Ich lasse deines bei dir - Susanne Hühn - E-Book

Ich lasse deines bei dir E-Book

Susanne Hühn

0,0

Beschreibung

Mühen Sie sich ab, es Ihren Eltern immer recht zu machen? Halten Sie die Probleme von Freunden für wichtiger als Ihre eigenen? Können Sie zu Ihrem Partner nicht Nein sagen? Wenn das auf Sie zutrifft, dann sind Sie wahrscheinlich in der Co-Abhängigkeit gefangen. Betroffene nehmen sich selbst fast nur über die Beziehungen zu anderen wahr. Ob diese gut oder schädlich sind, ist für sie zweitrangig, Hauptsache, es gibt überhaupt eine Art von Beziehung. Susanne Hühn weiß aus ihrer Coaching-Praxis, wie es ist, in co-abhängigen Strukturen festzustecken. In diesem Buch erklärt sie, was genau Co-Abhängigkeit ist und woran Sie erkennen, ob Sie eine toxische Beziehung führen. Sie zeigt Ihnen auch, wie Sie Schritt für Schritt dieses selbstschädigende Verhalten ablegen. So gewinnen Sie Ihre Selbstbestimmung zurück, können gut für sich selbst sorgen und für andere in einem gesunden Maß da sein.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 186

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Die Ratschläge in diesem Buch sind sorgfältig erwogen und geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für kompetenten medizinischen Rat, sondern dienen der Begleitung und der Anregung der Selbstheilungskräfte. Alle Angaben in diesem Buch erfolgen daher ohne Gewährleistung oder Garantie seitens der Autorin oder des Verlages. Eine Haftung der Autorin bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Dieses Buch enthält Verweise zu Webseiten, auf deren Inhalte der Verlag keinen Einfluss hat. Für diese Inhalte wird seitens des Verlages keine Gewähr übernommen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich.

ISBN Printausgabe 978-3-8434-1463-0

ISBN E-Book 978-3-8434-6448-2

Susanne Hühn: Ich lasse deines bei dir Schluss mit toxischen Beziehungen und Co-Abhängigkeit!

© 2010, 2021 Schirner Verlag, Darmstadt

Umschlag: Simone Fleck, Schirner, unter Verwendung von # 1709190961 (© Marti Bug Catcher) und # 686924278 (© fandoank),www.shutterstock.com

Print-Layout: Simone Fleck, Schirner

Lektorat: Claudia Simon, Schirner

E-Book-Erstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt, Germany

www.schirner.com

Überarbeitete Neuausgabe 2021 – 1. E-Book-Auflage Februar 2021

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Einführung

Über die Hintergründe und Ursachen der Co-Abhängigkeit

Symptome der Co-Abhängigkeit

ÜBUNG: Die goldene Acht

Jeder hat ein emotionales Suchtmuster – welches ist deines?

ÜBUNG: Das Innere Kind zu dir zurückholen.

Die zwölf Schritte

Schritt 1:Erkenne, dass du dir zu viel aufgeladen hast und nicht weißt, wie du es wieder loslassen kannst

Schritt 2:Erkenne, dass es auch für dich hilfreiche Kräfte gibt

ÜBUNG: Deine persönliche Fähre rufen

Schritt 3:Fasse Vertrauen zu deiner inneren Wahrheit und zu hilfreichen Kräften

ÜBUNG: Das goldene Ei

Schritt 4:Erkenne, auf welche Weise du selbst dafür sorgst, dich wertlos zu fühlen

Schritt 5:Gib vor dir selbst und vor einem anderen Menschen zu, auf welche Weise du dich über Gebühr verausgabst

Schritt 6:Werde bereit, die alten Denk- und Verhaltensmuster in die Heilung zu geben

ÜBUNG: Das Verlassen der Kampfarena.

Schritt 7:Bitte deine inneren und deine höheren Kräfte um Heilung

ÜBUNG: Dein Inneres Kind in deine Obhut nehmen.

Schritt 8:Liste auf, wem du Schaden zugefügt hast, und werde bereit, ihn wiedergutzumachen – bei anderen und bei dir selbst

Schritt 9:Erlaube dir, in Frieden mit dem zu kommen, was war und was ist

ÜBUNG: Vergib dir selbst.

ÜBUNG: Die Vergangenheit bereinigen und eine toxische Situation verlassen.

ÜBUNG: Den Schmerz des Gegenübers anerkennen.

Schritt 10:Erkenne, wenn du wieder in alte Handlungsweisen verfällst, und lege sie ab

ÜBUNG: Erste Hilfe.

Schritt 11:Lerne, mit deiner inneren Stimme in Kontakt zu kommen und auf sie zu hören

ÜBUNG: Eine schwierige Situation meistern lernen.

Schritt 12:Gib deine Erkenntnisse achtsam und voller Liebe weiter, indem du sie lebst

Hinweise

Über die Autorin

Bildnachweis

Anmerkungen

Ich danke dir für all das Gute, das ich von dir bekommen habe.

Ich nehme es mit in meine Zukunft und halte es in Ehren.

Und was du von mir bekommen hast, darfst du mit in deine Zukunft nehmen.

Für das, was zwischen uns schiefgelaufen ist, übernehme ich meinen Teil der Verantwortung, und deinen lasse ich ganz bei dir.

Und jetzt darf es gut sein.

Einführung

Es gibt Menschen, die am glücklichsten zu sein scheinen, wenn sie helfen können. Sie haben immer ein offenes Ohr für andere und stehen ihnen hilfreich zur Seite. Solche Menschen können wir jederzeit anrufen und um Rat fragen oder auf andere Weise in Anspruch nehmen. Selbst wenn sie eigene Pläne haben, werden sie diese aufgeben, wenn jemand ihre Unterstützung benötigt. Sie überfordern sich für andere, ja, sie beuten sich sogar selbst für sie aus. Sie seien die Stützen der Gesellschaft, wird oft gesagt. Häufig arbeiten sie in einem Beruf, der sehr viel von ihnen fordert und gleichzeitig schlecht bezahlt wird, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, sie hätten mehr verdient. Sie engagieren sich ehrenamtlich, obwohl sie Zeit für sich selbst bräuchten, und sie springen immer dann ein, wenn sich sonst niemand bereit erklärt, eine Aufgabe zu erledigen. Sogar dann, wenn sie sich vorgenommen haben, sich auszuruhen und sich einmal um sich selbst zu kümmern, braucht man sie nur zu rufen, und schon helfen sie.

Manchmal hat man das Gefühl, dass es ein solcher Mensch geradezu genießt, von anderen gebraucht zu werden. Dann läuft er zu Höchstform auf, selbst wenn er erschöpft ist. Hilfreich für andere zu sein, ist sein Lebenselixier. Auf ihn ist Verlass. Wir werden niemals von ihm hören, dass er gerade nicht für uns da sein kann. Er wird alles möglich machen, um uns zu unterstützen. Er wird sogar private Termine verschieben und sich von nahestehenden Familienmitgliedern Verständnis dafür erhoffen, dass er von anderen dringend gebraucht wird. Schafft er es doch einmal nicht, für uns da zu sein, was äußerst selten vorkommt, dann ist er zerknirscht, entschuldigt sich bei uns und will die unterlassene Hilfeleistung wiedergutmachen. Er geht sogar noch weiter, als uns nur zu helfen: Er gleicht aus, was wir verpfuscht haben, er steht sogar für die Fehler gerade, die wir gemacht haben. Er wird uns helfen, nach außen hin auch dann noch gut auszusehen, wenn wir uns falsch verhalten haben. Er wird sich von uns schlecht behandeln lassen und Entschuldigungen für uns finden, wenn wir ihn verletzen. Er versteht uns immer, und wenn wir uns schlecht benehmen, dann können wir in seinen Augen nichts dafür. Er nimmt uns in Schutz und tröstet uns, wenn wir Fehler begehen.

Ein solcher Mensch zieht bedürftige Personen an wie der Honig die Bienen, selbst dann, wenn er das gar nicht will. Vielleicht klagt er manchmal, dass er zu gut für diese Welt sei, doch er lächelt dabei, und wir wissen, dass er seinen Status der Verlässlichkeit genießt. Er ist wie ein Engel auf Erden, und er wird dringend gebraucht. Sein Lohn für diese Selbstaufopferung ist genau dieses Gefühl: gebraucht zu werden.

Das klingt wundervoll, nicht wahr? Wohl dem, der einen solch treuen Menschen in seinem Leben hat.

Nicht mehr ganz so wohlig fühlt es sich an, wenn man ein Familienmitglied eines solchen Menschen ist, das ständig hintangestellt wird, weil die Mutter, der Vater oder der Partner dauernd von anderen gebraucht wird.

Schwierig ist es auch, wenn man das kleine Kind eines Elternteils ist, das einen anderen Menschen in Schutz nimmt, obwohl derjenige das Kind schädigt. Anstatt das Kind zu beschützen, wird ihm gesagt, es solle bitte stillhalten und allein mit dem unangemessenen Verhalten klarkommen. »Du weißt doch, wie er/sie ist« oder »Das bildest du dir nur ein« bekommt das Kind zu hören.

Ganz und gar ungesund wird es, wenn man selbst derjenige ist, der ständig für andere da ist, der sich aufopfert und Schuldgefühle hat, wenn er doch einmal Nein sagen muss. Wenn du ein solcher Mensch bist, dann ist dieses Buch für dich.

Seien wir einmal ehrlich: So praktisch es auch für andere ist, dass wir ständig parat stehen, und so sehr wir es auch genießen, gebraucht zu werden, so sehr leiden wir insgeheim darunter, dass wir uns nicht abgrenzen können und oft genug sogar gegen unsere innere Stimme handeln.

Wir sind verlässlich, edel, hilfreich und gut. Gleichzeitig sind wir oft tieftraurig, weil nie jemand für uns da ist. Weil nie jemand für uns da war, haben wir gelernt, alles allein zu machen. Wir tun sogar vor uns selbst so, als sei alles in Ordnung, und wir werden unwirsch, wenn uns zum Beispiel jemand sagt, dass wir müde aussehen. Natürlich sehen wir so aus, wir kümmern uns ja auch um all das, was sonst keiner tut, oder? Hilft es uns, wenn wir gesagt bekommen, dass man uns unsere Erschöpfung ansieht? Nein, wir fühlen uns nur noch schlechter und müssen auch noch gegen unser ausgelaugtes Aussehen Maßnahmen ergreifen. Als hätten wir nicht schon genug zu tun.

Wir befinden uns, auch wenn es uns nicht bewusst ist, in einer gesundheitlichen und emotionalen Abwärtsspirale. Je müder wir werden, desto mehr treiben wir uns an, um für andere da zu sein. Es ist fast so, als könnten wir uns selbst nicht ertragen, wenn wir einmal nicht gebraucht werden oder nicht funktionieren.

Dabei sind wir doch erwachsen und gebildet. In unserem Land ist jedem Menschen Selbstbestimmung erlaubt. Und doch richten wir unser Leben viel öfter nach der Meinung anderer aus, als es uns guttut und uns überhaupt bewusst ist. »Das kannst du doch nicht machen!«, sagen wir uns selbst, wenn wir eine spannende Idee haben, die unser Leben bereichern oder die uns mehr Freiheit schenken würde. »Sei nicht so unhöflich!«, weisen wir uns selbst zurecht, wenn wir einmal Nein sagen wollen, weil wir unsere Zeit auf eine Weise verbringen möchten, die uns guttut, statt für andere da zu sein. Wir halten uns zurück, sagen nicht, was wir wirklich denken und fühlen, und erlauben anderen Menschen, uns in ihr Lebensdrama hineinzuziehen, obwohl wir innerlich flüchten wollen. Wir opfern uns auf, um Menschen zu helfen, die sich weigern, sich um sich selbst zu kümmern. Manchmal opfern wir uns sogar für Menschen auf, die unsere Hilfe gar nicht wollen, und fühlen uns ungerecht behandelt, wenn sie uns nicht wenigstens ein wenig dankbar sind. »Durchhalten!« scheint die Devise zu sein, die wir uns selbst ausgeben, statt uns zu erlauben, aufrichtig zu sein. Denn das dürfen wir gleich zu Anfang erkennen: Es ist ein wenig unaufrichtig, wenn wir so tun, als würde uns etwas interessieren, was wir gar nicht hören wollen, wenn wir vorgeben, das Verhalten eines anderen würde uns nichts ausmachen, oder wenn wir vermitteln, wir stünden gern für die Belange eines anderen zur Verfügung, obwohl es in diesem Moment nicht stimmt. Um es einmal deutlich zu sagen: Wir belügen insbesondere uns selbst und stellen das, was wir wirklich wollen, hintan.

»Ist das nicht ein wenig übertrieben?«, könnte man fragen. Es ist bestimmt nicht schlimm, wenn wir einmal zehn Minuten lang der Nachbarin zuhören, die uns ihr Leid klagt, obwohl wir unter Zeitdruck sind. Doch die Tatsache, dass wir nicht in der Lage sind, auf freundliche und doch bestimmte Weise zu vermitteln, dass wir im Moment nicht zur Verfügung stehen können und wollen, zeigt, dass uns etwas Wichtiges fehlt: die Fähigkeit, die Ablehnung oder zumindest das Unverständnis eines anderen zu ertragen.

Es stimmt, dass wir den anderen nicht verletzen wollen, und das ist auch löblich. Aber gleichzeitig haben wir keine Scheu, uns selbst zu verletzen. Wir denken, dass wir nicht gut Nein sagen können und zu nett sind. Doch in Wahrheit können wir ganz hervorragend Nein sagen, und zwar mit Nachdruck und auch nicht besonders freundlich: zu uns selbst. Wir sind nach außen hin freundlich und lieb, ja. Doch zu dem Menschen, mit dem wir unser gesamtes Leben verbringen, zu uns selbst, sind wir unhöflicher und manchmal sogar gemeiner, als wir es uns im Außen jemals erlauben würden. Stimmt das nicht?

Es gibt ein Wort für diese innere Haltung, für alle anderen besser zu sorgen als für sich selbst. Es heißt »Co-Abhängigkeit«.

Das Kinderlied »Hänschen klein«1 macht deutlich, worum es in der Co-Abhängigkeit geht. Das kleine Hänschen will allein in die Welt hinausgehen, warum, wird in dem Lied nicht erklärt. Es geht ihm gut, erzählt das Lied, Hans ist frohgemut. Doch die Mutter weint sehr, weil sie nun ihr Hänschen loslassen muss, und es heißt: »Da besinnt sich das Kind, kehrt nach Hause geschwind.«

Das ist doch süß von ihm, oder? Doch warum gibt Hänschen seine Wanderschaft auf und kehrt nach Hause zurück? Weil seine Mutter sonst traurig ist. Es stellt seinen gesunden Wunsch nach Unabhängigkeit zurück, damit seine Mutter nicht weint. Das klingt, als wäre Hans ein sehr liebes Kind, das niemanden unglücklich machen will. Gleichzeitig lässt es aber auch vermuten, dass Hans nicht in dem unterstützt wird, was er für sich möchte. Die verletzten Gefühle der Mutter sind wichtiger als sein gesunder Wunsch nach Unabhängigkeit. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass Hans wirklich noch ein Kind ist und es sicherlich nicht sinnvoll ist, dass er allein das Elternhaus verlässt, dann ist es natürlich richtig, dass er heimkommt. Doch wie wäre es, wenn man ihn fragen würde, warum er von zu Hause weggehen möchte? Was wäre, wenn man herausfinden würde, wie man ihn in seinem Wunsch nach mehr Selbstständigkeit so unterstützen kann, dass er dennoch versorgt ist, weil er ja noch ein Kind ist? Was wäre, wenn die Mutter, statt ihr Kind zu nötigen, auf ihre Gefühle zu achten, sich um sich selbst kümmern und schauen würde, was am besten für es ist? Dann würde Hans lernen, dass er wichtig ist. Er könnte erkennen: Ich werde gehört, und ich darf sagen, was ich brauche. Er würde die positive Erfahrung machen, dass er in dem unterstützt wird, was ihm guttut. Und ganz wichtig: Er würde sehen, dass die Erwachsenen in der Lage sind, sich um ihre eigenen Gefühle zu kümmern. Das ist also etwas, was man lernen kann, während man groß wird, würde er erkennen.

Und was sagte eigentlich Hänschens Vater zu dieser – wollen wir es beim Namen nennen – emotionalen Erpressung? Die Gefühle der erwachsenen Mutter werden geschützt, die des heranreifenden Kindes unterdrückt. Genau so wird man co-abhängig.

Treffen folgende Aussagen auf dich zu?

Du stellst deine Bedürfnisse zugunsten eines anderen zurück – reflexartig und auch dann, wenn du es nicht willst.

Du weißt instinktiv, was andere von dir wollen, doch erkennst oft nicht, was du selbst willst.

Falls du doch spürst, was du möchtest, kannst du es nicht oder nur sehr zögerlich sagen, wenn es nicht dem entspricht, was der andere, die Familie oder die Gruppe will.

Du fühlst dich besser, wenn du etwas für einen anderen tun kannst und wenn du gebraucht wirst. Man könnte sagen, dass du daraus deine Daseinsberechtigung ziehst.

Du weißt nicht genau, warum jemand mit dir befreundet sein will, wenn du von ihm nicht gebraucht wirst.

Das alles sind Zeichen für Co-Abhängigkeit. Erlebst du die Kehrseite der Medaille, die Beziehungsmagersucht, dann trifft das alles auch auf dich zu, jedoch kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Du tust womöglich etwas für andere, doch du lässt niemanden an dich heran. Du verweigerst dich auf emotionaler Ebene komplett, lässt keine Nähe zu. Dein einst lebensnotwendiger und deshalb gesunder Schutzmechanismus ist zu einer passiv-aggressiven Abwehrhaltung geworden, die du nicht mehr aufgeben kannst, selbst dann nicht, wenn du es möchtest.

Sowohl in der Co-Abhängigkeit als auch in der Beziehungsmagersucht sind wir so sehr darauf gedrillt, zu erkennen, was ein anderer von uns will, dass wir völlig übersehen, was wir selbst wollen. Wir kommen noch nicht einmal auf die Idee, dass wir selbst etwas wollen dürfen. Wir stellen die Beziehung zum anderen über die Beziehung zu uns selbst, wir verbieten unseren eigenen Wünschen den Mund, um den anderen nicht zu verletzen. Das klingt nicht gut, oder? Es ist kaum vorstellbar, wie unfrei uns diese innere Haltung macht, denn sie hat sich ins Unterbewusstsein eingegraben. Wir bemerken nicht einmal mehr, dass wir es in erster Linie anderen recht machen wollen, wer auch immer diese anderen überhaupt sind.

»Das kannst du doch nicht machen!«, sagen wir uns, wie weiter oben schon erwähnt. Wir werden uns in diesem Buch die ernst gemeinte Frage »Warum nicht?« stellen und sie sorgfältig beantworten. Wir werden lernen, auf uns selbst zu hören, und die Kraft entwickeln, eine mögliche ablehnende Reaktion eines anderen Menschen zugunsten unserer eigenen Freiheit durchzustehen. Denn es ist unser Leben, wir bekommen keine Prämie für Selbstaufopferung, zumindest keine, die uns wirklich glücklich macht. Wir zahlen allerdings einen hohen Preis dafür, wenn wir die Bedürfnisse anderer über unsere eigenen stellen: Wir verlieren das Gefühl, unser eigenes Leben wirklich zu leben. Wir fühlen uns fremdbestimmt, und das sind wir auch.

Dabei bestätigt sogar die Bibel, dass wir uns selbst wichtig nehmen dürfen: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, sagt Jesus. Wenn wir diesen Satz ernst nehmen, dann dürfen wir das, was wir selbst möchten und brauchen, um unser Leben erfüllt und glücklich zu gestalten, nicht hintanstellen. Niemand verlangt von uns, uns selbst aufzugeben, damit andere nicht schlecht von uns denken. Doch das tun wir, wenn wir es ihnen ständig recht machen wollen.

Wie können wir dieses Verhalten ablegen? Leider funktioniert es nicht, einfach von sich selbst zu fordern, ab jetzt zu sagen, was man will, denn wir können es beim besten Willen nicht. Co-Abhängigkeit hat ihre Wurzeln in der Kindheit, und sie ist ein tiefsitzendes Muster, das einmal dazu gedient hat, unser Leben zu schützen.

Zum Glück gibt es eine Stimme in dir, die sagt: »Das muss auch anders gehen, ich bin unzufrieden, und ich weiß, ich kann mir helfen.« Diese Stimme hat recht, das geht auch anders. Dein neues Leben beginnt genau jetzt, weil du dich mit diesem Thema befasst. Dein Unterbewusstsein wartet nur darauf, dich zu innerer Freiheit und Selbstbestimmung zu führen, denn das macht das Erwachsensein aus.

»Soll ich jetzt total egoistisch werden und nur noch machen, was ich will?«, magst du fragen, denn die Co-Abhängigkeit ist hinterhältig und lässt uns in Schwarz-Weiß-Kategorien denken. Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein und Ja. Nein, wir werden nicht total egoistisch. Ja, wir machen nur noch, was wir wollen. Wir sind nämlich soziale Geschöpfe. Mitgefühl und die Bereitschaft, anderen zu helfen, sich für sie sogar aufzuopfern, wenn es nötig ist, gehören zu unserem menschlichen Wesen. Wir wollen für andere da sein, sie unterstützen und für sie sorgen. Wir brauchen aber die innere Freiheit, selbst zu entscheiden, wann wir das tun möchten und wann nicht. In der Co-Abhängigkeit helfen wir reflexartig, wir haben keine Wahl. Trägt jemand ein Anliegen an uns heran, dann stehen wir Gewehr bei Fuß. Wir haben unseren freien Willen verloren, und das hilft niemandem außer denjenigen, die uns ausnutzen wollen.

Damit ist jetzt Schluss! Wir sind für andere da, gern und oft. Ausnutzen lassen wir uns aber nicht mehr, denn das macht uns unglücklicher, als es uns bislang bewusst war.

Was fehlt uns also zum Glück? Noch einmal, weil es so wichtig ist: Es ist die Fähigkeit, selbst entscheiden zu können, ob wir anderen zur Verfügung stehen wollen oder nicht, denn manchmal brauchen wir uns einfach selbst. Weil wir uns in unserer eigenen Hilfsbereitschaft verfangen haben wie ein Insekt in einem Spinnennetz, geht es in diesem Buch um eines der höchsten Güter, die wir als Menschen haben: um unsere innere Freiheit und damit um unser Lebensglück.

Innerlich frei zu sein, bedeutet:

Wir können unseren finanziellen und gesundheitlichen Umständen gemäß handeln, wie wir es wollen.

Wir können fühlen, was wir wirklich fühlen, nicht nur, was wir fühlen sollten, und unsere Entscheidungen danach ausrichten.

Wir können die Konsequenzen unserer Entscheidungen mühelos tragen.

Was haben wir davon, wenn wir innerlich frei sind?

Die innere Spannung, die darauf beruht, dass wir oft etwas anderes wollen als das, was unsere Umgebung von uns fordert, verschwindet.

Wir sind dadurch gelassen, ruhig und im Frieden mit uns selbst.

Womit haben wir es in der Co-Abhängigkeit genau zu tun? Betreiben wir ein wenig Recherche.

Über die Hintergründe und Ursachen der Co-Abhängigkeit

Ursprünglich wurde der Begriff »Co-Abhängigkeit« in Bezug auf Angehörige von Alkoholikern verwendet und bedeutete »mitabhängig«. Mitabhängig zu sein, heißt, dass man sich selbst verleugnet, die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Lebensziele vernachlässigt, um für den Süchtigen und seine toxischen Beziehungsmuster da zu sein. Ein Co-Abhängiger steht voll und ganz im Dienst der ungesunden Bedürfnisse seiner nahen Angehörigen und aller Menschen, die er in seinem Leben für wichtig hält. Zu diesem süchtigen Dienst des Co-Abhängigen an seinen Mitmenschen gehören die Unwahrheiten, die der Co-Abhängige über seine eigenen Bedürfnisse verbreitet, das Verleugnen der eigenen Sehnsüchte und Träume und das betonte, für Außenstehende oft übermenschlich anmutende Für-andere-da-Sein. Ein Mensch, der co-abhängig ist, glaubt von sich, genügsam und engelsgleich zu sein, er beschwichtigt seine verletzten Gefühle und nimmt das, was er selbst braucht, weitaus weniger wichtig als das, was andere gern hätten.

Die Ursache für Co-Abhängigkeit ist der Überlebensinstinkt eines ungehüteten, ungeliebten Inneren Kindes. Dieses Innere Kind muss die Kontrolle über die Beziehungen zu anderen Menschen behalten, und es tut alles, um nicht verlassen zu werden, selbst wenn das bedeutet, sich bis zur völligen Selbstaufgabe für den anderen aufzuopfern, zu vertuschen, zu lügen, zu betrügen und sich selbst alles schönzureden.

Die Angst vor dem Verlassenwerden ist deshalb so immens, weil Co-Abhängige nie gelernt haben, eine Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Beziehungen zu anderen Menschen, seien diese positiv oder negativ, geben ihnen ein vermeintliches Gefühl von Sicherheit. Dabei tut ein Co-Abhängiger alles in seiner Macht stehende, um die Kontrolle über seine zwischenmenschlichen Beziehungen zu behalten, auch wenn er sich dabei hilflos und ausgeliefert fühlt. Co-Abhängige halten den anderen in Abhängigkeit, indem sie alles für ihn tun. Sie kontrollieren ihn durch ihre Bereitschaft, seine emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen. Sie erschaffen durch ihre toxischen Beziehungsmuster eine Scheinwelt, die sie nach außen hin bis zur völligen sozialen Isolation aufrechterhalten. Sie wenden sich von Freunden ab, die ihre Lügen nicht glauben, sie vergraben sich zu Hause, sie verteidigen vehement die scheinbar funktionierende Welt, die sie und der Abhängige gemeinsam aufgebaut haben.

Anne Wilson Schaef2 prägte 1986 den eigentlichen Begriff der Co-Abhängigkeit, indem sie die übertriebene Rücksichtnahme und die Selbstaufgabe besonders der Ehefrauen von Alkoholikern nicht als normale Reaktion auf deren Sucht und ihre Auswirkungen, sondern als eigenständige Krankheit erkannte und benannte. Die Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung auszuschalten und das verdrehte Denken und Fühlen des anderen zu übernehmen, nach außen hin zu vertuschen und sich schlecht behandeln zu lassen, zeugt zumindest von einem sehr niedrigen Selbstwertgefühl.

Wenn ein Mensch erkennt, dass er sich schlecht behandeln lassen hat, und aufgrund dieser Erkenntnis die Situation verlässt, ist er nicht co-abhängig. Er hatte es nur zuvor nicht bemerkt und deshalb nicht gehandelt. Als co-abhängig bezeichnet man heute Menschen, die, obwohl sie oft sogar wissen, spüren und erkennen, dass sie sich selbst zum Opfer eines anderen oder mehrerer anderer machen, diese Situation nicht verlassen können, weil sonst ihre Schuldgefühle überhandnehmen. Der Druck der Schuldgefühle ist so stark, dass sie sich lieber weiterhin selbst schädigen, indem sie die ungesunden, meist emotionalen Bedürfnisse eines anderen erfüllen, anstatt sich um sich selbst zu kümmern und dem Gegenüber zuzumuten und auch zuzutrauen, das Gleiche für sich zu tun.