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Die Bewohner des Kinzigtals sind nahezu am Ende. Mit Müh und Not haben sie die schwere Eiszeit Freddoris überstanden. Jetzt stecken sie im kältesten Winter soweit man zurückdenken kann. Nahrungsmittel sind kaum noch vorhanden. Der Viehbestand ist dahin. Wild ist in den Wäldern nicht mehr zu finden. Und Saatgut gibt es für den kommenden Frühling auch nicht mehr. Unter Führung von Anschild, dem neuen Großkönig der Zwerge, machen sich Menschen, Zwerge und Halblinge in einem gemeinsamen Handelszug auf, aus fernen Landen das dringend Benötigte zu besorgen. Sie trotzen Eis und Schnee und Kälte und wandern viele Wochen nach Norden. Dorthin, wo des Alben Eiszeit wahrscheinlich nicht hingekommen ist. Aber die Reise ist nicht ungefährlich. Bedrängt von Räubern, verfolgt von Meuchelmördern und unter Beobachtung eines Heeres ziehen sie kreuz und quer durch das Land bis fast an das nördliche Meer. Schließlich kommt es zu der befürchteten Auseinandersetzung. Zahlenmäßig sind die Räuber weit überlegen. Eigentlich für die Zwerge kein großes Problem. Doch es gilt, das Erhandelte zu schützen. Die schwer beladenen Wagen sind sehr unbeweglich und das Vieh würde durch den Schlachtlärm in Panik das Weite suchen. Alle Mühen wären umsonst. Wird das Heer den Zwergen und Menschen beistehen? Andere Hilfe ist nicht in Sicht.
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Rainer Seuring
Eringus - Hungersnot im Kinzigtal
Eine Handelsreise bis fast ans Meer
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Durch Eis und Schnee
In fremden Landen
In den Bergen von Chassalla
Bei den Zwergen
Familie Traumfee
Westlich Touliphourdon
Gefährliches Händlerleben
Zuviel Erfolg ist auch ein Problem
Die Schlacht im Habichtswald
Reise in die Vergangenheit
Die Heldentat des Jüngsten
Tod dem Schinder und Peiniger
Impressum neobooks
Eringus – Hungersnot im Chynzychtal
Eine Handelsreise bis fast ans Meer
Von Rainer Seuring
Impressum
Texte und Umschlag: © Copyright by Rainer SeuringVerlag: Rainer Seuring
Bulaustr.163450 [email protected]
www.derdracheeringus.jimdofree.com
Druck: epubli ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Für die Freigabe des Ochsenkarren als Titelbild bedanke ich mich herzlich bei Heiko Franke.
www. ernesto-unterwegs.de
Der geneigte Leser möchte vielleicht sagen, dass diese Geschichte doch zu „Freddoris magische Eiszeit“ gehöre. Darauf muss ich antworten: Eines Teils ja, doch andern Teils auch wieder nicht.
Natürlich sind die Geschehnisse, über die ich hier berichte, ein direkter Ausfluss dessen, was der Alb Freddori angerichtet hat. Würde ich aber beides zusammen fassen, so würde es eigentlich nicht mehr unter die Eiszeit fallen, denn der magische Winter ist vorbei und der Überlebenskampf ereignet sich in und nach einem natürlichen, wenn auch gar fürchterlich kalten Winter.
Zudem finden sich in der folgenden Erzählung nur zum Teil die Personen, die die Geschichten von Eringus und den Drachenkindern ausmachen. Es ist mehr eine Zwergengeschichte.
Und letztlich ereignete sich alles außerhalb des Reiches des Drachen.
Die logische Schlussfolgerung daraus: Ein weiteres Buch unter einem anderen Titel.
Was ich im Folgenden erzähle stammt nicht aus den Erinnerungen der Drachenkinder. Vielmehr ist das Meiste von Anschild, dem Großkönig der Zwerge, und Magnus, Beatas Bruder. Selbstverständlich hat auch Eringus seine Eindrücke beigesteuert.
Ach, ja! Wie konnte ich nur? Jade war ja auch dabei.
Die magische Eiszeit des Alben Freddori ist mehr schlecht als recht überstanden. Groß waren die Verluste unter den Menschen. Die Zwerge haben nur drei Männer zu beklagen. Bei den Halblingen ist erstaunlicher Weise nicht ein einziger Todesfall vorgekommen. Über eine Erklärung dazu mag sich jeder selbst so seine Gedanken machen.
Nun ist es Winter. Ein ganz natürlicher Winter. Aber was für einer.
Es ist so kalt, dass man Vögel vom Ast pflücken könnte, wären denn noch welche da. Es herrscht im wahrsten Sinne des Wortes das Schweigen im Walde. Die Chynzych ist seit langem dick mit Eis bedeckt. Alle und alles frieren. Und was das Essen anbelangt: Reden wir nicht drüber.
Es sind alle in der großen Halle vor dem Königspalast versammelt. Nicht nur die, die ausziehen werden, für das Tal neue Nahrung und Vieh und Saatgut zu holen. Nein, natürlich sind alle im Berg Anwesenden vor dem Königspalast zusammen gekommen. Selbst von den gräflichen Herren und aus dem Kloster Wolfgang haben sich viele eingefunden. Der Säulengang zum Palast ist als solcher nicht mehr zu erkennen.
Die Zuordnung der 300 Menschen und 250 Zwerge zu den jeweiligen Gruppen ist abgeschlossen. Jeder weiß, wer sein Gruppenführer ist und wer der Händler sein wird. Ihm wird es obliegen, die bestmöglichen Geschäfte zu machen. Alle sind nach Kräften gerüstet, sowohl mit Gewandung als auch mit Waffen. Leider sind viele Menschen nicht im Besitz solch wichtiger Gegenstände wie Schneeschuhe oder ordentliches Schuhwerk. Auch in Bezug auf die Kleidung bleibt viel zu wünschen übrig. Was fehlt spenden Vermögendere oder die Zwerge. Vor allem die wärmenden Gambeson sind sehr begehrt. Zwar sind diese Kleidungsstücke für die größeren Menschen etwas kurz, doch solange das Hinterteil überdeckt ist, sind keine Wünsche mehr offen, zumal sie noch zusätzlich gefüttert sind. Man trägt sie als Mantel über allen anderen Gewändern. Und davon trägt man viele.
Der von Anschild geführten Truppe haben sich noch zusätzliche Leute aus Buodingen angeschlossen. Der Graf will unbedingt seine Pferdezucht wieder aufnehmen. Vordem war das Haus Buodingen berühmt für seine Pferde. Ständig standen mindestens zwanzig Tiere im Stall oder auf der Weide. Gleich ob als Reit- oder Zugtier, die Ausbildung war die Beste und der Gesundheitszustand erst recht. Natürlich waren diese Tiere auch deutlich höher im Preis. Dafür konnte man schon mal eine ordentliche Stange hinlegen, wobei: In Kupfer durften es auch drei Stangen sein.
Der buodingische Hofmeier mit weiteren neun Leuten bilden daher eine zusätzliche Gruppe neben den anderen Menschen um den Zwergengroßkönig.
Doch nicht nur aus Buodingen hat sich eine zusätzliche Begleitung eingefunden. Auch von anderen Adelshöfen und Großbauern haben sich weitere Menschen hinzugesellt. Vom Einen kam ein kleiner Wagen, der vom einzigen Pferd des Nachbarn gezogen wird. So kamen auch die anderen Gruppenführer zu zusätzlichen Gruppen. Jeweils ein Pferde- oder Ochsenkarren nebst 15 Menschen, die speziell für ihre Herrschaft außerhalb des getroffenen Abkommens handeln sollen. Auch Jagdfalken stehen auf der Wunschliste. Letztlich erhöhte sich somit die Zahl der Menschen auf 370.
Niemand hat dagegen gesprochen, dass die Anführer der Gruppen allesamt Zwerge sind. Es war einleuchtend, dass diejenigen, die das Kommando über die Kampftruppen haben auch die Führung über die Übrigen übernehmen. Zudem tragen diese Zwerge auch den Vorrat an Kupfer, Silber und Gold, mit dem der Handel beglichen werden soll. So viel Edelmetall hat ein ordentliches Gewicht und kein Mensch, geschweige denn ein Halbling, vermag diese Last auf Dauer mit sich zu führen.
224 Halblinge haben sich dazu gesellt, auch wenn sie den Zug wahrscheinlich nicht die ganze Zeit begleiten werden. Sobald sie die vermutliche Grenze der Wolke erreicht haben, wollen sie ausschwärmen und nach den, ihrer Meinung nach, unverzichtbaren Insekten und Käfern suchen. Da sie nicht auf Handel angewiesen sind, sondern von Mutter Natur nehmen können, was gesund und fortpflanzungsfähig ist, brauchen sie keine Konkurrenz zu fürchten. Sie werden die Ersten sein, die heimkehren.
Am Vortag hat sich Anschild noch einmal mit seinem Schwiegervater, König Sigurd, und Eringus, dem Drachen, besprochen. Was müsste man erwarten? Womit sollte man sich dagegen rüsten? Welche Wege soll man nehmen und vieles mehr wird erörtert. Das alles hat sich der junge Großkönig gut eingeprägt und gibt davon nun in seiner Rede bekannt.
„Ich grüße euch, ihr Menschen, Halblinge und Zwerge!“, ruft er laut und verschafft sich so Gehör. Er steht auf dem inzwischen ständig vorhandenen Podest. In der letzten Zeit haben sich die Ansprachen vermehrt und ein wiederholtes Auf- und wieder Abbauen wurde zu lästig.
Aufmerksamkeit heischend steht er da oben, für alle gut sichtbar. Er ist zwar, wie alle Zwerge, nur knapp über drei Fuß groß, aber seine Gestalt ist beeindruckend. Breite Schultern und Oberarme, wie manch einer keine Oberschenkel hat. Dazwischen ein Nacken, der jedem Stier zur Ehre gereicht hätte. Die muskulöse Brust wird durch die schmale Taille deutlich betont. Die hellblonden Haare wallen wie eine Mähne um sein Gesicht. Der Bart ist scharf am Kieferknochen abgesetzt und zieht sich nur fingerbreit vor zum Kinn. In Vereinigung mit dem Oberlippenbart ergibt sich dann ein Kinnbart, der sich bis auf die Brust hinab wellt.
„Ich danke für eure Aufmerksamkeit.“, fährt er fort, als es ganz ruhig geworden ist. Einem verträumten Schwätzer half ein Rippenstoß, den Mund zu halten. „Wir werden in Bälde auf eine lange und weite Reise gehen. Wir werden Wege beschreiten, die niemand zuvor von uns gegangen ist. Selbst die Wenigen von uns, die den Wettergau noch zu kennen glauben, werden ihn nicht wieder erkennen. Wir betreten also für uns vollkommenes Neuland. Es ist daher angeraten, sich auf den großen Straßen zu halten. Doch nicht nur deswegen. Wir brauchen nur vor das Tor zu gehen, um zu sehen warum. Wir werden mit ungeahnten Schneemassen zu kämpfen haben. Und auch wenn unseren Wagen die Kufen untergeschnallt sind, werden die Zugochsen mit ihrem großen Gewicht im Schnee versinken. Wir werden also wohl weite Strecken für einen tragenden Untergrund sorgen müssen. Deswegen gilt folgende, gruppenunabhängige Reihenfolge im Zug. Zu Vorderst gehen die Zwerge in Reihen, die breit genug sind, dass für die Wagen ein Weg gebahnt wird. Danach folgen die Menschen in ebensolchen breiten Reihen. Jeder wird Schneeschuhe an den Füßen haben, um eine möglichst breite Fläche nieder zu treten. Die Reihen werden versetzt laufen, dass auch wirklich der ganze Schnee niedergepresst wird. Ich hoffe es reicht aus, auf diese Weise den Untergrund so fest zu stampfen, dass die Ochsen nicht mehr einsinken werden. Zudem wird die erste Reihe mit Stöcken ausgerüstet, die sie vor jedem zweiten oder dritten Schritt in den Boden rammen, wenn wir über offenes Gelände laufen müssen. Im Wald erkennt man den Weg. Wo kein Baum steht, muss der Weg verlaufen. Aber auf einer zugeschneiten Wiese sieht keiner, ob nicht kurz vor ihm ein Graben oder ein kleiner zugefrorener Bach überdeckt ist. Auf den Wagen befinden sich neben den Käfigen für das Kleinvieh auch alle nur erdenklichen Sachen, von denen wir glauben, dass sie benötigt werden könnten. Die führenden Reihen werden nach angemessener Zeit wechseln, sodass die Schwerstarbeit auf alle verteilt wird. Erst danach kommen die großen Ochsenwagen und am Ende die Halblinge. Die abgelöste Führungsreihe der Zwerge übernimmt dann nach den Halben den Abschluss und die Rückendeckung.“
Anschild macht eine kurze Pause, bevor er fortfährt. „Wir müssen damit rechnen, dass wir sehr weit laufen müssen. Eringus befürchtet sogar, dass wir bis ans Meer laufen müssen.“
„Was ist ein Meer?“, ruft es aus dem Hintergrund. Dafür gibt es wieder einmal einen Rempler mit dem Ellenbogen.
Anschild hat das gesehen. „Lasst den Mann, das habe ich auch fragen müssen. Wir alle haben schließlich noch nie eine so weite Reise unternommen und von einem Meer hat man vielleicht schon einmal in einer Geschichte gehört, wenn überhaupt. Stell dir vor, du stehst an einem Seeufer. Aber außer hinter dir, siehst du sonst kein Land. Dann stehst du vor einem Meer. Das ist eine so große Wasserfläche, dass man ihr Ende nicht sehen kann. Unser weitgereister Eringus kennt das, denn er war schon dort und hat sogar die Länder dahinter gesehen.“
„Dahinter soll es doch garnichts mehr geben, hab ich gehört.“, ruft wieder eine Stimme aus dem Hintergrund, durch die Offenheit und Ehrlichkeit des Großkönigs bestärkt.
„Es ist nicht gesagt, dass nicht zwischen hier und dem Ende der Welt auch noch Inseln zu finden sind.“, erklärt Anschild.
Eringus grinst innerlich und sagt nichts dazu. Er weiß es besser. Doch das hier und jetzt erklären zu wollen, hieße ein neues Weltbild schaffen. Das führt zu weit und niemand wird den Berg verlassen.
„Meinen ursprünglichen Plan, in kleinen Gruppen ungesehen die Heimreise zu bewältigen, habe ich aufgegeben. Nehme ich Buodingen als Maßstab, so mag es durchaus vorkommen, dass wir auf vielleicht noch größere Anwesen stoßen und dann stehen im besten Fall fünfzehn Zwerge und zwanzig Menschen urplötzlich einer Macht von an die zweihundert Gegnern gegenüber. Ich will, dass alle wohlbehalten und unversehrt nach Hause zu Weib und Kind kommen. Wir werden daher den gesamten Tross so lange als möglich zusammen behalten und am Ende mit maximal fünf großen Gruppen die Rückkehr beginnen. Die Obersten dieser Gruppen sind die Zwillinge Genefe und Jeras Eisengießer, Hrosvit Silberfaden, Dankwart, Gernhelm und ich.“
Die Genannten haben sich am Fuße des Podests versammelt und Anschild weist bei der Namensnennung auf den jeweiligen Zwerg oder die Zwergin.
„Auf diese Weise haben wir in jeder großen Gruppe fünfzig Zwerge und sechzig Menschen. Ich denke, damit sollte auch eine größere Übermacht besiegt werden können. Die nachgemeldeten Gruppen nicht mitgezählt.
Doch wir sind nicht auf Kampf aus. Wir wollen keine Ländereien erobern, wir wollen unseren Lieben daheim Nahrung bringen. Darum werden wir auf dem Rückweg so gut als möglich die Siedlungen vermeiden und davor die Straßen verlassen und erst danach wieder auf sie zurückkehren.
Auf uns warten entbehrungsreiche Wochen. Gerade zu Beginn unserer Wanderung werden wir nur wenig Gelegenheit haben, zu rasten. Bei dieser Kälte kann man sich nicht im Freien zur Ruhe betten. Es wäre der letzte Schlaf. Jeder bekommt ein kleines Päckchen mit Nahrungsmitteln. Teilt es mit Bedacht ein. Solange wir noch im ehemaligen Bereich der magischen Wolke sind, ist an Jagd nicht zu denken. Wild wird es nicht geben. Alles Andere, vielleicht essbare, ist vom Schnee überdeckt und tief gefroren. Ihr werdet an die Grenzen eurer Leistungsfähigkeit gelangen und darüber hinaus gehen müssen.
Sobald wir die vermutliche Grenze der Wolke erreicht haben, werden wir unser weiteres Vorgehen besprechen. Darüber jetzt nachzudenken, wäre voreilig. Wir wissen nicht, was uns erwartet und wo wir uns befinden werden. Am Ende kann man dort nicht einmal unsere Sprache sprechen. Dann werden wir höchstwahrscheinlich den Zug überhaupt nicht auflösen. Allein aus Sicherheitsgründen. Wir werden sehen.
Wohlan, Menschen, Halblinge und Zwerge, die ihr berufen seid, diesen Weg zu gehen, lasst uns nun draußen vor dem Haupttor sammeln. Ihr habt alles, was ihr für euch und die Reise braucht, bei euch.“
An dieser Stelle hält der Großkönig für alle deutlich inne. Jede begonnene Bewegung verharrt. Anscheinend lauscht Anschild ins Leere. Niemand kann die kleine Traumfee erkennen, die ihm etwas zu sagen hat.
„Wie ich eben erinnert werde, werden Jade, Amethyst und Bernstein uns begleiten. Sie sind der Meinung, sie könnten uns gute Botendienste leisten, wenn wir uns teilen. Dem kann ich nur zustimmen und meinen allerherzlichsten Dank aussprechen. Als dann: Auf zur Sammlung vor dem Tor.“
Mit einem Wink eröffnet Anschild Kleyberch den Auszug. Urplötzlich ist die Halle mit Gemurmel erfüllt. Es summt und brummt wie in einem Bienenstock. Bereitwillig geben die Zuschauer den Weg frei. In ungewöhnlich geordneter Weise streben die Teilnehmer dem Aufgang zu. Man lässt den Zwergen den Vortritt, die in völliger Disziplin voran marschieren. Sie folgen den Gruppenführern, die den Marsch eröffnen. Danach kommen die Menschen, deutlich ungeordneter, aber bemüht, es den Zwergen nach zu machen. Die Halblinge folgen als Letzte in totaler Unordnung und noch vergnüglich plappernd. Anschild lächelt, als dieser Haufen an ihm vorüber zieht. Bevor die übrigen Anwesenden, die sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen wollen, hinterdrein gehen, verlässt er sein Podium und achtet darauf, dass nicht schon jetzt einer verloren geht.
Auf dem Weg nach oben überprüft jeder noch einmal, was er mit sich führt. Das Nahrungspaket für reichlich zehn Tage, bestehend aus einigen Streifen getrockneten Fleisches und einigen harten Keksen mit Käse oder altbackenes Honig-Früchtebrot, steckt in einem Sack, den alle Zwerge auf dem Rücken tragen. Bei den Menschen gibt es auch die Variante eines schlauchförmigen Sackes, der um den Leib getragen oder, mit nur einer Schnur gehalten, quer über dem Rücken hängt. Darin ist alles, was man zu benötigen meint. Jeder hat da so seine eigene Vorstellung. Allerdings sind die Säcke der Zwerge deutlich voller. Man könnte den Eindruck gewinnen, bei manchen Größen sei ein ganzer Hausstand drin. Der Trinkschlauch ist bei jedem Menschen eingepackt, allerdings leer. Bei dem Dauerfrost, der nicht einmal am Tag aufhören will, gefriert das Wasser und der Schlauch platzt am Ende. Doch für den Rückweg wird man ihn schon brauchen können. Die Zwerge allerdings tragen jeder zusätzlich zwei große und wohl gefüllte Schläuche. Diese sind aber derart verschlossen, dass ein Öffnen sofort auffällt. Es ist bei Strafe verboten, sie aufzumachen. Sie beinhalten leckeren Met mit Kräutern. Damit keiner davon nascht, tragen nur die Zwerge diese Schläuche. Nicht, dass man den Menschen misstrauen würde, doch der Großkönig will seine Befehlsgewalt nicht allzu sehr auf die Menschen ausdehnen. Zudem hält er sein Volk für disziplinierter.
Weil aber auch Met bei dieser Kälte gefriert, wurde er tags zuvor im Freien in die Schläuche gefüllt, kurz bevor er zu erstarren begann. So haben die Zwerge verhindert, dass die Behältnisse platzen. Zum Auftauen werden die Trinkschläuche später einfach über den Kesseln mit dem langsam wärmer werdenden Wasser aufgehängt und der Met tröpfelt langsam heraus.
Die Waffen sind in ihren Halterungen. Während bei den Zwergen die Axt bevorzugt wird, tragen die Menschen, soweit überhaupt im Besitz, eher ein Kurzschwert. Die meisten aber haben ihren Jagdbogen dabei. Ein Messer hat jeder, sogar die Halblinge. Wer hat, trägt seinen Schild über dem Rucksack auf dem Rücken.
Je näher man dem großen jetzt offenen Tor kommt, desto mehr spüren die Teilnehmer die Kälte. Die Mäntel werden so dicht als möglich geschlossen. Sowieso sind manche derart dick eingepackt, dass nicht mehr sehr viel Bewegungsfreiheit besteht. Mit Mühe kommt man zu den Schuhen oder Stiefeln hinab, sie zu schließen. Zu Oberst tragen Menschen und Zwerge Überwürfe aus Leder, der bei Regen und Schnee schützen soll. Sie sind beidseitig mit Schnüren geschlossen, das soll auch den Wind abhalten.
Am Haupttor oben machen alle ihre Schneeschuhe bereit. Sie haben eine Größe, sind aber durch Lederbänder auf jeden Fuß einstellbar. Die Zwerge machen es vor. Kaum aus dem Tor heraus, werden die Schuhe untergeschnallt und in Reihen zu sechst nehmen sie den Marsch auf. Die Hauptgruppenführer überwachen diesen Vorgang und haben natürlich bei den Menschen mehr Anweisung zu geben als zuvor bei den Zwergen. Aber binnen Kurzem haben alle es begriffen. Jetzt verschwinden auch die Hände in den Fäustlingen.
Die Halblinge mit ihren großen Füßen brauchen keine Schneeschuhe. Sie laufen sowieso bevorzugt ohne Schuhe. Man muss allerdings gestehen, dass diese enorme Kälte auch ihnen etwas zusetzt. Die zierlichen, nur wenig über drei Fuß kleinen, Wesen sehen Menschen zwar sehr ähnlich, sind aber eine eigenständige Rasse. Sie erinnern stark an Kinder und sie sind auch gerne genauso verspielt, aber man darf sie niemals unterschätzen. Mit ihrem geringen Körpergewicht sinken sie eigentlich nur in Pulverschnee tief ein. Dadurch sind sie nicht dafür geeignet, den Schnee zu pressen.
Unten am Fuß der Festung warten bereits die zehn Wagen mit jeweils zwei Ochsen davor. Die Tiere sind mit dicken Decken zum Schutz vor der Kälte abgedeckt. Diese werden später beim Marsch entfernt, wenn die Ochsen sich durch die Bewegung erwärmen. Da die Zwerge des Öfteren auch im Winter mit ihren Kutschen aus dem Berg müssen, sind diese sämtlich bereits mit zusätzlichen Kufen bestückt. Sie reichen nicht ganz bis auf den Boden, doch wenn das Rad den Untergrund im tiefen Schnee verliert, tragen diese breiten Kufen den Wagen auch mit Ladung immer noch.
Es sind sehr große zweiachsige Fuhrwerke, die in den letzten Tagen in Eile auf die bevorstehende Beladung umgebaut wurden. An fünf Wagen wurden die Seitenwände dreimal so hoch gezogen als üblich. Sie sind für das Getreide und das Saatgut gedacht, das sackweise gekauft werden soll. Zur Sicherheit sind bereits einige leere Säcke darauf, falls nicht alles verpackt erhältlich ist. Es sind aber auch gefüllte Säcke geladen. Sie beinhalten Getreide, trockene Früchte und Gemüse. Daraus wird morgens ein Brei gekocht, damit alle mit warm gefülltem Bauch den Tagesmarsch bewältigen können. Den Met gibt es dann abends heiß, um der nächtlichen Kälte trotzen zu können. Leider wird er eins zu vier mit Wasser verdünnt. Niemand darf trunken werden. Mehr gaben die mageren restlichen Vorräte nicht her. Auch die Daheimgebliebenen müssen schließlich weiter versorgt werden. Anschild rechnet damit, dass sie mit den Nahrungsmitteln etwa zehn Tage auskommen werden.
Drei Wagen haben eine nur doppelte Erhöhung der Wände erfahren. Auf ihnen sollen die Ferkel und Schweine gefahren werden. Diese Tiere zu treiben würde den Zug nur unnötig aufhalten.
Die beiden letzten Wagen schließlich haben keine Seitenwände mehr. Dafür wurden große Käfige darauf errichtet, die das Federvieh beherbergen werden. Die Behältnisse haben drei Böden, sodass möglichst viele Tiere darauf Platz finden. Mit darüber gespannten Seilen werden die Käfige auf den Wagen gehalten. Trotz der Eile des Umbaus sind diese Aufbauten sehr stabil und es steht nicht zu erwarten, dass die Konstruktion zusammenbricht. Zumindest hat sie schon einmal die Last darauf herum krabbelnder Zwerge getragen.
Auf den Wagen, die keine Käfigaufbauten haben, und sogar außen an allen Seitenwänden, findet sich alles, was man für die erwarteten Ereignisse zu benötigen glaubt. Breite dicke Bretter, mit denen die Fuhrwerke schmale, aber tiefe Geländeeinschnitte überbrücken können, sind mit massiven Haltebügeln an den hohen Seitenwänden eingehakt. Sie ragen weit über die Ladefläche nach hinten hinaus. Große Lederplanen, um vor allem das Saatgut vor Regen zu schützen, befinden sich in breiten Kästen hinten, unterhalb der Ladefläche. Viele lange Seile und Ketten vervollständigen die Ausstattung ebenso, wie diverses Handwerkszeug, um Reparaturen vornehmen zu können. Selbst einen Achs- oder Radbruch wird man beheben können. Als wichtigste Ladung allerdings ist das Futter für die Ochsen zu erachten. Damit sollte der Tross gut 20 Tage hinkommen. Letztlich klappern auf einem Fuhrwerk dann noch 55 breite und tiefe Schalen und ebenso viele Kessel. In ihnen wird man während einer Rast die ebenfalls mitgeführte Kula verbrennen, damit sich jeder ein wenig erwärmen und den Brei und Met zubereiten kann. Was damit allerdings zu Beginn der Rückreise geschehen soll, ist noch völlig unklar. Es wird auf jeden Fall im Weg sein.
* * * * *
Während sich die Beteiligten zum Zug aufstellen und sich die Reihen zusammen finden, bilden die Daheimbleibenden ein Spalier. Nicht ohne hier und da ihre Lieben zu umarmen und zu küssen oder zumindest wohlwollend dem Einen und Anderen auf die Schulter zu klopfen. Man wird sich monatelang nicht sehen.
Zusammen mit den anderen Hauptgruppenführern übernimmt der Großkönig die erste Strecke, den Weg fest zu treten. Hier, im bekannten Umfeld, ist aber noch nicht so viel Schnee. Viel wurde bereits in den vergangenen Tagen platt getreten, wenn die Zwerge außerhalb des Berges etwas zu erledigen hatten. Als die Führenden schon längst den Fuß des Berges erreicht haben, nimmt erst der Letzte die Wanderung auf. Das letzte Leb wohl und viel Glück verhallt.
Wider Erwarten geht Anschild nicht links herum nach Buodingen, sondern rechts weiter zur Straße hinab. „Sagtet ihr nicht, wir zögen durch den Wettergau?“, will Hrosvit Silberfaden wissen. Eine stabile Zwergin, mit unübersehbaren weiblichen Attributen und einer enorm dunklen, fast männlichen Stimme. Ihr Haar ist schwarz mit einem leicht rötlichen Schimmer. Der bei Zwerginnen übliche zarte Flaum statt des Bartes fehlt gänzlich. Dafür sind ihre Augenbrauen ziemlich buschig, aber sehr gepflegt. Sie treffen sich fast an der Nasenwurzel. Sie geht auf des Großkönigs rechter Seite zwischen ihm und Dankwart. Auf der linken Seite gehen die Zwillingsschwestern Genefe und Jeras. Gernhelm vervollständigt die Reihe links außen.
„Wohl wahr, so sagte ich. Doch habe ich es mir auf dem Weg zum Haupttor nochmals durch den Kopf gehen lassen. Die Mannen des Grafen zu Buodingen sagten zwar, dass die Zugänge zur Stadt wieder frei seien, doch weiß man deswegen nichts über den weiterführenden Straßenzustand. Ich bin der festen Überzeugung, je weiter wir in den Wettergau vordringen, desto schwerer wird der Weg sein. Das Gelände ist weniger bewaldet und wird darum deutlich mehr Schnee abbekommen haben, als der Weg im Osten.
Glowburg hat nicht mehr die Bedeutung von einst. Wenig Handelsverkehr, das Meiste geht daran vorbei. Also wird jetzt dort erst recht nicht viel los sein. Es steht darum nicht zu erwarten, dass die Straßen dort in besserem Zustand sind.
Wir werden die meist benutzten Wege nehmen, die wir kennen oder erkennen. Nur dort, so behaupte ich, werden wir einigermaßen voran kommen. Also geht es nun auf der großen Straße links herum in Richtung Uulthaha.“
„Bedenkt, Großmächtiger, auch auf dieser Strecke finden sich weite Wege ohne den Schutz des Waldes. Auch dort wird der Schnee sehr tief sein. Und es geht nicht unerheblich auf und ab.“, bringt Genefe vor. Man will kaum glauben, dass sie und Jeras Zwillinge sind. Überhaupt nichts an ihnen ist übereinstimmend; außer dem Familiennamen. Jeras ist ein ordentliches Stück kleiner, dafür aber auch deutlich breiter, als die schlanke Genefe. Die Haare der Großen sind buschig und wellig von hellbrauner Färbung. Jeras hat dunkelbraunes Haar, das strack herabhängt und darum in einem Zopf zusammengefasst ist. Und sie hat dunkelgrüne Augen, wohingegen bei ihrer älteren Schwester diese hellblau sind. Ihre Mutter hat auf Lästereien ob der Verschiedenheit immer auf die Unterschiede zwischen Mutter und Vater hingewiesen. Genefe ist mehr der Vater.
„Das ist natürlich richtig. Wir werden noch sehr viel mehr und andere Schwierigkeiten bekommen außer auf und ab. Ich denke, der Weg direkt durch den Vogelsberch ist wesentlich anspruchsvoller. Es ist ein deutliches Gefühl, das mir sagt, ich solle diesen Weg hier nehmen. Das Für und Wider ist auf jeden Fall immer gleich. Jeder Weg ist schwer und birgt seine Gefahren.“
„Dann ist also der gefasste Plan dahin.“, stellt Jeras mit einem fragenden Unterton fest.
„Wer an einem einmal gefassten Plan wider besseres Wissen festhält, ist dumm.“, mischt sich Gernhelm bestimmt ein. Seine grauen Augen blitzen angriffslustig. Die vorderen Strähnen der fast schwarzen Haare sind um den Schädel nach hinten unter die Gugel gezogen, wo sie im schulterlangen Zopf verschwinden. Seinen Bart verbirgt er, wie die Meisten, hinter einem Tuch zum Schutz vor der Kälte.
„Von welchem Wissen redet ihr, Prinz Gernhelm?“, stichelt Genefe.
„Er redet von meinem Wissen, denn ich weiß, dass ich, soweit ich bewusst zurück denken kann, stets wohl geführt wurde, denn sonst würde ich heute überhaupt nicht mehr leben. Und so wie Gott Gabbro mich führt, so führe ich euch. Mit Verstand und nach Gefühl.“, ergänzt Anschild.
Dankwart grinst nur dazu. Er ist mit dem Zählen der Schritte beschäftigt und ruft nun: „Wechsel!“. Auf diesen Befehl hin geht die vorderste Reihe ans Ende des Trosses. Während die Männer und Frauen der Menschen nur innerhalb ihres Blocks wechseln, bedeutet der Ruf für den Großkönig und die anderen Zwerge und Zwerginnen, dass sie als bisher Führende, der nachfolgenden Reihe die Wegfindung überlassen und auf das Ende des Zuges warten, um nun ihrerseits die Nachhut zu bilden. Die Halblinge sind davon völlig unberührt. Sie sind im Moment einfach nur Begleiter und beschäftigen sich mehr damit, was sie alles an Getier zu finden hoffen. Seit dem bekannt war, dass dieser Zug stattfinden würde, haben sie fleißig eine Bestandsaufnahme durchgeführt. Den Abgleich der Ergebnisse hat man sich für jetzt aufgehoben.
„Eure Geschichte kennt inzwischen wohl jeder, Großmächtiger, und ich erkenne an, dass ihr ein gottesfürchtiger Zwerg seid. Also mag uns Gabbro durch euch führen.“, nimmt Genefe das Gespräch von zuvor wieder auf, nachdem auch der letzte Halbling sein Wägelchen mit einer Ziege als Zugtier vorbei geführt hat.
„Seid gewiss, Genefe Eisengießer, das wird er tun. Seinen Zwergen ist unser Gott so treu, wie sie ihm. Also habt nur Vertrauen. Und was den Plan angeht, so ist der nur in Bezug auf diesen kleinen Wegeabschnitt geändert. Wir werden schon noch wieder darauf zurück kommen.“, beendet Anschild das Gespräch. Schweigend stapft man nun vorläufig Fuß um Fuß voran und Dankwart zählt die Schritte.
* * * * *
Ein jeder, der schon mal im Winter eine Wanderung unternommen hat, kennt das. Man kann seine Kleidung noch so trefflich gewählt haben, die Kälte kriecht doch dazwischen. Zuerst werden die Hände kalt, die nur durch Handschuhe geschützt sind. Selbst wenn man sie in den Taschen von Mantel oder Jacke verbirgt. Die Fäustlinge von damals konnten ebenso wenig trotzen und Taschen im Umhang gab es nicht.
Dann werden die Füße kalt. Selbst zwei Paar Wickelstrümpfe und lederne Schuhe, die man in Holzschuhen zum Schutz trägt, sorgen nicht sonderlich für anhaltende Wärme. Die Lederstiefel haben kein Futter und das Stapfen mit den Schneeschuhen fördert zwar die Durchblutung, aber das Kältegefühl überwiegt. Schlecht sind die Aussichten, in absehbarer Zeit Wärme zu erlangen. Bald schon wird der Körper immer weniger zu verbrennen bekommen, dann nimmt auch die Wärme im Wanderer immer mehr ab. Ungemütlich ist bei Weitem zu gering, um diesen Zustand zu beschreiben.
Schon der Anstieg auf die Höhe östlich von Sluohderin zeigt, dass eine weitere Änderung im Plan erforderlich ist. Die Ochsen schaffen es nicht, ohne Hilfe hinauf zu kommen. Der Großkönig lässt nun die Zugtiere von Menschen führen und jeweils sechs Zwerge, drei an jeder Seite schieben mit den ziehenden Ochsen zusammen das Gefährt hinauf. Geht es hinab, so müssen diese Zwerge auch dafür sorgen, dass der Wagen gebremst wird. Die normale Bremse greift im Schnee leider nicht.
Die Siedlung selbst ist verlassen. Einige Menschen haben wehmütig in ihre Richtung geblickt. Ihre ehemalige Heimstatt ist sehr stark eingeschneit und hoch aufgetürmte Schneewehen behindern die Sicht.
Es dämmert schon und man hat nur so wenig des Weges zurückgelegt. Trotzdem muss hier eine kurze Rast eingelegt werden, um die Zugtiere zu füttern. An Schlafen verschwendet niemand einen Gedanken. Es ist viel zu kalt. Der heiße, wenn auch stark verdünnte, Met hilft ein wenig, innere Wärme zu erlangen. Wem es gelingt, der döst irgendwo angelehnt im Stehen oder in Hocke ein wenig vor sich hin. Die Zwerge nehmen nur selten die Tücher von den Mündern und Bärten. Augenblicklich bilden sich durch den Atem Eisklumpen in den Barthaaren. Auch Menschen und Halblinge haben sich weitestgehend vermummt. Zu sehr beißt die Kälte, die in der Nacht auch noch weiter zu nimmt. Der klare Himmel erlaubt dem Mond, ihren Weg durch die kahlen und nur mit wenig Schnee bedeckten Äste ausreichend zu erleuchten und alsbald setzt sich der Tross wieder in Bewegung. Der Glanz des Schnees sorgt nicht minder für ausreichende Helligkeit. Die wenigen Laternen mit Brilium befinden sich vorn in den Händen von Zwergen. Nicht zuletzt deswegen, weil sie in Menschenhänden weniger hell leuchten.
Auch das nächste Dörfchen kann man im Dunkeln, weit ab des Weges, nur erahnen. Die wenigen Häuser verbergen sich ebenfalls unter dem ungeheuer tiefen Schnee. Der Wind hat wohl ordentlich über die Höhe gepfiffen. Schweigend marschiert die Truppe vorwärts, öfters hinauf, manchmal hinab. Manchmal macht ein Ochse seinem Unmut über die Arbeit Luft; manchmal meckert eine Ziege. Den Vogelsberch hat man hinter sich gelassen und strebt nun den Ausläufern Rainobuchonias entgegen.
* * * * *
Am Abend des dritten Tages hat man Uulthaha erreicht. Je näher man der großen Siedlung kam, desto mehr wiesen Spuren im tiefen Schnee auf häufigere Wanderer zwischen den Weilern und Dörfchen hin. Hier war man anscheinend auch schon kurz nach der Auflösung der Wolke aktiv geworden und hat die allgemeine Lage geprüft. Vermutlich führt hier ein großer Herr seine Bauern und sorgt für klare Verhältnisse. Wo sich der Herrensitz aber befindet, war nicht feststellbar. Auch liegt den Zwergen nichts daran, sich mit diesem Menschen zu treffen. Ihr Ziel ist das Kloster von Uulthaha. Hier soll eine größere Rast eingelegt werden.
Es ist schon fast dunkel, als der Zug vor dem Heim der Mönche anlangt. Doch auf das Klopfen an der Pforte öffnet niemand. Auch auf das Rufen Anschilds rührt sich nichts.
„Es ist niemand mehr da, Herr.“, sagt ein Mann, der um die Ecke kommt. „Die Brüder sind schon vor gut einem Jahr in ihr Stammhaus gerufen worden. Es heißt, dort habe man von der verheerenden Wolke bereits früher Kenntnis gehabt und habe deshalb die Mönche in Sicherheit gerufen. Uns hat man nichts gesagt und wir haben nur dank Ramwold die schreckliche Zeit überlebt. Dafür stehen wir ihm nun auf Lebzeiten als eigen im Dienst.“
Der Mann ist schrecklich dürr. Trotz seiner dicken Bekleidung ist das erkennbar. Das Gesicht spricht Bände, ausgemergelt und mit tief liegenden Augen. Die Nase wirkt wie der Schnabel eines Greifvogels.
„Seid gegrüßt.“, antwortet der Großkönig. „Wir hatten gehofft, hier ein wenig rasten zu können. Unsere Zugtiere wollten wir im Hof unterbringen, damit sie dort in Sicherheit sind. Wisst ihr, wer uns Einlass verschaffen kann?“
„Das kann niemand, denn die Mönche haben den Schlüssel mitgenommen. Aber ich denke es ist nun auch ihre Schuld, wenn sich jemand mit Gewalt Zutritt verschafft.“ Tiefe Wut und Enttäuschung ist aus der Antwort zu hören.
„Ihr seid nicht wohl zu sprechen auf die Brüder, stimmt’s?“
„Wen wundert’s. All die Jahre haben wir treulich den Mönchen geholfen und gedient. Stets war alles zu ihrer Zufriedenheit. Doch dann haben sie uns einfach verlassen und unsrem Schicksal überlassen. Sie kämen bald wieder, haben sie gesagt. Ist das Lohn und Dank für treue Dienste?“
Darauf geht Anschild nicht ein. Solch ein schäbiges Verhalten ist unehrenhaft. Darüber braucht man kein Wort zu verlieren.
„Wo wohnt ihr und wie seid ihr uns gewahr worden?“, will er wissen.
„Unsere paar Hütten liegen gleich hinter der Ecke. Wir durften nicht vor dem Kloster siedeln, um den Zugang frei zu halten. Und, mit Verlaub, Herr, ein Zug von solcher Größe ist nicht in der Lage, unbemerkt irgendwo vorbei zu kommen. Die Ochsen und Ziegen tönen, das Stapfen solch vieler Füße und die gerufenen Befehle verraten euch auf Meilen hinweg. In der Stille ist jedes Geräusch weithin vernehmbar, auch wenn der Schnee es zu dämpfen sucht.“
Wider besseres Wissen hat der Zwerg diesen Umstand nicht bedacht. Ein gewichtiges Problem für die weitere Reise und vor allem für den Rückweg offenbart sich ihm. Darüber muss er ausgiebig nachdenken.
„Wahrscheinlich wird auch bald unser Herr, Ramwold, vom Ugesberg herab kommen. Sicherlich hat er von dort oben euch auch schon längst bemerkt und er wird wissen wollen, was hier von Statten geht.“, ergänzt der Mann und trifft ein zweites Mal einen groben Fehler in der Reiseplanung. Von wohl postierten Anwesen auf der Höhe sind sie wohl so auffällig, wie ein schwarzer Wurm auf weißem Tuch.
„Dann braucht er sich nicht zu beeilen.“, meint Anschild in leichtem Ton. „Wir werden noch etwas hier verweilen. Habt Dank für euren Rat.“ Dann dreht er sich um und ruft: „Brecht das Tor auf. Führt die Wagen hinein und spannt die Zugtiere ab. Das Lager wird direkt hier vor dem Tor aufgeschlagen.“
Reges Treiben entsteht. Der Mann aus dem Dorf sieht sich allein stehen gelassen. Niemand achtet ihn mehr. Keiner bietet ihm eine erhoffte Mahlzeit an. Missmutig wendet er sich ab und geht nach Hause.
Nach drei Schlägen hat der Riegel an der Tür nachgegeben. Das große Tor wird dann von drinnen geöffnet. Schon bald sind die Tiere versorgt, die Feuerschalen aufgestellt und in Betrieb genommen. Zuvor hat man den Schnee soweit bei Seite geschafft, dass die heißen Schalen nicht darin versinken und das Schmelzwasser die Feuer löscht. Die Gebäude des Klosters werden nicht betreten. Der Großkönig achtet die Sitten andersgläubiger. Er weiß um die Unantastbarkeit mancher Räume die nur den Brüdern erlaubt sind. Geflissentlich ignoriert er, dass Türen in die Häuser weit offenstehen. Bestimmt sind die Bewohner der Siedlung über die Mauer und haben sich an dem was die Mönche zurückließen, schadlos gehalten. Und, auch wenn das Anwesen recht stattlich ist, reicht der Platz sowieso nicht, um alle unter zu bringen. Gleiches Recht für alle; alle bleiben draußen. Auch er.
Verwunderlich ist die Tatsache, dass die Brüder schon so früh ihr Kloster verließen. Hatte man die Mönche in Wolfgang vergessen? Oder hat der gierige Abt den Rückruf missachtet, um seine Geschäfte machen zu können?
Er gesellt sich zu den anderen Gruppenführern und wird prompt mit den neu aufgeworfenen Problemen konfrontiert.
„Habt ihr bedacht, dass wir so auffällig sind?“, will Genefe Eisengießer wissen.
„Ich gestehe: Ich habe es im Innersten gewusst, aber gerne beiseite gedrängt. Auch ich habe erkannt, dass dieser Umstand neue Fragen aufwirft. Mit all dem Vieh, das wir besorgen wollen, können wir auch gleich Herolde vor uns her senden, die unsere Ankunft verkünden. Wir werden auffallen wie bunte Hunde. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir in kleinen Gruppen oder als großer Haufen durch die Lande ziehen. Die kleinen Gruppen sind dann noch eher eine Einladung, uns zu überfallen. Aber seid getrost, Genefe, ich werde darüber noch ausgiebig nachdenken. Jetzt heißt es erst einmal, so schnell als möglich voran zu kommen. Ob man uns sieht oder nicht, das bleibt sich gleich. Noch rechne ich nicht mit Feindseligkeiten.“
Ein Ruf verhindert weitere Fragen. „Großmächtiger, ein Reiter naht.“
Anschild weiß, dass er sich diesen Fragen stellen muss, aber jetzt gilt seine Aufmerksamkeit dem Ankömmling.
Der Reiter erscheint nicht allein. Vielmehr wird er von zehn Mann zu Fuß begleitet. Bei Anschilds Eintreffen sitzt der Mann immer noch auf seinem Pferd. Ein Fortkommen wird ihm von einer größeren Gruppe Zwerge verwehrt.
„Wo ist denn der Großkönig der Zwerge? Wo ist Sigurd?“, forscht er herrisch und blickt suchend über die Köpfe hinweg. Als er den jungen Zwerg auf sich zukommen sieht stellt er fest: „Ihr seid nicht Sigurd. Aber ihr erscheint auf den Ruf nach dem Großmächtigen. Was geht hier vor?“
„Wenn es euch beliebt abzusteigen und euch vorzustellen, so werde ich euch gerne erklären, was hier geschieht.“
Anschild bleibt völlig ruhig, auch wenn ihm das Gehabe des Menschen nicht gefällt. Der Reiter versteht, dass er hier keinen Untergebenen vor sich hat und lenkt ein. „Verzeiht, sonst werde ich immer zu König Sigurd geleitet.“ Bei diesen Worten steigt er vom Pferd und gibt es einem seiner Leute. Er ist recht breitschultrig, doch mehr ist von seiner Gestalt nicht zu erkennen. Bis ins Gesicht ist er dick vermummt. „Auch wenn der Großmächtige kein Großkönig ist, so spiele ich doch gerne mit, um ihm ein Vergnügen zu machen und meinen Respekt ihm gegenüber auszudrücken. Eigentlich gebührt der Titel ja nur demjenigen, der Herr über alle Zwergenvölker ist. Da es aber nur noch ein Volk gibt, darf man ruhig darüber hinweg sehen, dass er sich den Titel angeeignet hat.“, fährt er irgendwie abfällig fort.
Er steht vor dem Großkönig und reicht ihm die Hand.
„Ich bin Ramwold, freier Bauer auf dem Ugesberg und Herr über die Siedlungen im großen Umkreis.“
Anschild drückt die Hand etwas deutlicher, um seine Vormachtstellung zu demonstrieren. Der Mann verzieht keine Miene.
„Ich bin Großkönig Anschild, Herr über die beiden verbliebenen Zwergenvölker. Kommt, lasst uns zum wärmenden Feuer gehen. Dort können wir uns in Ruhe unterhalten.“
Er führt den Menschen an die Feuerstelle, wo die anderen Gruppenführer ihn mit dem Gast erwarten. Ramwold sieht Gernhelm und eilt, jeden Anstand vergessend, voraus.
„Prinz Gernhelm, schön euch zu sehen. Wo ist euer Vater? Ich muss ihm noch unser aller Dank sagen. Nur wegen seiner Warnung wegen des fürchterlichen Winters haben wir die schreckliche Zeit überlebt. Geht es ihm gut? Hat er abgedankt?“
Gernhelms Gesicht zeigt deutliches Missfallen. Der Großkönig antwortet an seiner Stelle. „König Sigurd geht es gut. Er hat nicht abgedankt. Er ist weiterhin der König in Steinenaue. Euren Dank werde ich ihm gerne übermitteln.“
Durch diese Ansprache ist Ramwold gezwungen, sich wieder Anschild zuzuwenden.
„Schön, das zu hören. Doch wie kam es dazu, dass ihr nun Großkönig seid? Und woher kommt ein zweites Zwergenvolk?“
„Unserem Gott Gabbro hat es gefallen, einige der Zwerge in Kleyberch vor dem Zugriff der Alben im großen Krieg zu schützen. Er verschloss die Kammern in denen wir damals waren und ließ uns sehr lange schlafen. Als wir erwachten, wussten wir nicht, wie lange dieser Schlaf gedauert hat, doch an den Zuständen rund um die Festung erkannten wir, dass der Krieg schon sehr lange vorüber sein musste. Die Natur hatte nahezu alles wieder für sich zurück erobert. Unter der Führung von Dankwart Hammerfest lebten wir in den alten Kammern, wo sich alles vorfand, was wir zu einem Neuanfang benötigten. Durch göttliche Fügung konnten wir dann Kontakt mit den Zwergen der Steinenaue aufnehmen und leben seither dort gemeinsam. Kleyberch ist mittlerweile gänzlich unzugänglich. Auch die letzten Räume sind nicht mehr nutzbar.“
Seit man am Feuer steht, hat Ramwold zumindest sein Gesicht enthüllt. Darin ist nun großes Erstaunen zu lesen. Seine Augen funkeln im flackernden Schein der Flammen. Er ist wohlgenährt, wie ein leichtes Doppelkinn zeigt.
„Zugegeben, man kann darüber streiten, ob es sich bei der Besatzung eines Vorpostens, wie es Kleyberch einst war, um ein eigenständiges Volk handelt. Doch wenn man sich als die einzigen Überlenden wähnt, so kann man durchaus auf die Idee kommen, sich als Volk zu bezeichnen. Doch wollt ihr mir tatsächlich weiß machen, ihr hättet weit über 800 Jahre im Berg geschlafen? Nichts von den weiteren Ereignissen mitbekommen? Und dann, unbeschadet von allem, einfach wieder aufgewacht? Ihr wollt mir einen Bären aufbinden, Großkönig. Könnt ihr das vielleicht mit irgendwas belegen?“
„Und doch ist es so und den Beweis kann ich leicht erbringen. Seht her. Dies ist die Doppelaxt, mit der damals die Alben besiegt wurden.“ Stolz präsentiert Anschild Zank und Streit. „Ich selbst habe erst bei meiner Vermählung im vorigen Jahr erfahren, der letzte Sohn des Großkönigs Manegold Schmiedehammer zu sein. Ein Gesandter Gabbros brachte mir diese Waffe als Zeichen meiner Herkunft und berief mich vor allen Anwesenden Zwergen, Menschen und Halblingen zum neuen Großkönig der Zwerge.“
Erschreckt tritt Ramwold einen Schritt zurück. Graue Augen blicken stechend Anschild von oben bis unten an. Gleich darauf wird der Blick wieder milder. „So seid ihr also Maitiu, der vermisste und für tot geglaubte letzte Sohn. Ihr tragt den Titel des Großkönigs zu Recht. Meine Ehrerbietung.“
Der Mann beugt die Knie und verneigt sich vor dem jungen Zwerg. Dann erhebt er sich wieder und betrachtet die Axt. „Das also ist die legendäre Waffe Zank und Streit, mit der Utz von Alda die Alben damals vernichtete. Eine beeindruckende Axt.“
Bei den letzten Worten haben die umstehenden Zwerge fragende und erstaunte Blicke getauscht. Anschild spricht aus, was sie bewegt: „Ihr seid über die Maßen bewandert in der Geschichte dieser Zeit und über uns Zwerge. Wie kommt das?“
Stolz streckt sich Ramwold noch ein klein wenig mehr. „In meinen Adern fließt das Blut Ethelwards, König von Glowburg. Die Geschichte von damals wird noch immer in unserer Familie vom Vater auf den Sohn weiter gegeben. Niemals soll vergessen werden, was dereinst geschah. Einige von uns flohen in östliche Richtung nach hier und ließen sich oben auf dem Tannenfels nieder. Andere Flüchtende und Wanderer brachten später dann weiteres Wissen über die folgenden Ereignisse auch zu uns. So erfuhren wir auch von der großen Schlacht und von Utz, dem Retter aus menschlichem Geschlecht.“
Gernhelms Gesicht verfinstert sich immer mehr. Keinen Augenblick lässt er Ramwold unbeobachtet. Keine seiner Regungen entgeht ihm.
„Jetzt wüsste ich aber gerne, Großmächtiger, was euch mit so vielen Leuten verschiedenster Völker hierher führt. Was wisst ihr über die schwarze Wolke und was ist geschehen? Hat sich der böse Geist in eurer Heimat niedergelassen? Wir sahen sein Gesicht aus der Wolke heraus und hörten sein gemeines Lachen, wenn er tötete. Nach einigen Erzählungen hat man zuvor einen schwarz Vermummten gesehen. War das sein Werk? Seid ihr von ihm vertrieben worden oder gar auf der Flucht und von ihm verfolgt?“
Gernhelm platzt gleich. Der Unterton gefällt ihm nicht. Zwerge flüchten? Niemals. Diese Freude wirst du niemals haben, denkt er sich.
Auch Anschild wirkt etwas pikiert, wie man hören kann.
„Zwerge flüchten nie.“, sagt er. „Wir ziehen uns bestenfalls einmal planmäßig zurück, um den Gegner in eine Falle zu locken.
Ja, es war sein Werk. Man berichtete euch von einem Alben. Er nennt sich Freddori. Doch mit Hilfe dieser Axt ist es erneut gelungen, ihn zu besiegen. Möge er auf ewig in der Verdammnis bleiben. Auch wenn nach unserer Legende diese Wesen niemals dauerhaft zu vernichten sind, so ist es uns doch gelungen, ihn für hoffentlich sehr lange unschädlich zu machen. Nun sind wir auf dem Weg, Nahrung und Saatgut zu besorgen. Wie wohl auch bei euch sind unsere Vorräte aufgebraucht. Es langt nur noch für das Nötigste und nur noch für kurze Zeit.“
„Wohl wahr, wohl wahr. Auch in meinen Dörfern hungert man schon seit Wochen. Doch wo wollt ihr euer Glück versuchen? Die Wolke kam aus dem Südosten, also nehme ich an, dass man dort am ehesten Hilfe finden mag. Ich weiß zwar nicht, wie groß die Wolke war und wann man in Gegenden kommt, wo schon vor uns der schwarze Schatten zu Ende war, aber sicherlich sind dort die Aussichten am Besten. Wenn der tiefe Frost vorüber ist, will ich dort meine Leute hinschicken, um zu sehen, was man handeln kann.“
„Unser Weiser hat uns berichtet, dass die Wolke nicht gewandert ist, wie es solche Gebilde üblicherweise tun. Nein, sie ist gewachsen und darum war der Schrecken des Alben im Südosten am längsten. Dort wird man bestimmt nichts mehr finden, außer Not, Elend und Tod. Der Weise Eringus hat sich ganz außerordentlich mit dieser Wolke beschäftigt. Er sagt, dass sie an einem Tag um den zehnten Teil eines Tagesmarsches gewachsen sei. Demzufolge hoffen wir, in etwa zwanzig Tagen dort angekommen zu sein, wo die Wolke niemals hinkam. Noch etwas weiter wird man nur noch von dem schwarzen Schrecken gehört haben und dort wollen wir unser Glück versuchen. Wir müssen diesen zusätzlichen Weg auf uns nehmen, denn die Menschen auf unserem Weg gen Norden werden schon die näheren Nachbarn um Hilfe gebeten haben, sodass dort nicht mehr viel zu holen sein wird.“
Nachdenklich kratzt sich Ramwold am bartlosen Kinn.
„Von dem weisen Eringus habe ich noch nie gehört. Ist das ein Zwerg, so hat er aber einen sehr ungewöhnlichen Namen.“
Anschild schalt sich innerlich einen Narren, den Namen des Drachen erwähnt zu haben. Er weiß, dass Eringus es nicht mag, wenn er in irgendwelche Angelegenheiten, die nicht die Seinen sind, hineingezogen wird. Ihn hier und jetzt zu erwähnen bedeutet, den Menschen auf den Drachen aufmerksam zu machen. Vielleicht begehrt er nun, Eringus kennenlernen zu wollen. Außerhalb des Chynzychtals aber will Eringus nur als Drache gekannt werden und nicht als friedfertiger und freundlicher Berater. Also wiegelt der Zwerg ab: „Eringus ist kein Zwerg. Er ist sehr alt und sehr weise und lebt in tiefer Einsamkeit, wo er seine Ruhe hat und ihn niemand findet. Er hasst es, wenn man ihn stört und dann kann er sehr ungemütlich werden. Viele von uns meiden es, in seine Nähe zu kommen. Ja man kann sagen, er ist mehr als gefürchtet.“
„Aber mit euch hat er ja wohl geredet, sonst könntet ihr mir nicht berichten. Könnt ihr mir ein Gespräch mit ihm vermitteln? Ich habe sehr viele Fragen, die ich einem Weisen gerne stellen möchte.“
„Ich will euch keine Hoffnung machen. Er ist sehr eigen und nur sehr selten spricht er mit Fremden. Selbst wir sehen ihn nur ab und an und niemals ist man gewiss, ihn hier und jetzt zu finden, wo man ihn sucht. Er erscheint, wann er Lust dazu hat und nur dann ist er bereit überhaupt zu sprechen. Es ist leichter, sich einfach auf die große Straße zu stellen und auf ihn zu warten, als nach ihm zu suchen. Wenn er will, findet er einen und wenn er dann noch in Stimmung ist, spricht er auch. Meist aber wendet er sich wohl ab und verkriecht sich. Er hasst Belästigung und jede unbefugte Ansprache ist eine Belästigung für ihn. Der Wald ist groß, dicht und weit. Man sagt, ein Eichhörnchen kann viele Wochen von West nach Ost durch die Bäume hüpfen, ohne auch nur ein einziges Mal eine Pfote auf den Boden setzen zu müssen. Wo will man da suchen?“
Ramwold scheint sich damit zufrieden zu geben. „Von Weisen sagt man oft, dass sie sehr eigen sind. Hm. Auf jeden Fall scheint er verlässlich zu sein, sonst würdet ihr euch nicht auf den Weg gemacht haben.
Eure Ausführungen erscheinen mir logisch. Am liebsten wäre mir, ihr könntet hier eine Zeit lang lagern. Ich brauche ein paar Tage, dann könnte ich euch meine Leute beigeben, wenn ihr erlaubt.“
„Einen Tag der Ruhe können unsere Leute bestimmt gebrauchen. Länger aber kann ich nicht warten. Allerdings bin ich mir sicher, dass ihr uns alsbald eingeholt haben werdet. Wir sind nicht so schnell wie erhofft, denn der tiefe Schnee hält uns sehr auf. Eure Mannen brauchen also nur unserem deutlich sichtbaren Weg folgen. Gerne werden wir sie in unseren Schutz nehmen.“
Bei dem Wort Schutz zuckt es kurz in Ramwolds Gesicht.
„So soll es sein, Großmächtiger. Meine Leute werden euch folgen. Jetzt muss ich aber zurück. Auch wenn euer Feuer wärmt, ziehe ich doch die Behaglichkeit meines Hauses vor und außerdem will ich auf der Stelle mit den Vorbereitungen beginnen. Seid von allen Göttern auf eurem Weg behütet, Großkönig Maitiu. Wir sehen uns wieder.“
Mit einer Verbeugung nach diesen vielsagenden Worten verlässt Ramwold das Lager und ist mit seinen Leuten schon bald in der Nacht verschwunden.
Jetzt hält es Gernhelm nicht mehr zurück. Es bricht aus ihm heraus, „Ein widerlicher Kerl. Ich kann ihn nicht ertragen.“, poltert er los. Erstaunt schauen alle Umstehenden zu ihm.
„Was missfällt dir an ihm?“, will Anschild wissen.
„Er ist ein Mensch und weiß doch so viel über etwas, das vor über 800 Jahren geschehen ist. Allein sein Benehmen schickt sich nicht und damit meine ich nicht, wie er seine Leute behandelt. Er ist so herablassend uns Zwergen gegenüber und mit jedem Wort und Ton bringt er das auch ziemlich deutlich zum Ausdruck. Ich habe das Gefühl, er macht uns dafür verantwortlich, dass damals Glowburg nicht von uns verteidigt wurde. Nach dem Bündnis seinerzeit hätten wir das sicherlich auch gemacht, doch, wie wir aus Waltruda Harthiebs Aufzeichnungen wissen, wurde von dem Menschenkönig damals gar nicht um Hilfe ersucht. Absolut selbst überschätztes Handeln. Und von dem Angriff wussten wir nichts. Er aber ist da wahrscheinlich ganz anderer Meinung. So klang es zumindest für mich. So klang er schon das erste Mal, als er in der Festung auftauchte. Selbstüberschätzt und voreingenommen. Wer weiß, welche Überlieferungen von damals bei den Menschen weiter gegeben wurden, welchem Irrglauben und falschen Erzählungen sie Glauben schenken? Habt ihr nicht auch gehört, wie er sagte: Wir sehen uns wieder? Der will uns Schwierigkeiten machen.“
Offensichtlich ist man in der Runde darob geteilter Meinung. Einige schütteln verneinend den Kopf, andere wiegen ihn nachdenklich hin und her.
„Was soll ein Mensch uns für Schwierigkeiten machen können?“, stellt der Großkönig zuversichtlich fest. „Wir sind 250 Zwerge und 370 Menschen. So eine Macht muss ein freier Bauer erst einmal auf die Beine stellen.“
„Wie er einst meinem Vater sagte, sei er Herr über zwanzig Höfe, Weiler und Dörfer. Da leben schon ein paar Leute. Und wer weiß, wie viel er sich in den Zeiten bis heute noch hinzu genommen hat. Und er hat einen nicht unermesslichen Vorteil: Er kennt sich hier aus. Er weiß, wo man einen erfolgversprechenden Hinterhalt legen kann. Das Vieh, das wir dabei haben werden, wird unsere Kräfte zu einem beträchtlichen Teil binden. Da mag sich schon eine Gelegenheit finden.“
„Ich glaube, da liegst du falsch, mein Freund.“, beschwichtigt Anschild. „Doch harren wir der Dinge, die da kommen mögen. Er will ja seine Leute hinter uns her schicken. Lass die erst einmal kommen und dann schauen wir uns an, wie sie sich benehmen.“
