Entenfischer - Karin Koller - E-Book

Entenfischer E-Book

Karin Koller

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Beschreibung

Das Leben wirft einen in Situationen, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Wie reagiert man, wenn man an einem Sommertag plötzlich damit konfrontiert wird, dass die eigene dreijährige Tochter an Leukämie leidet? Wie wirkt sich die langwierige Behandlung, die Ungewissheit, die Angst auf die Beziehungen innerhalb der Familie aus? Wie kann es gelingen, das Kind zu retten, ohne die Familie dadurch zu zerstören? Eine Krebserkrankung, so stellt sich bald heraus, ist anders, als in Filmen dargestellt, kein Kampf, sondern ein Erdulden in Konfusion. Kein finales Urteil, sondern ein Hindernislauf, den es zu absolvieren gilt. Ziel ist, zu erreichen, dass am Ende der Therapie alles bleibt, wie es war, obwohl sich alles änderte. "Entenfischer" erzählt von den Gefühlen und Gedanken einer Mutter, deren Kind an Leukämie erkrankt ist, von der Diagnose bis zum Abschluss der Therapie. Von der Angst und Hilflosigkeit, von der Verunsicherung und Wut, von der Scham und Lähmung. Und zeigt, dass außergewöhnliche Krisen, die das Leben plötzlich völlig auf den Kopf stellen, bewältigbar sind.

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Seitenzahl: 314

Veröffentlichungsjahr: 2014

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www.tredition.de

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Karin Koller

Entenfischer

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© 2014 Karin Koller

Umschlaggestaltung, Illustration: Karin Koller

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-7848-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Krankenwagen

„Bleibst du da, Mama?“

Zwanzig Mal hat Katharina das in der letzten Stunde gefragt.

„Natürlich bleibe ich bei dir. Bis du gesund bist, das verspreche ich.“

Zwanzig Mal habe ich das schon gesagt. Dabei kann ich nur versprechen, dass ich bleibe. Ich weiß nicht, ob ich versprechen kann, dass sie wieder gesund wird.

Der Arzt sagte, die Heilungschancen lägen bei über 80%. Er sagte das, um mich und Michael zu beruhigen. Eine 20%ige Wahrscheinlichkeit, dass Katharina nicht wieder gesund wird, ist beängstigend. Wie hoch kann die Wahrscheinlichkeit sein, dass ein dreijähriges Kind an Leukämie erkrankt? Das ist sicher nicht in Prozent, möglicherweise nicht einmal in Promille messbar. Und nun hängen riesige zwanzig Prozent über uns wie ein Damoklesschwert.

„Bleibst du da, Mama?“

„Ich bleibe bei dir.“ Ich habe einen Knoten im Bauch. Ganz verdreht muss ich sitzen, sonst wird mir schlecht. Unter normalen Reisebedingungen wird mir schon schlecht, wenn ich nicht vorne im Beifahrersitz sitze, ganz konzentriert, als würde ich das Auto selbst steuern. Nun liegt Katharina auf der Liege im Krankenwagen, ich sitze daneben und weiß nicht, wie ich mich ihr zuwenden kann, um sie zu trösten, und gleichzeitig durch die Abtrennung am Fahrer vorbei auf die Straße schauen, um die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken. Schämen könnte man sich für seinen Körper, der sich in dieser akuten Krisenzeit nicht zusammennehmen kann und in egoistischer Weise auf seinem Recht beharrt, das Frühstück wieder abzugeben, wann immer er es für angemessen hält.

„Bleibst du da, Mama?“

„Natürlich Schatz, schlaf ein bisschen.“ Dabei wollten wir heute den Geburtstag von Anna feiern. Nicht mit Pauken und Trompeten oder großem Kinderfest, aber einen schönen siebten Geburtstag sollte sie haben. Statt Badeausflug wollte Michael mit ihr und Lukas einen Stadtbummel durch Villach machen. Ich sollte mit Katharina ins Krankenhaus.

Gestern war ich mir ihr beim Hausarzt, weil sie seit einer Woche Fieber hatte und nun plötzlich am Bauch lila Pünktchen erschienen waren. Etwas Schlimmeres als eine Kinderkrankheit oder eine Sonnenallergie hätte ich niemals vermutet. Der Hausarzt regte sich nicht sonderlich auf über Katharinas Zustand, eine Gerinnungsstörung, sagte er, könnte es sein. Wenn wir es genau wissen wollten, müssten wir ein Blutbild machen lassen, am besten vor dem Wochenende, weil danach viel los sei im Krankenhaus und die Wartezeit länger.

Wir gingen deshalb nicht sonderlich beunruhigt ins Krankenhaus. Als der Arzt Katharina das Blut abnahm, sah er uns mit sonderbarem Ernst an. Nein, er könne nicht spekulieren, sagte er, bevor er die Blutwerte habe. Das musste er ja sagen und das ernste Gesicht gab mir nicht zu denken, nicht jeder Kinderarzt konnte ein fröhlicher Spaßvogel sein. Nichts gab mir zu denken. Katharina und ich vertrieben uns die Wartezeit, indem wir unser Kinderliederrepertoire auspackten und uns überlegten, welche Spiele wir bei Annas Feier spielen würden. Wir wollten uns auf keinen Fall die gute Laune verderben lassen.

Michael rief an, er habe den Stadtbummel mit den Kindern beendet. Sie wären schon im Krankenhaus. Als ich sie holen wollte, kam der Arzt herein. Er sagte, wir sollten in eines der Stationszimmer gehen, bis die endgültigen Ergebnisse einträfen. Zum Glück fand ich Michael und die Kinder gleich und wir gingen gemeinsam zur Kinderstation. Wir wurden in ein Zimmer geführt, die Kinder bekamen Spielsachen und Getränke. Das war nicht der übliche Kinderambulanz-Salbe-drauf-gesund- auf-Wiedersehen-Besuch im Krankenhaus, den wir sonst gewohnt waren. Die Kinder malten in den Malbüchern des Krankenhauses, ich versuchte sie bei Laune zu halten.

„Da stimmt etwas nicht“, sagte ich zu Michael.

„Es ist bestimmt nichts Schlimmes“, sagte Michael.

Dann kam der Arzt ins Zimmer: „Könnte ich Sie beide sprechen“, sagte er.

Ich wollte die Kinder nicht allein lassen, deshalb ging Michael allein mit dem Arzt mit. Wir mussten ziemlich lange auf ihn warten, meine Beunruhigung wuchs. Eine Krankenpflegerin brachte Mittagessen für die Kinder. Ich versuchte, es abzulehnen, weil wir doch zu Hause essen wollten. Die Pflegerin sagte, sie werde es im Zimmer lassen, falls doch eines der Kinder Hunger bekomme. Sie sagte es, als wüsste sie etwas, das ich noch nicht wusste. Ich hatte nicht den Mut, sie zu fragen.

Michael kam ins Zimmer, aschfahl im Gesicht.

„Was ist los? Sag schon.“ Er schüttelte wortlos den Kopf und hielt mir einen Zettel hin. Auf dem Zettel stand: Akute lymphatische Leukämie.

„Der Arzt möchte dich sprechen“, presste er mühsam heraus. Er nahm die Kinder in den Arm. Ich suchte das Büro des Arztes. Zwei Tränen fielen mir aus den Augen. Dabei war mir nicht nach Weinen zumute, ich war wie betäubt, spürte nur diese zwei Tränen. Das konnte doch nicht wahr sein. Niemand in der Familie war jemals ernstlich krank gewesen. Vielleicht hat Michael den falschen Zettel gebracht, einen Zettel, den ein anderer Vater mit ähnlicher Handschrift für eine andere Frau aufgeschrieben hatte, und alles war nur ein riesiges Missverständnis.

Der Arzt sah mich an, es war kein Missverständnis. Er erklärte mir die Krankheit in groben Zügen, und dass gute Heilungschancen bestünden. Ich konnte kaum etwas davon aufnehmen. Ich war fassungslos, meine Gedanken rasten sinnlos im Kreis, ohne etwas Produktives zu bewirken, wie eine hässliche graue Wolke, die das gesamte Sein vernebelt. Der Arzt nannte die Schritte, die nun zu unternehmen seien und die er bereits mit Michael besprochen habe. Katharina und ich sollten unverzüglich nach Innsbruck in die Kinderklinik gebracht werden.

Michael kam in das Büro des Arztes. Er legte den Arm um mich. Das tat gut, die Gedanken ordneten sich ein wenig. Aus der grauen Suppe kristallisierte sich immer klarer das Wort „Krebs“ heraus, schwer und unausweichlich und das verstärkte die bleierne Lähmung wieder. Langsam erklärten mir Michael und der Arzt noch einmal, dass Katharina sofort nach Innsbruck gebracht werden müsse. Langsam begann diese Information einzusickern. Wie sollte ich mit ihr nach Innsbruck kommen? Ich hatte doch nichts dabei, keine Kleider, keine Toilettensachen, kein Buch, nicht einmal ein Getränk für die Reise.

Michael wollte uns nach Innsbruck bringen, aber der Arzt sagte, er habe Angst, dass Michael in seinem derzeitigen Zustand einen Unfall verursachen könnte. Zumindest aber bestünde die Wahrscheinlichkeit, dass ein Stau im starken Reiseverkehr die Fahrt unnötig verlängern würde. Ich würde also ganz allein mit Katharina im Krankenwagen nach Innsbruck fahren und dort alles Notwendige allein veranlassen müssen, was auch immer das war. Michael würde die Kinder zu meiner Mutter bringen und versuchen, nachzukommen.

„Bleibst du da, Mama?“

„Ja, es wird alles gut.“ Aber wird es das wirklich? Und wenn es wirklich wieder gut werden kann, werden wir es schaffen durchzuhalten, bis es soweit ist? Ich weiß nicht einmal, ob ich in den nächsten zwei Stunden die Dinge, die erforderlich werden, bewältigen kann. Ich versuche die Tränen zu unterdrücken und drehe mich, um vorne beim Fenster hinaussehen zu können, der Übelkeit wegen, die schon wieder aufwallen will. Das Signalhorn des Krankenwagens ertönt, wir fahren knapp an einen Wagen heran, der die Überholspur nicht freigibt. Endlich fährt er zur Seite, das Signalhorn bleibt an, der Ton ist enervierend. Vorne beginnt der Stau der Reisenden, der Krankenwagen schwenkt auf den Pannenstreifen und fährt mit hoher Geschwindigkeit an den stehenden Autos vorbei. Gewohnt, die Kinder auf alles aufmerksam zu machen, was sich unterwegs ereignet, muss ich den Impuls unterdrücken zu Katharina zu sagen, schau wie toll, wir fahren mit Blaulicht auf dem Pannenstreifen, wo man sonst überhaupt nicht fahren darf. Normalerweise wäre das eine Sensation, die sie glucksen lassen würde vor Aufregung. Das muss ich gleich Anna und Lukas erzählen, die werden Augen machen, würde sie sagen, normalerweise. Heute interessiert sie das nicht. Sie liegt verängstigt auf der Liege und versucht die Augen zu schließen.

Mir ist heiß, der Schweiß steht mir klebrig auf der Stirn. Es scheint hier keine Klimaanlage zu geben, die Hitze verstärkt das Übelkeitsgefühl noch. Ich versuche wieder, vorne durch die Trennscheibe am Fahrer vorbei auf die Straße zu schauen. Weil der Sitz der Liege zugewandt ist, muss ich mir dabei den Hals verrenken, oder die innere Anspannung verursacht mir eine Muskelverspannung. Den Blick auf den grauen Asphalt geheftet, wird der Kopf plötzlich ganz leer, frei nicht, aber leer oder zumindest statisch, die graue dumpfe Masse hat für einen Augenblick aufgehört zu rotieren und lässt die Alptraumbilder nicht mehr tanzen. Das tut gut, für immer soll das so bleiben, dann muss ich nicht den nächsten Schritt unternehmen und den nächsten und die Ungewissheit wird mich nicht beklemmen und es wird sein, als wäre nichts passiert.

Ein kurzer Ruck reißt mich aus den Gedanken. Natürlich ist es nicht wahr, jeder Schritt ist zu gehen, das ist das Einzige, das zu tun ist, das Einzige, das man tun kann, um aus dieser Situation herauszukommen. Ich drücke Katharinas Hand, natürlich werden wir das schaffen, wir wissen nur noch nicht wie, alles andere ist undenkbar. Aber sie ist doch noch so klein, sie ist doch erst drei.

Vor wenigen Wochen waren wir im Verkehrsmuseum in Luzern. Es war unser erster Museumsbesuch mit den Kindern. In Planetarium schlief Katharina ein. Nach dem Museum gingen wir noch kurz zum Ufer des Vierwaldstättersees. Zwischen einigen Enten schwamm ein Schwan, im Hintergrund fuhr ein Boot vorbei. Anna und Lukas warfen Steine in den See. Die Enten schwammen ein Stück weit weg, auf das Boot zu. Katharina beobachtete sie und schien intensiv nachzudenken. Dann sagte sie: „Ich weiß jetzt, was ich werden möchte. Ich werde Entenfischer.“

„Entenfischer?“ fragte ich.

„Ja, weißt du, Mama, da fahre ich mit dem Boot auf den See, mit so einem wie diesem da“, sie zeigte auf die Mitte des Sees, „und dann werfe ich ein Netz aus und fange die Enten. Dann verkaufe ich sie am Markt. Oder brate sie.“

Zufrieden schaute sie auf den See hinaus. Sie war überzeugt davon, ihre Zukunft gefunden zu haben.

Was wird nun aus ihr werden?

Plötzlich steigt mir ein übelkeitserregender Geruch in die Nase, es ist die klebrige, leicht verwesende Süßlichkeit einer überreifen Banane. Noch nie konnte ich diesen Geruch ertragen, aber jetzt, wo ich mich so konzentrieren muss, nicht zusammenzubrechen oder mich zu übergeben, sprengt dieser Geruch die Grenzen des Erträglichen.

Der junge Zivildiener isst selbstvergessen diese überaromatische Frucht. Er hat, so hat er mir erzählt, seinen Zivildienst fast beendet und will im Herbst in Wien ein Sportstudium beginnen und vielleicht, wenn sich das ergeben sollte, den Helikopterflugschein machen, um später in Kanada Helikopterschilehrer zu werden. Genauso sieht der junge Mann auch aus, sportbegeistert, braungebrannt, nicht unbedingt von tiefschürfendem Intellekt, dafür aber von einer unnatürlich anmutenden Schönheit, einer Schönheit von der Art, wie sie in amerikanischen Filmen gerne für die Rolle des Polterabendstrippers gecastet wird.

Welche Erleichterung wäre es, wenn er ein kleines Kofferradio hinter seinem Rücken hervorziehen würde und dann so ein Popanz von Versteckter Kamera hervorspringen würde, und ich mich über nichts mehr aufzuregen brauchte als über die Geschmacklosigkeit und das fehlende Taktgefühl von Fernsehproduzenten.

Aber das passiert nicht, es ist alles echt, der Krankenwagen rast mit uns in eine ungewisse Zukunft und die Bananenschale verbreitet weiter ihr Aroma aus dem offenen Müllkübel direkt vor meinen Füßen. Ich wundere mich, ob es sich überhaupt schickt, sich Gedanken über Stripper zu machen, nicht aus gesellschaftlichen Gründen, sondern ob es nicht ein Indikator eines oberflächlichen Gemüts ist, von zu geringem Bestreben, das Kind wieder gesund zu machen. Was darf ich in dieser Situation überhaupt tun und denken? Werden in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren - bisher weiß ich noch nicht einmal, wie lange die Chemotherapie dauern wird - alle Gedanken um die Krankheit kreisen? Werden wir alle nur ernst sein? Im Augenblick kann ich mir nichts anderes vorstellen, die Verzweiflung ist zu groß, und zu stark sind auch die Schuldgefühle wegen dieses einen dummen und seichten Gedankens.

Ich fasse mir ein Herz und frage den jungen Mann, ob er die Bananenschale geruchssicher entsorgen kann. Dies löst zunächst Ratlosigkeit aus, da kein anderer Müllkübel vorhanden ist. Schließlich übergibt er die Bananenschale dem Fahrer und der legt sie auf den Boden unter dem Beifahrersitz. Der von dem Geruch ausgelöste Schwindel lässt schnell nach. Die Fahrt ist noch weit und ich weiß überhaupt nicht, wie es weitergehen soll. Alles ist so schnell gegangen, wir haben nicht einmal eine Zahnbürste oder eine frische Unterhose dabei. Nur das kleine Stinktier, das Michael Katharina aus der Stadt mitgebracht hat. Ein Stinktier ausgerechnet. Hoffentlich wird Michael an alles denken, aber das ist wohl ziemlich viel verlangt.

Endlich, endlich fahren wir in Innsbruck ein. Das Krankenhaus ist gar nicht weit von der Autobahnausfahrt. Der Krankenwagen wird von einem vor der Tür stehenden Sanitäter in eine Tiefgarageneinfahrt gelotst und wir steigen aus. Ich halte die erschöpfte Katharina im Arm. Die Angst vor dem nun folgenden Ungewissen ist ihr anzusehen, sie sagt aber nichts, kuschelt sich nur an mich. An der Anmeldung müssen die Portiere erst mit einem Telefonat herausfinden, wo wir hinmüssen. Die Erklärung bedarf viel Herumgefuchtle mit den Armen. Unser Fahrer und der Zivildiener schauen hilflos drein. Der lokale Sanitäter nimmt sich ein Herz und bietet uns an, mit seinem Wagen vorauszufahren, da die Onkologie auf der gegenüberliegenden Seite des Krankenhauskomplexes liegt und auf dem Weg dahin einige Einbahnen zu beachten sind und einige Fahrverbote den Weg verkomplizieren. Wir steigen wieder in den Krankenwagen ein und fahren etwa fünf Minuten hinter dem hilfsbereiten Sanitäter her. Mir kommt es vor, als wären wir bereits in einem anderen Stadtteil. Vor einem Hochhaus bleiben wir stehen und fahren mit dem Lift in den obersten Stock. Hier wirkt alles sehr neu und kalt und steril.

„Ja“, sagt die Pflegerin im Eingangsbereich, „das ist die Onkologiestation.“

Wir aber müssten in die Kinderonkologie, aber sie weiß leider nicht, wo sich diese befindet. Langsam ungeduldig werdend, bitte ich sie, es doch für uns herauszufinden, mittlerweile wird mir Katharina recht schwer. Nach mehreren Telefonaten gibt die Pflegerin dem Fahrer Anweisungen, diese klingen einfacher als jene, die hierher geführt haben, vielleicht sind wir schon in der Nähe. Tatsächlich müssen wir nur die Straße überqueren und im nächsten Haus in den obersten, den fünften, Stock fahren. Dort sind wir richtig, das ist wenigstens eine Erleichterung.

Vor der automatischen Tür zur Station ist eine klebrige Matte am Boden befestigt. Sie wirkt, als ob hier Renovierungs- oder Bauarbeiten im Gange sind, erst später merke ich, dass diese Matte den Straßenschmutz von den Schuhen nehmen soll, damit die Station sauberer bleibt. Die Station selbst wirkt neu, aber nicht so unpersönlich wie die Erwachsenenonkologie. Dreiräder, Kindertraktoren und Buggys stehen am Gang, bunte Kinderstühle sind an die Wand gelehnt, einer in Giraffenform, einer sieht aus wie ein Dinosaurier, einer wie ein Bär.

Eine Pflegerin führt uns in ein Zimmer, ich komme mir hilflos vor, aber immerhin sind wir angekommen und Katharina wird die Hilfe bekommen, die sie braucht. Das Zimmer ist geräumig mit zwei zusammengeschobenen Betten, einem Tisch mit drei Stühlen und einem riesigen Fenster. Auf den Bettbezügen sind Clowns mit Luftballons aufgedruckt. Katharina bemerkt das trotz Müdigkeit sofort, es gefällt ihr. Ein kleines Bad mit Dusche, Waschbecken und Klo befindet sich in einem separaten Raum innerhalb des Zimmers.

Die Pflegerin zeigt uns die Station. Es gibt etwa zwölf Zimmer, einen Aufenthaltsraum mit Küche und ein Spielzimmer. Auf dem Weg dorthin kommen uns zweimal Eltern mit Kindern, die keine Haare mehr auf dem Kopf haben, entgegen, die so ausgemergelt sind, dass sie nicht mehr selbst laufen können. Die Situation erscheint mir surreal, als wäre ich in einen düsteren Problemfilm hineingeraten. Wird Katharina auch bald so aussehen? Im Moment weiß ich nicht einmal, ob Leukämie eine besonders schlimme Form von Krebs ist. Und was nötig sein wird, um sie zu bekämpfen.

Der Arzt in Villach hat etwas von 80%iger Heilungschance gesagt, das beruhigte mich nicht gerade. Ich habe mich nie mit Krebs beschäftigen müssen, möglicherweise ist das keine große Sache mehr. Dennoch assoziiere ich Krebs unweigerlich mit Todesfällen, ich kann gar nicht anders, aber in diesem Zusammenhang darf ich das nicht. Ich versuche, solche Gedanken zu unterdrücken, da fällt mir ein Buch ein, das ich als Kind gelesen habe, über ein Mädchen, das mit großer Anstrengung und mit viel Leiden gegen den Krebs kämpft und am Ende tapfer stirbt, weil man ihr eingeredet hat, dass sie es schön haben wird beim lieben Gott. Alles sträubt sich in mir, mich mit derartigen Dingen zu beschäftigen, am wenigsten will ich meinem Kind einreden müssen, dass es sich auf einen Gott freuen soll. Aber hoffentlich, hoffentlich ist eine 80%ige Chance genug für uns und wir kommen nie in die Lage, uns auf diese Eventualitäten vorbereiten zu müssen.

Innsbruck

Katharina wird untersucht.

Eine Thrombozyteninfusion wird gebracht. Sie ist orangegelb und wirkt nicht einmal flüssig, muss es aber sein, wenn sie in ihre Adern rinnen soll. Ich nehme alles wie in Trance wahr, hinterfrage nichts, lasse geschehen, bin froh, dass sich jemand um mein Kind kümmert, kann nicht klar denken.

Michael ruft an, er ist jetzt losgefahren. Als er und die Kinder zu meiner Mutter nach Hause kamen, aßen sie zu Mittag und dann feierten sie Annas Geburtstag. Niemand hatte Spaß. Die Tortencreme, die ich in der Früh schnell vorbereitet habe, bevor wir ins Krankenhaus fuhren, blieb flüssig. Auch das noch, denke ich, zu allem, was heute passiert ist, konnte ich meiner Tochter nicht einmal eine richtige Torte bieten, nur einen Tortenboden, der von der Schokoladenmilch (anstatt intendierter Mousse) langsam matschig wird.

Ich mache mir Sorgen, ob Michael überhaupt in der Lage sein wird, die weite Fahrt mit dem Auto zu überstehen. Er erkundigt sich, was hier geschieht. Als ich es ihm erzähle, beginnt er zu weinen. Ich habe ihn noch nie weinen gehört, nicht einmal als seine Oma starb. Oder er zeigte es mir damals nicht.

Die Stunden, bis Michael kommt, werden mir lang. In meinem Magen bildet sich ein Knoten, ich kauere mich zu Katharina ins Bett, halte ihre Hand, starre an die Decke, versuche an nichts zu denken. Was könnte ich auch jetzt schon denken, an so einem Tag? Trotzdem gelingt es nicht. Ich sehe meine enttäuschte ältere Tochter vor mir, ich sehe wie Michael von der Straße abkommt und verunglückt, ich sehe, wie ich das alles nicht schaffe, weil ich doch bisher schon nicht so gut mit Druck fertig geworden bin. Ich schäme mich für meine Gedanken, aber ich habe solche Angst.

Endlich kommt Michael, ich bin so erleichtert, mir wird wieder ein bisschen übel. Ich springe aus dem Bett und umarme ihn, klammere mich an ihn. Er klammert sich an mich. Ich spüre seine Wärme, seine Kraft, seine Verzweiflung, seine Erschöpfung. Er vergräbt sein Gesicht in meiner Schulter, als könnte er sich vor der Realität verstecken.

Ich habe das Gefühl, ich selbst bin ein Stück Treibholz, das von der Strömung mitgerissen wurde und nun endlich aufhört zu taumeln. Ich möchte immer so bleiben, es fühlt sich an, als könnte alles wieder gut werden. Diese Illusion versuchen wir, so lange es geht, zu erhalten.

Es geht aber nicht lange. Katharina möchte ihren Papa auch umarmen. Ich packe in der Zwischenzeit die Tasche aus, die meine Mutter für uns gepackt hat. Sonst ist meine Mutter immer so ordentlich und organisiert. Zumindest eine Reisetasche mit den nötigsten Dingen könnte sie im Schlaf packen. Am Inhalt dieser Tasche kann ich sehen, wie überfordert sie von den Nachrichten über Katharinas Krankheit ist, wie verunsichert.

Das Shampoo fehlt und die Zahnbürsten. Für Katharina hat sie ungefähr 10 Garnituren Kleidung eingepackt, inklusive Röckchen und Kleidchen. Für mich keine Unterhosen. Ich bekomme plötzlich Panik, wie ich ohne Zahnbürste und frischer Unterhose auskommen soll. Als wäre das in unserer Situation nicht völlig egal, ob ich einmal die Unterhose nicht wechsle. Es ist aber gerade diese fehlende Unterhose, die meine den ganzen Tag mühsam aufrechterhaltene Fassung endgültig zerstört.

Michael schaut mich fragend an. „Keine Unterhose“ stammele ich. Er versteht, nimmt mich wieder in den Arm und sagt: „Nur ruhig. Ich hole dir Unterhosen.“

Nach einer halben Stunde ist er wieder da. Mit einer Sechserpackung Unterhosen. Komische Billigunterhosen, die für alte Frauen gemacht wurden. Aber für jetzt sind sie genau richtig. Sie halten mein Gemüt zusammen. Ich bin Michael unendlich dankbar, dass er das trotz Schocks und langer Reise versteht.

Am Abend kommt Christina, Michaels Schwester. Sie sieht blass aus, traut sich fast nicht ins Zimmer. Sie gibt Michael den Schlüssel zu ihrer Wohnung. Es ist ein Glück, dass sie sich vor einem Jahr für Innsbruck und nicht für Wien als Studienort entschieden hat. Und dass jetzt Ferien sind. Michael kann in ihrer Wohnung übernachten, muss sich kein Hotel suchen. Christina bleibt nicht lang. Sie wirkt so hilflos wie wir. Warum sollte das auch anders sein? Im Augenblick gibt es auch nicht viel zu sagen. Wir können nicht viel erzählen und jede Frage könnte bei allen Beteiligten an einer mühsam aufrechterhaltenen Fassade kratzen und sie zerbröckeln.

Wieder mit Michael allein, reden auch wir nur wenig. Von der Zukunft haben wir keine Vorstellung. Falsche Ängste heraufzubeschwören, bevor wir etwas Konkretes über die Krankheit wissen, wäre auch sinnlos. Wir wissen, dass wir jetzt für einander da sind, dafür brauchen wir keine Worte.

*

Schon wieder liege ich nachts wach und beobachte Katharina. Sie schläft zusammengekauert. So wirkt sie kleiner, als hätte die Krankheit sie bereits geschrumpft. Oder ich sehe sie mit anderen Augen, hilfloser und hilfsbedürftiger, seit sie krank ist. Und dann ist da noch der Infusionsschlauch. Jedes Mal, wenn Katharina sich bewegt im Schlaf, rücke ich ihn zurecht, damit sie sich nicht verwickelt, ihn ausreißt und anfängt zu bluten. Das ist höchstwahrscheinlich nicht erforderlich, sie ist ja nicht das erste Kind, das in der Nacht eine Infusion braucht, ich mache es aber, damit ich mich besser fühle, weil ich eine Aufgabe habe, und um meiner Schlaflosigkeit Sinn und Inhalt zu geben.

Jeden Abend, wenn Katharina eingeschlafen ist, und ich es endgültig aufgegeben habe, in mein Buch zu starren, beginnen die Ereignisse des Tages in meinen Gedanken zu kreisen wie in einem Kaleidoskop. Zuerst passieren die Ereignisse des heutigen Tages Revue, dann die Ereignisse der vergangenen Tage und dann versucht die elende Mühle der Gedankenwelt jene Ereignisse zu sortieren und in die Zukunft zu transponieren. Natürlich schafft sie es nicht und wird damit zum Ausgangspunkt und Angelpunkt der Schlaflosigkeit.

Es hat keinen Sinn, das Buch - Ghost Train to the Eastern Star von Paul Theroux - wieder zur Hand zu nehmen, die Buchstaben würden vor meinen Augen verschwimmen. Das Buch, die Beschreibung einer Reise durch Asien, ist mir außerdem schal geworden. Zu Hause hatte ich es noch als einen der schönsten Reiseberichte, die ich je gelesen hatte, empfunden. Hier im Krankenhaus fällt mir immer stärker auf, wie jämmerlich der Autor über sein - zu seiner eigenen Erbauung oder seinen eigenen Ruhm selbst gewähltes - Schicksal greint, wie sehr er Leute, denen er begegnet, von einem Podest westlicher Überheblichkeit behandelt. Ich versuche mir zu überlegen, ob mein Blick durch die Katastrophe von Katharinas Krankheit auf das Wesentliche fokussiert wurde und ich eitles Geschwätz aus der Schale der schönen Worthülsen nun erst richtig herauszulösen vermag, ob der Autor bei der Hälfte seiner Reise genug hatte, sich ärgerte, dieses Projekt überhaupt begonnen zu haben oder ob er sich allen Ernstes immer überlegener fühlte, je weiter nach Osten er reiste.

Diese Gedanken füllen eine knappe Viertelstunde meiner Schlaflosigkeit, dann dreht sich wieder alles in meinem Kopf. Die Sinnlosigkeit, die Beweggründe eines alternden, selbstverliebten Reiseschriftstellers zu ergründen, wird mir schmerzlich bewusst. Wer bin ich, so zu urteilen? Warum beschäftigen mich diese Fragen überhaupt in meiner Situation, kann oder darf ich Kräfte auf solche Gedanken verschwenden? Diese Fragen gehen über in die schon bekannten, bereits vor Stunden gewälzten Fragen nach der Zukunft, der Gegenwart und dem Schicksal, das gerade meine kleine Tochter treffen muss. Der Versuch, banale Fragen über ein Buch zu beantworten, ist eine Zerstreuung die mir willkommen wäre, würde mich nicht das schlechte Gewissen drücken, dass ich schlafen sollte, um den nächsten Tag besser bewältigen zu können. Die anderen Fragen, die über das Weitergehen, lohnen sich auch nicht zu ergründen, da zu viele Unbekannte die Zukunft nicht berechenbar machen. Jede Antwort, die ich geben könnte, wäre banal und ohne Bedeutung. Trotzdem drängen und drücken diese Fragen in der Nacht und anstatt sie zu analysieren, oder noch besser, sie auszublenden, stelle ich sie mir wieder und immer wieder, bis ich das Gefühl habe, mein Gehirn ist ausgetrocknet wie es meine Kehle gewesen wäre, hätte ich die Fragen die ganze Zeit laut herausgeschrien. Nach dieser Ausdörrung schlafe ich erschöpft und seicht für eine halbe Stunde.

Katharina weckt mich, sie muss auf den Topf. Wegen der intravenösen Bewässerung muss sie jede Nacht dreimal. Ich gehe um das Bett herum, durch das Fenster in der Tür scheint genug Licht, damit ich mich auch schlaftrunken zurechtfinde. Ich hebe Katharina vorsichtig aus dem Bett, ziehe ihr die Hose herunter, setze sie auf den Topf und warte bis sie fertig ist. Dann lege ich sie wieder in ihr Bett, im Halbschlaf fragt sie wieder, „Bleibst du da, Mama?“

„Ja natürlich“, sage ich, obwohl ich gerade mit dem Töpfchen zur Tür hinaus gehe, ich muss nur einen neuen Topf holen, „ich komme gleich.“

Besorgt, ob ich wohl wirklich gleich wiederkommen werde, sagt sie noch: „Aber einen roten, Mama“, und schläft ein.

Ich gehe über den Gang zur Topfspüle und stelle das volle Töpfchen auf die Serviette, auf der „Katharina“ steht. Die Pflegerin wird das Pipi genau abmessen und überprüfen, ob die Bilanz stimmt. Einfuhr und Ausfuhr nennt man das hier. Mir schaudert unwillkürlich, wenn ich an diese unpersönlichen, mechanistischen Begriffe denke. Ein sauberer roter Topf steht im Regal. Gut, denke ich.

Im Zimmer lege ich mich leise ins Bett. Im Halbschlaf streckt mir Katharina die Hand hin, ich nehme sie und spüre nach wenigen Minuten, wie sie schlaff wird und Katharina schläft. Der vorhin so hart erarbeitete Schlaf will nun nicht so ohne weiteres zurückkommen. Die Gedanken beginnen wieder zu kreisen, diesmal nicht unpersönlich über einen alternden, selbstverliebten Reiseschriftsteller, sondern wieder über die zu lösenden Unsicherheiten zu unserer Heimkehr. Wie werden sich Anna und Lukas verhalten? Wie muss ich mich ihnen gegenüber verhalten, damit sie nicht auch noch Schaden erleiden? Werden sie akzeptieren können, was von ihnen verlangt werden wird? Am Nachmittag habe ich die Krankenhausbroschüre zum Thema krebskranke Kinder und deren Geschwisterkinder gelesen. So viel Normalität wie möglich, stand dort, soll aufrechterhalten werden. Aber wie ist das zu schaffen, wenn nichts im Leben mehr normal ist, wenn jeder Aspekt des normalen Lebens vollständig umgekrempelt wird? Wäre die Aufrechterhaltung der Normalität unter diesen Umständen nicht gleichbedeutend damit, so zu tun, als wäre nichts gewesen? Und was ist Normalität normalerweise? Das Geschrei wenn die Kinder sich streiten und versuchen einander zu boxen, oder die Idylle, die man sich mit ihnen vorstellt in einer idealen Welt? In jedem Fall wird Normalität nun viel ruhiger und kontrollierter sein müssen als sie es je zuvor war, so als ob wir statt drei Kindern, bei denen wir versuchen, sie möglichst unbeschwert aufwachsen zu lassen, nun zwei Kinder und ein rohes Ei hätten, das wir überwachen und behüten müssen. Oder möglicherweise drei rohe Eier. Plötzlich kann man sie nicht einfach nach Gutdünken betreuen, sondern muss über jede Handlung, jede Geste, jedes Wort nachdenken. Ab jetzt könnten sie mit jeder falschen Entscheidung Schaden nehmen, Katharinas Leben könnte dadurch bedroht, bei den beiden anderen könnte die seelische Entwicklung gestört werden. So eine immense Verantwortung wird uns einfach unvorbereitet und ohne Vorwarnung zugeschoben, niemand fragt, ob wir so eine Verantwortung tragen können, wir müssen sie einfach aufladen, ungeachtet dessen, ob sie viel zu schwer ist oder gerade noch zu meistern, und wir dürfen sie nicht mehr abgeben, bis alles ausgestanden ist, bis Katharina gesund ist. Das lässt mich erst recht nicht einschlafen, aber irgendwann beginnt der Tag zu grauen und später, viel später, wird Katharina unruhig und wacht auf und noch viel später können wir endlich, endlich in die Küche gehen, weil wir den Frühstückswagen vorbeiklappern hören, ich weil ich mir meinen Morgentee holen will, Katharina, nicht weil sie Appetit hat, sondern weil sie morgens noch einen Funken Energie übrig hat und nachschauen will, was in der Küche los ist.

Nach dem Frühstück kommt Michael mit einem Kaffee für mich. Die Visite war gerade da, ein junger Turnusarzt hat das Blut abgenommen. Bisher hat uns noch niemand die Blutwerte übermittelt. Wir wissen eigentlich gar nicht, was los ist, welche Werte gemessen werden, welche Werte unter diesen Umständen normal sind und welche besorgniserregend. Wahrscheinlich hätten wir fragen können, aber die Ärzte haben hier nicht viel Zeit, und die Unwissenheit erscheint manchmal beruhigender als die Auseinandersetzung mit der Krankheit, als könnte man das Gesundwerden den Ärzten überlassen.

Die Oberärztin betritt das Zimmer. Sie fragt, ob wir Zeit hätten für ein Gespräch und ob eine Krankenpflegerin währenddessen auf Katharina aufpassen soll. Katharina beginnt sofort zu wimmern: „Bleibst du bei mir, Mama?“

Keinesfalls möchte ich dieses Gespräch versäumen und Michael alleine mit der Ärztin reden lassen. Ich muss zuhören, ich muss es selbst hören, es reicht nicht, wenn es mir nacherzählt wird. Ich kann aber Katharina nicht allein lassen. Ich habe es versprochen. Dann müssen wir das Gespräch eben in ihrem Beisein führen. Michael schaut mich skeptisch an, aber die Ärztin kommt mir zu Hilfe: „Es betrifft Katharina auch, es ist in Ordnung, wenn sie zuhört.“

Die Ärztin beginnt von der Therapie zu erzählen. Sie zeigt uns einen Plan, nach dem vorgegangen wird. Zwei Wochen müssen wir in Innsbruck bleiben. Der erste Chemotherapie-Block dauert 64 Tage. 40 Tage lang muss Katharina Cortison nehmen. Das Cortison macht sie bereits jetzt nach wenigen Tagen schlapp, lustlos und elend. Wie wird das weitergehen? Nach acht Tagen beginnt die eigentliche Chemotherapie. Die ersten drei Gaben werden in der Innsbrucker Klinik verabreicht. Die folgenden Gaben bekommt sie alle zwei oder drei Tage in Dornbirn, bis das Cortison abgesetzt wird, danach fast jeden Tag. Das kann aber alles ambulant erfolgen. Bei vielen Kindern funktioniert das ganz gut, sagt die Ärztin. Was ist mit den anderen?, denke ich, frage es aber nicht laut. Im ersten Block muss Katharina viermal eine Rückenmarkpunktion über sich ergehen lassen. Nach den ersten 40 Tagen wird viermal die Woche nur eine Spritze verabreicht, das dauert nur fünf Minuten. Dann ist Pause. Zwei Wochen lang.

Wenn sie sich erholt hat, beginnt der zweite Block, den beschreibt die Ärztin nicht so genau, damit werden wir uns später beschäftigen, und dann noch der letzte Block, der ist ganz ähnlich wie der erste. „Die Krankenpflegerin wird Ihnen noch Pflegehinweise geben und die Ratgeber, oder haben Sie die schon?“

Die haben wir schon. Das Gespräch ist zu Ende, die Ärztin muss weiter, wir haben eine Menge zu verdauen und starren auf das Blatt mit dem Plan. Er sieht gar nicht so bedrohlich aus, der Plan. Er ist ja nur eine Computerpapierseite mit einigen Balken, schön übersichtlich, eine Rückenmarkpunktion ist nur ein kleiner Kringel, eine Chemotherapie nur ein Kästchen, die kleinen Spritzen am Ende des ersten Blocks, des Protokoll 1, sind nur dünne Striche. Der Plan ist gut. Alles, was wir zu tun haben, ist, den Plan Punkt für Punkt abzuarbeiten, am Ende des Plans, oder vielmehr am Ende dieses Plans und der nächsten beiden Pläne wird Katharina gesund sein. Es ist eigentlich ganz einfach und klar und nimmt die Last der Verantwortung von uns.

Kurz nachdem die Ärztin das Zimmer verlassen hat, klopft der Psychologe. Er möchte einen Termin mit mir ausmachen. Er wirkt recht sympathisch. Auch vertrauenserweckend. Vielleicht hilft er mir weiter. Ich sage ihm, dass ich gleich mitkommen könnte, solange Michael auf Katharina aufpasst.

Wir gehen in sein Büro. Es ist ein heller, freundlicher Raum mit dem gleichen Ausblick wie unser Zimmer. Der Schreibtisch steht am Fenster. In einer Ecke sind Stühle und ein Tisch arrangiert, in der anderen liegen Sitzkissen und Stoffpuppen. Im Regal sind Fach- und Kinderbücher aufgestapelt.

Ich setze mich auf einen der Stühle. Merkwürdigerweise bin ich aufgeregt, als ob das Gespräch die Angst lösen könnte. Ich weiß aber nicht, was ich sagen soll, ich war noch nie beim Psychologen. Komisch ist das schon. Vielleicht muss man das Richtige sagen, wie soll der Mann denn sonst wissen, wo er helfen muss? Wahrscheinlich sind manche Eltern angstvoller und andere verzweifelter, manche verschließen sich und andere werden aggressiv oder verstecken sich hinter einer Fassade von Normalität. Wird er mir helfen können? Wenigstens, dass ich wieder schlafen kann in der Nacht?

In angespannter Erwartung starre ich ihn an und sage nichts, weil mir kein Anfang einfällt. Jetzt setzt er sich auch, mit einem Stapel Zettel in der Hand. Mechanisch stellt er mir Fragen zu Namen, Geburtsdatum, Wohnort. Das weiß er doch schon alles, das muss doch in der Krankengeschichte oder der Krankenhausanmeldung stehen. Wie soll mir das weiterhelfen? Es folgen Fragen zu Katharinas Geburt, ihren Kinderkrankheiten, ihrer Entwicklung. Alle sind so unpersönlich gestellt, als ob ich ihm egal wäre. Ist es nicht die Aufgabe eines Psychologen, seinen Klienten wenigstens vorzugaukeln, dass er sich für sie interessiert? Vielleicht bei einer Gratisberatung im Krankenhaus nicht?

Trotz der sonderbar sterilen Behandlung steigt meine Aufregung. Sicher wird er bald nach meinen Ängsten und meiner Schlaflosigkeit fragen, mir sagen, wie viele Menschen in dieser Situation Ähnliches durchmachen, und mir dann eine Entspannungsmethode verraten oder ein paar Worte sagen, die dann unser Leben nicht so bedrohlich aussehen lassen.

Zuerst fragt er aber nach meinem Beruf und nach dem meines Mannes, nach unserem Einkommen und ob wir den Beruf gerne ausüben.

„Wie entspannen Sie und Ihr Mann sich, wie finden Sie Ausflucht aus dem Alltag?“

Das ist die erste Frage, die in die Richtung geht, die ich mir eigentlich vorgestellt habe.

Ich hole Atem und beginne mit: „Bisher waren kleine Reisen, ohne Kinder, übers Wochenende oder auch mal drei, vier Tage die schönste Ausflucht für mich“, ich merke, dass das jetzt so aussieht, als würde ich nicht gerne mit meinen Kindern etwas gemeinsam unternehmen und füge hinzu: „Mit den Kindern auch, ich liebe meine Kinder, aber nur zu zweit…“, es klingt lahm und wie ein Klischee. Er wird denken, ich bin ein schlechter Mensch und nicht geeignet, auf ein krebskrankes Kind achtzugeben.

„Das ist schon in Ordnung, jeder braucht seinen Freiraum“, sagt der Psychologe. Das hört sich auch wie ein Klischee an, halbherzig dahergemurmelt, als würde ihn das ohnehin nichts angehen. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Mein Kind ist gerade erkrankt und ich erzähle einem fremden Menschen, dass es schon zu den besten Zeiten für mich das Schönste war, möglichst weit weg von meinen Kindern zu sein. Gleichzeitig fällt mir erst jetzt auf, dass diese kleinen Urlaube auf unabsehbare Zeit nicht mehr möglich sein werden. Gerade wo ich vielleicht eine Auszeit am nötigsten brauchen werde. Oder werde ich das gar nicht? Werde ich, wie in den vergangenen Tagen, nicht einmal das Bedürfnis haben, auch nur für fünf Minuten vor das Krankenhaus zu gehen, um alleine durchzuatmen? Ich weiß es nicht. Wieder eine neue Ungewissheit, die ich auf den Berg von Ungewissheiten werfe, der sich angesammelt hat, seit wir mit Katharina im Krankenhaus sind. Diese kleine Ungewissheit verschwindet gleich wieder, es bleibt der Berg, der mich mulmig macht.

Ich möchte dem Psychologen von diesem Berg erzählen und wie unangenehm und beängstigend es ist, wenn stündlich neue Fragen auftauchen, und niemals befriedigende Antworten. Wenn das ganze Leben zur Spekulation wird. Wenn das Wort „Krebs“ immer untrennbar mit dem Wort „Tod“ verbunden war, und ich mich nur langsam daran gewöhnen kann, dass das in diesem Fall nicht so ist, nicht so sein darf. Aber auch das weiß ich nicht mit Sicherheit. In jedem Fall habe ich mir „Krebs“ anders vorgestellt, nicht als kleines verängstigtes Kind, eher wenn ich alt bin oder meine Mutter oder - nein - eigentlich habe ich es mir vorgestellt bei Menschen, die ich nicht kenne, mit denen ich nichts zu tun habe. Krebs betrifft mich nicht, sagte irgendetwas in meinem Hinterkopf, nicht laut, aber so, dass es mir einfach klar war. Und das obwohl ich rauchte, bis ich mit Anna schwanger wurde. Auf jedem Zigarettenpaket stand „Rauchen verursacht Krebs“ und „Rauchen kann tödlich sein“. Jedes Mal, wenn ich mir eine Zigarette aus dem Paket genommen habe, dachte ich „Krebs kann tödlich sein“, ich dachte nicht „Das kann mir passieren.“ Ich war jung und Krebs war für alte Leute. Bis ich in das Alter käme, in dem Gedanken an Krebs mich tatsächlich betreffen würden, hätte ich schon längst zu rauchen aufgehört.

Krebs, das hatten andere, schlimm war das, aber mich tangierte das nicht und es tat mir nicht weh. Sicher hatte ich Empathie mit Menschen, die langsam an Krebs starben, aber nur so, wie man das eben hat, wenn man niemanden im persönlichen Umfeld kennt, der einem vor Augen führen kann, wie das tatsächlich ist, das Leiden, die Schmerzen, die Angst.

Und jetzt soll das anders sein? Wenn es mich wenigstens alleine betreffen würde, aber mein Kind?

„So das hätten wir, danke schön“, reißt mich die Stimme des Psychologen aus den Gedanken. Er legt die Papiere weg und sieht mich aufmunternd an.

Habe ich etwas Falsches gesagt? Kann einem selbstsüchtigen Menschen wie mir nicht spontan geholfen werden? „Muss man da nicht mehr machen?“ sage ich und komme mir bescheuert vor.

„Ich habe nur für die Studie Daten von Ihnen gebraucht. Wollten Sie noch etwas wissen von mir?“

Nur für die Studie. Ich weiß auch nicht, warum ich annahm, dass dieser Mensch einfach so ein Bedürfnis haben sollte, mir zu helfen. Vielleicht, denke ich, ist dies eine Art Standardprozedur, zuerst medizinische Aufklärung und dann psychologische Abklärung. Jetzt weiß ich auch nicht, was ich zu ihm sagen soll: „Nein, nein, auf Wiedersehen“ sage ich nur im Hinausgehen.