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Mikhail Ristau, renommierter Schubert-Interpret und -Lehrer und seine Frau Claudia, hochgeschätzte Musikjournalistin, führen eine glückliche Ehe, die von Verständnis und Zärtlichkeit geprägt ist. Dann erste Symptome bei Claudia, zunächst diskret, später manifest - und eine Diagnose ohne Hoffnung auf Besserung verändert das Leben der beiden von Grund auf. Glück, Angst, Verzweiflung, Trauer, emotionale Instabilität und später das schmerzliche Arrangieren mit der Situation - all das, was er sonst in Schuberts Musik findet, wird für Mikhail Ristau jetzt Teil seiner Realität.
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für Annette – natürlich
Die Rockies
Freiburg
Moments musicaux – cis-Moll, erste Lektion
Moments musicaux – cis-Moll, zweite Lektion
Impromptu Es-Dur, erste Lektion
Geburtstag
Impromptu Es-Dur, zweite Lektion
Alpiner Pfad
Venezia
G-Dur-Sonate, erste Lektion
G-Dur-Sonate, zweite Lektion
G-Dur-Sonate, dritte Lektion
G-Dur-Sonate, vierte Lektion
G-Dur-Sonate, sechste Lektion
G-Dur-Sonate, siebte Lektion
Rondo, Allegro
Trio, Andante
Rondo da capo, Tempo primo
Bagatelle
Die Bank
Sie drückte sich an ihn heran und er legte seinen Arm um ihre Schulter. „Es war wunderschön. Und jetzt werde ich ein wenig in Deinem Arm kuscheln.“
„Ja“, brummte er wohlig zurück.
„Du warst noch zärtlicher als sonst.“
„Wie Du meinst. Das wird an der Landschaft liegen, die Rockies machen eben sinnlich.“
Sie erhob ihren Oberkörper und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Mikhail, ich glaube, es war eine gute Idee, diese Reise zu machen.“
„Ja, das war es. Und es war auch eine gute Idee, Dich vor zehn Jahren zu heiraten, eine sehr gute natürlich. Aber ich kann kaum glauben, dass die anderen da unten im Gastraum sitzen und diskutieren oder in die Displays ihrer Fotoapparate schauen.“
„Die wissen eben nicht, was schön ist.“ Claudia wiederholte ihren Kuss.
„Wie sollten sie auch? Wer kann mit seiner Frau so zufrieden wie ich im Bett liegen? Ich fühle mich wie ein Glückspilz.“
„Ich mich auch.“
„Darüber hinaus finde ich unsere Reise ungemein anregend. Erinnerst Du Dich noch an den Blick auf den Athabasca Glacier? Wann war es, vorgestern oder einen Tag davor? Die Reise hast Du wirklich gut ausgesucht. Karibus haben wir schon gesehen, vielleicht kommt uns ja auch noch ein Wolf oder ein Bär vor das Fernglas. Eigentlich hatte ich ja gewisse Manschetten vor einer Gruppenreise, aber die hast Du ja zerstreuen können. Was hast Du seinerzeit gesagt? ‚In Deinem Beruf hast Du es mit höchstqualifizierten, aber auch manchmal maximal schwierigen Menschen zu tun, und hier schrecken Dich fünf oder sechs normale Bürger.‘ Damit hast Du es auf den Punkt gebracht.“ Mikhail lachte.
„Keine Wölfe hier, keine Bären, nur wir“, sagte jetzt Claudia.
Sie schwiegen eine Weile. Dann ergriff Claudia das Wort: „Professor Mikhail Ristau, das hört sich für mich noch immer so unwirklich an. Eine richtige Professur, eine Lebensstellung mit Pensionsansprüchen. Verdient hast Du sie schon seit Jahren. Aber zweimal haben Sie Dich übergangen.“
„Denk nicht weiter darüber nach. Als Russe hast Du es in der Klavierbranche einfacher. So etwas lässt sich besser vermarkten. Da denkt man sofort an die Konservatorien von Moskau und St. Petersburg. Ich war zwar auch in Moskau auf dem Konservatorium mit einer brutal guten Ausbildung im wahrsten Sinne des Wortes und habe einen russisch klingenden Vornamen, aber ich denke, durch meine ostdeutsche Vergangenheit doch einen gewissen Standortnachteil. Aber noch mal: Denk nicht darüber nach. Es hat geklappt und damit basta. Wenn Du allerdings zu Hause zu mir ‚Professor‘ sagst, werde ich sehr, sehr ungemütlich werden.“ Mikhail streichelte seiner Frau über das Haar.
„Ja, Herr Professor, selbstverständlich Herr Professor.“ Claudia unterdrückte ein Lachen.
„Um noch einmal auf meine späte Professur zurückzukommen: In mir ist keine Bitterkeit, überhaupt nicht. Ich werde weniger Zeit am Klavier verbringen können und mehr mit Verwaltungsarbeiten beschäftigt sein. Das ist die Kehrseite der Medaille. Aber das ist für mich im Augenblick weit weg, auch der Konzertabend in Freiburg. Schade ist nur, dass Deine Redaktion aufgelöst worden ist und Du jetzt nur noch freie Mitarbeiterin bist, also nur noch von Fall zu Fall bezahlt wirst.“
„Alles hat zwei Seiten“, sagte Claudia. „Wäre ich nicht Journalistin geworden, hätten wir uns nicht kennengelernt. Ich kann mich noch gut erinnern: Da gab ein noch unbekannter Pianist in Köln einen Klavierabend, ein Rezital, und hatte ein Programm, das im Grunde für das Publikum eine ungeheure Provokation darstellte: Erst die Impromptus von Schubert aus dem ersten Heft, dann die c-Moll-Sonate von Beethoven, die mit der Arietta, und nach der Pause die G-Dur-Sonate von Schubert. Man stelle sich vor: Diese Beethoven-Sonate nicht am Schluss, sondern noch vor einer Schubert-Sonate! Als ich das Programmheft las, konnte ich diese Zusammenstellung auch nicht verstehen, nachdem ich das Konzert gehört hatte, war mir vieles klarer, und nachdem ich den Künstler, nennen wir ihn mal M.R., interviewt hatte, wusste ich, dass es gar keine andere Möglichkeit gab.“
„Keine andere Möglichkeit, da hast Du recht.“ Mikhail strich ihr wieder über das Haar. „Dieser Klavierabend hat mein Leben verändert.“
„Unser beider Leben.“
„Ja, natürlich.“
„Sag mal, Claudia, schläfst Du noch?“ Mikhail schlug die
Augen auf.
„Ich döse noch ein wenig.“
„Ich habe mir Folgendes überlegt: Ich werde dem alten Dr. Krämer ein paar Klavierstunden mehr geben; im Augenblick kommt er ja nur alle zwei Wochen und er würde gerne jede Woche kommen. Er spielt zwar nicht besonders gut und das Piano-Spiel hat er auch nicht gerade erfunden, aber er liebt die Musik, er spricht auch gerne darüber und auf das Honorar kommt es ihm auch nicht an. Das würde Deinen Minderverdienst zum Teil ausgleichen.“
„Du bist lieb zu mir, aber wir sind jetzt im Urlaub.“
„Und das Zweite ist: Ich glaube, für ein gutes Schubert-Spiel muss ich die Schüler eher abholen, sie also in früheren Phasen des Studiums schon an Schubert heranführen. Stell Dir vor, ich werde die Impromptus und die Moments musicaux als Einführung nehmen. Da ist viel von Schuberts Musik und seiner Kompositionstechnik drin. Wenn man die einmal durchschaut hat, kann man sich später viel leichter seinen großen Sonaten nähern.“
„Mikhail“, mahnte Claudia erneut. „Ich weiß, Du bist großzügig und begeisterungsfähig, aber Du bist im Urlaub. Vergiss das nicht.“ Sie zog die Bettdecke zurück und betrachtete seinen Bauch. „Kein Gramm Speck.“
Mikhail streichelte ihre Brust. „Habe ich Dir eigentlich schon gesagt, wie schön Du bist?
„Ich glaube, zuletzt vor drei Wochen.“
„Und davor?“
„Ich denke mal, weitere zwei Wochen zurück. Aber wenn ein so kompetenter Klaviervirtuose und -pädagoge das sagt, muss da ja was dran sein.“ Sie schmiegte sich an ihn.
„Sag mal, was machst Du da?“
„Ich knabbere an Deinem Ohr.“
„Wie soll ich zärtlich sein, wenn Du mein Ohr ruinierst?“
Sie waren mit der Höllentalbahn nach Hinterzarten gefahren und hatten dort eine Wanderung gemacht, die auf dem Rundwanderweg durch das Hochmoor endete. Ein spätes Kaffeetrinken in Hinterzarten und dann wieder zurück nach Freiburg. Sie waren über die Gerberau bis zum Münster gegangen und hatten eigentlich vorgehabt, in einem der zahlreichen Lokale angesichts des Münsters im Freien etwas zu trinken und danach noch ein wenig durch Freiburg zu schlendern. Aber jetzt hatte es zu regnen begonnen. Claudia hatte sich bei Mikhail untergehakt. „So richtig gemütlich ist es doch nicht mehr. Ich bin froh, dass wir Regensachen tragen. Haben wir eigentlich noch Regenschirme im Rucksack?“
„Nein“, sagte Mikhail. „Ich meinte, heute Morgen an alles gedacht zu haben. Aber ich habe nur die Thermoskanne und die Brote eingepackt, nicht die Schirme. Die hängen da, wo sie hingehören: in Ihringen an der Garderobe.“
„Macht nichts“, sagte Claudia, „nach meiner Schätzung dürfte es bis zum Bahnhof nicht mehr weit sein.“
„Vielleicht fünf- oder siebenhundert Meter. Gleich nach rechts, an der nächsten Kreuzung nach links und dann kannst Du den Bahnhof schon vor Dir sehen. Bist Du in Eile?“
„Überhaupt nicht. Wir haben schließlich Ferien.“ Claudia lachte. „Wir lassen uns einfach treiben. Was ist das für ein Gebäude auf der rechten Seite?“
„Das dürfte zur Uni gehören. Die Bibliothek ist auf der anderen Straßenseite. Ich tippe mal auf ein Verwaltungsgebäude.“
„Kannst Du mit dem Spruch über dem Eingangsportal etwas anfangen?“, fragte Claudia. Da steht: „Und die Wahrheit wird Euch frei machen.“
„Sicher kenne ich den Spruch“, sagte Mikhail, „aber ich kann ihn im Augenblick nicht sicher zuordnen. Ich denke in erster Linie an Jesaja, aber wahrscheinlich fällt es mir gleich spontan ein.“
„Wann geht der Zug?“
„Am Abend einmal die Stunde, immer siebenunddreißig nach der vollen Stunde. Sollen wir noch ein Bier trinken gehen? Ich kenne da ein wirklich gemütliches Lokal mitten im Bahnhof. Da gibt es Weizenbier vom Fass, sehr gepflegt.“
„Warum nicht? Aber ich sehe da vorn einen Drogerie-Markt, da möchte ich vor dem Bier noch hinein.“
„Fehlt etwas?“, fragte Mikhail.
„Bei dem Regen und der Kapuze über den Haaren sollte ich noch Haarfestiger kaufen. Immerhin möchte ich Dir einen schönen Anblick verschaffen.“ Sie drückte seinen Arm.
„Habe ich Dir zu viel versprochen?“ Mikhail hob sein Glas. „Man rechnet doch nicht damit, dass eine Bahnhofskneipe so behaglich ist und ein so gutes Bier anbietet.“
„Eine gute Idee von Dir.“ Claudia hob ihr Glas.
„Weißt Du, ich kenne diese Bar, wie sie sich nennt. Ich hatte Dir von meinem Klavierabend erzählt, irgendwann im Herbst, nach unserem Urlaub in den Rockies.“
Claudia nickte.
„Du erinnerst Dich, erst die D-Dur-Sonate und nach der Pause die große B-Dur-Sonate. Ich hatte mein Bestes gegeben und ich meinte, der vierte Satz der B-Dur-Sonate wäre mir wirklich gut gelungen, und das meine ich selten, aber der Beifall war eher verhalten. Eine Zugabe nur, und dann war es das. Ich war konsterniert, ich musste herunterkommen. Der Gedanke an eine schlaflose Nacht in einem dieser öden Einheitszimmer im Hotel peinigte mich. Ich trieb mich planlos in der Altstadt herum und landete schließlich hier in dieser Bar, die haben bis zwei Uhr morgens auf. Ich gebe zu, es ist an jenem Abend beziehungsweise Morgen nicht bei einem Weizenbier geblieben, aber ich habe mich nicht volllaufen lassen. Normalerweise lese ich keine Kritiken über meine Konzerte. Deswegen habe ich Dir auch nur bis zu dem Beifall erzählt.
Aber einige Wochen später kam ein Kollege auf mich zu und zeigte mir zwei Artikel. Der eine war aus der Badischen Zeitung, der andere aus der Frankfurter Allgemeinen. In der Badischen Zeitung schrieb der Journalist: ‚Manchmal tröstend und zart, manchmal tiefschürfend und beklemmend.‘ Das Publikum wäre so mitgenommen gewesen, dass es kaum zu applaudieren gewagt hätte. Und der Rezensent der Frankfurter drückte sich ähnlich aus: ‚Eine Sternstunde des Schubert-Spiels‘. Sicher ist das alles Quatsch, diese Presseheinis schreiben ja manchmal viel Merkwürdiges, aber der Kollege, der mir die Presseartikel sogar noch kopiert hatte – es war der alte Ivanovic, Du weißt, der Klarinettist – , klopfte mir leicht auf die Schulter und sagte mir sinngemäß, das hätte ich verdient. ‚Sonst hört man doch nur diese widerwärtigen Narzissten‘, sagte er, und dann war er weg.“
„Der alte Ivanovic.“ Mikhail schüttelte den Kopf. „Immer geradeheraus und unbeirrbar. Ich weiß noch, wie er das dritte Klarinettenkonzert von Louis Spohr gespielt hat – technisch ungemein anspruchsvoll und musikalisch sehr gehaltvoll – und dann verrissen wurde. Wie man Louis Spohr geben könnte, der wäre doch von gestern, wenn nicht von vorgestern. Spohr ist nun einmal nicht en vogue. Ich weiß auch, wie stark er sich für Jörg Widmann eingesetzt hat, den Komponisten und Klarinettisten; sicher schon zehn Jahre eher, als es Daniel Barenboim getan hat, aber was erzähle ich.“ Mikhail hob erneut sein Glas. „Auf unser Wohl. Letztes Jahr die Rockies und jetzt Schwarzwald und Kaiserstuhl. Eigentlich ist unser Leben schön.“
Auch Claudia hob ihr Glas. „Sehr schön.“
Mikhail setzte sein Glas ab. „Da ich leider die Bahnhofsuhr im Blick habe, würde ich vorschlagen, dass wir langsam austrinken, bezahlen und in aller Ruhe zum Bahnsteig gehen. Der Zug geht in zwölf Minuten. Du sitzt ja mit dem Blick auf den Tresen. Vielleicht könntest Du der Bedienung ein Handzeichen geben.“
„Sicher“, sagte Claudia, nahm Blickkontakt mit der Bedienung auf und hob die Hand. „Zahlen, bitte.“
„Zwei Weizenbier vom Fass, das macht sieben Euro vierzig. War es denn recht?“ Der Bedienung, einer jungen blondgefärbten Frau mit zahlreichen Tätowierungen auf den Armen, schien ihr Job sichtlich Spaß zu machen.
„Sehr“, sagte Mikhail und legte eine Zehn-Euro-Note auf den Tisch: „Acht“.
„Zwei Euro zurück und Dankeschön. Dann wünsche ich noch eine schöne Reise.“
„Auch vielen Dank.“ Mikhail stand auf und setzte sich den Rucksack auf die Schultern. Er fragte Claudia, nachdem die Bedienung sich entfernt hatte: „Warum, meinst Du, hat die Bedienung uns eine schöne Reise gewünscht?“
„Na, sehen wir etwa so aus wie klassische Besucher einer Bar, mit Rucksack und Regenjacken?“, gab Claudia zurück. Sie hakte sich mit ihrem Arm bei Mikhail unter. „Das ist Dir doch recht?“
„Sicher, natürlich.“
„Von welchem Gleis geht der Zug?“
„Von Gleis 5. Wir können die Rolltreppe nehmen.“
Die Rolltreppe quietschte etwas. „Mikhail, hast Du die Fotokopien dieser Artikel noch?“
„Ich habe sie abgeheftet in dem Ordner ‚Konzertagentur‘. Warum fragst Du?“
„Ich bin so gerne stolz auf Dich.“
„Ach, Du kennst mich doch. Lob macht mir immer Angst.“
Sie erreichten den Bahnsteig und stiegen in den Zug ein, zwei aneinandergehängte Waggons, knapp größer als eine Straßenbahn.
„Schau mal, da ist noch ein ganzer Vierer frei. Wie schön, da können wir in Fahrtrichtung sitzen.“ Mikhail nahm den Rucksack von den Schultern. „Du am Fenster, ich am Gang?“
„Gute Idee.“ Claudia nahm am Fenster Platz und Mikhail am Gang.
„Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, den Rucksack auf die Sitze gegenüber zu legen.“ Mikhail nahm seinen Rucksack auf die Knie. „Ich gehe mal davon aus, dass der Zug, wenn er in fünf Minuten losfährt, proppevoll sein wird.“
„Ist hier noch frei?“ Ein junges Paar stand an dem Vierer, in dem Claudia und Mikhail saßen.
„Natürlich“, sagte Claudia. „Das ist ein öffentlicher Zug. Setzen Sie sich.“
Mikhail musterte das Paar, welches ihnen gegenüber Platz genommen hatte. Die beiden sahen ein wenig schräg aus. Sie, ein junges Mädchen, hatte ihre Haare mit einer Farbe oder Henna leuchtend orange gefärbt und war an Unterlippe und Nase gepierct. Der junge Mann neben ihr hatte zwar kein Piercing, aber war kahlrasiert und trug in der Mitte des Schädels von vorn nach hinten eine Art Hahnenkamm, dessen Spitzen grün leuchteten. Aber abgesehen von den Äußerlichkeiten hatte jeder für sich ein wirklich nettes Gesicht und die beiden gingen liebevoll und zärtlich miteinander um.
Mikhail wandte sich an Claudia. „Jetzt habe ich das mit dem Bibelspruch an dem Uni-Gebäude wieder präsent. Ich war wohl gerade durch meine Erinnerungen an Freiburg im letzten Herbst etwas blockiert. Es tut mir leid, er ist nicht von Jesaja.“ „Wie furchtbar.“ Claudia lächelte.
Mikhail fuhr fort: „Er stammt aus dem Johannes-Evangelium. ‚Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch freimachen.‘ Das ist die alte Luther-Fassung. In der Zürcher Bibel heißt es sinngemäß: ‚Wenn ihr bei meinem Worte bleibt...‘. Ich persönlich finde die Sprache Luthers am schönsten, so archaisch, so musikalisch; aber wahrscheinlich liegt es daran, dass ich diese Fassung am längsten kenne.“
„Was Du plötzlich aus dem Hut zaubern kannst“, sagte Claudia, „unglaublich“.
Ein Gong ertönte und „Freiburg West“ wurde ausgerufen.
„Na ja“, meinte Mikhail, „in dem Arbeiter- und Bauernstaat, in dem ich aufgewachsen bin, gab es nicht nur die Jugendweihe, sondern auch Konfirmationsunterricht.“
„Sind Sie Pastor oder Priester?“, mischte sich jetzt das Mädchen in die Unterhaltung ein, indem sie sich vorbeugte und die Stimme senkte.
„Nein“, sagte Mikhail, ebenfalls mit gedämpfter Stimme.
„Aber Sie haben Ahnung von Gott?“
„Ich würde mal sagen, ich habe einen ganz guten Draht zu
ihm“, sagte Mikhail.
„Wir haben uns gerade unterhalten“, sagte das Mädchen. „Wir wollen schon lange heiraten, aber das geht nicht. Unsere Eltern haben etwas dagegen, sie hetzen gegenseitig gegen den anderen von uns. Würden wir heiraten, dann würden alle Eltern sämtliche Zahlungen an uns einstellen.“
„Das ist nicht schön“, sagte Mikhail, „ich finde, das gehört sich nicht.“
„Wir wollen heiraten, aber so, dass es nicht amtlich ist, nur für uns.“
„Und vor Gott“, ergänzte Mikhail.
„Ja, genau so.“ Der junge Mann mit dem grünen Hahnenkamm ergriff das Wort.
„Es ist Euch ernst, das merke ich. Ihr habt Euch das wahrscheinlich wirklich gut überlegt und ich finde schön, was Ihr tun wollt.“ Mikhail sprach langsam. „Aber ich bin kein Geistlicher, der eine Trauung vollziehen darf.“ Er machte eine Pause. „Wie alt seid Ihr denn?“
„Neunzehn“, sagte das Mädchen und „einundzwanzig“ der junge Mann.“
„Wie lange kennt Ihr Euch?“
„Schon seit der Schulzeit“, sagte das Mädchen.
„Ringe werdet Ihr wohl nicht haben.“ Mikhail fand zwar, dass das „Du“ nicht angemessen war, aber er beließ es bei dieser Anrede.
„Sicher“, sagte das Mädchen und streckte ihre linke Hand vor.
„Goldene Verlobungsringe. Seit einem halben Jahr. Aber wir tragen sie nur dann, wenn uns keiner sieht, der petzen könnte.“
„Wie heißt Ihr“, fragte Mikhail.
„Hannah“, sagte das Mädchen, „und mein zukünftiger Mann heißt Jonas.“
Mikhail stand auf, legte den Rucksack auf seinen Sitz und zog den Reißverschluss seiner Regenjacke zu.
„Steht auf“, sagte er und machte den beiden und seiner Frau ein Zeichen und, als alle sich erhoben hatten: „Wir sind jetzt hier in dem Zug von Freiburg Hauptbahnhof nach Breisach versammelt, weil Ihr beide für Euch und vor Gott den Bund der Ehe schließen wollt. Ich frage Dich, Hannah: Willst Du diesen Mann, den Jonas, als Deinen Mann annehmen, ihn lieben und ehren, bis dass der Tod Euch scheidet, so antworte: ‚Ja, mit Gottes Hilfe‘.“
„Ja, mit Gottes Hilfe“, antwortete Hannah.
„Nun frage ich Dich, Jonas“, Mikhail wandte sich zu dem jungen Mann, „willst Du diese Frau, die Hannah, als Deine Frau annehmen, sie lieben und ehren, bis dass der Tod Euch scheidet, so antworte: ‚Ja, mit Gottes Hilfe‘.“
„Ja, mit Gottes Hilfe“, antwortete Jonas.
„Gebt mir Eure Hände.“ Mikhail nahm die Hände der beiden und legte sie aufeinander. „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Vor Gott und vor Euch seid Ihr jetzt ein Paar. Ich wünsche Euch viel Glück.“
„Sie dürfen die Braut jetzt küssen“, wandte Hannah nach einer Pause ein. „Das kommt doch sonst immer.“
„Das habe ich bei Euch beiden stillschweigend vorausgesetzt“, sagte Mikhail lächelnd und, nachdem die beiden sich ausgiebig geküsst hatten: „Euren Trauspruch kennt Ihr ja schon, den habt Ihr vor ein paar Minuten gehört. Ich wiederhole ihn noch einmal: ‚Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, seid ihr in Wahrheit meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch freimachen.‘ Ich werde Euch jetzt segnen.“ Er erhob seine Arme so, dass die Handflächen auf das junge Paar zeigten. „Und der Herr behüte und beschütze Euch, er lasse leuchten sein Angesicht auf Euch und schenke Euch Frieden.“ Als er das Kreuzzeichen machte, ertönte der Gong. „Amen“ sagte Mikhail, dann kam die Ansage für Gottenheim.
„Danke.“ Hannah küsste Mikhails Hände und der junge Mann gab Mikhail mit feuchten Augen die Hand. Auf einmal wurde im Zug geklatscht und Wortfetzen drangen an Mikhails Ohren.
„Eine Eisenbahntrauung, wie originell! – Das hat er wirklich gut gemacht. – Man kann sich kaum vorstellen, dass diese beiden vor einem Geistlichen geheiratet haben. – Na, ich weiß nicht, früher ging man noch in die Kirche.“
Der Zug bremste an, um in Gottenheim zu halten.
„Wir müssen umsteigen“, sagte Hannah.
