Fluchtpunkt Mosel - Mischa Martini - E-Book

Fluchtpunkt Mosel E-Book

Mischa Martini

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7,49 €

Beschreibung

Kommissar Waldes beschäftigt in seinem 8. Fall ein Toter, für den das Begräbnis bereits stattgefunden hat, und eine Spur, die in die archäologische Gräberszene führt. Ein Toter in der winterstarren Eifel: ermordet, Identität unbekannt. Die Spuren führen in das Milieu der Raubgräber. Der Roman lotet die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion aus. Kommissar Walde macht die lebensnahe Bekanntschaft von Quintus, einem Hunde-Dickkopf.

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EPUB

Seitenzahl: 277

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Verlag Michael Weyand

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Mischa Martini

Fluchtpunkt MOSEL

*

© Verlag Michael Weyand GmbH, Friedlandstr. 4,

54293 Trier, www.weyand.de, [email protected]

www.mischa-martini.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Birgit Weyand, Gabriele Belker

Dank für Beratung und wertvolle Tipps an:

Gabriela Böhm, Stephan Schmitz, Dr. Hans-Joachim Kann, Simon Belker, Dr.Randolf Körtzel

Satz: Verlag Michael Weyand GmbH, Trier

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Titel: Bob, Trier

ISBN 978-3-942 429-41-2

1.Auflage November 2006

*

Personen und Handlungen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit Verhaltensweisen von Menschen an der Mosel und anderswo sind zufällig, mitunter unvermeidlich.

Prolog – Ende Januar in der Nähe von Steineberg bei Daun

Bis zur Ankunft des Besuchers hatte Ali noch einige Vorbereitungen zu treffen. Er legte Holz in die beiden Öfen nach. Sein Gast war Raumtemperaturen unter zwanzig Grad sicher nicht gewohnt. Wenn es gemütlich warm war, führten die Verhandlungen vielleicht eher zu einem guten Ergebnis, hoffte Ali.

Würde er heute das zu Ende bringen können, was er seit Jahren verfolgt und für das er zuletzt sogar sein früheres Leben aufgegeben hatte?

In dem langen, schmalen Flur, der zugleich auch Wintergarten und Windfang war, verlief eine Fensterreihe über die gesamte Südseite des kleinen Hauses. Als Ali seine Füße mit den dicken Wollsocken in die schweren Schuhe gleiten ließ, sah er Quintus’ aufgestellte Rute vor der Haustür wedeln.

Bevor er dem Hund diesen Namen gab, hatte er lange darüber nachgedacht. Er selbst hatte als Kind unter seinem Vornamen gelitten. Aber schon in der ersten Klasse war er von seinen Mitschülern und Freunden mit der Kurzform Ali gerufen worden, und dabei war es geblieben.

Als Ali mit dem Futtereimer in der Hand aus der Tür trat, hob Quintus die Schnauze und schnupperte. Die Hunde hinter ihm rückten näher. Ali drängte sich zwischen den Polarhunden hindurch. Der Ostwind biss ihm in die Wangen. Er hätte wenigstens Mütze und Schal anlegen sollen. Dünne Schneekörner bedeckten die Moosschollen, die von den Tieren aus der Wiese gescharrt worden waren. Den Leithund an seiner rechten Seite neben dem Futtereimer, die anderen dicht dahinter, stapfte er am Futterplatz vorbei. Zwei der Hunde blieben zurück und steckten ihre Nasen in die leeren Tröge, bevor sie rasch wieder zu den anderen aufschlossen.

Ali öffnete die Tür des Zwingers. Er spürte, wie Quintus zögerte, ihm zu folgen und wie die anderen hinter ihm stehen blieben. Ich bin also doch nicht der uneingeschränkte Rudelführer, dachte Ali. Erst als er den Inhalt des Eimers in die Tröge schüttete, kam Quintus herein. Er hinkte immer noch leicht mit der linken Vorderpfote, die er sich Anfang des Jahres am Draht des Zaunes verletzt hatte. Nun folgten ihm auch seine vier Gefährten in den Zwinger. Ohne einen der Hunde zu streicheln, schlüpfte Ali wieder hinaus und verschloss die Drahtgittertür. Schnell schritt er am Holzschuppen entlang zum Tor, der einzigen Öffnung in dem zwei Meter hohen Wildgatterzaun, der das weitläufige Grundstück umgab. Nach einem kurzen Blick in den wie üblich leeren Briefkasten, der ebenso wie die kaputte Klingel kein Namensschild hatte, ließ er das Tor nur angelehnt.

Auf dem Rückweg zum Haus zog er den Halsausschnitt des Pullovers zum Schutz gegen den schneidenden Wind bis hoch über seine Nase, verschränkte die Arme vor der Brust und steckte die kalten Hände unter die Achseln. Seit Weihnachten war das Thermometer kaum über den Gefrierpunkt geklettert. Das schwächer werdende Licht kündigte das Ende des Tages an. Am Schuppen lud sich Ali einige dicke Holzscheite auf den Arm.

Im Zwinger hob nur Quintus den Kopf, als sein Herrchen an ihm vorbei zum Haus zurückeilte. Seine Gefährten hatten die Köpfe in ihre Näpfe gesteckt.

Drinnen legte Ali nochmals Holz nach. Er öffnete eine Flasche Rotwein. Entweder gab es nach dem Treffen etwas zu feiern oder der Wein würde als Trost herhalten müssen. Einen Moment überlegte er, Kerzen anzuzünden. Für den Fall, dass der Strom ausfiel, hatte er immer welche im Haus. Dann verwarf er den Gedanken. Schließlich erwartete er ja keine Frau zum Tête-à-tête.

Während Ali die Hände in die warme Luft über dem Küchenofen hielt, schaute er aus dem Fenster. Die Hunde hatten sich in die Hütte des Zwingers zurückgezogen. Für den Rest des Tages würden sie ihre gewohnte Freiheit vermutlich nicht allzusehr vermissen. Er hatte sie bisher nie über Nacht eingesperrt. Das war in den knapp zwölf Monaten, die er hier wohnte, nicht nötig gewesen, weil er noch keinen Besuch empfangen hatte.

Ali ging wieder in den ungeheizten Vorraum, um die schweren Schuhe gegen Filzpantoffeln zu tauschen. Mit einem Mal fühlte er sich beobachtet. Er schaute hinaus über das Grundstück zum Zaun, in den stellenweise Schlinggewächse und Brombeerhecken gewuchert waren. Dahinter erstreckte sich das abfallende weite Land. Bei gutem Wetter konnte er von hier oben über die fernen Moselhänge bis zu den Bergketten des Hunsrücks sehen. Nichts regte sich da draußen.

Er bückte sich nach dem Ladegerät des Handys. Im selben Moment sah er aus den Augenwinkeln, wie die Haustür geöffnet wurde. Ein schwerer dunkelgrauer Schuh erschien. Ali hielt den Atem an. Er fühlte einen Eisklumpen im Bauch, um den sich seine Eingeweide zusammenzogen. Der Mann war ganz und gar nicht derjenige, den er erwartete, ganz im Gegenteil! Hatte er ihn also doch gefunden. Es war alles umsonst gewesen!

Alis Kopf wurde in der Aufwärtsbewegung hart getroffen und erhielt einen zweiten Schlag, als er auf den Holzdielen aufschlug.

Gleich das erste Stück der Band jagte Walde einen wohligen Schauer über den Rücken. Die Sängerin Lyambiko war klasse, und die Band mit Schlagzeug, Kontrabass und Keyboard hatte die Virtuosität und genau den Sound, den er liebte.

Doris, von der die Idee zum Konzertbesuch stammte, hatte in letzter Minute abgesagt, weil sie mit einer dringenden Arbeit nicht fertig geworden war. Walde hatte sich nach einer anderen Begleitperson umsehen müssen. Uli konnte nicht aus seinem Lokal weg. Sein Freund Jo, der sich wenig für Jazz interessierte, war wohl mehr aus Freundschaft mitgegangen.

Das Licht war bereits gelöscht, als sie den vollbesetzten Saal der Tuchfabrik betraten. Es schien zwecklos, in der Dunkelheit ihre freien Sitzplätze in den dicht bestuhlten Reihen zu suchen, und so hatten sie sich rechts vorne neben der Bühne in eine Nische gestellt.

Nach und nach fanden sich neben ihnen weitere Besucher ein, die es ebenfalls nicht rechtzeitig geschafft hatten. Zwei junge Frauen hockten sich vor Walde am Rand der leicht ansteigenden Zuschauertribüne neben die Stuhlreihen. Eine von ihnen klappte ihr Mobiltelefon auf. Walde musste unwillkürlich immer wieder hinsehen, wie sie mit ihren langen Fingernägeln auf die Tastatur hackte.

Es dauerte eine Weile, bis die Band ihn wieder voll in ihren Bann zog.

In einer ruhigen Passage, in der der Kontrabassist mit einem Bogen die Saiten strich, kam von unten ein lauter Piepton. Augenblicklich riss die zweite junge Frau den Reißverschluss ihrer Handtasche auf und fischte nach ihrem Handy. Walde verlor sich kurz in der Vorstellung, ihr das Gerät aus der Hand zu reißen und über den Boden in Richtung Ausgang schlittern zu lassen.

Ali erwachte durch ein Klingeln. Der Schmerz in seiner Stirn fühlte sich an, als habe man ihm etwas in den Kopf gerammt. Sein linkes Auge ließ sich nicht öffnen. Sein rechtes nahm den Nachthimmel vor den Fensterkreuzen wahr.

Er wollte die schmerzende Stelle befühlen, aber sein rechter Arm lag unter seinem Körper. Es war unmöglich, ihn herauszuziehen. Mit der linken Hand tastete er zur Stirn. Da steckte nichts. Der Boden war kalt und nass. Als seine Hand die Kleidung berührte, schien das Feuchte wärmer zu werden. Ali versuchte sich zu erinnern. War er gestürzt? Wenn er sich nicht bewegte, ließ der Schmerz ein wenig nach.

Wieder klingelte es.

Der Schmerz in der Stirn kam wie ein Stromschlag zurück. Er hörte Schritte. Ein dunkler Schuh tauchte dicht vor seinem Gesicht auf. Eine Scheibe strich schleifend über den Fußboden. Die Scheibe gehörte zu einem Metalldetektor, daher rührte auch das Geräusch.

Er spürte eine Hand, die grob an seiner Schulter rüttelte. Zwei Arme packten ihn.

»Wo hast du sie?«, sagte eine energische Stimme, die klang, als sei sie mit einem übersteuerten Tonband aufgenommen worden und würde nun viel zu laut abgespielt werden.

»Im Zwinger«, kam Alis Antwort in Sekundenschnelle. Er glaubte, die im schwachen Gegenlicht nur als dunkle Gestalt erkennbare Person frage nach den Hunden. An der Stimme erkannte er den Mann, wegen dem er sein Leben umgekrempelt hatte.

»Gar nicht blöd«, hörte er den Mann sagen, in dessen Stimme immer noch der unverkennbare Akzent mitschwang.

Nicht blöd, fragte sich Ali. Hätte er die Hunde nur nicht in den Zwinger gesperrt.

Er wurde hart auf den Bauch gedreht, seine Hände wurden auf den Rücken gezerrt und fest zusammen geschnürt. Er hatte keine Kraft zur Gegenwehr, auch nicht, als seine Füße in Höhe der Knöchel brutal festgezurrt wurden.

Wenig später wurde draußen ein Motor angelassen.

Ali wusste, dass es zwecklos war zu schreien. Das Haus lag einen Kilometer außerhalb der Ortschaft. Er hatte bisher noch keinen einzigen Satz mit einem Ortsansässigen gesprochen, nicht einmal um Erlaubnis gefragt, als er im Spätherbst das Holz aus dem angrenzenden Wald geholt hatte.

Ohne Licht zu machen, betrat Walde gegen ein Uhr nachts die Diele. Während er seine Schuhe auszog, bemerkte er den Schein unter der Tür von Doris’ Arbeitszimmer. Jetzt hörte er auch leise Musik und das Klappern der Tastatur.

Er öffnete die Tür. »Du bist noch wach?« Er beugte sich vor und küsste ihren Nacken.

»Hat mal wieder länger gedauert, als ich dachte.« Doris drehte sich auf ihrem Stuhl um, wobei ihr das zusammengebundene blonde Haar über die Schulter fiel. Im Hintergrund lief leise eine Platte von Joni Mitchells.

»Bei mir auch.« Walde sah in ihr müdes Gesicht. Auf dem Monitor erkannte er eine Tabelle. »Keine Entwürfe?«, fragte er.

»Nein, die sind längst fertig. Wie war’s bei dir?«

»Das Konzert in der Tufa war spitze, da hast du was verpasst. Und danach habe ich Jo noch in eine Klanginstallation geschleppt.«

»Nach dem Konzert?«

»Ja, die begann erst nach elf, weil es um diese Zeit wochentags kaum mehr störende Geräusche in der Stadt gibt.«

»Aha«, Doris blickte wieder auf den Monitor.

»Beeindruckend, aber schlecht zu beschreiben, du müsstest so was selbst mal sehen, beziehungsweise hören.«

Sie würde nicht zu dieser Klanginstallation gehen, dachte sie. Konzerte gehörten zu einem Teil von Waldes Welt, zu dem sie kaum Zutritt hatte. Da waren meistens nur seine Freunde dabei. Heute war die Idee, zu Lyambiko zu gehen, jedoch von ihr ausgegangen, und ausgerechnet dann musste ihr die Arbeit einen Strich durch die Rechnung machen, dieser blöde Auftrag von M&M, der das ganze Team überforderte.

Walde merkte, dass sie sich mit anderen Gedanken beschäftigte. »Was macht Annika?«

»Sie war eben mal kurz wach, scheint schlecht geträumt zu haben und ist gleich wieder eingeschlafen.«

»Ich dachte, die Entwürfe wären fertig«, Walde deutete auf den Monitor, auf dem nur lange Zahlentabellen erschienen, »und was ist das?«

»Das sind schon die Bestellungen. M&M will die Ware früher haben. Christa ist in die Türkei geflogen, um mit der Fabrik einen früheren Produktionstermin auszumachen.«

»Warum muss das denn jetzt so schnell gehen?« Walde legte Doris die Hände auf die Schultern und knetete leicht ihre Nackenmuskeln.

»Der Kunde ist König.« Sie legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und ließ die Hände von der Tastatur gleiten. Obwohl sie Walde dazu gedrängt hatte, zum Konzert zu gehen, kam sie sich allein gelassen vor. Sie hatte noch Arbeit, und jemand musste auch bei Annika bleiben.

Joni Mitchell sang: »We are stardust, come from billion-year-old carbon.”

Doris gähnte und legte die Hände wieder auf die Tastatur. »Geh schlafen, ich komme bald nach.«

Spät in der Nacht spürte Walde, wie seine Bettdecke angehoben wurde und Annika neben ihn ins Bett kroch. Er rückte ein wenig zur Bettmitte und stieß an Doris, die tief atmend auf dem Rücken lag. Hinter ihm verstaute Annika ihr Kuschelfell. Kurze Zeit lauschte er ihrem Nuckeln am Schnuller, dann war er wieder eingeschlafen.

Ali wusste nicht, ob er aus dem Schlaf oder einer Ohnmacht erwachte. Hatte ihn die Kälte oder der Schmerz in seiner Stirn geweckt? Das linke Auge konnte er immer noch nicht öffnen. Mit dem rechten sah er auf zwei braune Fußbodenbretter und eine breite dunkle Ritze dazwischen.

Der Januar ging zu Ende. In seiner Kindheit wurden um diese Zeit die Figuren der drei Könige wieder in einen Schuhkarton verstaut. Der Weihnachtsbaum war meist Wochen vorher abgeräumt worden. Letztes Weihnachten hatte er nicht einmal ein paar Tannenzweige oder einen Adventskranz im Haus gehabt. Sein Leben hatte im vergangenen Jahr einiges an Qualität verloren.

»Sag, wo du es hast!«

Ali verstand die Worte nicht.

»Viel hält dein Schädel nicht mehr aus!«

Alis Gedanken glitten ab zu Gollum, der tragischen Figur aus Tolkiens ›Herr der Ringe‹. So wie dieses bemitleidenswerte Wesen hatte er sich in den letzten Jahren manchmal gefühlt. Als eifersüchtiger Hüter des Schatzes. Isoliert, einsam, verbissen einem Ziel nachjagend. Erlitt er jetzt das gleiche Schicksal?

Etwas schlug an seine Hüfte, dann traf es seine Rippen.

»Du weißt, ich finde es so oder so, also rück damit raus. Ich kann auch grob werden.«

Es war schwer für Ali die Worte zu erfassen, weil er nun verstand, woher das Geräusch kam. Es war das vertraute Piepen eines Metalldetektors. Unzählige Male schon hatte Ali es gehört. Oft war es schöner als jede Musik gewesen, einmal sogar hatte es geklungen, als würden himmlische Heerscharen herabkommen, und tatsächlich war er reich beschenkt worden.

»Los jetzt, ich warte nicht mehr lange!«

Diesmal wurde das Suchgerät härter an seine Hüfte gestoßen.

Er träumte, dass er eine große hölzerne Truhe durch warmes, grün schimmerndes Meerwasser schob. Der Deckel mit den schweren Eisenbeschlägen stand offen. Drinnen glänzte ein überbordender Schatz aus Goldschmuck, Perlen und Edelsteinen, der von innen leuchtete. So, wie er es als Kind so gerne in Piratenfilmen gesehen hatte.

Als er wieder zu sich kam, fühlte sich sein Kopf noch wärmer an. Das Piepen war weiter weg. Als er den Kopf bewegte, spürte er den Verband. Er hatte nicht mitgekriegt, wie er ihm angelegt wurde.

Die Tür ging auf. Er hörte Worte, die klangen, als würden sie von einer Stimme unter Wasser gesprochen. Es lag ein drohender Ton darin. Erneut wurde auf ihn eingeschlagen.

Die Truhe tat sich wieder auf. Meerwasser schwappte über das Geschmeide. Immer mehr, bis die Kiste versank. Er klammerte sich mit aller Kraft daran und ließ nicht los, als sie ihn mit in die Tiefe riss.

Dienstag, 21. Februar

Im Besprechungszimmer des Polizeipräsidiums saßen sämtliche Dezernatsleiter, ein Hundestaffelführer und zwei Leute, die Walde nicht kannte. Mehr oder weniger konzentriert lauschten sie den Ausführungen der Pressesprecherin. Monika, Waldes Kollegin, in dunklem Hosenanzug, weißer Bluse und buntem Seidentuch um den Hals, wechselte erneut das Schaubild ihrer Power-Point-Präsentation. Thema war die Programmgestaltung des in Kürze stattfindenden Tags der offenen Tür im Präsidium.

Am Kopfende des Tisches scharrte Polizeipräsident Stiermann mit den Füßen. Ein untrügliches Zeichen, dass er nervös wurde. Walde beobachtete durch das Fenster die Vorgänge im Garten des auf der anderen Seite der Salvianstraße liegenden Altenheimes. Eine Schwester in Ordenstracht schob eine betagte Bewohnerin im Rollstuhl über die quadratisch angelegten Wege zwischen den Rasenflächen, an deren Rändern noch schmutzige Schneereste lagen.

»Für die Veranstaltungen im Freien«, hörte er Monika sagen, »sind wir auf trockenes Wetter angewiesen, aber bis Samstag kommender Woche kann sich da noch einiges tun.«

»Gibt es keine überdachte Ausweichmöglichkeit?«, fragte der Präsident.

»Für die Vorführung, wie ein Hund aus dem Fenster eines fahrenden Streifenwagens springt, um einen Verdächtigen zu stellen?«

Stiermann schaute nun ebenfalls aus dem Fenster.

»Kinder sind unsere Zielgruppe Numero eins, neben Buttons werden Luftballons …«

Die Tür ging auf und Grabbe kam auf leisen Sohlen in den Raum. Es schien ihm sichtlich unangenehm, dass Monika ihren Vortrag unterbrach und alle Anwesenden ihn neugierig ansahen. Er steuerte auf Walde zu, schaute sich verlegen lächelnd um und beugte sich zu seinem Chef hinunter. »Die Dauner Kollegen melden einen Toten«, flüsterte er.

»Ja, und weiter?« Walde bemerkte, dass weiterhin alle Blicke auf sie gerichtet waren.

»Ein Mann mit einer schweren Kopfverletzung«, fuhr Grabbe fort.

»Sie brauchen nicht zu flüstern«, mischte sich Polizeipräsident Stiermann ein. »Dürfte ich bitte erfahren, was los ist?«

»Ein Toter in der Nähe von Daun.« Grabbe richtete sich auf, als wolle er vor dem Präsidenten salutieren.

»Geht es etwas genauer?«

»In einem abgelegenen Haus in der Nähe von Steineberg.«

Stiermann atmete hörbar durch die Nase ein und scharrte mit den Füßen. »Ich meinte den Toten.«

»Ein Mann, schwere Kopfverletzung.« Grabbe behielt seine stramme Haltung bei.

»Könnte es ein Unfall oder Selbstmord gewesen sein?«, fragte der Präsident.

Alle am Tisch wussten, dass Stiermann ein politischer Beamter war, der nach einem Parteiwechsel an der Spitze der Landesregierung ausgetauscht werden konnte. Die kriminalistischen Kenntnisse des Polizeipräsidenten reichten kaum über das hinaus, was er im Präsidium oder in Fernsehkrimis aufgeschnappt hatte.

»Das halten die Dauner Kollegen für ausgeschlossen«, antwortete Grabbe.

Walde, der anfangs froh über die Unterbrechung gewesen war, stützte den Kopf in die Hand und schloss die Augen.

»Wie können Sie sich da so sicher sein?«, beharrte Stiermann.

Grabbe verzog keine Miene: »Das Opfer war an Händen und Füßen gefesselt.«

Als Walde und Grabbe auf der Autobahn hinter Wittlich die lange Steigung hinauffuhren, tauchten sie in eine Winterlandschaft ein. Links und rechts hoben sich schneebedeckte Felder gegen den dunklen Wald ab.

Beim Verlassen der Autobahn rückte der Winter noch etwas näher. Auf der weißen Fläche sah Walde einen Fuchs mit aufgestelltem Schwanz, der bewegungslos auf etwas lauerte, das sich vor ihm unter dem Schnee verbarg.

Sie erreichten Steineberg. Die bescheidene Kirche in der Ortsmitte war mit Schiefer verkleidet. Walde vermutete, dass nur ein Bruchteil der Bewohner dort hineinpasste.

Am Ortsausgang bog Grabbe nach rechts in eine schmale Straße ab, die vom Winterdienst nicht geräumt worden war. Nur an wenigen Stellen tauchte schwarzer Asphalt zwischen festgefahrenem Schnee auf. Grabbe fuhr im Schritttempo. Eis barst unter den Reifen. Er bemerkte das Schild Im Kreuzroth zu spät und musste zurücksetzen, um in den unbefestigten Feldweg einzubiegen, der vom Dorf hinaus in eine weite schneebedeckte Ebene führte.

Fern am Horizont sah Walde dunkle Bergrücken. Grabbe hatte Mühe, den Wagen in den ausgefahrenen Reifenspuren zu halten. Nach ein paar Minuten tauchten hinter kahlem Gebüsch mehrere Wagen auf, zwei davon ordnete Walde der Spurensicherung zu. Davor stand ein Streifenwagen in einer schmalen Auffahrt.

Beim Aussteigen erschauerte Walde im kalten Wind. Der Schnee, der ihm bis zu den Knöcheln reichte, knirschte unter seinen Sohlen. Neben ihm raffte Grabbe seine offene Jacke vor der Brust zusammen.

Sie gelangten an einen übermannshohen Wildgatterzaun. Oben hingen Schlinggewächse in dicken Klumpen am Draht. Am Tor, das aus einem umgerüsteten Metallgitter bestand und vermutlich früher einmal als Bauzaun gedient hatte, war kein Namensschild angebracht. Eine Hausnummer gab es ebenfalls nicht. Auf dem Briefkasten prangte lediglich ›Bitte keine Werbung‹. Walde sah auf ein kleines Haus, das, teils von Bäumen verdeckt, etwas tiefer im Gelände stand.

Ein uniformierter Polizist kam ihnen entgegen, stellte sich als Polizeiobermeister Schäfer aus Daun vor und gab, während sie auf das Haus zugingen, einen kurzen Lagebericht. Der Hausvermieter habe am frühen Morgen die Dauner Wache angerufen. Er habe mit ihm gemeinsam das Grundstück betreten, den Toten durch das Fenster der Haustür entdeckt und umgehend die Kripo informiert.

»Und obendrein noch die traurige Sache mit den Hunden.« Er deutete auf eine kleine eingezäunte Hütte oberhalb des Hauses. »Sie sind wohl alle verhungert.«

»Wie, verhungert?«, fragte Walde, während sie am Haus ankamen, dessen tief heruntergezogenes Dach in der unteren Hälfte mit Schnee bedeckt war. Darüber waren die Pfannen dick vermoost.

»Die vier Huskys, das sind Schlittenhunde aus der Polargegend, haben wohl die ganze Zeit kein Futter gekriegt«, erklärte Schäfer, »seitdem ihr Herrchen tot war.« Er ließ ihnen an der Haustür, die nach außen aufging, den Vortritt.

»Soll ich die Tierkörperbeseitigung anrufen?«

Walde bückte sich instinktiv, als er über die Türschwelle trat. Augenblicklich richtete sich seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Mann, der hinter der Haustür auf dem Holzfußboden lag. Seine Arme und Beine waren auf dem Rücken zusammengebunden. Der Körper lag auf der Seite. Vom Kopf sah er nur die teils verklebten Haare. In diesem Bereich hatte der Fußboden einen dunklen Belag. Der neben dem Toten knieende Mann richtete sich auf. Walde erkannte den Gerichtsmediziner Dr. Hoffmann und begrüßte ihn, indem er ihm den Unterarm oberhalb der Handschuhe drückte. Im Haus war es nicht wärmer als draußen. Walde sog die Luft durch die Nase ein. Er konnte den Geruch nicht genau zuordnen.

»Was soll mit den Hunden geschehen?«, wiederholte Schäfer, der an der immer noch offenen Tür stand.

»Auch da brauchen wir die genaue Todesursache«, sagte Walde Richtung Grabbe. »Guckst du mal?«

Grabbe, der mit unergründlichem Gesichtsausdruck vor der Tür gewartet hatte, nickte, schlug den Kragen seiner Jacke hoch und folgte dem Polizisten.

»Verhungern kann durchaus als Todesursache bei den Hunden hinkommen.« Hoffmann kniete sich wieder neben den Toten. »Der Mann ist schätzungsweise vier Wochen tot. Das Haus hat nur Ofenheizung und war in den vergangenen Wochen so kalt wie ein Gefrierschrank. Ich besorge mir den genauen Wetterbericht der letzten Wochen von hier oben.« Er schaute hoch zu Walde, der ihm aufmerksam zuhörte. »Die Todesursache ist wahrscheinlich eine Schädelfraktur. Genaueres können Sie nach der Obduktion erfahren.«

Walde ging neben dem Oberkörper der Leiche in die Hocke. Als erstes fielen ihm die dichten Augenbrauen auf. Über dem graumelierten Bart war die Haut fleckig. Eine Wunde verlief über die Stirn bis zum Auge. Ein schmutziger Verband türmte sich neben dem Kopf auf. »Wurde er zuerst gefesselt und dann niedergeschlagen oder andersherum?«

Der Pathologe zuckte die Schultern. »Schwer zu sagen. Jedenfalls wurde dem Opfer ein Verband angelegt. Es ist möglich, dass der oder die Täter den Mann nicht tödlich verletzen wollten, was letztendlich doch geschehen ist.«

Grabbe kam zurück ins Haus. »Ekelhaft.«

»Ich hatte schon weit schlimmere Fälle«, sagte Hoffmann vom Boden her.

»Nein, ich meine die Kadaver da draußen«, stellte Grabbe klar. »Ekelhaft ist auch nicht das richtige Wort, eher grausam und traurig, wie die Huskys enden mussten. Das hat bestimmt Tage gedauert, bis die verhungert sind. Die müssen doch gebellt haben. Ich verstehe nicht, warum niemand aufmerksam wurde.«

»Ich glaube, Polarhunde bellen nicht.« Gerd Sattler von der Spurensuche kam aus den Inneren des Hauses in den Flur. »Die Hühner hat ein Fuchs geholt. Der hat sich unter dem Schuppen durchgegraben. Im Verschlag liegen nur noch Federn.«

»Sonst was Auffälliges da draußen?«, fragte Walde.

»Jede Menge Tierspuren, aber keine menschlichen Abdrücke. Zur Tatzeit hat wohl kein Schnee gelegen, und der Boden war zu hart gefroren. Der Schnee kam erst in den letzten Wochen runter. Übrigens steht im Schuppen neben dem Eingang ein Motorrad, eine ältere BMW R 60 mit Beiwagen, Dauner Nummer, zugelassen auf Alfred Mendig, Steineberg.« Er deutete auf die Leiche. »Nach dem Passfoto zu urteilen, haben wir den Halter vor uns.«

»Kann ich den Ausweis mal sehen?«, fragte Walde und streifte sich Handschuhe über.

»Liegt alles da drin in der Kiste.« Der Mann deutete ins Innere des Hauses und wandte sich dann an Grabbe. »Es sollte auf dem Grundstück nicht mehr als unbedingt nötig herumgelaufen werden. Wir kommen wieder, sobald der Schnee weggetaut ist, und schauen uns das Gelände noch mal an.«

Walde folgte dem Techniker ins Haus. Die Zimmer waren klein und nur spärlich möbliert. Die Küchenmöbel aus weißem Resopal erinnerten Walde an seine Kindheit. Seine Mutter hatte jahrelang um eine modernere Küche gekämpft, aber für seinen Vater war die Einrichtung des Ladens wichtiger gewesen. Damit verdienen wir unser Geld, hatte Walde ihn immer wieder sagen hören, wenn Mutter auf das Thema kam.

Waldes Blick fiel auf einen an die Kühlschranktür gehefteten Zettel. Er brauchte ein wenig Phantasie, bis er die zwei Worte entzifferte: ›Tierarzt Quintus‹.

In der Küche war es wärmer als im Rest des Hauses. Aus der gekippten Backofentür des Gasherds strömte warme Luft. Einer der Techniker hatte ihn in Gang gesetzt. Walde stellte sich davor und hielt seine klammen Finger vor die Ofenklappe. Durch die offene Tür sah er Eisblumen an den Fenstern des Wintergartens und dahinter die weite schwarz-weiße Landschaft unter dem grauen Himmel. Als sich zwei der Techniker ebenfalls aufwärmen kamen, räumte er das Feld und ging ins Wohnzimmer. Auch hier und in dem angrenzenden Schlafzimmer waren die Möbel alt und schäbig. Er öffnete den Kleiderschrank aus Fichtenholz. Es hing kaum mehr Kleidung darin, als in einen Koffer passte.

Ich müsste bei mir zu Hause auch mal kräftig ausmisten, dachte Walde. Vor ein paar Tagen hatte ihm Monika ein acht Jahre altes Pressefoto gezeigt, auf dem er dasselbe Hemd trug, das er an diesem Tag anhatte.

»Guck mal«, Grabbe kam in den Raum mit einer Plastikkiste unterm Arm, in der neben einer Brieftasche verschiedene Papiere lagen. »Alfred Mendig, 22.01.1958 in Euskirchen geboren. Der Perso ist am 3. Februar 05 ausgestellt.«

»Wie steht’s mit Geld, Bankkarten, Schecks?«, fragte Walde.

»Knapp fünfzehnhundert Euro in bar, keine Bankkarten, keine Schecks, keine Kontoauszüge. Und der Führerschein ist vom 25. April 2005.«

»Vielleicht hat er den Führerschein zusammen mit dem Personalausweis verloren.«

»Nein, der wurde nach bestandener Prüfung zum Führerschein der Klassen A und B am 25. April 2005 in Wittlich ausgestellt.« Grabbe legte die Stirn in Falten. »Dann hat er mit siebenundvierzig Jahren die Prüfung gemacht und dazu auch noch für’s Motorrad.«

»Hör mal in Flensburg nach, ob der wirklich vorher keinen Führerschein hatte. Vielleicht kannst du auch rauskriegen, in welcher Fahrschule er war.«

»Mach ich«, Grabbe hob ein Handy hoch. »Und das Telefon check ich auch, dazu muss Sattler aber erst mal den Pin knacken.«

»Wir sollten die Angehörigen benachrichtigen.«

»Außer der Geburtsurkunde habe ich bis jetzt nichts gefunden, vielleicht sind im Handy Telefonnummern gespeichert.«

»Wo stammt er nochmal her?«

»Aus Euskirchen.«

»Vielleicht hat er da Verwandte.«

Kurz nachdem der Leichnam abgeholt worden war und Hoffmann sich verabschiedet hatte, kam POM Schäfer in Begleitung eines rothaarigen jungen Mannes ins Haus. Er stellte ihn als Amtstierarzt Dr. Rupprath vor. Grabbe übernahm es, den Mann zum Zwinger zu führen.

Im Wohnzimmer stand Sattler von der Spurensicherung auf einem Stuhl und untersuchte die niedrige Decke, während ein Kollege den Stuhl an der Lehne festhielt.

»Stört es euch, wenn ich mich hier umsehe?«, fragte Walde.

»Wir sind fast durch.«

Walde durchstöberte die Bücher auf dem schmalen Wandregal. Neben wenigen historischen Romanen fand er Werke, die sich mit der römischen Geschichte und noch früheren Epochen beschäftigten. Ein Heft mit dem Titel ›Der keltische Ringwall von Steineberg‹ war darunter. Waldes Hände waren trotz der dünnen Handschuhe inzwischen so kalt, dass er kaum die Seiten umblättern konnte.

Er versuchte den Fernseher einzuschalten. Das Gerät reagierte nicht. Walde bückte sich, um zu überprüfen, ob der Stecker in der Dose saß.

»Der Saft ist abgedreht«, kam es von der Decke her.

»Gibt es keine persönlichen Aufzeichnungen, ein Fotoalbum oder wenigstens einen Terminplaner?«, fragte Walde den Kollegen.

»Das war ein Eigenbrötler«, sagte der Techniker mit dem auffälligen schwarzen Balken über den quadratischen Brillengläsern. »Der lebte hier wie ein Einsiedler, ohne jeden Luxus. Bisher habe ich nur diese Visitenkarte gefunden.«

Walde nahm eine kleine Plastiktüte entgegen und las die Visitenkarte durch die Klarsichtfolie. »Max van Sweelik, Antik, Handynummer, keine Adresse, kein Festnetz.«

»Könnte aus Belgien oder Holland kommen«, sagte Sattler.

»Sonst gibt es keine Adressen oder Telefonnummern?«

»Bisher nichts, auch keine Briefe, nicht einmal eine Postkarte.«

»Immerhin hatte er die Hunde«, sagte Walde und überlegte, ob der Mann eine schmerzhafte Trennung hinter sich gehabt hatte oder sonst einen Schicksalsschlag, den er vielleicht hier in der Einsamkeit verarbeiten wollte.

»Da unten hat etwas gestanden.« Sattler wies auf eine Stelle auf den Holzdielen unter dem Bücherregal, die mit einer Nummerierung versehen war. »Ich habe es daran erkannt, dass dort deutlich weniger Staub war. Etwas Rundes, sechzehn Zentimeter Durchmesser.«

»Ein Blumentopf?«

»Es gibt im ganzen Haus keine Pflanzen.« Der Techniker schnäuzte sich geräuschvoll.

»Was haben wir denn hier?« Sattler tastete über einen aus einem Deckenbalken minimal herausstehenden Zapfen. »Kannst du mir mal eine Flachzange reichen?«

Walde griff in den am Boden stehenden blitzblanken Metallkoffer, der ihn an Mutters Nähkästchen erinnerte, und reichte eine Zange mit grünem Griff nach oben.

Wie kam es, dass er in diesem Haus schon zum zweiten Mal an seine Kindheit erinnert wurde?

»Jetzt kommen wir der Sache näher«, rief Sattler. Er zog vorsichtig einen langen Holzzapfen aus dem dunklen Deckenbalken und erzeugte dabei einen hohen Quietschton, der die Spannung noch steigerte.

»Aha, was haben wir denn da?« Sattler dehnte die Worte.

Walde sah zu, wie sein Kollege sich ein zeigefingerdickes und etwa ebenso langes Holzteil dicht vor die Augen hielt. Er drehte es und schnupperte daran. Walde wandte sich wieder den Büchern zu.

»Was haben wir denn da?«

Diesmal reagierte Walde nicht auf Sattlers Worte.

»Scheint aus Gold zu sein.«

Walde überlegte, ob er hinschauen und dabei riskieren sollte, vom Kollegen auf den Arm genommen zu werden. In dieser Bude gab es sicher kein Gold zu finden, höchstens Blech.

Seine Gedanken wurden durch Sattlers Kollegen unterbrochen, der die Treppe herabkam. »Oben ist nichts außer Mäusedreck.«

»Guck mal, die Münze hat hinter dem Zapfen gesteckt«, meldete Sattler stolz und versenkte seinen Fund in einem Beutel.

»Kein sehr originelles Versteck, ich hätte sie in den Geldbeutel zwischen das Kleingeld getan«, war der Kommentar des anderen Technikers.

Walde betrachtete den Beutel mit der kleinen Münze. »Aber da würde sie an den anderen gerieben werden und könnte Schaden nehmen.« Soviel wusste er von seinem Freund Jo, der Münzen sammelte und obendrein Hobbyarchäologe war. Vor Jahren hatte Jo auf dem Gelände einer Großbaustelle in Trier einen spektakulären antiken Goldfund gemacht.

Vor der Haustür wurden laut Schuhe abgeklopft. Grabbe kam mit dem Tierarzt zurück.

»Die sind gar nicht verhungert, und es sind auch keine Huskys, sagt Dr. Rupprath, mit th.« Grabbe hörte sich wie ein Musterschüler beim Stundenprotokoll an. »Und verdurstet sind sie auch nicht, Polarhunde fressen Schnee.«

Der Tierarzt stand hinter ihm, ohne ein Wort zu sagen. Er trug bis über die Knöchel reichende Schuhe, an denen der Schnee kaum Spuren hinterlassen hatte, dicke Lederhandschuhe und eine kleine Sonnenbrille mit kreisrunden Gläsern.

»Kennen Sie Dr. Quintus, müsste ein Kollege sein?«, wandte sich Walde an den Mann.

»Nee.« Der Tierarzt schüttelte den Kopf, wobei sein im Nacken zusammengebundenes Haar aus dem Kragen rutschte. »Ich bin erst seit drei Monaten in Trier.«

»Und die Hunde da draußen?« Walde überlegte, ob der junge Mann überhaupt schon Tierarzt sein konnte. Am liebsten hätte er von ihm verlangt, sich auszuweisen.

»Nee.«

Sein Mitteilungsbedürfnis schien nicht sehr groß.

»Woran denken Sie, sind die Huskys verendet?«

»Es sind Alaskan Malamuts. Die sind deutlich größer als Huskys. Ich bin sicher, dass sie vergiftet wurden.«

»Und wie kommen Sie darauf?«

»Es ist unwahrscheinlich, dass vier Hunde gleichzeitig an einer Krankheit sterben. Die Tiere waren noch keine zwei Jahre alt, gut im Futter, und es muss schnell gegangen sein. Ich schaue sie mir nachher mal näher an.«

»Wollen Sie die Hunde mitnehmen?«

»Nee, sofern sich noch was finden lässt, lasse ich von einem der Malamuts eine Magenprobe untersuchen. Für die anderen bestelle ich die Tierkörperbeseitigung.«

»Und Sie kennen keinen Dr. Quintus?«, fragte Walde abermals.

»Nee.« Der Tierarzt schüttelte den Kopf, wobei ihm sein rotes, lockiges Haar erneut aus dem Kragen rutschte.

Nachdem das Haus versiegelt worden war, ließ sich Grabbe von Schäfer, der sich in seinem Wagen bei laufendem Motor aufwärmte, die Telefonnummer des Hausvermieters geben.

Auf der Heimfahrt schaltete Walde die Heizung auf Hochtouren. Er hatte keinerlei Gefühl mehr in den Zehen.

Neben ihm wärmte Grabbe sich die Hände an der warmen Lüftung. Als sie die Autobahn Richtung Trier erreichten, telefonierte Grabbe mit Gabi im Polizeipräsidium und gab ihr die Führerscheindaten des Opfers durch. Anschließend sprach er mit dem Hausvermieter. Walde beschleunigte den Wagen erst deutlich über Tempo Hundert, als Grabbe aufgelegt hatte.

»Dieser Mendig wohnte seit einem knappen Jahr in dem Haus«, berichtete Grabbe. »Der Vermieter hat jeden Monat die Miete in bar erhalten. Er ist außer Gesprächen übers Wetter nicht an den Mann herangekommen. Mendig soll ab und zu ins Maar schwimmen gegangen sein, mehr weiß er nicht.«

»In welches Maar? Dauner-, Schalkenmehrener-, Pulver-, Holzmaar, Totes Maar?«

»Du kennst dich ja gut aus.«

»Erdkunde, sechste Klasse.«

»Du warst bestimmt ein guter Schüler«, sagte Grabbe. »Ich frage noch einmal nach, wenn du möchtest.«

»Bitte.«

Sechste Klasse. Er dachte an alte Schulzeiten, als am Gymnasium die Klassen bis zum Abitur noch auf antiquierte Weise rückwärts gezählt wurden: Auf die Sexta folgte die Quinta, dann die Quarta, und so weiter.

Die Autobahn führte steil in einer lang gezogenen Kurve den Berg hinunter. Auf der Instrumententafel wurde die Außentemperatur mit Minus zwei Grad Celsius angezeigt. Stellenweise war der Autobahnbelag dunkel vom Tauwasser, das aus den am Rand aufgeschichteten Schneehügeln gelaufen war.

Auf der langen Geraden hinunter in die Wittlicher Senke entspannte sich Walde und dachte wieder an die

Er setzte den Blinker und fuhr die Ausfahrt Wittlich an.

»Wo willst du hin?«, fragte Grabbe.

»Zurück.«

»Zurück, wohin?«

»Nach Steineberg. Es ist nur eine Vermutung, aber es könnte einen fünften Hund geben«, versuchte Walde dem Kollegen seine Beweggründe zu schildern, »und die Spuren im Schnee, vielleicht stammen die von einem Hund.«

»Wie kommst du darauf?«

»Eben, die Sache mit der Heimatkunde und den Klassen.« Walde bemerkte, dass die Erklärung unmöglich zu verstehen war. »Also Quinta, das war die fünfte Klasse und Quintus, so hieß vielleicht einer der Hunde. Und wenn das so ist, müssten es eigentlich fünf gewesen sein.«