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Außergewöhnliche Etappensieger der Tour de France Eine Etappe beim wichtigsten Radrennen der Welt zu gewinnen, ist der heilige Gral des Radsports und bedeutet ewigen Ruhm. Jeder Profi träumt davon, aber nur wenigen gelingt es tatsächlich. In diesem Buch erzählt Thomas Olsthoorn die Geschichten von denkwürdigen Etappensiegern der letzten zehn Jahre. Der Radsport-Journalist stellt männliche und weibliche Bergziegen, Sprinter, Domestiken und Spitzenfahrer aus Deutschland, den Niederlanden oder Belgien vor. Darunter befinden sich mit Marcel Kittel, Christophe Laporte, Thomas De Gendt, John Degenkolb, Mathieu van der Poel, Annemiek van Vleuten, Fabio Jakobsen und Marianne Vos echte Hochkaräter aus dem internationalen Fahrerfeld. Wir treffen aber auch auf weniger bekannte Namen bzw. Athleten, die buchstäblich einen weiten Weg zurücklegen mussten, um ihren Moment des Ruhms in Frankreich zu erleben. - Etappensieger der Tour de France und ihr Weg dahin - Spitzenfahrer aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Belgien Das wichtigste Radrennen der Welt uns seine Helden Ein Blick hinter die Kulissen der Tour de France, der die ganze Härte der Rundfahrt offenbart und wie ihre Protagonisten den Trubel erleben.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2024
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THOMAS OLSTHOORN
AUSSERGEWÖHNLICHE ETAPPENSIEGER DER TOUR DE FRANCE
Aus dem Niederländischen von René Stein
VORWORT
LARS BOOM
MARCEL KITTEL
HUGO HOULE
MARIANNE VOS
SIMON CLARKE
CHRISTOPHE LAPORTE
FABIO JAKOBSEN
DYLAN TEUNS
MIKE TEUNISSEN
JOHN DEGENKOLB
ANNEMIEK VAN VLEUTEN
THOMAS DE GENDT
DARYL IMPEY
MATHIEU VAN DER POEL
Es ist der Traum eines jeden jungen Radrennfahrers, der nur etwas Ehrgeiz besitzt: eines Tages an der Tour de France teilzunehmen. Ihre reiche Geschichte, das berühmte Gelbe Trikot und die enorme Öffentlichkeitswirkung und Anziehungskraft machen die „Grand Boucle“ zum attraktivsten Rennen im Jahreskalender. Nicht nur in Europa – der Wiege dieses Sports –, sondern in allen Teilen der Welt. Jeder kennt die Frankreichrundfahrt. Nicht umsonst lautet die am häufigsten gestellte Frage wildfremder Menschen, die das Glück haben, mal live auf einen Radprofi zu treffen: „Schön, dass Sie den Radsport zu Ihrem Beruf gemacht haben, aber so richtig zählt man erst etwas, wenn man die Tour gefahren ist, oder?“
Eine Einstellung, die im Peloton von vielen prominenten Fahrern und auch anderen Experten geteilt wird, lautet: Man ist erst dann ein richtiger Fahrer, wenn man nach drei Wochen dieser furchtbaren Schinderei Paris erreicht und auch die letzten – und immer noch ziemlich anstrengenden – Runden auf den Champs-Elysées hinter sich gebracht hat.
Diese Rundfahrt bis zum Ende durchzustehen, ist das eine. Aber eine Etappe zu gewinnen, ist noch einmal etwas ganz anderes und eine Leistung, die jeden Sommer nur einer Handvoll Fahrern gelingt. Von den 176 Teilnehmern, die sich vor der ersten Etappe mit Unterschrift in die Starterliste eintrugen, gelang es in den letzten Jahren jeweils zwischen 13 und 17 Fahrern – die Spitzenkräfte können oftmals mehr als nur einen Etappensieg für sich verbuchen –, mit zum Jubel erhobenen Händen über den Zielstrich zu fahren.
Für jeden Fahrer ist ein Sieg in Frankreich der Höhepunkt – zumindest einer der Höhepunkte – während einer Saison. In einigen Fällen ist es die Frucht jahrelanger Arbeit, etwa bei einem Sprinter, der lange Zeit darauf hingearbeitet hat, sich an die Spitze seiner Zunft vorzukämpfen. Aber es kann genauso völlig überraschend kommen, wie etwa bei einem Bergfahrer, der nach dem wer weiß wievielten Versuch endlich mal den Sieg davonträgt. Und für einen Fahrer, der nur von Zeit zu Zeit mal erfolgreich ist, kann ein solcher Etappensieg die Krönung der gesamten Karriere bedeuten.
Und gleichzeitig ist so ein Etappensieg viel mehr als nur ein ruhmreicher Eintrag in die Annalen der Tour. Radrennen ist ein knallhartes Business, bei dem Leistung abgeliefert werden muss. So ein Sieg auf der allergrößten Bühne kann das heiß ersehnte Ticket für einen neuen oder besseren Vertrag sein. Oder noch schöner: die Unterschrift bei einer großen Equipe.
Dennoch bleiben nicht alle Etappensieger im kollektiven Gedächtnis präsent. Ruhm ist schließlich vergänglich, und die Rennräder rollen immer weiter, auch nach der Tour. Sechs Tage nach dem Zieleinlauf auf den Champs-Elysées steht ein Teil des Pelotons schon wieder im Baskenland bei der Clásica San Sebastián am Start. Und einige der Fahrer haben sich zuvor bereits wieder bei Kriterien-Rennen in den Niederlanden oder Belgien gezeigt.
Als Mike Teunissen im Winter 2022/23 von Jumbo-Visma zu Intermarché-Circus-Wanty wechselte, wussten viele seiner Kollegen nicht mehr von ihm, als dass er beim Grand Départ in Brüssel den Prolog gewonnen und damit gleichzeitig das Gelbe Trikot erobert hatte – ein Erfolg, der schon dreieinhalb Jahre zurücklag.
Von daher besteht dieses Buch aus Geschichten über Etappensieger und Etappensiegerinnen(!) aus der jüngeren Tour-Vergangenheit, die entweder noch aktiv sind oder ihre Karriere gerade beendet haben und in der letzten Dekade einen erinnerungswürdigen Tag in Frankreich erlebt haben. Einige kommen aus den Niederlanden, einige aus Deutschland, andere wiederum von weit her und von fernen Kontinenten. Sie hatten buchstäblich einen langen Weg vor sich, um sich überhaupt im europäischen Radsportzirkus durchzusetzen und sich die Sporen für einen Start bei der Grand Boucle zu verdienen. Auf ihrem Weg zum Erfolg sahen sie sich auch mit Hindernissen und Rückschlägen konfrontiert: Zweifel, Formkrisen, Stürze, Blessuren und private Belastungen.
Fabio Jakobsen hat es nach seinem Etappensieg bei der Tour de France 2022 sehr treffend beschrieben: „Wenn es leicht wäre, würden viel mehr Menschen eine Tour-Etappe gewinnen. Aber es ist niemals einfach, auf dieses Niveau zu kommen – und dann auch noch zu gewinnen. Alle Fahrer und Fahrerinnen, denen es gelingt, ihren Namen unter eine Etappe zu setzen, bringen ihre ganz persönliche Geschichte mit.“
Eine Auswahl von solchen Geschichten wird in diesem Buch vorgestellt. Einige Gewinner werden wahrscheinlich noch lange in Erinnerung bleiben, während andere möglicherweise schon wieder in Vergessenheit geraten sind. So schnell kann es gehen, bei der Tour allemal, steht doch am Folgetag bereits eine neue Etappe an und damit auch wieder ein neuer Etappensieger.
TANZ AUF DEM KOPFSTEINPFLASTER
Im Bus vom Team Belkin herrschte Stress, und das nicht zu knapp. Die Fahrer schlugen sich mit Beinlingen, Überschuhen und den diversen Kleidungsstücken herum, die sie bei der aktuellen Wetterlage am sinnvollsten überstreifen konnten. Unterdessen gab es unter ihnen und mit der Teamleitung eine Diskussion darüber, ob es besser sei, auf Reifen mit einer Breite von 28 Millimetern zu setzen oder die etwas breiteren 30er zu wählen. Während er seine Teamkollegen dabei beobachtete, wie sie an ihren Jacken herumhantierten, rieb sich Lars Boom Beine, Gesäß und Rücken mit einer Salbe ein, die dafür sorgen sollte, dass diese Körperteile später im Rennen warm bleiben würden. Er wollte sich nicht vorab unnötige Schichten überstreifen, die er später im Rennen ohnehin wieder ausziehen müsste.
Schon seit Tagen gab es innerhalb des Teams nur ein Gesprächsthema, nämlich die Wetterbedingungen an diesem Mittwoch, dem 9. Juli 2014. Die Tour de France hatte dieses Jahr nicht in Frankreich, sondern in England begonnen, wohlgemerkt. Aber sie alle waren vollauf mit der fünften Etappe von Ypern nach Arenberg beschäftigt, vor allem mit den Kopfsteinpflasterpassagen in der zweiten Hälfte. Für die Klassementfahrer im Peloton war dies die Etappe schlechthin, die es zu beachten galt: Hier konnte die Tour verloren gehen, bevor auch nur ein einziger bedeutender Berg erklommen worden war.
Mit Bauke Mollema und Laurens ten Dam hatte Team Belkin zwei Spitzenfahrer in seinen Reihen, die wie im Vorjahr eine gute Platzierung anstrebten. Das niederländische Team wollte das Minenfeld der Kopfsteinpflasterabschnitte so gut es ging überstehen, aber auf dem unberechenbaren Pavé war alles möglich. Fehler oder Unachtsamkeiten führten schnell zu Stürzen oder Zeitverlusten, und genau das sorgte für die hohe Anspannung und Nervosität.
Boom hingegen war entspannt. Im Gegensatz zu vielen seiner Teamkollegen hatte er in den letzten Tagen nicht ständig die Wettervorhersage gecheckt; als ehemaliger Querfeldein-Fahrer hatte er sich diese Macke längst abgewöhnt. Beim Cyclocross ändert sich der Untergrund sehr schnell, wenn die Fahrer Runde um Runde auf demselben Parcours drehen und damit den Boden mürbe und aus ihm einen besseren Acker machen. Es hatte also keinen Sinn, sich schon Tage im Voraus den Kopf zu zerbrechen. Boom hielt das für reine Energieverschwendung. Sein Stil war es, die Ruhe zu bewahren, abzuwarten und zu sehen, wie die Bedingungen am Tag selbst sein würden, und dann so gut wie möglich damit umzugehen.
Allein eine Schwellung an der Hüfte machte ihm etwas zu schaffen, die er sich bei einem Sturz im Finale der dritten Etappe in London zugezogen hatte. Diese Verletzung hatte er seinem Teamkollegen Stef Clement zu verdanken, der in einer Kurve zu spät abgebremst und bei seinem Sturz ein paar Männer mitgerissen hatte. Boom war über die Aktion seines Teamkollegen nicht gerade erfreut gewesen. Auch für ihn zählte der bevorstehende fünfte Tagesabschnitt zu den Schlüsseletappen. In der Tat war es für den aus dem niederländischen Brabant stammenden Fahrer der wichtigste Tag der Tour. Als Klassikerspezialist war ihm diese Etappe auf den Leib geschneidert und bot eine große Chance für einen persönlichen Erfolg. Glücklicherweise stand bereits nach der dritten Etappe wegen des Transfers von England nach Frankreich ein Ruhetag an. Auf der vierten Etappe durfte sich Boom dann ein bisschen ausruhen, um Energien zu sparen und sich vollständig zu erholen.
Aber das war nun Vergangenheit, und er bereitete sich auf den bevorstehenden Höllenritt vor.
Trotz all dem Stress im Bus, der deutlich zu spüren war, befand sich Boom in seiner eigenen Welt. Nachdem er sich umgezogen und seinen Kollegen noch ein paar letzte Tipps in Bezug auf den Reifendruck gegeben hatte, beschloss er, der Hektik für eine Weile den Rücken zu kehren. Boom stieg aus dem Bus und ging zu seiner Frau, die mit ihren beiden Töchtern und seinen Eltern zum Startort der Etappe angereist war. Einfach nur kurz Hallo sagen und sie umarmen, das würde ihm guttun.
Egal, wie schlecht das Wetter war, ihm selbst schien gerade die Sonne; genauer gesagt: Seit er an diesem Morgen aufgestanden war und die Vorhänge beiseitegeschoben hatte. Zu seiner großen Freude regnete es in Strömen, und auf den Straßen sammelte sich das Wasser in Pfützen. Darauf hatte er seit Jahren gehofft: ein Rennen auf nassem Kopfsteinpflaster!
Mehr als ein Jahrzehnt zuvor, es ist der 30. Mai 2004. Lars Boom wirft einen Blick nach draußen und ruft seinem Mitbewohner zu: „Oh Mann, prima, es regnet!“ Michiel Elijzen sah ihn mitleidig an. Was um alles in der Welt war denn so schön daran, im Regen Rad zu fahren? Und dann auch noch auf dem berüchtigten Kopfsteinpflaster in Nordfrankreich. In jenem Winter war der damals 18-jährige Boom als Nachwuchsfahrer zu Rabobank Continental gekommen, einem Nachwuchsteam der größten niederländischen Profi-Equipe mit dem berühmten orangenen Trikot. Als Querfeldeinfahrer hatte er sich bereits einen Namen gemacht, nachdem er ein Jahr zuvor Juniorenweltmeister geworden war. Doch neben Querfeldein zog es Boom auch auf die Straße, vor allem die flämischen Klassiker ließen sein Rennfahrerherz höherschlagen. Nun freute er sich darauf, beim sagenumwobenen Paris-Roubaix an den Start zu gehen, in seinen Augen der heroischste aller Klassiker.
Nun, das erste Kennenlernen verlief fantastisch. Als behänder Lenker – dank Querfeldein-Rennen im Schlamm und auf nassem Gras – fühlte er sich auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster wohl wie ein Fisch im Wasser. Lediglich ein Sturz in einer Asphaltkurve machte eine Spitzenplatzierung zunichte. Boom überquerte die Ziellinie als 21., etwas über vier Minuten hinter dem Sieger und Rabobank-Teamkollegen Koen de Kort. Doch für ihn spielte das alles keine Rolle. Schon als er Paris-Roubaix noch im Fernsehen verfolgte, hatte er das Rennen stets als besonders schön empfunden, und seit diesem Tag hatte ihn endgültig die Faszination für die „Hölle des Nordens“ gepackt.
Ursprünglich standen an jenem Tag im Juli 2014 neun Kopfsteinpflasterabschnitte auf dem Programm, aber die Organisatoren hatten am Morgen der Etappe beschlossen, Monsen-Pévele und Orchies à Beuvry-la-Forêt von der Strecke zu nehmen. Aufgrund des Regens stand auf diesen Sektoren zu viel Wasser, sie wurden als zu gefährlich eingestuft. Boom verstand diese Entscheidung, aber aus seiner Sicht hätte das nicht sein müssen. Je mehr Kilometer über das Pavé, desto besser, fand er. Im Gegensatz zu seinen Belkin-Teamkollegen, die sich ausnahmslos für Reifen mit 30 Millimeter Breite entschieden, hatte Boom sein Bianchi mit 28-Millimeter-Reifen ausgestattet.
„Auch weil wir die ersten 80 Kilometer auf Asphalt gefahren sind. Die Anspannung im Peloton wegen des Kopfsteinpflasters nimmt zu, je näher man den Sektoren kommt. Es würde hart gefahren werden, und wegen des schlechten Wetters würden schnell Löcher. Ich entschied mich daher für etwas schmalere Reifen und einen etwas höheren Druck als in Roubaix üblich: 5,6 bar hinten und 5,4 bar vorne. Damit sollte ich etwas schneller unterwegs sein und würde im ersten Teil der Etappe weniger Energie benötigen. Mit den 28-Millimeter-Reifen hatte ich keine Probleme, ich vertraute ihnen und fühlte mich auf dem Kopfsteinpflaster sicher. Ich habe mich auf dem Rennrad immer wohlgefühlt, wenn es geregnet hat.
Noch bevor wir den ersten Sektor erreichten, herrschte bereits das reinste Chaos. Der Straßenbelag war so rutschig, dass die Fahrer in Kreisverkehren manchmal die Kontrolle verloren und einfach wegschlidderten.“ Große Namen wie Alejandro Valverde und Tejay van Garderen waren früh gestürzt und fuhren hinterher. Für Chris Froome lief es noch schlimmer: Der Brite hatte bereits am Vortag Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht und blieb auch dieses Mal nicht verschont. Nach zwei Stürzen innerhalb kürzester Zeit war seine Moral gebrochen; ziemlich zerknautscht und angeschlagen gab der amtierende Tour-Sieger auf.
In Gruson a Carrefour de l‘Arbre wartete die erste Kopfsteinpflasterpassage. Innerhalb kürzester Zeit war das Peloton gesprengt. Die leichten Kletterer wurden richtig durchgeschüttelt, und die Klassementfahrer bremsten hektisch, aus Angst, aufs Pflaster zu krachen. Nur die Draufgänger und Spezialisten konnten sich an der Spitze behaupten, so auch Boom. Wegen der schmaleren Reifen war er ständig darauf bedacht, den Grip nicht zu verlieren, und falls es doch einmal vorkam, hieß es, sich schnell wieder zu sammeln und gut durch die Kurven zu kommen. „Kopfsteinpflaster ist natürlich etwas anderes als Querfeldein, aber ich weiß, was zu tun ist, wenn mein Hinterrad wegrutscht. Vor allem darf man nicht in Panik geraten. Ich bin es gewohnt, dass mein Rad sozusagen ständig schliddert, und ich wusste daher genau, was zu tun war. Die Kunst, auf dem Kopfsteinpflaster ohne Schaden voranzukommen, besteht darin, wegen der zahlreichen Schlaglöcher von Zeit zu Zeit aus dem Sattel zu gehen, in den Kurven nach Möglichkeit weiterzutreten, den Druck auf den Pedalen hochzuhalten und unbedingt die richtige Linie zu finden. Ich habe es immer als eine Art Tanz angesehen. Es ist ein ständiges Spiel mit dem Körper und dem Fahrrad, um die Schläge so gut wie möglich abzufangen und so leichter durch die Sektoren zu kommen.“
Nach früheren Teilnahmen als vielversprechender Nachwuchsfahrer gab Boom 2010 bei Paris-Roubaix sein Debüt bei den großen Jungs. Zwei Jahre zuvor hatte er nach seinem Cross-Weltmeistertitel bereits für Aufsehen gesorgt, als er Niederländischer Meister sowohl im Straßenrennen als auch im Zeitfahren wurde und als 22-jähriges Multitalent die besten Fahrer des Landes deklassierte. Und das, während er noch für das Continental Team von Rabobank fuhr. Ein Wechsel zu den Profis von Rabobank war unvermeidlich und folgte 2009. Boom startete fulminant, er siegte bei der Belgien-Rundfahrt und holte sich eine Etappe bei der Vuelta a España. Ein weiteres Jahr später trat er erstmals bei den Klassikern an und erlebte in Roubaix seine Feuertaufe. Als Debütant schaffte er es bis ins Vélodrome, wenn auch außerhalb des Zeitlimits. Nach der Zielankunft eilte er zu den berühmten Duschen, wo die in Stein eingefassten Kabinen mit den Namen legendärer Sieger wie Fausto Coppi, Eddy Merckx, Roger De Vlaeminck, Francesco Moser, Johan Museeuw und Tom Boonen versehen sind.
Drei Monate später, im Juli 2010, debütierte Boom bei der Frankreichrundfahrt. Die dritte Etappe führte das Peloton ebenfalls nach Arenberg, auf dem Weg dorthin waren insgesamt sieben Kopfsteinpflasterpassagen zu bewältigen. Als junger Helfer hatte er die Aufgabe, die Kapitäne Denis Menchov und Robert Gesink sicher über die gefährlichen Sektoren zu geleiten.
„Die Sportlichen Leiter trafen diese Entscheidung, und ich hatte auch nichts dagegen. Ich war noch nicht so weit, als dass ich hätte um den Sieg mitfahren können, und blieb an diesem Tag bei Menchov. Er hatte ein Jahr zuvor den Giro gewonnen und eine realistische Chance auf eine gute Platzierung im Gesamtklassement. Ich hatte das Gefühl, dass ich zu diesem Zeitpunkt ein Teamplayer sein musste. Aber nach der Etappe hat es mich doch etwas gewurmt, weil wir nicht um den Sieg mitgefahren sind. Bei zukünftigen Tour-Etappen mit Pavé-Sektoren wollte ich darauf drängen, auf eigene Rechnung fahren zu dürfen.“
In den folgenden Jahren entwickelte sich Boom an der Seite des Belgiers Sep Vanmarcke zu einem Spezialisten bei den flämischen Klassikern, zunächst bei Rabobank und dann – nach dem Rückzug des Hauptsponsors 2012 – bei Blanco und Belkin. Bei seiner zweiten Teilnahme in Roubaix wurde er Zwölfter, ein Jahr später rollte er als Sechster im Vélodrome André Pétrieux über den Zielstrich, in der ersten Gruppe hinter dem unantastbaren Boonen. Im Jahr 2013 folgte ein 14. Platz.
Im Oktober desselben Jahres nahm Boom gerade an der Tour of Hainan teil, als die Strecke der Tour 2014 bekannt gegeben wurde. Zu seiner Freude entdeckte der Brabanter, dass wie bei seinem Debüt drei Jahre zuvor eine Kopfsteinpflasteretappe nach Arenberg auf dem Programm stand. „Als ich das sah, wollte ich unbedingt wieder an der Tour teilnehmen. Ich wusste, dass ich gebraucht wurde, denn ich war für Flachetappen und leichte Anstiege ein idealer Helfer. Auch unsere Kapitäne Bauke Mollema und Laurens ten Dam hatten Vertrauen in mich, weil ich sie im Feld stets gut positionieren konnte.“
Im Frühjahr stand dann für Boom mit Paris-Roubaix erst einmal der Frühjahrsklassiker im Rennkalender, was allerdings nicht aufgrund seiner guten Leistungen zustande kam. Er war bei Paris-Nizza gestürzt, hatte sich einen Riss im Radiusköpfchen des Ellenbogens zugezogen und war gezwungen, seinen Lieblingsklassiker in sein Programm zu integrieren, um überhaupt Wettkampfpraxis zu haben. Seit seinem Wechsel zu den Profis hatte Boom es nicht mehr erlebt, dass es bei der „Hölle des Nordens“ geregnet hätte, und so war es auch dieses Mal. Doch selbst bei trockenen Verhältnissen konnte er sich gut über die teils miserablen Feldwege schlängeln, wusste aber aus seiner Zeit als Nachwuchsfahrer, dass er bei schlechtem Wetter noch besser abschneiden würde. Zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt verhakte sich dann seine Kette, damit waren alle Hoffnungen auf einen Schlusssprint zunichte. Boom wurde 37. und musste mit ansehen, wie Niki Terpstra den Siegerpokal – einen Pflasterstein – entgegennahm. Nicht er, sondern einer seiner größten Konkurrenten löste Servais Knaven als ersten niederländischen Gewinner seit dreizehn Jahren ab.
Nach seinem insgesamt enttäuschenden Frühjahr legte Boom dann den Schalter um und nahm die Tour de France ins Visier. „Sep und ich hatten im Vorfeld deutlich gemacht, dass wir auf der Kopfsteinpflasteretappe auf eigene Rechnung fahren wollten. Wir hatten eine ernsthafte Chance, die Etappe zu gewinnen, und diese Gelegenheit konnten wir uns keinesfalls entgehen lassen. Unser Team bestand aus neun Fahrern. Es gab also fünf weitere Fahrer, die Bau und Lau helfen konnten, das musste reichen. Die Sportlichen Leiter waren einverstanden. Sep und ich mussten uns also nicht um die Kapitäne kümmern, wir konnten unser eigenes Rennen fahren.“
Nach 130 Kilometern und drei Sektoren bot sich dem Zuschauer das reinste Schlachtfeld dar. So etwas wie ein Hauptfeld existierte schon lange nicht mehr, stattdessen diverse Splittergruppen, bei denen die Abstände zwischen einer und mehreren Minuten differierten. Die Spitzengruppe mit den Anwärtern auf den Etappensieg bestand nur noch aus 16 Fahrern. Von den Favoriten auf den Gesamtsieg konnte sich nur der Träger des Gelben Trikots, der Italiener Vincenzo Nibali vom Team Astana, an der Spitze halten, sowie einige seiner Domestiken, darunter der holländische Topfahrer Lieuwe Westra. Für Belkin waren noch Boom und Vanmarcke vertreten.
25 Kilometer vor dem Ziel, zu Beginn des vierten Sektors von Sars-et-Rosieres nach Tilloy-les-Marchennes, hatte Vanmarcke einen Platten. Boom teilte dem Begleitfahrzeug über Funk mit, dass es seinen Teamkollegen erwischt hätte. Nur etwa zwei Kilometer später setzte er sich an die Spitze und fuhr eine Attacke, um die Gruppe, zu der auch die Klassikerspezialisten Fabian Cancellara, Peter Sagan und Michal Kwiatkowski gehörten, weiter auszudünnen.
„Sep und ich waren Teamkollegen, aber jeder von uns ist sein eigenes Rennen gefahren. An diesem Tag fuhr ich nur für mich, und selbst wenn es im Nachhinein Ärger gegeben hätte, es wäre mir egal gewesen. Für mich kam es nicht ganz ungelegen, dass er einen Reifenschaden hatte. Persönlich habe ich gar nichts gegen Sep, er ist ein super netter Kerl, aber zu jenem Zeitpunkt beharkten wir uns intern innerhalb des Teams. Er hatte schon bei der Flandernrundfahrt und bei Paris-Roubaix auf dem Podium gestanden, sodass die Sportliche Leitung dazu tendierte, ihm alle Unterstützung zukommen zu lassen. Ich bekam das Gefühl, langsam ins Hintertreffen zu geraten. Das lag auch an dem, was einige Monate zuvor in Roubaix passiert war. Ich hatte einen Defekt, und im Anschluss daran kämpfte ich mich durch die Nachzügler hindurch wieder nach vorn. Ich befand mich direkt hinter unserem Teamfahrzeug, doch anstatt so zu fahren, dass ich mich im Windschatten wieder ransaugen konnte, gaben die Teamchefs Nico Verhoeven und Jan Boven Gas und ließen mich einfach zurück. Bei solchen Aktionen hatte ich schon das Gefühl, dass ihnen mehr an Sep gelegen war und ich nicht mehr wirklich gebraucht wurde.“
Ein weiterer negativer Punkt betraf seine Familie. Boom war relativ jung Vater geworden und liebte es, wenn seine Frau und seine Kinder bei den Rennen dabei waren oder ihn im Trainingslager besuchten. Die Sportlichen Leiter von Belkin allerdings jubelten nicht gerade vor Begeisterung. „Ich hatte regelmäßig Streit mit Leuten aus dem Team, weil meine Frau bei den Rennen dabei war. Ohne dass etwas gesagt wurde, gab man ihr das Gefühl, nicht wirklich willkommen zu sein. Ich hingegen fand es wichtig, dass sie dabei war, ich bin immer gut gefahren, wenn ich meine Familie um mich herum wusste. Bei Jumbo-Visma verfahren sie übrigens nach einer ganz anderen Philosophie. Während der Höhentrainingslager laden sie die Familien für ein paar Tage ein. Das ist wichtig für einen Fahrer. Ich habe das Gefühl, dass sie aus dieser Situation damals etwas mitgenommen haben.“
Während seine Frau, seine Kinder und seine Eltern am Zielstrich in Arenberg warteten, strampelte Boom auf der Straße weiter. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten, die in einem dicken Gang unterwegs waren, bevorzugte Boom einen leichteren Gang, was ihm schon sein Vater beigebracht hatte. Eine hohe Kadenz erleichterte es ihm nicht nur, auf dem Kopfsteinpflaster neue Situationen schneller zu antizipieren, sondern auch eine Lücke zuzufahren oder den Gang zu wechseln. Je näher das Ziel rückte, desto mehr hatte er das Gefühl, dass Cancellara und Sagan – die er als die gefährlichsten Gegner im Hinblick auf den Tagessieg ansah – keine Körner mehr für eine richtige Attacke hatten.
Dieses Gefühl wurde stärker, als Nibali und seine Mitstreiter aus dem Astana-Team Lieuwe Westra und Jakob Fuglsang auf dem vorletzten Sektor plötzlich anzogen. Boom war der Einzige, der ihr Hinterrad halten konnte, und als Quartett stürmten sie in Richtung d‘Hellesmes a Wallers. „Meine Idee war, dass ich nach einer Tempoverschärfung die Geschwindigkeit halten würde und die anderen auf diese Weise abhängen könnte. Ich wollte und würde das letzte Teilstück als Erster in Angriff nehmen. Ich beschloss also, Vollgas zu geben und zu schauen, was passiert. Nibali hatte bereits eine Etappe gewonnen und lag gut in der Gesamtwertung; ihm ging es sowieso mehr darum, so viel Zeit wie möglich auf seine Konkurrenten gutzumachen. Mein Ziel war es, die Jungs von Astana auf dem Kopfsteinpflaster abzuschütteln – wenn mir das gelang, blieb nur noch ein Zeitfahren über fünf Kilometer bis ins Ziel.“
Eine halbe Stunde nachdem er sich endgültig absetzen konnte, wurde ein überglücklicher Boom auf dem Podium als Etappensieger geehrt – mit Töchterchen Kee auf dem Arm. Es war ein unvergesslicher Moment, und zwar nicht nur für ihn persönlich, sondern auch für den Radsport in Holland: Seit Pieter Weening im Jahr 2005 hatte es kein Niederländer mehr geschafft, eine Tour-Etappe zu gewinnen. Es waren sehr magere Jahre mit nur sehr wenigen Lichtblicken, doch mit seinem Sieg, genau neun Jahre später, beendete Boom diese lange Durststrecke. Und das auf heldenhafte Weise in einer denkwürdigen Etappe, die noch lange im kollektiven Gedächtnis haften bleiben wird.
Zu Beginn dieser Tour de France hatte Boom noch keine endgültige Entscheidung über seine Zukunft getroffen. Vier Tage nach seinem Triumph, am ersten Ruhetag, begannen die Gespräche zwischen seinem Management und interessierten Teams. Sein Sieg kam genau zum richtigen Zeitpunkt: Vor der Tour wurden nur wenige Gespräche geführt. „Ich hatte wegen meines Sturzes bei Paris-Nizza kein so gutes Frühjahr gehabt, sodass von dieser Kopfsteinpflasteretappe viel für meine Zukunft abhing. Auch für Belkin war der Sieg wichtig, denn das Team war damals auf der Suche nach Sponsoren. Danach nahm die Sache Fahrt auf. Nach den ersten Gesprächen erhielt ich am zweiten Ruhetag ein Angebot von Alexander Winokurow, dem Teamchef von Astana, und ich beschloss, Belkin zu verlassen. Abgesehen davon, dass ich mich nicht zu 100 Prozent willkommen fühlte, war nach elf Jahren beim gleichen Team die Zeit reif für eine neue Herausforderung. Nach der letzten Etappe in Paris habe ich ab der nächsten Saison für zwei Jahre bei Astana unterschrieben.“
Sein Wechsel zur kasachischen Formation wurde nicht von allen goutiert. Manager Winokurow war ein überführter Dopingsünder, und kurz nach Bekanntgabe von Booms Wechsel wurden im Oktober 2014 einige Astana-Fahrer mit verbotenen Substanzen erwischt. „Ich war immer gegen Doping und gegen das, was Winokurow getan hatte. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, als ich meine Entscheidung getroffen habe, aber ich habe kein Problem darin gesehen. Bei der Tour konnte ich beobachten, dass Astana wirklich als Team gefahren ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich hinter meiner Entscheidung stehen müsste. Die Leute dachten alle, ich würde wegen des Geldes zu Astana gehen, aber das war gar nicht der Fall. 2011 hatte ich einen Dreijahresvertrag bei Rabobank unterschrieben, und ich wäre damals sehr dumm gewesen, wenn ich dieses Angebot ausgeschlagen hätte. Es war der größte Vertrag meiner Karriere, der zudem ein lukratives Prämiensystem vorsah. Zusammen mit den Klassementfahrern gehörte ich damals zu den Großverdienern innerhalb des Teams. Bei Astana habe ich immer noch viel Geld verdient, und da war ich wirklich froh drüber, aber es war etwas weniger als in den Jahren zuvor. Aber das war mir egal. Ich hatte Belkin verlassen, weil ich bereit für etwas anderes war, für neue Leute um mich herum. Bei Astana arbeiteten eine Menge Italiener, Familienmenschen schlechthin also, und ich habe mich dort sofort zu Hause gefühlt. Die Mechaniker waren verrückt nach den Kindern, und meine Frau hatte niemals das Gefühl, ein störendes Anhängsel zu sein. Es war einfach immer sehr lustig, wenn sie vorbeikamen.“
Zehn Monate nach seinem Erfolg in Arenberg war Boom zurück auf dem französischen Pavé. Im türkisfarbenen Trikot von Astana gehörte er – bei erneut trockenen Wetterverhältnissen – zu den besten Fahrern des Rennens. Eine Woche nach seinem sechsten Platz bei der Flandernrundfahrt kam es auf dem Vélodrome zum Sprint um den Sieg, auch für Boom eine neue Erfahrung; aber er hatte keine Körner mehr in den Beinen. Der Tank war völlig leer, und so belegte er den undankbaren vierten Platz hinter dem Podium, das sich aus John Degenkolb, Zdeněk Štybar und Greg van Avermaet zusammensetzte.
Näher kam Boom einem Sieg bei seinem Lieblingsrennen nicht mehr. Sowohl 2016 als auch 2017, als er nach zwei Jahren bei Astana zu seinem alten Team, das nunmehr LottoNL-Jumbo hieß, zurückkehrte, erreichte er nicht einmal das Ziel. Ein Jahr später konnte er nicht teilnehmen, weil er wegen Herzrhythmusstörungen operiert worden war und danach nicht genug Zeit hatte, um wieder in Form zu kommen. 2019 fuhr Boom, dieses Mal im Leibchen von Roompot-Charles, zum neunten und letzten Mal durch die „Hölle des Nordens“. Er belegte den 74. Platz, mit einigem Abstand zum Sieger Philippe Gilbert.
Nach diesem denkwürdigen 9. Juli 2014 war ihm eine weitere Teilnahme bei Paris-Roubaix unter nassen Bedingungen nicht mehr vergönnt. Wegen Corona fand der Klassiker, der zu den Monumenten des Radsports gehört, zweimal in Folge nicht statt. Erst im Oktober 2021 – zu diesem Zeitpunkt hatte Boom die Radschuhe bereits an den Nagel gehängt und eine neue Karriere als Teamchef begonnen – sollte das Rennen wieder ausgetragen werden. „Der vierte Platz von 2015 nagt immer noch ein wenig an mir. Es war das beste Frühjahr in meiner Karriere. Damals hätte ich eigentlich aufs Podium fahren müssen, aber das war leider nicht mehr drin. Es ist wirklich schade, dass ich nie wieder Roubaix unter regnerischen Bedingungen gefahren bin. That‘s life. Aber dieser Tour-Etappensieg hat mir immer sehr viel bedeutet und tut es immer noch. Es war ein superschöner Tag. Das Rennen ist mir wirklich auf den Leib geschneidert.“
DER WIEDERHOLUNGSTÄTER
Es war Mitte April 2014, und für die Klassikerspezialisten von Giant-Shimano endete das Frühjahr mit dem Klassiker Paris-Roubaix. Die französische „Hölle des Nordens“ bildete den Abschluss einer intensiven Zeit, in der sie viele Rennen gefahren waren und lange Wochen in Hotels verbracht hatten. Doch so sehr sie sich auch auf die Heimreise freuten, ein letzter Termin stand noch an, und zwar nicht mit dem Auto, sondern mit dem Flugzeug. Das Ziel lautete England, die Grafschaft Yorkshire, um genau zu sein. Mit an Bord des Flugzeugs war auch der Sprinter Marcel Kittel. Einige Tage zuvor hatte er den Scheldeprijs gewonnen und mit seinem dritten Sieg in Folge bei diesem belgischen Eintagesrennen, das auch als inoffizielle Weltmeisterschaft der Sprinter bezeichnet wird, einen Hattrick erzielt. Entsprechend gut war seine Stimmung, als die Maschine nach der Überquerung des Ärmelkanals auf dem Flughafen Leeds-Bradford landete. Für den 25-jährigen Kittel war es der erste Besuch im Vereinigten Königreich. Der Arnstädter war jetzt Profi im vierten Jahr und hatte in seiner Karriere schon viele Länder bereist, England aber war für ihn noch ein unbeschriebenes Blatt.
In knapp 80 Tagen stand der Grand Départ der 101. Tour in Yorkshire an, und die Sportliche Leitung rechnete sich Chancen beim Prolog und auf den ersten Etappen aus. Daher hielt es die Teamleitung von Giant-Shimano für sinnvoll, dass sich die Fahrer bei einer gründlichen Erkundungsfahrt selbst ein Bild von der Strecke machten. Für Kittel war schon seit Monaten klar, dass er nach seiner erfolgreichen Teilnahme an der Frankreich-Rundfahrt 2013, bei der er auf nicht weniger als vier Etappensiege kam und zum ersten Mal in seiner Karriere das Gelbe Trikot überstreifen durfte, wieder dabei sein würde. Die Aussichten wurden sogar noch besser, als er erkannte, dass das Ziel der ersten Etappe in Harrogate etwa 30 Kilometer nördlich von Leeds alles hatte, was es für eine Sprintankunft brauchte. Für den sehr endschnellen Kittel zeigte sich damit die Möglichkeit, erneut ins Gelbe Trikot zu fahren – bis er bei der Erkundungsfahrt feststellen musste, dass Yorkshire viel hügeliger war, als er gedacht hatte. Und die letzten Kilometer bis zum Ziel waren auch nicht gerade topfeben. „Bis dahin hatte ich immer wieder gehört, dass dies eine gute Gelegenheit für mich wäre“, sagt Kittel. „Aber die Insel war völliges Neuland für mich, und es stellte sich heraus, dass die erste Etappe saftige 2.000 Höhenmeter hatte. Ich dachte: ‚Holy shit, die wird superschwer.‘ Ich wusste augenblicklich, dass ich an meine Grenzen würde gehen müssen, vor allem, wenn gleich von Beginn an hart gefahren werden würde. Ich war also ein bisschen geschockt, auch von der Zielankunft selbst. Das Finale war alles andere als einfach: Auf dem letzten Kilometer gab es einen kleinen Anstieg, dann ging es rasend schnell bergab, bevor die letzten 400 Meter bis zum Zielstrich wieder anstiegen. Das Timing war entscheidend. Ich musste erspüren, wann ich etwas nachlassen konnte und dann wieder stärker in die Pedale treten musste, und gleichzeitig die Konkurrenten im Auge behalten. Das alles versprach nicht gerade einfach zu werden.“
Zwar hatte Kittel nach dem Kurztrip nichts von seinem Selbstvertrauen eingebüßt, nervös war er dennoch. „Ich wusste genau, was mich erwartete, und mir war klar, dass wir eine gute Vorbereitung brauchten. Ich sagte mir: ‚Wenn ich da gewinnen will, muss ich noch besser sein als 2013 und auf den letzten Metern noch stärker.‘ Es war eine Herausforderung, nicht nur für mich, sondern für das ganze Team. Das ist es sowieso, wenn man eine Leistung aus dem Vorjahr wiederholen will. Es galt, einen Titel zu verteidigen – zumindest fühlte es sich für uns so an.“
Anfang Juli betrat Kittel wieder britischen Boden. Die Vorbereitung war abgeschlossen, jetzt hieß es: Showtime. Nach der Streckenbesichtigung hatte er am Giro d’Italia teilgenommen, zumindest an dessen erster Hälfte. In Gesprächen mit der Sportlichen Leitung war er vor Saisonbeginn zu dem Schluss gekommen, dass die Italien-Schleife eine gute Vorbereitung für die Tour sein würde. Außerdem bot sie Kittel die Chance, sich auch bei der dritten Grand Tour in die Siegerliste einzutragen.
Er kam seinem Auftrag mit Bravour nach. Nach dem Mannschaftszeitfahren gewann er sowohl die zweite Etappe in Belfast als auch die dritte Etappe nach Dublin bei der (nord)irischen Grande Partenza. Während des Ruhetags und des Transfers mit dem Schiff bekam er dann aber Fieber und musste daher sein Italien-Debüt vorzeitig abbrechen. Dies war auch der Moment, in dem er den Schalter im Kopf umlegte und sich ausschließlich auf die Tour konzentrierte. Nach einem Höhentrainingslager in der Sierra Nevada in Südspanien hatte er bei der ZLM-Tour (ein Etappensieg) sowie bei den Deutschen Meisterschaften die letzten Reize gesetzt und war guten Mutes nach Yorkshire gereist.
„Ich weiß noch, dass das Höhentrainingslager ganz entspannt war. Das war für mich immer sehr wichtig, denn meiner Meinung nach kann man nur hart trainieren, wenn man sich auch gut erholt. Dafür musste ich die richtigen Leute um mich haben, und das war bei unserem Team der Fall. Wir hatten mit Jungs wie John Degenkolb, Tom Veelers, Koen de Kort, Roy Curvers, Tom Dumoulin und Albert Timmer eine tolle Truppe am Start, und wir unternahmen auch an Pausentagen gemeinsam etwas. Wir waren in Granada einen Kaffee trinken und sind ein bisschen gewandert. In Spanien haben wir die Grundlagen für eine gute Tour gelegt. Aber nach so einem Höhentrainingslager brauche ich immer ein bisschen, und bei den anschließenden Rennen war ich nicht gut. Da fehlte mir einfach die Zeit, um mich von diesem Trainingsblock zu erholen. So habe ich bei den Deutschen Meisterschaften nie ein gutes Ergebnis einfahren können, auch in diesem Jahr nicht. Trotzdem war ich überzeugt, dass es in Frankreich klappen würde. Ich wusste: Die anstehenden Rennen bedeuteten noch mal richtig harte Arbeit, aber danach folgte eine kurze Erholungsphase, und die würde reichen, um in Topform bei der Tour an den Start zu gehen.“
Die letzten Tage vor dem Grand Départ verliefen reibungslos, und dabei half zweifelsohne, dass er den ganzen Zirkus schon zweimal mitgemacht hatte. Mit dieser Erfahrung im Gepäck fand er die richtige Balance zwischen Anspannung und Konzentration, und die Herangehensweise war völlig anders als bei seinem Debüt. Bei seiner Feuertaufe im belgischen Lüttich war der 24-jährige Kittel noch ein angehender Topsprinter gewesen. Ein Jahr zuvor, 2011, erlebte er bei der Spanienrundfahrt auf der siebten Etappe nach Talavera de la Reina seinen Durchbruch, als er vor Peter Sagan und Óscar Freire gewinnen konnte – der 13. von insgesamt 17 Saisonsiegen des Neo-Profis, der als aufstrebender Stern am Fahrerhimmel eigentlich als Zeitfahrspezialist galt, doch vom damaligen Team Argos-Shimano zum Topsprinter umgeschult wurde.
Kittel legte einen kometenhaften Start hin, und so hielt die Sportliche Leitung der niederländischen Formation 2012 die Zeit für gekommen, ihn bei der Tour de France starten zu lassen. „Um Erfahrung zu sammeln. Wenn ein Sieg dabei herausspringen würde, umso schöner, aber das wurde nicht von mir erwartet.“ Nun, die Erfahrung fiel eher mau aus. Auf der fünften Etappe nach Saint-Quentin musste Kittel aufgeben, ohne dass er es überhaupt einmal bis ins Sprintfinale geschafft hatte. Er war mit Magen-Darm-Problemen in die Etappe gegangen, dann kamen auch noch Knieprobleme hinzu. „Ich hatte einen
