Geschichten vom Huhn - Karl Richard Lindscheid - E-Book

Geschichten vom Huhn E-Book

Karl Richard Lindscheid

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Beschreibung

Was ein Hühnerfrikassee ist, weiß das Huhn zwar nicht so genau, aber dass es aus seinem Hühnergarten fliehen muss, ist ihm umso klarer. So macht es sich auf den Weg. Auf seiner Hühnerreise trifft es viele Tiere, kleinere, größere, bekannte, unbekannte, nette, weniger nette - und auch ein Mensch ist dabei. Aber das Huhn ist nicht irgendein Huhn. Denn es kann singen. Und es singt für alle und macht alle fröhlich, denen es begegnet. Nun ja, alle, die es verdient haben. Ein Buch über Hoffnung, Mut, sich ändernde Ziele, Vertrauen, Freundschaft und jede Menge Lebensfreude - liebevoll illustriert vom Autor.

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Seitenzahl: 109

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Widmung

Für Annette – natürlich

Inhalt

Das Huhn und der Regenwurm

Das Huhn auf der Flucht

Hallo Kumpel

Im Hasenfeld

Die Mausassel

Akki

Singvögel

Der Hühnerhof

Die Maus

Einhuhn und Diemaus

Der Uhu

Der Strom der Verwandlung

Das Huhn und der Regenwurm

Es war einmal ein Huhn. Mit „Es war einmal“ fangen viele Geschichten an. Aber mit „Es war einmal ein Huhn“ nur ganz wenige. Und eine Hühnergeschichte mit diesem Inhalt, die gab es bisher noch nicht.

Dieses Huhn ging im Garten spazieren. Es genoss die Sonne und war guter Dinge. Ab und zu pickte es ein Körnchen auf – wie Hühner das zu tun pflegen. Es kostete von dem Salat, der schön und grün auf seinem Beet stand. Der Hunger war dadurch zwar geringer, aber ein bisschen Hunger hatte das Huhn doch noch. Das Huhn klopfte mit dem Schnabel auf den Boden. Das machen Hühner gerne, denn dann denken die Regenwürmer, dass es regnet, und stecken ihren Kopf aus dem Boden.

In diesem Fall hatte das Klopfen des Huhns nicht die gewünschte Wirkung, so dass es diesen Vorgang an einem anderen Ort wiederholte. Jetzt steckte wirklich ein Regenwurm seinen Kopf aus dem Boden. Das Huhn freute sich über das Erscheinen des Regenwurms, denn es wollte die Reste seines Hungers auch noch stillen. Es wollte gerade damit beginnen, den Regenwurm mit seinem Schnabel vollständig aus dem Boden zu ziehen, da begann der Regenwurm zu sprechen.

„Könntest Du Dir vorstellen, dass Du mit Deinem Klopfen einfach nur störst?“ Das Huhn begann, verwirrt zu werden. Es hatte bisher noch keinen Regenwurm kennengelernt, der sprechen konnte. Als es sich wieder gefangen hatte, fragte es: „Was sagst Du da? Seit wann können Regenwürmer sprechen?“ „Ich kann es“, sagte der Regenwurm. „Ich würde mich gerne zurückziehen und weiter meditieren, wenn Du gestattest.“ Das Huhn fand es ungewöhnlich, dass der Regenwurm sich nicht einfach fressen lassen wollte. „Ich habe noch ein wenig Hunger und wollte Dich gerne verspeisen.“ „Das würde ich gerne verhindern“, gab der Regenwurm zurück. „Wie wäre es, wenn ich Dir ein Gedicht vortrüge und Du von dem Verzehr meinerseits Abstand nähmest?“

„Sprichst Du immer so geschwollen?“, fragte das Huhn. „Entschuldigung“, sagte der Regenwurm, „ich will mich korrigieren: Du mich nicht fressen, ich Dir sagen Gedicht auf.“ „So schlicht wollte ich das auch nicht hören“, meinte das Huhn. „Ich höre mir jetzt die erste Strophe an und dann entscheide ich über Fressen oder Weiterhören.“

„O tempora, o mores“, seufzte der Regenwurm. Dann begann er:

Ein Huhn, das ging im Garten

Es pickte hin und her

Die Körnchen können warten

Ein Regenwurm muss her.

„Du erzählst gerne von Dir“, sagte das Huhn. „Die Situation ist, gebe ich zu, für mich nicht angenehm“, gab der Regenwurm zurück. „Ich wollte Dich gerne auf die zweite Strophe einstimmen.“ „Ich will damit nicht sagen, dass mir diese Strophe nicht gefallen hat“, sagte das Huhn, „freundlicherweise hast Du auch mit mir als Huhn begonnen. Aber Du solltest Deine persönlichen Befindlichkeiten aktuell etwas zurückstellen.“ „Gern“, sagte der Regenwurm, „hättest Du etwas dagegen, wenn ich Dir die zweite Strophe vortrage?“ „Nein“, meinte das Huhn, „ich höre“. Da begann der Regenwurm mit der zweiten Strophe.

Das Huhn, das aus dem Garten

Das sang so gern ein Lied

Es klingt so schön im Garten

Des Gartenhühnchens Lied.

„Diese Strophe gefällt mir besser als die erste“, sagte das Huhn. „Es scheint, Du hast Dir mit dem Dichten etwas mehr Mühe gemacht.“ „Man tut, was man kann“, antwortete der Regenwurm und bemühte sich, nicht rot zu werden, was angesichts seiner normalen Farbe ohnehin nicht aufgefallen wäre. „Wenn es Dich interessiert, kannst Du zu diesem Text auch singen. Ich kann Dir eine Melodie vorsingen.“ „Sag mal“, fragte das Huhn, denn es hatte einen anderen Gedanken, „schmecken Regenwürmer, die dichten oder singen können, eigentlich anders als normale Regenwürmer?“

Der Regenwurm wurde ärgerlich. „Denkst Du eigentlich nur ans Essen?“, fragte er. „Interessiert Dich diese schöne Melodie überhaupt nicht?“ „Doch“, sagte das Huhn, „dann fang mal so langsam an.“ Und der Regenwurm sang die erste Strophe und dann die zweite Strophe und dann sangen das Huhn und der Regenwurm die beiden Strophen gemeinsam.

Heute wissen wir, dass diese Melodie viel, viel später in ein italienisches Volkslied übernommen worden ist, welches im Deutschen mit den Texten „Ein Hund kam in die Küche“ oder auch „Mein Hut, der hat drei Ecken“ bekannt ist. Aber diese Geschichte zeigt uns, dass diese Melodie eigens von dem Regenwurm für das Huhn erfunden worden ist.

„Das war richtig schön“, sagte das Huhn. „Das freut mich“, meinte der Regenwurm, „ich wäre Dir allerdings sehr dankbar, wenn Du mich in die Erde zurückkehren ließest. Ich muss auch bekennen, dass mir eine neue Strophe in dieser Situation spontan nicht mehr einfällt.“ „Wir könnten einen Kompromiss machen“, bot das Huhn an, „ich fresse nur Deine Unterhälfte und erlasse Dir den zweiten Teil der dritten Strophe.“ „Du nutzt meine Situation aus“, erwiderte der Regenwurm und betrachtete seufzend seinen Körper, der jetzt vollständig über dem Boden zu sehen war. „Gut, Du sollst die dritte Strophe hören.“

Ein Regenwurm ist schmackhaft

Ein Regenwurm ist fein

Doch ist es nicht sehr lachhaft

So einfach ohne Bein.

„Das finde ich doof“, sagte das Huhn. „Das hast Du nur erfunden, um Dich zu retten.“ „Nein“, beteuerte der Regenwurm, „ich wusste gleich, dass Dir Literatur und Musik viel bedeuten. Ich habe diese Strophe nur eingefügt, um Dich auf weitere einzustimmen. Ich hätte dazu nur ein Problem.“ „Ich höre.“ Das Huhn wiegte den Kopf hin und her. Es wollte gern mehr Gedichte hören. Vielleicht ergäbe sich auch die Gelegenheit, dazu zu singen. „Ich müsste kurz nach unten kriechen, in meinen Aufzeichnungen sind zahlreiche weitere Strophen vorhanden.“ „Nun gut“, sagte das Huhn nicht ohne Freundlichkeit, „aber beeil Dich.“

Der Regenwurm kroch, so schnell er konnte, in den Boden. Wenn wir ganz ehrlich sind, werden wir verstehen, dass er nicht mehr zurückgekommen ist. Das Huhn aber hatte so schön gesungen, dass es auf einmal doch keinen Hunger mehr hatte. Und so richtig böse war es dem Regenwurm auch nicht. Es hat dann nämlich selbst gedichtet – und das war auch nicht schlechter als das, was der Regenwurm gedichtet hatte. So hat das Huhn noch eine vierte und fünfte Strophe gedichtet. Und wenn es fröhlich war, und das war es meistens, dann hat es zu der Melodie von dem Regenwurm seine eigenen Strophen gesungen und ab und zu auch die zweite Strophe von dem Regenwurm. Die dritte fand das Huhn nach wie vor doof.

Ich bin sehr gern im Garten

Das ist mein Recht als Huhn

Du wirst es nicht erwarten

Ich bin das Gartenhuhn.

Ich bin so gern im Garten

Weil – ich bin gerne Huhn

Und wär es nicht der Garten

Ich bleib das Gerne-Huhn.

Das Huhn auf der Flucht

Es war so wie es immer ist. Kaum hatte das Huhn sein Treffen mit dem Regenwurm verarbeitet, da passierte etwas Neues, Einschneidendes, Lebensveränderndes. Und das kam so: Das Huhn hatte sich vorgenommen, einige Tage im Garten zu verbringen und auf Regenwürmer zu verzichten. Es hätte ja sein können, dass es denselben Regenwurm noch einmal traf. Einerseits wäre es schön gewesen, noch einige schöne Lieder vom Regenwurm gedichtet zu bekommen, aber andererseits wollte das Huhn etwas Ruhe in sein Leben bekommen. Es hätte auch sein können, dass das Huhn auf einen normalen Regenwurm traf, aber das Huhn hätte auch einen normalen Regenwurm nicht mit demselben Appetit verspeisen können wie früher.

Also verzichtete es auf Regenwürmer und begnügte sich mit Körnchen, die in diesem Garten immer reichlich vorhanden waren. Manchmal döste es in der Sonne und manchmal sang es zu der Melodie des Regenwurmes, zum Beispiel das folgende:

Das Huhn, das aus dem Garten

Das sang so gern ein Lied

Es klingt so schön im Garten

Des Gartenhühnchens Lied.

Aber dieses Lied kennen wir ja schon. So saß unser Huhn eines Tages auf dem Rasen des Gartens, da hörte es Stimmen. Die eine Stimme sagte: „Lange wird der Jupp diesen Garten wohl nicht halten können. Und mit den Hühnern ist das so eine Sache. Die dürfen laut Kleingärtnersatzung nur noch zwischen sieben Uhr morgens und sieben Uhr abends gackern. Das wird nicht gehen.“ Darauf antwortete die andere Stimme: „Und was sollen wir machen?“ Die erste Stimme sagte: „Na ja, zum Beispiel Hühnerfrikassee. Und der Jupp muss sehen, wie er klar kommt.“

Das Huhn wurde aufgeregt. Es wollte nicht als Hühnerfrikassee enden. Was ein Hühnerfrikassee genau war, das wusste es nicht. Aber es konnte sich denken, dass es dann mit seinem Hühnerdasein zu Ende wäre. Es musste sich etwas überlegen. Am besten wäre es wohl, wenn es den Garten verließe und sich umsähe, wo es denn besser aufgehoben wäre. Das könnte aber schwierig werden, weil Hühner, die nur picken, aber keine Gegenleistung erbringen wollen, möglicherweise nicht gern gesehen wären. Das Huhn überlegte hin und her, aber es sah zu diesem Vorhaben keine Alternative.

Es blieb weiter auf dem Rasen sitzen und überlegte. Am besten wäre es, zu flüchten, ja, das hatte es schon überlegt. Aber wie sollte es den Garten verlassen? Der war hoch eingezäunt. Jetzt erkannte das Huhn den Zweck. Die Umzäunung war dazu da, das Huhn und die anderen Hühner am Verlassen des Gartens zu hindern. Das Huhn wollte es trotzdem versuchen. Es nahm all seinen Mut zusammen und versuchte, den Zaun zu überfliegen. Aber das klappte nicht. Das Huhn flatterte zwar mit allen seinen Kräften, aber der Zaun war zu hoch. Das Huhn blieb etwas oberhalb der Mitte hängen. Es befreite sich aus den Maschen des Zaunes. Dann fiel es herunter. Das Huhn versuchte es ein zweites und ein drittes Mal, aber es schaffte es nicht.

Da war das Huhn ganz traurig. Dicke Tränen rannen über seine Hühnerwangen. Es saß auf dem Rasen des Gartens und weinte und weinte. Aber – was ist stärker als Gewohnheit? – es stand dann auf und lief über den Rasen und pickte auf die Erde. So, als wollte es einen Regenwurm fangen. Es dachte gar nicht darüber nach, was es denn da eigentlich tat. Da kam ein Regenwurm aus der Erde. Erst kam er zur Hälfte heraus und dann zeigte er sich ganz. „Hast Du mich gerufen?“, fragte er. „Bist Du der Regenwurm?“, fragte das Huhn ganz erstaunt. Es hatte noch Tränen in den Augen, aber es kamen keine neuen mehr nach, so erstaunt war es. „Ja, ich bin der Regenwurm“, sagte der Regenwurm, „der Regenwurm, der dichten und Lieder erfinden kann. Aber jetzt sehe ich Dich hier mit einem Problem.“ „Das kannst Du wohl sagen“, sagte das Huhn, „ich will nicht zu Hühnerfrikassee verarbeitet werden.“ „Das kann ich gut verstehen“, sagte der Regenwurm, „ich gebe Dir nur einen einzigen Tipp.“ „Wie heißt der Tipp?“, fragte das Huhn. „Intelligenter Einsatz der Ressourcen!“, rief der Regenwurm. „Was soll denn das bedeuten?“, fragte das Huhn wieder. Es wollte nicht erneut fragen, warum der Regenwurm so geschwollen sprach. „Du könntest“, sagte der Regenwurm sanft, „bevor Du wieder und wieder gegen den Zaun fliegst, erst einmal auf die Kiste da fliegen und erneut starten. Dann wird es Dir gelingen, den Zaun zu überwinden.“

„Das ist nett von Dir“, sagte das Huhn. „Wie kann ich mich dafür bedanken?“ „Das wirst Du schon“, meinte der Regenwurm, „aber anders als Du denkst. Ich bin mir sicher, dass Du meine Melodie auf der ganzen Welt verbreiten wirst, denn Du singst so gerne. Das ist mir Dank genug. Aber wenn ich ganz ehrlich bin“, er schwieg eine kleine Weile, „ich fände es auch schade, wenn Du als Hühnerfrikassee enden würdest. Irgendwie mag ich Dich. Mach‘s gut.“ Er verschwand in der Erde.

Das Huhn flog auf die Kiste, die im Garten herumstand. Dann nahm es erneut all seinen Mut zusammen und schlug kräftig mit den Flügeln. Es erhob sich von der Kiste und flog auf den Zaun zu. Der Zaun kam näher, das Huhn gewann an Höhe, und dann hatte es den Zaun überwunden. Leider streiften die Beine das oberste Ende des Zaunes und das Huhn kam aus dem Gleichgewicht. Es fiel zu Boden. „Gott sei Dank auf der anderen Seite des Zaunes“, dachte es. Jetzt war das Huhn in Freiheit. Wenn es dachte, seine Sorgen hätten jetzt ein Ende, dann hatte es sich getäuscht. Um die Kleingartenanlage herum standen einige Bäume. Aber hinter den Bäumen waren ganz viele Häuser. Die hatte das Huhn aus dem Hühnergarten heraus gar nicht sehen können. Und zwischen den Häusern waren Straßen, und auf denen fuhren viele Autos. Viele Menschen waren unterwegs. Die gingen an den Seiten der Straßen neben den Autos.