Endlich gut genug! - Susanne Hühn - E-Book

Endlich gut genug! E-Book

Susanne Hühn

4,5

Beschreibung

Perfektionisten fühlen sich nie gut genug. Sie geißeln sich mit der Idee, dass es immer noch ein bisschen besser geht - und das stimmt sogar. Aber wenn man die Messlatte kontinuierlich höher hängt, wird man sein Ziel nie erreichen, weil es sich von einem wegbewegt, sobald man sich ihm nähert. Perfektionismus kann derart zwanghaft werden, dass er die Ausmaße einer Sucht annimmt, einer Sucht, die das Leben zerstören kann. Susanne Hühn erklärt den Unterschied zwischen echter, gesunder Selbstverbesserung und der Sucht nach Makellosigkeit, und sie zeigt Ursachen für das Stolpern in die Perfektionismusfalle auf. Sie bietet Bausteine für den Ausstieg aus der Sucht an und lädt die Leser dazu ein, mit ihr zusammen den Weg der Genesung zu gehen.

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Susanne Hühn

ENDLICH

GUT GENUG!

Von der Sucht nach Perfektion zu mehr Selbstliebe, Gelassenheit und innerem Frieden

Über die Autorin

 

 

Susanne Hühn wurde 1965 in Heidelberg geboren. Schon mit fünf Jahren beschloss sie, Masseurin zu werden. Nach dem Abitur besuchte sie eine Schule für Physiotherapie, machte 1986 ihr Staatsexamen und arbeitete danach als Krankengymnastin.

Der Zusammenhang zwischen dem Denken und Fühlen und dem körperlichen Symptom, das ihre Patienten jeweils zeigten, interessierte Susanne Hühn besonders, und so absolvierte sie Ausbildungen und Seminare zum Thema ganzheitliche Medizin. Mit 28 Jahren ließ sie sich zur psychologischen Beraterin ausbilden. Aufgrund eigener Themen kam sie auch in Kontakt mit spirituellen Therapieformen wie Kinesiologie und Reinkarnationstherapie nach Rhea Powers.

Parallel zu ihrer Tätigkeit als Physiotherapeutin begann Anfang der Neunzigerjahre Susanne Hühns Weg als spirituelle Lebensberaterin und Meditationslehrerin. Zudem fing sie an zu schreiben. Nach wie vor faszinierte sie der Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Seele, und so begab sie sich auf ihre eigene Forschungsreise. Ihr erstes spirituelles Selbsthilfebuch, Loslassen und Vertrauen lernen, entstand 1999 und wurde im Schirner Verlag veröffentlicht.

Im Jahr 2005 beendete Susanne Hühn ihre Tätigkeit als Physiotherapeutin. Seither widmet sie sich ganz der Lebensberatung und dem Schreiben von Büchern, Artikeln und Geschichten.

Weitere Informationen unter: www.susannehuehn.de

Gott wiederholt sich nicht, er ist ein Schöpfer von Unikaten – liebevoll formt die göttliche Schöpfung jede Seele einzigartig und perfekt.

Weißt du das? Weißt du, dass du perfekt bist und genau so, wie Gott dich haben wollte? All das, was du an dir nicht magst, sind Herausforderungen, die es für dich zu meistern gilt. Nicht, um dich zu verändern, sondern um Mitgefühl und Verständnis für das Menschsein zu erlangen. Du bist genau richtig, und du darfst damit aufhören, dich selbst abzuwerten. Wenn dir etwas an dir nicht gefällt, dann darfst du dich voller Mitgefühl und in Anerkennung deines menschlichen Weges in die Arme nehmen und es ändern. Dabei kommt es nicht darauf an, dass du erfolgreich bist, also dein Ziel erreichst – obwohl das für dich natürlich sehr ermutigend ist –, sondern darauf, dass du den Weg der Änderung gehst. Für deine Seele kommt es darauf an, dass du dich von Punkt A nach Punkt B bewegst, und hier ist tatsächlich der Weg das Ziel.

In dem Versuch, dich zu ändern (und damit noch mehr zu der bzw. dem zu werden, die bzw. der du in Wahrheit bist), erlangst du Bewusstsein, und du lernst, wie die geistigen Gesetze auf der Erde, in diesem besonderen Energiefeld der Materie, zur Anwendung kommen. Sei getröstet. Du bist richtig und genau so, wie du gemeint warst. Dennoch oder gerade deshalb darfst du die Lebensbereiche, in denen du unzufrieden bist, in deine Hände nehmen und deine Energie erhöhen, mehr von deinem eigenen Licht verwirklichen …

Dieses Buch enthält Verweise zu Webseiten, auf deren Inhalte der Verlag keinen Einfluss hat. Für diese Inhalte wird seitens des Verlags keine Gewähr übernommen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich.

 

 

 

 

ISBN 978-3-8434-6060-6

Susanne Hühn:Umschlag: Murat Karaçay, Schirner,Endlich gut genug!unter Verwendung von # 6558419 (Sunnydays)Von der Sucht nach Perfektionund # 15958939 (laxmi), www.fotolia.dezu mehr Selbstliebe, GelassenheitSonnenmotiv im Text: # 6558419 (Sunnydays),und innerem Friedenwww.fotolia.de; Autorenfoto: Susanne Hühn© 2012 Schirner Verlag, DarmstadtRedaktion: Tamara Kuhn, Schirner E-Book-Erstellung: HSB T&M, Altenmünster

www.schirner.com

1. E-Book-Auflage 2015

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten

Inhalt

Über die Autorin

Vorwort

Der erste Schritt

Wir geben zu, dass wir unserer Sucht nach Perfektion und nach unbarmherziger Selbstkritik machtlos ausgeliefert sind, und wir kapitulieren.

Der zweite Schritt

Wir kommen in das Vertrauen, dass es höhere, spirituelle Kräfte gibt, die uns in eine neue schöpferische Freiheit führen können.

Der dritte Schritt

Wir beschließen, unser Leben, besonders unsere Sucht nach Perfektion, der lebendigen Schöpferkraft anzuvertrauen, um neue Wege zu finden.

Der vierte Schritt

Wir schauen uns an, wie unsere Angst davor, nicht gut genug zu sein, wirkt, wo sie angemessen ist und wo sie eventuell Schaden angerichtet hat – wir machen eine Inventur.

Der fünfte Schritt

Die Kraft der Selbstvergebung – Vergebung, Frieden und Mitgefühl mit uns selbst

Der sechste Schritt

Wiedergutmachung – unsere Lebensfreude auf die Erde holen

Der siebte Schritt

Spirituelle und emotionale Selbstverantwortung übernehmen

Nachwort

Hinweis

Vorwort

 

 

Hallo, liebe Leserin, lieber Leser,

ich heiße Susanne, und ich bin nicht gut genug.

»Was hat sie denn jetzt«, fragst du dich wahrscheinlich kopfschüttelnd, »verfällt sie in negatives Denken? Programmiert sie sich auf Mangel? Zeigt sie endlich ihr wahres Gesicht?«

Ja. So kommt es mir vor. Mein wahres Gesicht. Ich sitze an einem Tisch in einer kuscheligen Wellnessoase (mir eine echte Auszeit zu geben, war die beste Idee, die ich seit langer Zeit hatte!), ich entspanne mich nach einer anstrengenden Tour durch Österreich und einem insgesamt anstrengenden Jahr – doch statt dass ich loslasse, statt dass ich ausgeruht, strahlend und glücklich hier sitze, glüht mein Gesicht. Es ist rot, es spannt, ich sehe echt schlimm aus. Was ist passiert, frage ich mich. Normalerweise habe ich eine recht unempfindliche Haut. Ich versuche wirklich, liebevoll mit mir selbst umzugehen, ich führe nach vielen Jahren des inneren und des äußeren Kampfes (oder sagen wir einfach »auf dem Weg«) ein privilegiertes Leben, ich verbringe meine Tage mit Schreiben, mit spirituellen Seminaren, mit den Menschen und Tieren, die ich zutiefst liebe – in dem Haus, nach dem ich mich immer gesehnt habe. Wenn ich heute nicht glücklich und zufrieden bin, wann soll ich es denn dann sein?

Ich atme und spüre in mich hinein. Was fühle ich? Scham. Ich bin sichtlich verletzbar, sehe nicht so strahlend aus, wie ich es von mir erwarte und wie es, wenn ich genau hinschaue, auch andere oft von mir erwarten – ich arbeite mit hohen Energien, wenn ich nicht strahle, wer denn dann? Ich bin sichtlich verletzbar, wund, nicht perfekt, nicht mal ansatzweise erleuchtet. Ich spüre Trauer. Ich kann mich selbst nicht loslassen, meine absurden Ansprüche an mich nicht einfach mal ruhen lassen.

Und schon höre ich diese innere Stimme: »Sind diese Ansprüche wirklich so absurd, oder solltest du nicht danach streben, dich zu verbessern? Können sie nicht Ansporn sein – solltest du dich nicht einfach mehr anstrengen?« Bin ich tatsächlich nicht gut genug, fällt anderen das, was ich tue, nicht sehr viel leichter? Es stimmt ja, ich weiß, je länger ich diesen Weg gehe, immer deutlicher, wie wenig ich in Wahrheit weiß.

Und ich fühle Druck. Womöglich selbst gemacht, womöglich nicht. Mein Gesicht brennt wie Feuer, während ich das schreibe, ich bin mir dicht auf den Fersen.

Vor ein paar Monaten wurde ich für das gerade vergangene Wochenende nach Österreich eingeladen. Ich hatte die Ehre, während einer großen Veranstaltung einen Vortrag zum Thema Selbstliebe zu halten; einen Tag später sollte es zu diesem Thema einen Workshop geben. »Wir rechnen mit mindestens hundert Leuten«, sagte der Veranstalter, »vor drei Jahren waren es sogar dreihundert. Du wirst ein volles Haus haben.«

Hilfe! Das war eine böse Falle. Ich weiß, welche Kollegen große Hallen füllen, und ich gehöre nicht dazu. Vor allem deshalb nicht, weil ich mich nicht wohlfühle, wenn ich vor einer relativ unpersönlichen, weil großen Anzahl von Menschen sprechen soll. (Meine innere Perfektionistin allerdings glaubt, sie sei nicht gut genug – und woher weiß ich, dass das nicht einfach auch stimmt?) Ich liebe kleinere, überschaubare Seminare, bei denen ich echten Kontakt habe, kleine, intime Gruppen, mit denen ich in direkte, persönliche Kommunikation treten kann.

Gleichzeitig spürte ich hinsichtlich der großen Veranstaltung den Anspruch an mich selbst, all diese vielen Menschen auch anzuziehen, den Veranstalter nicht zu enttäuschen, denn er investierte eine Menge Geld in die Miete eines großen Hotelsaals. Und natürlich hatten auch Mike und ich einen ziemlich großen finanziellen Aufwand, lange Anreise, Übernachtungen … Es sollten also schon einige Menschen kommen, damit sich der Aufwand ausgleichen würde.

Das war eine echte Zwickmühle. Hätte ich mein eigenes Thema Selbstliebe ernst genommen, dann hätte ich nicht zusagen dürfen – und wenn doch, dann mit dem Hinweis, dass ich sehr gern ein Seminar gebe, aber mit viel weniger Teilnehmern. Punkt. Wir sind im Jahr 2012, und in diesem Jahr positionieren wir uns, erkennen wir in jedem Lebensbereich unseren wahren Platz an.

Ich sagte dennoch zu, denn erstens mag ich den Veranstalter, und zweitens waren mir diese Zusammenhänge zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Außerdem würde ich mich ernsthaft fragen, was denn mit mir los sei, wenn ich es nicht wenigstens probieren würde, dachte ich. Ich hatte schließlich schon erfolgreiche, lebendige Vorträge mit achtzig, hundert Leuten gehabt.

Wir fuhren also sehr viele Kilometer. Der Veranstalter sagte, es gebe für den Workshop am nächsten Tag nur dreißig statt hundert verkaufter Eintrittskarten. Aber durch den Vortrag würde es sicher noch viele Anmeldungen geben. Puh. Während des Vortrages wusste ich, dass ich dafür sorgen musste, das Seminar am nächsten Tag zu füllen. So etwas ist eine ungeheure Herausforderung, die mich total überfordert. Ich kann nicht gleichzeitig an die geistige Welt angebunden sein, im Dienst am Licht stehen und den Menschen geben, was die geistige Welt durch mich geben will, UND auch noch gut genug sein, Menschen in meine Seminare zu ziehen. Das ist ein Anspruch, der mich innerlich zerreißt und mir in keiner Weise guttut, der nicht mal stimmig ist.

So sehr es mir selbst entgegenkam, dass der Workshop letztlich überschaubar und damit auch sehr intensiv war, so sehr schämte ich mich vor dem Veranstalter, denn ich hatte seine Erwartungen nicht erfüllt. Ich verglich mich mit den anderen Referenten, fühlte mich nicht gut genug, minderwertig, irgendwie einfach zweite Wahl, und stand auf einmal in Konkurrenz mit jenen Kollegen, die brillante Vorträge vor Hunderten von Menschen halten und darin aufgehen.

Und ich habe in solchen Situationen Angst – meine gesamte finanzielle Existenz hängt ja davon ab, dass ich Menschen berühren kann. Ich will mich also verkriechen, will einen Nine-to-Five-Job, in dem ich nicht sichtbar bin, und ich erlaube mir, mich wirklich traurig und beschämt zu fühlen.

Alles, was du, liebe Leserin, lieber Leser, mir dazu gern sagen würdest, ist mir bewusst. Ich weiß, wie absurd das alles klingt. Es klingt selbst gemacht, geradezu hochmütig und wichtigtuerisch, das ist Jammern auf wirklich hohem Niveau. Es ist selbst gemacht. Und das macht es ja noch schlimmer, denn ich weiß nicht, wie ich damit aufhören kann. Ich schreibe dieses Buch und erzähle diese Geschichte, weil ich einen echten, mein Leben zerstörenden Mangel in mir erkenne – ich bin perfektionistisch und damit niemals gut genug. Das ist mir schon sehr lange bewusst, doch heute erkenne ich, dass es Zeit wird, darüber zu schreiben.

Ich habe eine solche Angst davor, jemanden zu enttäuschen, dass ich mich immer wieder zu verbessern suche, mir niemals Ruhe gönne, meine Lorbeeren nicht genieße, geschweige denn mich auf ihnen ausruhe, sondern immer nur kleine (sehr fragile) Etappenziele sehe. Ich bin vertraut mit der Angst des inneren Kindes, aber dieses innere Kind in Sicherheit zu bringen, reicht hier nicht. Diese Angst reicht tiefer. Auch Co-Abhängigkeit trifft es nicht genau. Ich habe das dringliche Gefühl, dass dieser Perfektionismus, diese Angst davor, jemanden zu enttäuschen, nicht gut genug zu sein und Strafe dafür zu erhalten, vom Liebesentzug bis hin zur völligen Existenzvernichtung, ein eigenes Thema ist. Es hat mit Kontrolle zu tun, damit, dass wir es nicht aushalten können, dass sich das Leben nicht kontrollieren lässt, egal wie sehr wir uns mit geistigem Heilen, »Bestellen« und Manifestieren auskennen – dass am Ende Entropie herrscht, die unvorhersehbare Wandlung, ob uns das gefällt oder nicht.

Albert Einstein schrieb 1926 in einem Brief, Gott würfele nicht. Aber er schrieb es, weil er die Ergebnisse der Quantenphysiker ablehnte; sie passten nicht in sein deterministisches Weltbild von Ursache und eindeutiger Wirkung – es konnte demnach also nicht stimmen! Gott »würfelt« aber sehr wohl! Ob die Ergebnisse einer bestimmten Ordnung folgen oder nicht, wissen wir nicht. Wir müssen uns damit einverstanden erklären, dass sich die Materie immer wieder neu manifestiert und dass wir nur begrenzten Einfluss auf das Ergebnis haben – einfach weil es so ist. Die Quantenmechanik weiß das; am Ende der Messlatte herrscht Unschärfe. Darüber, wie sehr wir diese Unschärfe mit unserem Bewusstsein beeinflussen können, gibt es sehr geteilte Meinungen. Einige spirituelle Lehrer meinen, dass genau dort unsere Absicht und unsere Schöpferkraft wirksam werden, andere widersprechen dieser Meinung und lehren Demut vor dem, was ist. Vielleicht stimmt beides. Es ist wahrscheinlich, aber nicht sicher, dass sich ein Teilchen auf eine bestimmte Weise verhält und manifestiert. Je mehr wir glauben, dass wir die Welt und das, was uns geschieht, durch unser Verhalten und unsere geistige Ausrichtung kontrollieren könnten, desto abhängiger werden wir vom gewünschten Ergebnis und desto mehr verlieren wir unsere wichtigste Überlebenseigenschaft: die Fähigkeit, uns veränderten Bedingungen anzupassen.

Bist du perfektionistisch, dann verschanzt du dich hinter starren Regeln und Strukturen (du tust die Dinge auf eine bestimmte Art und Weise, die nicht infrage gestellt werden darf, sonst wirst du unwirsch und bekommst Angst), statt deine flexible Schöpferkraft, die in jedem Moment neu entscheidet, zu trainieren und zu nutzen.

Es ist sehr sinnvoll, dass wir lernen, positiv zu denken, dass wir unsere geistigen Kräfte, unsere Absichten, bewusst und eindeutig ausrichten, dass wir üben, die von uns gewünschten Ergebnisse durch entsprechende Handlungen zu manifestieren und alles zu tun, um erfüllt, selbstbestimmt, selbstverantwortlich, kraftvoll und glücklich leben zu können, das steht außer Frage. Positive Affirmationen sind schöpferische Absichtserklärungen, Blaupausen, in die hinein sich das Leben entwickeln kann. Du wirfst einen geistigen, schöpferischen Pfeil in die Richtung, in die du gehen willst, und öffnest dich für bestmögliche Ergebnisse.

Aber wir dürfen nicht abhängig von der Vorstellung werden, dass sich alles so fügen wird, wie wir es wollen. Wir brauchen die innere Freiheit, einigermaßen entspannt mit Chaos umzugehen, sonst erstarren wir und werden auf gewisse Weise lebensuntüchtig. Als Perfektionist weigerst du dich allerdings geradezu, kreativ mit dem Chaos umzugehen, und du glaubst, wenn du dich nur genügend anstrengen würdest, nur gut genug wärst, dann dürften bestimmte Dinge einfach nicht passieren. Dieser ganze allgemeine Wahnsinn gipfelte in der Frage: »Wie kann jemand wie Bärbel Mohr (oder ein anderer spiritueller Lehrer) an Krebs sterben?« Gehts noch? Wieso sollte das nicht passieren können?

Es ist unsere Sucht, für alles eine (geistige) Regel zu finden, damit wir sie anwenden und somit das Schicksal kontrollieren können, so, als herrschten deterministische Zustände auf der Erde (Aussage: »Durch eine bewusst gesetzte Ursache erfolgen eindeutig vorherbestimmbare Wirkungen«). Das haben die Quantenmechaniker schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts widerlegt. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch die geistige Welt nicht starr am Ursache-Wirkungs-Prinzip festhält, ziemlich groß! Glaubst du, dass du mit deinen Gedanken und deiner inneren Haltung eindeutig deine Wirklichkeit manifestierst, dann hältst du wie Einstein an einem Weltbild fest, das sich nicht beweisen lässt, das sich selbst sogar immer wieder widerlegt. Bist du perfektionistisch, dann bestehst du darauf, dass du eben noch nicht gut genug warst, dass die Ursache, die du gesetzt hast, nicht eindeutig genug war.

Widerspricht das unserer Idee, dass wir selbst Schöpfer unserer Wirklichkeiten sind? Natürlich nicht! Sonst wären wir schon wieder in der Falle der Dualität. Aber die Quantenphysik weiß, dass die Regel »Sowohl – als auch« gilt. Das eine schließt das andere nicht aus. Es geht wie immer um Freiheit und darum, wie du der Welt begegnest. Hältst du an starren Vorgaben fest, dann wird dir die Welt schon zeigen, was Unschärfe in Anwendung bedeutet!

Kennst du dich mit Numerologie aus? Es gibt ein, wie ich finde, hervorragendes Buch von Dan Millman, Die Lebenszahl als Lebensweg1. Ich bin eine 33/6 und damit prädestiniert für Idealismus und Perfektionismus. Meine Aufgabe ist es, voller Feingefühl mein Innerstes zum Ausdruck zu bringen und diesen Idealismus als Vorbild, als Matrix anzuerkennen, aber nicht als Ziel, das ich erreichen muss. Dieser Aufgabe widme ich mich – aber nicht nur.

Ich geißele mich mit der Idee, dass es immer noch ein bisschen besser geht, weil es ja stimmt. Es geht immer noch ein bisschen besser, aber welchen Unterschied ergibt das für den Lauf der Welt? Wahrscheinlich keinen gravierenden. Verkaufe ich mehr Bücher, wenn ich zwei Kilo weniger wiege? Mögen mich die Menschen mehr, wenn ich niemals einen Pickel habe? Wenn meine Haare zehn Zentimeter länger oder kürzer sind, wenn ich mehr schicke Blumen im Garten habe und weniger wilde Stellen? Oder andersherum, je nach Zielgruppe? Rotte ich den Giersch aus (ein geradezu hoffnungsloser Plan), oder lerne ich, damit zu kochen? Beides ist perfektionistisch, Entweder-oder-Denken, denn auch damit kochen zu lernen ist, so, wie ich es praktiziere, eine Schöner-wohnen-Herangehensweise: Sei effektiv und kreativ! Und sieh dabei noch gut aus. Oder lasse ich diese Pflanzen einfach stehen und befreie nur einige Stellen im Garten davon, damit ich dort Blumen pflanzen kann? Wenn ich Lust dazu habe, diesen Giersch zu kochen, kann ich es ja machen. Er ist einfach da. Er stellt mich weder vor eine Aufgabe noch vor eine Entscheidung, er bietet mir nicht mal eine Herausforderung, er wächst nur einfach im Garten. Wenn ich ein Problem daraus mache, weil ich der Meinung (oder voller Angst) bin, ich sollte diesen Giersch unter Kontrolle haben und diese Gartenecke nach Feng-Shui-Regeln gestalten, statt dem Leben zu erlauben zu sein, wie es ist – nun, das ist meine Wahl. Ich habe mich lange mit dieser Frage herumgeschlagen, um es »richtig« zu machen. Was sagt es über mich, wenn ich zulasse, dass dieser Giersch in meinem Garten wuchert? Habe ich mein Leben nicht im Griff, mache ich mich zum Opfer? Das war echt anstrengend, bis mir klar wurde, dass es kein »Richtig« gibt, sondern nur Handlungen und Konsequenzen. Ich kann die Bereiche gestalten, ich kann mir sehr viel Arbeit machen, wenn ich das möchte. Ich muss aber nicht. Dem Leben ist es egal; da wächst etwas, es breitet sich aus und betreibt Fotosynthese. Es lebt bereits. Wenn ich einen anderen Ausdruck haben will, dann ist das nur meine Sache, da gibt es keine Regel. So ein Garten lehrt sehr vieles über den Lauf des Lebens und über Schöpferkraft und Hingabe …

Was will ich sein, einfach ich selbst, oder will ich einer idealisierten Idee von mir nacheifern? Meine Antwort ist natürlich klar, aber sie scheint für meinen Perfektionismus nicht zu zählen. Der eifert einem Ideal nach, von dem ich nicht einmal weiß, ob es überhaupt auf meinem eigenen Mist gewachsen ist oder nur auf einer Ansammlung von Vorstellungen beruht …

… und dennoch – stimmt es nicht? Sind wir nicht auf dem Weg der Verbesserung? Wann ist »gut« endlich »gut genug«? Wollen wir nicht unser Höheres Selbst manifestieren, so liebevoll und mitfühlend wie möglich sein, friedfertig und zugleich in der Lage, unseren eigenen Weg zu gehen (was manchmal auch deutliche Abgrenzung erfordert)?

In diesem Spannungsfeld aus Selbstannahme und Selbstverbesserung habe ich mich verfangen. Und deshalb: Jetzt, heute, mit diesem schmerzenden Gesicht und einem schweren Herzen, erkenne ich meinen Perfektionismus als Sucht an.

Solange ich unter dieser Sucht leide, werde ich niemals so gut sein, dass ich mich entspannen und aufatmen kann. Das ist kein negatives Denken, das ist die Wahrheit. Diese Sucht hängt die Messlatte immer wieder ein Stück höher, ich werde niemals mein Ziel erreichen, weil es sich von mir wegbewegt, wenn ich ihm näher komme. Wie jeder Sucht, die etwas auf sich hält, gehen auch dieser hier niemals die Argumente aus.

Das ist ein sehr selbstzerstörerisches Verhalten, das mir bewusst ist und das ich dennoch nicht lassen kann. Ich weiß jedenfalls nicht, wie. Und das ist nun mal die Definition von Sucht. Sie verdirbt mir meine Zufriedenheit, mein Glück, meine Entspannung und im Moment gerade auch meine Gesundheit.

Also mache ich das, was ich immer mache: Ich schreibe darüber. Und ich lade dich dazu ein, den Weg aus der Sucht danach, perfekt zu sein, mit mir zu gehen. Den Weg gibt es zum Glück schon, und ich bin wie immer zutiefst, wirklich zutiefst dankbar für jeden einzelnen Menschen, der ihn bereits gegangen ist. Folgen wir allen diesen Menschen ein paar Schritte auf unsere Weise, jeder für sich, einzigartig – und dennoch gemeinsam.

 

1 Dan Millman: Die Lebenszahl als Lebensweg. Wie wir unsere Lebensbestimmung erkennen und erfüllen können. München: Ansata, 2005.

Der erste Schritt

Wir geben zu, dass wir unserer Sucht nach Perfektion und nach unbarmherziger Selbstkritik machtlos ausgeliefert sind, und wir kapitulieren.

 

 

»Aha«, denkst du, »DAS ist jetzt aber definitiv negatives Denken.« Ist es das? Oder stimmt es nicht einfach? Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir es zunächst anerkennen, annehmen, das haben wir gelernt.

Doch Vorsicht! Annehmen heißt nicht, dass wir es lieben müssen, es bedeutet nur, dass wir es als Wahrheit erkennen und damit aufhören, nach Ausreden zu suchen. Annehmen heißt weder lieben noch gut finden, es heißt einfach nur, dass du etwas als dir zugehörig anerkennst – also die Verantwortung dafür übernimmst, dass es zu dir gehört. Du kannst nur verdauen, was du geschluckt hast, egal ob es dir schmeckt oder nicht. Wenn du süchtig danach bist, perfekt zu sein, wenn du dich süchtig immer wieder selbst niedermachst, dann hast du sicherlich bereits viele Versuche unternommen, davon loszukommen. Warst du erfolgreich?

Wenn du eine Sucht hast, dann ist dein Mandelkern, der Teil des Gehirns, der alle eingehenden Informationen auf der Stelle und ohne Umschweife emotional bewertet, programmiert. Voller Angst und Panik feuert er elektrische Impulse in die verschiedensten Hirnbereiche, wenn eine suchtauslösende (oder angstauslösende) Situation auf dich zukommt, und versucht, das Schlimmste zu vermeiden, indem er dich in Alarmbereitschaft versetzt. Reden wir gleich über den Mandelkern, denn wenn wir diesen nicht verstehen, dann können wir nicht ernsthaft kapitulieren. Aber genau diese Kapitulation brauchen wir. Ganz besonders wir, die wir glauben, wenn wir uns nur genügend anstrengten, müssten wir doch alles schaffen – sogar, uns zu entspannen und eben nicht mehr perfektionistisch zu sein. Kapitulieren ist für uns gleich Nicht-gut-genug-Sein ist gleich Versagen. Das Werkzeug des ersten Schrittes zu nutzen fällt uns, gerade weil wir so perfektionistisch und damit auch kontrollsüchtig sind, besonders schwer. Deshalb zunächst ein bisschen was zum Verstand, denn der Verstand ist ein ungeheuer wertvolles Werkzeug.

Gerade gestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit jemandem, der mir erklärte, unsere Angst käme ja nur aus dem, was wir denken – aus dem Verstand. Da hat jemand ernsthaft die Gehirnareale verwechselt, und dennoch glauben viele Menschen, dass es so ist. Seit wann sorgt denn der Verstand dafür, dass wir Angst haben? Das Gegenteil ist der Fall. Der Neocortex (hier sitzen Verstand, Spiritualität und Bewusstsein!), der präfrontale Gehirnlappen, ist der jüngste Bereich des Gehirns, und hier finden wir besonders Kooperation, Mitgefühl, intuitive Intelligenz und Lebensfreude – aber ganz sicher keine Angst! Die Idee, Angst würde durch den Verstand ausgelöst und wäre somit durch eine bestimmte Art zu denken kontrollierbar, spukt besonders bei all denen herum, die hoffen, nicht nur sich selbst, sondern auch das Leben dadurch in den Griff zu bekommen – und sie ist damit gefundenes Fressen für die Sucht nach Perfektion und Kontrolle.

Du bist einfach nicht gut genug, wenn du Angst hast, meinst du? Denk anders, und alles ist gut? Lass dir das nicht einreden! Es stimmt nämlich nicht. Angst entsteht in einem Gehirnbereich, der Mandelkern (Amygdala)1 genannt wird, und sie hat ihre Ursache immer in der echten Erfahrung von Schmerz und Bedrohung – allerdings brauchen wir diesen Schmerz und die Bedrohung nicht persönlich und real erfahren zu haben. Eine auf Angst programmierte Amygdala können wir durchaus bereits mitbringen, denn wir sind alles andere als unbeschriebene Blätter, wenn wir zur Erde kommen. Selbst wenn wir alle spirituellen Ideen über Reinkarnation etc. beiseitelassen, werden wir durch die Erfahrungen unserer Eltern tief programmiert, sei es über genetische Vererbung oder zumindest über Erfahrungen während unserer Zeit im Mutterleib – während der Zeit, in der unser Mandelkern heranreift!

Es gibt im Mandelkern zwei verschiedene Schaltkreise: Der eine sorgt dafür, dass bestimmte Ereignisse mit Angst verknüpft werden, der andere entkoppelt dieses Ereignis wieder von Angst, nämlich dann, wenn wir ein Ereignis einige Male erleben – aber ohne bedrohliche Auswirkungen. Merken wir uns also: Angst entsteht sofort, bei der ersten Bedrohung; diese Angst wieder zu verlernen dagegen braucht mehrfache positive Wiederholungen – das ist auch klar, denn dein Gehirn, besonders der Mandelkern, will dein Leben schützen. Natürlich lernt er sofort alles über bedrohliche Situationen und löscht das Gelernte nur langsam, denn eine gesunde, rasche und angemessene Reaktion auf Gefahr ist für uns nun mal wichtiger als die Fähigkeit, »entspannt spazieren zu gehen«. Flucht, Sich-tot-Stellen oder Angriff ist lebensrettender als Mitgefühl, zumindest war das in der Zeit so, in der unser Gehirn entstanden ist.

Wissenschaftler nennen diese Schaltkreise Angst- bzw. Löschneuronen. Frei von Angst zu werden lernen wir also im wahrsten Sinne des Wortes über bewusst erlebte positive Erfahrungen. Später werden wir uns anschauen, wie wir selbst uns diese positiven Erfahrungen ermöglichen können. Aber wir verstehen schon jetzt: Jedes Mal wenn wir unserer Kontroll- und Perfektionssucht nachgeben, programmieren wir uns immer wieder neu auf Strafe bei Nichtgefallen – denn wir geben der Angst Raum und bestätigen sie. Damit werden vermehrt Proteine gebildet, welche entsprechende Informationen an unsere hormonbildenden Drüsen übermitteln, und wir reagieren beim nächsten Mal mit noch mehr Angst, Erstarrung, Angriff und Vermeidung, verspannen uns immer weiter.

Der älteste Teil unseres Gehirns ist das sogenannte Reptiliengehirn. Dieser Hirnteil ist emotionslos und sorgt für unser Überleben, schickt uns kompromisslos in den Wettbewerb und sorgt dafür, dass wir uns ohne Umschweife verteidigen, tot stellen oder angreifen. Wundern wir uns manchmal, warum es Leute gibt, die ohne jede menschliche Regung für ihr eigenes Wohl sorgen und dabei »über Leichen gehen«? Nun, das können wir alle, wir brauchen nur unser Reptiliengehirn einzuschalten. Erst das entwicklungsgeschichtlich danach entstandene Säugetiergehirn gibt uns die Fähigkeit, Emotionen, soziales Verhalten und Fürsorge zu erleben. Da die Anlagen des Reptiliengehirns aber auch dort vorhanden sind, schwanken unsere Handlungsimpulse ständig zwischen den Polen Wettbewerb und Fürsorge, Angriff und Unterstützung, dem Recht des Stärkeren und der mitfühlenden Sorge für Schwächere hin und her.

Und dann gibt es da noch den »brandneuen« Stirnlappen, den Neocortex. Dieser erlaubt uns, komplexe Dinge wie Sprache, Musik, verfeinerte motorische Fähigkeiten, Voraussicht und abstrakte Ideen zu entwickeln. Hier finden wir vor allem unser Bewusstsein, unsere Fähigkeit, über uns selbst nachzudenken, die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten und sie unabhängig von uns selbst zu sehen. Im Vorderhirn sind wir in der Lage, auch die andere Seite der Medaille zu betrachten und aus unserer sehr persönlichen, uns betreffenden Sicht der Dinge das größere Ganze zu überschauen. Wenn Goethe durch seinen Faust erklären lässt, er wolle wissen, was die Welt im Innersten zusammenhalte, dann kann er das nur über den Neocortex erfahren. Der Stirnlappen denkt zu hundert Prozent kooperativ und bildet somit einen vollkommenen Gegenpol zum Reptiliengehirn – das weiß die Hirnforschung. So viel zum Thema Verstand und Angst!

Der Mandelkern ist ursprünglich aus dem Riechhirn, dem Sitz unseres Geruchssinns, entstanden, und das ist auch logisch. Der Geruchssinn bildet das Frühwarnsystem der meisten Tiere, er ist bei vielen Tieren die am frühesten und besten entwickelte Sinneswahrnehmung. Die Wahrnehmung von Gerüchen – sei es der sexuelle Lockstoff eines potenziellen Partners, der Geruch einer Beute oder der eines Feindes – sorgt für blitzschnelle, unmittelbare Reaktionen.

Im Mandelkern nun wird für jede Situation neu entschieden, ob wir mit einem entwicklungsgeschichtlich älteren oder einem neueren Anteil unseres Gehirns reagieren und ob der Schaltkreis einer Angstreaktion aktiv wird oder nicht. Weil die Verknüpfungen zu den älteren Teilen, dem Reptilien- und dem Säugetiergehirn, älter und damit auch besser ausgeprägt und schneller sind, erfolgt die erste Reaktion bei eingehenden Informationen (jedes Ereignis bildet eine Information für unser Gehirn) zumeist aus den älteren Gehirnteilen – Wettbewerb, Überleben, dann erst Fürsorge und Emotionen. Der erste Impuls sorgt noch immer für das Überleben.

Leider sind wir in vielen wichtigen Bereichen so darauf programmiert, diese an sich äußerst sinnvolle Überlebensreaktion zu unterdrücken, dass wir sie uns auch dann versagen, wenn sie sehr angemessen wäre. Zum Beispiel immer dann, wenn uns jemand einreden will, wir wären nicht gut genug – inklusive uns selbst – immer dann, wenn uns jemand Druck macht, uns manipuliert. Und so befinden wir uns beinah immer in Angst, weil wir das, was uns tatsächlich bedroht, sei es eigenes ungebührliches Verhalten oder das von anderen, schönreden oder ignorieren.

Warum erzähle ich dir das? Damit du verstehst, dass Kapitulieren eine gute Idee ist, weil wir unsere Mandelkerne nicht kontrollieren können. Wir können ihnen andere Erfahrungen geben, und wir können sie durch Visualisieren erreichen, doch wir können unsere Sucht nach Perfektion nicht meistern, nicht mit den Werkzeugen, die wir bisher angewendet haben. Zum Glück gibt es andere, und Kapitulation ist das erste davon. Damit wird der Weg frei für frische Energien, für neue Ideen und neue Werkzeuge.

Wozu dient das, Perfektionismus (oder gnadenlose Selbstkritik) als Sucht anzuerkennen und zu kapitulieren? Nun, du bestätigst dir damit, dass du dieses Verhalten auch nicht insgeheim für richtig hältst und dich vielleicht sogar anderen überlegen fühlst. Arroganz und Überheblichkeit sind zwei ausgeprägte Kennzeichen bei Perfektionisten, das kennst du mit Sicherheit von anderen. Die Überheblichkeit sorgt dafür, dass wir uns sicherer fühlen, irgendwie besser, und das ist unser Sicherheitsnetz gegen die völlig willkürliche Vergabe von Strafe und Schuldzuweisungen, die wir so sehr fürchten und leider auch erfahren haben. Perfektionismus ist nicht gesund, und es ist nicht einfach nur »Ich will es gut machen«. Etwas gut machen zu wollen hat eine vollkommen andere Energie und einen ganz anderen Ursprung, als perfekt sein zu wollen oder zu müssen.

So erkennst du, wenn du den ersten Schritt gehst, an, dass du ein Problem hast. Viele Perfektionssüchtige kokettieren damit, geben zwar zu, dass sie perfektionistisch sind, meinen aber in Wahrheit, dass sie hohe Ansprüche haben, dass sie sich eben bemühen, alles besonders gut zu machen, und insgeheim sind sie stolz darauf. Gibst du zu, dass dich dein Perfektionismus unglücklich macht, dann erkennst du an, dass du Hilfe brauchst, und damit aktivierst du deine psychischen Selbstheilungskräfte.

So erlaube dir, nur für einen Moment anzuerkennen, dass dein Weg, so, wie du ihn bis jetzt gegangen bist, keine befriedigende Lösung aus der Sucht nach Selbstkritik bietet – denn wenn das so wäre, bräuchtest du dieses Buch ja nicht zu lesen.

Wir benötigen andere, größere Kräfte, die sich unserem ungesunden Verhalten, dem zwanghaften Vermeiden von Fehlern und Unzulänglichkeiten, annehmen. Oft hören wir, dass wir nur verstehen müssten, dass sich Perfektion nicht erreichen lässt. (»Ach ja? Stimmt das?«, fragt meine Sucht, »aber ein bisschen besser geht schon noch, oder?« Und wahrscheinlich hat sie sogar recht …) Wir hören, dass wir lernen dürfen, auch mal loszulassen und uns selbst zu loben. Ja, klar, ich bin aber SÜCHTIG! Mein Verstand und meine Einsicht nutzen mir wirklich gar nichts, denn diese Angst vor dem Versagen sitzt so dermaßen tief, dass mein Verstand nicht heranreicht. Wir brauchen etwas anderes, und so nutzen wir das Suchtselbsthilfeprogramm, das auch Alkoholikern hilft – da glaubt auch keiner, dass sie schon aufhören würden, wenn man ihnen nur sagte, dass Alkohol die Leber schädigt.

Kapitulieren wir. Erkennen wir den Schaden in vollem Ausmaß an, und hören wir auf, unsere Gefühle und unsere Angst zu kontrollieren und vor uns selbst zu verbergen.

Du hast einen Grund dafür, perfektionistisch zu sein, einen zwingenden, der dir dein Überleben gesichert hat. So leicht lässt dich dein Mandelkern nicht entwischen, denn er weiß nicht, dass du dieses manchmal recht zwanghafte Verhalten nicht mehr brauchst – und vielleicht brauchst du es sogar noch! Erst wenn eine gesunde, dem Leben auf eine flexiblere Weise dienende Kraft wirkt, kann dein Mandelkern loslassen. Solange er keine Alternative hat, wird er dich in den Perfektionismus prügeln, denn er hat dein Überleben im Sinn, koste es, was es wolle.