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Beziehungen entstehen, zerbrechen und entstehen neu. Aber mehr denn je fehlen die Worte und Geschichten, die uns das Ende der Liebe und die Rückkehr ins Leben erleichtern. Fabienne Brugère setzt die verstreuten Fragmente einer Sprache des Entliebens neu zusammen. Wie die Liebe ist auch das Entlieben universell, und doch möchten wir das Entlieben, im Gegensatz zur Liebe, weder immer wieder erleben noch darüber sprechen. Es sucht uns heim, bleibt aber sprachlos. Das Bildreservoir des Entliebens ist ungleich karger als das ungemein darstellungsreiche des Verliebens. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Ende der Liebe mit dem zusammenhängt, was uns wehtut und schadet, was uns erschüttert und verunsichert zurücklässt – allein mit Angst, Leid, Schuld, Wut oder Hass. Entlieben erzählt diese verstörende Erfahrung und fasst sie in Geschichten und Bilder. Fabienne Brugère stellt Fragmente einer Sprache des Entliebens zusammen, indem sie in ihrem Buch das Ende der Liebe als einen Prozess mit markanten Etappen beschreibt, die sie mit Beispielen aus Literatur und Philosophie, der Kunst, dem Film und der Musik verknüpft. So gewinnt das, was uns unbegreiflich erscheint, Konturen, wird erzählbar. Das Entlieben kommt oft mit Taubenfüßen daher, bevor sich seine Symptome dann in all ihrer Grausamkeit und Tristesse zeigen: Verdächtigung, Verrat und Verzweiflung wechseln sich ab. Entlieben richtet aber auch den Blick nach vorn und stellt die Fragen, die zählen: Wie kann man besser leben? Wie kann man anders lieben?
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2026
Entlieben
Fabienne Brugère
ENTLIEBEN
Eine Anleitung zur Rückkehr ins Leben
Aus dem Französischen übersetzt von Petra Willim
Konstanz University Press
Titel der Originalausgabe: Fabienne Brugère, Désaimer© Flammarion, 2024
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde aus Mitteln der DFG (Leibniz-Preis für Prof. Dr. Juliane Vogel) gefördert.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Einbandgestaltung: Eddy Decembrino, KonstanzISBN (Print) 978-3-8353-9189-5ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-9785-9ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-9786-6
Zu mir. Die Geschichte einer meiner Tollheiten. Schon früh prahlte ich damit, alle möglichen Landschaften zu besitzen. Die Berühmtheiten der modernen Malerei und Dichtung fand ich lachhaft.
Arthur Rimbaud, Ein Aufenthalt in der Hölle. Delirien II. In: Ders., Sämtliche Werke. Übertragen von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann.Frankfurt / Leipzig: Insel 1992, S. 333.
Und wenn wir doch diesen Karten- und Navigationssinn hätten, in unseren beunruhigenden Zeiten und an unseren turbulenten Orten.
Donna J. Haraway, Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Aus dem Englischen von Karin Harrasser. Frankfurt / New York: Campus 2018, S. 45.
Einführung. Aus einer Anleitung zum Leben im Ungewissen
IWarten auf Godot. Die Anzeichen für das Entlieben
1Der Streit
2Die Langeweile
3Das Schweigen
IIAuf der Suche nach der verlorenen Zeit. Von der Bindung zur Ablösung
4Die Enttäuschung
5Die Distanz
6Die Ablösung
IIIGefährliche Liebschaften. Treuebruch in der Liebe
7Die Untreue
8Die Lüge
9Das Leben ändern
IVLeerräumen. Das Subjekt des Entliebens
10Das Gefühl der Einsamkeit, des Verlassenseins
11Die Gewalt
12Der Zorn
13Der Hass
14Die Schuldgefühle
15Das Subjekt in der Krise
VAnleitung zum Entlieben. Wie kann man besser leben?
16Anleitung zum Stoizismus, Anleitung zum Leben
17Trauer und Melancholie
18Die soziale Unterstützung
Postskriptum. Partnerwechsel oder Paradigmenwechsel in der Liebe
Aus einer Anleitung zum Leben im Ungewissen
Du kannst nicht sagen, dass du erstaunt bist, obwohl du es bist. Du bist wie vom Blitz getroffen, vom Donner gerührt. Was dich verblüfft, ist die Weise, wie es gekommen ist, diese Art Verkettung, bei der du dir als das schwache, vielleicht sogar als das fehlende Glied vorkommst.
Camille Laurens, Es ist ein Mädchen. Aus dem Französischen von Lis Künzli. München: dtv 2022, S. 247.
Entlieben ist ein Mysterium; es ist ein Wort, das man kaum über die Lippen bringt oder nur widerwillig, voller Bedauern. Seit jeher spricht man von Liebe. Liebe gilt als Wert an sich. Eigensinnig besteht man auf Liebe. Stets hat man gute Gründe zu lieben: »sonst«, »besser als«, »trotz allem«. Liebe lässt sich auf vielfältige Weise ausbuchstabieren: vom Ereignis der ersten Begegnung, über ihre vermeintliche Ewigkeit und ihre Nähe zu Verlangen und Glück, bis hin zur heftigen, herzzerreißenden und hoffnungslosen Leidenschaft, wofür im Deutschland des Sturm und Drang der Selbstmord des jungen Werther steht. Sie kann ein normales Leben ermöglichen, aber auch das absolute Skandalon bewirken, sofern es keine Übereinstimmung zwischen dem liebenden Subjekt und dem geliebten Objekt gibt. Im Wort »Entlieben« hört man zunächst die »Liebe« heraus. Und erst danach, wenn das »ent-« im Ohr nachhallt, kommt einem das Missliebige in den Sinn: das Ende der Liebe.
Barthes verfasste die Fragmente einer Sprache der Liebe, die mich begleitet haben, während ich beharrlich weiter über die Worte »Entlieben« [desamour] und »sich entlieben« [desaimer] schrieb. Um Fragmente handelt es sich insofern, als sie weder eine Definition noch eine Philosophie der Liebe liefern. Wenn man in die Liebe zu viel Ordnung bringe, mache man aus ihr ein Monster. Bei einem solchen Gegenstand komme man mit Logik nicht weiter. Sei’s drum. Barthes beschreibt Figuren, die man nicht einordnen, anordnen oder zu einem Zweck zusammenführen könne. Liebe sei »nicht verhandelbar«.[1] Es werden eher Äußerungen als Analysen geboten. Aus den Stimmen, den Worten, die das liebende Subjekt angesichts eines anderen (des geliebten Objekts) äußert, welches seinerseits nicht spricht, entsteht eine Beschreibung. Von Barthes inspiriert, wollte ich das Entlieben beschreiben; ich begreife es als einen Weg, auf dem ein Subjekt erlernen kann, nicht mehr zu lieben, sich also aus einer Bindung zu befreien und zur Ablösung zu gelangen. Dem Begriff »Figur« ziehe ich den der »Szene« vor. Hier folgen einige.
Zwei junge Leute durchleben eine Liebesgeschichte. Eine/r von beiden entscheidet sich urplötzlich, diese Beziehung abzubrechen, während die/der andere dazu nicht bereit ist, Erklärungen verlangt und alle Möglichkeiten durchgeht, damit die Idylle fortdauern möge. Kummer, Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit und der Wunsch zu sterben signalisieren, wie dringlich es wäre, sich zu entlieben, den Mangel, den Verlust zu begreifen, ohne in dem Gefühl der Niederlage unterzugehen.
Ein Paar mit Kindern lebt seit Langem schon zusammen. Eine/r betrügt den/die andere/n, ohne etwas zu sagen. Aber die Lüge fliegt auf. Die ganze Maschinerie wird in Gang gesetzt: Trennung, Scheidung und neue Lebensformen. Wie soll man sich nach so vielen Jahren entlieben, in denen alles gemeinsam war? Gab es noch Liebe, Zärtlichkeit oder nur Gewohnheit, Streitereien, einen Anflug von Hass und Entfremdung?
Ein Schriftsteller, der in seiner Muttersprache schreibt, muss ins Exil gehen, weil er in seinem Land nun als unerwünscht gilt, als zu politisch und damit gefährlich für ein totalitäres Regime, das die Verbreitung demokratischer Ideen verhindern will. Selbst wenn er weiterhin in derselben Sprache schreibt, muss er lernen, sich von seinem Land, den Regierenden und den Institutionen, die es verändert und zu einem Gefängnis gemacht haben, emotional zu lösen, sich zu entlieben.
Niemand möchte die Erfahrung machen, dass Liebe vergeht. Und doch sind wir in bestimmten Momenten unserer Existenz dazu gezwungen; es ist, als stünden wir plötzlich vor einer Mauer – ohne die Möglichkeit umzukehren. Sich zu entlieben ist eine harte Prüfung, die die Abwesenheit des geliebten Objekts und das unauslöschliche Empfinden von Verlust oder Mangel in den Vordergrund rückt. Ebenso universal wie die Liebe ist auch das Entlieben; gleichwohl möchten wir es weder erleben noch davon berichten. Es gibt keine Geschichten über das Entlieben oder nur solche, die hinter vorgehaltener Hand und im Flüsterton mitgeteilt werden. Denn das Ende der Liebe gründet in dem, was uns wehtut, uns beschädigt. Wenn die Notwendigkeit oder gar der Imperativ zur Ablösung offenkundig wird, ist der/die andere schon fort oder gilt als verschollen; die ganze menschliche Gemeinschaft und darüber die aller Lebewesen scheint verloren. Ich bleibe allein mit meiner Seelenqual, meinem Leiden, meiner Schuld, meiner Wut oder meinem Hass. Von all dem möchte ich berichten.
Entlieben bahnt einen Weg – mehr noch: setzt einen Prozess in Gang. Was für eine Bedeutung kann Entlieben für unsere heutige Lebensweise, in der Liebe ein Gebot und sexuelle Erfüllung eine Notwendigkeit ist, wohl haben? In dem Roman L’Inconduite [Schlechtes Benehmen, Unmoralischer Lebenswandel] schildert Emma Becker den enormen Überdruss an all den Liebesgeschichten, die sie, um sich ihre Freiheit zu beweisen, zur gleichen Zeit durchlebt, während sie als Familienmutter mit ihrem Lebensgefährten eine Wohnung teilt. Über den Fellatio-Überdruss schreibt sie: »Ein Ekel hat mich ergriffen, kein organischer, sondern der Ekel des Entliebens.«[2] Aber wird einem beim Entlieben lediglich speiübel angesichts eines Übermaßes an Sexualität, das unserer Hypermodernität geschuldet ist?
Sicher, sich zu entlieben ist nichts Neues. Ovid schrieb zu Beginn der christlichen Ära eine Kunst des Liebens [ars armatoria], der er ein Jahr später die Kunst des Entliebens [remedia amoris] folgen ließ. Mit seiner Konstruktion von Parallelen hat er recht.[3] Sich in der Kunst des Entliebens zu üben ist genauso unerlässlich wie in der Kunst des Liebens. Es ist sogar notwendig, um erfolgreich durchs Leben zu kommen. Nicht mehr zu lieben bedeutet, von einer Bindung, einer Leidenschaft, einer für Körper und Seele intensiven Lebensweise zu genesen. Zugegeben, Ovids Rezepte richten sich in Sachen Liebe vor allem an männliche Novizen, und Frauen werden weitgehend übergangen. Aber selbst wenn die Kunst des Entliebens die Kehrseite der Kunst des Liebens ist, so lässt sie sich, so schreibt er, weit schwieriger praktizieren. Sich zu entlieben bedeute, von einer Liebe zu genesen, die nicht mehr innig war.
Bei Ovid findet sich keinerlei idealistische Sicht auf die Liebe. So wie man zu lieben lerne, müsse man auch lernen, sich zu entlieben. Die Kunst zu lieben oder sich zu entlieben hängt von der jeweiligen Kultur, Arbeit und Begabung ab. Sie bringt eine Art Feinfühligkeit hervor, eine mehr oder minder entwickelte Fähigkeit, sich in einer gegebenen Situation von den eigenen Gefühle leiten zu lassen. Vielleicht ist sie eine Form des Willens. Die Kunst, nicht mehr zu lieben, führt nach Ovid, wie jene des Arztes, zur Genesung. Gibt es nicht einen Moment, in dem die Liebe zur Krankheit wird und der Behandlung bedarf, eben weil sie nicht mehr auf Gegenseitigkeit beruht und einen in Kummer und Verzweiflung stürzt? Nicht mehr zu lieben wäre dann eine Form, wieder Gesundheit zu erlangen, die Verletzung zu überwinden oder die klaffende Wunde zu schließen.
Allerdings ist es nicht sicher, ob es sich dabei um eine Kunst handelt, denn Kunst ist eine produktive Tätigkeit (poiesis) auf der Grundlage eines Ensembles von Regeln und Methoden, die es zu beachten gilt. In der Kunst spielen Fähigkeit, Talent, Begabung eine Rolle. Aber das Entlieben beginnt mit einem Leben, in dem das Subjekt quasi nackt, ausgeplündert, übel zugerichtet ist. Kann man an Kunst denken, wenn es darum geht, nicht in den Abgrund zu stürzen? Können Andromache oder auch Antigone, die sich von den Toten (egal ob es sich dabei um den Ehemann Hektor oder den Bruder Polyneikes handelt) lösen müssen, wirklich eine Kunst des Entliebens entfalten, nach Regeln, Etappen und in einer Art Selbstbestimmtheit oder Virtuosität? Gewiss nicht unter den kriegsbedingten Umständen, die harmonische Liebesbeziehungen unmöglich machen und in denen die Sieger ihr Gesetz den Besiegten aufzwingen. In der Zeit des Entliebens herrscht eine Verstörtheit vor, die künstlerische Virtuosität verhindert. Oder sollte die Kunst hinlänglich arm, unruhig, vollkommen unbestimmt und von Nicht-Kunst oder dem Alltagsleben durchdrungen sein, wie Jacques Rancière es für unsere zeitgenössische Welt diagnostiziert?[4]
In diesem Buch geht es nicht um einen modus operandi des Entliebens, wie Ovid ihn darlegt. Dieser Text beginnt bescheiden mit einer phänomenologischen Beschreibung, die zu einer Anleitung zum stoischen Leben führt. Die Arbeit an Emotionen und Vorstellungen ist von grundlegender Bedeutung, wenn man sich von einer Liebe verabschieden muss. Eine Kunst? Eher ein Prozess, eine Askese, ein Weg der Reflexion, der dem sehr ähnelt, was Carol Gilligan über Betty und Sarah sagt, als diese die Entscheidung treffen müssen, ob sie abtreiben oder nicht: »Ebenso wie Sarah ist auch Betty ein Beispiel dafür, daß Krisen ein Potential für Entwicklungsschritte enthalten, und ihr Fall zeigt, daß die Anerkennung einer Niederlage zur Entdeckung eines neuen Weges führen kann.«[5] Es ist keineswegs sicher, ob Entlieben als Niederlage verstanden werden muss, auch wenn es häufig so empfunden wird. Vielmehr handelt es sich um eine vom Leben auferlegte Prüfung. Von Szenen zu berichten, in denen sich Subjekte von einer Liebe lösen, heißt, das Erlebte anzuerkennen, zu benennen und zu beschreiben, was häufig und glücklicherweise zu neuen ethischen und politischen Formen führt.
Dieses Buch stützt sich auf eine Vorentscheidung. Entlieben gehört in die Domäne subjektiver Erfahrungen; es wird daher die Ich- oder Wir-Form verwendet. Das Objekt des Entliebens (»Du« oder »er« oder »sie«) kommt nur selten zu Wort. Gesprochen wird stets von einem oder von mehreren Standpunkten aus; diese sind jedoch gleichermaßen Facetten des Subjekts oder des Ichs, jenes dem Theater vergleichbaren und mannigfaltigen Ichs, das Hume analysiert hat.[6]Um die Erfahrung des Entliebens zu verschriftlichen, lassen sich nur Bausteine verschiedener Herkunft zusammenstellen; damit folgen wir erneut dem, was Roland Barthes in den Fragmenten einer Sprache der Liebe[7] getan hat, ersetzen die Sprache der Liebe allerdings durch die des Entliebens.
Die Bausteine stammen zunächst aus Filmen und Büchern, mit denen ich mich hartnäckig und beharrlich beschäftigt habe, zumal aus solchen, die vom Entlieben erzählen und die ich mir aus diesem Anlass vorgenommen habe. Dann findet sich manches aus der Philosophie, mit so unterschiedlichen Referenzen wie Epiktet, Spinoza, Alain Badiou oder bell hooks. Ebenso Eingang fanden psychoanalytische Theoreme – von Sigmund Freud, John Bowlby, Melanie Klein, über Jean-Bertrand Pontalis bis hin zu Jacques Lacan, vermittelt über Jean Allouch. Und natürlich Gespräche mit Freunden. Schließlich gibt es noch das, was aus meiner eigenen vergangenen und gegenwärtigen Existenz stammt, aus meinen eigenen Erfahrungen als ein vom Entlieben beschädigtes Subjekt. Zentral ist dabei die bohrende, existentielle und philosophische Frage: Wie entkommt man dieser Situation? Wie begegnet man dieser »nicht verhandelbaren« Erfahrung, in der man gleichwohl handeln muss, die es zu bezwingen, umzuwandeln gilt? Man stößt an Grenzen. Man kann erneut das aufblättern, was Barthes eine Argumentation, ein argumentum nennt und was ich lieber als Geschichten bezeichnen möchte, in denen hier eine Erläuterung, dort ein kleines Drama, ein Bericht oder eine Bestandsaufnahme Gestalt annimmt.[8]
Diese Geschichten – das argumentum – beginnen mit einer Beurteilung des Zustands, einem Bericht über die Anzeichen für Entlieben, dessen Verlauf – vom Streit über die Langeweile zum Schweigen – nachgezeichnet wird. Sie setzen sich fort mit dem, was sich generell vollzieht: mit dem Übergang von der Bindung zur Ablösung, dieser Ent-Bindung, die von der panischen Angst vor dem »Ent-« begleitet wird. Aber Entlieben geht auch mit der Entdeckung einher, wie groß die Entzweiung in der Bindung bereits ist: Untreue, Lüge, die Notwendigkeit, das Leben zu ändern. Das Subjekt, das sich entliebt, steckt in einer Krise, ist Beute eines mächtigen, aber instabilen emotionalen Zustandes (des Gefühls der Einsamkeit, der Gewalt, der Wut, des Hasses, der Schuld). Aber bedeutet Entlieben am Ende des Weges nicht doch, wieder aufzuleben, über Figuren seine eigene Anleitung zur Rückkehr ins Leben hervorzubringen? Den Stoizismus einer beruhigten Seele zu erlangen, die Verlust, Trauerarbeit, Melancholie und soziale Unterstützung aufzugreifen weiß und sich so mit einer Gemeinschaft neu verbindet?
Auch wenn Barthes das in seiner Figuren- und Sprach-Obsession abgelehnt hätte, habe ich mich dafür entschieden – und dazu stehe ich –, ein Postskriptum zu verfassen, das an einer Charakterisierung der Liebe jenseits ihrer Figuren (und im Namen der Parallele von Lieben und Entlieben) anknüpft. Was, wenn am Ende Entlieben darauf hinausliefe, nicht nur eine Liebe auszutauschen, sondern gar die Liebe zu verändern (was recht eigentlich ein revolutionäres Programm wäre)?
1Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe. Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen. Unveröffentlichte Figuren. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984 und 2015, S. 19. Vgl. auch S. 25.
2Emma Becker, L’Inconduite. Paris: Flammarion 2022, S. 57.
3»Kommt, hört meine Lehren, ihr jungen betrogenen Männer / die ihr Liebesbegehren täuschte auf jegliche Art. / Lernt zu gesunden durch ihn, durch den zu lieben ihr lerntet; / eine Hand bringt euch Wunde und Hilfe zugleich.« Publius Ovidius Naso: Remedia amoris – Heilmittel gegen die Liebe. Lateinisch / Deutsch, übersetzt und hg. von Niklas Holzberg. Stuttgart: Reclam 2011, S. 9.
4Vgl. Jacques Rancière, Das Unbehagen in der Ästhetik. Aus dem Französischen von Richard Steurer-Boulard. Wien: Passagen 2016.
5Carol Gilligan, Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Stein. München: Piper 1988, S. 152.
6»Es gibt einige Philosophen, die sich einbilden, wir seien uns dessen, was wir unser Ich nennen, jeden Augenblick aufs unmittelbarste bewusst; wir fühlten seine Existenz und seine Dauer; wir seien sowohl seiner vollkommenen Identität als seiner Einfachheit – in höherem Grade, als wir es durch Demonstration werden könnten – [unmittelbar] gewiß.« David Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur. Teilband I, Buch I: Über den Verstand. Auf der Grundlage der Übersetzung von Theodor Lipps neu herausgegeben von Horst D. Brandt. Hamburg: Meiner 2013, Vierter Teil, 6. Abschnitt, S. 307; vgl. auch S. 309.
7»Zur Konstitution dieses liebenden Subjekts sind Bruchstücke verschiedensten Ursprungs ›montiert‹ worden. Da ist, was sich aus einer systematischen Lektüre ergeben hat, der des Werther. Da ist, was aus wiederholter Lektüre hervorgegangen ist (das Symposion von Plato, Zen-Texte, die Psychoanalyse, manche Mystiker, Nietzsche, die deutschen ›Lieder‹). Das ist, was aus der Gelegenheitslektüre stammt. Was aus der Unterhaltung mit Freunden stammt. Da ist schließlich, was aus meinem eigenen Leben stammt.« Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, a. a. O., S. 25.
8Vgl. ebd., S. 21.
WLADIMIR Warten wir ab, was er uns sagen wird.
ESTRAGON Wer?
WLADIMIR Godot.
Samuel Beckett, Warten auf Godot. Übersetzt von Elmar Tophoven.Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1971, S. 49.
Dass die Liebe schwindet, spürt man nicht, sieht man nicht kommen – man will es nicht wahrhaben, genausowenig wie Wladimir und Estragon es wahrhaben wollen, dass Godot nicht kommen wird. Man harrt aus; stets überdeckt man die fehlende Liebe mit Anhänglichkeit, Erinnerungen, Emotionen oder der Pflicht, die Schicksale miteinander in Einklang zu bringen. Oder vielmehr: Es gibt Liebesbeziehungen, aber auch Freundschaften, in denen jeder sich unmerklich vom anderen entfernt, bis hin zu einem Ende, zu dem niemand sich wirklich bekennt. Wir wollen eigentlich nicht wissen, was geschieht. Das sind Erfahrungen, die in Lähmung, unendliche Traurigkeit, Erschöpfung, Hass dem anderen gegenüber, mitunter aber auch in Gleichgültigkeit münden. Was dann abstirbt, ist die Liebe, von der wir träumen und der wir seit unserer Jugend einen absoluten Wert in unserem Leben beigemessen haben. Und das gilt besonders für die Frauen, denen immer noch von klein auf beigebracht wird, dass sie nach dem Märchenprinzen suchen müssen: Frauen ohne Verehrer sind keine richtigen Frauen …
Zwar bringt die Frage des Geschlechts Unterschiede zum Vorschein, die wir durchleuchten müssen; doch steht dahinter die noch allgemeinere: Wie kann es uns gelingen, uns zu entlieben, wenn doch die Ordnung des Begehrens uns dazu drängt zu lieben? Wie kann eine Beziehung in der Trennung von Personen enden, die an die Liebe geglaubt haben? Wie nennt man diesen Moment, in dem wir unseren vergangenen Träumen und unseren Illusionen nachweinen? Wenn wir so kühl wie möglich über diese Erfahrung der Körper nachdenken, die sich nicht mehr treffen, so stoßen wir auf ein Vorspiel: das des voranschreitenden Auseinanderklaffens von Welten und der unversöhnlich werdenden Unstimmigkeiten. Diesen Verlauf möchte ich darlegen.
Tagtäglich halten wir die Illusion von Liebe lebendig – in vielerlei Gestalt. Wir sind süchtig nach Liebe oder Sexualität, vielleicht nach beidem. Da ist zunächst der Glaube an die leidenschaftliche Liebe – wie in den Geschichten von Tristan und Isolde oder Romeo und Julia, in denen die Liebenden in den Tod getrieben werden. Da ist auch die Instanz Gottes, also die Bedeutung der Religion und die Vorstellung, dass Liebe auf die eine oder andere Weise ewig sei. Da ist weiterhin die Boulevardpresse, die uns von Liebe auf den ersten Blick, von romantischen Liebesgeschichten zwischen berühmten Personen erzählt. Und all dies, als ob die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einem Geschlecht oder einer Ethnie keine Rolle spielen würde. Uns wird gesagt, das Liebesleben sei intensiv, es lasse ein Gefühl von Ewigkeit aufkommen, das die Rastlosigkeit des Alltags unterbreche und uns, begleitet von einer kleinen Melodie, die Welt leichter, erträglicher mache. Trotzdem wissen wir, dass Liebe auch eine soziale Verpflichtung, eine Sucht ist, und seit sich Liebe notwendig auf Sexualität reimt, wird sie zu einem allumfassenden Monster, einem totalen gesellschaftlichen Faktum, das alle Teile unseres Lebens, vom Körper bis zur Seele, umfasst und vereinnahmt. Sexualität ist mehr denn je eine Politik zusammengefügter Körper, die sich wieder voneinander lösen lassen. So reichen sexuelle Unvereinbarkeiten aus, um das Ende der Liebe einzuläuten, wenn diese ganz auf Erotik reduziert wurde. Lacan kommt das Verdienst zu, dem nicht zuzustimmen, wie Jean Allouch unterstreicht.[1]
Aber wer glaubt noch daran, dass die leidenschaftliche Liebe der Schlüssel zum Glück ist oder dass die Sexualität und ihre Erotisierung ausreichen, damit die Liebe Bestand habe? Ist das Wort »Liebe« nicht eine extreme Mystifikation, während Paare sich gegenseitig zerfleischen, sich die Dating-Websites vervielfachen, um allen möglichen Anforderungen gerecht zu werden, hinter heterosexuellen Paaren geschützte Triebtäter zum Vorschein kommen und Homosexualität sowie Trans-Identitäten Objekte der Diskriminierung oder des Hasses bleiben?
Ist die leidenschaftliche Liebe nicht eine Illusion, die wir aufrechterhalten, eine Realitätsverleugnung, die uns von Kindheit an mit Hilfe von mythologischen Geschichten und Märchen eingetrichtert wird? Eine Illusion kann jedoch dazu führen, dass wir jegliche Orientierungspunkte verlieren und die Landung äußerst gefährlich wird. Diese Illusion von der leidenschaftlichen Liebe wird heutzutage vom Kapitalismus verstärkt, der unser Innenleben zu einem boomenden Markt macht, auf dem Freiheit und Vergnügen glorifiziert werden.[2] Auf das Liebesglück wie auch auf das damit einhergehende unvermeidliche Liebesleid gibt es marktwirtschaftliche Antworten.
Die Illusion wird so unablässig wiederbelebt, produziert und reproduziert, dass wir oft die Vorboten der endenden Liebe nicht wahrnehmen, die uns dazu veranlassen würden, das Entlieben, das Weniger an Liebe zu benennen. Die Illusion lebt weiter, verheerend, jegliche Veränderung verleugnend.
Illusion bedeutet auch Täuschung; das lateinische illudere meint »mit jemandem sein Spiel treiben«, »jemanden zum Narren halten«. Die Illusion treibt ihr Spiel mit uns, denn sie ist eine Maschine, die den Wahrnehmungsfluss auf abwegige Weise umdeutet. Anders als der Irrtum nistet sich die Illusion ein. Ein Fehlurteil kann durch eine Wahrheit, die zutage tritt, berichtigt werden. Eine Illusion schwindet nur dann, wenn der Glaubensmechanismus zerbirst. Die Zeit der Illusion scheint endlos.
Wir verfallen leicht der Illusion. Wir haben nicht die Mittel, die Verzerrung, die sie zwischen den Sinnen und dem Verstand in Gang setzt, zu beenden. Die griechischen Skeptiker haben eine Methode vorgeschlagen, gegen Illusionen anzukämpfen: sich auf einfache Urteile über die äußeren Erscheinungen zu beschränken, ohne außer Rand und Band zu geraten;[3] das aber heißt, dass man das Modell nicht auf die Liebe übertragen kann, die uns auf Teufel komm’ raus mit Bildern und Worten wie »Ich liebe Dich«, »Du bist einzigartig« und »1 und 1 macht 1« usw. füttert. Für die modernen Subjekte, die wir sind, bleiben die Illusionen bestehen. Jenseits der einfachen Urteile über die äußeren Erscheinungen existiert eine Disziplinlosigkeit des Geistes, die sich von der Falschheit des eigenen Gedankenganges leiten lässt. Dieser Gedankengang produziert eine Erzählung, die jeglichen Bezug zum sinnlichen Inhalt verliert. Auf diese Weise kann man die Sinne und die Vielfalt des Sinnlichen ausklammern. Der Geist seinerseits erfindet eine Geschichte, die ständig von der großen Erzählfabrik erneuert wird. Er braucht sie in einer Welt, in der die Liebe Glück, Gesundheit und sozialen Frieden bringen soll. Wahrnehmungen und Emotionen verlieren dabei ihre Kraft. Sie werden im Dienste der großen Liebeserzählung verdreht oder gar ausgelöscht. Gleichwohl gibt es Illusionszerstörer. Wir haben gelernt, Liebesbeziehungen zu dekonstruieren: King Kong Theorie von Virginie Despentes, Die Einwilligung von Vanessa Springora oder auch Verrückt nach Vincent von Hervé Guibert – diese Texte warnen uns vor der Gewalt der Illusion, den Machtmissbräuchen, den dadurch hervorgebrachten Traumata und den endgültigen Abschieden.
Gleichwohl klammern wir uns an etwas, von dem wir wissen, dass es eine Illusion ist; wir wollen die Vorboten des Entliebens nicht wahrnehmen, wenn sie eine Beziehung unterhöhlen. Und wenn wir die Zeichen nicht bemerken, riskieren wir viel, denn Desillusionierungen sind bitter und schwer zu akzeptieren. Sie tun sehr weh, hinterlassen in uns Verwerfungen und vielfältige Verletzlichkeiten, die uns immer wieder heimsuchen und Veränderungen unmöglich machen.
