Endstation Mosel - Mischa Martini - E-Book

Endstation Mosel E-Book

Mischa Martini

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7,49 €

Beschreibung

Ein Frachter rammt im dichten Nebel die Moselbrücke bei Mehring und sinkt. Erst Tage später werden fünf tote Afrikaner im Schiffsrumpf entdeckt. Steckt Organhandel dahinter? Eine Spur führt in die Eifel. Kommissar Walde von der Kripo Trier ermittelt wieder auf unkonventionelle Weise.

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EPUB

Seitenzahl: 299

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Verlag Michael Weyand

*

Mischa Martini

Endstation

MOSEL

*

© Verlag Michael Weyand, Friedlandstraße 4, 54293 Trier

www.weyand.de, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Gabi Belker, Birgit Weyand, Dr. Hans-Joachim Kann, Marie Therese Frigerio

Umschlaggestaltung: Bob, Trier

Satz: Verlag Michael Weyand, Trier

Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-942 429-40-5

*

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit Verhaltensweisen von Menschen

an der Mosel und anderswo sind zufällig,

mitunter unvermeidlich.

1

Der Mann hinter dem Steuer schenkte den Kaffee aus der Thermoskanne wie immer dreiviertel hoch in den Becher.

Rock-Musik hörte er am liebsten, wenn er nachts arbeitete. Johan war darauf seit vielen Jahren konditioniert wie ein Pawlowscher Hund. Mit dieser Musik verband sich für ihn Konzentration, Übersicht und, was bei seiner Arbeit immer, aber besonders bei Nacht, nötig war: Wachbleiben.

Lenny Kravitz sang American Woman. Das eintönige Nageln des Dieselmotors, die Strecke, die er fast so oft gefahren war, wie er diesen Song gehört hatte. Er brauchte keine Karte, er kannte jeden Kilometer, jede Biegung, jedes Hindernis.

Die Brücken von Trier und Schweich lagen hinter ihm. Die Mosel stand hoch und machte den Kahn schnell, nur ein Meter fehlte bis zur Hochwassermarke. Erst am späten Sonntagabend, vor ein paar Stunden, war der Fluss wieder freigegeben worden. Johans ganze Terminplanung war über den Haufen geworfen.

Er griff nach dem Becher, in dem der Kaffee stets in Bewegung blieb, wie alles an Bord einem stetigen Hin und Her ausgesetzt war.

Unter Deck war es wieder ruhig. Das Klopfen war verstummt. Hatten sie sich also wieder eingekriegt. Piet behauptete noch am Mittag, die Geräusche kämen eigentlich ganz anders zustande. Die würden die ganze Zeit über… Er hatte eine obszöne Handbewegung gemacht. Das wäre bei den Schwarzen so, er sei lange genug in Surinam gewesen. Als sich das Klopfen auch nach Stunden nicht gab, zuckte er nur mit den Schultern.

Bis zur nächsten Schleuse war es nicht mehr weit, dahinter würde für die da unten die Reise zu Ende sein. Einen Tag später als geplant, aber was sollte es, wer es wirklich eilig hatte, der sollte ein schnelleres Fahrzeug wählen.

Das Schiff tauchte in eine Nebelbank. Der nicht einmal hundert Meter entfernte Bug war nicht mehr zu sehen. In den dunkelgrünen Linien des Radarschirms erschien alles so, wie er es in Erinnerung hatte. Auf dem nächsten halben Kilometer war nichts Besonderes zu beachten. Nachdem Johan den Autopiloten eingeschaltet hatte, stellte er das Funkgerät auf Kanal 78 um.

Ein Platzregen setzte ein. Hinter den Scheibenwischern strahlten die Scheinwerfer eine undurchdringliche Wattewolke an. Der Regen trommelte auf das Dach und unterlegte die Musik mit einem blechernen Stakkato. Johan schaltete auf Handsteuerung und legte den Maschinenhebel um ein paar Grad zurück. Er steuerte vom Ufer weg, um an der Longuicher Brücke nicht die Aufbauten abzureißen. Das Schiff passierte den weiten Bogen in respektvollem Abstand zum rechten Pfeiler. Dahinter schaltete Johan wieder den Autopiloten ein und ließ den Maschinenhebel bei voller Kraft einrasten.

Im Radar tauchte ein Hindernis auf, viel zu groß, um daran vorbei zu kommen. Es sah aus, als würde ein Kahn quer zur Fahrrinne liegen. Johan blieb ruhig. Er stellte die Auflösung des Radars gröber. Das Fehlecho verschwand. Feinheiten würde er jetzt nicht mehr sehen können. Um diese Zeit waren keine Ruderboote mehr unterwegs und wenn – er würde sie nicht auf dem Schirm haben – , dann mussten sie sehen, dass sie aus seiner Bahn kamen.

Er trank einen Schluck und behielt den Becher in der Hand. Bis Mehring war es nicht mehr weit. An der Feyener Staustufe und über nautische Information war auf eine Brückenbaustelle hingewiesen worden. Johan stellte den Kaffee ab. Der Regen trommelte unvermindert auf das Dach und an die Scheiben des Steuerhauses. Die Sicht wurde noch schlechter. Selbst die roten Bojen am Ufer waren verschwunden.

Auf dem Radar tauchte vorne rechts ein Hindernis auf, ein Warnfloß. Wo blieb das Brückensignal, das auf dem Radarschirm den Fluss wie ein dicker Querbalken abriegeln sollte?

Johan drosselte den Motor und stellte die Auflösung des Radars feiner. Mehrere dunkle Konturen zeichneten sich auf dem Schirm ab. Ganz nahe waren sie, viel zu nahe. Johan warf den Bugmotor an, den Blick unverwandt auf dem Radar lassend. Das da müsste ein vor Anker liegendes Schiff sein, aber wo war die Brücke? Er riss den Motorhebel nach hinten. Beide Maschinen heulten auf und liefen rückwärts. In seinem Rücken begann der Fluss zu kochen. Der Schwung des Frachters war zu groß. Er konnte nicht mehr allen Hindernissen ausweichen. Johan musste sich in Sekundenbruchteilen entscheiden. Auf keinen Fall durfte der Stillleger gerammt werden, vielleicht konnte er auch noch dem Warnfloß ausweichen und das Schiff bis zur Brücke wieder auf geraden Kurs bringen. Johan entschied sich. Das Warnfloß sollte dran glauben. Das war das kleinere Übel. Es würde dem Stoß nachgeben. Wenn er Pech hatte, riss die Verankerung. Die Motoren jaulten. Das ganze Schiff vibrierte unter der Kraft der 1400 PS, die sich gegen den Sog des Flusses anstemmten.

Der Frachter kam nicht mehr am Floß vorbei. Es war zu knapp. Das Schiff havarierte. Aber was war das? Der Schlag war gewaltig. Scheiße, das war kein Warnfloß! Johan wurde mit Wucht gegen die Frontscheibe katapultiert, in seiner Hand brach der Steuerknüppel ab. Das Ding da vorn gab keinen Millimeter nach. Krachend und knirschend schob sich der Frachter mit mehr als 2.000 Tonnen weiter. Das Leck im Bug riss um so gewaltiger auf. Endlose Sekunden später kam der Frachter für einen Moment zum Stillstand, um sich dann in Zeitlupe, wie ein Zirkel, mit dem Heck um den am Brückenpfeiler festsitzenden Bug zu drehen.

Johan stieß sich von der Scheibe ab, an der sein Kopf einen blutigen Fleck hinterlassen hatte. Er löste das Dreitonsignal aus.

Der Heck- und die beiden Buganker rasselten herunter, als Piet in Pyjamajacke und Unterhose ins Führerhaus stürzte.

»Da vorne steckt ein riesiger Betonklotz im Boot«, krächzte er außer sich. »Was ist passiert, wo sind wir?« Er schlug mit der flachen Hand auf den Receiver. Die Musik brach ab.

»Mehring, da stimmt was nicht mit der Brücke.«

Es gab wieder ein krachendes Getöse. Das Schiff unterbrach für einen Moment die Drehung. Das Vorschiff löste sich unter dem Heulen aufgerissener Stahlplatten von dem Brückenpfeiler.

»Oh Gott, hilf uns!« Piet ergriff das zweite Funkgerät.

»Populis meldet schwere Havarie an der Mehringer Brücke, wir sind gegen den Brückenpfeiler gestoßen, starker Wassereintritt…«

Das Schiff rumpelte und knirschte, die beiden Männer wurden an die Rückseite des Führerhauses geworfen.

»Wir saufen ab…«

Johan verharrte kreidebleich an der Stelle, wo er soeben hingeschleudert worden war.

Piet schaltete die Motoren aus, die weiter an den Ankerketten zerrten.

»Mach die Schotten dicht«, Johans Gesicht war ausdruckslos.

»Was redest du?«

Johan fasste sich an den Kopf. Mit blutiger Hand tippte er Piet an den Pyjama: »Du musst die da unten rausholen!«

Das Dreitonsignal dröhnte unablässig seinen Notruf. Johan erinnerte es an die ersten drei Töne des Kinderliedes »Bruder Jakob«. Piet riss ihn aus seinen Gedanken und zerrte ihn aus dem Führerhaus. Das Schiff hatte sich um 180 Grad gedreht, den Bug stromaufwärts gerichtet. Vorn brauste das Wasser mit Wucht in den Kahn. Johans Augen brannten. Er wischte mit dem Arm darüber. Erst jetzt registrierte er das Blut, das den Ärmel seines Hemdes dunkel färbte und warm über sein Gesicht lief.

Johan lauschte. Was war das? Immer, wenn das Notsignal für einen Moment aussetzte, war es zu hören. Da war es wieder, das Klopfen. Nur schwach hob es sich vom Rauschen des Wassers ab. Es war viel schneller als zuvor, wuchs zu einem Trommeln an.

»Verdammt, was sollen wir tun?« Johan schwankte. Piet drängte ihn im letzten Moment von der Reling weg, sonst wäre er in den Fluss gestürzt.

»Reiß’ dich zusammen!« Piet stieß ihn grob gegen die Abdeckung des Laderaums.

Das Schiff senkte sich zum Bug hin ab. In der Ferne ertönte eine Sirene. Wenig später tauchten die ersten Blaulichter aus dem Nebel auf. Am Ufer wurden Schlauchboote zu Wasser gelassen.

2

Mitten in der Nacht schreckte Walde mit klopfendem Herzen auf. Im Traum war er in einem Ruderboot gefahren. Ein Erdbeben hatte eine riesige Welle auf ihn zu getrieben. Als das Wasser über ihm zusammenschlug, wachte er auf.

Durch das Fenster drang ein schwacher Lichtschein.

Er hörte Jos regelmäßige Atemgeräusche. Seit Jahren übernachteten sie auf ihren Wanderungen gemeinsam in einem Zimmer. Jos gleichmäßiges Ausatmen mündete in dem vertrauten leisen Schnarcher, wenn er zum Einatmen wechselte. Nur schwach zeichneten sich seine Konturen ab. Er lag da wie ein Walross beim Nickerchen am Strand.

Walde drehte sich auf die Seite und drückte einen dicken Zipfel des Federbettes auf das freie Ohr. Jetzt hörte er nur noch das Rauschen seines Blutes und seinen Herzschlag, der langsam ruhiger wurde.

Was machte seine Freundin Doris wohl in diesem Moment? Wahrscheinlich schlief sie tief und fest. Sie hatte einen guten Schlaf. Zwei Tage und zwei Nächte war er von ihr getrennt und hatte sie nicht angerufen, obwohl er ein Handy dabei hatte, damit das Präsidium ihn im Notfall erreichen konnte. Sie hatte sich auch nicht gemeldet, aber eigentlich war er es, der ihr hätte mitteilen sollen, dass alles in Ordnung war, dass sie wohlbehalten ihre Etappenziele erreicht hatten.

Ziele. Walde hatte immer Ziele. Die wichtigsten waren seine Fälle. Sein Vater hatte einmal gesagt, wenn man lange genug sägt, fällt auch der stärkste Baum. Für eine Ermittlung hatte Walde fast zehn Jahre gebraucht. Dann endlich fiel der Baum.

Der Vergleich seines Vaters hinkte, er hatte damals einen ganzen Wald vor sich und hatte mit Glück irgendwann den richtigen Baum gefunden.

Jo seufzte im Schlaf. Draußen fuhr ein Auto vorbei und warf Lichtbündel durchs Fenster.

Waldes letzter größerer Fall lag Monate zurück. Er hatte sich mit dem Polizeipräsidenten angelegt. Es ging um die Erpressung eines Tabakkonzerns, die mehrere Opfer forderte. Übrig blieb nur noch das Rätsel um eines der Opfer, das irgendwo im Wald vergraben lag. Auch der Mörder war tot und konnte die Position des Grabes nicht mehr verraten.

Waldes Gedanken kehrten zum Traum zurück. Auf der Welle, die auf ihn zukam, schwammen Delphine, sie würden ihn retten…

3

Mit markerschütterndem Knirschen riss die Strömung an den Ankerketten.

»Scheiße, so läuft uns das Wasser volle Kanne rein!«, fluchte Piet. »Was hast du bloß gemacht?«

Ein erstes Boot bewegte sich vom Ufer auf den Fluss hinaus.

»Was ist nur los?«, fragte Johan und blickte über die Reling zu dem Schlauchboot, dessen Besatzung die Strömung offensichtlich unterschätzt hatte. Das Boot trieb weit ab.

»Zu spät für die Kaffer!«, schrie Piet, dessen regennasse Pyjamajacke wie eine zu eng gewordene Schlangenhaut an seinem Körper klebte. »Wir saufen ab.«

Johan schüttelte den Kopf und kramte ein Päckchen Tabak aus seiner Jackentasche. Das Papier war im Nu durchnässt. Nach ein paar Sekunden zerbröselte der Tabak in seinen zitternden Händen und flatschte auf seine Schuhe.

Der Regen hatte den Nebel aufgelöst.

Zwei weitere Boote fuhren vom Ufer los. Sie nahmen Kurs gegen die Strömung und bemühten sich, ihre Scheinwerfer auf die Populis zu richten. Stromaufwärts kämpfte sich das andere Boot langsam heran.

Johan begann zu jammern: »Mein Gott, was ist nur los?«

Piet rüttelte ihn an der Schulter.

»Wach auf, sonst ist alles aus!«

Als Johan weiter jammerte, packte Piet fester zu: »Komm zu dir, die sind gleich hier und…« Er versuchte den Verwirrten mit den Augen zu fixieren. »Kein Wort von denen da unten! Hast du verstanden?«

Die Scheinwerfer blendeten die beiden. Als die Boote anlegten, nahmen sie die ihnen zugeworfenen Seile und vertäuten sie vorsorglich nur mit einem leichten Knoten.

Johan klappte wie ein nasser Sack zusammen und schlug auf den Planken auf.

Unter dem Stiefelgetrappel der Retter ging das Klopfen unter Deck endgültig unter.

4

Jemand hängte Johan eine Decke um. Die Feuerwehrleute hievten Material über die Reling. Die Populis lag inzwischen so tief im Wasser, dass für die weiter eintreffenden Männer kaum noch ein Höhenunterschied von den Schlauchbooten aus zu überwinden war.

Piet instruierte die Feuerwehrleute. Bald wimmelte es an Deck von Männern mit weißen Helmen und roten Schwimmwesten über den weißen Reflektorstreifen an den Jacken. Schläuche wurden ausgerollt. Schon knatterten die ersten Dieselmotoren der Generatoren los. Pumpen liefen an. Lampen flackerten auf.

Am Ufer vergrößerte sich das Blaulichtspektakel.

Ein Feuerwehrmann führte Johan von Bord und brachte ihn an Land in einen Container. Dort versorgte ihn ein Arzt. Johan zuckte nicht einmal zusammen, als die Platzwunde am Kopf genäht wurde. Jemand zog ihm die nassen Sachen vom Leib und reichte ihm einen grauen baumwollenen Jogginganzug. Johan wurde in eine Sitzecke geführt. Erst stützte er den Kopf auf, dann ließ er ihn auf die Tischplatte sinken.

»Die saufen ab, wenn sie keiner rausholt…«, murmelte er immer wieder vor sich hin.

Nach einer Tasse heißem Tee begann sein Verstand langsam wieder zu arbeiten.

»Hier, trink’, der bringt die Lebensgeister zurück.« Ein Mann im Unterhemd schob ihm ein Glas Schnaps über den Tisch. Johan leerte es auf einen Zug und schüttelte sich.

»Noch einen?« Der Mann zog wieder den Korken aus der Flasche.

»Günther, lass’, wer weiß, ob die Bullen nachher eine Blutprobe wollen«, mischte sich ein anderer ein. Sonst befand sich niemand mehr in dem schlicht möblierten Raum.

Johan hob abwehrend die Hand.

Von draußen drang eine Kakophonie herein aus dem Dröhnen der Generatoren, gebrüllten Anweisungen und dem Rauschen des Wassers aus den Schläuchen, ab und zu übertönt vom Martinshorn oder von Außenbordmotoren.

Er musterte die beiden Männer, die ihm gegenüber am Tisch saßen, und konnte nicht einordnen, was es mit ihnen auf sich hatte. Sein Blick streifte durch den Raum. Neben dem Fenster stand ein Etagenbett, daneben befanden sich zwei Metallspinde.

»Du bist in unserer Bude«, erklärte der Mann im Unterhemd, der mit Günther angesprochen worden war. »Wir bau’n hier die Brück’ wieder auf«, er musterte Johan und fügte dann leise hinzu: »Falls der Pfeiler noch zu gebrauchen is.«

Es klopfte. Ein Uniformierter mit Mütze trat ein, gefolgt von einem weiteren rot-weiß gekleideten Mann, der einen Koffer trug.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte der Feuerwehrmann. »Schmitt, Wehrleiter.« Er sprach abgehackt, für Johan klang es wie Befehlston. »Brauchen Sie weitere medizinische Hilfe?«

Johan schüttelte den Kopf. Der Notarzt zog sich zurück. Der Wehrleiter schaute zu den beiden Arbeitern hinüber. Sein Blick genügte und sie erhoben sich.

»Danke«, der Feuerwehrmann nickte den beiden zu, die sich ihre Jacken anzogen.

Erst als sie allein waren, sprach der Wehrleiter wieder: »Ihr Kollege hat uns schon soweit informiert. Sie hatten eine Kollision mit dem Brückenpfeiler, wodurch ein Leck an der Steuerbordseite entstanden ist. Wir haben es bereits untersucht. Es liegt unter der Wasserlinie. Die Pumpen halten das Schiff noch oben, aber wir müssen dringend einen Teil der Ladung löschen.« Der Mann unterbrach seinen Bericht: »Können Sie mir folgen?«

Johan, der bisher reglos zugehört hatte, nickte.

»Ich habe hier zur Zeit etwa 50 Mann von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk im Einsatz und habe weitere Verstärkung angefordert. Sobald sie eintrifft, werden wir vorsorglich eine Ölsperre errichten. Wieviel Treibstoff haben Sie an Bord?«

Johan dachte nach und rieb sich dabei die schmerzende Stirn.

»Ihr Kollege meinte, es seien noch etwa zehn Tonnen Öl im Tank.«

Johan antwortete nicht.

»Ist noch jemand an Bord?«

»Warum?« Johan war perplex. Hatte Piet etwas gesagt?

Der Wehrleiter wiederholte seine Frage.

Johan schüttelte den Kopf.

Der Feuerwehrmann nickte so vernehmlich, wie er es wohl auch bei der Befragung eines kleinen Kindes getan hätte und fuhr fort: »Ein Abdichten des Lecks scheint nicht machbar zu sein, deshalb werden wir so bald wie möglich mit dem Entladen beginnen.«

»Aber wie?«, fragte Johan.

»Hier liegt ein Baggerschiff an der Baustelle, und die Twins oder wie das Schiff heißt, ist von Detzem nach hier unterwegs. Sie hat zum Glück eine Leerfahrt und der Kapitän ist bereit zu helfen.«

Johan nickte. Als er wieder aufschaute, verschwand der Wehrleiter durch die Tür und ein Mann in dunkelblauer Uniform trat ein.

Johan stand ebenfalls auf und wollte sich an ihm vorbeidrängen.

»Einen Moment, Stadler, Wasserschutzpolizei, ich hätte da ein paar Fragen«, hielt ihn der Mann zurück.

»Ich muss zurück auf mein Schiff«, entgegnete Johan.

Stadler ließ nicht locker: »Aber vorher…«

Johan wurde ungeduldig, »Da draußen, da werde ich gebraucht.«

Mit diesen Worten war er zur Tür hinaus und lief zum Ufer, gerade noch rechtzeitig, bevor Wehrleiter Schmitt mit ein paar Mann Verstärkung im Schlauchboot ablegte.

Er ließ Johan neben sich auf der schmalen Holzpritsche Platz nehmen und drückte ihm eine Schwimmweste in die Hand:

»Ohne die kann ich Sie nicht mitnehmen.«

Johan gehorchte und ließ sich von einem der Wehrmänner beim Anlegen der Weste helfen.

5

Doris, Marie und Elfie saßen an einem Tisch in der Gerüchteküche und tranken »Getürkten«. Nach einem gemeinsamen Kinoabend hatte sie Elfie zu einem Schlummertrunk in ihre Kneipe eingeladen. Inzwischen hatte Elfie die Flasche auf den Tisch stellen lassen.

An den übrigen Tischen hatte die Kellnerin bereits die Stühle hoch gestellt.

An der Theke war das halbe Dutzend Hocker ausschließlich von Männern besetzt, von denen sich ab und zu einer zu den drei Frauen am Tisch umdrehte.

Hinter der halbhoch verglasten Stirnwand des Lokals brannte noch Licht im leeren Büro der Redaktion des Käsblatts. Auf zwei Rechnern schwamm Meeresgetier über den Bildschirm. Rechts auf der Glasscheibe prangte ein auf Plakatformat vergrößerter Titel des Käsblatts mit dem Konterfei von Karl, dem Gitarristen und stadtbekannten Spaßmacher mit herausgestreckter Zunge. Mit diesem Foto hatte er vergeblich versucht, einen neuen Pass zu beantragen. Die Tageszeitung hatte mit keiner Silbe darüber berichtet, Uli war es die Titelseite wert.

»Nun sagt den Typen doch, dass es keinen Zweck hat, weiter zu warten«, flüsterte Elfie mit einer leichten Kopfbewegung zur Theke in die Stille hinein, die zwischen zwei Musikstücken entstand.

»Wem?«, fragte Marie.

»Dem, der wie Brad Pitt aussieht«, antwortete Elfie.

»Wo?«, fragten Doris und Marie im Chor und schauten zur Theke.

Elfie prustete los.

»Mensch, jetzt bin ich mal Jo mit seinen Witzen für ein paar Tage los, und dann werde ich von dir veräppelt«, beschwerte sich Marie.

Die Bedienung kam an den Tisch und fragte, zu Elfie gewandt: »Sollen wir schließen?« Die Angesprochene sah auf die Uhr und nickte: »Wer will, kriegt noch ein Getränk.«

Bald darauf säuselte aus den Boxen Time to say goodbye.

»Wer wird heute der letzte sein?«, Doris nippte an ihrem Glas. »Ich tippe auf den im dunklen Hemd.«

»Du meinst den, der vor Lässigkeit fast vom Hocker fällt?«, fragte Marie.

Die drei sahen zur Theke, wo Britta kassierte.

»Dafür, dass du als einzige hier verheiratet bist, hast du dich aber sehr genau umgesehen!«, sagte Elfie.

»Du musst mal mit Marie nach Frankreich zu ihrer Familie in die Médoc fahren. Fünf Schwestern, reden alle gleichzeitig, kriegen alles mit und können dabei noch Stricken, Kinder hüten, Fernsehen gucken und mit den Männern flirten.«

»Du übertreibst«, wehrte sich Marie.

»Gut, lassen wir das Fernsehen mal weg.«

»Die Chancen stehen jetzt fifty-fifty.

Auf den Hockern waren noch zwei Männer übrig geblieben, einer davon trug ein schwarzes Hemd. Hinter der Theke lachte Britta laut auf.

6

Die Unfallstelle war in gleißendes Licht getaucht. Neben den Scheinwerfern der Populis und denen des Baggerschiffs, das längs des Havaristen angelegt hatte, war am nahe gelegenen Moselufer eine ganze Batterie von Lampen aufgebaut worden. Von dort aus ragte eine lange Feuerwehrleiter über das Wasser bis auf das Deck der Populis, auf dem es von weitem so aussah, als würden weiße Striche und Quadrate einen gespenstischen Tanz aufführen. Beim Näherkommen erkannte Johan, dass es Reflektorstreifen auf den Jacken der Helfer waren. Immer lauter wurde das Dröhnen der Generatoren und Pumpen. Obwohl er es eigentlich nicht anders erwarten konnte, erschrak Johan, als er an Bord ging. Das Schiff war praktisch vollgelaufen. Nur wenige Zentimeter fehlten, bis es versinken würde.

Seine Turnschuhe liefen voll Wasser. Die Beine der Baumwollhose waren im Nu durchnässt. Johan zog sie hoch und versuchte, sie aufzurollen. Zu spät.

Es fiel ihm schwer, sich in dem Gewirr zu orientieren. Vorne waren zwei Ladeluken geöffnet. Darüber schwebte der Kran des Baggerschiffes. Von der Schaufel baumelte ein Drahtseil, das in den Laderaum dirigiert wurde. Der Mann, der sich dort abmühte, stand bis zu den Hüften im Wasser und hatte keine Schutzjacke an. Es musste Piet sein.

Johan spürte, wie sich der Nebel in seinem Kopf lichtete. Er arbeitete sich über Schläuche, Bretterstege und Leitungen an seinen Kollegen heran.

»Mensch, wo warst du denn? Ich dachte, du kommst gar nicht mehr «, rief Piet. Seine Zähne klapperten: »Wir müssen dringend Ballast loswerden, sonst wird das nichts mehr. Wann kommt denn endlich die Twins?«

»Der soll einfach in die Mosel abladen«, schrie Johan zu Piet hinüber, der mit dem Stahlseil im Wasser hantierte und dann mit dem Daumen in Richtung der Brücke des Baggerschiffs deutete.

Das Stahlseil straffte sich. Piet kletterte aus der Ladeluke und kam zu Johan an die Reling. Langsam fuhr das Seil nach oben und hievte ein Bündel Rohre, aus dem sich ein riesiger Schwall Wasser ergoss, über das Schiff. Einige Helfer wichen, so gut es ging, zurück. Wie von einer riesigen unsichtbaren Hand gepackt, hob sich das Frachtschiff um mehrere Zentimeter. Das Bündel schwebte eine Weile schwankend über der Populis, dann schwenkte der Kran seine Fracht aufs Wasser hinaus.

Johan gestikulierte dem Kranführer, die Rohre einfach abzukippen. Doch der reagierte nicht.

»Mensch, lass’ fallen«, schrie Johan immer wieder, obwohl er wusste, dass der Mann ihn nicht hören, geschweige denn verstehen konnte.

»So eine Scheiße, wo bleibt denn der Kahn?«, fluchte Piet.

»Zum Teufel mit den Rohren, der soll sie fallen lassen!« Johan guckte zornig zu dem Kranführer und ballte die Fäuste. Er stapfte los. Um zum Kranschiff zu gelangen, das auf der anderen Seite lag, musste Johan die offene Ladeluke umrunden. Er kam nur ein paar Meter weit, da machte das Schiff eine heftige Bewegung, sodass er gegen einen Polder geschleudert wurde. Um ein Haar wäre er über Bord gegangen.

Verdammt, die Ladung hatte sich verschoben, schoss es Johan durch den Kopf. Das Schiff bekam Schlagseite. Nach einer Schrecksekunde kam Bewegung in die Helfer an Bord. Befehle wurden gebrüllt. Johan verstand so was wie »Alle Mann von Bord«, und da stürzten auch schon die ersten zu den Booten oder versuchten sich über die Leiter zu retten.

»Komm, es ist vorbei«, Piet war bei ihm und legte einen Arm um seine Schulter. »Wir müssen hier weg!«

Johan spürte, wie das Wasser binnen Sekunden Zentimeter um Zentimeter stieg. Er warf einen letzten Blick zum Führerhaus, es ragte aus einer geschlossenen Wasserfläche heraus. Der komplette Laderaum war in kürzester Zeit überspült worden. Wie er an Land kam, daran würde er sich sein ganzes späteres Leben nicht mehr erinnern können, ebenso, wie er nie erklären konnte, warum er den Brückenpfeiler nicht gesehen hatte.

7

»Ich mach’ dann mal Schluss, Nacht«, Britta ging hinter dem Mann im schwarzen Hemd zur Tür.

»Ich sperre hinter dir ab.« Elfie stand auf. Als sie von der Tür zurückkam, grinste sie vielsagend: »Die Wette hätte ich gewonnen.«

»Passiert das öfter?«, fragte Marie.

»Was?«

»Dass Britta sich von Gästen abschleppen lässt.«

»Mhm«, Elfie nickte.

Niemand sagte etwas.

»Soll ich uns noch einen Espresso machen?«, beendete Elfie das Schweigen. »Oder wollt ihr noch woanders hin? Hier gibt es in den umliegenden Kneipen zu dieser Zeit noch ‘ne Menge Typen, die an der Theke hängen und davon träumen, eine Frau für die Nacht zu bekommen.«

»Ich glaub’, ich geh’ jetzt besser nach Hause«, Marie gähnte.

»Draußen regnet es. Du kannst gerne hier bleiben, ich habe oben in der Wohnung noch von dem Weinbergspfirsich, der dir so gut schmeckt.«

»Nach dem Wein und dem Raki kommt es nicht mehr drauf an, ich müsste das Auto sowieso stehen lassen.«

»Dann bleib’ hier, unser Bett ist frisch bezogen und Doris schläft in der Besucherritze.«

Sie schenkte den Rest des Raki in Doris’ Glas.

»Was ist, du schaust so nachdenklich?«, fragte Elfie.

»Haben Uli oder Jo schon angerufen?« Doris schaute zur Tür, an der draußen jemand vergeblich rüttelte.

Marie und Elfie schüttelten die Köpfe.

»Walde wollte sich eigentlich melden.« Doris schob ihr Glas über den Tisch.

»Dann ruf’ du ihn doch an«, schlug Marie vor. »Für heute ist es eh zu spät, nach dreißig Kilometern Wandern werden die längst in den Betten liegen.«

»Oder an einer Theke hocken und die Bedienung anschmachten«, sagte Elfie.

»Kennst du den Mann, der gerade mit Britta gegangen ist?«, fragte Doris.

»Nur vom Sehen, er kommt ab und zu mal her, Uli kennt ihn.«

»Wen kennt Uli nicht?«, stellte Marie fest. »Und Britta, kannte sie ihn?«

»Ich glaube nicht.«

»Und das ist nicht das erste Mal, dass sie jemanden mitnimmt?«

»Nee, sie ist im ersten Semester an der Uni und endlich von zu Hause raus, da will sie wohl mal was ausprobieren.«

»Ich dachte das weniger moralisch, eher an Aids und so«, sagte Marie.

»Britta wird sich schon zu helfen wissen, jedenfalls war der Typ eine Sünde wert.«

»Meinst du?«

»Mhm«, Elfie grinste.

»Sag’ mal, hast du dich auch schon mal so eines späten Thekenhockers erbarmt?«

Elfie grinste immer noch.

»Und was ist mit Uli?«

»Der soll schön ruhig sein, der hat immer noch was mit seiner Frau.«

»Die sind doch geschieden!«

»Aber er geht noch regelmäßig hin.«

»Wegen der Kinder…«

»Wenn sie spätabends anruft, ist das bestimmt nicht wegen der Kinder.«

»Und was sagt er dann?«

»Nichts, ich frag’ auch nicht…«

»Und bedienst dich anderweitig…«

Elfie ließ die Rollläden herunter und schaltete die Rechner und das Licht in Büro und Bistro aus. Die drei waren an der steilen Holztreppe, die zur Wohnung führte, angelangt, als das Telefon im Lokal klingelte.

Schnauz war dran, so nannte sie den Fotografen, der ab und zu Fotos für das Käsblatt lieferte.

»Sorry, hab’ ich dich geweckt?«

»Nein.« Der Empfang war schlecht. Aus dem Rauschen hörte Elfie deutlich ein Martinshorn.

»Ist Uli noch wach?«, fragte der Schnauz.

»Weiß nicht.«

»Wo ist er denn?«

»Wandern. Hast du es über sein Handy versucht?«

»Hab’ ich schon, ist abgeschaltet.«

»Worum geht’s denn, wo bist du?«

»In Mehring, da ist ein Frachter voll gegen einen Brückenpfeiler gedonnert, hier ist ein riesiges Spektakel am laufen. Ich glaub’, der Kahn geht trotzdem bald unter.«

»Kannst du Fotos machen?«

»Klar mach ich die!«

»Morgen versuche ich, Uli zu erreichen, halt’ mich auf dem Laufenden!«

Der Schnauz sagte noch etwas, aber Elfie konnte ihn nicht mehr verstehen und legte auf.

»Ist was passiert?«, erkundigte sich Marie, als sie die knarrende Treppe hinauf stiegen.

8

Vom Saartal wehte ein warmer Wind zu ihnen herauf. Es war der dritte Tag, an dem sie unterwegs waren. Morgen würde ihre Wandertour schon wieder zu Ende sein.

Walde hatte sich lange darauf gefreut, so wie die drei anderen auch, mit denen er schon seit vielen Jahren im Frühjahr eine mehrtägige Wanderung unternahm.

Der Weg war so schmal, dass sie hintereinander gehen mussten.

Walde hielt sich dicht hinter seinem besten Freund Jo und klopfte an den großen Rucksack auf dessen Rücken: »Was schleppst du in diesem Monstrum mit?«

Jo nahm die Augen nicht von dem steilen Pfad, der sich zur Saar hinunterschlängelte: »Bananen, Handy, Zelt, Schlafsack, Brockhaus, Laptop, Spirituskocher, Klappspaten, Kondome…«

»Erinnert mich an meinen Interrailtrip.«

»Die Kondome?«, fragte Jo.

»Nein, dein großer Rucksack. Nur mit dem Unterschied, dass es damals nicht nur eine Dreitageswanderung, sondern eine Dreimonatstour quer durch Europa…«

»War das die, wo du schon in Stuttgart hängen geblieben bist?«, unterbrach ihn Jo.

»Nach Athen, Amsterdam und Alcesiras für 300 Mark war für einen armen Studenten supergünstig«, antwortete Walde.

»Stuttgart hätte höchstens dreißig Mark gekostet.«

»Ich wollte ja dort nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen.«

»Und nach drei Monaten war das Ticket abgelaufen, und dann hat das Mädel dir den Laufpass gegeben.«

»Die Semesterferien waren vorbei, ich musste zurück…«

Uli rief ihnen zu. »He, ihr da oben, streitet ihr schon wieder?«

Sie schlossen zu Uli und Karl auf, die weiter unten neben einer Schieferhalde auf sie warteten.

»Eine Kreuzotter«, Uli deutete auf eine tote Schlange zwischen den Steinen.

Jo schnallte den Rucksack ab und kramte seine Kameratasche hervor. Uli verdrehte die Augen, als er sah, wie Jo einen Objektivköcher öffnete: »Soll ich noch ein Stativ aufbauen oder soll Walde gleich die Spurensicherung rufen?«

Walde knipste Uli ein Auge und ließ sein Handy unauffällig in Jos Rucksack gleiten.

Die drei marschierten weiter und ließen Jo mit der Kreuzotter zurück. Unten am Saarufer warteten sie auf ihn. Als Jo sie einholte, hatte er die Kamera um den Hals gehängt.

»Und, hast du die Schlange im Kasten?«, fragte Uli.

»So ähnlich, es war zu dunkel…«, brummelte Jo. »Bleibt mal so, ich mach’ ein Gruppenfoto.«

»Ich hab’ Durst«, maulte Uli.

»Dauert nur eine Minute«, Jo ging vor der Ufermauer in die Hocke, schaute durch den Sucher und stellte dann die Kamera auf die Mauer. Er spannte den Selbstauslöser und hechtete zu der Gruppe. Noch bevor die Kamera klickte, piepte leise ein Handy.

Die vier verharrten einen Augenblick mit eingefrorenem Lächeln, dann löste sich die Gruppe aus der zusammengerückten Position.

»Geht denn niemand ran?«, fragte Jo nach einer Weile. »He, Walde, ist bestimmt für dich.«

»Hört sich an, als käme es aus deinem Rucksack«, antwortete Walde.

»Ist nicht möglich, ich habe kein Handy.« Jo packte seine Kamera in den Rucksack und hielt plötzlich inne: »Seit wann ist das da drin?«

Er holte weit aus, als wolle er Waldes Handy ins Wasser werfen. Das gedämpfte Klingeln ging weiter.

»Meins läutet«, Uli hatte sein Telefon aus dem Rucksack genommen. Nach den ersten Worten entfernte er sich ein paar Schritte, um dann ein angeregtes Gespräch zu führen.

»Ist was passiert?«, fragte Jo, als Uli zurückkam.

»Ein Kahn hat auf der Mosel bei Mehring einen Brückenpfeiler gerammt und ist mit dem gesamten Pumpen-Equipment der umliegenden Feuerwehren abgesoffen.«

»Und dich informiert keiner?«, wandte sich Karl an Walde.

»Höchstens, wenn es Tote gegeben hat.«

»Gab es Tote?«

»Die Besatzung soll um Haaresbreite davongekommen sein«, Uli schüttelte den Kopf.

»Bedeutet das, du musst zurück?«, fragte Karl.

»Wir gehen jetzt erst mal wie geplant nach Mettlach zur Brauerei und dann sehen wir weiter.«

9

Eine Kellnerin stellte weitere vier Glaskrüge mit dem naturtrüben Brauereibier auf den Tisch des Mettlacher Biergartens und räumte die leeren Teller und Gläser ab.

»Ich fahre zurück«, sagte Uli unvermittelt.

Die anderen schauten überrascht auf. Selbst die Bedienung verharrte einen Moment beim Einsammeln der leeren Gläser.

Lange sagte keiner etwas, jeder machte sich Gedanken über die neue Situation.

Endlich brach Jo die Stille: »Wann?«

Uli sah ihn verständnislos an.

»Wann musst du zurück?«, präzisierte Jo.

»Bis 20 Uhr fährt alle dreißig Minuten ein Zug nach Trier«, antwortete Uli.

Karl zeigte vor sich auf die Wanderkarte: »Morgen über Kastel-Staadt nach Saarburg, das wäre eine wunderbare Tour geworden.«

Er hatte die Route ausgearbeitet und bisher dafür gesorgt, dass sie immer die richtigen Wege gefunden hatten. Die Wanderkarte hatte er praktisch immer in den Händen gehabt, und auch jetzt lag sie aufgefaltet vor ihm auf dem Tisch.

»Es tut mir Leid, aber diese Schiffsgeschichte…«, Uli trank einen großen Schluck. »Ich muss zurück, da ist zumindest ein Extrablatt fällig.«

Uli hatte vor zwanzig Jahren nach seinem Volontariat in der Trierer Tageszeitung einen Redakteurposten in der Lokalredaktion übernommen und es im Laufe der Jahre bis zum stellvertretenden Lokalchef gebracht. Als sein Chef in den Ruhestand ging, wurde ihm ein neuer vor die Nase gesetzt. Da es nur eine Zeitung in Trier gab, blieb Uli nur die Möglichkeit, gute Miene zum bösen Spiel zu machen oder zu kündigen. Zur Überraschung vieler kündigte er und machte eine eigene Zeitung auf. Eine Tageszeitung im Sinne eines täglich erscheinenden Blattes wurde es nicht. Das Käsblättchen, wie er es nannte, erschien vierzehntägig und behandelte sämtliche Themen, die die Tageszeitung bewusst oder unbewusst ihren Lesern vorenthielt.

10

Auf dem Mettlacher Bahnhof ergriff Walde die bedrückende Stimmung, die ihn immer wieder auf kleinen Bahnhöfen überkam. Auch hier wurden die Bahnhofsgebäude nicht mehr gebraucht und verfielen zusehends. Seine Freunde waren ebenfalls schweigsam geworden. Zum Glück tauchte bald der Zug aus dem Tunnel auf. Sein modernes Design stand im krassen Gegensatz zu dem vergammelten Gelände ringsum.

Die Zugfahrt durch das Tal der Saar im Licht der abendlichen Sonne stimmte Walde wieder milde. Er lehnte sich in seinen Sitz zurück und genoss die am Abteilfenster vorbeiziehende Landschaft mit den Windungen der Saar und den steilen Hängen.

Uli drehte sich eine Zigarette, als der Zugbegleiter in den Waggon kam.

»Hier ist Nichtraucher«, schnauzte der Schaffner gleich los.

»Ja und?«, fragte Uli zurück.

»Hier dürfen Sie nicht rauchen!« Der Mann baute sich drohend vor ihm auf.

»Rauche ich?«

»Nein.«

»Dann ist es ja gut.« Uli leckte die Gummierung des Zigarettenpapiers. »Darf ich jetzt weiter in Ruhe Bahn fahren?«

»Ihre Fahrkarte bitte!« Der Zugbegleiter wirkte jetzt sichtlich angefressen. Vor den Fenstern zogen die Klause von Kastel-Staadt und die Serriger Schlösser vorbei.

»Hab’ ich keine.« Uli steckte die Zigarette zwischen die Lippen und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

Der Bahnbeamte nahm einen tiefen Atemzug.

Karl griff ein: »Herr Schaffner, wir fahren mit Gruppenkarte.« Er streckte ihm von der anderen Seite des Gangs eine Fahrkarte entgegen.

»Gruppentarif oder Außenwohngruppentarif?«, mischte sich Uli wieder ein.

»Herr Schaffner, Sie müssen entschuldigen, der Herr…«

»Ich wollte nur Bahn fahren,« Uli hob die Stimme. »Ist das denn verboten, muss denn gleich…«

»Und nehmen Sie Ihre Schuhe vom Sitz!«, befahl der Schaffner in barschem Ton.

»Die sind genauso wenig auf dem Sitz, wie ich rauche!«, schnauzte Uli zurück.

Der Zugbegleiter verschwand durch die Schiebetür in den nächsten Wagen.

»Musste das jetzt sein?«, fragte Karl.

»Der überlegt sich beim nächsten Mal, welchen Ton er anschlägt. Servicewüste Deutschland!«

»Das musst gerade du sagen. In deiner Kneipe ist Rauchen verboten.«

»Aber Zigaretten drehen darf man!«

»Komm, Uli, dein Rauchverbot ist nach hinten losgegangen. Job kündigen, Familie verlassen und mit dem Rauchen aufhören war etwas zu viel des Guten.«

»Du wirst sehen, wenn ich wieder jogge, ist das Rauchen passé«, wehrte sich Uli.

»Und bis dahin dürfen die Gäste aus der Nichtraucherkneipe zusehen, wie du in der Redaktion qualmst.«

Der Zug hielt im Saarburger Bahnhof. Ulis Handy klingelte. Während des Gesprächs zündete er sich die im Mundwinkel hängende Zigarette an. Er stand auf und ging, mit dem Handy am Ohr, in den nächsten Waggon.

Als sie am Trierer Hauptbahnhof ausstiegen, stand Rob, der Schnauz, auf dem Bahnsteig. Walde kannte ihn. Rob arbeitete im Innendienst bei der Verkehrspolizei. Im letzten Jahr war Walde mit ihm aneinandergeraten.

»Tag, Herr Kommissar, gibt’s was Neues im Fall Mathey?«

»Nicht, dass ich wüsste«, knurrte Walde.

Uli winkte und eilte mit Rob zur Bahnhofshalle.

Karl rief: »Wir sehen uns am Donnerstag«, und folgte den beiden.

Jo hatte sich umständlich seinen Rucksack auf den Rücken geladen und schloss zu Walde auf.

»Der kam mir irgendwie bekannt vor?«

»Wer?«

»Der mit dem dicken Schnurrbart.«

»Das ist Rob, Elfie nennt ihn Schnauz. Der fotografiert fürs Käsblatt. Er sucht seit letztem Jahr nach Mathey, diesem Wachmann, der plötzlich verschwunden ist und irgendwo im Wald begraben sein soll.«

»Da hat er sich aber allerhand vorgenommen.«

11

Als Walde seine Wohnungstür aufschloss, fiel ihm ein, dass er unten nicht in den Briefkasten gesehen hatte. Er zog die Luft durch die Nase. Es stank hier.

Walde öffnete die Balkontür. Der Geruch kam aus der Küche. Der Abfall vergammelte seit über einer Woche unter der Spüle. Den hatte er ebenso vergessen wie das Anschalten des Anrufbeantworters.

Er räumte den Rucksack aus und überlegte, wie er Doris erklären sollte, warum er sich die letzten Tage nicht gemeldet hatte.

Während das Wasser in die Wanne lief, rasierte er sich. Seine Waden schmerzten, ein warmes Bad würde gut tun. Doris rechnete damit, dass er erst morgen zurückkäme. Walde fiel keine Ausrede ein, warum er erst heute anrief. Er legte das Telefon auf den Rand der Wanne, der bald vom Schaumteppich erreicht wurde.

Er hatte gerade genüsslich seine langen Beine im warmen Wasser ausgestreckt, als das Telefon klingelte. Auf dem Display erschien Präsidium-G.

Walde tauchte mit dem Kopf in den Schaum. Gut, dass es nicht Doris war.