Entlassung aus der Lüge - Armin Thun - E-Book

Entlassung aus der Lüge E-Book

Armin Thun

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Beschreibung

Dies ist die Analyse der abgrundtiefen, alle Bereiche des Lebens durchziehenden Verlogenheit des DDR-Regimes. Ausgangspunkt ist das alle Diktaturen kennzeichnende Phänomen der geistigen Manipulation. Da die Manipulation in der DDR durch die nicht mögliche Abschottung gegen westliche Einflüsse leicht durchschaubar war, ergriffen breite Teile der Bevölkerung die Flucht nach innen, indem sie den ideologischen Erfolg der Manipulation vortäuschten: Man hatte zwei Meinungen - eine öffentliche und eine private. Angesichts der durch Grenzanlagen mit Todesstreifen und Minengürtel immer unmöglicher werdenden tatsächlichen Flucht war dies der Ausweg in einen - wenn auch sehr begrenzten - Freiraum. In ihm aber war das ständige Vortäuschen des Erfolgs staatlicher Einflussnahmen in Form unausgesetzten Lügens notwendig. Erstaunlicherweise wurde der vorgetäuschte Erfolg von den staatlichen Organen und deren Vasallen trotz der immer offensichtlicher werdenden Verlogenheit zunehmend als hinreichend akzeptiert. Den Unterworfenen war diese Genügsamkeit wiederum völlig bewusst - es wurde ihnen ja sogar signalisiert, dass das Scheinbare genügte! So nahm das gesamte Leben in der DDR zunehmend den Charakter des Scheinbaren an. Die Verlogenheit erfasste alle Bereiche der Gesellschaft und führte zu einer unerträglichen Absurdität. Aus dieser zu entkommen, blieb nun doch nur die physische Flucht, die der Staat aber umso sicherer und brutaler verhinderte, wie das Maß der Verlogenheit umfassender und offensichtlicher wurde. In erster Linie auf Grund der wirtschaftlich desolaten Situation begann das Regime, Ausreisen zu ermöglichen. Damit wurde der Druck zur Flucht umgeleitet in ein scheinbar legales, lawinenhaftes Ausreisegeschehen, ohne dass dies die Absicht der Herrschenden gewesen wäre. Mit diesem Exodus und mit seiner Wirkung auf die Bleibenden wurde in den 1980er Jahren das Ende des DDR-Regimes eingeleitet.

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Meinem Vater, der mich stets selbst nach Wahrheit suchen ließ

Inhaltsverzeichnis

Vorwort 2019

Vorwort 1989

Einleitung

Der sozialistische Erziehungsanspruch

Erziehung oder Manipulation

1.1 Bildung und Erziehung

1.2 Der Erziehungsanspruch

1.3 Manipulation

1.4 Pseudomanipulation

In den Vorschuleinrichtungen

2.1 Grundsatzfragen

2.2 Die Krippe

2.3 Der Kindergarten

An den Schulen

3.1 Oberschule und Bildungsmonopol

3.2 Lehrer und Unterricht

3.3 Die Pionierorganisation

3.4 Die Freie Deutsche Jugend

An den Hochschulen

4.1 Hauptfach Marxismus-Leninismus

4.2 Hochschule und Militär

Im beruflichen Alltag

5.1 Gesellschaftliche Funktionen

5.2 Militärisches im Beruf

Resümee I

Die sozialistische Scheinwelt

Bekenntnisrituale

1.1 Erster Mai

1.2 Wahlsonntag

Die Falschheit der Repräsentation

2.1 Die sichtbare Spitze

2.2 Sport

2.3 Musik

Die saubere Industrienation

3.1 Tatsachen

3.2 Beginnender Widerstand

Arbeit und Beruf

Militaristischer Frieden

5.1 Vollständige Durchdringung

5.2 Offiziere

5.3 Wehrpflicht

Sozialistische Menschenrechte

6.1 Recht und Freiheit

6.2 Die Menschenrechte im Detail

Das sozialistische Christentum

7.1 Atheismus und Christentum

7.2 Jugendweihe und Konfirmation

7.3 Kirche im Sozialismus

7.4 Sozialismus als Religion

Der sozialistische Alltag

8.1 Lebenszeit

8.2 Klassengesellschaft

8.3 Urlaubszeit

Resümee II

Epilog Herbst 1989 − Entlassung aus der Lüge

Präambel der Erklärung der Menschenrechte von 1948

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Personenverzeichnis

Vorwort 2019

Vor 30 Jahren war das Interesse an dem, was sich gerade erst in der DDR zugetragen hatte, im Westen Deutschlands, den ich im August 1989 erreichte, erschreckend gering. Die deutsche Wiedervereinigung, die eigentlich ein Anlass gewesen sein müsste, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, bewirkte das Gegenteil. Das Manuskript verschwand im vielzitierten „Schubfach“.

Die aktuellen Ereignisse in Deutschland veranlassen mich, einen neuen Versuch zu wagen. Als Zielgruppen sehe ich folgende, ohne jedoch mit dieser Aufzählung irgendjemanden ausschließen zu wollen oder der Reihenfolge der Aufzählung eine Bedeutung zuzumessen.

Erstens denke ich an jene nun schon etwas älteren Menschen, die die Entwicklung in den letzten Jahren der DDR bewusst miterlebt hatten. Ich selbst war beim erneuten Lesen des Manuskriptes erstaunt über die beschriebenen Sachverhalte im zweiten Teil. Wie schnell wird vergessen! Fast will man es nicht glauben − sollte es wirklich so gewesen sein? Jeder, der bewusst und kritisch in der DDR gelebt hat in dieser Zeit, der also bereit war, die Dinge auch zu sehen, die sich um ihn herum abspielten und die mit ihm geschahen, wird erkennen: Nichts von dem, was im vorliegenden Buch beschrieben wird, ist übertrieben oder unwahr. Genau so unfassbar, wie es sich heute liest, ist es damals gewesen. Nichts ist übertrieben, und eigentlich möchte ich sagen: Übertreibungen sind gar nicht möglich, so abgrundtief war der Sumpf.

Die zweite Gruppe mögen jene sein, die „keine Ahnung haben, wie das damals im Osten war“, sich aber dafür interessieren. Mir sind „im Westen“ immer wieder Menschen begegnet, die sich entweder keine Vorstellung machen konnten, weil sie einfach nichts wussten, oder aber völlig falsche Vorstellungen hatten, weil sie falsch informiert waren. Darunter waren Menschen jeden Alters, vor allem aber Jüngere.

Drittens hoffe ich auf das Interesse jener, die für das, was sich heute in vielen Ländern der Welt formiert – auch in Deutschland gibt es wieder Ansätze dazu – ein allgemeingültiges Muster suchen. Der Philosoph Isaiah Berlin sagte:

Verstehen heißt, Muster zu erkennen.

Wer diesen Satz gut findet, ist eingeladen, sich das Vorliegende zuzumuten. Obwohl heute „alles ganz anders ist“, ist es doch zum wiederholten Mal alles nichts Neues. Darum muss es jetzt heißen, wachsam zu sein. Dazu darf George Santayana zitiert werden:

Jene, die sich nicht erinnern können, sind dazu verdammt, die Vergangenheit zu wiederholen.

Das Geschichtliche der DDR liegt in der Vergangenheit. Es kann in seiner Spezifik heute noch bedeutsam sein für Menschen, die selbst betroffen waren oder die sich einfach nur dafür interessieren, wie es damals war, aber in seinem Muster hat es Bedeutung für die Gegenwart − und für jeden.

Es mag leider noch immer weit hergeholt erscheinen, das Thema Erziehung mit der gesellschaftlichen Situation in der DDR zu verbinden. Das liegt daran, dass Erziehung bis heute nichts an Ehrenhaftigkeit verloren hat, dass immer noch der alte Ungeist herrscht, den eine Gruppe von Menschen in den 1980er Jahren aufzuklären versuchte. Die Überlegungen hierüber gehören nicht ins Schubfach der Nebensächlichkeiten. Sie sind hochaktuell, ausgesprochen wichtig, und die Auseinandersetzung mit ihr gehört auf die Tagesordnung der Gegenwart. Zum einen liegen hier die Antworten auf drängende Fragen im Sinne der oben erwähnten Muster, zum anderen zeigt die Gegenwart in erschreckender Form, wie die beschriebenen Prozesse erneut in Gang geraten, wie sich erneut geistige Unfreiheit ausbreitet.

Deshalb soll die vierte Zielgruppe nicht vergessen werden genannt zu sein: Ich sehe sie in all jenen, die denken wollen.

Einem Missverständnis möchte ich noch an dieser Stelle vorbeugen: Trotz der Kritik, die das Bildungswesen er DDR in diesem Buch erfährt, muss ich nach 30 Jahren „West-Erfahrung“ feststellen: Natürlich machte die ideologische Indoktrination es unerträglich. Aber die Solidität des Gelehrten findet sich im neuen Deutschland nicht. Und wenn dies das einzige Lob ist, das auszusprechen ist: Die DDR hätte in Pisa besser abgeschnitten als das bundesdeutsche Bildungswesen. Aber das ahnte ich vor 30 Jahren noch nicht. So erscheint mir die Leistung der Lehrer von damals heute umso größer angesichts der politischen Verseuchung, mit der sie zurechtkommen mussten. Ihnen gilt also auch mein Dank.

Wenn die Frage aufkommen sollte, warum in der Abfolge der Stationen im Leben ein Kapitel über die Ausbildung an Berufsschulen fehlt, so sei gesagt, dass hier dieselben Schemata vorlagen wie anderswo. Meine persönliche Biografie enthält diese Station nicht. Ihre Details wären das Einzige gewesen, was nicht aus erster Hand hätte kommen können.

Weiterhin möchte ich vor einem Irrtum warnen. Im Westen klingt es nicht selten an, dass die Menschen der DDR sich ihr Schicksal selbst bereitet hätten. Dies ist ein böser und falscher Gedanke. Die innerdeutsche Grenze als Folge der Besatzung durch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs richtete sich nicht nach einem Menschentypus – welch abstruse Idee! Maßgeblich für die Entwicklungen in der DDR war ausschließlich die Installation der Diktatur. Deshalb muss die Geschichte uns lehren, jeden Ansatz der Schaffung einer Diktatur zu verhindern. Der Grundstein von Diktaturen wird mit der Unfreiheit des Denkens gelegt. Diese Unfreiheit greift bereits wieder in erschreckendem Maße um sich. Und die Gegenwart zeigt, dass ein gutes Grundgesetz allein nicht hinreichende Sicherheit bietet.

In der vorliegenden Fassung habe ich im ersten Teil Namen abgekürzt, im Kapitel 7 des 2. Teils einige Namen ganz entfernt. Die tatsächlichen Personen sind für die Darstellung der Hintergründe, denen Diktaturen der Nährboden sind, nicht maßgeblich, und es geht mir nicht darum, sie anzuklagen.

Schon gar nicht sollen im Übrigen jene angeklagt werden – dies sei ausdrücklich betont –, die den schwerwiegenden Gründen, die DDR nicht zu verlassen, den Vorzug gaben und ausharrten.

Um die Aktualität der Themen auf allgemeiner Ebene zu unterstützen und den Eindruck des Antiquierten zu vermeiden, dessen Entstehen nicht gerechtfertigt wäre, wurde der Text der neuen Rechtschreibung angepasst (Zitate ausgenommen). Diese Anpassung erfolgte aber nicht, wenn bei konsequentem „Neusprech“ der Verarmung der Sprache durch die Rechtschreibreform Vorschub geleistet worden wäre.

Vorwort 1989

Dieses Buch wurde in der DDR geschrieben, als das alte kommunistische Regime die Macht noch fest in den Händen hielt. Als die beiden Hauptabschnitte fertig und in den Westen gelangt waren, brach das Regime zusammen.

Trotzdem soll die Gegenwartsform der Darstellungen beibehalten werden. Denn zum einen dürfte es noch zu früh sein, um einschränkungslos in der Vergangenheitsform zu sprechen, auch wenn mit dem Verzicht der ehemaligen Staatspartei auf ihren Führungsanspruch der Nährboden für all das Übel entzogen worden ist, das in diesem Staat entstand. Die Anwendung der Vergangenheitsform wird erst dann berechtigt sein, wenn sich die revolutionären Turbulenzen gelegt haben werden und das Leben wieder in geordneten Bahnen fließt. Erst dann wird die nötige Distanz entstanden sein, aus der die alte DDR als ein Ereignis der Geschichte erscheint.

Doch auch die Schilderung historischer Ereignisse kann sich der Gegenwartsform bedienen, wenn es darum geht, die Ereignisse besonders nahe zu bringen. Im Übrigen beziehen sich nicht alle Einzelheiten auf die letzten fünf Jahre des DDR-Regimes. Die dargestellten Umstände und Zusammenhänge sollen ja in ihrer Wirkung auf die Generation betrachtet werden, die den Exodus der 80er Jahre im Wesentlichen bestimmt. Insofern gehören schon 1980 gewisse Dinge der Vergangenheit an, ohne dass man aber ihre bleibende Wirkung auf die Menschen übersehen dürfte.

Vor allem aber ist zum Zweiten die zeitliche Nähe dadurch gerechtfertigt, als ein gewisser Teil des Dargestellten ein von der DDR ganz unabhängig existierendes Phänomen betrifft. Am Wesen des DDR-Regimes kann sich dieses lediglich ein weiteres Mal in der Geschichte auf gesellschaftlicher Ebene entfalten. Es soll hier ein wesentlicher Aspekt des Unbehagens in der Gesellschaft der DDR ergründet werden, der einen nicht geringen Anteil am Zustandekommen des Exodus haben dürfte.

Wer das Leben des DDR-Alltags aus eigener Erfahrung kennt, weiß, wie dieses Unbehagen das Leben in ihm sättigt. Obwohl das Unbehagen und die wirtschaftliche Misere die Gespräche der Menschen untereinander beherrschen, wird aber nur höchst selten das wahre Ausmaß jener Verkrüppelung und Perversität erkannt, die das gesellschaftliche Leben in der DDR kennzeichnen.

Der Erkenntnisprozess setzt erst mit den Umwälzungen 1989 ein.

Doch das besagte Phänomen bleibt abermals von ihm ausgespart. Und das, obwohl in ihm die Möglichkeit liegt zu erkennen, was die Erscheinungen des Stalinismus und des Faschismus zu nicht mehr als zu Spielarten ein und derselben Erscheinung macht, die sich lediglich in ihrer Dekoration unterscheiden. In ihm liegt darüber hinaus die Möglichkeit, überall und in den frühesten Anfängen die Wurzeln neu entstehenden Faschismus, Stalinismus − oder wie auch immer − zu erkennen.

Das erneute Übersehen des Phänomens im Erkenntnisprozess ist nicht verwunderlich. Denn seine Struktur ist nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene zu finden. Sie beherrscht vielmehr alle zwischenmenschlichen Beziehungen und − sie führt auf jeder Ebene ins Leid und nicht selten ins Verderben.

Das Gesicht der Welt ist von dieser Struktur gekennzeichnet. Das Betroffensein des Einzelnen aber sorgt dafür, dass die Struktur verborgen bleibt, weil ihr Erkennen nur mit der Aufgabe einer individuellen Scheinwelt einhergehen kann, aus der sich der Einzelne aber weder befreien will noch dies in der Regel auch kann.

Es handelt sich um nichts anderes als um das Gesicht der Unfreiheit. Das mag zunächst banal klingen. Gemeint aber ist Unfreiheit auf einer Ebene, auf der man sie fast nie als Gegenstand der Betrachtung zu empfinden pflegt. Freiheit kann nur beginnen als Freiheit von geistiger Bevormundung, und zwar völlig gleichgültig, in welchem Sinn die Bevormundung erfolgen soll.

Geistige Bevormundung aber ist etwas derart Alltägliches, und die Beziehungen der Menschen untereinander sind so auf ihren Vollzug eingerichtet, dass es zurzeit noch wenig Hoffnung gibt, diese Strukturen zu ändern.

Auch in der DDR ändern sie sich nicht. Sie sind nur nicht mehr der Inhalt des staatlichen Machtanspruchs. Mit der Aufgabe des Führungsanspruchs, des Anspruchs auf das Monopol der Macht also, verlieren die Strukturen jedoch ihr Substrat auf politischer Ebene.

In den vorliegenden Texten wird das Wort „DDR“ immer gebraucht als Synonym für den Staat. Den Staat als das „Machtinstrument der herrschenden Klasse“ zu verstehen (Marx), ist ohne Zugeständnis an den Marxismus wohl möglich, wobei die „Klasse“ fraglos durch die „Clique“ zu ersetzen ist. Und diese ist es, deren Willen mit dem Wort „DDR“ angesprochen sein soll.

Sicherlich ist vor allem die erste Identifikation der „DDR“ mit „dem Staat“ nicht ganz exakt. Das Wesen der Gemeinschaft, die auf dem Boden der sowjetischen Besatzungszone entstanden ist, hat einen speziellen Charakter entwickelt, der auch nach dem Machtverlust der SED 1989 nicht verlorengeht. Auch in diesem Wesen liegt „etwas DDR“. In den folgenden Texten muss also vom jeweiligen Sinn ausgegangen werden.

Einleitung

Anfang der 1980er Jahre setzte in der DDR eine Entwicklung ein, mit der ein Bedeutungswandel des Wortes „Antrag“ einherging. Sprach noch 1979 jemand von einem „Antrag“, so war es unumgänglich hinzuzufügen, was beantragt werden sollte. Spätestens seit dem Frühjahr 1984 verstand man in der DDR unter einem „Antrag“ schlechthin nur noch den „Antrag auf Übersiedlung“ oder den „Ausreiseantrag“. Die Zahl der Übersiedler erreichte damals ein Maximum. Täglich erreichten mehrere hundert ehemalige DDR-Bürger das Bundesgebiet Deutschlands. Das Aufnahmelager Gießen kam erstmalig in organisatorische Schwierigkeiten.

In den 70er Jahren und erst recht noch früher war die Tatsache, dass es überhaupt die Chance einer legalen Umsiedlung innerhalb Deutschlands von Ost nach West gibt, kaum bekannt. Die Fälle, in denen sie sich vollzog, waren Ausnahmen und zumeist mit langen Wartezeiten verbunden. Eine Frau wartete nach dem Tode ihres Mannes neun Jahre, ehe man sie endlich mit ihrem Sohn in den Westen zurückkehren ließ, aus dem sie einst kam, um in der DDR mit diesem Mann zu leben.

Doch mit Beginn der 1980er Jahre wurde das Ausreisen auf einmal publik. Dass auch die Gründe jemals publik werden, die den Staat veranlasst haben, dem Druck nachzugeben, ist zu bezweifeln. Der Staat handelt in dieser Angelegenheit geheimnisvoll und willkürlich. Immerhin aber kann man Mutmaßungen anstellen, nach denen mehrere Gründe in Erwägung gezogen werden können. In den betroffenen Bevölkerungskreisen werden sie in den sozialen Verhältnissen und in der innenpolitischen Situation gesehen, wie auch in dem, was für die DDR Außenpolitik ist bzw. was nur sie so bezeichnet − nämlich in den innerdeutschen Beziehungen.

Jedoch wären diese Gründe gegenstandslos, gäbe es nicht den besagten Druck in der Bevölkerung. Fragt man nach der Ursache dieses Druckes, findet man eine Antwort durch die Betrachtung der zeitlichen Verhältnisse.

Seit dem Mauerbau ab August 1961 sind etwa drei Jahrzehnte vergangen, in denen eine neue Generation heranwuchs. In der Statistik der Übersiedler überwiegt deutlich der Anteil eben dieser Altersklasse − jener Menschen also, die nach durchstandener Ausbildung eine Familie gegründet haben oder im Begriff sind, dies zu tun. In diesem Alter hat man einen gewissen ideologischen Reifeprozess hinter sich und hat sich eine ziemlich feste Meinung gebildet. Wie überall auf der Welt, so sind auch in den Köpfen der DDR-Menschen diese Meinungen sehr verschieden. Daran konnte und kann auch die unausgesetzte Propaganda in der DDR nichts ändern. Sie hat vielmehr selbst Anteil am Zustandekommen ihrer extremen Gegnerschaft.

Wer schon vor 1961 alt genug war, sich einen Standpunkt zu wählen, ging, sofern dieser mit der vom Staat eingeforderten Meinung nicht vereinbar war, über die Demarkationslinie in den Westen, wo die politischen Ansichten nicht das Hauptkriterium für soziales Vorankommen waren. Der Strom der damals schon als „Flüchtlinge“ bezeichneten war gewaltig und erfasste in besonderem Maße die intellektuelle Schicht der Bevölkerung, aber auch Handwerker, denen in der DDR die Grundlage zur privaten Wirtschaft entzogen worden war.

Natürlich gingen damals nicht alle, die „anders dachten“. Es gab etliche Gründe zu bleiben, die mit dem individuell sehr unterschiedlichen Vermögen und Wollen, ein Dogma zu ertragen, abzuwiegen waren: Verwurzelung in der Familie, materieller Besitz, Freunde, Heimatgefühl und nicht zuletzt die Hoffnung, dass schon „alles noch gut werden“ würde. Auch ahnte ja niemand, dass der Wahnwitz des Mauerbaus Wahrheit werden könnte. Als das aber 1961 klar wurde, stieg die Flüchtlingszahl noch einmal steil in die Höhe, um dann ebenfalls steil, aber nicht schlagartig, auf ein inzwischen längst wieder verlassenes Minimum zuzustreben, ohne dass dieses freilich jemals null wurde. Viele aber gaben nun den Gedanken des Fortgangs auf und begannen, sich im Leben des sozialistischen Deutschlands einzurichten, entschlossen, „das Beste daraus zu machen“.

Ihre Kinder wuchsen heran; der sozialistische Staat umgab sie mit seiner Erziehung. Nach zwanzig Jahren lag die Vorbereitung auf das Leben hinter dieser Generation. (Kindheit und Jugend tragen in der DDR prinzipiell den Charakter der Vorbereitung.) Das „eigentliche Leben“ lag nun vor ihr.

Dieser Augenblick ist wie das Erwachen aus einem schönen Traum. Mit diesem Traum ist nicht die Kindheit an sich gemeint, doch wie in einem nächtlichen Traum hält man in ihr Wünsche und Ziele für durchaus erreichbar. Mit dem Erwachen und dem Erwachsenwerden in der DDR hat man ausgeträumt. Verklärende Schleier lösen sich auf in nichts, und die Hand, die man vor den sich öffnenden Augen sieht, ist leer. Fest vorprogrammiert liegen die weiteren Stationen des Lebens in der Zukunft. Für Träume ist keine Zeit mehr.

Was aber macht das Leben lebenswert? Wer sagt an seinem Sterbetag, dass er zufrieden geht, wenn auch nicht gern? Manfred von Ardenne, der Dresdner Technik-Baron, sagt in einem „Wort an die Jugend“, das die DDR-Presse unverfroren druckt: „Ihr sollt Euer Leben nicht verträumen, sondern Eure Träume erleben.“ Er hat Recht, aber er sieht geflissentlich darüber hinweg, dass die Erziehung der Jugend in der DDR die Träume ihrer Zöglinge selbst zu bestimmen wünscht. Dies ist keineswegs eine Übertreibung. Die besagten unterschiedlichen Meinungen der DDR-Menschen zeigen immerhin, dass die Erziehung damit nur sehr mäßigen Erfolg hat − obwohl dieser bereits beängstigend ist.

Träume sind unreal im realen Sozialismus. Natürlich wäre es vermessen, „alle Blütenträume reifen“ sehen zu wollen. Doch das Reifen einiger gehört zum Glück. Gerade deswegen ist „Glück“ auch eines der wichtigsten Wörter im Sprachschatz der ostdeutschen Ideologie.

So sehr Erziehung und Propaganda auch zu perfektionieren versucht werden − es gelingt nicht. Dies hat seine Ursachen ganz sicher in der Beeinflussung des DDR-Gebietes durch westliche Medien und in der Tatsache, dass sich die Taktik der Abgrenzung als nicht durchhaltbar erwiesen hat. Hinzu kommt aber ein entscheidender Umstand, der mit dem Wesen des Regimes verknüpft ist. Dieses selbst nämlich bedingt ein Untergraben der ideologischen Front, indem ihre Träger selbst nicht verschont bleiben vom westlichen Einfluss. Der Marxismus ist auch für sie längst nicht mehr der Weisheit letzter Schluss. Sie führen ihre erzieherischen Handlungen nur noch weiter aus, um ihre soziale Stellung nicht zu gefährden. Dabei sind ihre Handlungen aber zu verselbständigten Formalismen geworden, die jede „Erziehung“ im ideologischen Sinn verfehlen. Dennoch bleiben sie nicht ohne Wirkung, was die Demonstration der Lebendigkeit verordneter Verhaltensnormen betrifft.

Durch diese Fehlleistung der ideologischen Beeinflussung blieb ein erhebliches Maß an innerer Freiheit in den Menschen der jungen Generation erhalten. Ihre Vorstellungen vom Glück haben sie sich bewahrt, und diese unterscheiden sich wesentlich vom zukünftigen DDR-Leben. Entkleidet man dieses aller beschönigender Phrasen von der sozialistischen Lebensweise, nach der die Arbeit das oberste der zu habenden Lebensbedürfnisse ist, ständige Leistungssteigerung dabei inklusive, als zweites sofort die Bereitschaft zur Verteidigung der Errungenschaften des Sozialismus folgt und so weiter, dann bleibt etwas übrig, was man mit drei Worten umreißen kann: Arbeit, Rente, Tod. Ein wenig detaillierter bedeutet es folgendes.

Nach der bereits durchstandenen Schulzeit, der die Berufsausbildung oder ein Studium folgte, dem meist noch − bei Männern − der Wehrdienst vorausging, erfolgt die Delegierung in einen Betrieb oder eine entsprechende Einrichtung. Diese Delegierung ist eine gesetzlich verankerte Zwangslenkung. Meist erfolgt nach der vorgeschriebenen Frist von drei Jahren ein durch nunmehr eigenes Bestreben herbeigeführter Wechsel zu einer Arbeitsstelle, die den persönlichen Vorstellungen Rechnung tragen soll. Inwieweit dies möglich ist, hängt in hohem Maße davon ab, ob man überhaupt den Beruf der eigenen Wahl ergreifen konnte. Die Regel ist dies nämlich absolut nicht, was der bisherigen Beschreibung den segensreichen Schein wohl wieder nimmt, den dieser so beruhigend ablaufende Prozess der Lebensplanung für westliche Beobachter haben mag. Die meisten finden sich beizeiten mit ihrem Beruf ab und üben ihn aus − mehr schlecht als recht, lustlos und genötigt zum Broterwerb.

Es beginnt nun der Kampf um das garantierte Recht des Wohnens. Längst ist die Familie gegründet, wenn man endlich eine Wohnung hat, die eigentlich Voraussetzung für die Familiengründung hätte sein müssen und die man erst einmal als nicht-provisorische Lösung betrachten kann. Abstriche sind hier fast immer notwendig; angemessen ist der „einem zustehende“ Wohnraum selten. Doch abermals findet man sich ab angesichts der Zwecklosigkeit, mehr zu erwarten.

Selbstverständlich sind beide Ehepartner berufstätig, die Kinder sind in der Krippe, im Kindergarten, später in Schule und Hort. Es gibt drei bis vier Wochen Urlaub im Jahr. Irgendwann mag der große Wurf gelingen, ein Auto zu besitzen, mit viel Glück einen Garten oder gar ein Wochenendgrundstück zu pachten. Über diesem Bemühen, das fast schon wichtiger ist als das Ziel, vergeht der aktivste Teil des Lebens. Tagaus, tagein kämpft man um einen zur Norm erklärten Lebensstandard, und wenn man ihn erreicht hat, setzt sich der Kampf um seinen Erhalt fort.

So kommt das Rentenalter, dessen gepriesener Vorteil, nun endlich „reisen zu dürfen“, getrübt wird durch die geschwundene Jugend. Sonst aber hat dieser Lebensabschnitt in der DDR überhaupt nichts zu bieten − von möglichen familiären Freuden abgesehen. Und in finanzieller Hinsicht bleibt das Reisen auch im Rentenalter unmöglich. Der Staat lässt einen fallen. Seinen Vertretern wäre es am liebsten, man stürbe nun beizeiten, damit die Wohnung frei wird.

Auch in einem solchen Leben gibt es freilich Glück. Es bleiben die familiären Freuden; die Geburt eines Kindes ist fast immer und fast überall ein freudiges Ereignis. Doch ein glückliches Leben vermögen diese Momente allein nicht zu prägen.

Auf seltsame Art ist das Leben, grau, abenteuerlos, starr. Warum ist das so? Die Ursachen dafür liegen nicht in der Trägheit des Menschen, sondern in der Organisationsform der politischen Macht. Diese lässt ein „lebendiges“ Leben nicht zu, weil sie in einem solchen − mit Recht − eine Gefahr für sich sieht. Das Ergebnis ist die traumlose Zukunft.

Wem ewige Illusionen nicht genügend Halt bieten, für den gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Perspektive fertigzuwerden. Doch nur eine erlaubt es, sich dem persönlichkeitsbeschneidenden Einfluss des Lebens in der DDR ganz zu entziehen. Das ist die Auswanderung.

Eine Möglichkeit in dem Sinne, dass man sie mit Sicherheit in Anspruch nehmen kann, ist sie allerdings nicht. Wäre sie dies, löste sich zumindest dieser Aspekt des Buches auf in nichts. Nicht eine Weggabelung liegt hier also vor einem, an der man sich nur für einen der sich klar abzeichnenden Wege zu entscheiden brauchte. Als Antragsteller verschmäht man den sicheren Weg durch die öden Jahre des DDR-Alltages. Man wählt den Sumpf. Man begibt sich in einen Morast aus Willkür und Hoffnung, in dem es keine Orientierungshilfen mehr gibt. In der Hoffnung durchzukommen, vertraut man sich dem Schicksal an.

Dazu war nun wieder, nach zwanzig bis dreißig Jahren, eine breite Masse bereit. Die Zeit hatte auch die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich die prinzipielle Chance zur Auswanderung plötzlich herumsprechen konnte. Die Erlasse im Gesetzeswerk der DDR wurden entdeckt, denen zufolge es ganz legal ist, den „Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR“ zu stellen. Die Menschen besannen sich auf die Mitgliedschaft der DDR in der UNO und darauf, dass die DDR einst wichtige Konventionen derselben ratifiziert hatte. Die ersten Anträge wurden gestellt. Es kam zu Vorladungen, zu „Diskussionen“ der „staatlichen Organe“ mit den Antragstellern, es kam zu Festnahmen und zu Verhaftungen. Aber − es kam auch zu „Entlassungen“. Dies war zunächst wohl unerwartet und eben völlig ungewöhnlich: Der Staat, der seine Bürger hinter Sperranlagen gefangen hält, lässt sie mit einem Mal auf Antrag heraus, er „entlässt“ sie? Man ließ sich kaum Zeit, über das Warum nachzudenken. Es galt, die Gunst der Stunde zu nutzen: Antrag zu stellen und legal − also ohne Lebensgefahr durch Sperranlagen und Schießbefehl sowie mit allem Habe − den Staat zu verlassen. Die Zahl der Anträge schoss in die Höhe. Wo sich die gesetzliche Grundlage zur Rechtfertigung vor der Behörde nicht herumsprach, erzeugte das Wissen um die häufigen Stattgaben den nötigen Mut, und den Behörden ist die Gesetzeskenntnis der Bürger in diesem Fall absolut einerlei.

Je mehr das Ausreisen täglich zu erlebende Praxis wurde, desto mehr aber drängte sich nun die Frage nach der Motivation des Staates auf. Für viele derjenigen, die den Sumpf erfolgreich durchquerten, existiert sie kaum noch. Für sie geht sie unter im Desinteresse an der eigenen Vergangenheit. Das ist bedauerlich, wenn auch erklärlich. Denen aber, die von der Willkür weiter gefangengehalten werden, drängt sie sich unablässig auf, denn von dieser Frage sehen sie ihr Schicksal bestimmt. Kommen wir also auf die bestehenden Mutmaßungen über ihre Antwort zurück.

Eigentlich liegen sie auf der Hand. Zuerst und vor allem rückt sich der Staat ins positive Licht der Helsinki-Szene und ihrer Folgekonferenzen. Er gibt den westlichen Staaten nach, für deren Druck zwar zu danken ist, deren Lob für dieses Nachgeben aber unangebracht ist. Doch der Richter lobt den Gewohnheitsverbrecher, der einmal nicht straffällig geworden ist.

Zum Zweiten leistet der Staat einen Beitrag zur innerdeutschen Entspannung. Dieser Beitrag war zumindest zeitweise für ihn gleichermaßen finanziell lukrativ. Denn ist es auch nicht mehr üblich, für jeden Übersiedler ein konkret auszuhandelndes Kopfgeld zu fordern, so hingen die Quoten der Freizulassenden doch ganz offensichtlich mit finanziellen und wirtschaftlichen Bewegungen innerhalb Deutschlands zusammen.

Drittens räumt der Staat im Inneren Störenfriede aus dem Weg. Zweifellos gehören viele Antragsteller zu den unzufriedensten Systemkritikern. Wie bedeutsam dieses Motiv ist, zeigen die Geschehnisse um die Mitglieder der sich vor allem in Jena seinerzeit konsolidierenden Friedensbewegung, die ihre Gedanken unabhängig von der staatlichen Doktrin zu proklamieren begann. Man siedelte hierbei sogar Menschen aus, die die Absicht, die DDR zu verlassen, gar nicht gehegt hatten. Dasselbe wiederholte sich 1988 nach den Ereignissen in Ostberlin, die unter der Bezeichnung „Luxemburg-Affäre“ in die Geschichte der ostdeutschen Dissidentenszene eingegangen sind.

Nicht so hoch einzuschätzen − vielleicht nicht als vierter Grund, wohl aber als willkommene Begleiterscheinung − ist die Wirkung des Ausreisestromes auf die Entkrampfung des Wohnungsproblems. Die DDR-Führung hat den Mund in diesem Punkt vor Jahren gar zu voll genommen, als sie versprach, dieses Problems bis 1990 Herr zu werden. Neben einer ganzen Reihe von Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich der Neudefinition, wer seinen Wohnraum betreffend als „versorgt“ gilt und also gar nicht „wohnraumantragsberechtigt“ ist, könnte das Freiwerden von Wohnraum infolge der Auswanderungen als durchaus planbar und beabsichtigt erscheinen. Die 1989 erlassene Vorschrift, nach der Ausreisende ihre ehemalige Wohnung leer und „besenrein“ persönlich zu übergeben haben, bestätigt dies.

Auf gleicher Ebene kann der Einfluss des Auswanderns auf die Entwicklung des Arbeitskräftepotentials betrachtet werden. Dass hier nämlich eigentlich gar kein Mangel zu herrschen brauchte, de facto also gar nicht herrscht, ist von den führenden Wirtschaftlern der DDR zweifellos inzwischen erkannt worden. Freilich gilt es, das Gegenteil zu vertuschen; das Hauptargument der Westhetze − die Arbeitslosigkeit im Westen −, geriete sonst in Gefahr, seine Wirkung zu verlieren, und das herrschende Schmarotzertum müsste zum Gegenstand offizieller Auseinandersetzungen werden.

Und endlich kann es nur im Interesse der DDR-Staatsführung sein, wenn der Strom der Zuwandernden in der Bundesrepublik zu Problemen verschiedenster Art führt, und sei es nur die Uneinigkeit darüber, ob es nun zu Problemen kommt oder nicht.

Der einzige Grund aber, der dem Staat verbindlich sein müsste, nämlich die durch seine Gesetze und völkerrechtliche Abkommen zugesicherte Einhaltung der Menschenrechte, hat keinerlei Belang. Es ist dies eine der Feststellungen, die im Osten trivial und überflüssig sind, im Westen aber nicht oft genug wiederholt werden können.

In solchem Zwielicht erscheint das Resümee dieser Praxis. Der Staat handelt prinzipiell nicht im Interesse der Menschen, die ihn verlassen wollen. Zu seinen Handlungen motiviert ihn einzig und allein sein eigenes Interesse; seinem Bedarf, also dem Bedarf der herrschenden Oberschicht, wird er gerecht. Er nutzt den Ausreisedruck aus, um sich allein zu dienen. Die Befriedigung der betroffenen Antragsteller ist dabei zwar zwingend, als solche aber dem Staat völlig gleichgültig.

Natürlich unterstellt diese Sicht die totale Trennung von Staat und Volk. Aber diese besteht ja tatsächlich, und die Diktatur hat es nötig, sie durch die Tautologie „Demokratische Republik“ zu verdecken.

Allen Gründen des Staates zuwider läuft die Wirkung, die von der Ausreisepraxis auf die bislang zum Bleiben Entschlossenen ausging und ausgeht. Eben diese Wirkung ist auch der Grund für den exponentiellen Anstieg der Zahl der Antragsteller um die Jahreswende 1983/84 und auch zu späteren Zeitpunkten. Der Staat mag die „Welle“ von 1984 als Folge des von ihm im September 1983 erlassenen Gesetzes deklariert und dies schon von vorn herein so inszeniert haben. Bei diesem Gesetz handelte es sich um die „Verordnung zur Regelung von Fragen der Familienzusammenführung“ [1], mit der man versuchte, das Ausreiseproblem in den Griff zu bekommen, indem man den Kreis derer sehr eng zusammenzog, die überhaupt das Recht auf Antragstellung (nicht auf Übersiedlung!) haben sollten. Dass das Maximum von 1984 nicht das wirkliche Ergebnis dieser Verordnung war, zeigt ein Blick auf die damals Übergesiedelten. Ihre „Begründungen“ waren dieselben wie vor- und nachher; ein Überwiegen der tatsächlichen Familienzusammenführungen war keineswegs festzustellen.

Je mehr die Zahl dar Übergesiedelten wuchs, desto niedriger wurde die Schwelle vor diesem Schritt, die jeder einzelne überschreiten muss, wenn er sich zum Antrag entschließt. Die Zahl uferte aus. Ein radikales Ende war geboten − zumindest musste etwas geschehen, was wie ein solches aussah. Am einfachsten ließ sich das bewerkstelligen, indem man die Information über das Geschehen unterband. Dem Anteil des Hörensagens war jedoch nur durch ein tatsächliches Senken der Stattgaben beizukommen. Der Anfang des Jahres 1987 bezeugte dies. Besonders aber musste der Anteil versiegen, den die westlichen Medien lieferten. Dies geschah so plötzlich, dass auf eine Absprache zwischen Ost und West geschlossen werden muss. Denn auf null sank die Quote nicht, so dass schlicht kein Stoff mehr für Informationen dagewesen wäre. Bis 1984 meldeten die Medien, besonders auch der für die DDR so bedeutsame Deutschlandfunk, die Übersiedlungsquoten so regelmäßig wie den Wetterbericht oder die Zahlen der nächtlichen Ungarnflüchtlinge von 1989. Der Deutschlandfunk widmete sogar eine ganze Sendung diesem Thema, in der viele frisch „entlassene“ DDR-Bürger interviewt wurden. Bald darauf war schlagartig Ruhe zu diesem Thema − als gäbe es keine Übersiedlungsproblematik.

Tatsächlich sank vorübergehend die Popularität dieses Geschehens. Zweierlei spricht dafür, dass hier ein Übereinkommen getroffen wurde. Erstens sollten die Ausreisen weitergehen, zweitens aber bitte sehr nach Ermessen der Staatsorgane der DDR und nicht nach Gutdünken der Bevölkerung. An einer gewissen Zahl ist die DDR zweifelsfrei interessiert − und die Bundesrepublik muss die Leute getreu ihrem Grundgesetz willkommen heißen. Weder der eine noch der andere Staat aber ist daran interessiert, diese Zahl ausufern zu lassen. Die Bundesregierung ließ in diesem Zusammenhang verlauten, dass ihr nicht an einer „Entvölkerung der DDR“ gelegen sein könne.

In der Tat ist die Aufnahme der Übersiedler nur eine symptomatische Behandlung des Problems – nichtsdestotrotz eine durchaus verpflichtende. Wer die Ursachen einer Krankheit bekämpfen will, wird dem Patienten nicht das Schmerzmittel verweigern. Die Frage danach, was der Westen denn gegen die Ursachen unternimmt, drängt sich damit allerdings auf.

Noch bevor das beiderseitige Schweigen ausbrach, versuchte es die DDR mit massiver Gegenpropaganda. Niemals hatten die ostdeutschen Zeitungen über die Ausreiseproblematik berichtet. Nun behaupteten sie plötzlich: „Über 20 000 wollen zurück“. Die allgemeine Kenntnis von der Sache wurde nun also vorausgesetzt, die Information über westliche Medien und das Hörensagen stillschweigend als Faktum anerkannt. Zum Verständnis des so überschriebenen Artikels war diese sogar notwendig. Er erzählte ausgiebig vom Elend ehemaliger DDR-Bürger, die in der „kapitalistischen BRD“ unter die Räder gekommen waren. Doch war dies eine klägliche Idee. Sie trug am ehesten noch dazu bei, die Antragsteller in den Augen der staatsergebenen Bürger zu verdummen, als dass sie jene, die ernsthaft über den Antrag nachdachten, hätte ins Bockshorn jagen können.

Nein, die Behauptung von der Masse derer, die sich nach der „sozialen Geborgenheit“ in der DDR zurücksehnten, fand in der Zielgruppe dieser Art Propaganda wenig Glauben. Man konzentrierte sich im Weiteren wieder auf die unabhängig vom Ausreisegeschehen zu betreibende Schwarzmalerei vom „Alltag im Westen“. Die Erfolgsbilanz ist hier beachtlich; viele DDR-Bürger glauben wirklich an ihre soziale Geborgenheit im Schoße der Partei und können sich nicht vorstellen, dass es Sicherheiten auch in Staaten der westlichen Welt geben könnte. Das Paradoxe daran − bezüglich der Leistungsfähigkeit der DDR-Propaganda geradezu Geniale − ist, dass an diese Geborgenheit geglaubt wird, obwohl das Niveau, auf dem sie sich befindet, diese Bezeichnung gar nicht rechtfertigt. Victor Klemperer sagte zur Propaganda im Dritten Reich: „Die als Prahlen und Lügen erkannte Propaganda wirkt dennoch, wenn man nur die Stirn hat, sie unbeirrt fortzusetzen.“ [2] Was für die Goebbels-Reden galt, passt auch für die ebenso primitive Demagogie in der DDR.

Neben dieser Propaganda wird vom Staat eine weitgehende Isolierung der Antragsteller betrieben. Ihre problematisierte soziale Situation soll von Antragsneustellungen abschrecken. Doch die Geister sind gerufen. Endgültige Ablehnungen schwören seit 1988, besonders aber seit Mitte 1989, den Keim der Revolte herauf. Seit diesem Zeitpunkt nämlich ist gegen Entscheidungen, die auf Grund des seit Januar 89 geltenden Gesetzes über Reisen und Ausreisen von DDR-Bürgern [3] gefällt werden, der gerichtliche Protest möglich. Und − er hat sich als Farce erwiesen, was nicht anders zu erwarten gewesen war.

Der mit dem genannten neuen Gesetz versuchte neue Kurs in Sachen Ausreise hat zweifellos Anteil am Zustandekommen der Situation ab August 1989, wobei hier das Öffnen der ungarischen Grenzen für viele Betroffene gleichsam als Deus ex machina in Erscheinung tritt. Für den Staat DDR ist die Grenzöffnung Ungarns aber freilich ein gewaltiger Affront seines Verbündeten, der die verzweifelte Strategie von „Reiseerleichterungen“ und neuen Regelungen, mit denen er des Ausreiseproblems Herr zu werden versuchte, nun völlig über den Haufen wirft.

Die Massenflucht von 1989 ist mit Sicherheit in erheblichem Maße auf den Effekt des Mitreißens zurückzuführen. Viele der bislang noch Zweifelnden greifen die Gelegenheit beim Schopfe; durchaus nicht alle von ihnen sind potentielle Antragsteller, also Menschen, die den besagten Sumpf bereit sind zu durchwaten. Und natürlich waren auch unter den Antragstellern der letzten Jahre nicht nur wahrhaft Vertriebene. Eine zu erwartende durchschnittliche Wartezeit von zwei bis drei Jahren ließ auch so manchen profanen Karrieristen zur Abteilung Inneres gehen.

Doch jene waren nicht die Initiatoren der Ausreisebewegung, die sich vor zehn Jahren zu entwickeln begann. Die Initiatoren laufen längst Gefahr, in der Masse der passiv Mitgerissenen unterzugehen oder über einen Kamm geschoren zu werden mit all jenen, denen es allein der Reichtum des Westens angetan hat. Aber gerade um die Motivation der Ersten, die den Mut zur Antragstellung fanden, soll es gehen. Diese Motivation ist auch heute noch aktuell, nur bestimmt sie kaum die Szene des Sommers 89.

Sie hat ihre Wurzeln in der sozialen Spaltung, der jeder DDR-Bürger zu verfallen hat, und diese wiederum ist ein Resultat des erzieherischen Konzeptes, mit dem der Staat „seine“ Bürger konfrontiert. Tatsächlich ist das wichtigste Instrument für die Formung „seiner Menschen“ das staatliche Bildungswesen. Der Charakter des Staates offenbart sich in diesem überaus deutlich, wenn man versucht zu erkennen, was das Bildungswesen sein soll und was es in einem Staat wie der DDR nur sein kann. Dieser Versuch wird im ersten Teil des Buches, der den sozialistischen Erziehungsanspruch beschreibt, unternommen. Er wird hinführen auf die soziale Spaltung im Denken der Menschen, die sich aber längst auf alle Bereiche des Lebens in der DDR ausgeweitet und zu einer Scheinwelt geführt hat, die im zweiten Teil beschrieben wird.

Der sozialistische Erziehungsanspruch
1. Erziehung oder Manipulation

1.1 Bildung und Erziehung

Das „Kleine Politische Wörterbuch“ des Dietz-Verlages Berlin (Ost) [4] beginnt einen eineinhalb Seiten langen Artikel zu dem Stichwort „Bildung und Erziehung“ so:

in der sozialistischen Gesellschaft umfassender Prozeß der zielgerichteten Einwirkung auf die allseitige Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit, der auf die Vermittlung von wissenschaftlichen Kenntnissen und Erkenntnissen, auf die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten (Bildung), auf die Herausbildung der sozialistischen Weltanschauung und Moral sowie eines entsprechenden Verhaltens (kommunistische Erziehung) gerichtet ist. Beide Seiten dieses Prozesses durchdringen einander und sind untrennbar miteinander verbunden.

Daraus ist zunächst vor allem zu entnehmen, dass es in der DDR keine Bildung ohne Erziehung gibt. Gültigkeit hat dies in erster Linie für Bildung im Sinne von Ausbildung. Die Kopplung von Ausbildung und Erziehung wird hergestellt und zu einer gesellschaftlichen Gesetzlichkeit erhoben. Behauptet wird die Gültigkeit dessen jedoch auch für das, was unter „Bildung und Erziehung“ noch verstanden wird, nämlich „das Ergebnis dieses Entwicklungsprozesses, der erreichte Stand des Wissens und Könnens sowie der sittlichen Reife.“ [4] Mit „Ergebnis“ ist hier selbstverständlich nur der Erfolg im Sinne der erklärten Absicht gemeint. An seiner Einstellung sind Zweifel nicht zulässig.

Anders als bei der Behauptung von der Unzertrennlichkeit von Bildung und Erziehung liegt bei dem hier in der Praxis zu verzeichnenden Resultat der hypothetische Charakter dieser Bildungsideologie offen zutage. Es zeigt sich, dass die unausgesetzten Erziehungseinwirkungen den Ausbildungsprozess behindern und obendrein letztlich das erklärte Ziel nicht erreicht wird.

„Erziehung“ schlechthin findet man in dem genannten Nachschlagewerk nicht. Dafür stößt man unter „K“ auf „kommunistische Erziehung“. Die Erziehung dieser Art ist nicht beschränkt auf Kinder. Sie findet überall statt: in den Betrieben, an den Fachschulen und Universitäten, in „gesellschaftlichen Organisationen“, in Hausgemeinschaften, ja sogar in der Familie wird kommunistisch erzogen. Es ist klar, dass in Behauptungen wie dieser mehr der Anspruch gemeint sein kann als die Realität: Es soll erzogen werden. Der Einfluss des Staates ist unumschränkt in seinen Institutionen, zu denen fast alles gehört, glücklicherweise aber nicht auch in Hausgemeinschaften oder Familien. Gerade die Familie ist zumeist der letzte Zufluchtsort vor ihm. Doch außerhalb dieser privaten Sphäre trifft es zu: Die ganze Gesellschaft ist eine einzige Erziehungsinstitution. Für all dieses Einwirken auf den Menschen gibt es nur ein Ziel: Das Ideal der „sozialistischen Persönlichkeit“. Das kam im eingangs zitierten Text bereits zum Ausdruck.

Was ist eine solche „Persönlichkeit“? Sie ist Wesensmerkmal eines Menschen mit

kommunistischer Arbeitsmoral, der seine Fähigkeiten und Begabungen zum Wohle der sozialistischen Gesellschaft entfaltet, sich durch Arbeitsliebe und Verteidigungsbereitschaft, durch Gemeinschaftsgeist und das Streben nach hohen kommunistischen Idealen

auszeichnet [5]. Ein solcher Mensch vertritt selbstverständlich die „einzig wissenschaftliche Weltanschauung“, nämlich den Marxismus-Leninismus „in der Einheit seiner Bestandteiles des dialektischen und historischen Materialismus, der politischen Ökonomie und des wissenschaftlichen Kommunismus“. [5]

Wer sich diesem staatlichen Anspruch entziehen will, weil er etwa einen anderen Glauben hat als den an die Allmacht der Produktionsverhältnisse, kann dies tun. Das Recht auf Glaubensfreiheit ist ihm verfassungsmäßig zugesichert (Artikel 20) [6]. Jedoch muss er die Konsequenz daraus tragen, auch wenn die Verfassung ebenfalls versichert, dass einem Menschen kein Nachteil entsteht, wenn er von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch macht (Artikel 27). Zwar existiert hinsichtlich des weltanschaulichen Bekenntnisses kein solcher Passus, doch ist ein solches letztendlich auch nichts anderes als eine Meinungsäußerung. Es ist suspekt, dass es bei der Garantierung irgendeines Rechtes des Zusatzes bedarf, dass aus seiner Inanspruchnahme kein Nachteil erwachsen darf. Man könnte spitzfindig meinen, dass, wenn der Zusatz an der einen Stelle gemacht wird, er also dort nicht gilt, wo er nicht steht und also mit einer Benachteiligung infolge eines nichtmarxistischen Bekenntnisses durchaus zu rechnen sei. Einer solchen Auslegung würde natürlich widersprochen. Tatsächlich aber führt ein nichtmarxistisches Bekenntnis „an den Rand der Gesellschaft“, sofern es mit praktischen Konsequenzen verbunden wird. Diese nämlich erschöpfen sich dann nicht im Besuch des Gottesdienstes, den der Staat demonstrativ großzügig toleriert. Der Staat erklärt sich als vollendet human und gibt sich somit das Recht, jeden Angriff auf sich als Angriff auf die Humanität brutal zurückzuschlagen. Auf Änderungen zielende praktische Konsequenzen Andersdenkender werden immer in der gleichen Weise gedeutet − als Angriff auf die Humanität −, womit die Andersdenkenden zur Passivität verurteilt sind.

Dieselben, die soeben noch widersprochen hätten, finden diese vermeintlich defensive Reaktionsweise des Staates nun ganz selbstverständlich. Der Satz „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, ist absolut aktuell. Wer das Postulat von der Humanität in Frage stellt, weil er in der Realität nur das Gegenteil bewiesen findet, ist nicht nur Dissident, sondern Staatsfeind. Das ist jeder, der an der Fähigkeit des marxistisch-kommunistischen Systems, human zu sein, zweifelt. Einem solchen ist auch die Bildung versperrt, was kaum überrascht. Bildung und Erziehung bilden eine untrennbare Einheit. Wer sich nicht im sozialistischen Sinne beeinflussen − erziehen − lassen will, weil er nicht an den Sozialismus glaubt, der soll sich auch nicht bilden lassen. Für ihn gilt nicht mehr als die Schulpflicht, die hier nur als die Pflicht des Staates aufzufassen ist, und die bis zur zehnten Klasse der allgemeinbildenden Schule reicht.

Der umfassende Erziehungsanspruch steht also ganz offenbar im Widerspruch zur grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit einschließlich der absurden Zusicherung straffreien Ausgangs bei seiner Inanspruchnahme.

1.2 Der Erziehungsanspruch

Beschränkt man sich auf die Diskussion über diesen Widerspruch, lässt man der Erziehung an sich stillschweigend ihr Existenzrecht. Dieses in Frage zu stellen, gilt noch immer geradezu als Ungeheuerlichkeit. Und dies, obwohl man anerkennt, dass die Welt von Ungeheuerlichkeiten voll ist. Hier einen Zusammenhang zu sehen, ist noch nicht üblich. Dabei tut sich an dieser Stelle eine weit tiefere Kluft auf, als sie sich in dem Widerspruch zwischen Bildungs- und Meinungsfreiheit in der DDR offenbart. Diese Kluft zu erkennen, setzt voraus, dass Klarheit geschaffen wird über den Begriff „Erziehung“. Das geschieht in der Regel überhaupt nicht. Nicht nur im Sozialismus, sondern weltweit herrscht hier ein Dunst aus traditioneller Überzeugtheit, dessen Dichte und Trägheit lähmend wirken.

In der westlichen Welt aber gibt es Stimmen, die wenigstens die Möglichkeit bieten, diesen Dunst zu durchdringen. Das Bildungsmonopol der DDR gestattet es natürlich nicht, dass diese Stimmen in ihrem Hoheitsgebiet laut werden. Man verhindert das nicht gezielt, es ergibt sich vielmehr von selbst infolge der geistigen Einspurigkeit, zu der die Alleinherrschaft des Marxismus führt. Das Regime lässt keinen Ideenreichtum zu, am allerwenigsten in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht. Philosophische oder sozialpsychologische Literatur aus der westlichen Welt gibt es in den Buchhandlungen der DDR nicht, es sei denn, sie ist marxistisch. Namen wie Theodor W. Adorno, Bertrand Russell oder Albert Camus, die stellvertretend sein mögen für ungezählte auch weniger bekannte, werden nicht geführt, von wenigen Ausnahmen in ihrem Werk abgesehen. Das ist sicherer − von zu vielen Seiten fühlt sich das Regime angreifbar, ohne selbst diese Seiten genau zu kennen. Sein Erziehungsanspruch, vor allem der tatsächliche Hintergrund der eigentlichen Erziehung, ist eine solche Schwachstelle.

Doch das ahnen die Erziehungsideologen zumindest der unteren und mittleren Ebenen nicht. So kommen westliche „Erziehungsbücher“ durch den Zoll, selbst wenn sie Gedankengut der Antipädagogik erhalten, denn dieses Wort ist jenen noch nicht zum Begriff geworden. „Erziehung“ genießt noch immer, meist auch in oppositionellen Kreisen, das Flair des Notwendigen, ja sogar Ehrenhaften. Dort mehren sich zum Beispiel die Stimmen, die anstelle des Wehrkundeunterrichts in den Schulen der DDR eine „Friedenserziehung“ fordern. Der Ursprung ist gut, doch das Ziel, das hinter diesem Wunsch steht, ist mit Erziehung nicht zu erreichen. Diese Erkenntnis steht aus.

Nun ist die greifbare Existenz von aufklärendem Schrifttum nicht unbedingt Voraussetzung für das Entstehen freier, guter Gedanken. Es ist klar, dass solche da sein müssen, bevor sie publiziert werden können. Es gibt sie auch in den Köpfen von DDR-Bürgern − nur dort liegen sie zum größten Teil brach. Die Zensur sowohl der Texte als auch der Thematik verhindert die Publikation und somit die Anregung neuer Gedanken in neuen Köpfen. Unter derartigen Bedingungen kann sich eine neue Sichtweise, wie sie hinsichtlich der Erziehung vonnöten ist, nicht verbreiten. Das allgegenwärtige Unbehagen, das die Menschen beherrscht, wird selbst von den rege denkenden stets kompliziert zu begründen versucht.

Vielleicht ist es die unverschämte, absolute Besitzergreifung des Staates von den Kindern, die manche Eltern endlich aufmerksam werden lässt. Sie beginnen, auf einer bisher unerreichten Ebene über Erziehung nachzudenken. Schon immer gehen die Ansichten hier in sehr verschiedene Richtungen. Doch die Erziehung an sich bleibt fast überall unangetastet.

Dabei hat sich dieses Wort längst verselbständigt. Auf die Frage an jemanden, was er eigentlich unter Erziehung versteht, gibt es kaum konkrete Antworten. Die Klarheit über den Inhalt eines Begriffes ist aber eine notwendige Voraussetzung für die Auseinandersetzung über ihn. Das „Kleine Politische Wörterbuch“ ist, wie zu sehen war, nicht in der Lage, eine befriedigende Erklärung zu liefern, obwohl sich seine Autoren die Kompetenz dazu anmaßen. (Diese Feststellung ist wieder eine Konzession an die deutsche Spaltung, denn in einem Buch dieses Titels überhaupt das Stichwort „Erziehung“ zu suchen, dürfte im Westen befremdlich sein, wohingegen im Osten es „ganz logisch“ ist.)

In seinem Buch „Zeit für Kinder“ [7] steht Ekkehard von Braunmühl vor demselben Problem mit dem Begriff Erziehung. Ekkehard v. Braunmühl ist einer derjenigen, die den tieferen Inhalt der Erziehung aufdecken. Bei der Definition des Begriffs orientiert er sich an Janpeter Kob [8]. Beide Autoren werden selbstverständlich nicht in der DDR verlegt; sie gehen bei der besagten Pauschalabschirmung unter. Das aber ermöglicht den Import ihrer Gedanken in Form von Einzelexemplaren ihrer Bücher, zu dem es nicht käme, wenn sich die Zensoren in der DDR über den Inhalt im Klaren wären. Denn Kob führt den Nachweis, dass Erziehung und Demokratie unvereinbar sind. Was also ist unter Erziehung ganz konkret zu verstehen?

Zunächst wird bei v. Braunmühl unterschieden zwischen funktionaler und intentionaler Erziehung. Zur funktionalen Erziehung gehören alle Erfahrungen, die ein Mensch im Umgang mit anderen Menschen macht. Dieser Teil der Erziehung wird meist gar nicht als solche bezeichnet, und das Wort „Erziehung“ verrät bei genauerem Hinsehen, dass es erst später auf diesen Bereich ausgedehnt wurde. Wo von „Erziehung“ die Rede ist, ist fast ausschließlich die intentionale Erziehung gemeint. Sie ist, wie das Wort sagt, von einer Absicht getragen. Im Gegensatz zur funktionalen vollzieht sie der Erziehende stets bewusst. Die ihr zuzuordnenden Handlungen sollen Kinder (im weiteren Sinne Menschen) einem bestimmten Ziel näherbringen.

Es ist erforderlich, diese Form der Erziehung noch einmal zu unterteilen in ergänzende und substantiell beeinflussende Handlungen. Ergänzende Handlungen sind solcherart wie Hilfeleistungen, unverbindliche Ratschläge, zu deren Präsentierung man bewusst über ihren Zweck nachdenkt. Auch eine Auskunft soll den Betreffenden einem Ziel näherbringen; man wird sich Mühe geben, sie verständlich zu formulieren.

Diese ergänzenden Handlungen gehen dem Betreffenden aber nicht „an die Substanz“. Sie achten die Souveränität seiner Persönlichkeit. Der andere Teil der intentionalen Erziehung aber strebt genau dies an, weshalb er substantielle Erziehung genannt wird. Durch sie wird versucht, das Denken und Fühlen des zu Erziehenden so zu steuern, dass bestimmte, vom Erzieher gewünschte Handlungen, Haltungen und Ansichten vom Erzogenen „von sich aus“ ausgeführt bzw. vertreten werden. Man erkennt schon hier, dass das Ziel der „kommunistischen Erziehung“, der es ganz besonders um Haltungen und Denkweisen geht, nur auf dem Wege dieses Intentional-Substantiellen zu erreichen sein kann. Es wird also angestrebt, dass der zu Erziehende nur noch will, was er entsprechend dem Willen einer äußeren Macht „wollen soll“.

Wer die intentional-substantielle Erziehung noch als loyales Mittel im zwischenmenschlichen Umgang betrachten mag − wenn er an das Steuern von Denken und Fühlen denkt, wird sich spätestens bei der absurden Formulierung „wollen sollen“, um die man aber im Wesen der intentional-substantiellen Erziehung nicht herumkommt, doch sträuben müssen. Denn hier entsteht sehr deutlich der Beigeschmack von Dressur und der von geistiger Manipulation. Doch dieser Beigeschmack ist völlig berechtigt und er führt unmittelbar hin zur Bloßstellung der intentional-substantiellen Erziehung. Die Verwerflichkeit ihres Anspruchs wird besonders auch dann deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, was allen Theorien über Erziehung gemein ist (und wo über Erziehung theoretisiert wird, ist immer von der intentionalsubstantiellen die Rede), nämlich das Ansehen der Kinder (Menschen!) „als Zöglinge, als Erziehungsobjekte, als Unreife, als nicht Vollwertige... Kindheit wird als Durchgangsstadium angesehen, als Vorstufe des richtigen Menschentums.“ [7]

An der punktierten Stelle des Zitats fügt v. Braunmühl ein: „letztlich als Gefahr für die Gemeinschaft.“ Dieser Einschub ist sehr geeignet, den Vorwurf der Übertreibung zu provozieren. Doch seine Aussage ist nur die logische Folgerung aus den Attributen „unreif“ und „nicht vollwertig“, deren bloßes Bestehen zumindest jeder, der sich ehrlich bemüht, dem Gedanken zu folgen, eingestehen muss.

An anderer Stelle zitiert v. Braunmühl Helmut Ostermeyer, der über Erziehung sagt: „Erziehung heißt der Anspruch zu wissen, was das Kind sein und werden soll, und die Gewalt, die diesen Anspruch durchsetzt.“ [9]

Beide Autoren beschränken ihre Betrachtungen auf die Beziehungen zwischen Erwachsenem und Kind. Davon handeln ihre Bücher. Doch das heißt nicht, dass die dargestellten Zusammenhänge nicht darüber hinausgingen. Wo sich der Staat das Recht der Erziehung des Menschen allgemein anmaßt, darf in dem zuletzt angeführten Zitat ohne weiteres gesetzt werden: „...der Anspruch zu wissen, was der Mensch sein und werden soll.“ Und natürlich die Gewalt, die diesen Anspruch durchsetzt. Auf sie wird noch wiederholt Bezug zu nehmen sein.

Es ist das Bemühen der Antipädagogen, Kinder wieder zu Menschen zu machen: Was man mit solchen − nämlich Erwachsenen − nicht tut, kann man auch an Kindern nicht geschehen lassen. Es kann jeder sein Verhalten Kindern gegenüber selbst prüfen, indem er versucht, sich vorzustellen, mit Erwachsenen ebenso umzugehen wie mit diesen und sich dann fragt, was er wohl damit anrichtete. Als Beispiel denke man daran, über jemanden in dessen Gegenwart und über ihn hinweg zu reden, eine Kindern gegenüber ganz und gar übliche Handlungsweise.

Die Erziehungsideologie in der DDR geht in umgekehrter Richtung. Sie macht aus „ihren Menschen“ Kinder im alten Sinn, indem sie sie entmündigt. Sie beendet die Erziehung nie. So klingt auch der Zusatz von der „Gefahr für die Gemeinschaft“, die ein „erst noch zu Erziehender“ bedeutet, gar nicht mehr übertrieben. Denn ein solcher ist gleichzusetzen mit einem „Nichterzogenen“, und von diesem ist es nur noch ein kleiner Schritt zum „Nichterziehbaren“. Der Staat erkennt stillschweigend an, dass ein Erwachsener, der keine „sozialistische Persönlichkeit“ geworden ist, es wohl auch nicht mehr werden wird. Ein solcher Mensch ist und bleibt ein Fremdkörper in der Gesellschaft, und zwar umso mehr, je weniger er passiv bleibt und sich dennoch juristisch unangreifbar verhält. Tut er letzteres nicht, schlägt die Gewalt des staatlichen Erziehungsanspruches freilich sofort zu.

Mit den nun zur Anwendung kommenden Mitteln wird der Staat jedoch das Ziel einer substantiellen Beeinflussung schon gar nicht mehr erreichen. Auch dies erkennt er insgeheim an. Er setzt daher mit der Beeinflussung „seiner Menschen“ viel früher ein: direkt mit der Übergabe der Kinder an den Staat, nämlich an die Krippe oder an den Kindergarten, indirekt schon zum Zeitpunkt der Geburt.

Ein dem Erziehungsprinzip innewohnender Grundsatz ist der des Misstrauensvorschusses. Anstatt Gutwilligkeit und die Bereitschaft zur Mitarbeit vorauszusetzen, macht die Erziehung das Gegenteil. Somit „unterstellt jede erzieherische Maßnahme ihre eigene Notwendigkeit.“ [7] Das Misstrauen ist die Rechtfertigung der Erziehung.

Warum dies alles so ist, muss für Ost und West unterschiedlich beantwortet werden. Auf beiden Seiten aber darf man davon ausgehen, dass trotz des objektiv kinderfeindlichen Charakters der Erziehung im Regelfall das Wohlwollen der Erwachsenen vorliegt. Vor allem in der häuslichen Erziehung sind es die Tradition und die durch das Erzogensein der nun Erziehenden bedingte mangelnde Bereitschaft, mit den Praktiken der substantiellen Einwirkung aufzuhören. Wenn es aber in der Schule und schon zuvor im Kindergarten ganz konkrete Pläne zu dieser Einwirkung gibt, die darüber hinaus später fortgesetzt wird und dabei alles auf ein Ziel ausgerichtet ist, so liegt etwas qualitativ Andersartiges vor. Es ist dies nicht etwa etwas Neuartiges − dergleichen gab es schon im antiken Sparta. Es ist nichts anderes als die Reinform geistiger Manipulation mit dem ihr immanenten Prinzip der ganz bewussten Absicht zu ihr.

Entgegen der durch DDR-Ideologen vertretenen Behauptung, die Entwicklung zur sozialistischen Persönlichkeit vollziehe sich im Einverständnis und unter aktiver Teilnahme des Menschen selbst, was den etwaigen Vorwurf der Manipulation von vorn herein haltlos machen soll, ist festzustellen, dass die Menschen bereits in einer Lebensphase mit Gegenständen des Denkens und Handelns konfrontiert werden, in der sie weder von Persönlichkeit noch von Sozialismus etwas verstehen können. Begriffe wie diese sind leere Formeln, die von den Erziehern systematisch mit positiven Werten verbunden werden. Noch zeitiger, wenn selbst mit diesen Werten noch nichts angefangen werden kann, bereitet man die Zöglinge auf das widerspruchsfreie Schlucken der später zu verabreichenden Dogmen vor. Die Fremdherrschaft über den Willen wird so früh wie möglich injiziert.