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Behutsame Konfrontation statt Emotionsvermeidung Emotions- und Erlebnisvermeidung sind zentrale Bestandteile jeglichen psychischen Leidens. Da sie nicht nur bei der Entstehung, sondern auch bei der Aufrechterhaltung psychischer Störungen eine zentrale Rolle spielen, gehört ihre Überwindung zu den wichtigsten und gleichzeitig schwierigsten Aufgaben von Psychotherapeuten. In diesem Buch werden anhand des Konzepts des „emotionalen Resonanzraums“ Wege aufgezeigt, um Vermeidung unabhängig von ihren jeweiligen spezifischen Inhalten zu überwinden. Die schulen- und methodenübergreifende Arbeit im „emotionalen Resonanzraum“ ist ein Konzept, das von Lukas Nissen und Michael Sturm aus der Schematherapie heraus entwickelt wurde. Es orientiert sich größtenteils an einfach wahrnehmbaren körperlichen Prozessen und integriert neben Elementen der Schematherapie Erkenntnisse aus der Neurobiologie, der Evolutionspsychologie sowie Vorgehensweisen aus der Achtsamkeitsbewegung. Ziel ist, sowohl bei Klienten als auch bei Therapeuten eine liebevolle, (selbst-)bejahende und offene Haltung zu fördern, im Rahmen derer belastende Therapiesituationen aufgelöst werden können. In dem Buch werden neben hilfreichen psychoedukativen Informationen sehr konkrete praktische Anleitungen für Therapeuten dargestellt.
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2018
Lukas Nissen & Michael SturmEmotionsvermeidung überwindenEine integrative Methode zur Regulierung des inneren Alarmsystems
Behutsame Konfrontation statt Emotionsvermeidung
Emotions- und Erlebnisvermeidung sind zentrale Bestandteile jeglichen psychischen Leidens. Da sie nicht nur bei der Entstehung, sondern auch bei der Aufrechterhaltung psychischer Störungen eine zentrale Rolle spielen, gehört ihre Überwindung zu den wichtigsten und gleichzeitig schwierigsten Aufgaben von Psychotherapeuten. In diesem Buch werden Wege aufgezeigt, um Vermeidung – unabhängig von spezifischen Inhalten – zu überwinden. Grundlage bildet das Konzept des „Emotionalen Resonanzraums“, ein schulen- und methodenübergreifender Ansatz, der aus der Schematherapie heraus entwickelt wurde. Er orientiert sich größtenteils an einfach wahrnehmbaren körperlichen Prozessen und integriert Erkenntnisse aus der Neurobiologie, der Evolutionspsychologie und aus der Achtsamkeitsbewegung. Ziel ist, sowohl bei Klienten als auch bei Therapeuten eine liebevolle, (selbst-)bejahende und offene Haltung zu fördern, im Rahmen derer belastende Therapiesituationen aufgelöst werden können. Psychoedukative Informationen sowie konkrete praktische Anleitungen für Therapeuten erleichtern die Umsetzung.
Lukas Nissen, Fachpsychologe für Psychotherapie (FSP), Schematherapeut (ISST) und Master of Advanced Studies in Psychotherapie (MAS), arbeitet am Zentrum für psychologische Beratung in Basel.
Michael Sturm ist Fachpsychologe für Psychotherapie (FSP) und Schematherapeut (ISST). Am Zentrum für psychologische Beratung in Basel bietet er Psychotherapie im Einzel- und Paarsetting an.
Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2018
Coverfoto: © Mariia Loginovskaya – www.stock.adobe.com
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2018
ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-816-9
ISBN dieses E-Books: 978-3-95571-817-6 (EPUB), 978-3-95571-819-0 (PDF), 978-3-95571-818-3 (MOBI).
Ich freue mich sehr über dieses Buch, begleite ich den Weg der beiden Autoren doch seit über zwölf Jahren. Ich halte den in diesem Buch vorgestellten Ansatz für wichtig. Er schlägt eine Brücke zwischen zwei erlebnisorientierten Ansätzen innerhalb der dritten Welle: der Schematherapie mit ihrer Betonung des therapeutischen Eingreifens im sogenannten Reparenting einerseits und der selbstmitfühlenden Haltung der Achtsamkeitsbewegung andererseits. Ihr Ansatz zielt darauf ab, in buddhistisch geprägter Tradition aus Gedankenkreisen und Handlungsdruck auszusteigen und in eine wohlwollende Beobachterhaltung zu wechseln.
Ursprünglich aus der schematherapeutischen Praxis entstanden, hat sich das Vorgehen zu einem therapieschulenübergreifenden, eigenständigen Ansatz gemausert. Es stellt ein Gegengewicht zu einer veränderungsorientierten Haltung in der Schematherapie im Besonderen und der Verhaltenstherapie im Allgemeinen dar und begleitet und bestärkt die Patienten auf einem akzeptanzorientierten Weg. Sobald die Alarmreaktion abgeklungen ist, können die im Aktivierungszustand blockierten Ressourcen zur Problembewältigung wieder wahrgenommen und flexibler genutzt werden. Somit ergibt sich indirekt auch eine Verbesserung der Handlungsfähigkeit im Alltag. Damit ist eine ergänzende, wichtige Aktivität des Erwachsenenmodus beschrieben, nämlich wohlwollend präsent zu sein, ohne etwas verändern zu wollen. Ich selbst erlebe diesen Zugang als deutliche Bereicherung meines (schema-)therapeutischen Repertoires, besonders in der zweiten Therapiehälfte, „when the going gets tough“. Daher habe ich diesen Ansatz auch in die aktuellen Neuauflagen meiner Lehrbücher aufgenommen.
Aus meiner Sicht stellt die Arbeit im sogenannten Emotionalen Resonanzraum (ERR), wie er in diesem Buch beschrieben wird, ein sehr wirksames Therapiemodul dar, um blockierte Therapieprozesse im Sinne Piagets „autoplastisch“ aufzulösen. Ich bin geneigt, von einer „kreativen Implosion“ bei den Patienten zu sprechen. Das bestätigt die Einschätzung der Autoren, dass ausufernde Alarmreaktionen und nachfolgend enthemmte autonome Denkprozesse vielen psychopathologischen Phänomenen zugrunde liegen. Mich fasziniert die detaillierte Beschreibung sowohl der Grundlagen als auch der einzelnen Therapieschritte. Hier wird die große Erfahrung der beiden Autoren deutlich. Diese Präzision zeugt von einer tiefen Liebe zu ihrer Arbeit und den Patienten.
Das Buch führt uns ganz kleinschrittig und systematisch, illustriert durch Fallbeispiele, fast „mikro-chirurgisch“ von der anfänglichen Psychoedukation zum Herzstück einer achtsamen und akzeptanzorientierten Therapiehaltung. Die Wachhund-Metapher bzw. das Alarmsystem als „Naturschauspiel“ zu betrachten stellen einen gelungenen Griff dar, die Patienten an eine entsprechende Sichtweise auf sich selbst heranzuführen. Denn auch im being mode (bzw. Erlebensmodus) zu sein ist eine Aktivität! Diese innere Bewegung vom Tun zum Sein ist in der zweiten Lebenshälfte ebenso fundamental frieden- und glückstiftend wie die einst von Fromm propagierte Wendung vom Haben zum Sein. Weisheit entsteht nicht im doing mode (bzw. Strebensmodus)!
Daher möchte ich das Buch zunächst allen schematherapeutischen Kollegen wärmstens empfehlen, ja ans Herz legen. Neben der beschriebenen Erweiterung des therapeutischen Repertoires wird in diesem Ansatz eine geduldig mitfühlende Grundhaltung beschrieben, die m. E. unbedingt zu einem umfassenden Verständnis von Nachbeelterung gehört. Es geht nicht immer darum, zu versorgen, zu begrenzen oder zu entmachten. Nicht selten geht es auch darum, mit einem ruhigen Blick begleitend „da zu sein“ und dadurch den emotional sicheren Raum zu schaffen, in dem die Selbstberuhigungsfähigkeit der zu Therapierenden wachsen kann. In der griechischen Mythologie hat der „Macher“ Prometheus nicht ohne Grund den Zwillingsbruder Epimetheus zur Seite, der Hirte ist und eigentlich „nichts tut“. Es ist eine durchaus interessante Erfahrung, dass man die destruktive Wirkung innerer Kritiker auch dadurch nachhaltig abmildern kann, dass man sie wahrnimmt, einordnet und ihnen dann anhaltend, ohne zu handeln, ins Auge schaut. Aber auch alle anderen Therapierenden, die die aktiv-mitfühlende, akzeptanzorientierte Seite in der Begleitung ihrer Patientinnen stärken möchten, finden in diesem Buch einen hilfreichen Begleiter. Und nicht zuletzt profitieren wir selbst, müssen wir doch das „Gepredigte“ zunächst auf uns selbst anwenden, um kompetente Prozessbegleiter zu werden. Damit ist allen gedient.
Eckhard Roediger, Frankfurt am Main im Januar 2018
Die in diesem Buch vorgestellte achtsamkeitszentrierte Imaginationstechnik haben wir entwickelt, um Therapeuten ein möglichst zielgenaues und ökonomisches Instrument zur Überwindung von Emotionsvermeidung und zur Förderung einer liebevollen und (selbst-)bejahenden Haltung bei Patienten – und bei sich selbst – in die Hand zu geben. Zu dieser Technik, die wir „Arbeit im Emotionalen Resonanzraum (ERR)“ nennen (Nissen & Sturm, 2014), gehören nicht nur Vorschläge für das konkrete therapeutische Vorgehen, sondern auch eine Modellvorstellung für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Emotionsvermeidung. Die in diesem Modell integrierten Informationen sind so zusammengefasst und aufeinander bezogen, dass sie ohne großen Aufwand in psychoedukative Interventionen einfließen können. Sowohl die Modellvorstellungen als auch die Interventionen im Rahmen der Arbeit im ERR orientieren sich an neurobiologischen Erkenntnissen und größtenteils an einfach wahrnehmbaren körperlichen Prozessen. In diesem Sinne ist die hier vorgestellte Technik weitgehend frei von einer bestimmten Ideologie und kann deshalb in die therapeutische Arbeit im Rahmen verschiedenster Therapiemodelle oder -schulen wie Verhaltenstherapie, psychodynamischer Ausrichtungen, klientzentrierter Psychotherapie oder systemischer Therapie integriert werden.
Um die Entstehung unserer Vorschläge nachvollziehbar zu machen, möchten wir in dieser Einleitung kurz den Weg nachskizzieren, den wir gegangen sind, und die Fragen und Motive aufzeigen, die uns bei der Entwicklung der Arbeit im ERR geleitet haben.
Ausgangspunkt der Entwicklungsarbeit war unsere Auseinandersetzung mit psychischem Leiden im Rahmen unserer mehrjährigen Tätigkeit als Schematherapeuten. Anknüpfungspunkte und stetige „Leitsterne“ für die Entwicklung unserer Ideen waren (und sind) die offensichtlichen und gut belegten Stärken der Schematherapie:
die konsequente und klare Konzentration auf das Erleben des Patienten und Therapeuten, d. h. auf körperliche Prozesse und Emotionen, im Gegensatz zu einer
Über
gewichtung kognitiver Interventionen im Rahmen kognitiv-verhaltenstherapeutischer Interventionen
vor
der sogenannten „dritten Welle“,
die Berücksichtigung der Wichtigkeit eines wohlwollenden Umgangs mit sich selbst und anderen Menschen für das psychische Wohlbefinden, das sich nur im Rahmen von Beziehungen einstellen kann, wo mindestens eine der beteiligten Personen über diese Fähigkeit bereits verfügt und
die konsequente Berücksichtigung der Tatsache, dass die Nicht-Erfüllung von basalen Bedürfnissen in der eigenen Lebensgeschichte bedeutsame Gedächtnisspuren legt. Deren Reaktivierung ist zwar stets mit aversiven Emotionen und dem Auftreten dysfunktionaler Bewältigungsmechanismen gekoppelt, aber gleichzeitig zur gezielten therapeutischen Integration der belastenden Erfahrungen in ein funktionierendes Selbst unumgänglich.
In der Schematherapie werden leidvolle psychische Zustände als aktivierte maladaptive Schemata verstanden und durch die damit einhergehende Modusdynamik erklärt. Gemeint sind ganz allgemein Zustände, in welchen Gedächtnisinhalte vergangener belastender Situationen und alte Bewältigungsreaktionen gleichzeitig wachgerufen werden. Das Leiden solcher Zustände besteht darin, dass sie einhergehen mit sehr negativen Gefühlen und dass die auf die damaligen Notsituationen zugeschnittenen Bewältigungsreaktionen die Situation für den Betroffenen in seinem Erwachsenenleben deutlich verschlechtern. In der Schematherapie erscheinen diese Zustände durch die Art der Beschreibung (18 Schemata, vier Grundkategorien von Modi) inhaltlich sehr diversifiziert. Wir begannen uns mit der Frage zu beschäftigen, ob diese Zustände möglicherweise einen gemeinsamen Kern, z. B. eine allen Schemata und Modi gemeinsame Dynamik, aufweisen, der in der Therapie dann auch ganz gezielt „angesteuert“ werden könnte.
Im gleichen Zug stellte sich uns die Frage, ob die funktionalen Zustände, in der Schematherapie durch den Modus des „Gesunden Erwachsenen“ charakterisiert, ebenfalls einen solchen Kern aufweisen, z. B. eine „Kernkompetenz“, deren Ausübung allen funktionalen Zuständen eigen ist. Falls dem so wäre, könnten diese Kernkompetenzen dann ebenfalls sehr gezielt aufgebaut werden. Wir machten uns also jenseits inhaltlicher Vorgaben durch die in der Schematherapie benannten Schemata und Modi neugierig auf die Suche nach gemeinsamen „Kernmechanismen“ leidvoller Zustände einerseits und allfälligen „Kernkompetenzen“, deren Ausübung einen Zustand gefühlter psychischer Kraft, Leichtigkeit und Flexibilität ermöglichen könnten, andererseits. Uns interessierten das Verständnis des Prozesses der Aktivierung leidvoller Zustände selbst, unabhängig von ihrem Inhalt, und das Wesen der Prozesse, welche die Schematherapie im Konzept des Gesunden Erwachsenen zusammenfasst.
Auf unserer Suche erschienen, zunächst schwer fassbar, so etwas wie „Kristallisationspunkte“: Beim Versuch, greifbare Anhaltspunkte für die Auslösung maladaptiver Schemata und das Einsetzen dysfunktionalen Bewältigungsverhaltens zu identifizieren, entstand beispielsweise regelmäßig der Eindruck, dass die betroffene Person, sei es nun Patient oder Therapeut, im Moment der Auslösung eines Schemas oder dem Auftauchen von Bewältigungsverhalten von einer mehr oder weniger ausgeprägten „Welle“ der Erregung, Anspannung und aversiver Gefühle erfasst werde; eine Welle, die für den aufmerksamen Beobachter auch sinnlich wahrnehmbar ist. Aufgrund der weiteren Beobachtung und Auseinandersetzung mit dieser „Welle der Erregung“ kamen wir allmählich zu der Annahme, dass es sich dabei möglicherweise um den Ausdruck einer Dynamik handelt, die allen von Menschen als aversiv erlebten Zuständen eigen sein könnte. Wie in den folgenden Kapiteln ausführlich dargelegt, kamen wir weiter zu der Annahme, dass der Mechanismus der überlebensorientierten Alarmreaktion diese Welle der Erregung mit ihrer aversiven Emotionalität in Gang setzt.
In Bezug auf diesen möglicherweise für leidvolle Zustände verantwortlichen Mechanismus stellte sich weiter die Frage, aus welchem Grund und zu welchem Zeitpunkt er wohl entstanden sein mag. – Müssen wir beispielsweise davon ausgehen, dass er Ausdruck einer Krankheit ist, eines abnormen psychischen Systems? Oder wird er im Rahmen einer dysfunktionalen Eltern-Kind-Beziehung durch schädliches Elternverhalten in das Kind „implantiert“? Oder handelt es sich um einen Mechanismus, der ganz einfach zur Natur gehört und dem bereits die Eltern (und die Generationen vor ihnen) unausweichlich unterworfen waren? Und falls dem so ist, welchen guten Zweck könnte dieser leidbringende Mechanismus erfüllen? – Diese Fragen tauchten vor allem im Zusammenhang mit der schematherapeutischen Intervention der Bekämpfung innerer Elternstimmen und der Frage nach der sinnvollen Übernahme von Verantwortung für das eigene psychische Befinden auf. Wie in den folgenden Kapiteln ausführlich dargestellt, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass es sich bei der als Kernmechanismus dysfunktionaler Zustände infrage kommenden Alarmreaktion um einen evolutionär sehr alten Mechanismus handelt, der allen lebenden Wesen eigen ist und der dem unmittelbaren Überleben dient. Der Mechanismus zeigt der betroffenen Person das Vorliegen einer Bedrohung an, indem er im Körper eine aversiv empfundene Emotionalität wachruft und sehr schnell vorbestehende Programme zur Flucht oder Eliminierung der Bedrohung auslöst. Mit der Fähigkeit des menschlichen Verstandes zur symbolischen Repräsentation können dann auch an sich ungefährliche Signale bedrohlichen Charakter bekommen und Alarmreaktionen auslösen.
Dieselben Fragen, die sich im Rahmen dysfunktionaler psychischer Zustände stellten, begannen uns natürlicherweise auch bezüglich funktionaler psychischer Zustände (diese entsprechen in der Schematherapie dem „Gesunden-Erwachsenen-Modus“) zu beschäftigen. Was geschieht im Kern, wenn ein Mensch sich in einem als hilfreich empfundenen psychischen Zustand befindet, d. h. einem Zustand, wie er in der Therapie wesentlich angestrebt wird, in welchem die betroffene Person ihr Verhalten auf flexible Art steuern kann, verbunden ist mit sich und anderen und die Realität klar von Vorstellungen und Ideen unterscheiden kann? – Im Rahmen der Beschäftigung mit dieser Frage bekamen wir, neben dem in der Schematherapie bereits vorhandenen Wissen, wichtige Anregungen aus achtsamkeitsbasierten und -zentrierten Methoden wie der Acceptance and Commitment Therapy (ACT) (Hayes, Strosahl & Wilson, 2014), der Compassion Focused Therapy (CFT) (Gilbert, 2013), der Mindfulness Based Cognitive Therapy (MBCT) (Zindel, Segal, Williams & Teasdale, 2015), der Mindful Self-Compassion (MSC) (Germer, 2015) und der Pragmatic Experiential Method (PEM) (Atkinson, 2005). Wir kamen zu der Ansicht, dass möglicherweise ein Zustand der offenen und wohlwollenden Präsenz sich selbst und anderen gegenüber den Kern jeglichen funktionalen psychischen Zustands ausmacht, und dass Leiden unmittelbar einsetzt, wenn die Haltung offener und wohlwollender Präsenz verlassen wird.
Die Forschung im Rahmen achtsamkeitsbasierter und achtsamkeitszentrierter Therapiemethoden legt nahe, dass zwischen dem alarmierten Zustand und dem Zustand offener und wohlwollender Präsenz ein inverser Zusammenhang besteht. Dieser Zusammenhang gilt sowohl für einen bestimmten Zeitpunkt, d. h., dass die Aktivierung eines Zustands offener Präsenz das Auftreten einer Alarmreaktion in diesem Moment sehr viel unwahrscheinlicher macht als auch über die Zeit hinweg, d. h., dass die häufig wiederkehrende Aktivierung eines Zustands wohlwollender Beobachtung das Auftreten von Alarmreaktionen und damit auch – in der Sprache der Schematherapie – die Auslösung von Schemata und dysfunktionalen Modi zukünftig weniger wahrscheinlich macht. Dieser inverse Zusammenhang wird bei der Arbeit im ERR genutzt, indem sowohl Therapeuten wie Patienten ihre Fähigkeiten zur Einnahme einer wohlwollenden Beobachterrolle entwickeln und pflegen. Die Gegenstände der wohlwollenden Beobachtung sind dabei sowohl die eigenen Alarmreaktionen als auch diejenigen des Gegenübers. Die dabei vollzogene Handlung ist die stille, freundliche und annehmende Anerkennung jeglicher (Auf-)Regungen, die im Rahmen von Alarmreaktionen auftauchen können, seien dies nun Körperempfindungen, Gefühle, Handlungsimpulse oder Gedanken. Die Arbeit im ERR lässt sich also zusammenfassen als das Erlernen und die Pflege einer wohlwollenden Beobachterrolle, innerhalb derer jegliche Regungen im Rahmen von Alarmreaktionen still und freundlich anerkannt werden.
Der Emotionale Resonanzraum, der sich dabei öffnet, stellt gleichsam einen „Ort“ dar, an dem sich die Dynamik der Alarmreaktion des Patienten frei ereignen und ausbreiten darf. Der Therapeut stellt sich in diesem Raum zur Verfügung, um aufgebrachte Reaktionen des Patienten offen, präsent und mitfühlend zu verfolgen und sie dem Patienten ruhig und wohlwollend zu spiegeln. Der Therapeut steht damit Modell für die Entwicklung der Fähigkeit des Patienten, sich mit der Zeit seinen eigenen Alarmreaktionen ruhig und wohlwollend zuzuwenden, sie anzuerkennen und damit zur Ruhe kommen zu lassen. Der ERR wird also zunächst etabliert zwischen dem Patienten und dem Therapeuten, später dann im Patienten selbst (vgl. dazu genauere Ausführungen in Abschnitt 2.3).
Erfahrungen aus der langjährigen Praxis zeigen, dass sowohl die Vermittlung von Informationen über die Alarmreaktion als möglichen basalen Mechanismus aller leidvollen Zustände (unabhängig von deren Inhalten) als auch die konkrete Anleitung und Einübung der Einnahme einer wohlwollenden, offenen und präsenten Haltung (unabhängig vom Inhalt bestimmter Handlungen) eines „Gesunden Erwachsenen“ eine hilfreiche Wirkung entfalten können. Beides lässt sich als zusätzliches Instrument in Kombination mit den angestammten Interventionsformen nicht nur der Schematherapie, sondern vieler verschiedener psychotherapeutischer Ausrichtungen gewinnbringend einsetzen.
Wir laden den geneigten Leser, die geneigte Leserin1 herzlich ein, sich mit den folgenden Ausführungen zur Alarmreaktion und den Möglichkeiten zur Kultivierung einer offenen und wohlwollenden Präsenz auseinanderzusetzen. Es ist dabei etwas zu erfahren über die Herkunft der Alarmreaktion, ihre Funktionsweise und zeitlichen Abläufe, ihre Verkoppelung mit Bewältigungsreaktionen, ihre Wirkung auf Gedächtnisprozesse und über den Zusammenhang zwischen Alarmreaktionen und Bindungsprozessen in der Eltern-Kind-Beziehung sowie in therapeutischen Beziehungen. Ausgehend von dieser theoretischen Konzeption gehen wir im Weiteren ausführlich auf konkrete achtsamkeitszentrierte Interventionen ein, mit dem Ziel der emotionalen Selbstregulation und der Steigerung der psychischen Flexibilität.
Ein wichtiges Ziel wäre für uns erreicht, wenn unser Buch dazu anregt, die vorgeschlagenen Interventionen auszuprobieren, zu adaptieren, Erfahrungen damit auszutauschen und so an der faszinierenden Suche nach weiteren Erkenntnissen und Möglichkeiten auf diesem Gebiet teilzunehmen.
1 Im Text wechseln wir zwischen männlicher und weiblicher Bezeichnung. Der Wechsel erfolgt zufällig. Und in jedem Fall sind beide Geschlechter gemeint.
Als zentral für das Verständnis des Wesens leidvoller Zustände erachten wir das Prinzip des Überlebens. Im Folgenden stellen wir zunächst grob die Bedeutung dieses Prinzips dar und erörtern, inwiefern es mit psychischem Leiden in Zusammenhang steht. Anhand einzelner Fallbeispiele zeigen wir auf, inwiefern die Mechanismen, die sich aus diesem Prinzip ergeben, spezifisch den Lebensalltag von Menschen beeinträchtigen können. Schließlich leiten wir ein Funktionsmodell ab, das die verschiedenen Mechanismen berücksichtigt und gleichzeitig Grundlage für die therapeutischen Interventionen darstellt.
Der menschliche Organismus verfügt über ein evolutionär gewachsenes Steuerungssystem, das dem Prinzip des Überlebens dient. Es umfasst eine Vielzahl hoch automatisierter, unabhängig vom Bewusstsein ablaufender (teilweise aber bewusstseinsfähiger) Mechanismen, welche sich im Laufe der Evolution zur Sicherung des Überlebens entwickelt haben. Dieses Steuerungssystem zielt stets auf einen hypothetischen Zustand ab, den man als „ideale Homöostase“ bezeichnen kann und in dem zu einem bestimmten Zeitpunkt alle Lebensprozesse im Individuum optimal unterstützt sind, der Organismus sich also in einem völligen Bedürfnis-Gleichgewicht befindet. Abweichungen von der idealen Homöostase sind für das Überleben relevant, je ausgeprägter sie ausfallen und je länger sie anhalten. Jedes Bedürfnis, dessen Befriedigung eingeschränkt ist, erscheint aus der Perspektive des Steuerungssystems als möglicher Beginn einer anhaltenden und lebensbedrohlichen Mangelsituation. Das Individuum tut in diesem Zusammenhang gut daran, diese Abweichungen frühzeitig zu bemerken und möglichst schnell und effizient rückgängig zu machen. Ganz dieser Aufgabe folgend ist das menschliche Steuerungssystem mit der Fähigkeit ausgestattet, einerseits lebensbedrohliche Einflüsse schnell und effizient zu orten (Alarm) und andererseits Situationen zu erkennen, die eine Bedürfnisbefriedigung versprechen (Belohnung). Überdies verfügt es über die Fähigkeit, je nach wahrgenommener Situation entsprechende Verhaltensprogramme in Gang zu setzen, letztlich mit dem Ziel, sich der idealen Homöostase so weit wie möglich anzunähern.
Wie weiter unten genauer ausgeführt wird, ist für das vertiefte Verständnis von Musteraktivierungen und die daraus abgeleiteten Interventionsformen in erster Linie der Teil des Steuerungssystems von Belang, der sich auf Bedrohungen bezieht (vgl. Kasten unten). Dies erklärt sich aus dem Umstand, dass es für den Organismus überlebensnotwendig ist, akute Bedrohungen prioritär zu behandeln. Erst wenn der Organismus in Sicherheit ist, kann er sich der Befriedigung weiterer Bedürfnisse zuwenden (vgl. dazu die Bedürfnispyramide von Maslow, 1943). Ein Spezialfall, bei welchem Bedrohung und das Streben nach Lust und Befriedigung eng miteinander verquickt sind, liegt bei Suchtverhalten vor, auf welches wir in Abschnitt 1.2.5 spezifisch eingehen.
Da die Überlebensaufgabe für einen Menschen (wie für die meisten Säugetiere) alleine nicht zu bewältigen ist, müssen diese überlebenssichernden Mechanismen neben der Erhaltung des einzelnen Organismus auch den Zusammenhalt in der Gemeinschaft gewährleisten. Besonders bedeutsam sind dabei für den Menschen die Mechanismen, welche die Bindung des Säuglings an pflegemotivierte Bezugspersonen sichern.
Motivationssysteme in verschiedenen Therapieschulen
In verschiedenen Therapieschulen und Ordnungssystemen, z. B. in der CFT von Gilbert (2013) oder dem Konzept zur Selbststeuerung nach Bauer (2015), werden drei motivationale Systeme unterschieden:
das Alarm- bzw. Bedrohungssystem,das Belohnungssystem unddas Bindungssystem.Dabei wird angenommen, dass die Systeme im Lauf der Evolutionsgeschichte in der genannten Reihenfolge entstanden sind. Da alle drei Systeme, auch wenn sie evolutionsgeschichtlich nicht denselben Epochen entstammen, für das Überleben des Homo sapiens in der Säuglings- und Kleinkindphase bis heute unmittelbar notwendig sind, fassen wir sie im Begriff des Überlebenssystems zusammen und konzentrieren uns in den folgenden Ausführungen auf das Alarmsystem. Dies erscheint insofern sinnvoll, als „Schräglagen“ in den beiden anderen Systemen dem Betroffenen immer in Form einer größeren oder kleineren Alarmreaktion angezeigt werden. Von der überlebensnotwendigen Anzeige, z. B. der Abwesenheit von Nahrung, Wärme und versorgender bzw. beschützender Bezugspersonen in der Kindheit oder im Erwachsenenalter bei realen Notsituationen, unterscheiden wir die Bedürfnisse Erwachsener nach Nähe, gutem Essen, Sex etc., von deren Befriedigung das Leben nicht abhängt.
In dem ständig laufenden Prozess der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen der Erhaltung des eigenen Organismus und der Sicherung des gemeinschaftlichen Zusammenhalts verarbeitet das Gehirn unablässig Informationen (Siegel, 2012). Diese stammen einerseits aus dem Organismus selbst (Hunger, Durst, Infektionen, Körperhaltung etc.), andererseits aus der näheren oder weiteren Umwelt (Geräusche, insbesondere Stimmen anderer Menschen, Gerüche, Mimik, Körperrhythmus anderer Menschen etc.). Das menschliche Gehirn verfügt über eine Vielzahl bei Geburt bereits „verdrahteter“ Reiz-Reaktions-Koppelungen, welche dem Betroffenen ein Ungleichgewicht sowohl im eigenen Organismus als auch in seinen Beziehungen zur Gemeinschaft bzw. den Beziehungen anderer Mitglieder der Gemeinschaft untereinander anzeigen.
Sämtliche eingehenden Reize werden laufend und automatisch hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Überleben des Individuums geprüft. So können beispielsweise schnelle Bewegungen oder laute Geräusche in der Umwelt von bestimmten Neuronengruppen erkannt und als potenziell bedrohlich eingestuft werden. In diesem Fall handelt es sich um angeborene neuronale Strukturen und die damit einhergehenden Reaktionsbereitschaften.
Wird nun über die eingehenden sensorischen Informationen ein Ungleichgewicht oder eine bedrohliche Reizkonstellation detektiert, wird dies durch eine zunächst unspezifische emotionale Erregung des Organismus angezeigt. Bleibt der Eindruck der Bedrohung bestehen, wird diese Erregung über Feedbackprozesse zwischen Gehirn und restlichem Organismus ausdifferenziert. Sie mündet in die Innervierung von Muskelgruppen und anderen Organen (Stress-Aktivierung) und kann sämtliche Funktionsebenen des menschlichen Nervensystems, einschließlich der höchsten kortikalen Funktionen nach sich ziehen. Dieser Prozess läuft zunächst im autonomen Nervensystem ab und wird vornehmlich durch die Tätigkeit des Sympathikus bestimmt. Dieser ermöglicht allgemein gesprochen die Mobilisierung von Energie zur Initiierung und zum Unterhalt von Verhaltensprogrammen, die für die Eliminierung der wahrgenommenen Bedrohung vorgesehen sind: Kampf, Flucht, Erstarren und Besänftigung des als bedrohlich empfundenen Gegenübers. Die emotionalen Zustände, welche diesen Aktivierungsprozess begleiten, können als Gefühle zu Bewusstsein kommen.
Eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung und Ausführung der Alarm- und Bewältigungsreaktionen (der Einfachheit halber im Folgenden Alarmreaktion genannt) kommt den Amygdalae (Mandelkernen) zu. Hier werden alle bedeutsamen positiven wie negativen subjektiven Erfahrungen quasi emotional kodiert und können in der Folge während des ganzen individuellen Lebens zum Vergleich mit den gegenwärtigen sinnlichen Eindrücken herangezogen werden. Gleichen Letztere früheren bedrohlichen Erfahrungen, deuten die Amygdalae die Situation als Gefahr und schlagen gewissermaßen Alarm. Die damit zusammenhängenden neuronalen und hormonellen Mechanismen werden mit minimaler zeitlicher Verzögerung (300–400 ms) in „tieferen“ Hirnregionen ausgelöst und laufen damit zunächst bewusstseinsfern ab (LeDoux, 2001).
Abbildung 1.1: Zeitlicher Ablauf einer Alarmreaktion und der Zusammenhang zur Bewusstseinsfähigkeit
Der schwarze Pfeil in Abbildung 1.1 bildet den Verlauf einer Alarmreaktion ab, die mit mittlerer bis hoher physiologischer Erregung einhergeht. Bewusstseinsfähig wird die Reaktion frühestens nach ca. 500 ms. Um sich einer Alarmreaktion bewusst zu werden, braucht es bereits eine aktive Entscheidung, sich auf die bewusste Wahrnehmung der Reaktion einzustellen. Der gestrichelte Pfeil repräsentiert den Verlauf einer Alarmreaktion mit sehr hoher physiologischer Erregung. Überschreitet das Erregungsniveau eine gewisse Schwelle, „schaltet“ das Gehirn die für den Aufbau von Bewusstseinsprozessen notwendigen neuronalen Bahnen nicht „dazu“. In diesem Fall läuft die Reaktion mitunter längere Zeit gänzlich automatisch ab.
Zusammenfassend können die Prozesse, die während einer Alarmreaktion ablaufen, folgendermaßen beschrieben werden: Am Beginn steht die automatische und unbewusste Lenkung der Aufmerksamkeit. Es folgt die Interpretation konkreter Reizkonfigurationen hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Überleben. Werden die eingehenden Signale als bedrohlich eingestuft, baut das Gehirn im Körper als Nächstes einen zunächst unspezifischen emotionalen Erregungszustand auf. Diesem folgt die Auslösung einer Verhaltensreaktion, welche ihrerseits in die Ausbildung einer Gefühlslage als Antwort auf die erlebte Reizsituation mündet. Der ganze Vorgang entspricht der Tätigkeit des impliziten Gedächtnisses. Für das Verständnis psychischen Leidens ist in diesem Zusammenhang der Hinweis wichtig, dass durch die Tätigkeit des impliziten Gedächtnisses die Auslösung einer Alarmreaktion nicht nur angesichts einer aktuellen und tatsächlichen Bedrohung stattfindet. Auch die Ähnlichkeit von Elementen einer eigentlich ungefährlichen aktuellen Situation mit Elementen einer vergangenen (und früher tatsächlich bedrohlichen) Situation kann eine Alarmreaktion auslösen. In Bezug auf die aktuell ungefährliche Situation kann dann von einem „Fehlalarm“ gesprochen werden.
Um die genannten Prozesse dem expliziten Gedächtnis als dem Bewusstsein verfügbare Inhalte zugänglich zu machen, müssen zusätzlich Bewusstseinsprozesse initiiert werden. Das Bewusstwerden dieser Inhalte stellt für das Individuum allerdings lediglich eine Option dar, die ihrerseits nur über eine bewusste Entscheidung abgerufen werden kann, was einer gewissen Anstrengung bedarf. Die vom Gehirn vor allem im präfrontalen Kortex aufgebauten Bewusstseinsprozesse laufen zu langsam ab, um akuten Bedrohungen schnell genug begegnen zu können, und eignen sich daher nicht als evolutionär sinnvolle „Standard-Antwort“ auf Bedrohungssituationen. Bewusstsein über die ablaufenden Prozesse kann deshalb immer erst (und frühestens) etwa 500 ms nach der Auslösung einer Alarm- und Bewältigungsreaktion erlangt werden. Das ist die Zeit, die das Gehirn benötigt, um die bewusste Wahrnehmung aufzubauen. Eine bewusste Steuerung der Prozesse ist somit immer erst im Nachhinein möglich, als willentlicher Akt und als Antwort auf die implizit ausgelösten Prozesse. Aus diesem Grund ist auch das Verhindern oder das Unterdrücken einer Alarmaktivierung grundsätzlich unmöglich.
Der weitere Verlauf der bereits in Gang gesetzten Alarmaktivierung ist variabel und richtet sich einerseits nach den automatischen Bewältigungsmaßnahmen, die das Alarmsystem selbst als Antwort auf die wahrgenommene Bedrohung initiiert, andererseits nach bewussten Strategien zur emotionalen Selbststeuerung, wie sie in der Psychotherapie vermittelt werden können. Im Falle der Verhaltensweisen im Rahmen von automatischen Bewältigungsmaßnahmen reduziert sich die anfängliche psychophysische Erregung oft auf ein Restniveau, auf dem das Alarmsystem nach wie vor aktiv ist und jederzeit mit erneuten Notmaßnahmen auf eine weitere akute Bedrohung reagieren kann. Allerdings sind es nur die bewussten Steuerungsmaßnahmen, welche die Automatismen des Alarmsystems gezielt außer Kraft zu setzen und ein vollständiges Abfallen der anfänglichen Erregung herbeizuführen vermögen. Dies hängt damit zusammen, dass im Falle eines „Fehlalarms“ implizite Gedächtnisprozesse eine Verwechslung der Bedrohlichkeit der aktuellen Situation mit der Bedrohung der erinnerten früheren Situation bewirken. Der Betroffene ist dann der Überzeugung, dass die aktuelle (und eigentlich ungefährliche) Situation tatsächlich gefährlich sei. Die Erkenntnis, dass der Auslöser harmlos ist, kann nur durch bewusste Wahrnehmung erlangt werden. Die betroffene Person ist danach in ihrem Erleben, Denken und Verhalten nicht mehr unmittelbar dem Prinzip des Überlebens unterworfen und somit wieder frei, sich ihren sonstigen Bedürfnissen und Interessen zuzuwenden.
Die eben beschriebene Alarmreaktion folgt dem ökonomischen Prinzip, indem sie nur die Prozesse umfasst, die zeitlich unmittelbar ablaufen können und diejenigen Verhaltensweisen begünstigt, die am ehesten einen Überlebensvorteil versprechen. Sie funktioniert also hoch sensitiv und nur grob selektiv und wenig differenziert. Vermenschlicht dargestellt könnte das „Alarmhirn“ also nach dem Motto funktionieren: „Lieber hundertmal falschen Alarm schlagen als einmal eine reale Gefahr übersehen!“
Im impliziten Gedächtnis werden als überlebensrelevanter Erfahrungsschatz sowohl die oben genannten angeborenen Reaktionsbereitschaften auf spezifische Reizkonstellationen als auch die in der individuellen Lebensgeschichte gesammelten Bedrohungserfahrungen als emotional kodierte Gedächtnisspuren zusammengefasst. Das Alarmsystem erscheint somit als Reaktionsprogramm mit einer angeborenen „Grundausstattung“ und der zusätzlichen Fähigkeit, sein Reaktionsrepertoire laufend und unbegrenzt durch gesammelte Erfahrungen zu erweitern (vgl. Abbildung 1.2).
Abbildung 1.2: Überlappung evolutionär entstandener und biografisch erworbener Reaktionsbereitschaften
Der Mensch verfügt damit prinzipiell über dieselben neuronalen „Steuerungsschichten“ wie seine evolutionären Vorläufer in der Tierwelt, nämlich die Fähigkeit zur reflexhaften Reaktion (das „Reptiliengehirn“) sowie die beschriebene emotional-körperliche Aktivierbarkeit (welche er mit den Säugetieren teilt). Darüber hinaus ermöglicht es ihm die differenzierte Entwicklung seines Kortexes, über abstraktes assoziatives Denken mögliche Voraussagen über künftige Bedrohungsfaktoren in seiner Umgebung zu treffen und schließlich auch, sich selbst zu reflektieren und im Austausch mit dieser Umgebung zu begreifen. Es wird in diesem Zusammenhang auch von der Fähigkeit des Menschen gesprochen, implizite „kognitive Landkarten“ (Tolman, 1948) – in anderen Zusammenhängen auch als Schemata (Bartlett, 1932), Skripts (Weick, 1985) oder mentale Modelle (Senge, 1990) bezeichnet – herzustellen, welche es ihm erlauben, sich gezielter in seiner Lebensumgebung zu orientieren und zu erwartenden Gefahren auszuweichen. Das Vorhandensein solcher Karten beschreibt z. B. Damasio (2005) im Zusammenhang mit dem Erkennen von Emotionen. Im Zustand der Alarmaktivierung werden auch diese höheren kognitiven Funktionen in den Dienst des Überlebens gestellt und durch Engramme im impliziten Gedächtnis gesteuert.
Auf diese Weise erreichte die Spezies Mensch ein Höchstmaß an Anpassungsfähigkeit an unterschiedlichste Lebensbedingungen, welche im gesamten Zeitraum der menschlichen Frühgeschichte herrschten. Die Frühgeschichte stellt, im Gegensatz zur Moderne, den weitaus überwiegenden Anteil an der bisherigen menschlichen Epoche dar. Es ist daher anzunehmen, dass die hier beschriebenen grundlegenden neuronalen Gegebenheiten des Menschen eine Anpassung an jene frühgeschichtliche Zeit darstellen. Hier findet auch die weiter oben beschriebene hoch sensitive und nur grob selektive Funktionsweise des menschlichen Nervensystems seine Entsprechung, in einer Lebensumgebung, welche geprägt ist durch eine mehr oder minder permanente und unmittelbare existenzielle Bedrohung durch Fressfeinde, widrige Witterungseinflüsse, Nahrungsknappheit, menschliche Konkurrenz um Nahrungsressourcen, Krankheiten, Verletzungen etc.
Gegenüber der menschlichen Frühgeschichte stellt die Moderne (in der ja die psychotherapeutische Beschäftigung mit Entstehung und Behandlung psychischer Leiden überhaupt erst stattfindet) lediglich eine unbedeutende Zeitspanne dar, innerhalb derer sich der psychische Apparat des Menschen noch nicht an die drastisch veränderten Lebensbedingungen anzupassen vermochte. Insofern ist beim Menschen von einem gleichsam „veralteten“ neuronalen Steuerungssystem auszugehen, das sich nach wie vor an den frühgeschichtlichen Anforderungsbedingungen orientiert.
Entsprechend bewirkt die Mobilisierung des Organismus grundsätzlich eine erhöhte Aufmerksamkeit, Anspannung der Muskulatur und typische (archaische) Handlungsimpulse wie Flucht, Angriff, Erstarrung oder Beschwichtigung (des bedrohlichen Gegenübers). Die Alarm- und Bewältigungsreaktion klingt erst ab, wenn das Gehirn Signale von Sicherheit detektiert bzw. der Mensch die Abwesenheit akuter, realer Bedrohung bewusst wahrnimmt.
Aufgrund von Gedächtnisprozessen werden häufig ablaufende Reiz-Reaktions-Ketten gefestigt mit dem Ergebnis, dass genau diese Reaktionen als Erinnerungsvorgänge besonders leicht und durch besonders viele verschiedene Stimuli ausgelöst werden können. Es handelt sich dabei, wie schon erwähnt, um eine automatisierte vorbewusste Steuerung, die der in der Psychotherapie angestrebten freien und bewussten Selbststeuerung und damit der für das psychische Wohlbefinden so zentralen psychischen Flexibilität entgegensteht. Sie kann auf diese Weise einen erheblichen und unter Umständen lebenslangen Leidensdruck verursachen. Deshalb widmet die Schematherapie (Young, Rygh & Weishaar, 2005; Roediger, 2016; Arntz & van Genderen, 2010) diesen impliziten Gedächtnisinhalten mit ihrer je spezifischen Dynamik den Begriff „Schema“ als einem überdauernden Muster, das sich in vielen Lebensbereichen eines Menschen auswirkt und eine ausgeglichene und befriedigende Lebensführung erschwert. Der Leidensdruck ergibt sich aus dem Umstand, dass diese Reiz-Reaktions-Ketten grundsätzlich nicht gelöscht werden können, und v. a. dadurch, dass sie aufgrund der assoziativen Arbeitsweise des Gehirns auch in Situationen auftreten können, in welchen keine akute Bedrohung besteht. Die Alarm- und Bewältigungsreaktion des Organismus läuft dann unabhängig von der aktuell wirksamen Realität schematisch ab. Dies ist z. B. der Fall, wenn eine bestehende Reiz-Reaktions-Kette allein schon durch das spontane Auftauchen von abstrakten assoziativen Inhalten ausgelöst wird, also durch rein symbolische Auslösereize (wie z. B. das gedachte Stichwort „Misserfolg“). Implizit ablaufende Alarmreaktionen können mit dem Auftreten sehr starker und belastender Emotionen verbunden sein, was zu einem äußerst aversiven Erleben führt.
Wie weiter oben erwähnt, produziert das Überlebenssystem häufiger und schneller Alarmreaktionen als beruhigende Reaktionen, weil dies in einer potenziell bedrohlichen Umwelt sicherer ist. Es zeigt also eine insgesamt „vorsichtige“ oder Leben erhaltende (konservative) Funktionsweise, und zwar auch dann, wenn die Umgebungsbedingungen nicht unmittelbar existenziell bedrohlich sind.
Ein weiteres für die Psychotherapie besonders wichtiges Merkmal von Alarmreaktionen ist ihre Rolle in der zwischenmenschlichen Interaktion. Menschen sind als nesthockende Säuglinge von Geburt an auf intensive Pflege durch erwachsene Bezugspersonen angewiesen. Eine ganz grundlegende Alarmreaktion beim Säugling wird durch die Abwesenheit von Bindungssignalen vonseiten des Erwachsenen ausgelöst. Die Alarmreaktion des Kleinkindes wiederum löst eine Alarmreaktion beim Erwachsenen aus. Diese Dynamik spielt sich ebenso zwischen Erwachsenen ab, was sich aus dem Umstand erklärt, dass der Anschluss an die Gruppe auch für das erwachsene Individuum in der Frühzeit einen wesentlichen Überlebensvorteil bot. Selbst wenn es in der modernen Welt möglich ist, als mehr oder weniger isoliertes Individuum zu überleben, orientiert sich das Gehirn nach wie vor an den frühzeitlichen Prämissen. Das menschliche Gehirn ist auf dieser evolutionär alten Ebene der Alarmmechanismen nicht in der Lage, eine Alarmreaktion des Gegenübers zu übergehen, und reagiert in jedem Fall mit einem stärker oder schwächer ausgeprägten Erregungszustand. Wie oben beschrieben, kommt diese Reaktion nicht in jedem Fall zu Bewusstsein. Ausführlichere Erörterungen zur Rolle der Alarmreaktion und ihrer Beruhigung in zwischenmenschlichen Interaktionen finden sich in Abschnitt 1.2.11.
Bei der therapeutischen Arbeit im Emotionalen Resonanzraum gehen wir davon aus, dass psychisches Leiden – wie immer es inhaltlich genau ausgeprägt ist – hervorgerufen wird durch ein hoch aktives Alarmsystem, dessen Alarmsignale sich oft gar nicht mehr auf reale Bedrohungen (existenzieller Art) beziehen und dessen Tätigkeit der Betroffene ausgeliefert ist, weil er bisher keine ausreichenden Fähigkeiten erwerben konnte, die ihm helfen, die Alarmreaktionen durch Steuerung des Bewusstseins zu modulieren.
Dementsprechend stellt in der Schematherapie ein maladaptives Schema einen thematischen Bereich des menschlichen Erlebens dar, innerhalb dessen akute Alarmaktivierungen wiederholt und musterhaft ablaufen, die dann zu aversiven emotionalen Zuständen, stereotyp auftretenden Interpretationen der Reizumwelt und zu automatischem Reaktionsverhalten führen. Weiter beinhalten Schemata oft längerfristige automatische Überlebensstrategien, die darauf abzielen, z. B. über die spezifische Vermeidung von Auslösereizen die psychophysische Erregung der Alarmreaktion abzudämpfen und zu begrenzen. Sowohl unmittelbares automatisches Reaktionsverhalten wie auch längerfristige Überlebensstrategien spiegeln sich im Begriff des „Autopiloten“ wider, wie er in verschiedenen psychologischen Theoriekontexten verwendet wird. Alle diese Anpassungen geschehen zum Preis der Flexibilität in der Reaktion der betroffenen Person auf die sie umgebende Situation, was, zusammen mit den unangenehmen Erregungszuständen in der Alarmaktivierung, im Wesentlichen den Leidensdruck psychischer Beschwerden ausmacht.
Folgendes Beispiel soll das eben Gesagte veranschaulichen: Ein heute 50-jähriger Mann wurde als Säugling von seiner Mutter getrennt und kam zu Adoptiveltern. In der neuen Familie erfuhr er von seinem Adoptivvater wenig Solidarität und Verständnis. Der Betroffene reagiert bis heute hochsensibel auf Signale, die ihm den (drohenden) Verlustvon Loyalität und Verständnis in einer Beziehung anzeigen. Der aversive emotionale Zustand, der sich bei ihm einstellt, wenn eine entsprechende Alarmreaktion losgetreten wird, äußert sich in massiven Angstzuständen. Sein automatisches Reaktionsverhalten in für ihn beunruhigenden Situationen beinhaltet einerseits drängendes Einfordern von Nähe und Präsenz des Gegenübers oder aber Rückzug bzw. Flucht aus der Situation. Der Preis dieses Verhaltens ist eine ständig wiederkehrende Destabilisierung seiner Beziehungen.
In den folgenden Abschnitten werden wir nun einzelne Merkmale von Alarmreaktionen und ihre Relevanz für das psychische Befinden und zwischenmenschliche Interaktionen anhand von Beispielen aus dem Therapiealltag schrittweise erläutern.
Frau Sommer: symbolische Auslösereize und die Folgen
Frau Sommer bewegt sich vom Wartezimmer in den Therapieraum. Sie geht schnell, öffnet brüsk die Tür, setzt sich ungeduldig hin, rutscht auf ihrem Stuhl hin und her, bis der Therapeut sich ebenfalls gesetzt hat, und setzt unmittelbar, gehetzt und kurzatmig, zu einer Schilderung an. Sie wisse nicht, was sie tun solle. Alle sagten ihr, sie solle jetzt wieder zu arbeiten beginnen. Sie wisse aber gar nicht, wie sie das bewerkstelligen solle. Sie wisse nicht, wie sie sich entscheiden solle, schließlich spüre sie sich gar nicht und wisse sowieso nicht, wie „leben“ gehe. Sie bringt in ihren Worten deutlich zum Ausdruck, dass es sehr dringend sei, eine Entscheidung zu fällen, und dass sie eine Fehlentscheidung um jeden Preis vermeiden müsse. Für eine oder zwei Minuten kippt sie in der Rede hin und her: „Ich muss mich entscheiden, aber ich weiß nicht, was ich tun soll! – Aber ich muss! – Aber ich weiß nicht!“ Schließlich bricht sie in verzweifeltes Weinen aus und schaut den Therapeuten unter Tränen und mit verzerrtem Gesicht hilflos und gleichzeitig ärgerlich fordernd an.
In dieser kurzen Fallbeschreibung kommt zum Ausdruck, wie sehr das Erleben und Verhalten der Patientin von einer ausweglos anmutenden und gleichzeitig sehr dringlichen Qualität geprägt ist. Angesichts der aktuellen Umgebung in diesem Moment ist das einerseits erstaunlich, ist Frau Sommer doch mit den Räumlichkeiten in der Praxis vertraut und kennt ihren Therapeuten als mitfühlendes, wertschätzendes und Sicherheit vermittelndes Gegenüber. Andererseits wird auch verständlich, dass sich ihre Gedanken und ihre Vorstellung auf eine andere Situation als die gegenwärtig anwesende beziehen, es sich also offenbar um symbolische Auslösereize handelt. Ihre Reaktion erfolgt auf physiologischer, emotionaler, kognitiver Ebene sowie auf der Ebene des Verhaltens. Wir gehen im Folgenden auf jede dieser Ebenen gesondert ein.
Physiologische Aspekte
Im Verhalten von Frau Sommer (obiges Fallbeispiel) wird die Alarmaktivierung im Sinne eines physiologischen Arousals äußerlich sichtbar durch ihre motorische Unruhe sowie ihre angestrengte Art zu berichten. Wie im vorangegangenen Abschnitt beschrieben, verhält sich ihr Alarmsystem so, als müsste sie einer real vorhandenen unmittelbaren existenziellen Gefahr durch eine körperliche Anstrengung wie Flucht oder Kampf begegnen. Entsprechend ist der Grundtonus ihrer Muskulatur erhöht, was sie angespannt wirken lässt und verschiedentlich zum Zittern führt, außerdem ist ihre Pulsfrequenz vergleichsweise hoch und ihre Atmung flach und schnell.
Physiologisches Arousal
Im Rahmen der körperlichen Alarmreaktion ist eine Vielzahl von körperlichen Veränderungen feststellbar, die sich der sympathikusgesteuerten Stressreaktion zuordnen lassen. In der folgenden (unvollständigen) Auflistung sind einige der am häufigsten zu beobachtenden Symptome genannt.
Hitzeempfinden, SchwitzenKälteempfinden, v. a. in den Händen und FüßenErhöhte PulsrateErhöhter Blutdruck oder Blutdruckabfall (Schockzustand)Erhöhter Grundtonus der Muskulatur bis hin zum ZitternMotorische UnruheFlaues Gefühl in der Magengegend, Übelkeit und Erbrechen, durchfallartige Darmentleerung, starker HarndrangFlache Atmung, Brustatmung, HyperventilationSchwindelSchutzhaltung mit hochgezogenem Schultergürtel, gekrümmtem Rücken und angespannter BauchdeckeDruckgefühle auf der BrustOhrensausenEinengung des Gesichtsfeldes („Tunnelblick“)…Allerdings wird aus ihrer Schilderung deutlich, dass die Alarmreaktion nicht aufgrund einer äußeren Bedrohung ausgelöst wurde, sondern auf symbolische Inhalte in ihrem Denken zurückgeht. Inhaltlich spielen dabei andere Menschen und deren Meinung über sie eine Rolle, außerdem ihre Vorstellung von „arbeiten“ und „leben“, überdies hat sie ein Bild von sich selber als einer Person, die zu wenig Klarheit hat, wie zu entscheiden sei, und die zu wenig spürt. Dabei handelt es sich durchwegs um Abstraktionen von unmittelbar erlebbaren Eindrücken.
Emotionale Aspekte
Frau Sommer ist aufgewühlt, ängstlich und fühlt sich stark unter Druck, etwas tun zu müssen. Zu handeln erscheint ihr aber in ihrer inneren symbolischen Repräsentation als (zu) großes Risiko, mit der (gefühlt) bedrohlichen Konsequenz einer möglichen Fehlentscheidung. Der erlebte emotionale Druck ist, aus evolutionärer Perspektive gesehen, dazu da, das Individuum zu einer raschen Nothandlung zu bewegen. Je nach Art des Auslösereizes und je nachdem, wie die Alarmaktivierung in der Folge ausdifferenziert wird und wie die Auswirkungen dieser Aktivierung wiederum durch das Alarmsystem interpretiert werden (siehe weiter unten), bilden sich verschiedene emotionale Zustände aus, die auch in rascher Folge hintereinander auftreten können.
Emotionale Dimension des Arousals im alarmierten Zustand
(Undifferenzierte) IrritationAngst, PanikEkelWut („heiß“ und „kalt“), Hass, VerachtungSchmerzVerzweiflung (verzweifelte Trauer)HilflosigkeitSchamSchuldGetriebenheit, Eifer, GierNeidDünkel, Überlegenheit, Stolz(Selbst-)Mitleid…In der Literatur finden sich hoch differenzierte Konzepte zur Einordnung des emotionalen Geschehens im Rahmen psychischer Prozesse. Nur zwei Beispiele (von vielen weiteren, hier nicht genannten) sind die von Panksepp (2010) ausgearbeiteten Funktionen von Emotionen im Rahmen evolutionär entstandener Motivationssysteme und die von Greenberg (2011) im Rahmen der Emotionsfokussierten Therapie genauer ausgearbeitete Unterteilung in primäre und sekundäre Emotionen. Im Wesentlichen werden Emotionen von allen Autoren als Anzeige für die Notwendigkeit bestimmter Handlungsmaßnahmen gesehen, welche das Individuum entweder zum unmittelbaren Überleben oder zum Erhalt des letztlich ebenfalls lebenswichtigen guten Kontakts zur Gemeinschaft, der es angehört, in Gang setzen sollte. Weiter besteht unseres Wissens auch Konsens darüber, dass der Charakter und die Erfahrung einzelner Emotionen sich sowohl im zeitlichen Verlauf einer einzelnen Alarmreaktion wie auch in der kindlichen Entwicklung insgesamt verändern. Im Rahmen einer einzelnen Alarmreaktion stellt sich sofort nach deren Auslösung zunächst eine unspezifische Irritation ein, die sehr schnell von unmittelbar antreibenden Emotionen wie Angst, Ekel, Wut oder Trauer abgelöst wird. Je nach weiterem Verlauf des Geschehens, d. h. abhängig davon, ob die im Fokus stehenden Bedürfnisse des Individuums erfüllt werden oder ob eine aversive Bedingung bestehen bleibt, beginnen die Emotionen sich zu verändern, indem sie sich im Falle der Bedürfnisbefriedigung etwa in Freude oder Stolz, im Falle der weiter bestehenden aversiven Bedingung z. B. in weiter gesteigerte Wut oder Hilflosigkeit bzw. Resignation wandeln. Über einen längeren Zeitraum, d. h. im Laufe der weiteren Entwicklung sowie im Umgang mit weiteren einzelnen Enttäuschungen oder Verletzungen, entwickeln sich Emotionen, welche die längerfristige Adaptation des Individuums an seine Lebensbedingungen widerspiegeln (vgl. Standby-Coping, Abschnitt „Kognitive Aspekte“, siehe unten). In diesem Zusammenhang typischerweise auftretende Emotionen sind Scham, Schuld, Neid, Missgunst, Rache, Selbstmitleid etc.
In der Arbeit im ERR berücksichtigen wir die mögliche Unterteilung von Emotionen in verschiedene Typen indessen nicht. Wie in Kapitel 2 genauer dargelegt wird, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass unabhängig von der Emotionalität die grobe Unterscheidung zwischen dem Zustand des „blinden“ Gefangenseins in einer Alarmreaktion einerseits und dem achtsamen Zustand wohlwollender Beobachtung des Alarms andererseits für die Erreichung der Therapieziele (wie beispielsweise die Verbesserung der Selbststeuerung, die Steigerung der Flexibilität und der Stressresistenz) vollkommen ausreicht.
Kognitive Aspekte
Parallel zum Anstieg des physiologischen Arousals kommt es zu der typischen kognitiven Einengung, welche die menschliche Alarmreaktion kennzeichnet. Sie führt in der Wahrnehmung, im Denken und in den verfügbaren Handlungsoptionen zu einer unwillkürlichen Fokussierung auf den bedrohlichen Reiz. In Abbildung 1.3 ist diese zunehmende Einengung mit steigendem körperlichem Arousal als nach oben verengter Trichter dargestellt. Die Denkinhalte sind, je mehr sich die Aktivierung zuspitzt, umso stärker negativ gefärbt und beschäftigen sich einerseits mit möglichen Risiken und Bedrohungen und sind andererseits in hektischer Weise fixiert auf das Verstehen der Situation und das Suchen nach einer schnellen Lösung oder nach einem Ausweg. Die alarmtypische Qualität der Kognitionen innerhalb der beschriebenen Einengung unterstreicht die Tatsache, dass sich das Alarmsystem sowohl subkortikal-reflexhafter wie auch höherer kortikaler Funktionen bedient, um das Überleben des Individuums sicherzustellen. Im Zustand der Alarmaktivierung werden, ganz entsprechend der höchsten Priorität, die das unmittelbare Überleben gegenüber allen anderen Aufgaben genießt, die Kapazitäten aller Hierarchieebenen im Gehirn in Anspruch genommen. In den Abschnitten 1.2.2 und 1.2.8 wird einerseits auf die Verankerung der alarmbedingten Kognitionen im sozialen Kontext einer Person eingegangen, andererseits auf deren Konstrukt-Charakter nach den Gesichtspunkten von „Wenn-dann“-Verknüpfungen und „Gut-schlecht“-Kategorien.
Kognitive und sprachliche Dimension der Alarmreaktion
EingeengtUnflexibel