten. Doch die wütende Person bekommt dadurch das Gefühl, nicht gehört oder respektiert zu werden und mit ihren Wutausbrüchen nicht die erhoffte Reaktion zu bewirken, sodass die Situation immer weiter eskaliert, und das kann ihr sowohl in physischer als auch in emotionaler Hinsicht schaden.

TRAURIG

Und nun erinnere dich daran, wann du das letzte Mal traurig warst, und versuche, dir in Erinnerung zu rufen, wie sich das auf körperlicher und emotionaler Ebene angefühlt hat. Traurigkeit wirkt sowohl mental als auch physisch bedrückend und kommt gleichermaßen in deinem Körper und deinem Gehirn zum Ausdruck. Denn dein Körper ist ein Spiegelbild deiner Gehirnchemie. Menschen, die traurig sind, sinken förmlich in sich zusammen: Ihre Schultern sacken nach vorn, ihre Brust sinkt ein, sie lassen den Kopf hängen und halten die Arme eng an den Körper gepresst. Das Strahlen verschwindet aus ihrem Gesicht und sie lächeln nicht mehr. Ihre Augen wirken niedergeschlagen.

Dein Gehirn stellt in einem komplexen elektrochemischen Tanz 17 verschiedene chemische Substanzen her, die man als Nervenbotenstoffe oder Neurotransmitter bezeichnet und die den Neuronen (Nervenzellen) zur Übermittlung von Informationen dienen. Wäre das ein rein elektrischer Prozess, so könnten wir gar nicht denken, weil diese Informationen, die vom Körper zum Gehirn fließen, viel zu schnell wären, um sie erfassen zu können. Wäre es dagegen ein rein chemischer Vorgang, so ginge das alles viel zu langsam. Die Kombination aus Chemie und Elektrizität dagegen läuft genau im richtigen Tempo ab!

Deine Stimmung wird von mehreren dieser Neurotransmitter beeinflusst. Vielleicht hast du auch schon mal gehört, dass Serotonin unser »Glückshormon« ist: Wenn unser Serotoninspiegel nicht hoch genug ist oder das Serotonin auf dem Weg zwischen den Neuronen nicht lange genug im Nervensystem verweilt, sinkt unsere Stimmung. Zu viel Serotonin bedeutet aber nicht, dass man übermäßig glücklich ist. Ganz im Gegenteil: Es ist sogar gefährlich und führt zum sogenannten »Serotonin-Syndrom«, bei dem der Patient unter Unruhe, Herzrasen, Magenproblemen, Zittern oder Muskelsteifheit leidet. In schweren Fällen kann das Serotonin-Syndrom zu Krampfanfällen, hohem Fieber, unregelmäßigem Herzschlag und Bewusstlosigkeit führen. Dann braucht der Patient dringend ärztliche Hilfe. Das oben beschriebene Prinzip des goldenen Mittelwegs gilt für alle Neurotransmitter: Es gibt immer einen Spiegel dieser Nervenbotenstoffe, der genau richtig ist – weder zu hoch noch zu niedrig.

Ein weiterer Neurotransmitter, der unsere Stimmung beeinflusst, ist Noradrenalin. Nor ist das griechische Wort für »wie«. Noradrenalin wirkt im Gehirn genauso wie Adrenalin im Körper: Es hat eine stimulierende (anregende) Wirkung. Wenn zu wenig Noradrenalin vorhanden oder dieses zu schwach ist, haben wir zu wenig Energie. Zu viel Noradrenalin dagegen versetzt uns in fieberhafte Erregung und Aktivität.

Zu wenig Noradrenalin und zu wenig Serotonin verursachen Niedergeschlagenheit und Energielosigkeit. Das hört sich so ähnlich an wie Traurigkeit, außerdem trägt es zur Entstehung von Depressionen bei. Traurigkeit ist eine Emotion: Wenn sie zu lange anhält, kann sie zu einer Depression werden.

VERÄNGSTIGT

Die meisten Menschen hatten in ihrem Leben sicher schon einmal Angst, manchmal im Zusammenhang mit etwas Aufregendem, was Spaß machte (beispielsweise bei einer wilden Achterbahnfahrt oder einem spannenden Horrorfilm), manchmal aber auch in viel ernsteren Situationen, zum Beispiel bei einem Autounfall, im Krieg oder bei einem vermissten Kind oder Elternteil. Versuche, dich nun – genau wie bei den Emotionen »wütend« und »traurig« – bitte einmal an eine Situation zu erinnern, in der du verängstigt oder erschrocken warst, und wie sich das auf körperlicher und emotionaler Ebene angefühlt hat. Angst und Wut verursachen den gleichen Adrenalin-/Noradrenalinschub und verleihen einem die damit einhergehende Kampf-oder-Flucht-Energie. Aber es gibt auch ein paar sehr wichtige und entscheidende Unterschiede.

Angst ist eher auf Flucht als auf Kampf ausgerichtet. Obwohl unser Körper zu beiden Reaktionen in der Lage ist, neigen wir aufgrund unseres gesunden Menschenverstands und unserer Biologie eher dazu, vor einer beängstigenden Situation davonzulaufen. Unser Blut fließt dabei zwar immer noch in die Extremitäten und ins Gehirn, doch statt sich – wie bei der Wut – auf ein bestimmtes Objekt oder Ziel zu fokussieren, beginnt unser Gehirn sich nun nähere Informationen über die Situation zu beschaffen: Es reagiert extrem aufmerksam auf seine Umgebung (ein Zustand, den man als Hypervigilanz bezeichnet) und sammelt Informationen nicht nur für die Gegenwart, sondern auch, um sie zu speichern und als Warnsystem für zukünftige ähnliche Situationen zu nutzen.

Auf einer Achterbahn entsteht ein solcher Angstschrei aus einer Mischung aus Freude, Aufregung und Furcht. In einem Horrorfilm geht dein Atem schneller, du drängst dich enger an deine Freunde, lachst nervös über deine eigene Panik und spürst, wie dein Herz rast. Ein kleines bisschen Angst kann durchaus Spaß machen!

Wenn dein Auto bei Glatteis ins Schleudern gerät, jemand auf dich schießt, dein vierjähriges Kind plötzlich verschwindet oder irgendetwas anderes Schreckliches passiert, sind dein Körper und dein Gehirn mit einem Schlag hellwach, und du beginnst alles genau zu beobachten und Informationen zu sammeln. Dein Gehirn speichert die Querverweise unter den Kategorien sämtlicher Sinne und trifft blitzschnell Entscheidungen darüber, wie du der Gefahr entkommen, dich in Sicherheit bringen oder das Problem lösen kannst.

Vieles von dem, was uns Angst einjagt, hält nicht lange an: Du schaust nach, woher dieses komische Geräusch mitten in der Nacht kommt, und stellst fest, dass es nur ein Ast ist, der knackt; dann ärgerst du dich, weil du wegen so einer Kleinigkeit erschrocken bist, und schläfst weiter. Dein Vierjähriger kommt aus seinem Versteck hervorgekrochen und lacht darüber, dass er dich ins Bockshorn jagen konnte. Du bekommst dein Auto wieder unter Kontrolle und fährst an den Straßenrand, um dich zu beruhigen. Dein Herz klopft zwar noch ein paar Minuten lang, weil dein Körper das überschüssige Adrenalin verarbeiten muss, aber schon bald normalisieren sich Herzschlag und Atmung, und du kehrst wieder zu deinem Alltag zurück.

Doch wenn etwas, das dir Angst macht, immer wieder passiert oder wenn dieses Ereignis dich, einen geliebten Menschen (oder vielleicht auch nur einen Fremden) beinahe das Leben gekostet hätte, wird dein Gehirn dich in Form von Rückblenden und Albträumen immer wieder an dieses Geschehen erinnern – vor allem, wenn du dich am selben Ort aufhältst wie damals oder wenn andere Dinge (beispielsweise Geräusche oder Gerüche) dieses Erinnerungswarnsystem in dir auslösen. Als wir noch in Höhlen lebten, schützte dieses Alarmsystem diejenigen unserer Vorfahren, die wachsam darauf reagierten, sodass sie überleben und sich vermehren konnten. Wir sind also die Nachkommen von Menschen, die über besonders scharfe Sinne verfügten. Wenn unser Gehirn diese Warnsignale immer wieder aussendet, obwohl keine unmittelbare Gefahr besteht, ist das ein Symptom für eine Angststörung, die in diesem Fall eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist.

Manchmal sehen Menschen, die Angst haben, so aus, als wären sie wütend. Ein gutes Beispiel dafür ist der normalerweise recht unscheinbare Kugelfisch, der körperlich hervorragend an seine Lebensbedingungen angepasst ist: Er lebt im Riff und ernährt sich von kleineren Meerestieren. Sein Körper ist kastenförmig, und seine Flossen sind klein – sie dienen nicht so sehr der schnellen, effizienten Fortbewegung, sondern eher dazu, seine Position im Wasser zu stabilisieren. Wenn diese Fische sich bedroht fühlen, füllen sie sich mit Wasser, und ihre Stacheln, die im Ruhezustand flach anliegen, richten sich plötzlich auf. Damit vermitteln sie potenziellen Gegnern eine klare Botschaft: »Wenn du mich beißt, tue ich dir weh.« Das Gleiche gilt auch für Menschen, die Angst haben: Sie fühlen sich bedroht, also blähen sie sich auf und werden aggressiv. Sie machen zwar einen wütenden Eindruck, doch hinter all dem Getue steckt in Wirklichkeit nur Angst. Ihre Botschaft lautet: »Tu mir nicht weh.«

Eigentlich ist Angst überhaupt nichts Schlechtes: Sie sorgt dafür, dass wir genau auf unsere Umgebung achten und aufpassen, was wir tun. Doch damit ist es genau wie bei allen anderen Dingen auch: Zu viel davon tut unserem Verstand und unserem Körper nicht gut. Zu wenig davon ist allerdings auch ein Problem, denn das kann uns in unsichere Situationen bringen. Auch hier gilt wieder das Prinzip des goldenen Mittelwegs: weder zu viel noch zu wenig.

FRÖHLICH

Zu dieser Emotion braucht man am wenigsten zu erklären. Das Gefühl der Freude ist etwas ganz Besonderes, darin spiegeln sich ein ausgewogenes Leben und eine hundertprozentig ausgeglichene Gemütsverfassung wider. Körper und Verstand stehen in harmonischem Einklang miteinander, du lächelst nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Augen und dem Körper.

Doch Menschen, die unter Ängsten oder einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, haben ein Problem mit Fröhlichkeit. Freudige Aufregung kann sich nämlich so ähnlich anfühlen wie Angst: Sie kann sogar fast die gleichen Auswirkungen auf unseren Körper haben. Wenn du zu Schreckhaftigkeit neigst, solltest du dir darüber im Klaren sein, dass eine eigentlich schöne Sache sich durchaus beängstigend anfühlen kann. Also achte in solchen Situationen genau auf den Kontext!

UND WAS FOLGT DARAUS?

Die meisten Menschen nehmen die vier Basisemotionen wahr, egal, ob sie in der Lage sind, sie zu identifizieren oder nicht. Emotionen an sich sind weder gut noch schlecht. Es sind einfach nur Gefühle. Wie wir mit diesen Gefühlen umgehen und über sie sprechen, das verleiht ihnen Bedeutung.

Wenn du es mit Menschen zu tun hast, die keinen Kontakt zu ihren Gefühlen haben, sie aber trotzdem spüren und nur nicht wissen, wie sie das, was sie gerade erleben, benennen sollen, solltest du mit ihnen in möglichst einfachen Worten über Emotionen reden. Nur so kannst du sie dazu zu bringen, sich ebenfalls in einer Gefühlssprache zu artikulieren und mit ihren Emotionen in Kontakt zu treten. Beginne dabei mit den einfachsten Grundbausteinen – und manchmal ist es am besten, auch bei späteren Interaktionen weiterhin bei dieser einfachen Sprache zu bleiben.

LEBENSEINSTELLUNGEN

Weißt du noch, was ich weiter oben in diesem Kapitel erklärt habe – dass Emotionen sich sofort einstellen, eine Reaktion darstellen, zielgerichtet und zeitlich begrenzt sind? Das sind die Eigenschaften der vier Basisemotionen und auch aller zusammengesetzten Emotionen.

Doch wenn jemand in einer Emotion festgefahren ist, in die er in jeder Situation automatisch zuallererst verfällt, ist diese Emotion zu einer Lebenseinstellung geworden. Solche Einstellungen sind allgegenwärtig, dauerhaft, reflexartig und verallgemeinernd. Sie sind die erste und manchmal auch die einzige Emotion, die dieser Mensch in vielen Situationen empfindet oder in die er immer wieder verfällt. Jeder der vier Basisemotionen ist eine entsprechende Einstellung zugeordnet.

Allgegenwärtig bedeutet, dass diese Einstellung die ganze Weltsicht des betreffenden Menschen beherrscht. Reflexartig bedeutet, dass es sich dabei um seine Standardreaktion auf alle Situationen handelt. Verallgemeinernd bedeutet, dass er alle irgendwie ähnlichen Situationen in einen Topf wirft und immer auf dieselbe Art darauf reagiert. Einstellungen sind dauerhaft – oft halten sie ein Leben lang an – und bilden den Kern der Reaktionsmuster eines Menschen auf den größten Teil der Welt.

Ein ängstlicher Mensch betrachtet zum Beispiel die meisten seiner Mitmenschen als Bedrohung, auch wenn diese Menschen ihn vielleicht noch nie bedroht haben. Das heißt, Ängstlichkeit ist seine allgegenwärtige, verallgemeinernde Reaktion.

Jerry zum Beispiel hatte Angst vor Gruppen von Menschen, weil er einmal in Chicago von einer Gruppe Jugendlicher herumgeschubst, bedroht und ausgeraubt worden war. Das hatte sich bei ihm zu einer Angststörung ausgewachsen, und er fürchtete sich nun vor allen Gruppen von Menschen, sogar vor Senioren – eine Ausweitung, die man als Generalisierung bezeichnet. Er konnte Menschenmengen nicht mehr ertragen, weil er dann furchtbare Angstattacken bekam. Die Angst wurde zu seiner alles beherrschenden Einstellung. Mithilfe einer Konfrontationstherapie konnten wir ihm helfen, seine Ängste zu überwinden und sein Angstniveau zu senken. Im Rahmen dieser Therapie haben wir viele Einkaufszentren besucht und sind dort mit ihm durch Menschenmengen gelaufen.

Einstellung zornig ➡ Emotion wütendEinstellung glücklich ➡ Emotion fröhlichEinstellung ängstlich ➡ Emotion verängstigtEinstellung bedauernd ➡ Emotion traurig

Zornig

Ein zorniger Mensch reagiert auf alle emotionalen Situationen zuallererst einmal mit Wut. Als Nächstes kann er durchaus in eine andere Basisemotion verfallen, doch seine erste Reaktion ist immer Wut. Ein typischer Satz von zornigen Menschen lautet: »Ja, aber …«

Angenommen, ein zorniger Mensch gewinnt im Lotto. »Warum sollte diese Person dann zornig sein?«, wirst du dich jetzt vielleicht fragen, aber bei näherem Hinschauen könnte dir klar werden, dass seine erste emotionale Reaktion sich vielleicht folgendermaßen anhört: »Ja, ich habe im Lotto gewonnen, aber jetzt muss ich mich mit all den geldgierigen Freunden und Verwandten herumärgern, von denen ich schon seit Jahren nichts mehr gehört habe.« Oder: »Das meiste davon kassiert wahrscheinlich sowieso das Finanzamt.« Nach dieser ersten Wutreaktion überkommt diesen Menschen vielleicht tatsächlich ein Gefühl der Freude, aber Wut ist fast immer seine erste Reaktion.

Glücklich

Und dann gibt es die glücklichen Menschen. Für sie scheint immer die Sonne und blühen die Blumen, sie suchen und finden an jedem Tag das Beste. Das einzige Problem für Menschen mit dieser Lebenseinstellung besteht darin, dass es ihnen manchmal schwerfällt, Probleme rechtzeitig zu erkennen. Im Gegensatz zu ängstlichen Leuten, die immer mit dem Schlimmsten rechnen, dem bedauernden Persönlichkeitstyp, der sich ständig den Kopf über Dinge zerbricht, an denen nichts mehr zu ändern ist, oder dem »Wüterich«, der am liebsten ein ganzes Haus mit einem Flammenwerfer niederbrennen würde, nur um einer Spinne den Garaus zu machen, lebt der glückliche Mensch in einer ewig wunderschönen Gegenwart und denkt niemals daran, dass sich auch einmal dunkle Wolken vor die Sonne schieben könnten und etwas Schlimmes passieren könnte. Seine Devise lautet: »Mach dir keine Sorgen.«

Das einzige Problem für glückliche Menschen besteht darin, dass sie Konsequenzen, die sich aus bestimmten Situationen ergeben könnten, manchmal nicht voraussehen. Aufgrund ihrer Laissez-faire-Haltung erleben sie immer wieder unerwünschte Dinge, mit denen sie nicht gerechnet haben, weil sie nie auf die Idee gekommen wären, mögliche negative Situationen in Gedanken durchzuspielen und sich passende Reaktionen darauf zu überlegen.

Ängstlich

Ängstliche Menschen geraten sehr leicht in Panik. Ihre Devise lautet: »Und was ist aber, wenn …?« – und dann ergehen sie sich normalerweise in pessimistischen Spekulationen über eine Zukunft voller erschreckender Möglichkeiten. Die folgende Geschichte ist in der Zeitschrift Minneapolis Star Tribune erschienen, und ich weiß noch genau, dass ich damals darüber lachen musste. Ich will diese sehr einprägsame Geschichte hier in kurzen Worten wiedergeben, weil sie ein sehr treffendes Beispiel für die Denkweise ängstlicher Menschen ist.

Vor einigen Jahren kaufte ein Mann, der in Fargo (North Dakota) wohnte, sich ein Los der Powerball-Lotterie in Minnesota, weil North Dakota nicht daran teilnahm. Er klebte das Los mit einem Magneten an seine Kühlschranktür – und wie durch ein Wunder waren alle Zahlen richtig, er gewann. Als ich den Artikel las, war mir sofort klar, dass dieser Mann offenbar ein sehr ängstliches Naturell hatte, denn statt das Los an einem sicheren Ort aufzubewahren, bis er die Fahrt zur Lotteriezentrale nach St. Paul in Minnesota antreten konnte, um seinen Gewinn abzuholen, rief er eine Firma für gepanzerte Lastwagen an. Sie mussten den Laster mit zwei bewaffneten Wachmännern in seiner Einfahrt parken, um das Lotterielos bis zum nächsten Montag zu bewachen. Dann stiegen er und seine Frau zusammen mit den Wachmännern in den Lastwagen und begaben sich auf die über dreistündige Fahrt nach St. Paul. Offensichtlich hatte dieser Mann als Reaktion auf seinen Gewinn große Angst bekommen.

Wenn man sich in erster Linie von Ängsten leiten lässt, trifft man vielleicht nicht immer die besten Entscheidungen. Ursprünglich wusste nämlich niemand, dass dieser Mann in der Lotterie gewonnen hatte, doch als der Laster vor seinem Haus vorfuhr, wurden die Leute sehr neugierig. Schon bald hatte sich die Geschichte überall herumgesprochen, was die Wachmänner und das Los einem viel höheren Risiko aussetzte – ganz zu schweigen von den Unannehmlichkeiten einer siebenstündigen Hin- und Rückfahrt in einem gepanzerten Lastwagen.

Bedauernd

Die erste Reaktion eines solchen Menschen ist Traurigkeit. Traurige Menschen leben in der Vergangenheit, und es macht sie unglücklich, nichts daran ändern zu können. Normalerweise lautet ihre Devise: »Ach, wenn doch nur …« Um noch einmal auf das Beispiel des Lottogewinns zurückzukommen: Ein trauriger Mensch würde vielleicht einen tiefen Seufzer ausstoßen und sagen: »Ach, wenn das doch nur schon vor 20 Jahren passiert wäre, als ich das Geld wirklich brauchte!«, oder: »Jetzt wird mein Name überall in der Zeitung stehen, ich werde unheimlich viele Anrufe bekommen, und ich telefoniere doch so ungern.« Auch in diesem Fall kann es sein, dass die betreffende Person irgendwann in eine andere Emotion verfällt, doch ihre erste Reaktion ist fast immer Bedauern.

Selbsttest: Welche Lebenseinstellung hast du?

Lies dir nun die unten beschriebenen Szenarien durch und kreuze die Antwort an, die am ehesten deiner Reaktion entsprechen würde. Sei dabei ganz ehrlich, schließlich muss außer dir niemand die Ergebnisse zu sehen bekommen!

Wenn ich im Stau stecke, verhalte ich mich am ehesten folgendermaßen:Ich trommle nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad herum und mache mir Sorgen darüber, dass ich vielleicht zu spät komme.Ich grüble darüber nach, was für ein Pech ich mal wieder habe.Ich fahre ganz dicht an das Auto vor mir heran und hupe.Ich höre Radio.Wenn eine Kassiererin mir zu wenig Wechselgeld herausgibt,... habe ich Angst, dass der Geschäftsführer mir nicht glauben wird, wenn ich mich darüber beschwere.... denke ich: »Das ist wieder mal typisch, ich habe eben immer Pech!«... schlage ich mit der Faust auf den Tresen und verlange sofort den Geschäftsführer zu sprechen.... erkläre ich der Kassiererin, dass sie sich getäuscht hat.Wenn die Fernbedienung nicht mehr funktioniert,... rege ich mich furchtbar darüber auf und gehe davon aus, dass ich sie kaputt gemacht habe.... denke ich, dass in meinem Leben auch wirklich immer alles schiefläuft.... werfe ich mit der Fernbedienung nach dem Fernseher.... überprüfe ich die Batterien und tausche sie aus und/oder lese die Gebrauchsanleitung.Wenn bei einer Veranstaltung jemand auf meinem Platz sitzt,... habe ich Angst davor, die betreffende Person darauf hinzuweisen, weil sie gewalttätig sein könnte.... gehe ich davon aus, dass meine Karten ungültig sind.... bitte ich einen Polizisten, diesen elenden Penner rauszuwerfen.... bitte ich diese Person, ihre Sitzplatznummer zu überprüfen.Wenn mein Sohn eine Vier in Mathe nach Hause bringt,... liege ich nachts wach und mache mir Sorgen darüber, dass er keinen Studienplatz bekommen wird und sich womöglich sein Leben lang mit schlecht bezahlten, chancenlosen Jobs begnügen muss.... erinnere mich daran, wie schlecht meine Noten früher immer waren, als ich noch zur Schule ging.... gebe ich ihm bis zum Schulabschluss Hausarrest.... biete ich ihm an, ihm zu helfen oder ihm einen Nachhilfelehrer zu besorgen; und wenn er beides ablehnt, versuche ich, ihm mit einfühlsamen, ermutigenden Worten auf die Sprünge zu helfen; schließlich muss er lernen, seine Probleme selbst zu bewältigen, und wir Eltern sind dann schon für ihn da, wenn er uns braucht.Wenn mein Nachbar seine Stereoanlage zu laut aufdreht und ich deshalb nicht schlafen kann,... liege ich wach und überlege, wie ich ihn darum bitten könnte, die Musik leiser zu drehen, ohne ihn zu verärgern.... liege ich wach und denke darüber nach, was für ein Pech ich doch habe, neben diesem Idioten zu wohnen.... hämmere ich an seine Tür und drohe ihm mit Gewalt.... rufe ich den Nachbarn an und bitte ihn höflich, seine Musik leiser zu stellen.Ich glaube, Lotto ...... ist eine Möglichkeit, all meine finanziellen Probleme für immer zu lösen.... ist Betrug.... gewinnt sowieso immer nur ein Idiot, der noch nie zuvor ein Los gekauft hat.... macht Spaß; es ist schön, davon zu träumen, was ich mit so viel Geld alles anfangen könnte.Wenn mein Nachbar sich meinen Rasenmäher ausleiht,... mache ich mir Sorgen, dass seine Kinder sich daran verletzen könnten und ich am Ende verklagt werde und mein ganzes Geld verliere.... gehe ich davon aus, dass er ihn entweder gar nicht oder kaputt zurückgeben wird.... versuche ich, seine Telefonnummer herauszufinden, um ihn notfalls anzurufen und sicherzugehen, dass ich den Rasenmäher pünktlich zurückbekomme.... leihe ich ihm den Rasenmäher gerne aus, um ihm zu helfen; außerdem hat das gleichzeitig auch noch den Vorteil, dass ich ein bisschen mit ihm ins Gespräch komme.Ich habe so komische Schmerzen im Rücken, also ...... zerbreche ich mir den Kopf darüber, wie ich rechtzeitig einen Arzttermin bekomme, und mache mir dann Sorgen, dass es Krebs sein könnte und ich womöglich daran sterben werde.... gehe ich davon aus, dass es Krebs ist und ich ohnehin daran sterben werde.... bin ich total genervt, weil ich dann nicht zur Arbeit gehen kann.... vereinbare ich einen für mich passenden Termin und lasse meinen Rücken untersuchen.Mein Mann/meine Frau ist immer noch nicht von der Arbeit nach Hause gekommen, obwohl er/sie eigentlich schon längst da sein müsste. Ich ...... gehe davon aus, dass er/sie einen Unfall hatte und irgendwo im Graben liegt. Also überlege ich mir, um wie viel Uhr ich die Notaufnahmen der umliegenden Krankenhäuser anrufen soll, und schaue immer wieder auf die Uhr.... nehme an, dass er oder sie auf ein Abenteuer aus ist oder mich vielleicht sogar bereits betrügt.... werde richtig wütend und bombardiere ihn oder sie mit Anrufen und Textnachrichten.... freue mich, wenn er oder sie dann endlich doch nach Hause kommt und mir von seinem/ihrem Tag erzählt.Ich bekomme einen Strafzettel für zu schnelles Fahren. Als Reaktion darauf ...... frage ich mich, wie lange es wohl dauern wird, bis meine Versicherungsprämie steigt und ich einen zweiten Job annehmen muss, um meine Autoversicherung zu bezahlen.... gehe ich davon aus, dass der Polizist mir extra an dieser Stelle aufgelauert hat.... raste ich völlig aus und zerreiße den Strafzettel, sobald der Polizist außer Sichtweite ist.... bezahle ich meine Strafe und nehme mir vor, in Zukunft ein bisschen langsamer zu fahren.

Zähle nun zusammen, unter welchem Buchstaben (A, B, C oder D) du die meisten Punkte erzielt hast. Wenn du die meisten Punkte in Gruppe A hast, bist du ein überwiegend ängstlicher Mensch. Die meisten Punkte in Gruppe B deuten auf eine traurige, die meisten Punkte in Gruppe C auf eine wütende Grundhaltung hin. Wenn die meisten deiner Antworten in Gruppe D liegen, bist du ein glücklicher Mensch.

Es kommt nur selten vor, dass alle Punkte in einer der vier Gruppen liegen. Wenn du jedoch eine auffallend hohe Punktzahl bei A, B oder C erzielt hast, solltest du an diesem Bereich deines Lebens arbeiten. Wenn deine Punktzahl in drei oder vier Gruppen in etwa gleich hoch ist, bist du ein Mensch mit vielen Facetten, bei dem keine Einstellung oder Denkweise besonders hervorsticht. Das deutet auf Ausgewogenheit, eine gute Selbstwahrnehmung, Anpassungsfähigkeit und die Gabe hin, bewusst statt reflexartig auf eine Situation zu reagieren. Das sind alles sehr positive Eigenschaften!

Denke daran: Deine Denkweise oder Lebenseinstellung ist die Art und Weise, wie du die Welt betrachtest. Sie ist deine emotionale Ausgangsbasis, und zwar wahrscheinlich schon seit Langem. Es ist nicht leicht, etwas an dieser Einstellung zu ändern; aber wenn du das möchtest, könntest du versuchen, dich und dein Verhalten genauer zu beobachten. Achte darauf, wie du auf Situationen reagierst, mit denen du in deinem täglichen Leben öfters konfrontiert wirst. Frage dich: Reagiere ich bewusst oder reflexartig? Wie fühle ich mich dabei? Ist meine Reaktion angemessen und steht sie im richtigen Verhältnis zur Situation? Anfangs wirst du es dir vielleicht nicht zutrauen, dich so objektiv selbst zu beobachten und dein Verhalten zu hinterfragen; aber je öfter du das tust, umso schneller wird es dir gelingen. Du kannst den Selbsttest später jederzeit wiederholen, um festzustellen, inwieweit du dich verändert und was für Fortschritte du gemacht hast, und dich darüber zu freuen.

Sobald du deine eigene Lebenseinstellung kennst – wir alle haben eine mehr oder weniger ausgeprägte Lebenseinstellung –, kannst du mehrere Dinge tun. Erstens könntest du daran arbeiten, ein breiteres Spektrum der vier Basisemotionen – wütend, fröhlich, traurig, verängstigt – zu erleben und zum Ausdruck zu bringen und stets so zu reagieren, wie es der jeweiligen Situation angemessen ist, statt in eine reflexartige Standardreaktion zu verfallen.

Außerdem kannst du dann auch die Lebenseinstellung oder Denkweise anderer Menschen erkennen und dank diesem Wissen in emotionsgeladenen Situationen besser auf sie eingehen. Auf diese Weise behältst du die Situationen im Griff und kannst leichter Lösungen finden, statt einfach nur jemanden zu suchen, dem du die Schuld oder Verantwortung zuschieben kannst. Dadurch verbessern sich deine Beziehungen zu anderen Menschen.

Und du musst auch Grenzen setzen.

Menschen mit gesunden Grenzen …

... sind durchsetzungsfähig, ohne aggressiv zu sein.... sind Problemlöser (auf dieses Thema kommen wir im nächsten Kapitel noch zu sprechen).... kommunizieren auf klare, leicht verständliche Weise.... bleiben mit ihren Gefühlen in Kontakt.... behalten private Informationen für sich.... machen keine unangemessenen Geschenke und nehmen auch keine an; lassen sich nicht auf unangemessene sexuelle Beziehungen oder sonstige unangemessene Kontakte ein.