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Hamburg um 1400. Roberecht Erik Tarnus betreibt auf dem Kattrepel einen Laden mit gebrauchter Bekleidung. Der Kattrepel, die heutige Reeperbahn, ist mit seinen Hurenhäusern und obskuren Schänken mit zwielichtigen Wirten ein verrufener Ort. Um über die Runden zu kommen, nimmt Tarnus auch Aufträge an, die er als "Späherdienste" bezeichnet: Nachforschungen über verschwundene Familienmitglieder, nicht aufgeklärte Diebstähle, Buhlschaften untreuer Eheleute und vieles mehr. Der reiche Handelsherr Carl von Bensheim trägt sich schon lange mit dem Gedanken, seine Erbfolge zu regeln. Doch jetzt ist es wohl ernst: Ein junger Verwandter kommt per Schiff aus Brügge angereist. Doch dann erkrankt Bensheim. Der junge Mann engagiert einen auswärtigen Medicus - und dann ist der Handelsherr plötzlich verschwunden. Tarnus ermittelt. An seiner Seite steht Hiltrud, die ihn mit Rat und Tat unterstützt und auch selbst in die Ermittlungen eingreift. Der zweite Roman mit Roberecht Erik Tarnus, spannend und mit vielen überraschenden Wendungen.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für Annette – natürlich
Prolog
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Roberecht Erik Tarnus saß auf einem kleinen dreibeinigen Schemel vor der Hütte, die ihm als Schlafstätte diente. Hütte, Gartenhaus, Schuppen – wie sollte man dieses kleine, unscheinbare, etwas windschiefe Holzhaus nennen, das unweit des Gutshauses, durch eine Hecke von diesem getrennt, gelegen war? Eigentlich war es egal. Tarnus hatte Wert auf eine abseitig gelegene Unterkunft gelegt – manchmal weckten ihn immer noch Alpträume. Obwohl der Überfall, dem er eine große Narbe auf dem Schädel verdankte, schon einige Zeit zurücklag, wurde er immer noch von den Schemen und Schatten dieses Geschehens eingeholt. Und dann konnte es sein, dass er Laute von sich gab, die seine Umgebung störten oder befremdeten. Das sollte nicht sein.
Außerdem musste es ja auch nicht jeder mitbekommen, dass er, Tarnus, noch Probleme hatte. Hier war er der Mann, der Gilgs Hof wieder auf Vordermann bringen sollte. Nichts gegen Petter, den eigentlichen Verwalter, der war immer freundlich und zuvorkommend. Doch er war nun einmal tüddelig geworden und seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen – und das stand ihm mit seinen mehr als 60 Lenzen nun einmal zu. So war Tarnus auf die Bitte Gilgs eingesprungen. Tarnus strich sich über sein stoppelbärtiges Kinn und genoss die milde Abendsonne. Eigentlich müsste er mal wieder bei Hannes dem Bader vorbeischauen, doch hier war er in der Nähe von Elmshorn und Hamburg lag eine Tagesreise entfernt. Irgendwann würde seine Aufgabe hier erledigt sein und er müsste nach Hamburg zurückkehren, wo er auf dem Kattrepel einen Laden mit gebrauchten Textilien betrieb und nebenbei „Späherdienste“ leistete, Nachforschungen verschiedenster Art für verschiedenste Auftraggeber.
Tarnus lehnte sich an dem kleinen Bauwerk an. Die Bretter knarrten und der kleine Schemel ächzte. Er „müsste“ nach Hamburg zurück. Was war ihm da durch den Kopf gegangen? Nicht „sollte“ oder „würde“, nein „müsste“: Tarnus schüttelte den Kopf. Bis vor wenigen Tagen unvorstellbar: Da hatte es nachts an seiner Tür geklopft, er hatte gehört, wie die Türklinke bewegt wurde, und eine leise Stimme hatte „Erik“ geflüstert. Tarnus war aufgestanden und hatte den Stuhl, mit dem er die Tür zugestellt hatte, beiseitegeschoben. Und dann war sie auch schon hereingekommen, die blonde Hiltrud. Am nächsten Morgen, als Tarnus erwachte und erste Sonnenstrahlen die Hütte erleuchteten, war sie schon wieder weg gewesen, doch auf dem Stroh des Lagers hatte sie den Abdruck ihres Kopfes hinterlassen.
Tarnus schüttelte erneut den Kopf. Unvorstellbar!! Schön war sie, die blonde Hiltrud, Petters verwitwete Tochter, die auf dem Hof die Küche leitete. Wie vertraut er mit ihr sprechen konnte! Und wenn sie lachte, konnte er die Grübchen auf ihren Wangen sehen. Er hatte ihr von seinem Unfall erzählt und dass er deswegen sein Bein noch nachziehen musste. Es hatte sie nicht gestört. Dass er nachts unruhig werden und Schreie ausstoßen konnte: Nun, sie war nachts zu ihm gekommen. Manchmal strich sie zärtlich über seine Narbe und sagte nur „Erik“.
Erik – Tarnus. Er sinnierte weiter. In Hamburg war er „Tarnus“ oder „Meister Tarnus“. Gegenüber Gilg hatte er sich als „Erik“ eingeführt und das war er auch hier auf dem Hof. Aber war das alles nicht völlig egal? Eine Frau in seinem Leben – noch einmal: unvorstellbar.
Die Abendsonne war dabei, unterzugehen. Leise Schritte holten Tarnus aus seinen Gedanken. Hiltrud stand vor ihm. „Erik“, sagte sie zärtlich.
„Willst du sitzen? Warte, ich stehe auf.“
„Ich sitze schon.“ Hiltrud setzte sich auf seinen Schoß und küsste ihn auf den Mund.
Tarnus erwiderte den Kuss. „Hm“, brummte er dann.
„Was ist?“, fragte Hiltrud und küsste Tarnus‘ Narbe am Kopf.
„Hast du keine Sorgen, dass über uns geredet wird? Ich meine, du bist doch eine ehrbare Wittib und da …“
„Erik“, Hiltrud unterbrach ihn. Dann lachte sie und zeigte ihre Grübchen. „Ich denke mal, das mit uns weiß doch inzwischen jeder hier auf dem Gutshof. Und um meine Ehre musst du dir keine Sorgen machen, wenn ich mein Herz einem Mann schenke, der auch seine Ehre hat.“ Sie küsste Tarnus erneut auf den Mund. „So ernst und nachdenklich. So heiter und humorvoll. So treu zu seinen Freunden und Mitmenschen.“
„Hm“, brummte Tarnus erneut.
„Was ist?“
„Ein bisschen peinlich ist es mir schon, was du gerade gesagt hast.“
„Und weiter?“
„Wenn du noch länger auf meinem Schoß sitzt, bekomme ich einen Krampf in den Beinen oder der Hocker bricht unter uns zusammen.“
„Da weiß ich eine Lösung.“ Hiltrud lachte und stand auf.
Unkontrolliert kamen Tarnus‘ Gedanken. Erst eine Glocke, dann ein rotes Wappen auf weißem Grund. „Die Mariensterne, die Mariensterne“, murmelte er. Dann ein Blitz, der seinen Kopf durchzuckte, ein heller Blitz, der keinen Schmerz verursachte – Tarnus schrie auf, erschreckt und verstört. Er versuchte, sich aufzusetzen, doch da verspürte er Druck auf der Schulter, eine Hand, die ihn auf das Lager herunterzog. „Du hast böse geträumt“, hörte er eine sanfte Frauenstimme.
„Hiltrud?“, fragte er schlaftrunken.
„Ja, Erik, ich bin es“, hörte er neben sich. „Komm, leg dich wieder zu mir, die Nacht ist noch lang.“
„Ich hatte wieder diesen Traum“, sagte Tarnus nach einer Pause. „Ich hatte dir davon erzählt, dass ich manchmal aufwache und Geräusche oder Schreie von mir gebe. Jetzt hast du es miterlebt.“
„Das weiß ich doch.“ Hiltrud streichelte seine Wange und küsste sie. „Meinst du, du könntest noch etwas schlafen?“
„Mir geht so viel durch den Kopf.“
„Sag es.“
„Da sind einerseits die Träume. Die kommen und gehen und ich habe keinen Einfluss darauf. Aber ich lerne, damit zu leben. Aber da ist noch etwas anderes. Hiltrud, ich fasse es immer noch nicht. Da hast du neben mir gesessen und wir haben gemeinsam gesprochen und gelacht. Und dann bist du in diese Hütte gekommen – zu mir.“
„Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe – du weißt, als du auf dem Hof ankamst – da konnte ich mit dir auf den ersten Blick nichts anfangen. „Ist das der Mann, den Gilg geschickt hat, um meinen Vater zu ersetzen, habe ich mich gefragt. Doch schon bald habe ich gespürt, wie du bist.“ Hiltrud strich Tarnus noch einmal über die Wange. „Komm, nimm mich in den Arm und wir schlafen noch ein wenig.“
Tarnus trat in die Küche des Gutshofs. Hiltrud stand am Herd.
„Ich suche Petter“, sagte er. Hiltrud wandte sich zu ihm um und warf ihm einen zärtlichen Blick zu. Dann drehte sie sich wieder zum Herd. Es waren noch andere Frauen in der Küche. „Heute Morgen hat er gesagt, er wolle die Weiden auf den Stock setzen.“
„Also die Weiden am Weg zum Feld?“, fragte Tarnus.
„Genau die.“
Tarnus wollte noch länger in der Küche bleiben, um die Nähe zu Hiltrud zu genießen. So fragte er unverfänglich: „Was gibt es denn heute zu essen?“
„Kapaun mit schwarzer Soße“, kam es vom Herd zurück. „Mit Pastinaken.“
„Kapaun mit schwarzer Soße“, wiederholte Tarnus. „Von schwarzer Soße habe ich nur gehört, sie aber noch nie gegessen.
Was macht die Soße denn so schwarz?“
„Du brauchst dazu Essig von roten Trauben“, erklärte Hiltrud, „und dazu noch Ingwer und schwarzen Pfeffer. Aber jetzt kommt das Besondere: Du gibst Brotkrumen von angebranntem Brot dazu. So wird die Soße schwarz.“
„Ein Festmahl“, meinte Tarnus.
„Richtig, ein Festmahl. Hast du vergessen, dass heute Sonntag ist?“
„Die Wochentage habe ich glatt vergessen“, gab Tarnus zu und lächelte dazu.
„Du wolltest doch nach Petter suchen“, kam es jetzt resolut vom Herd.
„Stimmt. Ich gehe dann mal los.“
„Übrigens, Gilg hat ausrichten lassen, dass er im Laufe des Tages vorbeikommen will.“
„Heben wir ihm dann etwas vom Kapaun auf?“, wollte Tarnus wissen.
„Das ist meine Sache. Aber dazu wird es wohl nicht kommen.
Vielleicht kannst du einen Flügel mehr essen. Gilg muss noch am Abend zurück. Aber jetzt raus hier!“ Es klang wie ein Befehl, doch Hiltrud drehte sich noch einmal zu Tarnus um und lächelte dazu.
Tarnus verließ den Gutshof, ging ein paar Schritte bis zum Weg und folgte diesem Richtung Feld. Petter hatte eine Trittleiter aufgestellt und war dabei, bei einer Kopfweide die Äste zu kappen. „Moin, Petter“, begrüßte er den weißhaarigen Mann.
„Moin, Erik“, kam es zurück, „wohin des Wegs?“
„Na, wohin wohl? Zu dir.“
„Lass mich noch die Weide fertig auf den Stock setzen.“ Petter schnitt noch einige Äste und Zweige ab, dann stieg er von der Trittleiter. „Fertig. Die Käuzchen werden sich freuen.“ Dann wurde er ernst. „Erik, das solltest du wissen: Hier auf dem Land, da haben wir ein weites Herz, was Mann und Frau angeht. Du verstehst, da muss nicht gleich ein Priester kommen. Aber eines muss dir klar sein.“ Petter hielt Tarnus die Astschere, die er in der Hand hielt, vor die Augen. „Siehst du das hier? Was ist das?“
„Na, eine Astschere“, antwortete Tarnus. Er verstand nicht.
„Das ist eine Astschere“, wiederholte Petter. „Und eines sage ich dir: Wenn du meine Hiltrud unglücklich machst, ich kann auch noch ganz gut mit Hacke und Grabschaufel umgehen.“
Tarnus stutzte. Dann sprach er weiter: „Mensch, Petter, jeder weiß doch, was für eine prachte Deern deine Tochter ist und dass man solche Frauen nicht von den Bäumen schüttelt. Und ich weiß im Augenblick noch gar nicht, wie mir geschieht. Ich kann es noch gar nicht glauben. Petter“, Tarnus machte eine Pause, „wenn ich wieder in Hamburg bin, dann gehe ich zu St.
Marien und zünde eine richtig dicke Kerze an. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt verdient habe.“
„Dann ist es ja in Ordnung.“ Petter schlug Tarnus auf die Schulter und es schien so, als ob seine Augen tränten. „Bist ein guter Junge. Hast wahrscheinlich auch schon viel erlebt in deinem Leben.“
Tarnus nickte mehrmals. „Kann man wohl sagen.“
Petter wurde sachlich. „Also, ich mache jetzt noch die Kopfweiden entlang des Weges und dann gehe ich zu den Obstbäumen.“
„Was willst du da machen?“
„Die Kirschen, die Äpfel, die Birnen, die Pflaumen zurückschneiden. Das ist wichtig. Dann kann man sie ohne Leiter abernten. Das geht schneller und die Leute hier schaffen das neben der Feldarbeit.“
„Genau das wollte ich mit dir besprechen“, sagte Tarnus.
Meinst du nicht, dass wir weniger Äpfel haben sollten und mehr Kirschen oder Pflaumen? Die bringen wesentlich mehr ein.“
Petter nahm die Trittleiter auf. „Ich bin Bauer. Sonst habe ich nichts gelernt. Und ich bin ganz froh, dass ich nicht mehr die Verantwortung für diesen Hof habe. Weißt du: Baumschnitt kann ich, Kohl kann ich, Pastinaken ebenso. Aber Buchhaltung und Lieferwege, das ist nichts für mich. Und wenn dann noch andere Neuerungen dazukommen, dann merke ich, dass ich im Kopf allmählich müde werde.“
„So habe ich es nicht gemeint.“ Tarnus war ob der Wendung des Gespräches betroffen. „Ich meine nur, dass wir mit weniger Arbeit etwas mehr verdienen könnten. Außerdem kennst du dich mit Obstbäumen doch besser aus als ich. Also sag, was ist besser, Kirsche oder Pflaume?“
„Erik, du wirst recht haben.“ Petter wiegte seinen Kopf hin und her. „Da haben wir nicht wenige alte Apfelbäume, die sehr wenig tragen. Ich denke, die sollten wir nach und nach ersetzen.“
„Durch Kirsche oder durch Pflaume?“, fragte Tarnus zurück.
„Weiß ich auch nicht.“
„Was isst Hiltrud denn lieber, Kirsche oder Pflaume?“
„Kirsche liebt sie, Pflaume auf keinen Fall.“
„Dann ist ja alles klar.“ Tarnus klopfte Petter auf die Schulter.
„Pflanz Kirsche.“ Dann fügte er hinzu: „Und vergiss das Essen nicht.“
„Was gibt es denn“, fragte Petter.
„Wie ich gehört habe, Kapaun mit schwarzer Soße und Pastinaken. Vielleicht liegt es daran, dass heute Sonntag ist und vielleicht Gilg kommt.“
„Ein Festmahl.“ Doch dann schüttelte Petter den Kopf. „Das hat sie schon ganz lange nicht mehr zubereitet.“ Er nahm die Trittleiter fester. „Erik, das macht sie für dich, hast du darüber schon einmal nachgedacht?“
In Gedanken ging Tarnus zum Gutshaus zurück. Das Gespräch mit Petter ging ihm noch durch den Kopf. Doch dann riss er sich aus seinen Gedanken. Auf diesem Gut war für einen Verwalter viel zu tun. Da ging es nicht nur um den Anbau von Kohl oder Pastinaken, Getreide und Obst, nein, auch Lieferwege mussten immer neu justiert werden. Produzierte man das Saatgut selbst oder kaufte man es ein? Wie verkaufte man die Ware? Führte man Gespräche mit möglichen Abnehmern – dafür musste man natürlich Preisnachlässe gewähren – oder vermarktete man selbst? Alles musste austariert sein. Hatte man ein Produkt übergewichtet, dann konnte es gefährlich werden: Hier drohte die Beerenfäule, dort der Schwamm. Am besten war es, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Aber das konnte Mehraufwand bedeuten.
Tarnus ging die Stufen im Gutshof hoch. Die alten Dielen knarrten beträchtlich. Hier müsste man auch mal nachbessern.
Besser noch wäre eine neue Treppe, aber die würde einiges kosten. Tarnus betrat die Stube. Hier hatte er auf einem großen Tisch Unterlagen abgelegt, die er durchsehen musste. Da gab es noch Forderungen, die er beitreiben musste, da gab es noch Verhandlungen, die geführt werden mussten. Ein Brauhaus nahe Elmshorn war knapp an Gerste und hatte angefragt, ob man denn nicht aushelfen könnte. Tarnus zog einen Stuhl heran und setzte sich an den Tisch. Das hatte er deutlich gespürt: Der alte Petter hatte damit gar nichts am Hut. Vielleicht kultivierte er seine Tüddeligkeit ja auch nur oder schob sie vor, um dieser Arbeit zu entrinnen. Und er, Tarnus? Er hatte das Amt, welches er jetzt bekleidete, ja auch nur auf Zeit übernommen. Doch jetzt hatte er keine Zeit dafür, sich mit Einzelheiten abzugeben. Ihm war ein Gedanke gekommen. Tarnus nahm die Feder, tauchte sie in das Tintenfass und begann zu schreiben.
Schritte waren zu hören, eilig und fest. Die alten Dielen knarrten noch mehr als gewöhnlich. Es klopfte an der Tür, doch dann wurde sie schon geöffnet: Gilg stand in der Tür, einen großen Krug mit Bier in der Hand. „Da bist du ja, Erik“, sagte er. „Man sagte mir, dass du hier arbeitest.“
„Tag, Gilg“, antwortete Tarnus. „Es stimmt, ich arbeite gerade in der Stube. Aber setz dich erst einmal und trinke dein Bier, du siehst erhitzt aus.
„Ja, das stimmt.“ Gilg setzte sich auf einen Stuhl und stellte seinen Krug auf den Tisch. Dann nahm er ihn wieder und trank einen weiteren Schluck. „Was war das für eine Fahrt, was war das für ein Ritt! Mit dem Ewer bei steifer Brise bis an die Mündung der Krocker Aue und dann zu Pferd bis hierhin. Ich bin beim ersten Hahnenschrei los und jetzt bin ich schon hier.“
„Jetzt dampf erst mal ab“, sprach Tarnus. „Und vor allem eins: Stell deinen Krug nicht auf meinen Aufzeichnungen ab. Das gibt nämlich Ränder.“
„Verzeihung.“ Gilg nahm seinen Krug auf, dann leerte er ihn in einem Zuge. „Wichtige Aufzeichnungen?“
„Sehr wichtige. Aber jetzt erzähl erst mal von Hamburg.“
„Spann mich nicht auf die Folter“, erwiderte Gilg.
„Erst Hamburg, dann Elmshorn.“
„Wie du meinst.“ Gilg lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Dann setzte er sich wieder auf. „Meinst du, es ist schicklich, einen weiteren Krug Bier zu holen? Du weißt, ich habe hier einen Ruf als Gutsbesitzer zu verlieren:“
„Zur Not kann ich ja einen Krug für mich holen.“ Tarnus stand auf.
Die Treppe herunter, dann in die Küche. Tarnus öffnete die Tür.
Hiltrud stand am Herd, jetzt aber war sie allein. Sie wandte den Kopf leicht in seine Richtung. „Na, Erik, willst du nach dem Kapaun sehen? Den gibt es aber erst heute Abend.“
„Eigentlich wollte ich einen Krug Bier holen. Aber ich finde es sehr schön, dich hier allein anzutreffen.“ Tarnus strich ihr über die Schulter.
„Warum die Schulter?“ Hiltrud küsste Tarnus.
Tarnus erwiderte den Kuss so intensiv er konnte. Dann löste sich Hiltrud von ihm, ging zum Küchentisch und goss Bier aus einer großen Kanne in einen Krug. „Hier hast du etwas, um dich zu stärken.“
„Der Krug ist eigentlich für Gilg. Er fand es unschicklich, gleich nach dem ersten Krug für einen zweiten zu kommen.“
„Unschicklich.“ Hiltrud schüttelte den Kopf. „So etwas aus dem Mund eines Mannes, der eine zwielichtige Schänke betreibt, in der dazu noch Huren ein- und ausgehen.“ Hiltrud sah Tarnus an. „Natürlich waren wir alle froh, dass sich nach dem Tod des alten Willemsen so schnell ein Käufer für den Hof hat finden lassen, aber als wir von dem Beruf des Käufers hörten, da haben wir erst mal geschluckt.“ Hiltrud machte eine Pause. „Du siehst, so ganz bin ich mit diesem Gilg noch nicht warm geworden.“
„Das scheint mir auch so“, meinte Tarnus. „Aber Gilg ist in Ordnung. Sonst hätte ich diesen Auftrag auch nicht angenommen. Er hat Seiten, die man nicht erwarten würde. Und für eines bin ich ihm unendlich dankbar.“
„Und das wäre?“
„Ohne Gilg hätten wir uns nicht kennengelernt.“
„Das stimmt allerdings!“ Hiltrud lachte. Dann gab sie sich resolut: „So, jetzt werde ich den Kapaun wenden und du gehst in die Besprechung zurück. Aber eines noch: Du wirst Gilg nicht ständig bedienen, hörst du, Roberecht Erik Tarnus?“
„Versprochen.“ Tarnus nahm den Krug und verließ die Küche.
„So, Gilg, hier ist dein Bier. Aber teil es dir ein, ich will nicht ständig in die Küche rennen.“ Tarnus stellte den Krug vor Gilg auf den Tisch. Dann nahm er ein Tuch, strich es glatt und legte es unter den Krug. „Falls du plemperst.“
Gilg grinste: „Habe schon verstanden.“ Dann fuhr er fort: „Ich habe deine Aufzeichnungen gelesen, wirklich großartig. Du meinst also Folgendes: Man sollte sich auf etwa zehn Bereiche konzentrieren, aber nicht mehr. Also einige Obstsorten, ein paar Getreidearten wie Hafer und Gerste, Gemüse wie Pastinaken, Kohl und Gartenfrüchte. Wenn Hühner, dann keine Milchwirtschaft.“
„Richtig“, sagte Tarnus, „aber es ist auch wichtig, dass einzelne Bereiche nicht dominieren. Ob Gerste den zehnten Teil des Ertrages ausmacht oder etwas mehr, das ist eigentlich egal, aber wir dürfen nicht von einem einzelnen Bereich abhängig sein.“
Gilg trank einen Schluck Bier. „Ein winziger Schluck nur.
Damit ich später nicht vom Pferd falle.“ Er lachte.
„Wann willst du zurück?“, fragte Tarnus.
„Noch vor dem Abendessen. Die Luft ist sternenklar. Ein scharfer Ritt über Elmshorn zur Mündung der Krocker Aue und dann auf dem Ewer zurück. Heute Nacht werden wir Westwind haben. Ich denke, Frietz wird noch vor Morgengrauen in Hamburg anlanden. Und ich kann auf der Bootsfahrt noch ein wenig pennen.“
„Eines sollte ich noch ergänzen“, warf Tarnus ein: „Das, was ich aufgeschrieben habe, gilt für die Waren, mit denen wir Handel treiben wollen. Wir müssen natürlich darauf achten, dass wir Selbstversorger bleiben: Der Hof muss die Leute, die hier leben und arbeiten, ernähren. Also genug Hühner für die Eier, Ziegen und Kühe für die Milch, Schweine, die wir mit Abfällen füttern können, Kaninchen, die Löwenzahn fressen.
Also Wirtschaftswaren und Selbstversorgung trennen.“
„Großartig.“ Gilg war begeistert. „Sag mal, Erik, woher hast du das eigentlich alles?“
„Ich hatte gute Lehrmeister“, antwortete Tarnus. Er musste an Hannes den Bader denken. In manchen Dingen hatte der ihn gelehrt, wie man in größeren Zusammenhängen dachte.
„Kann ich deine Aufzeichnungen mitnehmen?“ fragte Gilg.
„Die mit dem Bierkringel drauf, die kannst du gerne mitnehmen. Das, was nicht draufsteht – kannst du dir das merken?“ Tarnus grinste.
„Bis zur Mündung der Krocker Aue vielleicht.“ Gilg grinste zurück.
„Dann ist ja alles klar.“ Tarnus setzte sich auf. „Und jetzt erzähle von Hamburg.“
„Was dich betrifft?“
„Natürlich auch“, antwortete Tarnus. „Oder gibt es sonst etwas Neues?“
„Eigentlich nicht.“ Gilg wiegte seinen Kopf hin und her. „Also, der Reeperdaddel steht noch.“
„Das ist dein Schankhaus. Und was ist mit meinem Laden?“
„Der steht auch noch. Wiebke geht regelmäßig dahin und verkauft die Anziehsachen. Und ihr Mann, der Geerd, hilft ihr dabei. An seinem Schiff, der Gelben Drohne, wird noch gearbeitet. Woran genau, weiß ich nicht mehr. Irgendetwas am Kiel oder der Takelage wird verbessert, damit das Schiff noch manövrierfähiger wird. Geerd räuchert die Waren. Und das Kind der beiden gedeiht prächtig.“
„Schön“, sagte Tarnus. Er musste an Wiebke denken und das Abenteuer, das noch gar nicht so lange zurücklag.
„Eines dürfte ich dir eigentlich noch gar nicht sagen. Das wollte Wiebke dir selbst sagen.“
„Schon vergessen.“ Tarnus klopfte sich auf die Stirn. „Mein Gedächtnis …“
„Wiebke ist jetzt Hausbesitzerin.“
„Was?“ Tarnus war erstaunt.
„Ja, die alte Frau, bei der sie wohnte, ist verstorben.“
„Die alte Frau Ellmann?“
„Den Namen habe ich mir nicht gemerkt, aber die wird es wohl gewesen sein. Sie hatte keine direkten oder entfernten Erben und hat ihr gesamtes Hab und Gut – und das Haus noch dazu – deiner Wiebke vermacht.“ Gilg legte den Finger vor den Mund.
„Aber psst.“
„Wiebke als Hausbesitzerin, wie schön.“ Tarnus lächelte versonnen.
„Und stell dir vor!“ Gilg wurde eifrig. „Du hast doch mal meine Gertrud im Reeperdaddel kennengelernt?“
„Stimmt. Deine Deern, dein Ziehkind, das du in Obhut hast. Ich meine mich zu erinnern, dass sie mir mal Hering und eingelegte Eier serviert hat.“
„Genau. Und Gertrud wollte ich nicht allein im Reeperdaddel lassen. Da hat sich deine Wiebke erboten, sie so lange, wie ich weg bin, zu beherbergen.“
„Anständig“, sagte Tarnus. „Und wer führt deinen Laden?“
„Das macht der Endres eigentlich. Den kennst du ja auch. Aber die Kasse hat ein Verwandter von mir. Eigentlich wollte ich ja den Geerd fragen. Aber als ich meinen Wunsch, meine Bitte, vorgetragen hatte, ob Geerd im Reeperdaddel aushelfen könnte, das hat sich deine Wiebke, ihr Kind an der Brust, ganz stramm aufgerichtet und ihre Wangen haben geglüht: ‚Nein, in einem Hurenhaus wird mein Geerd nicht arbeiten.‘ Deine Wiebke, die aussieht wie ein Engel, ganz resolut.“ Gilg lachte.
Es klopfte kurz an der Tür und Hiltrud kam herein mit zwei gefüllten Bierkrügen. Einen stellte sie vor Tarnus, einen vor Gilg. „So, noch einen Krug für jeden.“ Dann sah sie Gilg an.
