Heilung für das Innere Kind - Die Praxis - Susanne Hühn - E-Book

Heilung für das Innere Kind - Die Praxis E-Book

Susanne Hühn

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Beschreibung

Susanne Hühn arbeitet seit vielen Jahren intensiv mit dem Inneren Kind. Immer wieder erlebt sie dabei die Hilflosigkeit von Therapeuten und Energiearbeitern, wenn sich ihnen dieser innere Anteil ihrer Patienten oder Klienten zeigt. Viele wissen gar nicht, dass sie es überhaupt mit dem Inneren Kind zu tun haben. Die Autorin möchte das Bewusstsein für das Innere Kind wecken, damit es nicht weiterhin übersehen, alleingelassen oder verurteilt wird. Sie zeigt, wie sie mit dem Inneren Kind ihrer Klienten arbeitet, welche Techniken sie als wichtig erachtet, welche Schwierigkeiten sich bei der Arbeit ergeben können und worauf die Therapie abzielt.

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Susanne Hühn

Heilung für das

INNERE KIND

Die Praxis

Die Arbeit mit dem Inneren Kind in Therapie und Energiearbeit

 

 

 

 

 

Über die Autorin

Susanne Hühn wurde 1965 in Heidelberg geboren. Schon mit fünf Jahren beschloss sie, Masseurin zu werden. Nach dem Abitur besuchte sie eine Schule für Physiotherapie, machte 1986 ihr Staatsexamen und arbeitete danach als Krankengymnastin.

Der Zusammenhang zwischen dem Denken und Fühlen und dem körperlichen Symptom, das ihre Patienten jeweils zeigten, interessierte Susanne Hühn besonders, und so absolvierte sie Ausbildungen und Seminare zum Thema ganzheitliche Medizin. Mit 28 Jahren ließ sie sich zur psychologischen Beraterin ausbilden. Aufgrund eigener Themen kam sie auch in Kontakt mit spirituellen Therapieformen wie Kinesiologie und Reinkarnationstherapie nach Rhea Powers.

Parallel zu ihrer Tätigkeit als Physiotherapeutin begann Anfang der Neunzigerjahre Susanne Hühns Weg als spirituelle Lebensberaterin und Meditationslehrerin. Zudem fing sie 1992 an zu schreiben. Nach wie vor faszinierte sie der Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Seele, und so begab sie sich auf ihre eigene Forschungsreise. Ihr erstes spirituelles Selbsthilfebuch entstand 1999 und wurde im Schirner Verlag veröffentlicht. Im Jahr 2005 beendete Susanne Hühn ihre Tätigkeit als Physiotherapeutin. Seither widmet sie sich ganz der Lebensberatung und dem Schreiben von Büchern, Artikeln und Geschichten.

www.susanne-huehn.de

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ISBN 978-3-8434-6220-4

Susanne Hühn:Umschlag: Murat Karaçay, Schirner, unterHeilung für das Innere Kind – Die PraxisVerwendung von # 153650441 (Elle ArdenDie Arbeit mit dem Inneren Kind inImages), www.shutterstock.comTherapie und EnergiearbeitLogo »Hände«: Murat Karaçay, Schirner© 2015 Schirner Verlag, DarmstadtRedaktion: Claudia Simon, Schirner, unter Verwendung der Bilder vom Cover E-Book-Erstellung: HSB T&M, Altenmünster

www.schirner.com

1. E-Book-Auflage 2015

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten

Inhalt

Über die Autorin

Vorwort

Liebe Leser

Einführung

Das verletzte Innere Kind erkennen

Erdung

Die männliche und die weibliche Energie rufen

Der sichere innere Ort – der Zaubergarten des Inneren Kindes

Rettung für das Innere Kind

Den eigenen Platz einnehmen

Seelenanteile zurückholen

Heimkehren ins Licht

Fülle und Anerkennung: Das ideale Geschenk

Die Ahnen erlösen

Den inneren Kampf beenden

Das vom Klienten abgelehnte Innere Kind

Das von den Eltern nicht gewollte Kind

Halten und gute Botschaften

Helfer für das Innere Kind

Das Innere Kind eines anderen loslassen und erlösen

Nachwort

Widmung

Dieses Buch widme ich von ganzem Herzen und in tiefer Dankbarkeit meinem Vater.

VorwortEs ist nie zu spät für gute Botschaften!

Eines der entscheidenden Themen des Erwachens für die neue Energie, für ein neues Bewusstsein und für unsere Neue Zeit ist die Heilung des Inneren Kindes. Eine komplexe Herausforderung – sowohl psychologisch als auch spirituell! Der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung hat das »göttliche Kind« als einen zentralen Archetypus neben Animus und Anima bezeichnet und wohl als Erster dieses Innere Kind in unser kollektives Bewusstsein gerückt. So viele Lasten trägt es meist noch mit sich herum, so viele tiefe Enttäuschungen, nicht recht verheilte Verletzungen, verhärtete Narben, so große Altlasten von Ahnen … Inzwischen wird ganz allgemein anerkannt, dass es die Bewusstmachung und Heilung, vielleicht sogar Erlösung des Inneren Kindes braucht, um ein echtes spirituelles Wachstum zu erfahren. Dass es eine Heilung braucht, um Beziehungen erfüllter zu leben, aber auch, um kreativer und sogar um erfolgreicher zu sein.

Das Buch meiner geschätzten Kollegin und lieben Seelenfreundin Susanne Hühn wird zur Bewusstwerdung, Heilung und Integration des Inneren Kindes eine wertvolle Hilfe leisten. Ihre Arbeit mit dem Inneren Kind in der Therapie und der Energiearbeit beruht auf einer langen Praxiserfahrung in der Begleitung von Klienten durch schwierige Prozesse, die sie auch selbst erfahren und gemeistert hat.

Sie geht auf alle wichtigen Themen ein – auf unbewusste und unterbewusste Angstreize, darauf, wie man ein verletztes Inneres Kind überhaupt entdeckt und wahrnimmt, welche Muster meistens ablaufen, welche Wege zur Genesung es gibt, wie die männliche und die weibliche Energie aktiviert werden, wie ein »Zaubergarten« dem Inneren Kind neuen Frieden schenken kann und vieles mehr.

Vor allem jedoch widmet sich Susanne Hühn dem, was wohl für die meisten Leser/-innen der Angelpunkt sein wird: der Suche des Inneren Kindes nach Anerkennung und LIEBE. So, wie hinter aller Angst die Angst vor dem Tode steht, wie uns die Psychologen und Philosophen mitteilen, verbirgt sich hinter jeder Suche nach Verwirklichung die Suche nach Liebe.

Erst wenn das Innere Kind den verzweifelten Kampf um Liebe aufgibt, den es im Außen – auch bei anderen Menschen! – nie wird gewinnen können, erst wenn es sich seiner Mitte zuwendet und in sich den wahren Ort des Friedens findet, wird es als das göttliche Kind nicht nur Liebe finden, sondern zugleich zu LIEBE werden und Liebe SEIN.

So ist dieses Buch von Susanne Hühn für uns ein neuer Weckruf dafür, dass wir das Innere Kind beachten und ihm die notwendige Heilung angedeihen lassen sollen. Zugleich ist das Buch eine sehr praktische Anleitung, in der die einzelnen Aspekte und Schritte beschrieben und uns konkrete Mittel und Methoden angeboten werden. Und nicht zuletzt ist »Heilung für das Innere Kind – Die Praxis« eine liebevolle Einstimmung in das, was das innerste Wesen und das wahre Glück des Lebens ausmacht: lichtvolle, warmherzige Liebe.

Wulfing von Rohr

Autor von »Schritte ins Erwachen«, Ansata Verlag

www.wulfingvonrohr.info

Liebe Leser,

seit vielen Jahren beschäftige ich mich innig mit dem Inneren Kind – meinem eigenen und dem meiner Klienten. Die hervorragende Familientherapeutin Alice Miller hat es zum ersten Mal mit ihrem Buch »Das Drama des begabten Kindes« bewusst und ausdrücklich in das Bewusstsein geholt. Eric Berne benennt es in seiner Transaktionsanalyse, C.G. Jung zeigt es als einen Archetypus auf. Viele beschäftigen sich mit dem Inneren Kind und leisten großartige Arbeit. Ich arbeite mit sehr vielen Elementen und halte die integrative Therapie von Ken Wilber für äußerst sinnvoll und wegweisend. Und ich erlebe immer wieder, dass Therapeuten und Coaches hilflos dastehen, wenn sich das Innere Kind ihrer Patienten oder Klienten zeigt – oder auch ihr eigenes. Viele wissen gar nicht, dass sie es überhaupt mit dem Inneren Kind zu tun haben. Deshalb dieses Buch. Ich möchte euer Bewusstsein für das Innere Kind wecken, damit es nicht weiterhin übersehen, alleingelassen oder verurteilt wird.

Ich zeige euch, wie ich mit dem Inneren Kind meiner Klienten arbeite, welche Techniken ich für wichtig erachte, welche Schwierigkeiten sich ergeben können und worauf die Therapie abzielt. Scheut euch bitte nicht, diese Techniken in eure übliche Therapie einzuflechten, ihr habt eure eigenen Formen entwickelt. Nutzt die inneren Reisen, die ich euch anbiete, oder findet eure eigene, vielleicht ganz andere Form. Mir geht es in diesem Buch darum, euch die verschiedenen Formen der Not des Inneren Kindes bewusst zu machen und euch innere Landkarten zu geben, mit deren Hilfe ihr das Innere Kind abholen könnt. Egal, ob ihr Yoga anbietet, Energie- und Lichtarbeit macht, ob ihr als Familientherapeuten in einer Suchtklinik, als Schamanen, als Engelmedien oder als Aufsteller arbeitet – das Innere Kind wird euch überall begegnen, denn es bildet nun einmal die Basis des Emotionalkörpers. Und es lässt sich durch Vernunft und Logik nicht erreichen, auch nicht durch Kontrolle. Was im Übrigen sehr für seine Zähigkeit und seinen Überlebenswillen spricht!

Oft genug höre ich folgenden Satz: »Ich bin eifersüchtig (wütend, ich will das haben, ich fühle mich nicht gewürdigt etc.), das ist noch mein Ego.«

»Um Himmels willen«, sage ich dann, »das ist nicht dein Ego. Und schon gar nicht ›noch‹. Das ist dein Inneres Kind, und es wird Zeit, dass du es hörst!«

Ich sehe mich als Anwältin und Fürsprecherin für das Innere Kind, denn es wird so oft verkannt, missbraucht und ignoriert, dass die Verletzungen einfach nicht aufhören wollen. Und ich erlebe eine große Hilflosigkeit auch unter Therapeuten, wenn es um das Innere Kind geht, dabei ist es so einfach. Es gibt einen ganz leicht anzuwendenden Schlüssel, mit dessen Hilfe das Innere Kind in den Frieden kommen kann. Harte Arbeit ist es trotzdem, weil es wehtut.

Warum braucht dieses Innere Kind überhaupt eine spezielle Herangehensweise? Wir sind ausgebildet, kennen uns mit verschiedenen Therapieformen aus. Was unterscheidet die Arbeit mit dem Inneren Kind von der Arbeit, die wir üblicherweise tun? Um das zu verstehen, brauchen wir zunächst ein bisschen mehr Informationen darüber, was das Innere Kind ausmacht, worüber wir hier eigentlich reden.

Wenn wir mit dem Inneren Kind arbeiten, wenn wir es auf jeder Ebene erreichen wollen, stoßen wir mit reiner Psychologie schnell an Grenzen. Denn das Innere Kind hat unbewusste magische und spirituelle Aspekte. Kinder glauben an Engel, an eine Seele. Kinder glauben daran, dass es Elfen, Feen und Märchenwesen gibt. Und weil das so ist, ist es für die Arbeit mit dem Inneren Kind äußerst sinnvoll, eine spirituelle Welt zumindest anzunehmen und in die Erlebniswelt des Inneren Kindes mit einzubinden. Das Innere Kind hat emotionale, körperliche und seelische Aspekte. Wir kommen nicht weit, wenn wir die Seelenebene und die Ebene höherer Bewusstseinswesen nicht einbeziehen – und wir versagen uns ein ungeheuer wertvolles Spektrum an Helfern für das Innere Kind! Dem Inneren Kind einen Schutzengel an die Seite zu stellen, selbst wenn der dazugehörige Erwachsene gar nicht an Engel glaubt, ist einfach eine gute Idee, deshalb wäre es unklug, diese Möglichkeit auszuschließen.

Ich möchte kein ausdrücklich esoterisches Buch schreiben, weil ich euch alle erreichen will, aber wie immer werde ich mich mit dem zeigen, was ich glaube und selbst anbiete, mit dem, was ich für wesentlich halte. Und dazu gehören ausdrücklich die schamanische Arbeit und die sogenannte Lichtarbeit. (Diese Trennung gibt es in Wahrheit nicht, ich schreibe das, weil es verschiedene Gruppierungen von Energiearbeitern gibt. Ich meine alle damit.) Genauso wenig, wie es sinnvoll ist, spirituelle Inhalte anzubieten, ohne die Psyche einzubeziehen, ergibt es für mich keinen Sinn, psychologisch zu arbeiten, ohne die spirituelle Ebene anzuerkennen. Körper, Seele und Geist lassen sich nun einmal nicht trennen, außer, wir tun das willkürlich und bewusst. Genau diese willkürliche Trennung aber lässt uns in der Arbeit mit dem Inneren Kind an Grenzen stoßen, die nicht sein müssten. Denn die Integration all unserer Wesensanteile ist ja der Sinn unserer Arbeit. Deshalb plädiere ich hiermit ausdrücklich dafür, die spirituelle, geistige Welt, egal, ob man daran glaubt oder nicht, in die Therapie des Inneren Kindes einfließen zu lassen. Warum soll es kein Kuschelkrafttier haben? Warum keinen Riesen, der es beschützt? Die Erfahrung zeigt, wie heilsam es ist, sämtliche Welten in der Arbeit mit dem Inneren Kind gelten zu lassen. Alles, was vorstellbar ist, gehört nun einmal zur Erlebniswelt des Inneren Kindes dazu. Bestimmte Kräfte, ob erfunden oder tatsächlich existent, aus philosophischen und weltanschaulichen Gründen auszuschließen, ist meines Erachtens einfach nicht nötig. Und auch nicht besonders klug.

Gleichermaßen wichtig ist es zu verstehen, dass sich das Innere Kind nicht akademisch mental erfassen, sondern nur spüren lässt. Die Sprache des Kindes ist die Sprache des Gefühls. Selbstverständlich können wir auf der Erwachsenenebene über das Innere Kind reden. Erfahren aber werden wir es nur, wenn wir uns bewusst darauf einlassen, uns selbst zu fühlen.

Einführung

Warum ist das Innere Kind so wichtig? Und warum gibt es eine so große Hemmschwelle, sich damit zu befassen? Als Gott den Menschen schuf … unterschied sich dieser dramatisch von ihm selbst. Als sich die Seele in einen Körper inkarnierte … vergaß sie sich. Und als du geboren wurdest, warst du nichts als ein fühlendes, wahrnehmendes Wesen.

Ich denke, also bin ich – das ist der Satz eines Erwachsenen. Das Kind könnte nur sagen: »Ich fühle, also bin ich.« Ein Kind nimmt die Welt ausschließlich über seine Gefühle und seine Körperempfindungen wahr, unvermittelt und ohne Filter. Das Wesen des Menschen ist Fühlen, denn das ist seine erste Gehirnfunktion. Damit du mit der Welt in Kontakt treten kannst, musst du in der Lage sein zu fühlen, denn das ist deine menschliche Natur. Nicht ein Aspekt davon, sondern die Basis.

Es gibt eine sehr romantische, spirituelle Sicht auf die frühe Kindheit: Du bist als Baby mit allem verbunden, du bist unbewusst eins mit allem, es gibt keine Trennung zwischen dir und der Außenwelt. Du bist mit dem Himmel und mit der Erde verbunden, bist (noch) in beinahe jeder Hinsicht grenzenlos. Das kannst du so sehen. Doch in Wahrheit bedeutet das: Du bist allen Eindrücken ausgeliefert, hast keine Möglichkeit, sie zu filtern, und bist weitgehend handlungsunfähig. Du machst die Erfahrung von existenziellem Getragensein, wenn du Glück hast, oder aber von existenzieller Unsicherheit und sehr realer Todesangst, wenn niemand da ist, der dich hält. Die meisten Menschen machen beide Erfahrungen.

Was passiert dabei? Als Kind befindet sich dein Bewusstsein im sogenannten Säugetierhirn, du spürst deine Bedürfnisse und bist in Kontakt mit dir. Von hier aus könnte das Hirn wunderbar reifen. Wenn deine Bedürfnisse nicht zeitnah erfüllt werden, dann schlägt die Amygdala Alarm, und das muss sie auch, denn dein Überleben hängt davon ab, dass du genährt und versorgt wirst. Das Bewusstsein rutscht nun ins Stammhirn, hier wirkt der Sympathikus-Nerv. Er aktiviert dich, du schreist und zappelst. Hört dich keiner, dann rutscht das Bewusstsein nach einer Weile in den am wenigsten entwickelten Hirnteil, in das sogenannte Fischhirn. Hier wirkt der Parasympathikus, und du wirst apathisch und schlaff, teilnahmslos. Das hat nichts mit Loslassen zu tun, sondern mit völliger Selbstaufgabe. Bist du hier gelandet, dann gibt es keine Handlungsimpulse mehr, du bist der Situation voll und ganz ausgeliefert.

Wie dramatisch die Wahrnehmungen eines schreienden Babys oder Kleinkindes unterschätzt werden, zeigt sich in folgendem Satz: »Das Kind will ja nur Aufmerksamkeit«. Ja. Es will natürlich Aufmerksamkeit. Weil es zu sterben befürchtet, wenn es nicht beachtet wird, ganz konkret und real. Warum befürchtet das Kind zu sterben, wenn es nicht beachtet wird? Weil es stimmt. Denn Babys und Kleinkinder haben kein Zeitgefühl. Sie wissen nicht, dass die Mutter fünf Minuten später wiederkommt. Und oft genug kommt sie ja auch nicht wieder. Wenn ein Baby keine Aufmerksamkeit bekommt, dann stirbt es tatsächlich, so einfach ist das. Es verhungert, verdurstet und erfriert oder wird von Tieren gefressen, zumindest ist auch diese Erfahrung im Stammhirn abgespeichert und in einigen Ländern noch durchaus real. Woher soll das Kind wissen, dass es in wenigen Minuten »gerettet« wird? Unmittelbares Erleben ist das Erste, was du erfährst, wenn du geboren bist. Bewusstsein, Verstand, Vernunft, logisches Denken, konstruktive Problemlösungen, die Unterscheidung zwischen dir und dem Rest der Welt folgen erst, wenn du heranreifst.

Warum ist das so? Sprechen wir zunächst ein bisschen über den Mandelkern. Das ist ein sehr alter Teil des Gehirnes, der aus dem ursprünglichen Riechhirn heraus entstanden ist, der Teil, der als Allererstes auf jedes Ereignis reagiert. Er unterscheidet auf der Stelle, ob eine Situation bedrohlich ist oder nicht, ist wie ein Leibwächter, der uns blitzschnell in Sicherheit bringt. Das heißt, der Mandelkern entscheidet ohne Umschweife und ohne dass auch nur ein einziger bewusster Anteil des Gehirns daran beteiligt ist, ob man in einer bestimmten Situation einer Flucht- und Angstreaktion (Stammhirn) unterliegt oder entspannt und gelassen (Frontallappen) bleiben kann. Die Amygdala ist tatsächlich wie ein Schalter, der zwischen den Gehirnteilen hin- und herschaltet.

In den ersten Lebensjahren wird das Wurzelchakra ausgebildet, die Fähigkeit, für sein eigenes Überleben zu sorgen, für sich selbst einzustehen und sich selbst zu vertrauen. Das Wurzelchakra wird dem Geruchssinn zugeordnet, und seine wichtigsten Drüsen sind die Nebennieren. Genau diese Nebennieren sind es, die aktiv werden und Hormone ausschütten, wenn die Amygdala auf Rot schaltet. Die Mandelkerne (lat.: Amygdali, wir haben zwei davon, einen links, einen rechts) sind also aus dem Riechhirn, dem Sitz unseres Geruchssinnes, heraus entstanden. Und das ist auch logisch, denn der Geruchssinn bildet das Frühwarnsystem der meisten Tiere, er ist bei vielen Tieren die am frühesten und besten entwickelte Sinneswahrnehmung. Die Wahrnehmung von Gerüchen sorgt für blitzschnelle, unmittelbare Reaktionen, sei es der sexuelle Lockstoff eines potenziellen Partners, der Geruch einer Beute oder der eines Feindes. Im Mandelkern nun wird für jede Situation neu entschieden, ob wir mit einem älteren oder einem entwicklungsgeschichtlich neueren Anteil unseres Gehirnes reagieren und ob der Schaltkreis einer Angst- und Stressreaktion aktiv wird oder nicht. Weil die Verknüpfungen zu den älteren Teilen, dem Reptilien- und dem Säugetiergehirn, älter und damit auch besser ausgeprägt und schneller sind, erfolgt die erste Reaktion bei ankommenden Informationen (jedes Ereignis bildet eine Information für unser Gehirn) zumeist aus den älteren Gehirnanteilen heraus – Wettbewerb, Überleben, dann erst Fürsorge und Emotionen. Der erste Impuls sorgt für das Überleben (Wurzelchakra).

Es gibt im Mandelkern (der so heißt, weil dieser Gehirnteil wirklich wie eine Mandel aussieht) zwei verschiedene Schaltkreise: Der eine sorgt dafür, dass ein Ereignis mit Angst verknüpft wird, der andere Schaltkreis entkoppelt dieses Ereignis wieder von Angst, nämlich dann, wenn wir das gleiche Ereignis weitere Male erleben – diesmal aber ohne bedrohliche Auswirkungen. Merken wir uns also: Angst entsteht sofort bei der ersten Bedrohung, um diese Angst zu verlernen, braucht es hingegen mehrfache positive Wiederholungen – das ist auch klar, denn dein Gehirn, besonders die Mandelkerne wollen dein Leben schützen. Natürlich lernen sie sofort alles über bedrohliche Situationen und löschen dieses Wissen nur langsam, denn eine gesunde, rasche und angemessene Reaktion auf Gefahr ist für die Mandelkerne nun einmal wichtiger als die Fähigkeit, entspannt spazieren zu gehen. Flucht, sich tot stellen oder Angriff ist bedeutsamer als Mitgefühl, zumindest in der Zeit, als unser Gehirn entstand. Wissenschaftler nennen diese Schaltkreise Angst- bzw. Löschneuronen. Frei von Angst zu werden lernen wir also nur über bewusst erlebte positive Erfahrungen.

Der älteste Teil unseres Gehirnes ist nach dem Fischhirn das sogenannte Reptiliengehirn. Dieses Hirnteil ist emotionslos und sorgt für unser Überleben, schickt uns kompromisslos in den Wettbewerb des Lebens und sorgt dafür, dass wir uns ohne Umschweife verteidigen oder angreifen. Erst das entwicklungsgeschichtlich danach entstandene Säugetiergehirn gibt uns die Fähigkeit, Emotionen, soziales Verhalten und Fürsorge zu erleben. Weil die Anlagen des Reptiliengehirns aber auch hier vorhanden sind, schwanken unsere Handlungsimpulse ständig zwischen den Polen Wettbewerb und Fürsorge, Angriff und Unterstützung, dem Recht des Stärkeren und der mitfühlenden Sorge für Schwächere hin und her. Bekommen wir keine Antwort auf unsere Reaktion im Reptiliengehirn (schreien und zappeln, auf sich aufmerksam machen), dann verfallen wir ins Fischhirn. Hier geben wir auf. Natürlich hört ein Kind irgendwann auf zu schreien, wenn es keine Antwort bekommt. Es schreit sich in das Fischhirn hinein, und dort wirkt der Parasympathikus. Es schläft ein. Aber es hat sich selbst völlig aufgegeben. Das ist ein hoher Preis für ein bisschen Ruhe.

Und dann gibt es da noch die brandneuen Stirnlappen, den Neocortex. Diese erlauben uns, komplexe Dinge wie Sprache, Musik, verfeinerte motorische Fähigkeiten, Voraussicht und abstrakte Ideen zu entwickeln. Hier finden wir vor allem unser Bewusstsein, unsere Fähigkeit, über uns selbst nachzudenken, die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten und sie unabhängig von uns selbst zu sehen. Im Vorderhirn bist du in der Lage, auch die andere Seite der Medaille zu betrachten und aus deiner sehr persönlichen, dich betreffenden Sicht der Dinge das größere Ganze zu überschauen. Wenn Goethe durch seinen Faust erklären lässt, er will wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, dann kann er das nur über den Neocortex erfahren. Auch die Frage selbst kann nur dort entstehen. Die Stirnlappen denken zu hundert Prozent kooperativ und bilden somit den Gegenpol zum Reptiliengehirn.

Was hat das mit dem Inneren Kind zu tun? Nun, als Baby reift dein Gehirn gerade erst heran. Und zwar genau in der Reihenfolge, in der es auch entwicklungsgeschichtlich gereift ist. Der Frontallappen, in dem deine Vernunft und die Möglichkeit, konstruktive Lösungen zu finden, liegen, ist noch nicht aktiviert. Du reagierst ohne Sprache, ohne kognitive Fähigkeiten. Du lernst die Dinge unmittelbar durch dein emotionales und körperliches Erleben, bist nicht in der Lage, zu reflektieren und das, was du erlebt hast, zu überdenken, weil dein Vorderhirn noch nicht ausgereift ist. Du hast noch keine Sprache, bist somit nicht in der Lage, dich auszudrücken und verständlich zu machen – außer durch deinen emotionalen und körperlichen Ausdruck. Alles, was dich bedroht und dir gefährlich vorkommt, egal, ob es das tatsächlich ist oder nicht, wird von deinem Mandelkern, der Amygdala, gespeichert. Die Amygdala lernt über Emotionen, besonders über Angst und Schock. Und sie lernt schnell. Wenn du als kleines Kind bedroht wirst oder Angst bekommst, wenn du einen Schock erleidest, dann rafft die Amygdala sämtliche Ereignisse, die während des Schocks geschehen, unüberprüft zusammen. Es ist, als greife sie während des Traumas, bildlich gesprochen, nach allen vier Tischtuchzipfeln eines gedeckten Tisches und stopfe das gesamte Geschirr, die Vase mit den Blumen, die Essensreste, die Tischdekoration, die Kerzen, das Besteck und auch die Servietten und die vollen Rotweingläser zusammen in eine Kiste. Sogar die CD mit der Musik, die gerade läuft, und alle Düfte im Raum packt sie dazu. Darauf schreibt sie »Gefahr, verlassen zu werden«, »Gefahr: körperliche Gewalt«, »Verletzung«, »Verhungern« oder was auch immer. Manchmal schließt sie sogar noch den entsprechenden Seelenanteil mit weg, damit du die Sache komplett vergisst und weitermachen kannst. Du fühlst dich an dieser Stelle dann zwar irgendwie leer, hast keine Erinnerung, bist wie taub, aber du kannst weiterleben.

Bei einem Schock werden also sämtliche bewussten Hirnteile, die bei Kindern sowieso nicht ausgereift sind, ausgeschaltet, und die Amygdala ergreift das Kommando. Das ist auch sehr sinnvoll. Die Amygdala entscheidet blitzschnell, ob eine Situation für dich bedrohlich ist oder du entspannt bleiben kannst. Ist sie bedrohlich, dann sorgt die Amygdala für die passende Stresshormonausschüttung und ermöglicht dir damit Flucht, Angriff oder Erstarrung, je nachdem, welcher Angsttyp du bist und welche Reaktion nach Meinung deiner Amygdala angemessen und sinnvoll ist. Soweit ist das alles wunderbar und genau richtig. Wirst du nach einem Schock getröstet, darfst du weinen, darfst du wütend werden oder trauern, dann läuft die emotionale Welle aus, und du kommst wieder in dein Gleichgewicht. Wiederholt sich die schockierende Erfahrung nicht, dann sortiert dein Gehirn nach und nach diese Gefahrenkiste aus, sorgt dafür, dass alles gereinigt wird und an seinen richtigen Platz kommt, um im Bild zu bleiben.

Was aber passiert üblicherweise? Du wirst eben nicht getröstet, niemand hat überhaupt mitbekommen, dass du einen Schock erlitten hast, die Kiste modert in deinem Inneren vor sich hin. Geschieht nun etwas, was dich an den Inhalt dieser Kiste erinnert, auch wenn es überhaupt nicht unmittelbar mit dem Schock selbst in Verbindung steht, ein Duft, eine Musik, ein Wort, dann reagiert dein Gehirn, deine Amygdala wie auf eine echte Gefahr. Und das bedeutet nun einmal Flucht, Angriff oder Erstarrung. Weil eventuell ein Seelenanteil fehlt, kannst du dich überhaupt nicht an den Schock erinnern, und du fragst dich, was denn eigentlich los ist, findest aber keine Antwort. Da ist nur diese Leere.

Wenn du nun noch weißt, dass eine der ältesten und wichtigsten Funktionen deines Gehirnes die Schmerzvermeidung ist, dann kannst du dir vorstellen, wie viele unbewusste Tricks du anwenden wirst, um nie wieder die Gefahrenkiste berühren zu müssen, um ihr nicht einmal nahezukommen. Dazu brauchst du gar nichts beizutragen, dein Gehirn macht das ganz von selbst für dich. Wenn du älter wirst, dein Gehirn zu reifen beginnt, versuchst du mit allen Mitteln zu verstehen. Du ziehst aus dem, was dir das Leben anbietet und zumutet, Schlussfolgerungen und stellst Verhaltensregeln auf, um in Zukunft Schmerzen zu vermeiden. Du beginnst, dich selbst zu kontrollieren, und hast, weil dein Gehirn noch nicht herangereift ist, teilweise merkwürdige kognitive Verknüpfungen gebildet. Und diese nie hinterfragt, weil auch sie unbewusst entstanden sind.

»Wenn ich erst gar niemanden an mich heranlasse, dann werde ich auch nicht enttäuscht.«

»Wenn ich keine Gefühle zeige, dann merkt niemand, dass ich welche habe.«

»Wenn ich nur ganz flach atme, dann tut es nicht so weh.«

»Männer (Frauen, Hunde, dunkle Tunnel, quiekende Mäuse, Spinnen, Abschiede, Gefühle …) sind gefährlich.«

»Wenn ich funktioniere, dann komme ich irgendwie durch.«

Und so weiter. All das weißt du nicht, weil du es nicht bewusst mitbekommst. Das größte Trauma, das, was am tiefsten sitzt, ist die Beschämung. Scham erleben wir meistens sehr früh, zu einer Zeit, in der wir noch keine Sprache haben und erst recht noch keine Möglichkeiten, uns selbst zu beruhigen. Scham vernichtet uns. Im Gegensatz zur Schuld, bei der wir glauben, wir hätten etwas falsch gemacht (was ja manchmal auch stimmt), fühlen wir uns in der Scham komplett falsch, die gesamte Existenz steht infrage. Dieser Schmerz ist so immens, dass wir alles, wirklich alles zu tun bereit sind, um das nie wieder fühlen zu müssen. Wir haben keine Chance, Scham auszumerzen, weil es nichts gibt, was wir wiedergutmachen könnten. Fühlen wir uns schuldig, haben wir zumindest eine Handlungsebene, wir können Schulden welcher Art auch immer begleichen. Schämen wir uns für unsere Existenz, können wir uns als strikte Konsequenz nur selbst auslöschen. Wir sind als Kinder einfach vollkommen unserem emotionalen Erleben ausgesetzt, es gibt noch keine Filter und keine bewussten inneren Aufräumarbeiten.

Wurdest du als Kind nicht gehalten, nicht geschützt oder getröstet, dann befindet sich in deinem Gehirn eine Menge hochexplosiver emotionaler Sprengsätze. Diese Sprengsätze sind doppelt und dreifach gesichert, es gibt Stacheldrahtzäune und Landminen, damit sie ja nicht hochgehen und dich zerstören. Wurdest du nicht nur unabsichtlich verletzt, sondern womöglich sogar bewusst beschämt, dann hast du sinnbildlich die alte Berliner Mauer in deinem Inneren errichtet – mit Todesschützen. Wenn ihr jemand zu nahe kommt, wird ohne Vorwarnung scharf geschossen. Das klingt krass. Aber es ist auch krass. Denn diese Abwehr kann dich richtig gemein werden lassen, das geht so weit, dass du lieber vorsätzlich jemanden verletzt, als dich selbst spüren zu müssen – das kennst du sicher, hast es zumindest am eigenen Leib durch andere erlebt. Lieber schießt man die dunklen Pfeile ab und greift andere an, als die eigene Not zu erkennen und für sich selbst einzutreten.

Besonders, wenn wir als Kind Angst erleben, selbst wenn es überhaupt nicht unsere eigene ist, ja, selbst dann, wenn es gar keinen Auslöser dafür gibt, schlägt das Gehirn Alarm. Denn wenn jemand Angst hat, muss das Gehirn davon ausgehen, dass es Gefahr gibt. So, wie ein Tier unruhig wird, wenn wir als Halter in Angst geraten, reagiert ein Kind, wenn seine Bezugspersonen, die es schützen sollen, Angst verspüren. Aus zwei Gründen. Erstens: Haben die Eltern Angst, dann sind sie (im Erleben des Kindes) offensichtlich mit einer Situation überfordert und können das Kind nicht schützen. Zweitens: Angst überträgt sich sofort auf das eigene Angstzentrum des Kindes, sie ist, wie wir wissen, geradezu ansteckend. Und selbst, wenn es überhaupt keinen realen Auslöser gibt, reagiert das Gehirn mit der Ausschüttung entsprechender Hormone. Weil das Kind keine Chance hat, sich selbst zu schützen, schon gar nicht, wenn es nicht weiß, welche Gefahr eigentlich droht, verharrt das System in Alarmbereitschaft. Irgendwann entspannt es sich wieder. Aber nicht vollständig, es bleibt in Habachtstellung. Passiert das zu oft, dann bleibt eine latente Grundangst bestehen.

Du wirst erwachsen, das heißt, dein Gehirn reift heran. Du bekommst Zugriff auf neuere Anteile, die dich differenzierter reagieren lassen. Da du aber nicht weißt, was da in deinem Stammhirn vor sich hinmodert, kannst du diesen inneren Keller auch nicht aufräumen – außer, du beschäftigst dich ganz bewusst damit. Deine Verteidigungs- und Abwehrmechanismen werden immer besser und komplizierter, denn alles, was du mit deinem nun gereiften Gehirn lernst, steht auch der Schmerzvermeidung zur Verfügung.

Wann immer dich nun eine Situation an eine alte und damit kindliche Verletzung erinnert, und sei es noch so weit hergeholt, reagiert deine Amygdala und sendet »Gefahr im Verzug!«. Du reagierst mit Angriff, Erstarrung oder Verteidigung, ohne zu verstehen, was eigentlich gerade mit dir los ist. Womöglich, wenn dein Schmerzvermeidungssystem ganze Arbeit geleistet hat, glaubst du auch noch, deine Reaktion wäre vernünftig und angemessen. Das Vertrackte daran ist, dass dein nun gereiftes Gehirn mit all diesen verdrängten Themen anders umgehen könnte. Es würde sich also lohnen, diese Tabuzonen zu überprüfen und neu einzuordnen. Der Erwachsene, der du bist, kann das für das Innere Kind tun, was damals so dringend nötig gewesen wäre – doch wer sucht schon freiwillig all die schmerzverseuchten Gebiete auf, die der Pflege und Fürsorge bedürfen?

All diese Themen werden durch das Innere Kind, über das wir hier reden, verkörpert. Natürlich gibt es auch andere Aspekte: Freude, Neugier, Lust auf Neues, Freiheit, Unschuld – diese Aspekte bereichern dein Leben ungemein. Doch meistens steht die Schmerzvermeidung des Inneren Kindes im Vordergrund. Noch einmal zum Verständnis: Diese Schmerzvermeidung zeigt den unbändigen, unbedingten Überlebenswillen deines Inneren Kindes und ist eine starke, wichtige Kraft! Es gibt aber jetzt, wo du erwachsen bist, bessere Möglichkeiten, mit Schmerz umzugehen, als ihn um jeden Preis zu vermeiden, denn du vermeidest damit auch das Lebendigsein.

Erwachsen zu sein bedeutet, bewussten Zugriff auf die nun herangereiften Hirnteile zu haben und sie zu nutzen. Jene Hirnteile, die dir vernünftige, konstruktive Lösungen, die auf Mitgefühl und deiner echten, umfassenden Wahrnehmung basieren, ermöglichen. Du kannst, wenn du erwachsen, das heißt herangereift bist, frei entscheiden, welchen deiner vielen Impulse du Ausdruck verleihst und welche du zu deiner Handlungsgrundlage machst. Du bist selbstbestimmt und in der Lage, deine Emotionen wahrzunehmen, aber eben nicht nur, sondern du kannst auch all die anderen Aspekte sehen. Vor allem kannst du unterscheiden, ob deine Emotionen der Situation angemessen sind oder ob sie deine Verletzungen spiegeln. Bist du erwachsen, dann wirst du deine Verletzungen und deine Schmerzvermeidung nicht zur Handlungsgrundlage erheben, sondern dich gut um dich kümmern. Entscheiden aber wirst du mit dem Assoziationscortex, einem großen Teil der Hirnrinde, in dem alle in den verschiedenen Gehirnteilen ankommenden Informationen zusammenlaufen und verarbeitet werden – im Gegensatz zur Amygdala aber nicht rein emotional.

Der Assoziationscortex berücksichtigt alle Faktoren, die du wahrnimmst, bewusst und unbewusst. Hier laufen im wahrsten Sinne des Wortes die Fäden zusammen, die zu einer echten, bewussten und reifen Entscheidung führen – es sei denn, du hast sie schon getroffen, indem du die der Schmerzvermeidung dienende Information deiner Amygdala zur Handlungsgrundlage auserkoren hast.

Was heißt das ganz konkret? Du bleibst, wenn du die Informationen des Assoziationscortex als Basis für deine Entscheidungen gelten lässt, bewusst und handlungsfähig, egal, wie sehr dich eine Situation emotional auch triggert. Du bist in der Lage, sie als das zu erkennen, was sie ist – eine Erinnerung, die nichts mit dem Jetztzustand zu tun haben muss. Du erkennst sie an, aber du lässt dich nicht von ihr beherrschen, sondern schaust dir die Situation genau und mit all deinen Sinnen an.

Die meisten von uns verwechseln das Erwachsensein mit dem von sich selbst abgeschnittenen Funktionieren. Wenn du als Kind emotional überfordert warst, dann hast du dir aus den wenigen Informationen, die dir zur Verfügung standen, ein Weltbild gebastelt, das, wie schon öfter gesagt, auf Schmerzvermeidung beruht. Du funktionierst wie gewünscht, du verleugnest, was dich tatsächlich bewegt, nimmst weder deine Gefühle noch deine Wünsche und Träume zur Kenntnis und tust das, was die Situation eben erfordert, damit du nicht noch mehr verletzt wirst. Du bist tatsächlich ein Opfer der Umstände, die dir deine Eltern anbieten oder zumuten, denn du kannst dich nur anpassen, aber nicht eigenständig entscheiden und agieren. Du kannst nur verweigern oder funktionieren, mehr Möglichkeiten hast du nicht, wenn du nicht gehört wirst.

Niemand hat dir je gesagt, dass du nun erwachsen bist und damit die Verantwortung für dich und deine Entscheidungen nicht nur selbst übernehmen darfst und sollst, sondern, und das ist der Knackpunkt, auch KANNST. Dein Gehirn ist aufgrund seiner Reifung in der Lage, die Dinge zu überblicken und die Verantwortung, die du auf dich nimmst, zu überschauen. Wenn du das aber nicht üben durftest, wenn du nicht nach und nach in deine Selbstbestimmung geführt wurdest, wenn dir nicht erlaubt wurde, eigene, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen, ohne dass sofort Schmerz durch Liebesentzug, Ärger, Enttäuschung oder Gleichgültigkeit die Folge war, dann weißt du gar nicht, dass du es nun kannst. Du verwechselst das anstrengende, von dir selbst abgeschnittene, funktionierende Wesen, zu dem du geworden bist, mit dem echten Erwachsenen, der seine eigenen Entscheidungen trifft und sowohl Ja als auch Nein sagen kann und darf.

Deshalb hier eine Liste mit den Rechten, die du als Erwachsener hast und für dich in Anspruch nehmen darfst:

Du hast das Recht, Nein zu sagen, wenn dir eine Situation nach sorgfältiger Prüfung und weil sie nicht dem Leben dient gegen den Strich geht.

Du hast das Recht, Ja zu sagen, wenn dir eine Situation sinnvoll und dem Leben dienend erscheint.

Du hast das Recht, deine innerste, sorgfältig geprüfte Wahrheit zu deiner Handlungsgrundlage zu machen, ob sie anderen gefällt oder nicht.

Du hast das Recht, die Konsequenzen all deiner Entscheidungen zu tragen und auf dich zu nehmen.

Du hast das Recht, dich vollkommen verantwortlich für dich und dein Leben zu fühlen und alles zu tun, was dich und dein Leben nährt und schützt.

Du hast das Recht, für all das einzustehen, was dir heilig ist und innig am Herzen liegt, egal, ob es jemand anderem gefällt oder nicht.

Du hast das Recht, genau und sorgfältig zu denken.

Warum schreibe ich so oft von sorgfältiger Prüfung? Weil es beim Erwachsensein genau darum geht. Du beziehst alle dir zur Verfügung stehenden Informationen mit ein und überprüfst sie sorgsam – denn die Konsequenzen trägst du auch! Du machst dir die Mühe, die Informationen, die dir noch fehlen, einzuholen, und bist in der Lage, ein inneres »Ich weiß es noch nicht« auszuhalten. Du triffst deine Entscheidungen achtsam und nicht aus Angst und Schmerzvermeidung, sondern im Dienst am Leben. Und du versteckst dich niemals hinter billigen Ausreden und Argumenten, sondern bist verfügbar und verantwortungsbewusst – auch das im Dienst am Leben.

Mit diesem Wissen und damit dem Bewusstsein über die Brisanz der kindlichen Ängste können wir unsere Klienten abholen. Denn jeder trägt dieses Innere Kind in sich, jeder handelt aus unbewussten Vermeidungsimpulsen heraus, und jeder fühlt sich von Zeit zu Zeit gelähmt, an- oder in die Flucht getrieben. Es braucht ein beschütztes, geliebtes und in seiner Bedürftigkeit erkanntes Inneres Kind, damit wir unser Leben als Erwachsene bewusst und schöpferisch gestalten können.

Warum nun also benötigen wir eine besondere Herangehensweise? Weil das Innere Kind ganz andere Bedürfnisse hat als der Erwachsene, den wir vor uns haben. Weil wir das Innere Kind nicht über den Verstand, das Verständnis, erreichen können. Weil vieles von dem, was wir unserem Klienten anbieten, nicht im Inneren Kind ankommt, wenn wir es nicht ganz ausdrücklich ansprechen. Vor allem aber deshalb: Damit unser Klient lernt, sich selbst zu halten, damit er sich selbst ein guter Partner sein kann, damit er gut für sich sorgen kann, braucht es Werkzeuge. Wenn wir ihm zeigen, wie er sich selbst schützen, versorgen und retten kann, geben wir ihm einen großartigen Schlüssel zur Selbstliebe, vor allem aber zur Selbstverantwortung in die Hand.

Der Vollständigkeit halber stelle ich den Rechten des Erwachsenen die Rechte des Inneren Kindes gegenüber. Ich habe sie in ähnlicher Form ausführlich im Buch »Die Heilung des inneren Kindes« beschrieben. Dafür zu sorgen, dass jeder Aspekt in uns zu seinem Recht kommt, ist unsere Verantwortung als erwachsene und bewusste Menschen.

Wenn jemand gemein zu dir ist, dann darfst du weinen, und du brauchst nicht mehr hinzugehen.

Du darfst dir Zeit nehmen, einfach einmal nichts zu tun, sondern nur den Wolken zuzuschauen und Blumen zu pflücken.

Du darfst Fehler machen und dich selbst ausprobieren.

Wenn dir etwas keinen Spaß macht, dann höre auf damit.

Gehe zu Menschen, die dich umarmen, die dich lieb haben und denen du deine Liebe uneingeschränkt zeigen kannst und darfst.

Du darfst albern sein, und du musst dich selbst nicht ständig erklären.

Wenn du etwas nicht kannst, dann bitte um Hilfe. Erinnere dich daran, dass du nicht alles alleine zu machen brauchst.

Zusammengefasst:

 Die Amygdala reagiert instinktiv und unmittelbar auf unangenehme Reize.

 Sie ist kognitiv nicht erreichbar.

 Die Amygdala kann neu programmiert werden. Das geschieht über positive emotionale Erfahrungen.

 Die Amygdala kennt keine Zeit. Jedes Ereignis kann eine Reaktion triggern, die auf einem lange zurückliegenden Schock basiert.

 Der Klient erinnert sich üblicherweise nicht an diesen Schock.

 Schocks lassen sich durch positive emotionale Erfahrungen löschen.

 Unser Klient braucht ein Bewusstsein für sein Inneres Kind sowie Werkzeuge, die er selbstständig anwenden kann, um gut für sich zu sorgen.

Das verletzte Innere Kind erkennen

Woran erkennen wir überhaupt, dass wir mit dem Inneren Kind unserer Klienten arbeiten müssen? Woran sehen wir, dass es verletzt ist?

Der Klient ist emotionaler, als es der Situation angemessen ist.

Er jammert und ist vorwurfsvoll.

Du spürst, dass er traumatisiert ist, aber der Auslöser passt nicht zur Tiefe des Schocks.

Seine Gedanken kreisen ewig um das gleiche Thema, er kann es nicht verarbeiten.

Er atmet flach und spricht mit Bruststimme.

Er macht nervöse Bewegungen, knetet beispielsweise seine Hände.

Du spürst, dass er in Not ist und sich selbst nicht helfen kann. Gleichzeitig erreichst du ihn kaum, er ist wie in einer Art innerem Film, einer emotionalen Schleife gefangen.

Er ist nicht in der Lage, abstrakt zu denken und seine Handlungen und Entscheidungen auf der Metaebene zu betrachten.

Konstruktive Lösungen sind außerhalb seiner Reichweite.

Wenn dein Klient in der Energie des verletzten Inneren Kindes gefangen ist, dann kannst du ihn verbal nicht mehr erreichen und du kommst nicht weiter. Du kannst getrost auf deine Wahrnehmung vertrauen: Wenn du das Gefühl hast, du sitzt einem Kind statt einem Erwachsenen gegenüber, dann stimmt das auch. Es gilt nun, dieses Innere Kind zunächst wahrzunehmen und achtsam zu thematisieren. Denn unser Klient will meistens nicht viel mit sich selbst zu tun haben – das ist auch ganz logisch. Die Schmerzvermeidung funktioniert und wirkt.

Wie aber erreichen wir das verletzte Innere Kind unseres Klienten, und was braucht es? Wir haben im ersten Kapitel gelernt: Das verletzte Innere Kind zeigt die unmittelbare emotionale Reaktion der Amygdala. Diese lernt nur und ausschließlich durch emotionale Erfahrungen (im Gegensatz zum Hippocampus, der durch Wiederholungen lernt). Es ist möglich, die Erfahrung von Verletzung zu vergessen, zu »überschreiben«, indem die Amygdala eine neue, positive Erfahrung über die bereits erlittene legt.

Noch einmal: Das Innere Kind ist nicht über kognitive Therapie erreichbar. Es fühlt. Es denkt nicht. Die Amygdala hat nur ganz wenig Verbindung zum präfrontalen Cortex.

Worum also geht es in der Arbeit mit dem Inneren Kind? Wir ermöglichen unserem Klienten neue, positive Erfahrungen in einer bereits erlebten, verletzenden Situation. Gleichzeitig geben wir ihm einen sicheren Raum, in dem er sich geliebt und geborgen fühlt. Wir wecken das Bewusstsein unseres Klienten für sein Inneres Kind, wir geben ihm Werkzeuge, mit denen er sich von nun an selbst beschützen und nähren kann. Wir zeigen ihm, wie er sein Inneres Kind »rückwirkend« (in Anführungszeichen, weil es für diese emotionale Ebene keine Zeit gibt) rettet und versorgt, und wir ermöglichen es ihm, in kommenden schwierigen Situationen besser für sich zu sorgen. Wir nehmen ihm die Scheu vor dem Schmerz und zeigen ihm, wie er von nun an für sich selbst da sein kann, damit er auf der Erwachsenenebene handlungsfähig bleibt. Wir stellen ihm hilfreiche Kräfte zur Seite, die sein Inneres Kind beschützen, nähren und unterstützen. So weit, so hilfreich.

Was aber muten wir unserem Klienten zu, wenn wir mit seinem Inneren Kind arbeiten wollen? Es ist sehr wichtig, das zu verstehen, denn die Schmerzvermeidung ist immens, und das ist auch gut so, hat sie ihm doch bislang das Leben ermöglicht, wenn nicht sogar gerettet.

Unser Klient muss sich, wenn wir uns seinem Inneren Kind nähern, mit Themen befassen, die aus gutem Grund bislang im Unbewussten lagen. Wir führen ihn durch seine Schmerzvermeidung hindurch zu den Gefühlen hin, die ihn als Kind das Leben gekostet hätten, zumindest einen Teil seiner geistigen Gesundheit. Wir erwarten eine hohe Transferleistung: die Unterscheidung zwischen dem Erwachsenen, der er ist, und dem Inneren Kind, das in ihm wirkt, aber nicht mehr sein Bewusstsein, sein gesamtes Denken, Fühlen und Handeln, zu beherrschen braucht. Wir erwarten vom ihm die Bereitschaft, sich mit schmerzlichen Themen auseinanderzusetzen, und nicht nur mit seinen eigenen. Denn das Innere Kind trägt nicht nur die Lasten eigener Erfahrungen, sondern, wie wir aus sehr vielen Therapieformen wissen, die Lasten der Familie und der Ahnen gleich mit. Wir wissen, dass sich Kinder als Platzhalter anbieten, dass sie ein untrügliches Gespür für die Defizite eines Familiensystems haben und sich selbst als Ausgleich anbieten. Wir wissen, dass Kinder die absurdesten Verhaltensweisen an den Tag legen, die merkwürdigsten Schlussfolgerungen ziehen, um das System, in dem sie leben, am Laufen zu halten. Ihr eigenes Überleben hängt davon ab. Es ist für ein Kind weitaus weniger bedrohlich, den eigenen Platz erst gar nicht einzunehmen, sondern für das System zur Verfügung zu stehen, wenn es dadurch genährt und versorgt wird, als in einem vollends dysfunktionalen System in jede Hinsicht zu verhungern.

Wenn du spirituell arbeitest, dann trägt das Innere Kind zudem die Verletzungen der angenommenen vergangenen Leben. Und ganz bestimmt die Lasten der Ahnen.

Wir haben also einen sehr verletzlichen Anteil vor uns, dem wir in aller Achtsamkeit begegnen dürfen und müssen. Das Gute ist: Tun wir das nicht, dann zeigt sich das Innere Kind schlichtweg nicht kooperativ, und das ist auch gut so. Es schützt sich selbst vor erneuten Verletzungen und vertraut uns, den Therapeuten, einfach nicht – zu Recht.

Dazu einen kurzen Exkurs: Ich arbeite sehr viel mit Rückführungen1, weil mir das sehr sinnvoll erscheint. Dabei spielt es für mich überhaupt keine Rolle, ob mein Klient tatsächlich schon einmal gelebt hat oder nicht. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass sich nicht jedes Thema durch Ereignisse in diesem Leben hinreichend erklären lässt und dass es äußerst hilfreich ist, ein früheres Leben anzunehmen. Es ist eine Arbeitsgrundlage, die zu emotionalen und spirituellen Erkenntnissen und Einsichten führt, und nur darum geht es mir.

Außerdem gibt es noch all die seelischen Entscheidungen, die auf völlig anderen Bewusstseinsebenen getroffen wurden und die dem Klienten meistens nicht zugänglich sind.

Was heißt das? Dass wir eben nicht wissen, womit wir es zu tun bekommen, wenn wir uns dem Inneren Kind unseres Klienten nähern. Das Innere Kind kann wie ein mit Sprengsätzen bestückter Selbstmordattentäter daherkommen.

Was erfordert die Arbeit mit dem Inneren Kind also von uns, den Therapeuten? Zunächst einmal größtmögliche Achtsamkeit und Mitgefühl. Unser Klient, so verkopft, kontrolliert und verschlossen er auch daherkommen mag, trägt eine große Last. Je verkopfter, je kontrollierter, desto größer ist sie zumeist. Er kann nicht fühlen. Er ist ungeduldig, wütend, spürt oft gar nichts oder ist seltsam abwesend, nicht spürbar, wenn es um bestimmte Themen geht. Der »zentrale Konflikt«2 des Kindes ist gut eingebettet in zum Teil sogar widersprüchliche Abwehrmechanismen. Das gesamte System unseres Klienten, Emotionen, Gedanken und der Körper, hält diese Abwehrmechanismen aufrecht – durch Verspannung, Schmerzen, durch Unfälle und Krankheiten, durch bestimmte Rede- und Denkweisen, Glaubenssätze und emotionale, geradezu suchtartige Muster, die immer wieder die gleichen Gefühle produzieren und damit in der gleichen schmerzvermeidenden Entscheidung enden. (Ich werde nie wieder … ich muss immer …)

Wenn wir dann noch wissen, dass sich Seelenanteile abspalten können, wenn die emotionalen Lasten zu groß werden, dass sie ins Vergessen rutschen, ins Unbewusste, wenn wir also wissen, dass unser Klient an einigen Stellen gar nicht mit sich selbst in Kontakt sein kann, egal, wie großartig unsere Übung auch sein mag, dann wird klar, welch riesiges Vertrauen das Innere Kind unseres Klienten in uns setzt, wenn es sich zeigt.