Eringus - Sturm, Nebel und Sirenen - Rainer Seuring - E-Book
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Eringus - Sturm, Nebel und Sirenen E-Book

Rainer Seuring

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Beschreibung

Auch im fünften Band müssen sich die Bewohner des Kinzigtals mit den Alben, bzw. ihrem Gezücht herumschlagen. Nach einem unglaublichen Sturm wird das Tal verwüstet. Ein ganzes Dorf der Halben wird förmlich dem Erdboden gleich gemacht. Die Bewohner sind ihrem Schutzkeller eingeschlossen. Die folgende Flut, ausgelöst von sintflutartigem Regen droht, in den Keller einzudringen und alle zu ersäufen. Das Wasser der Kinzig ist nicht mehr sicher. Sirenen dringen in den Fluß und töten alles, was sich dem Gewässer nähert. Ihr Ziel sind aber die Quellnymphen. Wenn es ihnen gelingt sie zu töten, wird die Heimat der Menschen, Zwerge und Halblinge in eine trockene Wüste verwandelt. Damit nicht genug treibt ein uraltes Nebelwesen die Zwerge aus ihrer Festung. Nur durch einen dummen Zufall wird es aus seiner Gefangenschaft befreit. Nach einer uralten Prophezeiung kann ein Riese Hilfe bringen. Leider weiß der arme Kerl aber nicht, wie er helfen soll. Da ist guter Rat teuer.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Rainer Seuring

Eringus - Sturm, Nebel und Sirenen

Unglück kommt immer dreifach

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

In der Tiefe wartet das Unheil

Stürmischer Beginn

Göttliche Wunder

Adam und die Mündung der Chynzych

Die Chynzych ist gefährlich

Eine orientierungslose Zwergin

Kampf gegen die Sirenen

Die Gesichte des Gilbreth Steinschleifer

Undruv

Geballter Angriff

Kein Feuer in geschlossenen Räumen

Die Schlacht an der Chynzych

Die Legende vom Wassergeist in der Chynzych

Bisher erschienen:

Impressum neobooks

Vorwort

Es existiert schon seit Jahrhunderten die Sage, dass in einem toten Arm der Chynz ein Wassergeist hausen würde. Es ist ein verrufener Ort. Alles ist gar fürchterlich verwildert. Es wachsen dort gelbe Wasserlilien und von den Alten geht die Mär, dass jede Blüte für einen Toten stehe, den sich der Geist geholt hätte. Daher war es in früheren Jahren lange Zeit üblich, den Unhold mit einem Laib Brot und einem Fässchen Salz günstig zu stimmen, andernfalls musste man damit rechnen, dass weitere Leute den nassen Tod sterben würden.

In dieser Geschichte erzähle ich unter anderem, wie es zu dieser Sage kam.

Außerdem stelle ich hiermit ganz unwissenschaftlich klar, wie das Mündungsgebiet der Chynzych weit vor der Gründung von Hanau ausgesehen hat. Heutzutage kennt man nur noch einen Mündungszufluss.

Ursprünglich gab es aus zwei Hauptarmen vier Zuflüsse in den Main, wobei sich der zweite Arm teilte und mit dem Ersten wieder verband, bevor dieser Ableger seine eigene Mündung fand. Doch auch der zweite, westliche Hauptarm strebte letztlich in zwei Teilen in den Main. Mit der Errichtung des Schlosses und der Besiedlung des Sandhaufens zwischen den Flussarmen veränderte sich das Bild immer wieder. Hafenbau in der Stadt, Streit zwischen den Färbern und den Fischern, Kanäle für Mühlen und vieles andere trugen ihren Teil zum heutigen Erscheinungsbild bei. Leider.

Aber so wurde es mir vom Drachenkind erzählt.

Und wissen Sie warum ich ihm glaube? Weil sich alles natürlich verändert hat. Von damals bis zur Gründung von Hanau ist einfach nur ganz viel Zeit vergangen. Alles fließt. Auch die Chynzych.

Machen Sie sich selbst ein Bild.

Anmerkung:

Die im Buch benutzten Gewässernamen sind die heute gebräuchlichen Bezeichnungen. Frühere und zum Teil auch heute noch verwendete abweichende Namen, auch für Teilbereiche der Bäche und Flüsse, würden nur zu unerwünschten Irritationen führen.

In der Tiefe wartet das Unheil

Eine Höhle irgendwo auf einer mit Eis und Schnee überzogenen Insel hoch im Norden der Erde. Fahles Licht spendet ein kleines Feuer in der Mitte. Eine dunkle Stimme flüstert magische Worte zu beschwörenden Gesten.

Das Leben geschenkt von Albenhand,

ziehst du hinaus ins weite Land.

Friss, wenn’s Arm und Bein hat zwei

und wenn kein Flügel ist dabei.

Ist’s aber ein geflügelt Tier

So muss es Beine haben vier.

Saug heraus die Lebenszeit.

Bestens, wenn der Tod noch weit.

Such in der Welt die Leckerei'n,

wie Menschen, Zwerg und Halbling klein.

Am Meisten aber will’s dir bringen,

will eine Drachentötung dir gelingen.

Deine Arbeit ist erfüllt,

wenn nichts mehr deinen Hunger stillt.

Wenn nichts mehr lebet hier auf Erden,

wirst du zu Wasser wieder werden.

Morlogane schöpft mit der hohlen Hand Wasser aus einem Bottich, trinkt und speit alles fein in die Luft. Viele der feinen Perlchen fallen nicht zu Boden. Sie beginnen zu leuchten und schwirren unbändig herum. Die Hände der Albin bilden eine Halbkugel, in der sich alle sammeln. Es herrscht eine wilde Unruhe. Offensichtlich muss sich das Wesen erst selbst ordnen, dabei bildet sich ein Ball der, mal hier und mal da, eine kleine Beule bekommt. Langsam beruhigt sich die Menge.

„Jetzt zieht los und mehret euch. Von jedem Jahr, das ihr einem Lebewesen vor seinem Tode nehmt, könnt ihr zehn Jahre leben. Findet alle und tötet sie. Gabbro und alle anderen Götter sollen bereuen, uns Alben derart bestraft zu haben. Vernichtet ihr Werk in unserem Namen und schenkt uns den tiefen Genuss der Rache.“

Augenblicklich wird der Nebel wieder unruhig. So sanft wie sie gesprochen hat, so haucht sie in den leuchtenden Wirbel, um ihn auf den Weg zu schicken. Als schwirre ein kleiner Schwarm Bienen aus seinem Nest, so strebt das Albengeschöpf davon. Wüsste man nicht um seinen tödlichen Auftrag, könnte man an ihm Gefallen finden.

„Und du glaubst wirklich, dass diese nassen Glühtröpfchen in der Lage sind, auch nur einer Ameise etwas anzutun?“

Alamon hat die Prozedur aufmerksam verfolgt.

Zusammen mit Morlogane wartet er darauf, einem Alb oder einer Albin ein neues Leben schenken zu können. Nur auf dieser Insel, die einst von den Göttern als ihr ewiges Gefängnis erkoren war, können er und seine Genossinnen und Genossen neu geboren werden. Dass die Alben sich befreien könnten, war wohl nicht nach göttlichem Plan. Seit damals muss immer ein Alb und eine Albin hier für eine Wiedergeburt bereit sein. Die Folgen, wäre dies nicht der Fall, mag sich keine von ihnen vorstellen.

Deutlich angespannt atmet er durch die lange, dünne Nase. Man hört seiner Stimme an, wie krampfhaft er darum bemüht ist, die Fassung zu wahren. Die dünnen schmalen Lippen sind zusammengepresst. Er hat ein hohes Ziel, das mit Spott und Hohn nicht zu erreichen ist.

„Ameisen sollen sie ja auch nicht fressen.“ Die Albin ist unschlüssig, wie sie die Bemerkung werten soll. Sie streicht eine Strähne ihres silbrig weißen Haares zurück. „In kurzer Zeit werden sie groß an Zahl sein, dass sie sogar einen Riesen zu töten vermögen. Und jedes ihrer Opfer wird sie stärken und mehren. Es kann so stark werden, dass selbst ein Drache überwältigt werden kann. Nebel ist ganz natürlich und erregt keine besondere Aufmerksamkeit.“ Ihre hellbraunen Augen fixieren ihr Gegenüber und lauern auf seine Reaktion.

Der umstrittene Oberste der Alben lächelt zweifelnd. Außer ihm wird es keinem gelingen, Rache für die Verdammung zu nehmen. Er setzt schon an, über die Fähigkeiten Morloganes zu lästern, aber er weiß, wie das enden wird. Auf diesen unerquicklichen Streit hat er keine Lust. Es wird nie etwas Vernünftiges aus derartigen Disputen herauskommen. Alben können nicht zusammenwirken.

Mit den Worten: „Ich lasse mich gerne überraschen.“, verlässt Alamon die Höhle. Was man so hört, hat er zumindest bei einem Drachen sehr starke Zweifel. Er muss nachdenken. Seine scharfen hellgrauen Augen sehen in weiter Ferne den winzigen Haufen leuchtender Wasserperlchen, wie er langsam der noch weit entfernten Küste zustrebt.

Hoffentlich verliert bald ein Alb sein nächstes Leben, damit er ihn mit Morlogane zeugen kann. Dann kann er endlich diese Insel wieder verlassen. Er zieht die Gugel über seine hellblonden, fast weißen Haare, und schwebt davon.

* * * * *

Wie lange die Geschöpfe für ihren Weg brauchten, kann man nur erahnen. Endlich treffen sie auf ein kleines Fischerboot. Die Männer werfen ihre Netze aus und können diese leichte Trübung der Luft nicht bemerken. Sie hören auch nicht die feinen Stimmen, die sich unterhalten und einen Schlachtplan entwerfen, wie vorzugehen sei.

Entsetzliche Schreie hallen über die Wellen, als der erste Mensch stirbt. Das ohnmächtig mit anzusehen, raubt den Anderen den Verstand. Schon beginnt der Zweite sich seltsam zu benehmen. Die übrigen springen über Bord ohne Aussicht, das rettende Ufer zu erreichen. Doch auf dem Boot zu bleiben ist für sie keine Alternative. Das Grauen vor dem anscheinend unsichtbaren Verderben ist viel zu groß.

Niemand entkommt diesem Tod. Dass spätere Opfer weniger leiden müssen, weil der Nebel größer und stärker wird, werden sie nicht erfahren. Es wäre auch kein Trost.

Kaum an Land werden die nächsten Nahrungslieferanten des Nebelgeschöpfes mit den vielen Einzelwesen gesucht. Getreu dem Auftrag wird jeder Mensch getötet, der in die Quere kommt. Es werden unzählbar viele sein. Und noch war kein Zwerg und kein Halbling dabei. In nicht nachvollziehbarem Zickzack strebt das einmalige Etwas immer weiter nach Süden.

So geschehen, als die Kleybercher noch schliefen.

* * * * *

Eine völlig dunkle Höhle. Weit entfernt und lange danach. Abgeschlossen von der Außenwelt. Gäbe es einen Lichtschein, man könnte trotzdem die Ausmaße der Höhle nicht einmal abschätzen. Aber man sähe, dass sie mit Wasser gefüllt ist. Ein unterirdischer See, eiskalt. Wie tief er ist, hat noch niemand erforscht. Dünner Nebel wabert über der Oberfläche, deren Spiegel von keiner Welle gestört wird, mal dichter, mal hauchfein.

Es ist still hier. So still, wie man sich ein Grab vorstellt. Und doch nicht vollkommen, denn wer die Fähigkeit hat, wie eine Fledermaus zu hören, dem wird ein unbestimmtes Grundgeräusch nicht entgehen. Nur ein Drache oder vielleicht noch eine Traumfee wird dies als Gespräch wahrnehmen. Hier ist aber niemand mit solcher Fähigkeit, um folgendes zu vernehmen.

„Ich hätte nicht hier hereinkriechen sollen.“

„Das habe ich aber nicht gewusst.“

„Dabei hat es sich hier doch so aufregend nach diesen langlebigen Krafthäppchen angefühlt.“

„Die waren ja auch hier.“

„Ja, aber dann ist das Wasser gekommen und der Rückweg war plötzlich auch weg. Böses Wasser.“

Selbst Eringus wäre zunächst nicht in der Lage, die Herkunft der Stimmen herauszufinden. Mit jedem Satz leuchtet es irgendwo in diesem Nebel kurz auf und der Lichtpunkt flitzt von hier nach da. So stellt man sich Gedankenblitze im Gehirn vor.

„Jetzt sitze ich hier fest und warte.“

„Vielleicht hätte der Herr mir helfen können.“

„Er hat mich aber nicht gespürt.“

„Er ist ja auch nicht meine Herrin. Die hätte mir geholfen.“

Das Blitzen der Gedanken nimmt zu. Die Unterhaltung wird intensiver.

„Die hätte mich auch erst einmal spüren müssen. Niemand weiß, dass ich hier bin.“

„Wie lange ist das jetzt her, dass ich den Herrn gespürt habe?“

„Ja, genau! Das sind schon mehr als neun Jahre.“

„Oder waren es neun Tage?“

„Und wie lange warte ich jetzt schon hier?“

„Ich glaube, es sind 428 Jahre.“

„Nein, es waren 824.“

„Und die Krafthäppchen sind immer noch hier. Ich spüre sie ganz genau. Es werden auch immer mehr von ihnen.“

„Ich würde so gerne endlich mal einen fressen.“

„Dafür war ich aber zu langsam.“

„Nein, nicht zu langsam. Das Wasser war zu schnell.“

„Woher es nur gekommen ist? Als ich hier hinein ging, war alles trocken.“

„Ich kann froh sein, dass das Wasser gekommen ist. Ich wäre schon längst vertrocknet.“

„Ja, aber dann hat der Boden gewackelt und alles verändert.“

„Man darf halt nicht in Höhlen gehen.“

„Aber in Höhlen wohnen die Krafthäppchen.“

„Zwerge werden sie genannt. Bestimmt lecker.“

„Und so langlebig.“

„Ich werde sie schon noch erwischen. Ich kann warten.“

Eine äußerst merkwürdige Unterhaltung.

Stürmischer Beginn

Eringus genießt die frische Luft unter seinen breit ausladenden Schwingen. Schon lange hat er keinen so weiten Ausflug mehr unternommen. Jetzt musste er einfach seine heimische Höhle am Rande des Halblingsdorfes Lindenbach im Tal der Chynzych verlassen und sich wieder einmal andere Teile der Welt ansehen.

Eine lange Zeit ist er einfach nach Westen geflogen. Wobei, eigentlich gleitet er die meiste Zeit, indem er die Luftströmungen nutzt, die ihn tragen. Nur selten braucht er seine Flügel mit ihren 31 Schritt Spannweite. Er fliegt nicht sehr hoch. Unter sich das Wasser des Meeres. Immer wieder versuchen die Wellen, nach seinen Schwingen zu haschen, aber nicht einmal die Haken am Ende der Schwingenglieder werden nass.

Die zerklüftete wilde Küste des Eilands, wo er Station gemacht hatte, ist schon lange nicht mehr zu sehen. Um sich herum nur Meer und Himmel, sonst nichts. Hin und wieder schlägt er mit seinem Schwanz durch die Luft. Das abgeflachte Ende in Form einer Pfeilspitze ist durchaus in der Lage, den etwa 250 Pfund schweren Drachen voran zu schieben und auch zu steuern. Der ständige Rauch, der aus seinen Nüstern quillt, verwirbelt augenblicklich im Wind. Gerade jetzt gelüstet es ihn, einfach mal so, laut los zu brüllen. Er öffnet die kräftigen Kiefer und entblößt die messerscharfen Zähne. Die Reißzähne sind sowieso immer zu sehen. Sie haben im Maul keinen Platz. Wie Donner erschallt seine Lust am Leben.

In der grenzenlosen Weite des Meeres wirkt der perlmuttfarbene Gigant von 22 Schritt Länge und einer Größe von 15 Fuß winzig. Auf seinem gewaltigen Schädel mit der spitzen Schnauze ragen die drei Hörner trotzig gegen den Wind. Seinen Kragen hat er, wie auch die spitzen Ohren, angelegt, um weniger Luftwiderstand zu haben. Die grauen Augen mit den ovalen Pupillen blicken ins Leere.

In Gedanken ist er noch bei Sanesva, der netten Drachendame, die er im Hochland Alba auf der dem Festland vorgelagerten großen Insel kennen gelernt hat. Sie lebt in einem See nahe einem Ort, den die Menschen Inbhir Nis nennen. Als er seinen Durst mit dem klaren kalten Wasser stillte, tauchte sie urplötzlich auf.

Ihre Größe konnte Eringus nur erahnen. Sie stieg nie in seiner Anwesenheit gänzlich aus dem See. Ihr schlangenförmiger Körper ist dunkelgrün gefärbt, mit dunkelbraunen Flecken und Streifen, und die Haut ist völlig glatt. An den Grund des Sees zwischen Kraut und Algen geschmiegt, wird man sie nur schwerlich entdecken. Die Schnauze ist sehr lang und schlank und beinhaltet viele kleine Zähnchen.

Er konnte sich prächtig mit ihr unterhalten. Auch sie hatte es schon seit Langem vorgezogen, von den Menschen unentdeckt zu leben, wie Eringus noch vor Jahren, und sie war nicht geneigt, eine nähere Beziehung mit den Zweibeinern einzugehen. Im Gegensatz zu ihm verfügte sie als Wasserdrache zudem nur über sehr eingeschränkte Möglichkeiten, sich im Falle eines Angriffs zu wehren. Auf eine Auseinandersetzung mit den Menschen wollte sie sich nicht einlassen, auch wenn der Wasserstrahl, den sie sehr weit speien kann, sogar kleine Bäume davon zu spülen vermag.

Mit ihren spärlichen Kontakten zur Umwelt kannte sie keine anderen Drachen. Vor Eringus war zu ihrem Leidwesen noch nie einer zu ihr an den See gekommen. Schon in jungen Jahren, als sie noch Flügel besaß, hatte sie das Gelände in Besitz genommen und, wenn man so sagen will, ihre besten Jahre verschwendet. Kein Drache erschien, um sie zu begatten. Später verlieren Wasserdrachen ihre Flügel und bleiben, wie in diesem Fall, in dem See. Ins Meer zurück wollte sie nicht. Nach ihrer Meinung war sie wahrscheinlich der letzte Wasserdrache auf Erden.

Das gab Eringus zu denken. Ging es mit dem Geschlecht der Drachen tatsächlich zu Ende? Der Frage müsste er unbedingt einmal auf den Grund gehen. Schließlich war auch ihm, seit er im Chynzychtal lebte, kein anderer Drache begegnet. Sehr verwunderlich, wo doch gerade Jungdrachen früher Probleme hatten, ein eigenes Revier zu finden.

Aus reiner Neugier und um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, fragte Eringus nach ihrem Wissen über Alben. Erstaunlicher Weise waren die ihr wohlbekannt, auch wenn sie persönlich keinen Kontakt mit ihnen hatte. Doch von ihrer Mutter wusste sie von den schwarz Gewandeten. Die hatte einmal einen gesehen und konnte ihn sogar vernichten. Er nannte sich Guggeri und wollte ihr Ei zerstören. Das ließ Eringus erneut aufhorchen. Was machen sich Alben an Dracheneiern zu schaffen?

Dass Sanesvas Mutter einen Alben töten konnte drängte Eringus zur Frage, wie dies von Statten gegangen sei. Wasserdrachen haben keine Hörner und trotzdem sind sie in der Lage, Magie zu wirken, wie er erfuhr. Ähnlich einem Waller haben sie am Kinn Barteln. Damit und mit einem Organ in der Schwanzspitze schleudern sie die tödlichen Strahlen ihrem Feind entgegen.

Außer dem, wie gesagt, sehr freundlichen Gedankenaustausch lagen ihre Interessen aber leider weit auseinander. Eringus, als Feuerdrache, zog es vor, nicht allzu lange zu baden. Nicht zuletzt, weil das Wasser im See ungeheuer kalt ist. Schwimmen und tauchen war sowieso nicht Seins. Sanesva ihrerseits konnte nicht fliegen und war auch sonst an Land sehr unbeweglich. Ihre kurzen schwachen Beine mit den Schwimmhäuten zwischen den Zehen waren kaum im Stande, den schweren Körper zu tragen. Im Wasser allerdings glitt sie geschmeidig und mit erstaunlicher Geschwindigkeit voran.

Eringus bedankte sich für die Kurzweil, die das Zusammentreffen gebracht hatte und zog wieder seines Weges.

Jetzt, da der Drache wieder seine Sinne auf seinen Flug lenkt, sieht er weit voraus im Nordwesten den Arm eines unglaublich weit ausgedehnten Wolkenwirbels, der sich langsam gegen den Lauf der Sonne dreht. Nur kurz schweifen seine Gedanken zurück an Freddori und seine magische Eiszeit. Die Wunden, die dieser dreihundert Tage währende Winter im Chynzychtal geschlagen hat, sind immer noch nicht allesamt verheilt. Doch diese Wolken voraus sind eindeutig natürlichen Ursprungs und deutlich tiefer als das schwarze Werk des Alben am Himmel unterwegs.

Eine enorme dicke unheilschwangere Wolkenwand kommt da heran. Mal feine, mal dicke breite Finger zeigen, wo sich gerade immense Wassermassen aus ihr ergießen. In ihr zucken immer wieder Blitze hin und her. Das Wasser des Meeres unter ihr scheint zur Wolke hinauf streben zu wollen. Die Wellen schlagen immer höher. Schon hat sich eine Wasserwand erhoben, die begierig ist, die Küste bis weit ins Land hinein zu überspülen.

Bereits beim Näherkommen kann Eringus spüren, wie sich die Luft immer weiter abkühlt und er wird den Eindruck nicht los, dass dieser Wirbel sich von Mal zu Mal schneller dreht. Er kennt solche Ereignisse schon. Dafür ist er lange genug auf dieser Welt. Zum Glück wurde bis jetzt sein geliebtes Chynzychtal von solch einem Ereignis verschont. Er dreht ab und wendet sich wieder Richtung Heimat. Er wird diesmal wirklich darauf achten, was sich da zusammenbraut.

* * * * *

Langsam aber stetig zunehmend spürt der Drache den Einfluss des ihm nachfolgenden Unwetters. Er erhöht seine Fluggeschwindigkeit. Nur mit dem Gleiten entkommt er dem Wolkenwirbel nicht. Es braucht die Kraft seiner Flügel, um sich zu entfernen. Da entwickelt sich ein mehr als ordentliches Windchen und wenn es seinen augenblicklichen Weg bei behält, wird das Zentrum zwar weit im Norden vorüber ziehen, doch die weit hinaus strebenden Arme sind mächtig genug, um auch sein beschaulich ruhiges Tal zu bedrohen. Er muss sich beeilen, seine Mitbewohner zu warnen.

* * * * *

Quälend lange empfindet er den Rückflug. Die Sorge um seine Freunde treibt ihn voran. Die Wolkenwand hat er weit hinter sich gelassen. Sie ist im Moment nicht zu sehen. Endlich sieht der Drache vor sich das Knie des Maynes, in den die Chynzych mündet. Schon in der Bule schlängelt sie sich hin und her, als wolle sie mit der Lache ein Tänzchen wagen. Kaum zwischen den Bäumen heraus, windet sie sich durch die Auen. Man möchte meinen, sie ziere sich vor der Vereinigung. Schließlich lässt sie sich dann doch dazu herab. Sie schickt ihren ersten Zufluss links hinab. Während feine Wasseradern sich durch den angeschwemmten Sand winden, überspringt die Chynz die letzten beiden Hindernisse und strebt in großem Bogen in den größeren Fluss. Kurz zuvor teilt sie sich nochmals auf und die linke Abteilung verbindet sich wieder mit dem ersten Zufluss. Nicht, ohne selbst einen Zugang zu finden. Bei Hochwasser sind die Wasseradern überhaupt nicht mehr zu zählen. Auf breiter Front werden Maynes und Chynzych eins.

Der Drache hat das Waldstück, das man die Bule nennt, überflogen. Beatas Hütte ist bei der Geschwindigkeit nicht zu erkennen. Gleich einem Pfeil schießt er über die Bäume, dass sich die Wipfel hinter ihm neigen.

Wie ein Stein stürzt Eringus aus dem Himmel herab und landet hart auf der Außenseite der Hecke, die das Dörfchen Erlenbusch umgibt. Auf der anderen Seite gibt es kaum Platz für den gewaltigen Drachen. Die Formel, die es braucht, um so nah an ein Halblingsdorf zu kommen, hat der Drache automatisch gedacht. Das reicht, um den magischen Schutz zu umgehen.

„Flordelis!“, schallt es weithin hörbar.

Die Gerufene blickt neugierig hinter einem der 28 Fachwerkhäuschen nahe den Versammlungsbänken hervor. Das ist praktisch das Zentrum eines jeden, einem Kleeblatt nachempfundenen, Dorfes der Halben. Gleich daneben, nur von dem gewaltigen namensgebenden Baum getrennt, steht das Versammlungshaus, das aber nur bei schlechtem Wetter genutzt wird. Üblicherweise werden die gemeinsamen Mahlzeiten auf den Bänken im Freien eingenommen. Natürlich gibt es dazu auch Tische. Die hält man in ihren Kreisen aber nicht für erwähnenswert.

Flordelis versucht, ihren braunen Wuschelkopf mit einem bunten Kopftuch zu bändigen. Die Halben lieben es farbenfroh. Sie trägt einen blauen Wickelrock zu einem gelben Oberteil.

„Was gibt es denn? Gerade will ich Gloria einen Kamillentee machen. Du wirkst so aufgeregt, Eringus.“, ruft sie und schließt dabei gemütlich das kleine Tor des nur hüfthohen Zaunes, der das Gärtchen vom Weg abgrenzt.

Ihre kräftige Stimme passt nicht zu dem zierlichen Körper. Mit nur drei Fuß Größe ist sie deutlich zwei fingerbreit kleiner als die anderen Halblinge. Die derzeitige Dorfmeisterin hier kennt den Drachen gut. So hat sie ihn aber noch nie erlebt. Seine Landung war für die empfindsamen Füße der Kleinen deutlich spürbar, schließlich trägt sie, wie ihr ganzes Volk, keine Schuhe. Das ist allerdings auch kein Wunder, denn die Füße sind unproportional zum Körper. Halblinge müssten nur wachsen, bis sie größer als ein Mensch sind. Dann würde alles wieder passen. Die Halben, wie sie auch genannt werden, wissen, dass manche Menschen über sie lästern. Sie sagen, sie hätten ihre großen Latschen, damit sie beim Waldbrand besser das Feuer austreten könnten. Daran stören sie sich aber nicht. Immer, wenn sie diesen Spruch zu hören bekommen, tapsen sie spielerisch auf dem Boden herum und treffen halt, so ganz aus Versehen und mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, des Lästerers eigene Füße.

Für sie ist es normal, beim Gehen auf und nieder zu wippen. Und wenn sie schnell laufen oder gar rennen, sind die Füße sogar von Vorteil. Sie erreichen so eine größere Schrittweite und dann ist auch das Wippen verschwunden. Sie sind gerne sehr schnell unterwegs.

Der Rest des Körpers eines Halblings ist wohlgestaltet. Die zierliche Flordelis ist der beste Beweis. Eine sehr attraktive Frau.

Gloria Sonnenblum war früher hier die Dorfmeisterin. Üblicherweise würde Eringus sich nach dem Befinden der für Halblinge alten Dame von 46 Jahren erkundigen. Heute nicht, die Zeit drängt. Stärker als üblich dringt Rauch aus seinen Nüstern.

„Schick Boten aus in alle Dörfer im Umkreis eines Tages. Die Menschen müssen gewarnt werden. Es zieht ein Sturm auf und der wird wohl morgen zur Mittagszeit hier ankommen. Die Leute sollen sich standhaften Schutz suchen.“

„Nur gut, dass wir Halblinge immer auf so etwas vorbereitet sind.“, behauptet Flordelis Löwenzahn und klopft nachdrücklich auf den Haken, der an einer Leine um ihre Hüften hängt. In ihren Kreisen erzählt man sich, dass Traugott Geißblatt vor vielen vielen Jahren von einem Sturm fortgerissen und nie mehr gesehen wurde. Seit dem gehört solch ein Haken zur ständigen Ausrüstung. Sie hat inzwischen eine Brücke erreicht, die den Wasserlauf rund um das Dorf überquert.

Abrupt schwingt der lange Drachenhals hinab. Der massige Schädel schwebt auf der Höhe der Halblingsfrau und berührt deshalb fast den Boden. Mit eindringlichem Blick der grauen Augen mit den ovalen Pupillen und in nachdrücklichem Bass erwidert Eringus:

„Meine Liebe, ich rede von einem äußerst starken Sturm und nicht von einer lauen Brise. Auch ihr solltet euch gut und sicher verbergen. Der kleine Anker wird dir morgen Mittag nicht viel helfen. Bei dem Sturm, der da kommt, werdet ihr auch mit Haken und dem Baum davongetragen wie einst jener Urahn. Wo werdet ihr euch in Sicherheit bringen?“

„Nun,“, meint die kleine Dorfmeisterin, „wenn es gar so heftig wird, werden wir uns in unserer Höhle in Sicherheit bringen.“

Eringus reißt den Kopf wieder nach oben und blickt sich suchend um.

„Hier ist doch alles flach. Wo gibt es eine Höhle?“

Flordelis lächelt verschmitzt. „Bevor wir unsere Versammlungshalle errichten, heben wir erst eine tiefe Grube aus. Die Wände werden befestigt und darüber legen wir den Boden der Halle. Über zwei Zugänge kommt man hinunter und es ist auch reichlich Platz für unsere Tiere.“

„Und das machen alle Halblinge so?“

Die Dorfmeisterin nickt. „Das gehört zu den Grundlagen einer Dorfgründung. So haben es uns unsere Göttinnen aufgetragen.“

„Dann kann ich ja, was euch Halblinge angeht, beruhigt sein. Schick sofort die Boten los. Und sie sollen ganz eindringlich warnen. Das wird kein Spaß werden. Vor Morgen Abend ist die Gefahr nicht vorbei. Und vergesst Beata und Guda und das Chynzdorf nicht. Ich sag in den anderen Dörfern der Halblinge und den Zwergen Bescheid.“

Kaum ist seine Botschaft verklungen, hat Eringus auch schon wieder die Schwingen ausgebreitet und eilt, in den anderen Halblingsdörfern seine Warnung zu verkünden. Also hört er auch nicht mehr, wie die Halblingsfrau ihm hinterher ruft: „Wir denken auch an Ewicheim.“

Zuletzt wird der Drache bei den Zwergen in der Festung Steinenaue und dem Halblingsdorf Lindenbach gleich bei seiner Höhle die Gefahr verkünden.

Natürlich kann den Zwergen in ihrem Berg nichts geschehen, aber sie müssen sich ja nicht unbedingt draußen herum treiben.

* * * * *

Sigurd Harthieb genießt in seinem 95. Lebensjahr seinen Ruhestand. Nun darf man deshalb aber nicht annehmen, dass er alt würde. Vielleicht ein ganz kleines bisschen, aber 95 ist für einen Zwerg noch kein Alter. Es soll schon welche gegeben haben, die 150 Jahre alt wurden. Vielmehr hat er bemerkt, dass sein Sohn Gernhelm hier und sein Schwiegersohn, Großkönig Anschild, im Habichtswald ganz vorzüglich zusammenarbeiten. Lass doch die Jungen machen, hat er sich gesagt und kurzerhand die Königswürde an den Prinzen übergeben. Passenderweise hat man am selben Tag zuvor die Vermählung von Gernhelm mit Aenlin Silbernagel vollzogen. So hat sich der ganze Berg einem rauschenden Fest hingegeben. Eine Tätigkeit, die das Herz eines jeden Zwergen höher schlagen lässt.

Um das klar zu stellen: Zwerge sind, wie Halblinge, keine Menschen. Auch sie sind ein eigenständiges Volk. Mit etwa vier Fuß Größe sind sie mittendrin zwischen Menschen und Halben. Allerdings sind sie deutlich muskulöser, breiter und stärker. Vollmundig erklären sie jedem, dass es vier Menschen bräuchte, um einen Zwergen zu besiegen. Zwerginnen machen da keine Ausnahme.

Dieses Volk beherrscht die Schmiedekunst wie sonst keiner. Dank ihrer Fähigkeiten haben die Bauern im Tal es leichter, ihrem Tagewerk nachzukommen. Ihre Pflüge, Äxte und jegliches anderes Handwerkszeug sind von vorzüglicher Qualität. Und wenn es um feines Geschmeide geht, sind die Zwerginnen ganz weit vorne dran. Dafür haben sie mehr Sinn, als ihre Männer.

Sie bevorzugen das Leben im Berg. Wer ihre Heimstatt allerdings als Höhle bezeichnet, wird eines Besseren belehrt und muss mächtig Abbitte in Form von mindestens einem Fass Bier leisten. Ganze Städte vermögen die Zwerge in den Bergen unterzubringen. Zu Tausenden leben sie dort. Aber selbstverständlich sind sie auch gerne am Licht der Sonne. Schließlich ist es nicht möglich, unter Tage eine Weide für die Rinder zu haben.

Mit Wasser, das tiefer ist als zum Bauchnabel, haben sie es nicht so. Sie sind durchaus reinlich und baden auch gerne, doch wenn man schwimmen oder Boot fahren muss, hört der Spaß auf. Darin sind sie sehr eigen. Genauso mit ihren Haaren auf dem Kopf und am Bart. Diese zum Teil sehr auffälligen Kunstwerke sind der ganze Stolz des Trägers.

Bis zum 30. Lebensjahr wachsen die Haare ganz normal. In dieser Zeit muss man sich im Klaren darüber sein, wie man für den Rest des Lebens aussehen möchte. Danach stagniert der Wuchs bis fast auf null. Passiert dann ein Unglück oder ein törichter Bader macht einen Fehler, das wächst fast nie mehr nach. Wehe jedem, der einem Zwerg unerlaubt an den Bart geht. Er wird den Täter auf Lebzeit jagen.

In der Regel wird der einfache Vollbart und halb- bis schulterlanges Haupthaar bevorzugt und gepflegt. Doch je höher der Rang, desto aufwendiger sind Bart- und Haarpracht. Man könnte es als ein Statussymbol bezeichnen. Zwerginnen haben nur einen leichten manchmal kaum sichtbaren Flaum, der zudem noch das Kinn frei lässt.

Seit dem Tag der Krönung von König Gernhelm genießt Sigurd die Freuden eines Großvaters. Dass die Kinder angeheiratet sind, stört ihn herzlich wenig. Er hat sie vom ersten Moment an ins Herz geschlossen. Im Augenblick freut er sich, dass die Kinder aber auch mal nicht da sind. Die kleine Beth ist ja eine ganz Liebe, aber ihr großer Bruder Czepan kann schon sehr anstrengen. Ständig will er König spielen und Opa Sigurd ist sein Untertan. Oder er sucht den Zweikampf mit einem wilden Ungeheuer. Das Kämpfen ist dabei nicht das Problem, aber so ein wildes Tier muss ja auch ganz wild brüllen.

Zugegeben, das ist auch schon wieder fünf oder sechs Jahre her, aber die Anstrengung bleibt. Der Junge ist mit seinen 19 Jahren jetzt in dem Alter, wo er sich Gedanken über seine Bart- und Haartracht macht. Was hältst du davon, Opa? Oder ist das so besser? Dabei hält und zieht er an seinen Haaren und beobachtet Sigurds Gesichtsausdruck. Du musst doch noch wissen, was Frauen gefällt, meint er dann.

Gottlob geht Beth mit solchen Fragen lieber zu Oma.

Die Sonne scheint heute wieder erstaunlich warm. Für den zweiten Monat im Jahre 631 eigentlich zu warm. Vor nicht mal einer Woche war es frostig und Schnee lag noch auf den Wiesen. Der See auf dem Dach, also der Kuppe des Berges, war noch gefroren. Heute ist man schon in Versuchung, den Mantel weit offen oder gar ganz wegzulassen. Sicher bekommen bei diesem Wetter ein paar leichtsinnige Menschen eine Erkältung. Wie gut, dass wir Zwerge dafür nicht anfällig sind.

Sigurd sitzt auf einer Bank im königlichen Garten der Festung Steinenaue, lehnt sich mit dem Rücken an den Baum, um den sie gebaut ist und schließt die Augen. Dass sein langer weißblonder Zopf dabei eingeklemmt ist, stört nicht. Dieser sprießt aus der Mitte der Glatze. Mit Bändern werden die Haare eng gebündelt hochgehalten. Danach sind sie geflochten und folgen dem Gesetz der Schwerkraft. Weit unten, links vom Po, spitzt das aufwärts gezogene Ende der Haarpracht hervor. Seine Hände ruhen verschränkt auf dem etwas fülligeren Bauch, der vom langen Bart bedeckt ist. Der ist, wie üblich, unter den Gürtel geklemmt.

Was ist doch alles inzwischen geschehen. Mit den Habichtswaldern hat sich ein sehr gutes Verhältnis eingestellt. Jedes Jahr feiert man dort zusammen die Wiedervereinigung. Wenig später versammelt man sich in der Steinenaue, um das Fest der Speisung des Chynzychtals zu begehen. Das erste Fest feierte man, als der Handelszug nach Freddoris Eiszeit zurückkehrte. Das nächste Mal wird der königliche Garten bestimmt genauso voll, wie all die Jahre zuvor. In ein paar Wochen ist es wieder soweit. Dann strömen Menschen und Halblinge in die Festung. Die schlimme Zeit damals hat die Chynzychtaler ungemein verbunden. Bis heute geht man nachsichtiger und freundlicher miteinander um. Sigurd freut sich schon ungeheuer auf die Fische. Seitdem Hrosvit diesen Handel begründet und er erstmals davon genossen hat, ist der Königsvater gierig nach Stockfisch. Die Habichtswalder haben mittlerweile den Handel übernommen. Ihre Reise ist nicht ganz so weit und zum Fest bringen sie den Fisch dann immer kistenweise mit.

Die nördlichsten Zwerge sind sowieso irgendwie recht dominant. Auch in den sportlichen Wettkämpfen stellen sie oftmals die Besten. Nur selten siegt ein Vertreter der Steinenaue. Und sollte dies tatsächlich einmal der Fall sein, ist es bestimmt ein ehemaliger Kleybercher. Axtwurf, Speerwurf, Steinstoß, Wettlauf oder was auch immer, viel zu oft haben die Steinenauer das Nachsehen. Gernhelm meint, das läge daran, dass die Habichtswalder sechs Mal mehr Zwerge seien. Ein bisschen mehr Patriotismus hätte Sigurd schon von seinem Sohn erwartet. Gottlob finden diese Wettkämpfe nur alle zwei Jahre statt. Da kann man doch immer wieder neue Hoffnung aufbauen.

Lieber denkt Sigurd an die kalten Märkte. Eine weitere neue Festivität, die sich ergeben hat. Jedes Jahr im Spätherbst wird mal hier, mal im Habichtswald, den Unverheirateten besondere Gelegenheit geboten, einen Partner zu finden. Unter dem Motto: Zu Zweien ist das Bett schneller warm, treffen sich vornehmlich Ledige und Hinterbliebene, um einen Partner zu finden.

Besonders stolz ist Sigurd auf Mertlin Felsbruch. Wenigstens einer aus der Steinenaue, der es zu etwas gebracht hat. Inzwischen ist er Großmeister in alten Schriften und Geschichte und hat die entzückende Darathee, die Tochter von König Mathewelin Silbererz, geheiratet. Ein Großmeister, der aus seiner Festung stammt. Er lebt zwar jetzt im Habichtswald, aber das tut seinem Stolz keinen Abbruch.

Aber am allermeisten freut sich Sigurd, dass sein Schwiegersohn Anschild von den Habichtswaldern anerkannt wurde und jetzt ein richtiger Großkönig ist. Zwei Königreiche sind ihm Untertan. Was war das für ein Fest.

„Opa!“

Zielsicher hat Czepan den Großvater gefunden.

Sigurd atmet mit geschlossenen Augen einmal tief durch und bereitet sich gedanklich auf ein anstrengendes Gespräch in Sachen Haar- und Barttracht vor. Ohne die Augen zu öffnen antwortet er: „Ich bin hier. Wie immer! Was hast du denn auf dem Herzen?“

Der junge Zwerg nimmt neben seinem Großvater Platz.

„Wie ist das eigentlich, König zu sein?“

Mit solch einem Thema hat Sigurd nicht gerechnet. Er reißt die Augen auf, setzt sich gerade und sieht seinen Enkel überrascht an. Der junge Zwerg ist noch in der Phase der Findung. Dementsprechend ist sein volles schmutzig blondes Haar zu einem einfachen langen Zopf gefasst. Dessen Ende baumelt unterhalb der letzten Rippen. Und der Bart, der ihm schon weit bis auf die Brust hinab reicht, ist zwar gepflegt, aber noch völlig ohne Form.

„Was?“

„Ich meine, was hat man da zu tun?“ Die graugrünen Augen sehen den Großvater erwartungsvoll an.

Immer noch ist der Sinn der Frage unklar.

„Du bekommst doch gerade Unterricht über die Aufgaben und Pflichten eines Königs. Erklärt dir der Lehrer es nicht verständlich?“

„Doch. Ich verstehe, was man mir sagt, aber“ Czepan druckst ein wenig herum bevor er fortfährt: „Ist das alles?“

Sigurd weiß nicht, worauf der Junge hinaus will.

„Die Regierungsarbeit eines Königs ist sehr verantwortungsvoll. Was du entscheidest, muss dem Wohl deines Volkes dienen. Natürlich hat man dafür einige Vorzüge, doch wenn du einen Fehler machst, kann das sehr schlimme Folgen haben.

Das ist nicht nur mal ein bisschen Zusammenzählen oder Abziehen, Malnehmen oder Teilen. Es ist auch nicht damit getan, dass du Lesen und Schreiben kannst. Das lernen alle Zwerge. Man muss im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen treffen. Recht sprechen, mit anderen Mächtigen verhandeln und die Vorteile für dein Volk sichern. Das macht man nicht einfach nur mal so. Dafür muss man klug sein und manchmal sogar listig.

Gar nicht zu reden von Entscheidungen, die über Krieg oder Frieden zu treffen sind. Da sind vertrauenswürdige Berater, die von ihren Bereichen wirklich etwas verstehen, unbezahlbar. Aber das wirst du ja noch alles lernen. Du hast ja jetzt erst angefangen.“

„Ja und ich habe schon viel gelernt. Und seit ich damit beginnen musste, habe ich genau beobachtet, was mein Vater so alles zu tun hat.“

„Das ist gut, mein Junge. Sehr gut. Und wo ist dein Problem?“ Sigurd versteht seinen Enkel nicht.

„Eigentlich hat er gar nicht so viel zu tun. Die meiste Zeit sitzt er mit seinen Freunden zusammen bei einem Bier und sie reden. Oder er geht Fischen oder Jagen. Aber die Sachen, von denen der Lehrer spricht, macht er eigentlich sehr wenig. Soweit ich mich erinnern kann, hat er bisher noch keine wichtigen Gespräche mit anderen Mächtigen geführt. Auch gibt es keinen, der gegen uns Krieg führen will. Eigentlich hat er nichts zu tun, finde ich.“

Ganz schnörkellos berichtet Czepan seine Eindrücke und bringt Sigurd mit den folgenden Fragen noch mehr in Bedrängnis.

„Wie war das eigentlich, als du König warst? Hattest du da auch so wenig zu tun?“

Jetzt muss der Königsvater erst einmal überlegen, was er darauf antworten soll. Und weil Sigurd kein Schnelldenker ist, kommt gleich noch eine erschütternde Frage hinterher.

„Welche großen Entscheidungen hast du als König treffen müssen?“

„Ähm. Das ist schwer zu sagen.“, beginnt er schließlich. „Im Nachhinein findet man das, was man getan hat, gar nicht mehr als so großartig wichtig oder schwer. Lass mich nachdenken.

Ich muss zugeben, als ich von meinem Vater die Königswürde übernahm, lebten wir Zwerge noch im Verborgenen. Wir hatten keine Beziehungen zu den Menschen und die Geschäfte mit den Halblingen waren fest. Da gab es nichts mehr zu entscheiden.

Was es wegen Landwirtschaft oder so zu bestimmen gab, war nicht wirklich schwer. Und gab es ein Problem, konnte man ja die Halben fragen.

Interessant wurde es eigentlich wirklich erst dann so richtig, als Eringus mit der Idee kam, wir müssten wieder mit den Menschen Kontakt aufnehmen. Nach über 800 Jahren. Doch ja, das war schwer. Aber eigentlich auch wieder nicht, denn ich musste damals das Volk entscheiden lassen. Immerhin ging es um einen Schwur, den die Gemeinschaft geleistet hatte und den es zu brechen galt. Also durfte ich eigentlich nicht allein entscheiden.

Was war noch? Ach ja. Dann fand Eringus ja die Kleybercher. Da galt es, die Kontaktaufnahme und dann später deren Umzug zu organisieren. Das war etwas Besonderes. Das war nicht einfach, die Kleybercher in den angestammten Familienbereichen zusammen unterzukriegen. Auch wenn die Wohnräume damals noch Leerstände waren. Deswegen waren die ja noch lange nicht einfach frei verfügbar. Es gab Familien, die darauf Rechte besaßen.

Das Schwierigste war die Entscheidung, als damals die Prophezeiung wegen des langen Winters kam. Keiner wusste, was da auf uns zukommen würde. Ich musste abwägen, wie viel Vertrauen man den Forschungsergebnissen der alten Schriften schenken durfte. Nach der Entscheidung, sie ernst zu nehmen, musste geplant werden, wie man welche Vorkehrungen zu treffen hätte. Wer musste noch gewarnt werden. Das war eine sehr aufregende Zeit.

Den folgenden Handelszug habe ich dann schon den Jüngeren überlassen.“

„Und das war alles in all den Jahrzehnten deiner Regentschaft? Nicht wirklich aufregend, findest du nicht?“

“Das ganze Leben ist nicht aufregend. Es ist völlig ausreichend, wenn man ab und zu mal etwas Besonderes hat. Die Auseinandersetzung während des Handelszuges, den Anschild damals leitete war so etwas Besonderes und bestimmt nicht leicht für ihn. Natürlich muss man in diesen Situationen hellwach und aufmerksam sein, aber die wirkliche Herausforderung im Leben sind die vielen Kleinigkeiten. Die Aufmerksamkeit deinem Umfeld gegenüber. Zu sehen, wo Hilfe nötig ist oder Trost. Das sind Arbeiten, die du nicht so einfach siehst. Die werden in vielen Gesprächen gefunden und mit kleinen Taten und Gefälligkeiten erledigt.

Es gibt nicht jeden Tag neue Gesetze oder Vorschriften, aber jeden Tag gilt es, das Zusammensein, das Miteinander zu pflegen. Das kostet viel Zeit und ist bei Weitem nicht so einfach, wie es klingt. Wenn du erst einmal völlig für dich allein verantwortlich entscheiden musst, wirst du es bemerken. Dann wirst du dich mehr als einmal fragen: Was mach ich jetzt? Kommen dann noch Frau und Kinder dazu werden auch deine Probleme größer. Probleme, die du jetzt noch gar nicht siehst.“

Das gibt nun Czepan zu denken.

„Ich weiß trotzdem nicht, ob ich König werden will. Das ist mir alles – mir fällt nicht der passende Ausdruck ein – zu einfach. Verstehst du?“

„Ich glaube schon. Ich war ja auch mal neunzehn. Und was willst du machen?“

„Das ist mein Problem. Das weiß ich auch noch nicht.“

„Und genau das ist es, was ich meine. Du musst eine Entscheidung treffen. Dabei kann dir keiner helfen. Aber du kannst dir Rat einholen. Red mit Gernhelm über dein Problem. Er kann dir Vorschläge machen.“ Und mit einem Zwinkern fügt der Königsvater hinzu: „Er ist der König. Dafür ist er auch da.“

Ein leichtes Lächeln im Gesicht erhebt sich der Junge und schlendert gedankenverloren zurück in die Festung. Auch der Großvater grübelt noch eine Weile über dieses, für seinen Enkel, sehr wichtige Gespräch. Den eigenen Weg zu finden ist mindestens genauso schwer, wie die richtige Barttracht.

„Sigurd!“, schreit es aus der Luft und die überraschende Landung des Drachen reißt den Zwerg aus seinen Gedanken.

* * * * *

Sofort hat Flordelis die Hälfte ihrer Leute ausgeschickt. Die Anderen müssen die bis jetzt noch nie benutzte Schutzhöhle vorbereiten. Aber ja, auch bei Halblingen gibt es auf die Dauer keinen ungenutzten Raum. Allerlei Gerümpel hat sich da unten angesammelt. Wie immer wird die Gelegenheit von den zur Verspieltheit neigenden Kleinen weidlich ausgenutzt. Erst nachdem die Dorfmeisterin ein Machtwort gesprochen hat, bekommt die Arbeit Struktur.

Aber wohin jetzt mit all den Sachen? Man hat ja nicht ohne Grund die Höhle als Abstellkammer genutzt. Ganz einfach, findet die Dorfmeisterin. Alles kommt dahin, wo es hingehört. Fischereibedarf kommt in die Fischerhütte, auch wenn die schon so voll ist, dass die Netze aus den Windaugen hängen. Um alte Mehlsäcke soll sich doch der Müller kümmern.

Während dessen haben es sich Guda und Beata vor ihrem Haus in der Bule auf dem umlaufenden Freisitz gemütlich gemacht. Das tief nach unten gezogene Strohdach gibt gerade noch den Blick auf die Brücke, die Verbindung zum Weg, frei. Die Hütte steht auf einer künstlich in der Chynz aufgehäuften Insel mitten im Wald zwischen Erlenbusch und dem Kloster Sankt Wolfgang und würde nicht der Bohlenweg über den oft feuchten Untergrund dorthin führen, man könnte daran vorbei laufen, ohne sie zu entdecken. Es ist fachwerkähnlich nach Art der Halblinge geplant und von den Zwergen errichtet worden. Auf dicken tief in den Boden gerammten Pfählen ruht der Bau. Aus alter Gewohnheit und Erfahrung wurde darunter auch noch ein Fluchttunnel gegraben, der unter der Chynz weit in den Wald hinein führt. Den Ausgang hat noch nie jemand entdeckt.

Die Zwerge waren es auch, die in einem Flussbogen den Durchstich gruben und so die Insel erst schufen. Der Aushub diente dann zur hochwassersicheren Erhöhung des Bodens. Das Haus ist hoch genug, dass im hinteren Bereich sogar noch ein Zwischenboden gebaut werden konnte. Dort oben lagert Beata in Körben, Tiegeln und Töpfen alles, was sie für ihre Heilkunst benötigt. Gleich neben dem Haus befindet sich ihr Kräutergarten. Ganz besondere Kräuter, die hier nicht heimisch sind, hegt und pflegt sie dort.

„Ich denke, ich werde mal wieder meine Brüder besuchen.“, äußert Beata. Niemand sieht der hübschen jungen Frau an, dass sie bereits 31 Jahre alt ist. Sie wurde nach ihrer Geburt von Eringus beatmet und später von einer Zwergenamme gesäugt. Wahrscheinlich hat beides dazu geführt, dass sie nicht so schnell altert wie normale Menschen. Inzwischen sind auch noch andere Eigenschaften aufgetaucht, die die Vermutung nahe legen, dass der Drache doch mehr von sich weitergegeben hat, als nur seinen Atem. Sie ist zum Beispiel sehr empfindsam, was Gefühle und Stimmungen ihrer Gesprächspartner betrifft. Sie zu belügen ist völlig unmöglich. Das gelingt nur dem Drachen.

Ihr ungewelltes, nachtschwarzes Haar ist zu einem schulterlangen Zopf gefasst. Zu den Spitzen hin werden die Haare flammend rot. Trotz einer recht üppigen Figur hat sie eine sehr schlanke Taille. Ihre rehbraunen Augen blicken zu Guda. Die beiden Frauen gelten im sehr weiten Umkreis als Kräuterweib und deren Gehilfin. Ihr Wissen hat sich Beata schon in sehr jungen Jahren auf Reisen, bei Mönchen und Nonnen und natürlich den Halblingen erworben. Und überall hat sie sich Sämlinge mitgenommen, die sie nun in ihrem Garten gleich neben dem Haus mit Hingabe anbaut.

„Aber verkleide dich.“, erinnert die Lebenspartnerin mit leicht piepsiger Stimme. „Nach wie vor ist eure familiäre Beziehung niemandem bekannt. Deine Brüder und ihre Frauen stehen im besten Alter und du siehst immer noch aus wie mit 18.“

Guda ist eine Halbzwergin. Ihre Mutter war eine Menschenfrau, die leider viel zu früh verstarb. Die Mischung der Gene führte wohl dazu, dass sie sich weder bei den Menschen noch bei den Zwergen so richtig heimisch fühlt. Bei ihrer geliebten Beata aber ist sie zuhause. Sie sind halt beide etwas Besonderes.

Figürlich sehen sich die zwei Frauen recht ähnlich. Auch Guda hat einen Zopf. Der ist allerdings braun und länger als der von Beata. Die körperliche Breite wie auch die enorme Stärke sind wohl der Rasse der Zwerge zuzuschreiben. Sie ist etwas schwerer und kleiner als ihre Freundin. Die Taille ist nicht ganz so schmal, die Stupsnase gibt ihr ein etwas vorwitziges Aussehen und einen Bart hat die Halbzwergin nicht.

Beata grinst. „Du kennst mich doch erst seit meinem neunzehnten Lebensjahr.“

„Du weißt, was ich meine. Dort weiß niemand um deine Geschichte. Die Knechte und Mägde, die haben keine Ahnung. Seit man aber weiß, dass du von einer Zwergin gesäugt wurdest, verstehen die Menschen, dass du langsamer alterst. Komisch gucken tun sie allemal. Vor allem die Weiber sind misstrauisch, auch wenn sie mit ihren Wehwehchen zu dir kommen. Niemand kennt mehr deine Mutter und dass Graf Hermann von Lanczengeseze dein Vater ist, halten sie für gelogen. Ihn aber zu fragen wäre jetzt zu spät. Es leben nur noch sehr wenige, die damals miterlebten, wie deine Mutter vor dem alten Grafen ihr Recht einforderte.“

Betrübt stimmt Beata zu. „Ja, leider. Nicht einmal bei den Hochzeiten meiner Brüder konnte ich dabei sein. Ich hasse es. Dabei soll gerade die Vermählung von Magnus mit Kun so wunderschön gewesen sein. Jetzt ist er der junge Herr auf Lanczengeseze. Eine Schwester mit einem schlechten Leumund würde seinem Ruf und der Achtung durch die Menschen schaden. Also pflegen wir nur eine Bekanntschaft.

Weißt du noch, wie du wegen der Verwandtschaft zwischen mir und meinen Geschwistern durcheinander kamst?“

„Es ist ja auch leicht, sich dabei zu vertun. Hermann ist dein Vater und der von Kun. Ihr seid also Halbschwestern. Dein Bruder heiratet deine Schwester und dabei habe ich vergessen, dass er und du die gleiche Mutter aber andere Väter habt. Das kann einen schon in die Irre führen. Er, also dein Bruder Magnus, soll ein guter Herr sein, was man so hört. Und es war furchtbar edel, deswegen auf sein mütterliches Erbteil zu verzichten.“

„Ja, so ist er. Auf der anderen Seite kann er wohl leicht verzichten. Er ist jetzt noch allemal reicher, als seine Brüder zusammen.“

„Ja, sie haben alle was erreicht. Magdas Hof ist nicht mehr wiederzuerkennen. Es ist schon eine eigene Siedlung geworden. Viele Knechte und Mägde arbeiten für sie. Und das Haus ist mittlerweile ein richtiges großes Herrenhaus.“, schwärmt Guda.

„Es hat sich schon viel getan, seit wir den Alben los sind. Das Wissen der Halblinge ist genauso gefragt, wie die hervorragenden Werkzeuge der Zwerge. Die Meisten haben es dadurch geschafft, ihre Schuld bei Sigurd zu tilgen. Nur wenige haben aufgegeben und ihr Land einem Herren übereignet.“

„Stimmt.“, bestätigt Guda. „Das aber auch nur, weil die Kinder oder die Männer fehlten. So Viele sind in diesem Winter gestorben.“ Traurig legt die Halbzwergin ihren Kopf in Beatas Schoß.

In das folgende nachdenkliche Schweigen platzt eine Halblingsfrau.

„Jemand zuhause?“, ruft sie schon lange, bevor sie zu sehen ist.

Erst dann hört man das Tapsen der großen Füße, die in keinen Schuhen stecken, auf dem Bohlenweg. Zuletzt ist die Gestalt zwischen den Bäumen ersichtlich. Als sie die beiden Frauen unter dem weit herunter gezogenen Strohdach sieht, winkt sie fröhlich. Erst als sie über die Brücke zum Haus kommt, erhebt sich Guda wieder.

„Lasst das bloß die Menschen nicht sehen. Mich stört das nicht.“, erklärt die Halbe anstelle eines Grußes und meint damit das missbilligte Zusammenleben zweier Frauen. Ein weiterer Punkt weswegen man Beata und Guda mehr als skeptisch gegenüber war. So ein Zusammenleben ist wider die Natur, ist die gängige Meinung damals. Niemand weiß, was über die beiden Frauen alles getratscht wurde. Trotzdem ging man, wenn auch eher heimlich und mit gemischten Gefühlen zu Beata hierher. Sie war mit Abstand die beste Heilerin im weiten Umkreis. Selbst aus dem Boierischen kamen die Menschen. Nicht einmal die Mönche in Sankt Wolfgang konnten ihr das Wasser reichen. Schon gar nicht bei Frauensachen.

„Man hört am Schritt, wer kommt. Andernfalls hättet ihr uns so nicht vorgefunden.“, beruhigt Beata.

„Verzeiht, wenn ich euch zu nahe getreten bin. Es geht mich auch nichts an.“, versucht sich die kleine Frau zu entschuldigen. „Ich habe nichts gegen euch.“

„Ist schon gut. Das wissen wir.“

„Was führt euch denn zu uns?“, wechselt Guda das Thema, bevor es peinlich wird.

„Ich bringe Grüße von Flordelis. Eringus warnt vor einem schlimmen Sturm, der bis morgen Abend hier sein soll. Es ist mit dem Schlimmsten zu rechnen. Wir sollen uns so sicher wie möglich verkriechen. Habt ihr einen Ort, wo euch kein Baum auf das Dach oder gar den Kopf fällt?“

Beata macht ein ernstes Gesicht. „Bäume haben wir hier genug und wenn einer von ihnen auf das Dach stürzt, wird uns nichts geschehen. Unser Haus wurde von Zwergen gebaut. Wir sind darin sicher wie in der Festung Steinenaue.“, erklärt sie.

„Dann habt gut acht auf euch. Der Drache warnt nicht umsonst. Jetzt kann ich getrost weiter eilen. Ich muss noch ins Chynzdorf und nach Ewicheim. Mögen alle Götter mit euch sein.“

Die Halblingsfrau hebt die Hand zum Gruß und flitzt weiter. Schnell ist sie auf dem Weg zwischen den Bäumen verschwunden.

„Gelobt seien die Zwerge.“, grinst Guda. „Wer sonst hätte unter einem Haus auf einer Insel einen Fluchttunnel gegraben. Dort unten kann uns nichts geschehen.“

„Und den Besuch bei meinen Brüdern verschieben wir auf nach dem Sturm.“

* * * * *

Bis zum Abend sind alle im Chynzychtal gewarnt. Alles ist nach Kräften gesichert. Windaugen verschlossen und Türen mit Querbalken blockiert. Jetzt wartet jeder bange darauf, was von dem Drachen als so fürchterlich angedroht ist.

* * * * *

In der Nacht hat es schon mal ordentlich gestürmt. Aber eigentlich war das nichts Besonderes gewesen. Gut, der Eine oder Andere Baum ist ganz ordentlich in Schwung gekommen, aber so recht bemerkenswert war das nicht.

Der Tag beginnt schön, die Vögel zwitschern und viele denken, dass das wohl schon alles gewesen sei. Wie kann der Drache deswegen nur so ein Aufheben machen. Etliche, vor allem unter den Menschen, streben wieder ihrem Tagwerk entgegen und achten nicht auf die Zeichen der Natur und die Wolken am Himmel. Dabei war erst für den noch kommenden Abend das Unwetter angedroht. Manchmal aber zwingt die Not zu Handlungen, die im Nachhinein als dumm bezeichnet werden müssen. Das Feld muss bestellt und die Tiere versorgt werden. Alle wollen zu Essen haben und dafür muss man nun einmal arbeiten. Das Leben schenkt dir nichts.

Am späten Vormittag trübt es sich deutlich ein. Manch einer, der jetzt in den Himmel sieht, erinnert sich, wie auch Eringus Tags zuvor, an die Wolke von Freddori, dem Alben. Schwarz und drohend, wenig Gutes versprechend, eilt sie heran. Der Wind frischt zusehends auf und die milde Luft kühlt sich spürbar ab. Der Gesang der Vögel ist verstummt. Viele Tiere suchen Schutz in ihren Baumhöhlen oder in der Tiefe des dichten Waldes.

Nur kurze Zeit später fegen die ersten stärkeren Böen über das Land. Das alte Laub des vergangenen Jahres beginnt zu tanzen und totes Holz entwickelt scheinbar ein Eigenleben. Der Wind zerrt heftig am noch blattlosen Geäst. Die Wipfel der Bäume neigen sich deutlich und einige Bauern auf freiem Gelände hat es schon von den Füßen gerissen.

Die Fischer im Chynzdorf schaukeln enorm in ihren Nachen auf dem Maynes und in der Chynz herum. Sie sind im fast baumlosen Mündungsgebiet jedem Wind schutzlos ausgeliefert. Mit ihren langen Stangen schieben sie sich ans Ufer und ziehen ihre Boote an Land, wo ganz Pessimistische sie zusätzlich auch noch anbinden. Alles, was dem Wind Angriffsfläche bietet, wird wieder in den Hütten verstaut.

* * * * *

In Berbeche ist der unfreie Bauer Rudel mit Weib und Kind auf dem Feld bei der Arbeit. Nicht mehr lange und sie haben die Fläche fertig. Wild hackt der Vater auf den Boden ein und die Kinder bemühen sich, unliebsame Kräuter auszureißen.

„Rudel! Es ist schon arg windig. Hieß es nicht, das Unwetter käme vergangene Nacht?“, ruft seine Frau nach einer sehr starken Bö.

„So habe ich es verstanden, als der Bote des Herrn zu uns kam.“, gibt der Mann zurück.

Schweigend arbeitet man weiter, bis zum nächsten Windstoß.

„Hast du das gesehen?“, fragt die Bäuerin, die sich eben kurz den schmerzenden Rücken durchdrückt.

„Was?“

„Die Bäume haben schon ganz gewaltig ihre Last. So manchen möchte es umlegen.“

„Auch gut, dann brauch ich ihn nicht zu fällen. Ich brauche frische Balken, um die Schäden an unserer Hütte zu beheben.“

Schon pfeift die nächste Böe übers Land und ergreift den jüngsten Sohn. Kaum, dass der Knabe acht Jahre alt ist.

„Papa, Mama! Hilfe!“, plärrt der Kleine vor Schreck. Ihn hat es der Länge nach umgeweht. Nun blickt er verwirrt und vom Schreck gelähmt um sich

Schnell eilt die Mutter, ihm auf die Beine zu helfen.

„Rudel, meinst du nicht,“ Sie verstummt. Ein ordentliches Stück totes Altholz hat es knapp neben ihren Mann geschmettert, wo es in viele Teile splittert.

Schreckensbleich sieht sich der Bauer um, als könne er erkennen, woher das Stück kam.

„Doch, ich meine. Lass den Acker Acker sein. Wir machen uns nach Hause.“

Der Vater packt seinen Kleinen und so schnell es geht, laufen sie zu ihrer Hütte. Eine trügerische Sicherheit.

* * * * *

Spätestens jetzt hat auch der Letzte begriffen, dass das angekündigte Unwetter erst in diesem Moment so richtig zu schlägt. Jeder sucht alsbald Schutz zu finden und das Vieh in Sicherheit zu bringen.

Die Halblinge machen sich bereits bei den ersten stärkeren Windstößen daran, ihre Höhle unter der Versammlungshalle zu beziehen. Ihre Schafe und Ziegen sind schon unten. Wer wenn nicht sie kann die Zeichen der Natur so gut lesen.

Auch die beiden Frauen in der Bule betrachten die stark schwankenden Baumkronen um sie herum mit zunehmender Angst.