24,99 €
Optionsscheine sind seit Jahren äußerst beliebt. Immer mehr Anleger erweben Optionsscheine, nachdem sie erste Börsenerfahrungen mit Aktien gesammelt haben. Denn die Gewinnchancen beim Optionsscheinhandel sind lukrativ. Dennoch basieren mögliche Fehlentscheidungen häufig auf Unwissenheit oder Unsicherheit. Und diese können vermieden werden. Dem Buch liegen zwei elementare Annahmen zugrunde: Zum einem geht der Autor davon aus, dass Privatanleger auch in Krisenzeiten nicht auf Anlagen verzichten sollten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2013
Bibliografische InformationderDeutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
2. Auflage 2013
© 2005 by Finanzbuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Autor/Redaktion: Dirk Kirschbaum/Kurz Kowalsky
Gesamtbearbeitung: UnderConstruction, München
Umschlaggestaltung: Stephanie Villiger
Lektorat: Dr. Renate Oettinger
Druck: Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN Print 978-3-89879-747-4
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86248-373-0
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86248-814-8
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.finanzbuchverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter
www.muenchner-verlagsgruppe.de
eBook by ePubMATIC.com
LEKTION 1:
SPEKULATION UND TOTALVERLUST
Jonglieren am Abgrund: Geld oder Leben?
LEKTION 2:
DIE OPTION
Die Geschichte der Optionen: Gäbe es sie nicht, man hätte sie heute erfunden
LEKTION 3:
BEGRIFFE UND GRUNDLAGEN
Über die Option zum Optionsschein
Wo werden Optionen gehandelt, und wie entstehen sie?
Die Terminbörse (Eurex)
Die Optionsstrategien
LEKTION 4:
OPTIONSSCHEINE IN DER PRAXIS
Optionsscheine: Und ewig lockt das Geld
Der klassische Optionsschein: ein fragliches Konstrukt
Die nackte Spekulation: Internetportale, Deutsch und „Denglisch“
Stillhalter: Risiken leben, mit Spannen handeln
Die Präsentation und ihre Lücken
Exkurs: Wie funktioniert der außerbörsliche Handel?
LEKTION 5:
WERT UND PREIS
Was kostet ein Optionsschein, und was ist er wert?
Der innere Wert im Laufe der Zeit
Was der Emittent sicher weiß, wissen wir (meist) auch
Nichts im Griff und doch berechenbar
Wie man die Volatilität berechnet
Die Volatilität und ihre Auswirkungen
Der Basiswert: kleine Sprünge – große Wirkung
Der erste Sprung
Der zweite Sprung
Risikobegrenzung: Sie müssen nie, Sie können, wenn Sie wollen
LEKTION 6:
SPEKULATION UND PRAXIS
Rechnen, fühlen und entscheiden
1. Der Knopf
2. Die Absicherung – der falschen Seite– verlustträchtiger Depotbestände– der Depotbestände im Gewinn
3. Traden
Epilog
Über den Autor
Anhang
Anmerkungen
Die in diesem Buch benannten Strategien und Empfehlungen sind nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und erarbeitet. Trotzdem lehnen wir – der Autor und die Mitarbeiter dieser Publikation – jede Haftung, egal aus welchem Rechtsgrund, ab.
Insbesondere übernehmen Verlag, Mitarbeiter und Autor keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen. Haftungsansprüche gegen den Autor, die sich auf Schäden materieller oder ideeller Art beziehen, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der dargebotenen Informationen beziehungsweise durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Informationen verursacht wurden, sind grundsätzlich ausgeschlossen.
Die dargestellten Charts sind, wenn nicht etwas anderes ausdrücklich erwähnt, mit einem Programm von „www.daxa-chart.de“ der Vermögensberatung Martin Iwersen generiert. Wir haften nicht für die Richtigkeit der Angaben.
Ein Rahmenvertrag mit der Deutsche Börse AG, Frankfurt am Main, ist mit der Redaktion abgeschlossen.
Der überwiegend Verwendung findende Optionsscheinrechner stammt vom Bankhaus Sal. Oppenheim.
DAX ist ein eingetragenes Markenzeichen der Deutsche Börse AG, Frankfurt am Main.
Warnung
Wir machen potenzielle Anleger darauf aufmerksam, dass sie unbedingt gehalten sind, unsere Empfehlungen selbst zu überprüfen und keinesfalls Investitionsentscheidungen gleich welcher Art zu treffen, die ganz oder teilweise auf die Informationen dieser Publikation beruhen.
Ferner bitten wir zu beachten, dass Autor und Mitarbeiter dieser Publikation jederzeit Wertpapiere, Bezugsrechte, ausländische Zahlungsmittel, Waren, Anteile, die eine Beteiligung am Ergebnis eines Unternehmens gewähren sollen, oder Derivate im Sinne des § 2 Abs. 2 des Wertpapierhandelsgesetzes besitzen, lang oder kurz erwerben, halten oder verkaufen können.
Bücher über Optionsscheine gibt es wie Sand am Meer. Aber Sand besteht ja bekanntlich aus einer Häufung einzelner Sandkörner. Als ich näher hinsah, stellte ich fest, dass ein Korn dem anderen ähnelt. Auf dem Markt für Bücher über Optionsscheine ist es ähnlich.
Ich möchte keinesfalls den einzelnen Körnern – also den Büchern – ihre Individualität absprechen, sie sind sehr wohl verschieden. Doch sie unterscheiden sich in Nuancen.
Sollen verschiedene Schriftsteller ein Schild beschreiben, auf dem vor dem Abgrund gewarnt wird, so bleibt der schriftstellerischen Phantasie wenig Spielraum. „Bitte nicht über die Absperrung lehnen“ wäre eine Variante. Eine andere wäre, den Winkel zu berechnen, in welcher Proportion sich der Oberkörper zum Unterkörper neigen muss, bis die Person, die sich hinauslehnt, in die Tiefe stürzt.
Dann hatte ich zwei Schlüsselerlebnisse an einem Tag. Zuerst unterhielt ich mich mit einem Piloten, der sich gerade auf eine Prüfung beim Luftfahrt-Bundesamt in Braunschweig vorbereitete. Etwas mehr als 1500 Fragen musste der Mann beantworten. Genervt schob er das Papier beiseite: „Zum Fliegen muss ich zwei Drittel davon nicht wissen. Und unmittelbar nach der Prüfung habe ich die Hälfte sofort wieder vergessen.“
Am Abend hatte ich ein Gespräch mit einer Psychologin. Sie hatte an der Börse das von ihrem Vater mühsam zusammengesparte Vermögen zur Hälfte verloren und sinnierte nun darüber nach, wie sie auf irgendeine Weise mit dem verbleibenden restlichen Kapital den entstandenen Schaden wieder gutmachen könnte. Dass dies mit drei Prozent Sparzinsen nicht gehen würde, war ihr klar. Das war aber auch bald das Einzige, was klar war. Im Dunkeln blieb auch, was sie von meinen Erklärungsversuchen über Optionsscheine im Laufe des Abends verstanden hatte. Denn als wir uns spät abends verabschiedeten, sagte sie: „Naja, ich verkaufe nun diesen ganzen Schrott, der in meinem Depot vor sich hinschlummert, und kaufe dafür Optionsscheine. Es muss ja mal was klappen.“
Offenbar hatte sie nichts verstanden. Doch ich hatte ihr alles erklärt:Theta, Delta, Gamma, Vega, Hebel, Aufgeld, Basispreis, Basiskurs und so weiter. Was nun?
Es war spät geworden. Auf dem Heimweg kam mir wieder der Pilot in den Sinn, den man offenbar mit einer Menge Wissensmüll überfrachtete, den er zum Fliegen nie benötigen würde. Ging es meiner Kundin ähnlich? Hatte sie das, was ich zu Anfang erklärte, gegen Ende schon wieder vergessen, weil es nicht mit ihrem tatsächlichen Leben referierte? Hatte sie sich das deshalb nicht gemerkt, weil sie sich kein Bild von den Dingen machen konnte? Offenbar war es so. Doch ich hatte das erklärt, was in jedem Fachbuch stand, was auf meinen Internetseiten veröffentlicht ist, alles war wahr, richtig und verständlich. Plötzlich überkam mich die Erkenntnis: Es war verständlich – für mich, und für jeden anderen Fachmann auch. Nur für diejenigen, für die man es erklärte, blieb es unverständlich.
Der Pilot wusste, dass er unnütze Dinge auswendig lernen musste, wenn er nicht seine Karriere an den Nagel hängen wollte. Der Preis dieser Ritualerfüllung war, dass er das meiste sofort wieder vergaß. Wusste das diese Luftfahrtbehörde? Vielleicht. Wussten wir Börsenspezialisten etwas von dem, was bei den Menschen hängen blieb, wenn wir aufklärten, erörterten, vorrechneten und erklärten? Ich ahnte: Nein.
Dann führte mich mein Weg an einer Kirche vorbei, und es fiel mir folgender Vergleich ein: Wir Fachleute erklären nicht, wir zelebrieren. Die Rituale wollen erfüllt sein. Wir geben vor zu rechnen, doch wir schrecken ab. Wir erklären Formeln mit Formeln und Fachwörter mit Fachwörter. Dann aber, wenn die Laien vor Ehrfurcht nur noch staunen und nicken, anstatt zu begreifen, haben wir unsere Honorare verdient. Da wir die Menschen nicht dort abholen, wo sie sich befinden, nämlich mitten in ihrem Leben, gehen unsere Worte durch sie hindurch. Das war es also. Ob Ökonomiestudium, Pilotenprüfung oder „Alles über Optionsscheine“:Wir lehren nicht, wir zelebrieren „Heilige Messen“.
Ich möchte nicht, dass meine Leser sagen: „Verstanden hab ich’s nicht. Da es aber mit Aktien nicht geklappt hat, versuche ich es mal mit Optionsscheine.“ Ich möchte, dass die Menschen nicht hoffen und beten, sondern sich bewusst sind, was sie machen und mit welchen Risiken ihr Tun im konkreten Einzelfall verbunden ist. Den Piloten kümmert es nicht, ob sein Flugzeug einen dynamischen oder einen statischen Ruderausgleich hat. Wichtig für ihn ist nur, dass dieser Ruderausgleich funktioniert.
Und in diesem Sinne möchte ich nun gemeinsam mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, losfliegen. Ich versuche, Ihnen die Höhen zu erklären, nicht in Fuß gemessen und nicht über dem Meeresspiegel, sondern so, wie sie mit unserem Leben referieren. 100 Meter sind ungefährlich, wenn wir auf einer gesicherten Aussichtsplattform stehen. 20 Meter können uns jedoch vernichten, wenn wir frei und ohne Netz in die Tiefe stürzen. Und sollten wir höher fliegen, erzähle ich Ihnen beizeiten, auf welchen Knopf man drücken muss, um mit dem Rettungsfallschirm sicher unten zu landen.
Mein Wunsch ist, dass Sie das Buch mit Spannung bis zum Ende lesen und dann verstanden haben, wie was wann passiert und wo Sie sein müssen, wenn’s knallt. Nämlich ganz weit weg!
Ihr
Dirk Kirschbaum
Die Menschen streben nach Sicherheit, Kontrolle, Übersicht und Gewissheit. Spiele, Wetten und Spekulationen stehen diesem Streben diametral gegenüber. Und besonders dann, wenn Sie möglicherweise ihr gesamtes Geld verlieren (Totalverlust!), wie dies bei Optionsscheinen der Fall sein kann, wenn Sie ohne Netz und doppelten Boden, mit dem einen Bein über dem Abgrund und dem anderen auf schwankendem Untergrund stehen, sollten Sie das entweder denen überlassen, die sich ein solches Risiko leisten können, oder den Artisten, Jongleuren und Hasardeuren, die ohne diesen Nervenkitzel nicht leben wollen. Ist das wirklich so?
Bevor man sich mit den Spekulationen beschäftigt, sollte man über das Schlimmste, was passieren kann, nachdenken: den Totalverlust.
Hierzu ein Beispiel: Sie gehen zur Bank und lösen einen Scheck ein. Der Mann am Bankschalter zahlt Ihnen 1000 Euro aus und wünscht einen guten Tag. Sie stecken das Geld in die Tasche, gehen in den nächsten Supermarkt, kaufen alles Mögliche, und als Sie bezahlen wollen, stellen Sie fest, dass Ihre 1000 Euro weg sind. Verloren oder geklaut, Sie wissen es nicht. Am Bankschalter hatten Sie das Geld noch, jetzt ist es weg. Totalverlust!
Wäre da der Bankangestellte nicht verpflichtet gewesen, Sie vor diesem Totalverlust zu warnen? Nein?! Es gibt aber vermutlich zig Millionen Menschen, die Riesensummen an Geld verloren haben, ohne dass sie bis heute auch nur die geringste Ahnung davon haben, wo und wie denn das passieren konnte.
Diejenigen aber, die mit Optionsscheinen ihr gesamtes eingesetztes Geld verloren haben und nicht wussten, wie das passieren konnte, wird man vermutlich an den Fingern einer Hand abzählen können.
Wem das Geld aus der Tasche abhanden gekommen ist, wird die offenen Handtaschen der Damen und die aus den Gesäßtaschen der Herren lugenden Geldbörsen mit etwas anderen Augen betrachten als bisher.
Wer mit Optionsscheinen Geld verloren hat, wird sich vielleicht überlegen, dass er sich vor der Investition eventuell hätte sachkundig machen sollen und nicht erst nach dem Entrichten des Obolus, den man im Allgemeinen Lehrgeld nennt. Trotzdem bleibt bei den meisten Menschen ein ungutes Gefühl, wenn sie nur das Wort Spekulation hören.
Zahlreiche Politiker aller Couleur haben denn auch alles daran gesetzt, die Spekulation an sich zu brandmarken. Doch wissen die meisten von ihnen nicht, wovon sie reden (Papageieneffekt), und suchen lediglich des Volkes Zustimmung nach neuerlichen Steuererhöhungen. Ein solches Suchen ist jedoch auch schon eine Spekulation, und so mancher Politiker, der vor dem Scherbenhaufen seiner Politik stand, ließ die Folgen dann den Bürger ausbaden, anstatt persönlich dafür zu haften. Das ist auch der wesentliche Unterschied:Der Spekulant an der Börse trägt seine Verluste immer selbst, während andere in den bezahlten Ruhestand versetzt werden.
Wir sind alle Spekulanten. Wäre das nicht so, würden wir Erreichtes nicht aufs Spiel setzen, wären zufrieden – und in der Steinzeit.
Wären nämlich unsere Vorfahren mit dem, was sie hatten, zufrieden gewesen, dann wäre niemand auf die Idee gekommen, etwas Neues zu erfinden. Immer gab es Menschen, die Erreichtes (Vermögen, Kraft, Zeit) investierten – und damit aufs Spiel setzten –, um etwas Neues, Besseres zu erreichen. Waren sie auf der „richtigen Seite“, brachten diese Spekulationen großen Nutzen für alle; hatten sie etwas versucht, was scheiterte, war das investierte Vermögen „verbrannt“.
Aber die Spekulationen sind nicht nur Manifestationen im immer schneller erscheinenden Geschichtsverlauf. Wir spekulieren täglich, ohne dass uns dies bewusst wird. Beim Kauf einer Ware oder Dienstleistung setzen wir nämlich unser verdientes Geld aufs Spiel, weil wir glauben, dass uns das entsprechende Gut mehr wert ist als das Geld. Würde dies nicht so sein, so würden wir das Geld behalten.
Natürlich sind wir uns bei Gütern des täglichen Bedarf (fast) sicher, was wertvoll – also sein Geld wert – oder was teuer und was billig ist, womit die Spekulation aufgeht. Im Extremen wird uns jedoch schnell bewusst, dass der Wert an sich nicht im Gut codiert ist, sondern in uns selbst – so wie der Appetit beim Essen variiert. So heißt es dann auch: „Alle Wünsche werden klein gegen den, gesund zu sein.“ Das heißt, andere Dinge verlieren an Wert, wenn sich unsere Prioritäten ändern. Und so schwer wir uns Zahnschmerzen vorstellen können, wenn es uns gut geht, so plötzlich trifft es uns, wenn sich tatsächlich Zahnschmerzen einstellen – überwiegend am Wochenende und an Feiertagen. Dürften Apotheker ihre Schmerzmittel versteigern, so würden sie besonders an den Tagen, wenn die Zahnärzte geschlossen haben, hervorragende Geschäfte machen.
Aber wir reden hier nicht vom Ausnützen einer Notlage, wir reden hier vom Tausch knapper Güter, die unser tägliches Leben bestimmen. Denn gestern haben wir gearbeitet (produziert, wie das die Ökonomen nennen), um unseren Lieben zum Beispiel Gummibärchen zu kaufen, und heute Nacht tauschen wir genau dieses Geld am Nachtschalter der Apotheke gegen Schmerzmittel ein.
Nun haben die meisten Menschen so viel Geld, dass sie trotz Schmerzmittel nicht auf die Gummibärchen verzichten müssten. Aber das spielt keine Rolle, denn verzichten wir nicht auf die Gummibärchen, so verzichten wir auf etwas anderes, und sei es nur auf einen Teil des „überschüssigen“ Geldes, das jeden Monat gespart wird.
Wann aber wissen wir, was etwas wert ist? Nur selten wissen wir es unmittelbar nach dem Kauf. Auch Gummibärchen oder Schmerzmittel sind nichts wert, wenn Erstere tatsächlich nach Gummi schmecken oder Letztere sich als wirkungslos erweisen. Nun hat die Gesetzgebung Spekulationen dieser Art weitgehend abgesichert. Eiert der CD-Player können wir ihn zurückbringen, und auch die Gummibärchen bergen kein Risiko, das man besser nicht eingehen sollte. Doch bereits beim Schmerzmittel wird die vorgebrachte „Mängelrüge“ wenig fruchten. Und noch etwas erfahren wir im Laufe des Lebens: Viele Dinge müssen wir unbedingt haben, sie funktionieren auch, erfüllen die im Prospekt verheißenen Eigenschaften. Nur:Wir brauchen sie nie – was wir immer erst dann feststellen, wenn wir das Geld gegen das Gut getauscht haben. Ein normaler Güterkauf beschert uns folglich im Laufe der Zeit Spekulationsgewinne oder Spekulationsverluste, obwohl wir das nie so benannt haben.
Betrachten wir nun das Geld, das wir jeden Monat übrig haben. Ökonomisch ausgedrückt heißt dies: Es ist uns mehr wert, das Geld zu sparen, als es sofort zu verkonsumieren.
Ob wir nun für eine größere Anschaffung sparen, für unseren Lebensabend oder für plötzlich auftretende Notlagen, immer tauschen wir, und zwar Geld von heute gegen Geld von morgen. Und genau dieser Tausch ist eine der größten Spekulationen, die der Einzelne anstellen kann.
Wir alle kennen den oft kolportierten Spruch des Räubers: „Geld oder Leben!“. Er ist eine semantische Unkorrektheit, weil die Konjunktion „oder“ nur die Wahl einer der erwähnten Möglichkeiten gestatten würde. Für den Räuber wäre jedoch das Leben des Opfers wertlos, sodass eine Wegnahme (Tötung) nur den Preis seiner Arbeit verteuern würde. Er würde also das Geld zusätzlich nehmen und nach weiterem suchen, weil so „billig“ keiner davonkommen sollte.
Beim Sparer stimmt jedoch dieser Spruch mit fataler Genauigkeit. Wer das Geld von heute gegen das Geld von morgen tauschen will, muss noch am Leben sein, wenn er es bekommt.
Daraus folgt zwingend:
Der Fortbestand unserer eigenen Existenz ist die größte Spekulation, die man sich vorstellen kann.
Ein Psychologe wird uns wahrscheinlich erklären können, warum wir genau diese Spekulation täglich von neuem gänzlich verdrängen, während uns andere ständig präsent sind.
Und manche „Sicherheiten“ haben sich den Menschen so tief eingeprägt, als seien sie ein Naturgesetz. Den Tausch Geld gegen Gold empfinden wir als ein sicheres Geschäft. Was edel glänzt und viel wiegt, muss ja etwas wert sein. Wer hat uns das gesagt?
Nun hat schon so mancher festgestellt, dass er für die teuren, goldenen Eheringe nach der Scheidung überhaupt keine Verwendung mehr hat. Solche Marginalien und der Spruch vom Juwelier: „Die kann ich nur noch einschmelzen“ müssten uns eigentlich eine Warnung sein. Doch wer wollte nun so ein Teufelszeug wie einen Optionsschein, bezogen auf Eisenerz oder australische Dollars, mit der Sicherheit eines Goldstücks gleichsetzen?
Schließlich sagen wir auch zu unserem Partner „mein Goldstück“ und nicht „mein Optionsschein“, obwohl dies in vielen Fällen zutreffender wäre. Dazu müsste uns aber bewusst sein, dass es keine Sicherheit im Leben gibt, dass wir ständig alles Mögliche tauschen und dass wir deshalb ständig das Bekannte aufgeben (investieren, verwetten, aufs Spiel setzen), weil uns das Unbekannte mehr wert erscheint.
Nun wird kolportiert, dass fast alle Börsenneulinge mit Optionsscheinen nur Schaden erlitten hätten. Und wenn es irgendwo auf der Welt knallt, meinen genügend Politiker und Berichterstatter, dass „die Terminhändler“ an allem schuld seien. Da traut man diesen schlimmen Buben aber viel zu, denn der ganzen Welt zu schaden will gelernt sein. Als seien diejenigen, die auf Regen gewettet haben, schuld daran, wenn es wirklich zu regnen beginnt. Mitleid ist eben kostenlos, aber Neid muss man sich verdienen.
Die meisten Menschen, die sich für Optionsscheine interessieren, werden schon mit Aktien ihre Erfahrungen gemacht haben. Vom 10.11.1995 bis 17.3.2000 kannte die Börse scheinbar nur eine Richtung: nach oben. Sogar der Crash im Juli 1998 dauerte nur bis Oktober und war in den darauf folgenden Monaten durch voluminöse Kursgewinne bald wieder vergessen. Dann jedoch, Ende März des Jahres 2000, ging es bergab. Aber nicht ein paar Monate lang, sondern fast auf den Tag genau drei Jahre bewegte sich der Haupttrend deutscher Aktien nach unten.
Zwei Phänomene konnte man in dieser Zeit beobachten: Diejenigen, die das alles nicht wahrhaben wollten, fanden in der ersten Zeit zahlreiche Anzeichen, dass die Aktien nun ihren „Boden“ gefunden hätten. Irgendwann verstummten sie, die Börsenzeitungen reduzierten ihre Auflagen, die Sender verkürzen ihre diesbezügliche Berichterstattung, und Otto Normalverbraucher unterließ es, seinem Arbeitskollegen weiterhin todsichere Aktientipps zu geben. Jemand erzählte mir: „Ich gehöre zu den Gewinnern, ich habe keine Aktien.“ Es wurde ruhig an den Börsen, und dann mehrten sich die Stimmen jener, die angeblich schon immer gesagt hatten, dass Aktieninvestments eine langfristige Angelegenheit seien. Das ist so richtig wie die Aussage, dass Automobile Fortbewegungsmittel sind.
Die Mitarbeiter an diesem Buch und ich wollen keine Spielverderber sein, doch wer würde auf einem Schrottplatz behaupten wollen, dass die dort gelagerten Automobile Fortbewegungsmittel seien? Wetten wir folglich auf ein x-beliebiges Auto, dass es sich fortbewegt, so gewinnen wir mit sehr großer Wahrscheinlichkeit bei einem neuen Auto unsere Wette. Trotzdem bleibt das Risiko, dass sich das teure Gefährt irgendwann von der Straße entfernt, über ein kurzes Stück Wiese rollt und sich dann um einen Baum wickelt. Ob das nun in der ersten halben Stunde seines Lebens passiert, nach drei Monaten, in zehn Jahren oder überhaupt nicht, weiß niemand, noch nicht einmal der „Steuermann“ selbst.
An der Börse sind so manche nagelneue Vehikel (Aktien) mit Volldampf direkt auf die dem Verkaufsraum gegenüberliegende Mauer gefahren. Natürlich lag das am Steuermann, und natürlich hat es auch der Dümmste kapiert, als es geknallt hatte, und natürlich hätte niemand diesem Idioten von Firmenlenker nur einen kleinen Geldschein anvertrauen dürfen. Es gibt nur leider immer folgendes Problem:
Es steht den Idioten nicht auf die Stirn geschrieben, dass sie welche sind.
Ökonomisch betrachtet sind diese Leute jedoch Teil des Systems. Gäbe es sie nicht, müsste die Welt in einem festen Block eingeschweißt sein, und es gäbe folglich einen Plan für Erfolg. Doch diesen gibt es nicht, alles Handeln unterliegt den Prinzipien des Versuchs und Irrtums, reduziert auf die Bandbreite der jeweiligen Bedingungen.
Nur die ungefähre Richtung menschlichen Strebens scheint allen Beteiligten klar zu sein, sodass wir oftmals einen Fehler korrigieren können. Ist der Fehler aber zu gravierend, kostet seine Korrektur mehr, als der potentielle Nutzen bringen würde. Die Ergebnisse sehen wir auf dem Schrottplatz und auf den Listen der Insolvenzverwalter. Berücksichtigt man zudem, dass die vorhin erwähnten Firmenchefs ihre Unternehmen nicht mit ihrem eigenen Geld finanziert haben, sondern mit dem der Aktionäre, wird uns auch klar, dass es zuweilen an der nötigen Sorgfalt der „Steuermänner“ mangelt. Aktionäre und Steuermänner sitzen in einem Boot:Die Aktionäre unten, das Wasser bis zur Hälfte der Bullaugen, die Steuermänner oben auf der Kommandobrücke – und ihre Schwimmwesten werden von Tag zu Tag komfortabler.
Dass Aktionäre fremden Menschen Geld anvertrauen, um dieses zu vermehren, ist eigentlich nur damit zu erklären, dass schon so lange so viele Menschen dieses Geschäft betreiben und mancher damit gutes Geld verdient hat. Denn Menschen, die an der Börse 1000 Euro investieren, machen sich in der Regel darüber weit weniger Gedanken als bei der Anschaffung eines Küchengeräts.
Doch niemand gäbe so ohne weiteres seinem Zeitungshändler, den er schon jahrelang kennt, einen Tausender, weil der ihm zwischen Tür und Angel erklärt, dass er eine Kapitalerhöhung plant. Auch wenn der Zeitungshändler noch versprechen würde, dass er das gesamte Geld auch „wirklich“ zurückbezahlen wolle – wir hätten ein flaues Gefühl im Magen.
Kaufen wir jedoch morgen zu einem x-beliebigen Zeitpunkt an der Börse irgendeine Aktie, garantiert uns kein Mensch dieser Welt, dass wir je wieder diesen Preis erzielen werden. Würde aber unser Zeitungshändler sagen: „Mal schauen, ob Sie das Geld irgendwann wiederbekommen“, hätte er verloren, niemand würde ihm Geld geben. Auch im Börsengeschäft wird das nicht ausdrücklich erwähnt, doch dies ändert nichts an der Tatsache, dass es so ist.
Graphisch dargestellt sieht das dann so aus wie im Chartverlauf der Holzmann AG.
Wer also 1995 in den ersten Tagen investierte, hatte nie wieder die Chance, sein Geld an der Börse zurückzubekommen. Wer glaubte, dass Aktien eine langfristige Angelegenheit seien, und sich schlafen legte, wurde 2003 jäh aus seinen Träumen gerissen. Und dabei spielt es nicht die geringste Rolle, was der jeweilige Anleger verstanden hatte, ob er Volkswirtschaftslehre studiert oder die Aktie zufällig mit Wurfpfeilen herausgepickt hatte: Das Geld war weg.
Die Damen und Herren, die das Wort Aktien mit dem Begriff „Wertpapier“ in unserem Bewusstheit verknüpften und die es schafften, die langfristige Aktienanlage als seriös und wertbeständig, die kurzfristige aber als Spekulantentum zu brandmarken und zu besteuern, haben hier ganze Arbeit geleistet.
Jeder verachtete Zocker, der im Vollrausch diese Aktie gekauft und sie wiederverkauft hätte, als er wieder nüchtern war, hätte weit weniger Geld verloren als derjenige, der darauf vertraute, dass man erfahrungsgemäß 15 Jahre lang mit Aktien gute Renditen erzielen würde, wie ständig kolportiert wird.
Und niemand, keine Bank und kein Gesetz, hätte 1995 die Anleger davor gewarnt, dass man mit diesem „Wertpapier“ einen Totalverlust erleiden könnte.
Zu Anfang dieses Kapitels standen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, also noch am Abgrund, jetzt sind Sie einen Schritt weiter. Und bevor Sie den Mut verlieren, drehen Sie den Chart um (wir spiegeln ihn horizontal), denn auch einen solchen Verlauf gab es in der Börsengeschichte nicht selten.
Nehmen wir an, wir hätten am Anfang einen Euro pro Aktie bezahlt und 10 000 Euro investiert, dann haben wir in acht Jahren das 322fache an Vermögen erzielt. Wir verkaufen unsere Aktien und machen uns mit diesen 3,2 Millionen fortan ein schönes Leben.
