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Christian Keltermann ist ein sehr gefragter Kabarettist. Er hat in 22 Bühnenjahren über 1.500 Auftritte mit 13 abendfüllenden Programmen gespielt und war regelmäßig in Kabarett- und Comedyshows im Fernsehen (ARD, Sat 1, Pro 7, NDR, BR u.a.) zu Gast. Darüber hinaus schrieb und veröffentlichte er über 30 Bücher (speziell über unerklärliche Phänomene) und brachte diverse CDs und DVDs mit seinen Programmen heraus. Keltermann arbeitet auch erfolgreich hinter den Kulissen, schreibt Programme und Gags für Kollegen, entwirft Theaterstücke, ist Ghostwriter und schreibt für die Bühne, Funk und Fernsehen. Doch die Schattenseiten des Showgeschäfts kosteten ihn fast das Leben. Aufgrund von Tourneestress, unbeschreiblichem Leistungsdruck und Depressionen begann er zu trinken. Über zehn Jahre bekämpfte er den übermenschlichen Anspruch an sein Schaffen und Wirken mit mehreren Flaschen Wodka täglich. Als es gesundheitlich fast schon zu spät war, nahm er den Kampf mit der Sucht auf und unterwarf sich einem gefährlichen, lebensbedrohlichen kalten Entzug. Christian Keltermann berichtet offen und schonungslos von seiner jahrelangen Sucht und gibt Ratschläge und Tipps zum erfolgreichen Leben ohne Alkohol. In Deutschland trinken 6,7 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren regelmäßig Alkohol, 1,6 Millionen Menschen gelten als alkoholsüchtig, über 74.000 Menschen (Dunkelziffer höher!) sterben jährlich an den Folgen des Alkoholkonsums. Keltermann holt die Alkoholsucht aus der "Schmuddelecke" und legt schonungslos offen, dass Sucht ein Problem aller sozialen Schicht ist und nicht nur der "Schwachen", "Armen" oder "Asozialen".
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Ausgesoffen
Mein Weg aus der Sucht
„Ausgesoffen“1. Auflage Printausgabe April 2022
Ancient Mail Verlag Werner Betz
Europaring 57, D-64521 Groß-Gerau
Tel.: 00 49 (0) 61 52/5 43 75, Fax: 00 49 (0) 61 52/94 91 82
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Korrektorat: Hannah Arbeit, Berlin-Köpenick
Covergestaltung: Karl Lesina, Luna Design KG
Liebe Leserin, lieber Leser!
Es folgt ein (lebens-)wichtiger Hinweis. Auf den folgenden ersten Seiten berichte ich detailliert über meinen kalten Entzug.
Ich möchte und muss Sie darüber in Kenntnis setzen, dass ein kalter Entzug lebensgefährlich sein kann. Sollten Sie auch mit dem Trinken aufhören wollen, dann befragen Sie hierzu bitte Ihren Hausarzt oder einen erfahrenen Suchtmediziner oder holen Sie sich Rat und Hilfe in einer entsprechenden Klinik.
Mein Buch ist ein Erfahrungsbericht und kein Ratgeber. Darauf weise ich mit Nachdruck hin.
Jeder Suchtkranke braucht eine individuelle Therapie und Behandlung die auf den Einzelfall medizinisch abgestimmt werden muss.
Nehmen Sie bitte von einem unbetreuten kalten Entzug ohne ärztliche Beratung in jedem Fall Abstand.
April 2022
Christian Keltermann
Inhalt
Der letzte Absturz
Die Entscheidung – Oder der erste Tag vom Rest meines Lebens
Der Weg in die Sucht
Kalter Entzug
Modedroge Alkohol
Die Phasen des Alkoholismus
Die unterschiedlichen Alkoholiker-„Arten“
Die erste Woche ohne Alkohol oder „Die pure Verzweiflung“
Tag 4
Tag 7
Kreative Alkis
Die Kunst und hochfunktionierende Alkoholiker
Der erste Monat ohne Alkohol
Der co-abhänige Partner
Ernest Hemingway, Charlie Sheen und Ozzy Osbourne – sie saufen doch alle
Alkohol macht reicht – Leben wie ein König durch das Elend der Kunden
Die „Mon Chérie Falle“ oder wie lebe ich bewusst abstinent
Von Schoko-Eis bis Nougathörnchen – Die Promillefallen im Leben eines trockenen Alkoholikers
Spiritualität und Alkoholismus – Wonach suchen Süchtige wirklich?
Ist Alkohol eine Sucht oder doch nur eine schlechte Angewohnheit?
Ohne Alkohol auf stressiger Deutschlandtour – Das Unfassbare ist wahr geworden!
Trink doch einfach weniger – Das „Alles unter Kontrolle haben“
Kein Alkohol – Mehr oder weniger Lebensqualität
Der „Trockene Rausch“ – War es nüchtern betrachtet besoffen besser?
Trocken auf Tour II – Immer nüchtern on Stage
Ich will nicht zu den Anonymen Alkoholikern
Der Mythos von der „suchtgefährdeten Person“
Die Bestie schläft ...
Quellenverweise
Über den Autor
Der letzte Absturz …
Es ist erst 19:40 Uhr, aber trotzdem alles andere als einfach. So früh am Abend und ich bin – gelinde gesagt – mal wieder stockbesoffen. Den Treppensturz rückwärts habe ich überlebt. Mal wieder gelingt es mir erst im gefühlt hundertsten Versuch, den Schlüssel in das Schlüsselloch zu manövrieren. Aber es gelingt. Im wiederholten Versuch gelingt es immer. Vorsichtig fasse ich an meinen Kopf und sehe auf meine Finger. Blut – schon wieder Blut. Ich bin sehr hart auf den Hinterkopf gefallen. Die Wendeltreppe ist störrisch und außerdem aus Holz. Hier stürze ich fast wöchentlich, dabei schlage ich mir meinst nur den Rücken kaputt. Dann habe ich Schmerzen und gehe ins Krankenhaus. Natürlich habe auch ich die Säuferlügen drauf, wie wohl jeder Alkoholiker. In der Dusche sei ich ausgerutscht und auf den Steiß gefallen oder beim Radeln über eine Wurzel gefahren und vom Fahrrad gestürzt. Dann werde ich geröntgt und bekomme Ibuprofen Tabletten. 400 Milligramm pro Tablette. Ich nehme drei oder vier und gehe dann wieder in die Kneipe.
Mittlerweile sitze ich in der Küche. In meiner Hand ein Glas Wodka-Cola. Der gute Wodka Gorbatschow. Mit Cola „halbe-halbe“ gemischt. Ich weiß gerade noch, wo ich bin. Immerhin zu Hause. Ich fasse mir erneut an den Hinterkopf. Wieder sehe ich Blut. Oh bitte, keine Platzwunde! Das kann ich gar nicht gebrauchen. Ich exe die Wodka-Cola-Mischung und fülle mir schon wieder eine genauso harte Mischung in mein Glas. Ich rede mit mir selbst und freue mich. Nebenbei lege ich mir Musik auf. Altberliner Lieder aus den 20er Jahren. Das erfreut mich. Dann gehe ich ans Küchenfenster und zünde mir eine Zigarette an. Diese rauche ich trotz der Winterkälte am offenen Fenster. Nebenbei leere ich erneut in zwei Zügen die Wodka-Cola-Mischung. Ich fühle mich glänzend. Nebenbei torkele ich ins Badezimmer und sehe mein Antlitz im Spiegel an. Mein wunderschönes weißes Oberhemd ist benetzt mit Blutspritzern. Egal, was soll‘s. Aus einem Badehandtuch bastele ich mir einen Turban, um meine Blutungen am Kopf zu stoppen. Ganz schnell gehe ich zurück in die Küche. Noch eine Mischung Wodka-Cola, natürlich wieder „halbe-halbe“.
Jeder Tag ist eigentlich gleich. Eineinhalb Flaschen Wodka trinke ich von 16:00 bis 18:00 Uhr. Dann schleiche ich runter in die Kneipe und trinke dort ein oder zwei Hefeweizen, die ich meist gar nicht mehr schaffe. Anschließend gehe ich wieder hoch in meine Wohnung und trinke die verbliebene halbe Flasche Wodka. Dass ich stürze, kommt öfter vor. Doch heute war der absolute Höhepunkt. Nach der ersten Dröhnung stürze ich bereits beim Hinabsteigen der Stufen. Dann zwei Hefeweizen und einige „Zündkerzen“, so nennt ein Alkoholiker die „Flachmänner“. In meinem Fall sind es Kümmerlinge. Beim Hochsteigen der Wendeltreppe stürze ich von der obersten Stufe und nehme laut polternd jede weitere mit. Die Rückenschmerzen verspüre ich ja sowieso erst morgen. Heute schlage ich mir aber böse den Kopf auf. Ich bleibe minutenlang am Ende der Treppe liegen und brauche mindestens genauso lange, um mich wieder aufzurichten und mühevoll die Treppe empor zu steigen.
So geht es seit fast zwei Jahren jeden Abend. Ich trinke täglich bis zum Filmriss und kann mich am folgenden Morgen gar nicht mehr an den Vorabend erinnern. Was ich unten in der Kneipe erzähle, das weiß ich sowieso nicht mehr. Hoffentlich nichts Peinliches. Aber was soll‘s. Die zweite Flasche Wodka ist fast alle. Ich mutmaße. Zwei Mischen kriege ich noch hin. Auch wenn ich voll bin wie eine ganze Kaserne voller trinkfester Russen, treffe ich die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen. Türen abschließen, ganz besonders die Eingangstür.
Da ich zur Kategorie jener Menschen gehöre, die unbekleidet schlafen, wäre es eine Katastrophe, wenn ich mich erneut aussperren sollte. Das ist mir bereits passiert. Saublöde Situation. Nackt und ohne Schlüssel vor der eigenen Haustür. Damals habe ich meine aus Holz bestehende Haustür einfach wie ein Irrer eingetreten, dann die Vermieterin informiert und der herbeigerufenen Polizei erzählt, das wäre schon so gewesen, als ich nach Hause kam. War es aber nicht.
Um weitere solcher Erlebnisse zu vermeiden, gehört das Verschließen der Haustür zu meinem abendlichen Ritual. Der Schlüssel wird in mein Büro gebracht. Dort landet er im Schrank. Die Bürotür verschließe ich ebenfalls. So besteht gar nicht die Gefahr, dass ich mich aussperre.
Langsam trinke ich meine vorletzte Mischung und wickele mir den „Turban“ vom Kopf. Das gelbe Handtuch ist komplett durchgeblutet. Ich werfe es in die Ecke. Vermutlich erinnere ich mich am nächsten Morgen sowieso nicht mehr, wie das passieren konnte und woher das Handtuch überhaupt kommt. Ich wackle ins Badezimmer, ziehe mein Oberhemd und mein T-Shirt aus und werfe es in den Wäschekorb für die Schmutzwäsche. Blut geht mit kaltem Wasser raus, ob das wirklich stimmt, das werde ich irgendwann feststellen. Beim Blick in den Spiegel erschrecke ich. Mein ganzer Körper ist übersät von blauen Flecken und von roten Abschürfungen. Ist ja kein Wunder. Jeden Abend renne ich im Suff irgendwo gegen und schlage mir versehentlich blaue Flecken und Wunden. Ich finde, mein Gesicht hat auch schon deutlich gelitten. Ich sehe irgendwie krank aus. Aber ich bin nicht abhängig, natürlich nicht süchtig.
Ich trinke wirklich gerne. Ich bin wirklich gerne besoffen. Außerdem schlafe ich dann wie ein Baby bis morgens um Vier oder Fünf. Ich kann nicht gut einschlafen und habe einen sehr unruhigen Schlaf. Mit Alkohol im Vollrausch geht es aber sehr gut. Man könnte auch Schlaftabletten nehmen, aber das wäre nach Meinung von Ärzten vermutlich nur ein Verlagern der angeblichen Sucht.
Es gibt tatsächlich Menschen, die mir einreden wollen, dass ich süchtig bin. Abhängig vom Alkohol? Ich? Nein, niemals. Ich kann gar nicht alkoholabhängig sein. Wie soll das denn gehen? Seit 22 Jahren stehe ich –durchaus erfolgreich – als Kabarettist auf der Bühne. In großen, ausverkauften Theatern. Wenn ich aber auf Tournee bin, dann ist mein Trinkverhalten vollkommen anders. Habe ich spielfrei oder befinde ich mich in einer pandemiebedingten Pause, dann trinke ich ab 16:00 Uhr. Eine halbe Stunde vorher schenke ich mir dann schon die Wodka-Cola Mischung ein, damit das Trinken pünktlich um 16:00 Uhr starten kann.
Wenn ich auftrete, dann bin ich durchaus sehr ehrgeizig und willensstark. Vor dem Auftritt gibt es drei kleine Biere oder zwei Gläser Wein. Das ist gegen das Lampenfieber und ich kann mich noch vollständig konzentrieren und meine Leistung abrufen. In der Pause des Programms lege ich noch etwas Alkohol nach. Wenn der Auftritt vorbei ist, dann lange ich richtig zu. Damals noch zehn halbe Liter Bier und eine Flasche Sambuca. In den letzten Jahren zwei Flaschen Wodka mit Cola verdünnt und einige Biere und Kümmerlinge dazu. In der Kabarettszene habe ich laut Hinweisen mehrerer Kollegen den Ruf, ziemlich „trinkfest“ zu sein.
Aber was interessiert mich schon das Gerede von Kollegen? Immer häufiger höre ich von Menschen aus meinem näheren Umfeld, ich hätte ein „Alkoholproblem“ oder ich sei sogar „alkoholsüchtig“. Süchtig? Ich? Keinesfalls. Ich lebe seit 22 Jahren vom Kabarett, besitze einen gehobenen bar bezahlten Mittelklasse-Wagen, bewohne eine sehr geräumige 3-Zimmer Wohnung in Cuxhaven, nur fünf Minuten vom Strand und vom Hafen entfernt, kann mir Markenklamotten und Schmuck leisten und gehe fast jeden Tag essen. So lebt doch kein Alkoholsüchtiger.
Wer sind denn Alkoholiker? Alkoholiker sind Schwache, Asoziale, Penner. Vollkommen gescheiterte Existenzen, die unter Brücken oder auf S-Bahnhöfen wohnen. Jene, die Leergut sammeln oder betteln, um sich den billigsten Suff leisten zu können. Alkoholiker tragen keine teuren Anzüge von Armani und wohnen an der Nordsee am Wasser. Alkoholiker wohnen höchstens in Obdachlosen- und „Pennerheimen“. Alkoholiker haben keinen Besitz, sie haben ein rotes Gesicht, eine dicke rote Säufer- Knollennase mit Eiterpickeln, sie stinken nach Schweiß und Dreck, weil sie sich nicht waschen, sie haben lange verfilzte Haare und genauso lange, ungepflegte Bärte, sie wackeln beim Gehen und brabbeln vor sich hin. Natürlich haben sie auch vorne keine Zähne. Alkoholiker haben alle vorne keine Zähne! In den Obdachlosen-heimen wohnen sie natürlich nur wegen der Sucht. Die „Säuferpenner“ haben sich das Wohngeld vom Job Center selbst auszahlen lassen und dann das sowohl das Hartz IV als auch die Miete versoffen. Irgendwann sind sie dann aus der Wohnung geflogen und in einem „Pennerheim“ gelandet. Lange vorher haben sie natürlich schon ihre Arbeit verloren. Weil sie besoffen auf der Arbeit erschienen und dann im Suff von der Leiter oder vom Baugerüst gefallen sind.
Das sind Alkoholiker, aber doch nicht ich. Ich bin gut gekleidet und durchaus auch gut frisiert, ich habe Zähne im Mund und kann mich in der Öffentlichkeit gut verkaufen. Ich kann ja gar kein Alkoholiker sein. Aber trotzdem gibt es Menschen, die mir ins Gewissen reden wollen. Sogar Leute, von denen man es am wenigsten erwartet. Sogar Julia, meine Wirtin, hat mir morgens geraten, mit dem Alkohol kürzer zu treten. Als ich dann meinte, sie solle sich doch freuen, denn solange ich trinke, verdient sie ihr Geld, meinte sie, dass sie auch nicht so viel verdienen würde, wenn ich schon „angeditscht runter kommen und mein zweites Hefeweizen gar nicht mehr schaffen“ würde.
Während ich am Küchentisch sitze und dort schon das dritte Mal im Rausch vom Stuhl gefallen bin, denke ich zum ersten Mal nach. Habe ich wirklich ein Problem? Gesundheitlich habe ich schon etwas bemerkt. Ich habe durchgehend Magenschmerzen und Schmerzen an der Bauchspeicheldrüse. Mit Tabletten bekomme ich das weg. Aber die Schmerzen kommen immer wieder. Ich habe jeden Tag Schwindelanfälle und so ein „komisches Gefühl im Kopf“. Manchmal denke ich, dass ich tagsüber umkippe. Steht der Suchtstoff dem Körper nicht mehr zur Verfügung, sind körperliche (zum Beispiel Verwirrtheit, Schwitzen, Blutdruckerhöhung, beschleunigter Herzschlag, leichte Übelkeit, Zittern) und psychische Entzugserscheinungen (zum Beispiel psychomotorische Unruhe, Reizbarkeit, Ängstlichkeit) die Folge.
Ich glaube mittlerweile, dass ich alle diese Symptome habe. Seit 18 Monaten beginne ich schon morgens mit dem Trinken. Manchmal wache ich nachts auf und mache mir eine Wodka-Cola-Mischung. Morgens trinke ich jeden Tag eine Mische. Aber das „Filmriss-Trinken“ beginnt immer erst um 16:00 Uhr. Wie bereits berichtet liege ich fast täglich um 20:00 Uhr betrunken bis zum Verlust der Muttersprache im Bett. Ich bin mir aber immer noch sicher, dass ich alles unter Kontrolle habe, obwohl mich immer mehr Menschen auf mein Suchtverhalten ansprechen. Seit über zwei Jahren trinke ich nur noch zu Hause. In Corona-Zeiten nenne ich das „Geld sparen“, außerdem hat es sich wegen des Lockdowns sowieso ergeben, zu Hause zu trinken. Die Kneipen hatten halt einfach wegen der Maßnahmen geschlossen.
Ich beginne zum ersten Mal nachzudenken, ich schaffe es immerhin noch, nach zwei Flaschen Wodka klare Gedanken zu fassen. Zumindest glaube ich das. In Hinterkopf höre ich immer die Stimmen von Freunden und Kollegen, die mir sagen, dass ich ein Alkoholproblem habe und dass ich zu viel trinke. Natürlich trinke ich zu viel. Aber ich habe es doch im Griff. Zumindest denke ich das. Aber meine gesundheitlichen Kapriolen machen mir schon manchmal Sorgen. Der ewige Schwindel. Und dann morgens schon der „Saufdruck“.
Die Folgen einer Alkoholsucht schlagen sich angeblich in verschiedenen psychischen und physischen Symptomen und im Verhalten alkoholkranker Menschen nieder. Ratgeber empfehlen häufig Folgendes: „Wer also bei einem geliebten Menschen oder einem guten Freund bemerkt, dass sich gravierende Veränderungen im Verhalten oder im Wesen einstellen, sollte dies als erstes Alarmsignal werten. So fallen Alkoholsüchtige im Umgang mit anderen Menschen häufig dadurch auf, dass sie leicht reizbar sind, schnell „aus der Haut fahren” oder übermäßig emotional reagieren. Das gilt sowohl für den Fall, dass sie auf ein mögliches Alkoholproblem angesprochen werden, als auch für ganz gewöhnliche und alltägliche Situationen im Leben. Ein weiterer Hinweis auf einen chronischen Alkoholmissbrauch kann eine wachsende Unzuverlässigkeit sein. Wer zu viel Alkohol trinkt, vernachlässigt ab einem gewissen Stadium der Krankheit häufig soziale oder berufliche Verpflichtungen. Unpünktlichkeit oder das Nichteinhalten von Verabredungen können im Zusammenspiel mit anderen relevanten Faktoren ebenfalls Indikatoren dafür sein, dass jemand alkoholkrank ist. Nicht selten folgen irgendwann der soziale Rückzug oder die Hinwendung zu Personen, die den starken Konsum von Alkohol eher tolerieren, obwohl der Süchtige ohne den Alkoholismus mit diesen Personen vermutlich nicht in Kontakt getreten wäre.“
Solche Berichte über Alkoholismus bestärken mich in der Annahme, nicht süchtig zu sein. Ich fahre nicht leicht aus der Haut, reagiere nicht übermäßig emotional und ein Vernachlässigen beruflicher oder sozialer Verpflichtungen kenne ich ebenfalls nicht. Von 7:00 Uhr morgens bis 16:00 Uhr arbeite ich. Ich mache mein Management vollkommen alleine, organisiere Tourneen und Gastspiele, ich betreibe mein Büro, schreibe pausenlos Kabaretttexte und Programme. Ich vernachlässige nichts und niemanden. Auch wenn ich in den letzten Monaten den Tag schon mit einer Wodka-Cola-Mische starte. Meine Arbeit habe ich nie vernachlässigt und eine Hinwendung zu Personen, die den Alkoholkonsum tolerieren gibt es bei mir nicht.
Ein guter Freund aus Berlin-Köpenick, wo ich fast zehn Jahre wohnte, arbeitet in einem Obdachlosenheim. Die Bewohner sind in Gänze alkoholkrank. Morgens um 06:30 Uhr warten sie vor dem kleinen Supermarkt, der erst um 07:00 Uhr öffnet. Eine halbe Stunde vor der Ladenöffnung warten sie wie Zootiere im Gehege, dass nun endlich der Laden aufmacht und man sich Billigbier und No-Name-Schnaps kaufen kann. Im Anschluss gehen sie in einen Dönerladen, sitzen dort in der extra abgetrennten Raucherecke und betrinken sich Tag für Tag bis zur Besinnungslosigkeit. Ich habe das Ganze mehrfach gesehen. Natürlich wollte ich nicht dazugehören. Außerdem gehen die Heimbewohner durch den Ort, um Kleingeld zu schnorren, und ab dem fünften Kalendertag haben sie sowieso den ganzen Monat ihr Bier angeschrieben, nur um am Hartz IV-Zahltag ihr ganzes Geld dem Dönermann zu geben. DIE sind alkoholsüchtig, ich doch nicht.
Menschen anhand der obig aufgeführten Kriterien (u.a. Reizbarkeit, gesteigerte Emotionalität oder sozialem Rückzug) als Alkoholkranke zu identifizieren, ist sehr schwierig. Offensichtlicher ist es, einen Alkoholiker zu erkennen, wenn sich zusätzlich zu den aufgeführten Anzeichen im Haushalt zahlreiche Alkoholflaschen finden, die Ausgaben für Alkohol steigen oder der Betroffene in geselliger Runde vermehrt zu trinken beginnt.
Neben den psychischen Folgen einer Alkoholkrankheit macht sich eine Abhängigkeit auch körperlich bemerkbar. Wer über einen langen Zeitraum hinweg größere Mengen an alkoholischen Getränken zu sich nimmt, der verursacht dadurch schließlich auch Veränderungen am eigenen Körper. So steht der schädliche Gebrauch von Alkohol nicht nur im Verdacht, Krebs zu fördern und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems zu begünstigen, sondern führt über kurz oder lang auch zu ernsthaften Leberschäden. Diese körperlichen Auswirkungen eines exzessiven Alkoholkonsums sind für den Nicht-Mediziner von außen nicht zu beobachten. Es gibt jedoch auch physische Veränderungen am Körper von Alkoholkranken, die als deutliche Symptome eingestuft werden können.
Zittern von Augenlidern oder Händen/Fingern
Appetitlosigkeit
Magen-Darm-Beschwerden unterschiedlicher Art
Hang zum Schwitzen
Diese vier körperlichen Veränderungen trafen zu einhundert Prozent auf mich zu.
Wie und was ich weiterhin dachte oder tat, das wusste ich nicht mehr. Irgendwann lag ich wieder mit einem Filmriss im Bett und konnte mich am nächsten Morgen nicht mehr an den Vorabend erinnern. So ging es mittlerweile jeden Abend. Es startete am nächsten Morgen ein neuer Tag.
Die Entscheidung … Oder der erste Tag vom Rest meines Lebens
Ein Tag ist erst vergangen seit meinem letzten Rausch. Doch sollte der letzte Rausch vom Vortag wirklich der letzte Rausch meines Lebens werden? Ich liege noch im Bett und habe natürlich den „Saufdruck“. Wie ich an Alkohol komme, ist nicht schwer. Das ist der Unterschied zu illegalen und harten Drogen. Man braucht keinen Dealer und man riskiert keine Haftstrafe, wenn man mit Alkohol angetroffen wird. Alkohol ist nicht illegal und die Beschaffung problemlos. Und das Tolle ist: Im Gegensatz zu vielen illegalen und harten Drogen ist er wirtschaftlich wirklich sehr erschwinglich. Eine Flasche Wodka, den billigsten von Lidl oder Aldi, gibt es schon für knapp fünf Euro. Sogar ein Empfänger von Hartz VI kann sich also problemlos jeden Tag zwei Flaschen davon leisten und dann bliebe immer noch ein bescheidener Rest zum Erwerb von Lebensmitteln, die man kauen kann.
Ich jedoch bin ein erfolgreicher Kabarettist und Buchautor. Für den Suff ist immer Geld. Außerdem erlaubt mir mein wirtschaftlicher Status auch, mir jeden Tag in der Kneipe die Rübe zuzusaufen. Aber ich will ja nicht, dass mich jeder bei der „Druckbetankung“ sieht.
Ich liege immer noch mit Saufdruck im Bett. Ich habe richtig „Japs“ auf Alkohol. Wie eine Schwangere nach sauren Gurken mit Schokoladencreme. Mir ist übel. Ich muss würgen. Mir wird morgens oft schlagartig übel. Die Übelkeit überrascht meinen Körper wie ein Tsunami. Jeder Muskel krampft. Ich muss würgen. Würgen, ohne dass etwas kommt. Halt finde ich am Waschbeckenrand, an dem ich mich nun abstütze, während ich würge und würge. Trockenkotzen. Schweiß steht mir auf der Stirn, Tränen laufen mir über das Gesicht. Vor Anstrengung. Nicht aus Trauer oder Scham.
Aber gleich würde es mir besser gehen. In der Küche steht im Kühlschrank immer eine Flasche saukalter Wodka parat mit ebenfalls saukalter Coca Cola. Ich hatte irgendwann begonnen, mir im Supermarkt gleich einen ganzen Karton Flaschen Wodka zu kaufen. Ich brauchte mittlerweile das beruhigende Gefühl, zu wissen, dass überall immer eine Flasche greifbar war.
Voller Gier schnappe ich mein großes Glas. Leicht zitternd fülle ich es bis zur Hälfte mit Wodka auf. Vielleicht ist es – wie so oft morgens – etwas mehr als die Hälfte Wodka. Dann füllte ich den Rest mit Cola auf. So geht es seit Jahren, seit der Coronapandemie aber jeden Morgen. Es wartet ja keine Verantwortung mehr auf mich.
An jedem anderen Tag verschlang ich die erste Mische wie ein Seehund seinen Hering. Ganz schnell weg damit. Bereits nach wenigen Minuten trat immer das Gefühl einer wunderschönen Glücksseligkeit ein. Wenn es gut lief, war mittags bereits die erste Flasche Wodka intus. Das ging ziemlich schnell. Trotz alledem kam ich meinen Verpflichtungen nach. Ich ließ niemals einen Auftritt platzen und meine Telefonate und Geschäftsgespräche erledigte ich ebenso wie meine Post, die jeden Tag stapelweise auf meinem Schreibtisch lag. Es gibt Menschen, die kriegen besoffen gar nichts mehr gebacken. Die verlieren durch den Dämon Alkohol wirklich Schritt für Schritt alles.
Ich war ein funktionierender Alkoholiker. Dabei musste doch irgendjemand etwas gemerkt haben. Jeder musste meine alkoholikertypischen Hamsterbacken gesehen haben. Ich sah sie! Angeblich waren sie eine Schwellung der Ohrspeicheldrüsen als Folge der Mangelernährung. Kein Wunder - mittlerweile häuften sich die Tage, an denen ich außer Alkohol nichts zu mir nahm. Früher, als ich noch Bier getrunken habe, aß ich den ganzen Tag auch nichts, aber abends wenn ich selig im Bierdelirium lag, bekam ich immer Heißhunger und habe den Kühlschrank geplündert. Da hätte ich nachts aufstehen und ein halbes Schwein auf Toast essen können. Deshalb war ich immer ein fetter Biertrinker. Nachts habe ich gefressen wie ein Gartenhächsler, wenn ich vom Bier hungrig war.
Seit ich mindestens zwei Flaschen Wodka am Tag vernichte, esse ich manchmal eine Woche lang gar nichts. Es fällt mir nicht schwer. Ich habe auch gar kein Hungergefühl. Mir selber ist es egal. Ich rede mir sogar ein, dass ich dadurch abnehmen würde. Aber Wodka und Cola haben ja viel zu viele Kalorien. Mein Magen nahm auch gar nichts mehr an. Ich selber fand das gar nicht so schlimm. Aber wenn ich mit Freunden, Partnerinnen oder Kollegen essen gegangen bin, dann fiel das auf.
Ich weiß noch, wie ich abends mit meiner lieben Freundin Birgit im Restaurant des Golfclubs in Nettetal saß. Ich bestellte eines meiner Lieblingsgerichte, Paniertes Schnitzel mit krossen Pommes frites und Mayonnaise. Einen Salat gab es auch dazu. Diesen gab ich Birgit, denn sie bekam zu ihrem Thai Curry keinen Salat. „Ich esse sowieso keinen Salat“, war meine Entschuldigung. Auch mit dem Essen quälte ich mich, dabei aß ich Schnitzel doch für mein Leben gern. Birgit fragte mich mehrfach: „Schmeckt dir dein Schnitzel nicht?“ Ich sagte ihr, dass ich etwas Magenschmerzen hätte. In Wirklichkeit hatte ich schon im Hotel eine Flasche Wodka getrunken und hatte wirklich so gar keinen Hunger. Am liebsten hätte ich das Schnitzel weggebeamt oder heimlich in irgendeinen Blumenkübel geworfen. Letztendlich aß ich vielleicht drei oder vier Pommes frites und drei Bissen Schnitzel. Oberpeinlich, dass die freundliche Kellnerin mich mehrfach fragte, ob es mir nicht schmecken würde. Beim nächsten Mal könne ich mir auch eine halbe Portion bestellen, das war noch ihr Hinweis. Unfassbar, zumal ich doch ein dicker Mann bin, bei dem man davon ausgehen müsste, dass das Schnitzel inhaliert werden würde.
Birgit wollt mich zum Hotel fahren, doch ich bestand darauf, zu laufen. Auf halber Stecke kotzte ich die paar Bissen sogar noch aus.
So geht es seit fast zwei Jahren. Ich kann einfach kein Essen mehr bei mir behalten. Auch mein Patenkind Juliana und ihre Mutter Tina, mit der ich gemeinsam meine Ausbildung beim Arbeitsamt absolviert habe, sehen mein Essverhalten. Wenn ich bei den beiden in Letter, unweit von Hannover, zu Gast bin, dann werde ich quasi zum Essen „gezwungen“. Trotzdem kotze ich fast alles wieder aus und bete, dass keine der beiden etwas mitbekommen möge.
