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Faszination Jakobsweg Was reizt Menschen daran, den Jakobsweg zu gehen, völlig unabhängig von Alter, Nation, Kultur, Religion oder politischen Ansichten? Begleiten Sie den Autor bei „seinem“ Jakobsweg von St. Jean Pied de Port nach Santiago de Compostela und weiter nach Cabo Fisterra. Von Etappe zu Etappe wechseln Landschaft, Wegführung und Wetter, wandeln sich Wahrnehmung und Eindrücke. Seine Erfahrungen und Erlebnisse, was ihn beschäftigt und bewegt, geben eine Vorstellung davon, was das Gehen auf dem Jakobsweg ausmacht. Man teilt den Camino mit vielen Menschen - einzigartig aber wird er durch die Menschen, mit denen man sich verbunden fühlt. Einige dieser Menschen, ihre Geschichten und Lebenswege werden in dem Buch beschrieben. So erschließt sich die Seele des Jakobswegs, jenseits von Streckenführung, Längen- und Höhenmetern. Vor allem aber: man bekommt Lust darauf, den Jakobsweg selbst zu gehen, sich auf ihn einzulassen und den Reiz des Camino zu spüren.
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Erfahrung Jakobsweg
Paul B. Schmitter
Reisetagebuch, Erlebnisse und
Geschichten entlang des Camino Francés
Gewidmet all denen, die mir Begleiter waren und die ich näher kennenlernen durfte
„i ultreia“
Inhalt:
Vorwort
Einleitung
Die Vorbereitung
Der Jakobsweg in Etappen
Nachbetrachtungen
Meine Packliste
Hilfreiche Tipps für den eigenen Weg
Ausgewählte Fotos des Autors vom Jakobsweg finden Sie unter: www.paulbschmitter.de
Vorwort
Als ich 1978 in den Semesterferien an der Universität von Santander einen Spanischkurs belegte und mich intensiver mit der Mentalität und Geschichte der Spanier und Spaniens beschäftigt habe, gab es mehrere Dinge, die mich besonders interessierten: das Baskenland, der Lauf vor den Stieren, die Kolonialisierung Lateinamerikas und der Jakobsweg.
In dieser Zeit in Spanien widmete ich mich dem Baskenland und lief vor den Stieren. Im darauffolgenden Jahr studierte ich in Sevilla die spanische Sprache und beschäftigte mich mit der Kolonialisierung Lateinamerikas.
Der Jakobsweg selbst rückte erst wieder später in den Fokus, bei einem Aufenthalt an der Universität von Santiago de Compostela.
Dennoch dauerte es bis zum Jahre 2009 bis er mich rief, jetzt war es die richtige Zeit für mich ihn zu gehen, jetzt passte er in mein Leben, hatte sich den Raum geschaffen. Wie bei vielen Dingen in meinem Leben ist es so, dass sich Gefühle und Vorstellungen so verdichten, dass ich dann das Gefühl habe, aus welchem Grund auch immer, dem folgen zu wollen und es dann auch zu machen. Oft genug unbewusst, als wenn das Leben auf bestimmte Dinge hinarbeitet, die anstehen und auf Erledigung drängen.
Vielen, die ich getroffen habe, ging es ähnlich, auf einmal ist etwas da, zunächst vielleicht als Idee oder Vorstellung, Jux, Spinnerei, Flachserei, aber dann wird es real und setzt sich fest, im Kopf und im Bauch, eine Realität, die nicht mehr zu negieren ist – es steht an, jetzt und hier. Im Nachhinein ist schwer nachvollziehbar, wie der Verlauf genau war, aber mit dem Ergebnis, dass man sich jetzt auf dem Jakobsweg befindet.
Und dann muss man nur noch gehen …
Und sich einlassen auf das, was passiert …
Einleitung
Die Idee, dieses Buch so zu schreiben, ist während der letzten drei Jahre gereift.
Es gibt so unterschiedliche Dinge wieder wie Wegbeschreibungen, Unterkünfte, Vorbereitung, persönliche Erfahrungen, Geschichten, die ich erlebt habe, Lebensläufe von Menschen, die ich näher kennenlernen konnte, Eindrücke während und auf dem Jakobsweg gewonnene Einsichten. Und es gibt auch die unterschiedlichen Interessen an dem Jakobsweg wieder:
Das Interesse, mehr zu erfahren, quasi aus erster Hand, von jemand den man kennt, um sich selbst ein Urteil zu erlauben, wie es denn für einen selbst sein könnte, mal den Jakobsweg zu gehen.
Das Interesse, zu wissen, was einen denn erwartet von Umfeld, Strecke, Höhenmetern oder Herbergen.
Das Interesse, was denn der Weg mir persönlich gebracht habe, meine persönlichen Einsichten und meine Erfahrungen oder anders gesagt die persönliche Dimension des Jakobsweges.
Das Interesse, mehr über die Art von Leuten zu hören, die den Jakobsweg gehen und mit denen man einen Teil des Weges gemeinsam geht, mit denen intensive Gespräche stattfinden, wo eine Seelenverwandtschaft entdeckt wird.
Das Interesse, ob und was der Jakobsweg allgemein so an Erfahrungen bringt.
Kurzum, so unterschiedlich die Menschen, so unterschiedlich die Bedürfnisse, mehr zu erfahren, die Neugier an Dingen, die andere Erfahrungen repräsentieren, als die, die man bereits kennt und somit auch immer in allen obigen Bereichen ein Stück Neuland ist.
Als ich dann im Sommer 2009 auch noch den portugiesischen Jakobsweg mit meinen Kindern gegangen bin (mein erster war vom 12.03. – 19.04. 2009 der Camino francés) erweiterte sich das Spektrum der Interessenten um Eltern, die überlegen, ob und wie sie Ihre Kinder mit einbeziehen können.
Im Dezember 2011 ging es dann weiter mit dem Jakobsweg, der von Sevilla aus nach Santiago de Compostela führt.
Nun fing alles an sich zu teilen, für die Einen ein Spinner, für die Nächsten ein Ansporn, sich näher damit zu beschäftigen und für die Dritten die Anfragen, ob Sie nicht beim nächsten Mal mitkommen könnten oder ich Sie nicht auf Ihrem geplanten Jakobsweg begleiten wolle…
So entschloss ich mich dazu, eine Art Reisetagebuch zu schreiben, erweitert um das, was ich für mich und mit den Leuten erlebt habe, die ich näher kennenlernen konnte, entsprechend der Etappen meiner Wanderung geordnet.
Auf meiner Webseite www.paulbschmitter.de habe ich für Sie einen Teil der mehr als tausend Fotos (ein Bild sagt mehr als viele Worte) zugänglich gemacht, so dass Sie dort ungestört stöbern und sich jenseits des Lesens und des Formats dieses Buches die Fotos vom Jakobsweg anschauen können.
Für die, die sich dann damit beschäftigen, Ihren Jakobsweg zu gehen, gibt es noch einen praktischen Teil, der alles zur Vorbereitung enthält, eine Packliste, Hinweise und Adressen für weitere Informationen.
Und möglicherweise lernen wir uns ja auch mal persönlich kennen, irgendwo zwischen St. Jean Pied de Port und Santiago und dann Cabo Fisterra, wenn ich den Jakobsweg mal wieder gehe.
„Auppa!“
Die Vorbereitung
Nachdem mein Urlaub genehmigt war, erfolgte, wie immer bei mir, eine intensive Zeit der Beschäftigung mit dem Jakobsweg, dem Sammeln von Informationen über ihn, seine Geschichte, Berichte über den Weg usw.
Am Ende wurde mir klar:
Erstens, ich mache es so ursprünglich wie möglich, ausschließlich Pilgerherbergen kamen zur Übernachtung in Frage.
Zweitens, jeder Meter wird gegangen.
Drittens, kein Handy.
Zur weiteren Vorbereitung gehörten für mich, die Wanderschuhe einzulaufen und die Schultern an den Rucksack zu gewöhnen. Eine Erfahrung kann ich, auch durch spätere Jakobswege, nur bestätigen: jedes Gramm zählt, was man am Körper trägt, sowie das, was im Rucksack ist. So wählte ich, wie wohl viele andere auch zunächst einen zu großen Rucksack und auch zu viel zum Anziehen aus. Mit jedem Gang durch den Wald wurde es zunehmend weniger, Unterwäsche, Sachen zum Drüberziehen, Socken, etc. alles wurde immer wieder verändert, gewechselt, ausgetauscht und/oder anders ersetzt, ganz zum Schluss wurde alles neu zusammengestellt, was dann in den für den Jakobsweg speziell gekauften Rucksack reinging. Es hatte sich gelohnt, alles war durch das viele Hin und Her blind zu finden. Die Waage, ständiger Begleiter während der Vorbereitung, startete mit 17 Kilo und beendete das Wiegen mit 9,8 Kilo, wobei hierzu ja immer noch mal 3 Kilo zukommen (2 PET Flaschen a`1,5l für Wasser). Bedingt durch die Zeit, in der ich den Jakobsweg ging (12.3. – 19.4.) musste ich auch viele warme Sachen mitnehmen, es war auch richtig so, im Nachhinein hätte ich auf nichts verzichten können. Beim portugiesischen Weg im gleichen Jahr im Sommer kam ich mit 7,4 Kilo hin. Zudem hatten viele Bekannte Interesse an einem Bericht hinterher geäußert, so musste dann auch noch eine Digitalkamera mit, Ersatzbatterien, Ladegerät etc.
Was zum Schreiben sowieso, hier halte ich sowohl zutiefst persönliche Erlebnisse fest als auch Dinge allgemeiner Natur und Erlebnisse mit Menschen, die ich treffe und näher kennenlerne. Alles Dinge, die mich jetzt in die Lage versetzen, darüber berichten zu können und das zu beschreiben, was meinen Jakobsweg ausgemacht hat.
Ihrer wird anders sein, wenngleich es Dinge geben wird, die in der einen oder anderen Weise ähnlich sein werden, aber bei Ihrem Jakobsweg vielleicht in einer andern Dichte oder Intensität auftreten, verschiedenen Dingen werden Sie sich stellen müssen.
„Wer nicht versteht, dem kann man nichts erklären.
Wer versteht, dem braucht man nichts zu erklären.“
So ist der Jakobsweg wie ein kurzes Leben, Sie werden dort alles finden und werden auch mit alledem konfrontiert, was das Leben auch sonst für Sie bereit hält, aber Sie finden auch Lösungen, Umgang mit Dingen, Lehrer (Leute, die Sie da abholen, wo Sie sind und weiterbringen) und Schüler (Leute, die da stehen, wo Sie mal gestanden haben und die Sie weiter bringen), Denkweisen und Verhaltensweisen kennenlernen und annehmen können, die Türen zu Räumen da öffnen, wo Sie keine vermutet hätten …
Es werden sich Dinge Bahn brechen, die klarer werden und Ihnen eine Hilfe sein werden, für sich und Ihr Leben. Dinge, die Sie beschäftigen und an denen Sie herumtragen, werden sich auflösen, am Ende sind Sie auf merkwürdige Art darüber hinausgewachsen. Wer auf dem Jakobsweg nichts für sich mitnimmt, ist ihn nicht gegangen.
Wer den Jakobsweg gehen will, sollte ihn ganz gehen, Zeit ist mittlerweile ein sehr kostbares Gut, aber wenn Sie es sich und Ihrer Entwicklung nicht wert sind, wer sollte Ihnen dieses Geschenk machen?
Sie betrügen sich um das, was Sie mit oder durch den Jakobsweg wollen (nicht unbedingt bewusst), stecken für sich fest, müssen eine wichtige Entscheidung treffen, fühlen sich nicht mehr so richtig wohl mit dem, was Sie machen oder wie Sie es machen, spüren, dass Sie Dinge an sich verändern wollen oder müssen oder etwas Neues in Ihnen bricht sich Bahn … Was auch immer es bei Ihnen ist, nehmen Sie sich Ihnen zuliebe die Zeit, danach ist eh alles anders.
„Jeder, der den Jakobsweg geht, ist am Ende ein anderer als der, als der er gestartet ist.“
Faszinierend fand ich die Tatsache, dass sich in den Leuten, die ich auf meinem Jakobsweg näher kennenlernen konnte, die Motive, den Jakobsweg zu gehen, so eindrucksvoll alle wiederfanden:
Bei den Einen war es das Verarbeiten, Vergessen oder Abschließen mit der Vergangenheit.
Bei den Anderen war es das Erinnern und Zurückholen der eigenen Vergangenheit.
Bei Anderen war es die Neupositionierung, Orientierung und der Richtung für die Zukunft.
Bei Anderen die Bewältigung eines aktuellen Problems.
Jetzt und an dieser Stelle genug davon, meine Erlebnisse mit mir und anderen Pilgern oder auch „Pilgern“ (im Sinne von Wanderern oder auch den Spaniern, die der Form Genüge tun, um die Compostela zu haben) werden Ihnen einen Eindruck geben, was mit und bei anderen Menschen passieren kann.
12.03. Erster Tag: ca. 14KM
Berlin – Paris – Biarritz – St. Jean Pied de Port –Valcarlos
Obwohl nun die Vorbereitungen abgeschlossen waren, am Abend vor der Abreise wurde alles noch mal geprüft, alles aus- und wieder eingepackt, Sachen für den ersten Tag rausgelegt, gegen 24 Uhr erst ins Bett, um 4 Uhr wieder raus, duschen, anziehen (feste Wanderschuhe, warme Wollsocken, lange Unterwäsche, Funktionshemd drüber, Schal, Regenjacke), es war noch Winter in Berlin und kalt, Unterlagen zur Hinreise verstauen, Rucksack um und auf zur S-Bahn und raus zum Flughafen Berlin Schönefeld.
Nach vielen Recherchen im Internet hatte ich die für mich beste Verbindung herausgefunden:
Schönefeld – Paris Orly von dort aus mit etwas Aufenthalt weiter nach Biarritz - ca. 130,-€ zusammen.
In Biarritz war ich um 14.30 Uhr raus aus dem Flughafengebäude und genoss das sonnige Wetter, die 17 Grad, die Tatsache, dass kein Wind wehte, erhöhten unmittelbar den Wohlfühlfaktor. Jetzt war ich zwar am Start meines Weges, aber noch fühlte ich mich nicht so, als wäre ich schon unterwegs. Immer noch bestimmten Überlegungen das Jetzt, klappt es mit dem Trampen, was wenn nicht, und noch war ich auch zu sehr dem Alltag, dem ich entgehen wollte verhaftet, kamen immer wieder Gedanken hoch in die Gegenwart, von denen ich Abstand gewinnen wollte. Aus dem Rucksack entnahm ich mein gemaltes Schild mit der Jakobsmuschel drauf und dem Ort, wo ich hinwollte: St. Jean Pied de Port, wie früher wollte ich dorthin trampen, ein Zug ging zwar auch, aber erst am frühen Abend, so dass dann direkt auch in St Jaen die erste Zwangspause gewesen wäre … Die Jakobsmuschel kam hinten an den Rucksack, die Regenjacke verschwand im Rucksack. Ich hatte mir eine kleine Wegbeschreibung zur Ausfallstrasse nach St. Jean aus dem Internet ausgedruckt und so ging`s dann direkt los, das Schild am linken, ausgestreckten Arm die 3,5KM zur Ausfallstrasse (D932 Richtung Ustaritz). Nach weiteren 2KM hatte ich dann Glück, Agnes, eine Immobilienmaklerin aus Biarritz, fuhr in die Pyrinäen und musste auch durch St. Jean. Da ich so gut wie kein französisch kann, sie nur französisch, war es eine zwar nette, aber anstrengende Form des Versuches der Kommunikation. Ich war froh, dass der Start so gut geklappt hatte und ich um 15.30 Uhr schon in St. Jean war.
Der Weg zum Pilgerbüro war mit ein paar Fragen schnell zu finden, hier erwartete mich ein netter Pilgerfreund, der auch gut Deutsch sprach, mir den ersten Stempel des Camino in den Pilgerpass stempelte und mir einen Zettel mit der Wegbeschreibung nach Roncesvalles gab und mich eindringlich bat, diesen Weg entlang der Nähe der Straße zu gehen und nicht den Weg über den Pass zu nehmen, dieser wäre gesperrt und das Wetter könne jederzeit so umschlagen und bitter kalt werden, eiskalter starker Wind und Schneefälle, dass man die Hand nicht mehr vor den Augen sehen könnte. Im Mai des Vorjahres seien zwei Pilger trotz der Sperre des Passes darüber gegangen, sie werden noch immer vermisst. Ich machte mich dann direkt auf, in einer Confiserie deckte ich mich noch mit 3 Teilchen ein, da ich seit heute früh nichts mehr gegessen hatte, war die Halbwertzeit dieser Teilchen nur 10 Minuten. Um 16.30 Uhr war ich dann aus St. Jean raus, das Wetter noch schön, aber im Schatten doch sehr kühl, der Weg verlief parallel zur Straße, schnitt sie manchmal, um dann wieder in einiger Entfernung davon weiterzuführen. In Arneguy, ca. 10KM von St.Jaen, trank ich meinen ersten Kaffee auf dem Camino, anders als sonst mit viel Zucker. Hier hatte ich noch ein bißchen Ruhe und mit dem Blick auf die Landschaft zum ersten Mal das Gefühl, auf dem Camino angekommen zu sein, und es war ein schönes Gefühl, eine Art innere Ruhe bestimmte jetzt die Gegenwart, auch das Glück des ersten Tages bis hier hin, dass alles so gut geklappt hatte. Nach ca. 40 Minuten ging es dann weiter nach Valcarlos, die Sonne, die zuvor gewärmt hatte, ging nun langsam unter und es ging weiter leicht bergauf. Kurz nach 19 Uhr kam ich dort an, holte mir im Laden noch einen Riegel Süßes, Nudeln und Zigaretten, fragte nach der Herberge.
Der Mann telefonierte kurz, erklärte mir den Weg und sagte, es wäre offen, aber gleich würde jemand kommen, mir den Stempel geben und die 10,-€ für die Übernachtung annehmen. Die Herberge war noch neu, erst ein paar Jahre alt und alles tadellos. Ich hatte mit 30,-€ am Tag kalkuliert, alles in bar mit, eine Kreditkarte nur als Sicherheit für Notfälle. Es wurde schnell dunkel, hier waren die Männer von den Frauen getrennt, die Frau erzählte mir, dass eine Deutsche da sei. Im Gästebuch waren in diesem Jahr erst ein paar Einträge von Pilgern, die waren aber auch schon 2 Wochen alt, sonst nichts. Ich machte mir noch einen Kaffee und kochte Nudeln, schrieb mein Tagebuch, duschte (das Wasser war heiß!), machte mich bettfertig und krabbelte zufrieden in den Schlafsack, es war ein toller Tag gewesen, jetzt nur noch schlafen … Ich stimmte mich auf ein frühes Aufstehen am nächsten Tag ein. Die Nacht schlief ich unruhig, es war Vollmond und ich hatte nur einen leichten Schlaf, unterbrochen von ständigem Wachsein. Zuviel war los in meinem Kopf: Neugier, Ruhe, Angespanntheit, Nervosität, die Verarbeitung der Eindrücke des ersten Tages…
13.03. Zweiter Tag: ca. 12KM
Valcarlos – Roncevalles
Die letzten Endes unruhige Nacht und der wenige Schlaf, vielleicht auch bedingt durch den Vollmond führten dazu, dass ich nur von 1.30 bis 5.30 Uhr richtig geschlafen habe, der Rest war so etwas wie Halbschlaf. Um 6.30 Uhr bin ich dann endgültig aufgestanden, draußen zwitscherten die Vögel munter und laut, begrüßten den neuen Tag auf ihre Art. In der Küche traf ich dann Christina, die gerade dabei war, loszugehen. Ich habe es ruhig angehen lassen, einige Kaffee getrunken, mir den weiteren Verlauf des Camino angesehen, mir die Unterkünfte ab hier mit ihren Entfernungen vergegenwärtigt, alles gespült und gegen 8.20 Uhr die Unterkunft verlassen, um mich für den Weg bei der Tienda noch mit Brot zu versorgen. Ich war gespannt, wie anstrengend es werden würde, die ungewohnten Höhenmeter.
Es war noch bewölkt, diesig und kühl, als ich mich dann auf den Weg machte, der anfänglich auf, an, oder in direkter Nähe zur Landstrasse führte und dann ging es auch schon auf manchmal schmalen, manchmal auch breiteren Wegen mitten durch die Natur, an Bächen vorbei, Behelfsbrücken zum Passieren und manchmal auch Zwangspausen dort, wo es sich ein weg oder ein schmaler Pfad gabelten und auch beim besten Willen kein Hinweis (gelber Pfeil, die Sonne mit Strahlen oder die Jakobsmuschel, das Zeichen der Pilger) erkennbar war. Die Strecke wird hier zum Ergebnis des Zufalls, teilweise waren die Hinweise wohl auch unter den Schneeverwehungen verborgen. Keiner da zum Fragen, oft das Gehen in eine Richtung und dann, nach einer gewissen Zeit die Umkehr und den anderen Weg weiter. In diesen Fällen, so merkte ich, regierte noch das Denken des Alltags, schade um die Zeit, umsonst gelaufen, was, wenn es den ganzen Weg so weiter geht usw. Aber das Wetter war herrlich, die Wahrnehmung fing an sich zu verändern, die Umgebung wurde genau beobachtet, unterschiedliche Vegetation und auch Felsenformationen, Windgeräusche, Gerüche, das Hier und Jetzt brach sich immer mehr Bahn und es war ein schönes Gefühl, wieder Zeit und Raum zu haben, sich ganz auf die Umgebung einlassen zu können, ohne zeitliche Begrenzung, ganz nach Gusto und Laune, ohne eine Vorstellung davon, wie viel nun geschafft wäre oder wie viel noch vor einem liegt. Von Zeit zu Zeit machte ich dann eine kleine Pause, rauchte, und nahm die unmittelbare Umgebung in mich auf und genoss die Weite, das Gefühl, nichts vor Augen zu haben, was eine Orientierung über den weiteren Verlauf des Camino zuließ. Die Höhenmeter forderten auch Ihren Tribut, ebenso wie die mitunter steilen Passagen bergab oder die Wegstrecken, die unter 30 – 50cm hohen Schneeverwehungen lagen und die wegen des nicht erkennbaren Untergrundes zu besonders langsamem und vorsichtigem Gehen veranlassten. Ein herrlicher Tag, an Stellen mit Sonne sehr angenehm warm, an den Teilen mit Schatten und Wind ungewohnt kühl. Ohne Uhrzeit, nur mit der Orientierung an dem Stand der Sonne fühlte ich mich wohl und das trug wohl auch dazu bei, den Alltag mehr und mehr hinter mir zu lassen.
Glücklich und zufrieden traf ich dann schon um 12.30 Uhr, unerwartet früh, am Kloster in Roncesvalles ein. Für Pilger wurde das Kloster erst ab 16 Uhr geöffnet, es war herrliches Wetter, ich legte mich dann auf die Wiese, genoss die warme Sonne (es war gegen 22 Grad), einzig der Wind war etwas kühl. Hier sprach mich dann Jade an, eine Lehrerin aus Korea, die für 3 Monate auf Europatour war, und die nach Paris streckenweise den Jakobsweg gehen wollte. Sie selbst sprach kein Spanisch, nur Englisch und ein bißchen Französisch und fragte, ob ich ihr nicht helfen könnte beim Übersetzen in der Casa Sabrina, einer Pension mit Restaurants und Pilgermenüs. Ich sagte zu, so dass wir bereits etwas später am Tisch saßen und sie mir voller Begeisterung von Korea erzählte, der größten christlichen Gemeinde in Asien. Vor 2 Jahren gab es dort einen Fernsehbericht über den Jakobsweg und der bewog wohl sehr viele Koreaner den Weg zu gehen. Später bestätigten sich die Informationen, weil ich noch sehr viele Koreaner traf und auch mit einem koreanischem Fernsehteam gesprochen habe (Jakobsweg die Zweite). Interessant fand ich dann im Verlauf des Weges den Mut dieser Koreaner, die nur die Reise gebucht hatten, mitunter nur 5 bis 10 Worte Englisch konnten, ansonsten außer Geld nur noch die Daten für den Rückflug mit hatten und ein Unterkunftsverzeichnis. Anders als Jade, die ein Pilgermenü aß, bestellte ich mir Spiegeleier mit Pommes und Salat, freute mich über das leckere Essen, genoss die 2 Gläser Rotwein, fühlte mich glücklich und zufrieden und beschloss, hier in Roncevalles zu bleiben und den Nachmittag in der Sonne zu genießen; wie schön Leben sein kann. Die Unterhaltung mit Jade machte Spaß, sie blieb auf der Wiese bei meinem Rucksack, während ich mir die zugänglichen Teile der Klosteranlage anguckte. Danach zurück auf die Wiese, Seele baumeln lassen war angesagt.
Gegen 16 Uhr wurde die Klosterunterkunft geöffnet, ich bezahlte die 6,-€, bekam meinen Pilgerstempel und den Hinweis, dass es um 20 Uhr eine Pilgermesse geben würde mit einer Segnung der Pilger. Mittlerweile trafen mehr Pilger ein, gegen 17.30 Uhr auch Christina, die sich in den Bergen verlaufen hatte und froh war, angekommen zu sein. Der Schlafsaal war voll mit Doppelstockbetten, es gab mehrere davon, in unterschiedlichen Größen in der Klosteranlage, aber für die jetzt 40 Pilger reichte der kleinste Saal aus, es gab allerdings nur, nach Geschlecht getrennt, einen kleinen Toiletten- und Wasch-/Duschraum. Ich nahm ein unteres Bett, bereitete mein Nachtlager vor und steckte die Stirnlampe ein, da es nach der Messe und dem anschließenden Essen in der Casa Sabrina, auf das wir uns alle verständigt hatten, schon dunkel sein würde. Zur Pilgermesse ging ich mit gemischten Gefühlen, evangelisch getauft, der Institution Kirche eher sehr skeptisch eingestellt, der katholischen mit einer Abneigung gegenüber, bedingt durch historische Gräuel und Machtpolitik, aber auch zu sehen, wie es, insbesondere auf die spanischen und gläubigen Pilger wirkt, bin ich hingegangen und fand mich dann in einer Zeremonie wieder, die so wohl schon ewig für die Pilger gemacht wurde. Der uralte Raum, von jeglichem Neuartigen verschont, trägt erheblich mit dazu bei, sich in eine andere Zeit versetzt zu fühlen. Hier spürte man deutlich den Unterschied zwischen den stark gläubigen und den anderen Pilgern: die gläubigen Pilger waren tief eingetaucht und versunken in die Messe, der andere Teil machte wohl eher aus Neugier oder Pflicht mit, die Segnung, in mehreren Sprachen erteilt, sozusagen die Aussicht auf ein gutes Gelingen, machte jeder gleich intensiv mit. Der anschließende Gang zur Casa Sabrina erfolgte unmittelbar danach, die Sonne war bereits weg, es dämmerte und wurde kühl. In der Casa Sabrina trafen sich dann viele Pilger, ein internationales Häuflein aus den USA, Australien, Neuseeland, Korea, Asien, Europa, Lateinamerika, die Spanischsprachigen setzten sich zusammen, der Rest war mehr oder wenig beliebig am gemeinsamen Tisch verteilt. Begonnen hatte ich den Weg allein, doch schon hier kam das Gefühl einer Gemeinschaft auf, das ich so schnell und auch während dieser Jahreszeit so nicht erwartet hätte, aber vieles sollte so völlig anders als erwartet werden auf dem Jakobsweg. Beim Pilgermenü wurden Bekanntschaften geschlossen, die Ziele für morgen gesprochen, über Motive, den Camino zu gehen, aber auch Privates. Der Abend war lustig, begleitet von viel Rotwein und es wurde geselliger als zu Beginn, das Eis war gebrochen, es wurde munter erzählt. Ungläubiges Staunen überkam mich, als einige erzählten, sie wollten morgen direkt bis Pamplona gehen, immerhin eine Strecke von gut 50 Kilometern, für mich zu diesem Zeitpunkt eine schier unmögliche Leistung, sowohl bezogen auf meine Vorbereitung als auch mein Gepäck, andere hatten deutlich weniger. Gegen 23.30 ging es zurück, im Schlafsaal dann nur mit Stirnlampe, um die bereits schlafenden Pilger nicht zu stören, Zähne geputzt und dann ins Bett und mit einem wohligen Gefühl direkt eingeschlafen.
14.03. Dritter Tag: ca. 50KM
Burguete – Espinal – Zubiri - Larrasoana – Villava – Pamplona
Gegen 5.30 Uhr weckte mich dann ein dumpfer Knall auf, verwirrt und irritiert orientierte ich mich kurz, stimmt ja, ich war im Schlafsaal des Klosters von Roncevalles. Als ich mich umsah, sah ich Christina auf dem Boden liegen, Sie war aus dem oberen Teil des Doppelstockbettes runtergefallen. Gott sei Dank, es war ihr nichts passiert, sie krabbelte wieder hoch ins Bett. Für mich hingegen fing der Tag damit an, Versuche, noch mal zu dösen oder gar zu schlafen schlugen fehl, um mich herum entstand auch schon eine mehr oder weniger große Betriebsamkeit, also Stirnlampe auf den Kopf, Morgentoilette, anziehen, Rucksack packen und mit der Stirnlampe auf dem Kopf raus aus dem Kloster und auf den Weg machen.
