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Wer in einer vermögenden Familie aufwächst, kann sich glücklich schätzen – möchte man meinen. Aber die nächste Generation von Erben und Familienunternehmern muss sich durchaus beweisen, nicht zuletzt auch vor sich selbst. Niemand will ein Leben lang nur als «Sohn von» bzw. «Tochter von» gelten. Wie gelingt es ihnen, dem Familienvermögen eine eigene Prägung zu geben? Wie wahren sie den Frieden mit ihren Geschwistern, auch wenn diese ganz andere Lebensentwürfe verfolgen als sie? Wie bilden sie sich aus, um zu verantwortungsvollen Investoren zu werden? Was erzählen sie ihren Freunden, warum sie sich jetzt plötzlich ein Haus oder eine Wohnung leisten können? Und finden sie das eigentlich fair, dass sie ohne eigene Leistung vermögend sein werden? Indem es sich mit diesen Fragen zum Thema Vermögensübertragung beschäftigt, legt «Erbe als Verantwortung» den Fokus auf die übernehmende Generation. Das Buch ist die Fortsetzung zu «Von Geld und Werten» (NZZ Libro 2019), in dem die Vorbereitung der übergebenden Generation an ihre Nachkommen im Mittelpunkt steht.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2025
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JORGE FREYEUGEN STAMM
Ein Kompass für die nächste Generation
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ISBN Print 978-3-03980-031-5
ISBN E-Book 978-3-03980-032-2
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Schwabe Verlagsgruppe AG.
Für Clarissa und Hannah, mit Philemon und Kevin, die einiges anders machen als ihre Vorfahren
Für Alice und Milo und euren Reichtum an Ideen
Diskretion
Vorwort
EINLEITUNG
1ETWAS IST EIN BISSCHEN ANDERS: WIE MAN VERMÖGEND AUFWÄCHST
«But still you’ll never get it right»
«Das ist doch Nebensache»
Selbständigkeit erlangen
«Betongold»
Gemeinsame Erlebnisse
Den Umgang mit Geld übernehmen oder neu lernen?
Bescheidenheit ist vom Umfeld abhängig
Exkurs: Platzmangel
2NUR NICHT AUFFALLEN: WARUM MANCHE FAMILIEN AUF DISKRETION SETZEN UND ANDERE SICH MIT LUXUSGÜTERN VON DER MASSE ABHEBEN WOLLEN
Ein falsches Bild von Reichtum
Soziale Realitäten prägen
Einem Bild entsprechen wollen
Hart verdientes Geld ist einfacher auszugeben
3«DANKE, ABER NEIN DANKE»: WAS MAN VON ELTERN ÜBERNEHMEN MÖCHTE UND WAS NICHT; UND WIE ES DIE NACHFOLGENDE GENERATION MIT DER ERBSCHAFTSSTEUER HÄLT
Der Lohn der Arbeit
Freiräume nutzen
Engagement muss nicht immer Kasse machen
Das begründete und unbegründete «schlechte Gewissen»
Herkunft und Partnerwahl
Vermögensübergabebedingungen
Vermögensübernahmebedingungen
Umverteilung durch eine Erbschaftssteuer
4«WIR SIND ANDERS (FLEISSIG)»: WIE SICH DIE NACHFOLGENDE GENERATION VON IHREN ELTERN UNTERSCHEIDET
Optimistische Jugend
«Das Monster, das ich rief»
Inneres und äusseres Vermögen
2035 beginnt heute; die Zukunft im Blick der Erbengeneration
Exkurs: Vom Ende der Leistungsgesellschaft
Das «Buddenbrook-System»
5INTERGENERATIONELLE ANERKENNUNG: KOMMUNIKATION ALS BASIS ZUR POTENTIALENTFALTUNG
Von Vorfahren zu Nachfahren
Wenn Fehler passieren
Verantwortung übernehmen
Von Nachfahren zu Vorfahren
Ein «Generationenspiel»
6DIE ÜBERNAHME ALS NATÜRLICHER ÜBERGANG: WIE MIT DEM «PROBESTERBEN» EIN PLAN FÜR DEN FALL DER FÄLLE ENTSTEHEN KANN
«Dafür habe ich noch lange Zeit»
Die ersten Schritte im Notfall
Der Notfallplan
Wenn die Erben selbst einmal vererben
7VON SINN UND MORAL: WIE ES IST, WENN MAN NICHTS KAUFEN MUSS
Erblasser und Erben zwischen Geld und Moral
Erbe ist nicht gleich Erbe
Im Durcheinander ohne Kompass
Der breite Fächer der Handlungsalternativen
8INVESTIEREN UND BERATUNG ÜBER GENERATIONEN HINWEG: VON FIRMEN, PRIVATEN INVESTITIONEN UND LIQUIDEN ANLAGEN
Nur eine lästige Pflicht?
Begleitung in der Nachfolge: Die Kür für Vermögensverwalter
«Die vergiftete Süssigkeit»: Die Frage des Geschlechts
Mangelndes Interesse kostet Geld
Kapital und Kapitalismus um jeden Preis?
Wie ist das Vermögen organisiert?
Welche Investorin bin ich?
Lernen beginnt mit Interesse
9IMPACT-INVESTMENTS
Von der Vermeidung zur positiven Wirkung
Wo beginnen?
Exkurs: Die zehn Bausteine für wirkungsvolles Investieren
Weiterführende Informationen
10WOFÜR MAN SICH ENGAGIEREN KANN
Von kleinen und grossen Gesten
Spender sind wichtig
Eine neue Tradition des Zurückgebens
Die Motivation zu geben
Philanthropie als Statussymbol?
Wird man zur Philanthropin erzogen?
Grundfragen der Familienphilanthropie
Exkurs: Das Leitmotiv der Stiftung Schweizer-Werthmüller*
Der richtige Zeitpunkt ist jetzt
11NETZWERKE: DEN DIALOG MIT GLEICHGESTELLTEN SUCHEN
Die «Sippe» finden
Exkurs: Netzwerke
12VERMÖGEN ALS AUFGABE
Die schlaflosen Nächte
Bescheid wissen
Innerfamiliäre Kommunikation
Die Frey-Stamm-Methode (FSM): Schritte zur Vorbereitung auf das Vermögen
«Du willst nicht? Ich schon!»
Exkurs: Der plötzliche Todesfall
Die Reise beginnen
ANHANG
Glossar
Interview- und Gesprächspartner
Interviewfragen
Literaturverzeichnis
Pulp: «Common people»
Dank
Wie in unserem ersten Buch «Von Geld und Werten» (Basel, 2019) ist uns auch hier Diskretion wichtig. Unsere Interviewpartner haben uns Einblicke in die Charakteristiken ihrer Familien gegeben und uns erzählt, was sie im Zusammenhang mit ihrer privilegierten Herkunft beschäftigt. Wir schätzen dieses Vertrauen sehr und möchten uns dafür herzlich bedanken. Ohne ihr Vertrauen wäre dieses Buch nicht erschienen.
Das vorliegende Buch «Erbe als Verantwortung» soll durch die inhaltliche Relevanz und die Auseinandersetzung mit dem Thema überzeugen und nicht durch Indiskretionen. Deshalb sind alle bei der ersten Nennung mit einem * gekennzeichneten Namen im Text Pseudonyme. Bei allen anderen Namen handelt es sich um Personen, die uns autorisiert haben, ihre Identität preiszugeben.
Im Sommer 2016 trafen wir uns zum ersten Mal zu einem Gespräch, das in einen Zeitungsartikel mündete. Unsere Leidenschaft für das Thema Family Governance führte uns dazu, zusammen das Buch «Von Geld und Werten» (Basel, 2019) zu schreiben. Darin fokussierten wir uns darauf, wie die ältere Generation ihre Nachkommen mit den finanziellen Privilegien der Familie vertraut macht, auf den Vermögensübergang vorbereitet und diesen dann vollzieht.
«Erbe als Verantwortung» ist die logische Fortsetzung davon. In diesem Buch liegt unser Augenmerk nun auf der übernehmenden nächsten Generation. Wer in einer vermögenden Familie aufwächst, kann sich glücklich schätzen – möchte man meinen. Doch die nächste Generation von Erben und Familienunternehmern steht durchaus vor der Herausforderung, sich zu bewähren, nicht zuletzt vor sich selbst. Die Nachkommen wollen nicht ein Leben lang nur als «Söhne» bzw. «Töchter von» gelten. Deshalb sprechen wir von einem Privileg.
Wie gelingt es ihnen, dem Familienvermögen eine eigene Prägung zu geben? Wie wahren sie den Frieden mit ihren Geschwistern, auch wenn diese ganz andere Lebensentwürfe verfolgen? Was erzählen sie ihren Freunden, warum sie sich plötzlich ein Haus oder eine Wohnung leisten können? Und finden sie das eigentlich fair, dass sie ohne eigene Leistung vermögend sein werden?
In einer Studie von Campden Wealth aus dem Jahr 2022 wurden 102 Familien aus den USA, die über ein Vermögen von mindestens 30 Millionen US-Dollar verfügen, zum Thema «next generation» interviewt. Unter anderem zeigte sich, dass die folgende Generation durchschnittlich im Alter von 25 Jahren zum ersten Mal über das Familienvermögen ins Bild gesetzt wird. Die Nachkommen erwarten, dass sie mit 48 Jahren die volle Verantwortung darüber übernehmen. Weiter sagten fast alle Befragten aus, dass sie sich in ihrer Vermögens- und Steuerplanung von externen Spezialisten beraten liessen. Bei der Nachfolgeplanung und dem Vermögensübergang waren es immerhin noch fast zwei Drittel. Und fast die Hälfte der Befragten hatte bereits Familienstreitigkeiten um das Vermögen erlebt. Eine wichtige Aufgabe, die potenziell mit Vermögen zusammenhängt, ist also die Verhinderung von Konflikten.
Die effizientesten Family-Governance-Instrumente waren laut den Befragten eine kontinuierliche innerfamiliäre Kommunikation (66 Prozent), regelmässige formale Zusammenkünfte (39 Prozent) sowie die Zusammenarbeit mit externen Beratern (32 Prozent). Im Sinne einer gelingenden Kommunikation soll dieses Buch dabei helfen, relevante Themen in den Familien anzustossen und den Lesern Einsicht in die Befindlichkeiten, Massnahmen und Handlungsalternativen von anderen Familien zu gewähren.
Wir haben mit mehr als dreissig Personen gesprochen, die finanziell privilegierten Familien mit Wohnsitzen in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Grossbritannien, Südamerika und den USA entstammen oder als Berater und Psychologin den Betroffenen zur Seite standen. Gern hätten wir diesen Kreis auf weitere Regionen ausgeweitet. In einigen Fällen interviewten wir direkte Nachkommen von Eltern, die wir bereits für das Buch «Von Geld und Werten» befragt hatten. Die Einstellung zu Geld unterscheidet sich von Generation zu Generation zum Teil beträchtlich. Andererseits gibt es auch Parallelen, die auf gemeinsamen familiären Wertvorstellungen gründen. Die hier wiedergegebenen Situationen, Erfahrungen, Meinungen, An- und Einsichten sind offensichtlich verschieden. Aufgrund der schmalen Grundgesamtheit von gut dreissig Personen wollen wir mit der folgenden Darstellung weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Repräsentation vermögender Nachkommen erheben. Vielmehr möchten wir aufzeigen, dass es vielfältige Wege gibt, mit familiärem Vermögen umzugehen. Die Beispiele in diesem Buch sind als Anregung zur Selbstreflexion und zur Diskussion gedacht.
Die Vermögen der Familienvertreter, die mit uns sprachen, bewegen sich zwischen einstelligen Millionenbeträgen und Milliarden. Eine bestimmte Grenze, ab der die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vermögen zur Pflicht wird, lässt sich dabei nicht erkennen. Die Familien der Interviewten sind in verschiedenen Branchen aktiv. Bei einigen bildet das Familienunternehmen noch immer den grössten Teil des Vermögens, andere haben sich von Unternehmer- zu Investorenfamilien gewandelt, und wieder andere befinden sich weiterhin erfolgreich im Aufbau ihres Vermögens. Einige aus der nachfolgenden Generation nutzen ihre privilegierte Ausgangslage für eine bewusste Auszeit oder für ein Engagement, das nicht von finanziellen Motiven geprägt ist. Eine befragte Person stammt ursprünglich aus dem Mittelstand, kam jedoch durch ihre exklusive Wohnlage regelmässig mit Menschen in Kontakt, die über sehr grosse Vermögen verfügten.
Der Titel des letzten Kapitels dieses Buches heisst – wie schon in unserem ersten Buch – «Vermögen als Aufgabe». So wie wir im ersten Buch die sieben wichtigsten Erkenntnisse aus der Sicht der übergebenden Generation formulierten, fassen wir hier in neun Punkten zusammen, womit sich die übernehmende Generation befassen sollte.
Wir freuen uns auf Ihr Feedback und eine Kontaktaufnahme via www.familygovernance.ch
«Ich habe Dir in Deinem Leben viel ermöglicht.»
Vater an Clara*
«Deine Probleme möchte ich auch haben!» Das denken Aussenstehende, wenn sich jemand schwer damit tut, eines Tages ein Vermögen zu übernehmen. Es erscheint als pures Glück, in eine Unternehmeroder Investorenfamilie hineingeboren zu werden. Was nicht sofort erkannt wird, ist, was es alles beinhaltet, sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen. Seitens der Eltern ist die Pflicht, ihre Kinder an das Vermögen heranzuführen und die Kür, rechtzeitig loszulassen und für die Kinder, zu wissen, wie stark das Vermögen, welches nicht von ihnen geschaffen wurde, ihr Leben beeinflussen soll und wie sie es weiterführen wollen. Das gelingt nur selten reibungslos, wie die folgende Geschichte zeigt.
Clara* ist die Tochter eines erfolgreichen Schweizer Unternehmers. Ihre Schwester besuchte die Kunstgewerbeschule und hatte kein Interesse am familiären Handelsbetrieb. Für Clara hingegen stand schon länger fest, dass sie ihn dereinst übernehmen wollte. Sie studierte Betriebswirtschaft, arbeitete regelmässig während der Semesterferien im Familienbetrieb und schloss ihr Studium mit einem Master ab. Danach arbeitete sie für zwei Jahre im Ausland. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz baute sie im Familienunternehmen eine neue Abteilung für Digitalisierung und Prozessmanagement auf. Bis dahin lief alles nach Plan – aber als sie unpopuläre Entscheidungen traf, stellten sich erste Probleme ein. Langjährige Mitarbeitende, die das Vertrauen des Vaters genossen, begannen, hinter ihrem Rücken zu opponieren. In dem einen oder anderen Fall hatten sie damit auch Erfolg. Clara stellte ihren Vater zur Rede. Ein Streit entbrannte. Als Alleinaktionär war er es gewohnt, allein zu entscheiden, er wollte sich von seiner Tochter nicht belehren lassen. Clara sah sich in ihrer Entscheidungskompetenz beschnitten und fürchtete, an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dies schienen ihr ungünstige Vorzeichen für ihre spätere Übernahme der Firma. Der Vater, bald siebzig Jahre alt, meinte dagegen, er verlasse sich lieber auf sein Bauchgefühl. Der Erfolg der Firma gebe ihm recht.
Clara fragte sich, ob sie weiter versuchen sollte, ihren Vater von der Richtigkeit ihrer Entscheidungen zu überzeugen, oder ob sie das Unternehmen verlassen sollte. Allerdings wollte sie die Firma weiterführen. Ihr Lebenspartner hatte bereits zugesagt, die Betreuung der Kinder zu übernehmen, falls sie eines Tages eine eigene Familie gründeten. Clara besprach die Situation sowohl mit ihrem Lebenspartner als auch mit einem externen Berater. Aus diesen Gesprächen entwuchs ein Massnahmenpapier, das Clara ihrem Vater präsentierte:
1.Einigung über die von ihr vorgeschlagenen Massnahmen in der Betriebssteuerung;
2.Aufbau ihres Nachfolgers im Bereich Digitalisierung und Prozessmanagement, anschliessend Wechsel in die Abteilung Einkauf unter klaren Zielsetzungen;
3.bei Erreichen dieser Zielsetzungen Beförderung in die Geschäftsleitung der Firma und Wechsel in die Verkaufsabteilung;
4.komplette Übernahme der Firma zum 73. Geburtstag des Vaters, der zwei Jahre Verwaltungsratspräsident (VR-P) bleiben und dann definitiv ausscheiden sollte;
5.Finanzierung der Übernahme durch ein Darlehen des Vaters, das sie innerhalb der kommenden fünf bis sieben Jahre zurückzahlen wollte.
Abgesehen von kleineren Einwänden war ihr Vater einverstanden. Zunächst entwickelte sich alles wie geplant. Doch dann, im letzten Jahr, bevor der Vater als Geschäftsleiter zurücktreten sollte, tauchten neue Probleme auf. Clara zog einen grossen und einträglichen, aber auch sehr komplexen Auftrag an Land, wofür sie der Vater kritisierte. Als ein langjähriger Mitarbeiter, der mit Clara zusammenarbeitete, kündigte, warf der Vater Clara vor, die Belegschaft zu verheizen. Als sich die Differenzen vertieften, stand für Clara fest: Ihr Vater wollte auch mit 73 Jahren das Steuer nicht aus der Hand geben. Die Sachfragen, um die sie stritten, erschienen ihr als Symptom dafür. Abermals entbrannte der Konflikt. Clara berief sich auf ihre Absprache, der Vater brach das Gespräch ab. Eine Woche später erhielt Clara von ihrem Vater den folgenden Brief:
Clara,
Du hast mich einmal gefragt, was mir in meinem Leben am meisten fehlt. Ich habe Dir damals erzählt, dass ich meinen Vater vermisse. Ich würde gerne mit ihm zu Abend essen. Mein Vater hatte zwei Söhne. Keiner von uns beiden war darauf vorbereitet, die Firma zu übernehmen, als er unerwartet an einem Herzinfarkt starb.
Ich würde meinem Vater gerne erzählen, was ich aus seiner Firma gemacht habe und wie ich dafür gekämpft habe, dass sie das geworden ist, was sie heute ist. Ich bin sicher, dass er heute stolz auf mich wäre.
Wenn ich unter meinem Vater in der Firma gearbeitet hätte, hätte ich mich Tag und Nacht eingesetzt und wäre ihm dankbar gewesen, dass er mir ermöglicht hätte, unter ihm zu arbeiten und zu lernen, das Geschäft zu entwickeln und mich zu beweisen.
Unglücklicherweise handelst Du komplett anders. Seit Du in die Firma eingetreten bist, musste ich immer wieder Brände löschen. Du hast Dein Büro mit eigenen Möbeln eingerichtet, die ein Mehrfaches von dem kosten, was ich in meinem Büro stehen habe. Langgediente Mitarbeitende haben uns verlassen, weil sie mit Deiner Geschäftsführung nicht einverstanden waren. Dafür hast Du andere angestellt, die nichts bringen. Unsere Marge im letzten Verkaufsgeschäft war zu tief, weil Du keine Geduld hattest, das Verkaufsgespräch mit unserem Geschäftspartner auszusitzen.
Ich habe Dir in Deinem Leben viel ermöglicht.
Heute bereue ich, dass ich einwilligte, Dir an meinem 73. Geburtstag die Führung der Firma zu übergeben und Dir meine Anteile zu verkaufen. Ich werde es nicht tun, auch wenn ich damit in Deinen Augen ein unzuverlässiger Vater bin. Ich bin enttäuscht davon, wie Du Dich mir gegenüber verhältst. Wüsste Dein Grossvater davon, würde er sich in seinem Grab umdrehen.
Dein Vater
Clara war fassungslos über den Wortbruch ihres Vaters und dessen mangelnde Anerkennung für ihren eigenen Weg. Sie hatte genug, zog sich aus dem Familienbetrieb zurück und baute zusammen mit ihrem Lebenspartner eine eigene Firma auf. Sie bekamen ein Kind. Als ihr Vater schwer erkrankte, fragte er Clara, ob sie sich als Verwaltungsrätin zur Verfügung stellen würde. Das Geschäft war eingebrochen. Clara willigte unter der Bedingung ein, dass der Vater ihr einen Teil der Aktien bei Übernahme des Verwaltungsrats-Mandats und nach einem Jahr die Mehrheit verkaufte. Der Vater war, nach kurzer Bedenkzeit und Konsultation mit Claras Schwester, einverstanden. Clara wurde zunächst Minderheits- und nach einem Jahr Mehrheitsaktionärin. Daraufhin übernahm sie die Leitung und setzte einen externen VR-Präsidenten ein. Als ihr Vater starb, erbten sie und ihre Schwester mit dem Einverständnis ihrer Mutter die verbliebenen Aktien. Claras Schwester willigte ein, ebenfalls Mitglied des Verwaltungsrats zu werden. Clara war der Meinung, dass ihre Schwester aufgrund ihrer Berufserfahrung eine gute Ergänzung für den Verwaltungsrat sei. Clara konnte nun ihre Visionen umsetzen und das Unternehmen nach ihren Überzeugungen und unternehmerischen Massstäben leiten. Zu Lebzeiten des Vaters war dies nicht möglich gewesen. In ihrem Führungsanspruch waren sich beide ähnlich gewesen.
Eine erfolgreiche Family Governance setzt voraus, dass die Familienmitglieder konsensorientiert aufeinander zugehen, die Individualität der jeweils anderen akzeptieren und gleichzeitig das grosse Ganze nicht aus den Augen verlieren. Unternehmen und Vermögen geordnet und möglichst friedlich an die nächste Generation zu überführen, gelingt nicht von einem Tag auf den anderen. Ein solcher Prozess kann Jahre dauern. Diese Arbeit bleibt Aussenstehenden oft verborgen, und er beginnt unseres Erachtens mit der Geburt der Kinder. Die Verantwortung der Eltern für die nächste Generation, ob mit oder ohne Reichtum, ist in den ersten zwanzig Jahren enorm. Exponierte Familien mit grossem Vermögen, denen der Übergang misslingt, haben nicht nur mit den daraus erwachsenden Problemen zu kämpfen, sondern sehen sich auch den Mutmassungen der Medien ausgesetzt.
In der linksliberalen britischen Zeitung «The Guardian» äusserte sich Ingrid Robeyns, Professorin für Wirtschaftsphilosophie an der niederländischen Universität Utrecht wie folgt: «In a country with a socioeconomic profile similar to the Netherlands, where I live, we should aim to create a society in which no one has more than € 10 million.». Sie begründet dies damit, dass ein solches System nicht nur einer fairen und kohärenten Gesellschaft mit einem ausgeprägteren Gemeinschaftsgefühl zuträglich sei, sondern alle Menschen am glücklichsten mache. Ein Vermögen ab 10 Millionen Euro, so können wir schlussfolgern, bietet für die Betroffenen keinen zusätzlichen Lebensgenuss, vielmehr kann es die Nerven strapazieren und einer gerechten, kohäsiven Gesellschaft abträglich sein.
Wir wollen diese Aussage nicht werten sondern darauf hinweisen, dass sich die Generationen mit dem Vermögen beschäftigen sollten. Vermögende Eltern sorgen sich, ob die Kinder bereit und in der Lage sind, das Unternehmen und Vermögen zu übernehmen und erfolgreich weiterzuführen. Die Kinder wiederum sind – explizit oder implizit – mit der Erwartungshaltung der Eltern konfrontiert. Wie beeinflusst es sie in ihren Entscheidungen, wie sie ihr Leben leben wollen? Ist ein Vermögen, zu dem sie – abgesehen davon, dass sie in dieser Familie aufgewachsen sind – nichts beigetragen haben, existenzieller Bestandteil ihres Lebens oder wollen sie damit nichts zu tun haben? In Claras Familie war es zu einem schmerzlichen Bruch gekommen. Endlich loszulassen, war in diesem Fall die Bedingung dafür, dass es dann doch so kam, wie es sich Clara und der Vater wünschten. Claras Geschichte soll sinnbildlich dafür stehen, dass Konsens nicht immer das oberste Gebot eines Nachfolgeprozesses sein muss. Den eigenen, auch einen vom Unternehmen abgewandten Weg zu gehen, mochte in Claras Fall der Grund dafür gewesen zu sein, das spätere Zusammenkommen erst zu ermöglichen. Dieser Entwicklungspfad ist nicht untypisch für Unternehmerfamilien. Doch abgesehen von dem Familienunternehmen erwarten auch andere vermögensrelevante Themen die nachfolgende Generation. Sie wird sich zunehmend bewusst, dass in der Familie, in die sie hineingeboren wurden, einiges anders ist als in anderen Familien. Davon handelt Kapitel 1.
«Die Kinder spielen mit dem Besenstiel, trotz der Geschenke, die sie erhalten haben.»
Florian Wanner*, Österreich
Aufwachsen heisst lernen zu unterscheiden. Das geschieht unmittelbar, etwa wenn wir herausfinden, dass süsse Äpfel besser schmecken als saure. Was abstrakte Kategorien wie Gut und Böse voneinander unterscheidet, wird von den Eltern tradiert. Auch wenn es um Geld geht, lernen wir von unserer Familie. Beiläufig vermittelt sie uns, welche Einstellung sie und andere Menschen zu Geld haben. Wir werden ermahnt, dass Geld nicht an Bäumen wächst, wir bekommen zu hören, dass Onkel Henrik es zum Fenster hinauswirft oder dass Geld, wie schon die Römer wussten, «nicht stinkt».
Ihre Unbefangenheit lässt Kinder Fragen stellen. Warum verdient ein Pfleger weniger als eine Bankdirektorin? Ist ihre Arbeit nicht wichtiger? Diese Naivität weicht über die Zeit der Erkenntnis, dass es offensichtlich auch die Kategorien arm und reich gibt. Die Einordnung, warum das so ist, leisten ebenfalls die Eltern. Es dämmert den Kindern irgendwann, wo sie sich in diesem Spektrum befinden. In manchen Familien geht dies schneller, etwa wenn ein Kind immer wieder den Satz hört: «Das können wir uns nicht leisten.» Wenn ein Kind aber in einer Familie aufwächst, die sich viel leisten kann, erkennt es dies zunächst nur langsam, bruchstückhaft und erfasst das Ausmass dieses Reichtums oft erst im Erwachsenenalter. Über Geld wird zwar oft geredet – über Zahlen aber kaum. Diese Ungewissheit ist von den Eltern oft beabsichtigt. Sie wollen ihre Kinder schützen. In unseren Interviews schilderte die nachfolgende Generation sehr unterschiedlich, wann und wie sie realisierte, dass ihre Familie etwas anders ist.
Der 40-jährige Hector Coolidge* hatte eine schwierige Kindheit. Dabei wuchs er in einer der besten Gegenden in einer Grossstadt Grossbritanniens auf, in einem herrschaftlichen Haus, betreut von einer Nanny. Aber von seinen älteren Geschwistern wurde er drangsaliert. Er fühlte sich allein. In der Schule brauchte er deutlich länger als andere, weil er an einer Lernschwäche litt. Auch hier war er ein Aussenseiter, der von seinen Mitschülern kein Mitgefühl erwarten konnte. Aber Zeichnen konnte er gut. Wenn er sich in seine Skizzen vertiefte, die Aussenwelt ausblendete, dann fühlte er sich endlich geborgen. Dank seines Interesses an Literatur schaffte er es knapp durch die Schule.
Seine schönste Zeit war, wenn er seinen Vater auf Geschäftsreisen begleiten durfte. Dann nahm sich der Vater Zeit für Hector und erklärte ihm, was er tat und warum er was tat. Doch leider blieben diese Reisen eine Ausnahme. Die Eltern zeigten ihre Liebe zu den Kindern meist in Form von gekauften Geschenken. Wenn sich Hectors Eltern über das Schicksal anderer Familien, deren Fehler darin bestand, arm zu sein, lustig machten, verstand er das nicht. Als die Eltern eines Tages noch mehr Geld erbten, verschlimmerte sich die Situation für Hector weiter.
Er riss von zuhause aus, wollte nicht so leben, wie es andere von ihm erwarteten. Er wollte seinen eigenen Weg gehen. Mit Gelegenheitsjobs hielt er sich über Wasser. Die Eltern waren konsterniert. Hector wollte Kunst studieren, fand mit seinen schlechten Noten aber keinen Studienplatz. Einzig eine teure Privatuniversität nahm ihn auf – dank seiner zeichnerischen Begabung und des Geldes seiner Eltern, das er trotz ihres gespannten Verhältnisses annahm. Dies war ein entscheidender Moment in seinem Leben: Endlich hatte er seine Berufung gefunden, konnte sein Talent entwickeln und unter Beweis stellen. Er schloss als Klassenbester ab und legte damit den Grundstein für seinen heutigen Erfolg als Künstler und international anerkannter, erfolgreicher Unternehmer im Kreativbereich.
Was uns vorgelebt wird, können wir nicht ändern. Wir können nur versuchen, es einzuordnen. Wenn wie in Hectors Familie Vermögen im Wesentlichen die raison d’être ist, um sich von anderen abzugrenzen, kann die Reaktion der nächsten Generation darin bestehen, sich gegen dieses Muster aufzulehnen oder einen neuen Umgang damit zu suchen. Aus dem Standesdünkel auszubrechen sei aber nicht einfach, wie Hector einräumt. In dem Zusammenhang erwähnt er den Song «Common People» von Pulp.
Rent a flat above a shop
Cut your hair and get a job
Smoke some fags and play some pool
Pretend you never went to school
But still you’ll never get it right
Das Lied thematisiert den «Klassentourismus», die Sehnsucht der Wohlhabenden, den «einfachen Leuten» gleich zu sein, und die Unmöglichkeit dieses Unterfangens. Auch Hector denkt, dass authentische Beziehungen, also Beziehungen, die darauf basieren, wer man ist, statt darauf, was man hat, schwierig und selten seien. Schliesslich kann, wer vom Umgang mit Menschen sozial schlechter gestellten Schichten genug hat, jederzeit in seine Vermögensklasse zurückkehren.
In der Welt der Familie Coolidge ist das Denken in sozialen Klassen offenbar sehr ausgeprägt. In anderen Ländern sind die Unterschiede diffuser. Erkennbar sind sie dennoch, vor allem von denen, die nicht zur sozialen Oberschicht gehören. Aufschlussreich sind in dem Zusammenhang die Aussagen des 23-jährigen Schweizer Maschinenbaustudenten Tim Lauper*, der an einer renommierten Universität in Zürich studiert. Wie reagiert Tim, der selbst aus einem nicht vermögenden Elternhaus entstammt, wenn er merkt, dass er manchmal mit seinen Freunden «aus gutem Hause» finanziell nicht mithalten kann?
Man sagt, dass Geld nicht glücklich macht. Trotzdem kostet vieles, was mich glücklich macht, Geld. Darum versuche ich, unter der Woche sparsam zu leben, damit ich am Wochenende mehr zur Verfügung habe. Viele meiner Kollegen sind reich. Das kann für mich zur Last werden, so wie letztes Neujahr, als wir zusammen verreisen wollten. Als ich die Kosten für Unterkunft, Restaurants und Partys zusammengerechnet habe, war es mir das nicht wert. Die anderen gingen selbstverständlich trotzdem.
Aus diesem Grund hat Tim zwei Freundeskreise: die einen leben wie er, die anderen profitieren von den Kreditkarten ihrer Eltern. Tim fühle sich auch mit seinen reichen Freunden gut, er sei mit ihnen aufgewachsen und habe mit ihnen viel erlebt. Er zieht sie auch auf, wenn sie mit einem teuren neuen Kleidungsstück oder Gadget prahlen. Aber auch mit diesen Freunden könne er nicht über alles sprechen, vor allem dann, wenn der Konsum eine gewisse Grenze überschritten habe. Das habe immer wieder für Distanz gesorgt. Trotzdem hält dieser Freundeskreis: Das Zusammensein sei allen wichtiger als das Geld, auch wenn vieles was glücklich macht, Geld kostet. Es wird trotz allem in echten Freundschaften zur Nebensache.
Vielleicht stimmt Hectors Theorie also doch nicht. Beziehungen über Vermögensgrenzen hinaus funktionieren, wenn alle akzeptieren, dass sich nicht jeder alles leisten kann und muss. Manchmal zu verzichten, scheint jedenfalls einer Freundschaft auf Augenhöhe zuträglicher zu sein, als sich dauernd einladen zu lassen.
Als Jugendliche und Studentin einen grösseren finanziellen Spielraum zu geniessen ist das eine, aber selbst über ein substanzielles Vermögen zu verfügen, etwas ganz anderes. Wenn man Reichtum nicht mehr nur ahnt, sondern direkt davon profitieren kann, verschwindet die Ungewissheit plötzlich. Das kann ein Schock sein. Fremdbestimmt ist die nächste Generation aber auch hier, und gelingt es den Eltern nicht loszulassen, wird es für die nachfolgende Generation schwierig, aus dem Abhängigkeitsverhältnis auszubrechen.
Der 55-jährige Alex Beck*
