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Seit meinem Abschied aus dem aktiven Berufsleben vertrete ich die Meinung, dass das im Leben erworbene Wissen und die gesammelten Erfahrungen zu wenig bei der Lebensgestaltung im Alter genutzt werden. Der mögliche Leistungsaustausch zwischen Menschen im sogenannten Ruhestand könnte viel stärker dazu beitragen, die notwendigen Hilfen zu organisieren. Solidarität im Alter kann die auftretenden Schwächen auffangen. Menschen, die einen großen Teil im Leben zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg mit ihrer Arbeit beigetragen haben, sind beim Eintritt in den Ruhestand verunsichert und oft orientierungslos. Wie können wir unsere Angelegenheiten im Alter umfassend selber regeln? Das funktioniert nicht, so war die häufige Antwort, wenn ich in Gesprächen darauf hingewiesen habe. Meine Ausführungen dienen nicht als Musterplan für das Leben im Alter. Wir, die Älterwerdenden, sollten selbst aktiv werden und nach unseren Wünschen und Bedürfnissen unser Leben gestalten.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
Weihnachten
Ein neues Jahr hat begonnen
Unser Shop
Großeinkauf
Gründe
Mittwoch ‒ ein besonderer Tag
Aufgaben
Unser Vermieter
Unsere ersten Aufgaben und ihre Bewertung
Karneval
Freund Franz
Notrufsystem
Unser Dachgarten
Ostern
Vereinsgründung
Erster Notruf
Die Erweiterung
Verein und Stiftung
Einwohnerzusammenkunft Mai
Erika
Erika und unsere Hausgemeinschaft
Die neuen Bewohner
Unser Haus im Grundriss
Grundriss der Wohnungen
Thema Reise
Erweiterungsbau
Apotheker
Neue Bewohner
Kostenverrechnung 1
Carsharing
Kostenverrechnung 2
Essen auf Rädern
Wäsche
Pflege
Hörgeräte
Tauschen
Erweiterung
Hausfeuerwehr
Einweihung
Rückschau
Sicherung der Zukunft unserer Hausgemeinschaft
Anhang
Seit meinem Abschied aus dem aktiven Berufsleben vertrete ich die Meinung, dass das im Leben erworbene Wissen und die gesammelten Erfahrungen zu wenig bei der Lebensgestaltung im Alter genutzt werden. Der mögliche Leistungsaustausch zwischen Menschen im sogenannten Ruhestand könnte viel stärker dazu beitragen, die notwendigen Hilfen zu organisieren. Solidarität im Alter kann die auftretenden Schwächen auffangen. Menschen, die einen großen Teil im Leben zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg mit ihrer Arbeit beigetragen haben, sind beim Eintritt in den Ruhestand verunsichert und oft orientierungslos. Wie können wir unsere Angelegenheiten im Alter umfassend selber regeln? Das funktioniert nicht, so war die häufige Antwort, wenn ich in Gesprächen darauf hingewiesen habe.
Vor zwei Jahren erschien mein Buch „… und nun lebe ich in einer aktiven Hausgemeinschaft“. Darin wurde mit Beispielen beschrieben, wie in der Praxis das Zusammenleben gestaltet werden kann. Leider meldete der Verlag nach einem halben Jahr die Insolvenz an und damit endete der Vertrieb.
Da ich immer noch die Auffassung vertrete, dass wir Älteren unsere Angelegenheiten mit unseren Erfahrungen weitestgehend und so lange wie möglich nutzen sollten, habe ich mich für die Herausgabe einer 2. Auflage entschieden.
Da in der Pflege grundsätzliche Veränderungen erfolgt sind, wurde dieser Teil entsprechend aktualisiert. Neuigkeiten von der aktiven Hausgemeinschaft über die Aktivitäten bei den Zuzahlungen im Rahmen der Krankenversicherung und bei der Versorgung mit Hilfsmitteln wurden beigefügt.
Meine Ausführungen dienen nicht als Musterplan für das Leben im Alter. Wir, die Älterwerdenden, sollten selbst aktiv werden und nach unseren Wünschen und Bedürfnissen unser Leben gestalten.
Bernd Weskamp
…und nun lebe ich in einer aktiven Hausgemeinschaft …
Eigentlich wollte ich nicht mehr umziehen. Fast mein ganzes Leben hatte ich in meiner Wohnung verbracht. Es war das Zuhause meiner Familie. Seit drei Jahren bin ich alleine, und geblieben sind Erinnerungen. Mit diesen Erinnerungen wollte ich alt werden. Warum etwas verändern? Es lief ja alles ganz gut! Doch gelungen ist es mir nicht.
Schon nach wenigen Monaten suchte ich nach Aktivitäten. Ich verreiste, nahm kulturelle Angebote wahr und lernte dabei ein ganz neues Umfeld kennen. Da waren Menschen mit gleichen Interessen. Am Ende einer jeden gemeinsamen Unternehmung entstanden neue Programme und Aktivitäten – auch die Idee vom gemeinsamen Wohnen. Immer wieder war bei zwanglosen Gesprächen über die Möglichkeit der gegenseitigen Hilfe gesprochen worden. Viele Einzelprobleme konnten mit den vielfältigen Erfahrungen der Gruppenmitglieder gelöst werden. Es macht sogar Freude, anderen zu helfen.
Nun wohnen wir schon zwei Jahre mit 19 Frauen und sieben Männern in einer Hausgemeinschaft. 17 Wohnungen hat unser Haus, zentral gelegen in einer mittelgroßen Stadt. Eine Wohnung ist für alle da. Hier kommen wir regelmäßig zusammen und planen unsere Aktionen.
Mittwochs ist Einkaufstag, der Großeinkauf wird organisiert. Willi und Klaus kaufen mit dem Auto die Waren ein, die wir laufend benötigen. Großpackungen werden aufgeteilt und der Bedarf an Sonderangeboten abgeklärt.
Für Getränke haben wir einen Vorratsraum eingerichtet. Ein Getränkehändler sorgt für den Nachschub und Karl-Heinz verwaltet den Vorrat. Meine Kiste Wasser stellt er mir in meinen Keller und ich hole mir die Flaschen nach Bedarf.
Der Einkaufstag endet in der Regel mit einem Kaffeeklatsch. Für Kuchen ist immer gesorgt. Keiner muss mitmachen. Jedoch nach einer Weile suchen wir wieder die lebendige und aktive Nachbarschaft.
Eine Telefonkette sorgt für notwendige Informationen und dient der Sicherheit. Manchmal wird viel diskutiert und die Programmabstimmungen sind kompliziert, aber eines wird es niemals – langweilig, einsam und öde.
Unsere Else hat Erfahrungen als Führungskraft. Sie führt die Entscheidungen herbei, und häufig lachen wir, wenn eine Einigkeit erzielt wurde.
Für unsere unterschiedlichen Interessen gibt es sogenannte Untergruppen – die Theaterbesuchsgruppe, die Wandergruppe, die Kartenspieler, den Musik- und Handarbeitskreis. Feste feiern wir, wie sie fallen.
Die notwendigen Arbeiten für unsere Hausgemeinschaft werden entsprechend den Fähigkeiten der Bewohner aufgeteilt. Jeder hat seine Erfahrungen und somit werden die notwendigen Arbeiten schnell und kostengünstig erledigt. Weil alles so gut klappt, füttert unser Vermieter regelmäßig unser Sparschwein im Gemeinschaftsraum.
Im ersten Jahr brauchten wir häufig einen Schiedsrichter. Inzwischen hat sich alles so eingespielt, dass wir unsere Stärken und Schwächen kennen.
Meine Kinder und Enkelkinder kommen gerne zu Besuch. Es gibt viel zu berichten, denn bei uns ist immer was los. Bei meiner Geburtstagsfeier im Gemeinschaftsraum hat meine Familie unsere Hausgemeinschaft, meine zweite Familie, kennen- und schätzengelernt.
Meinen Entschluss, in eine „aktive Hausgemeinschaft“ zu ziehen, habe ich nie bereut. Aktivitäten, viel Freude und eine neue ansprechende Lebendigkeit in der Hausgemeinschaft machen mich reich und mutig.
Es war mein zweites Weihnachtsfest in der Hausgemeinschaft. Diesmal gingen wir alles ein wenig ruhiger an. Letztes Jahr hatten wir ein wenig überzogen. Wir hatten zu viele Aktivitäten in der Adventszeit geplant und zum Weihnachtsfest zeigten sich dann erhebliche Ermüdungserscheinungen.
Alle Mitglieder unserer Hausgemeinschaft wollten Weihnachten nach ihren Erfahrungen und Gewohnheiten vorbereiten und durchführen. In den letzten zwei Wochen vor Weihnachten waren wir täglich in Aktivitäten eingebunden. Unsere Weihnachtsfeier an Heiligabend war mit Essen so überladen, dass noch während der Feier Pläne für die Konservierung des Überangebots entwickelt wurden.
In diesem Jahr haben wir frühzeitig einen Plan erstellt. Wir trafen uns an jedem Adventssonntag um 16 Uhr zu einer vorweihnachtlichen Feier. Wir hörten Musik und der Zeit angepasste Geschichten. Zum Knabbern gab es Weihnachtsgebäck aus eigener Herstellung. Getestet wurden die entsprechenden Angebote des Handels. Zweimal haben wir einen Weihnachtsmarkt besucht.
Für die Gestaltung des Heiligabends wurden drei Gruppen ausgelost. Die Hälfte unserer Hausgemeinschaft blieb ohne Aufgaben und übernimmt die Organisation für den Heiligabend des nächsten Jahres. Eine Gruppe war für die weihnachtliche Dekoration unseres Gemeinschaftsraums und des gesamten Hauses zuständig. Eine andere Gruppe sorgte für das Festessen an Heiligabend. Der Umfang und Ablauf wurden genau festgelegt. Die dritte Gruppe war für die Gestaltung der Adventsveranstaltung und der Feier an Heiligabend zuständig. Diese Gruppe sorgte auch für den Versand der Weihnachtsgrüße der Hausgemeinschaft.
Diesmal war der Heiligabend ein Höhepunkt für die Hausgemeinschaft gewesen. Ein kleiner Weihnachtsbaum mit elektrischen Lichtern stand neben dem Fenster im Gemeinschaftsraum, Weihnachtsmusik war zu hören und in der Küche war ein Buffet aufgebaut. Organisatorisch war alles gut gelaufen – von kleinen Pannen abgesehen.
Am ersten Weihnachtsfeiertag stand der Gemeinschaftsraum für Besuche zur Verfügung. Am zweiten Weihnachtsfeiertag waren meine Kinder und Enkelkinder da. Auf die Frage meiner Tochter, wie Weihnachten für mich war, habe ich geantwortet, dass ich keine Zeit zum Nachdenken hatte.
Gemeinsam haben alle Hausbewohner auf das neue Jahr mit Sekt angestoßen.
Alles begann mit einem Jahresrückblick um 21 Uhr am Silvesterabend. Wir gedachten unserer gemeinsamen Aktionen im auslaufenden Jahr. Ein wenig stolz stellten wir fest, dass wir eigentlich nichts hätten besser machen können und auch nichts zu bereuen hatten. Wir haben gesungen, gelacht und uns an den angebotenen Leckereien – süß und sauer – gütlich getan. Geplant fürs neue Jahr wurde auch.
Am Neujahrsmorgen stand eine größere Laufstrecke auf dem Programm. Die frische Luft hat uns allen gutgetan. Dackel Fritz übernahm die Führung.
Ja, zu Weihnachten hatte unsere Hausgemeinschaft nämlich Zuwachs bekommen. Vor dem Einzug hatte Frau Nolte, unsere Martha, ihren sechsjährigen Dackel bei der Familie ihrer Tochter zurückgelassen. Am zweiten Weihnachtstag kam Fritz – benannt nach dem verstorbenen Mann von Martha – mit den Kindern zu Besuch. Er wollte nicht mehr mit zurück und bekam Wohnrecht auf Probe. Alle Bewohner haben zugestimmt und beim Neujahrsspaziergang war er schon „unser“ Fritz. Inzwischen ist er ständiger Begleiter unserer Wandergruppe. Ich war sicher, dass die Hausgemeinschaft beschließen würde, dass Fritz auf Dauer bleiben darf.
Vor dem Einzug hatten wir lange und ausführlich über die Haltung von Haustieren diskutiert. Zu einer Einigung waren wir nicht gekommen. Zu groß war die Bandbreite der möglichen Haustiere. Angefangen bei Vögeln, gegen die niemand etwas hatte, über Hamster, Mäuse, Katzen und Hunde. Die Größe der Hunde beschäftigte uns ausführlich, wir fällten aber keine Entscheidung.
Martha erklärte, dass sie ihren Fritz bei den Kindern lassen könnte. Die Idee mit dem Probewohnen entstand spontan bei unserer Silvesterfeier. Unser Fritz ist inzwischen der Hausgemeinschaftshund. Mehrere Bewohner gehen mit ihm Gassi. Fritz hat auch keine Schwierigkeiten bei einem längeren Aufenthalt in einer anderen Wohnung, wenn Martha mal außer Haus ist und ihn nicht mitnehmen kann. Fritz ist ein Beispiel dafür, dass Entscheidungen über das Zusammenleben in einer Hausgemeinschaft erst nach einiger Zeit des Zusammenlebens gefällt werden können.
Nachdem Fritz sechs Wochen in unserem Haus lebte, mussten wir festlegen, dass er sein Fressen nur von Martha, seiner Chefin, erhält. Fritz wäre sonst zu dick geworden. Welches Leckerli er bekommt, wurde ebenfalls festgelegt. Willi und Klaus haben dafür einen Großeinkauf durchgeführt und der Artikel wurde in unserem hauseigenen Shop von Karl-Heinz aufgenommen.
Martha sorgt dafür, dass an der Hundeleine immer ein Hundekotbeutel angebunden ist. So wird auch Ärger für die Gassigeher vermieden.
ist eigentlich das Paradestück unserer Hausgemeinschaft: Angefangen, ich erwähnte es schon, hatte Karl-Heinz mit der Bevorratung von Getränken. Dazu kamen später Toilettenpapier und Küchenrollen, von Klaus und Willi in einer Papierfabrik in Arnsberg eingekauft. Waschpulver folgte, später Putzmittel, die zunächst nur für die Pflege der Gemeinschaftsflächen gebraucht wurden.
Karl-Heinz, unser Haushändler, führt den Shop sehr gerne und in eigener Regie. Er zahlt regelmäßig einen Beitrag in unsere Gemeinschaftskasse, obwohl die Preise unserer Shop-Artikel unter den handelsüblichen Preisen liegen. Karl-Heinz ist zufrieden und wir auch – eine gute Basis für unseren Shop und unsere Gemeinschaft. Allerdings muss eine Sortimentserweiterung von der Hausgemeinschaft genehmigt werden und es besteht für die Bewohner kein Abnahmezwang. Damit hat Karl-Heinz keine Schwierigkeiten mehr. Hier gab es Probleme, die aber einvernehmlich gelöst wurden.
Frau Klute, unsere Ella, kam eines Tages vom Einkauf mit einer Packung Toilettenpapier und wurde von Karl-Heinz darauf angesprochen, dass wir doch Toilettenpapier gemeinsam kauften. Ella Klute benutzte aber ein anderes Papier, als der Shop anbot. Die Hausgemeinschaft war sich bei der nächsten Zusammenkunft einig, dass die Freiheit des persönlichen Einkaufs bestehen bleiben sollte. Karl-Heinz reagierte und besorgte über Willi und Klaus das passende Toilettenpapier für Ella Klute. Inzwischen hat er drei verschiedene Papierqualitäten im Angebot.
Ella und Karl-Heinz besiegelten ihre Zusammenarbeit bei Kaffee und Kuchen. Der Rest der Hausgemeinschaft war nicht dabei.
Jeden Mittwoch nach dem Großeinkauf werden während der Kaffeestunde aktuelle Dinge besprochen. Stellt sich heraus, dass etwas geregelt werden muss, was die gesamte Hausgemeinschaft betrifft, so wird zu einer offiziellen Besprechung eingeladen. Meistens findet diese am Mittwochnachmittag statt. Wir legen großen Wert darauf, dass alle Hausbewohner teilnehmen können. Alternativ wird immer der nächste Mittwoch angeboten. Diese Regelung hat sich bewährt.
Ich habe in Absprache mit dem Vermieter im Eingangsbereich unseres Hauses eine Infotafel angebracht. Unser „Schwarzes Brett“ ist allerdings weiß. Hier werden alle wichtigen Informationen für die Bewohner veröffentlicht.
Die Einladung zu einer Bewohnerversammlung wird von jedem Bewohner abgezeichnet, wenn er davon Kenntnis erlangt hat. So kann überprüft werden, ob die Bewohnerversammlung stattfinden kann. Spätestens am Montagnachmittag wird festgelegt, ob die Bewohnerversammlung wie geplant stattfindet oder auf den nächsten Mittwoch verlegt wird. Der Grund für die Bewohnerversammlung wird immer mit der Einladung mitgeteilt. Weitere offizielle Besprechungspunkte müssen vorher mitgeteilt werden, damit sie veröffentlicht werden können. Wie schon erwähnt, haben wir eine Sprechergruppe für die aktive Hausgemeinschaft gewählt. Diese ist auch verantwortlich für die Durchführung der Bewohnerversammlung.
Immer wieder werde ich gefragt, was mich dazu bewogen hatte, meine Wohnsituation zu verändern?
Die Gründe waren vielfältig. 2005 z.B. wurde ich im Rahmen einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unter anderem gefragt, welche Staatsform ich bevorzugen würde. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, es ging aber um die Frage der Zuständigkeiten des Staates bei der Gestaltung der sozialen Sicherung.
Wohlfahrtsstaat mit umfassender Absicherung aller Bürger oder notwendige Absicherung mit Möglichkeiten zur Initiative des Einzelnen? Ich musste mich entscheiden, in welchem der beiden Staaten es mehr Gerechtigkeit, in welchem es mehr Freiheit gäbe, in welchem der Wohlstand größer und welcher menschlicher sei.
Gegen die vormundschaftliche Fürsorge eines Wohlfahrtsstaates hatte ich schon immer Bedenken, obwohl sich bei der vorab erwähnten Umfrage fast 60 Prozent der Befragten dafür entschieden hatten.
Ich hatte erhebliche Zweifel an der Verlässlichkeit des sozialen Systems des Staates, verfolgte ich doch das zähe Ringen und manchmal die Hilflosigkeit der Politiker bei der Finanzierung der Renten, Kranken- und Pflegeversicherung. Für mich führte die Idee des Wohlfahrtsstaates zum Risiko Vormundschaft. Ich hatte keine Angst vor der Zukunft, sondern vor Anonymität und bürokratischer Verwaltung. Ich wollte meine Angelegenheiten auch im Alter weitestgehend selbst regeln, wie ich es gewohnt war.
Es war nicht alles glatt und ohne Probleme gelaufen, vor allem in den letzten Jahren. Aber Not macht erfinderisch, so meine Erfahrung. Natürlich schafft man nicht alles alleine, gemeinsam mit anderen Menschen ist vieles machbar und oft auch leichter.
In der Vergangenheit waren es die Familie, die Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz und auch die freundschaftlichen Verbindungen gewesen, in denen ich aktiv und eingebunden war. In diesen Kreisen, sie werden auch kleine Lebenskreise genannt, waren Leistung und Gegenleistung für mich überschaubar und beeinflussbar. Hier wurden Probleme gelöst und nicht vertagt. Wir gebrauchten das Wort „Solidarität“ nicht, aber wir waren füreinander in vielen Lebensbereichen da.
Auch heute finde ich immer wieder Menschen, mit deren Ansichten und Handlungen ich mich auf unterschiedlichen Gebieten identifizieren kann. Mit denen möchte ich mein Leben gestalten – ohne Zwang und Verpflichtung. Ich möchte meine Zukunft weiter mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung selbstständig gestalten und mich damit von zunehmender Abhängigkeit sozialstaatlicher Bevormundung abgrenzen.
Zu diesem Weg gehört auch die alternative Wohnform, wie ich sie gewählt habe. Vor meiner Entscheidung habe ich mich über die verschiedenen Möglichkeiten des Wohnens im Alter informiert. Mir war klar, dass ich eine Gemeinschaft wollte, wo Eigenständigkeit und Solidarität gelebt werden konnten. Deshalb habe ich mich für die „aktive Hausgemeinschaft“ entschieden.
Wohnprojekt
Immer mehr Menschen aller Generationen werden aktiv, um nach Wegen zu suchen, ihre Vorstellungen vom gemeinsamen Leben zu verwirklichen.
Konzeptionen: Das Spektrum der bereits verwirklichten Projekte reicht von der erweiterten Hausgemeinschaft bis zur Anlage mit den Ausmaßen eines kleinen Dorfes.
Nicht selten wird das Zusammenleben unterschiedlicher Bewohnergruppen – Alt und Jung, Familie und Alleinstehende – verwirklicht.
Da Männer weniger beziehungsorientiert sind, steigt die Zahl der Frauenprojekte.
Wohnprojekte fördern gute Nachbarschaft, freundschaftliche Kontakte der Bewohner untereinander, gegenseitige Anteilnahme und Unterstützung.
Hausgemeinschaft
In Hausgemeinschaften hat jeder Bewohner eine abgeschlossene Wohnung mit eigener Küche. Meist gibt es einen Gemeinschaftsraum und gemeinsam genutzte Wirtschaftsräume. Ein Garten wird im Sommer zum beliebten Treffpunkt aller Bewohner.
In jedem Fall geht eine Hausgemeinschaft weit über gute nachbarschaftliche Beziehungen hinaus.
Gemeinsame Unternehmungen und Aktionen fördern das Zusammenleben und Einsamkeitsgefühle kommen nicht auf. Funktioniert die Gemeinschaft gut, lassen sich vielfältige Interessen und Fähigkeiten ausleben und einbringen.
Eine Hausgemeinschaft bietet die Freiheit, innerhalb der eignen vier Wände völlig selbstbestimmt zu leben und sich zurückziehen zu können, ohne dies erklären zu müssen.
Wohngemeinschaft
In der klassischen Wohngemeinschaft hat jeder Mitbewohner ein oder zwei eigene Zimmer, selten mit eigenem Bad.
Das Zentrum der WG ist ein Gemeinschaftsraum, dem auch eine Küche zugeordnet ist.
Bad und Toilette werden gemeinsam genutzt.
In einer Wohngemeinschaft wird jeder gebraucht, jeder kann seine Fähigkeiten einbringen und Verantwortung übernehmen.
Ein von allen Bewohnern akzeptierter Konsens über den gewünschten Standard in Sachen Sauberkeit und Ordnung in den Gemeinschaftsräumen muss gefunden werden.
Das nachfolgende Schaubild zeigt, welche Möglichkeiten in kleinen Lebensgemeinschaften bestehen. Hier wird eine Leistung und Gegenleistung in den verschiedenen Lebensbereichen sichtbar. Die Grafik auf der folgenden Seite war eine große Hilfe bei der Gründung unserer „aktiven Hausgemeinschaft“.
Bei unseren Treffen vor dem Einzug wurden uns aber auch die Probleme von gemeinsamen Aktionen aufgezeigt. Deutlich wurde, dass unser Zusammenleben mit allen Facetten langsam wachsen musste. Nicht alles, was wir uns theoretisch vorstellen konnten, war mit dem Einzug in die Hausgemeinschaft schon Praxis. Der Prozess des Kennenlernens begann erst nach dem Einzug in unsere Wohnungen.
Wir treffen uns im Gemeinschaftsraum und machen Einkaufspläne. Mittwochs veröffentlichen die Lebensmittelketten ihre neuen Sonderangebote. Willi und Klaus kaufen groß ein. Und da nicht alle Mengen für unsere Kleinhaushalte geeignet sind, wird geteilt. Else sorgt dafür, dass keine endlosen Diskussionen entstehen. Zu Beginn unseres Zusammenlebens ist das nämlich vorgekommen.
Sie ruft die einzelnen Angebotspositionen auf und Interessenten melden ihren Bedarf an.
Trude notiert die Wünsche. Inzwischen haben wir einen Vordruck (nachfolgend) per Computer entwickelt. Helmut, der Mann von Trude, ist da unser Spezialist. Else und Trude erstellen dann den Einkaufszettel für Willi und Klaus und die beiden fahren dann los.
Name
Artikel
Anteil
Artikel
Anteil
Artikel
Anteil
Trude
1
2 St.
4
0,5
11
0,2
15
0,5
19
6 St.
22
1
Hans
1
2 St.
5
6 St.
19
0,5
26
1
24
0,2
usw.
Die Artikel bekommen eine Nummer. Diese wird z.B. bei den Sonderangeboten in den Werbeprospekt eingetragen. Andere Artikel werden aufgelistet und mit einer Nummer gekennzeichnet.
Um 15 Uhr finden die Verteilung der eingekauften Waren und die Abrechnung statt.
