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Sie können es einfach nicht lassen. Erneut versucht eine Albin mit ihrem Gezücht dem Zwergengeschlecht ein Ende zu bereiten. Diesmal allerdings sind es die unvorstellbarsten Kämpfer, die die Welt je gesehen hat. Nicht zu vergleichen mit den Nordlingern von einst. Dies jetzt sind wahre Hünen, mit einem fast unverwundbaren Körper und mit gewaltigen Kräften ausgestattet. Sie kämpfen, um sich damit ihr Essen zu beschaffen, so wie es Tiere nun mal tun. Diese tierischen Krieger fressen keine anderen Tiere; nur wenn es nichts anderes gibt. Lieber genießen sie ihre Opfer. Sie fressen Menschenfleisch; Zwerge kommen ihnen dabei nicht ungelegen. Das macht für sie keinen Unterschied. Üblicher Weise sind Zwerge ihren Gegnern eins zu vier überlegen. Mindestens. Nun aber braucht es vier Zwerge, um einen Gegner zu überwältigen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie nicht zu finden sind. Die Albin weiß ihre Schützlinge vor aller Augen zu verbergen. Die Halblinge missbraucht sie, um die Zwerge in den Kampf zu locken. Aus jedem Dorf im Kinzigtal verschwinden vier von ihnen. Damit sind die Halben zum Gebet zu Florali und Favna nicht vollständig und der Schutzzauber für ihre Dörfer kann nicht erbeten werden. Auf diese Weise denkt die Albin zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Besonders tragisch ist die Tatsache, dass Eringus schon seit Jahren unterwegs ist, nach anderen Drachen zu suchen. Die Suche gestaltet sich schwierig und erschüttert muss er feststellen: So viele Drachen wie einst gibt es nicht mehr. Und zeitaufwändig ist es auch noch. Findet er mal ein Exemplar, muss die Blockade der Alben aufgehoben werden. Bis dann die Erinnerungen an die Altvorderen freigelegt sind, vergehen Monate. Die größte Gefahr aber erwächst den Kinzigtalern durch den größten aller Alben. So zumindest bezeichnet sich Alamon selbst. Ihm wird bewusst, wie unsinnig ihr Kampf gegen die Götter doch ist. Besser gesagt die Art ihres Kampfes ist unsinnig. Er erinnert sich an die Zeit des ersten Kampfes gegen die Zwerge. Damals waren die Alben vereint dem Ziel zuzustreben. Diesen Zustand will er wieder herstellen. Dem stehen aber Neid, Missgunst und Eifersucht, die die Alben untereinander hegen. Sogar er kämpft jedes Mal schwer um Selbstbeherrschung. Wohin mag das alles nur führen?
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2024
Rainer Seuring
Eringus - Menschenfresser
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Eringus - Menschenfresser
Studiere deinen Feind
Meister Eringus
Boiern zuerst
Erkenntnisse
Entführt
Dohlen
Schutzlos
Jade, die Entdeckerin
Morlogane tanzt
Abschied, doch so nicht geplant
Impressum neobooks
Die Alben werden es nicht müde, nach Mitteln und Wegen zu suchen, die Zwerge zu vernichten. Solange es noch die Geschöpfe Gabbros gibt, ist ihre Rachsucht an den Göttern nicht gestillt. Nur einem ist aufgefallen, dass all ihre Versuche irgendwie im Voraus zum Scheitern verurteilt sind.
Alamon versucht etwas, das seit Jahrhunderten nicht mehr passiert ist. Er will die Kräfte aller Alben vereinen und, wie im Krieg dereinst, gemeinsam gegen die Zwerge vorgehen. Aber nicht mehr so plump wie damals. Jeder von ihnen hat Neues dazugelernt, erforscht und geübt. Dieses Wissen muss gebündelt werden.
Wenn da nur nicht der ständige Zwist, der Neid und das Misstrauen zwischen ihnen ständen. Wie aber ist das zu überwinden?
Die schwarz gewandete Gestalt verharrt, bevor sie die Lichtung überquert, um zu der großen Hütte zu gelangen. Es ist schon eine völlig andere Welt hier um die Mitte der Erde. Andere Pflanzen, andere Geräusche, andere Tiere. Nichts und niemand nimmt wirklich Notiz von dem Eindringling. Den kann man nicht fressen.
Alles rundum strömt Feuchtigkeit aus. Wärme, die erdrückt. Pflanzen mit riesigen Blättern geben dem Unterholz ein sattes Grün. Zwischen den Wipfeln der gut 130 Fuß hohen Bäume wabert oft ein dichter Nebel. Die Stämme sind besät mit Baumfarnen, Moosen und Flechten. Andere bunte exotische Pflanzen, denen der Baum eine Heimat ist, machen aus jedem Stamm ein einmaliges Kunstwerk der Natur.
Auf den Lianen zwischen den Ästen schaukeln teils prächtig gefärbte Vögel. Reptilien klettern hinauf und hinab. Am Boden wimmelt es von Käfern. Fliegen und Mücken schwirren durch die Luft und versuchen, den Spinnen nicht ins Netz zu gehen. Frösche quaken, Vögel singen, es ist ständig etwas anderes zu hören. Dieser Wald strotzt vor Leben und ist niemals still.
Für die Gestalt nichts Neues. Sie wandelte schon auf der Welt, als die Urvorfahren von allem wieder entstanden. Das Klima berührt genauso wenig, wie die Kälte an den Polen. Es ist ein Alb, der da durch den Dschungel wandelt. Der ganze Körper ist von einer tiefschwarzen Kutte verhüllt, die auch die Füße bedeckt. Trotzdem schleift sie nicht auf dem Boden. Alben schweben darüber. Der Kopf ist unter einer Kapuze verborgen, unter der im Normalfall nicht einmal die Augen heraus leuchten. Die Ärmel sind so lang, dass sie die Hände nur in den wenigsten Fällen sehen lassen. Einstmals war er ein friedenbringender und Glückseligkeit verströmender Elb, dessen Lieder in Mensch als auch Tier jegliche bösartigen Gefühle unterdrückte. Sie, die Elben, hüteten das Werk der Götter. Dafür waren sie ausgestattet mit vielen, fast gottgleichen Kräften.
Dann aber tötete einer von ihnen, Alamon, der Anführer einer Gruppe, versehentlich einen armen Wurm und er und seine Gefährten fanden Gefallen an der Schönheit einer Seele, die den sterbenden Körper verlässt. Das Böse, das leider auch in ihnen wohnte, brach sich Bahn und leitete diese Elbengruppe in die Irre. In ihrem Wahn meinten sie, die Götter hätten die Seelen in ihren jeweiligen Körpern gefangen gesetzt, um sie von den himmlischen Freuden fernzuhalten. Sie wollten die armen, gefangenen Geister befreien. Und so mordeten sie weiter. Sogar eine aus ihren eigenen Reihen fiel ihnen zum Opfer.
Die Götter bestraften sie, indem sie sie von nun an nicht mehr Elben sondern Alben nannten, ihnen ihre Macht nahmen und diese in einem Berg weit im nördlichen Eis auf einer Insel versenkten. Unerreichbar für sie. Doch der Vulkan wehrte sich und spie Stück für Stück das Böse wieder aus. Es verteilte sich in den höchsten Höhen der Atmosphäre und so konnten die Alben die Insel nach unvorstellbar langer Zeit wieder verlassen, an die sie durch ihre Macht gebunden waren und suchten fortan, sich an den Göttern zu rächen.
Bisher war jeglicher Versuch allerdings gescheitert. Doch jeder Misserfolg steigerte nur noch ihre Anstrengungen. Er steigerte aber auch die Häme der Anderen, die sich ihrerseits selbstverständlich für die Besseren hielten. So strebt bis heute jeder für sich alleine nach dem Ruhm, die Götter besiegt zu haben.
Warum war er nur so darauf erpicht, ihr das Misslingen ihres Planes unter die Nase zu reiben? Weil es mir eine ungeheure Freude bereitet, sie zu demütigen, gibt Alamon sich sofort selbst die Antwort. Es war mir völlig klar, dass sowohl Sirenen als auch Nebelwesen scheitern werden. Die Weiber halten sich für schlauer. Auf meine Ratschläge hören sie nicht. Keiner hört auf mich.
Gut, er hört ja auch nicht auf die Anderen. Ich fürchte, das ist unser größter Fehler, denkt er sich. Und schuld daran ist der Hass und Neid auf alles, der tief in uns drinnen wütet. Woher kommt das? Hatten wir früher nicht so viel Liebe und Verständnis in uns? Wo ist die hin? Wer hat die uns genommen? Das waren bestimmt die verfluchten Götter.
Alamon merkt sofort, wie er in das ständige Muster verfällt, den Göttern die Schuld zu geben. Waren sie denn nicht auch die Schuldigen? Wer hat ihnen den die Macht geraubt? Wer hat ihn und seine Genossinnen und Genossen verdammt?
Waren wir die Schuldigen? Nur weil ich diesen dämlichen Wurm zertreten habe? Der kann sich doch heute noch glücklich schätzen, die erste befreite Seele geworden zu sein. Die Götter haben die Geister doch in die Körper gesteckt. Bestimmt haben wir damit einen hinterhältigen Plan der himmlischen Schöpfer dieses Chaos auf Erden zunichte gemacht und sie haben sich dafür an uns gerächt.
Verflixt, ich brauche Hilfe. Ich dreh mich im Kreis. In Gedanken höre ich die Anderen schon lachen. Alamon der Große braucht Hilfe. Unsere Hilfe. Und trotzdem, wir sollten uns beraten. Ich bin sicher, nur gemeinsam kommen wir wirklich voran. Alles andere ist nur Stückwerk. Ich will einmal probieren, freundlich zu sein und meinen Eigensinn hinten anstellen. Nein, falsch gesagt. Ich will nicht, ich muss. Sonst wird es mir niemals gelingen, eine Versammlung zu veranlassen. Eigens dafür bin ich hier. Ich muss uns alle zusammenführen. Aber ich muss vorsichtig sein. Kein falsches Wort, sonst ist all mein Mühen vergebens. Ich darf nicht hoffen, einen zweiten Versuch machen zu können.
Mitten in diesem vollkommen unzugänglichen Gelände schmiegt sich eine kleine unscheinbare Hütte mitten in eine Baumgruppe. Sie steht kurz vor dem Verfall, das Holz scheint modrig und faul. Bei der geringsten Berührung fällt sie bestimmt in sich zusammen. Seltsamerweise gibt es auch kein Windauge. Nur eine Tür ist die einzige Unterbrechung der maroden Wand.
Zügig nähert er sich der Hütte und klopft, statt, wie üblich, einfach hinein zu platzen. Das Bauwerk hält stand.
Keine Antwort. Er klopft heftiger und muss schon wieder gegen seinen aufkeimenden Ärger kämpfen. Wie kann sie sich nur erdreisten, mich nur vor der Tür stehen zu lassen? Ruhig bleiben, Alamon. Beherrsche dich. Du bist der Klügste und musst mit gutem Beispiel voran gehen. Denk an dein Ziel. Am Ende wirst du der strahlende Held sein.
Die Pforte wird geöffnet.
„Alamon, du hier?“ Morlogane ist sichtlich erstaunt. Jedes andere Wesen hätte sie noch weit vor der Tür gespürt und erkannt. Alben aber können sich derart abschirmen, dass sie selbst von ihren Artgenossen nicht entdeckt werden können. Zu ihrem Leidwesen gibt es noch eine Gattung, die dies vermag und die sie fast genauso hassen, wie die Götter. Drachen!
Nach der ersten Überraschung verfällt Morlogane wieder in den Ton, in dem jedes Gespräch unter Alben geführt wird. Angriffslustig. „Was willst du hier? Ich kann mich nicht erinnern, dich gerufen zu haben.“
Ganz ruhig, Alamon, zwingt sich der Alb. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass Lotalus gescheitert ist. Und Grimas Sirenen haben auch keinen Erfolg gehabt. Darüber wollte ich reden.“
Es ist ihm tatsächlich gelungen, einen ruhigen und friedfertigen Ton anzuschlagen.
„Was gibt es da zu bereden? Die Sache ist dumm gelaufen, doch ich gebe nicht auf. Im Gegensatz zu anderen habe ich schon wieder einen neuen Plan. Diese Zwerge werde ich noch in die Knie zwingen. Ich werde den Triumph davon tragen. Ich werde diejenige sein, die erfolgreich Rache übt und die Götter besiegt. Dann werde ich ihnen auch noch ihre letzten Geheimnisse entreißen. Dann wird keiner mehr über mir sein. “ Nur allzu deutlich macht die Albin klar, dass sie nach ihrer Meinung die Einzige ist, die die Macht hat, die Rache zu vollenden.
Andere, damit auch Alamon, sind dazu nicht in der Lage. Der hört genau hin und ringt mit sich, die rechte Antwort zu finden. Diese Unverfrorenheit gehört bestraft. Zumindest ein ordentlicher Schlag ins Gesicht wäre angemessen. Es fällt ihm schwer, sich zu entspannen. Und tatsächlich gelingt es.
„Das ist es, was ich meine. Wir alle sind begierig darauf, das Werk der Götter zu vernichten und den Ruhm des Sieges für uns allein zu beanspruchen. Ich, für meinen Teil, überlege schon lange, wie das gelingen möge. Die Menschen und die Halblinge sind dabei nicht die Herausforderung. Und die Zwerge würden wir auch einfach so wegwischen. Hätte Gabbro damals nicht eingegriffen, wären wir schon längst die Herren der Erde. Es ist uns sogar gelungen, die Drachen einzulullen. Nur dieser Eringus ist auf einmal wieder in den Besitz des Wissens und der Fähigkeiten seiner Vorfahren gelangt.“
„Daran ist Zareb, der Elb schuld, wie wir von Freddori wissen. Der hat ihn wach gerüttelt. Tritt ein, Alamon.“ Die Albin gibt endlich die Tür frei. Das Durchhaltevermögen, friedfertig zu bleiben, zahlt sich aus. Und anscheinend wirkt es auch ein wenig auf Morlogane. Sie entspannt sich ein wenig.
Drinnen zieht der Besucher seine Gugel ins Genick und auch die Hausherrin entblößt ihren Kopf. Nur unter sich tun Alben dies. Für andere Wesen wäre ihr jetziger Anblick tödlich. Das aber ist nicht das, was die Ausgestoßenen wollen. Das entspricht nicht dem, was sie sich unter Rache an den Göttern vorstellen. Sie wollen herrschen, doch wen will man beherrschen, wenn nichts und niemand mehr lebt. Natürlich würden sie dann im Hand um drehen alle Geister aus ihren Körpern befreien, was ja ihrem ausgemachten Ziel entspräche. Doch wo bliebe da das Vergnügen. Ein bisschen Quälen der Seele muss sein. Das erhöht die Dankbarkeit der Erlösung, der Befreiung.
Nur Alben sehen sich so, wie sie einst als Elben erschaffen wurden. Beide sind deutlich größer als Menschen.
Alamon hat hellblonde, fast weiße, leicht gewellte Haare. Über einem schmallippigen Mund, in dem sich makellose, ebenmäßige Zähne verbergen, ragt eine lange dünne Nase aus dem Gesicht. Seine hellgrauen Augen sehen sich aufmerksam um. Was die Magie nach außen für normale Augen als Bruchbude vortäuscht, entpuppt sich drinnen als ein großer aber leerer Raum.
„Richtig. Immer kommt uns einer dazwischen, wenn wir kurz vor dem Erfolg sind. Darüber habe ich mir Gedanken gemacht.“, führt der Alb das Gespräch fort.
„Du machst dir Gedanken über unsere Misserfolge?“, spottet die Albin. „Du meinst, du freust dich, wenn wir scheitern.“
In Größe und Statur gleicht sie Alamon. Ihre Gesichtszüge sind weicher. Ihre Lippen sind voll, die Augen hellbraun. Der Hals ist zart und die Haare schimmern silbrig weiß. Die bronzene Hautfarbe ist bei allen Elben gleich.
„Ich gestehe, das habe ich bisher stets getan. Seit Kurzem nicht mehr. Ich suche nach der Ursache unseres Scheiterns. Nicht nur deine Pläne werden durchkreuzt.“
Der Alb überwindet sich in höchstem Maße, als er ergänzt: „Verzeih, wenn ich das so sage.“
In Morloganes Gesicht regt sich kein Muskel, als ihr Gegenüber von Verzeihung spricht. Trotzdem, es überrascht sie zutiefst. Dies gehört eigentlich zu der Art Wortschatz, die man von einem Alben oder einer Albin niemals zu hören bekommen wird.
Alamon lässt seiner Aussage Zeit, zu wirken, dann fährt er fort:
„Wir sind die Klügsten auf der Erde. Wir sind so alt, dass es dafür noch keine Zahl gibt. Wir kennen alle Geheimnisse der Götter. Warum also will uns nicht ein einziger Plan gelingen? Ich bin der Meinung, weil wir alle allein unser Süppchen kochen. Wir sollten uns zusammen tun und gemeinsam einen Plan entwickeln. Einen Plan, an dem jeder von uns seinen Anteil hat.
Von mir aus können wir die ganze Erde ersäufen und mit Blitz und Donner und Erdbeben die Berge zum Einsturz bringen. Danach schenken wir unseren Kreaturen diese Erde und wir sind die Götter. Irgend sowas.“
Alamon hat sich in Begeisterung geredet. Seine Überzeugung greift auch auf Morlogane über.
„Du meinst, gemeinsam könnte uns keiner mehr widerstehen?“ Sie macht eine Handbewegung und zwei Stühle erscheinen in der sonst gänzlich leeren Hütte. Vier Wände ohne Windauge und eine Tür. Mehr bedarf es für einen Alben nicht. Und selbst das ist eigentlich nur dem Schein geschuldet. Diese Wesen sind unempfänglich gegen alles. Kein Wetter, und sei es noch so garstig, macht ihnen etwas aus. Selbst der stärkste Regen vermag nicht, ihre schwarzen Kutten zu durchnässen. Ein Dach über dem Kopf ist also nicht notwendig. Es ist wohl eher wahrscheinlich, dass sie sich und ihre dunklen Machenschaften verbergen wollen. In der Höhle auf der Insel im Norden hat sich jeder ein eigenes Abteil geschaffen, das so prächtig und gemütlich ist, wie es ein jeder sich nur vorstellen kann. Unnötiger Weise. Alles nur Augenwischerei.
Alamon nickt dankend und setzt sich. „Genau! Im Chynzychtal machen sie es uns vor. Durch ihre Gemeinsamkeit haben sie so viele Fähigkeiten vereint, dass es bis jetzt unmöglich war, ihnen nachhaltig Schaden zuzufügen. All unsere Versuche waren einseitig ausgerichtet und damit unweigerlich zum Scheitern verurteilt. Wie schon gesagt, suche auch ich nach einem Weg die Zwerge zu vernichten. Ich kenne alle Lebewesen von innen wie von außen. Für die Menschen hätte ich schon eine ansteckende Krankheit, die alle dahin raffen würde. Leider ist fast sicher, nein, es ist völlig sicher, dass ihr Körper über Kurz oder Lang einen Abwehrstoff entwickeln würde. Und die Zwerge werden nicht krank. Dafür hat Gabbro gesorgt. Ein lächerlicher Husten vielleicht; so an und zu.“
„Du darfst nicht vergessen, dass uns ständig die Götter selbst in die Quere kommen. Manchmal meine ich, die wissen schon vorher, was wir planen. Wir sind anscheinend als Verlierer vorbestimmt, seit wir begannen, Seelen zu befreien. Für die Götter sind wir wohl das Letzte.“
Bitternis schwingt in ihren Worten mit.
Alamon kämpft schon wieder gegen seine aufkeimende Aggression. Das dumme Weib schätzt die Götter viel zu hoch ein.
Hab ich nicht eben ähnliche Gedanken gehegt? Denken andere ähnlich? Ich muss es ruhig darlegen, verlangt er von sich. Laut sagt er: „Die Götter wissen nicht alles. Sie sind auch nicht unfehlbar. Wie sonst erklärst du dir, dass wir der Gefängnisinsel entkommen konnten. Das war ein Fehler in ihren Gedankengängen. Es war sicher auch nicht ihr Plan, dass mir die Pflanze für das Riesenwachstum in die Hand fiel. Oder warum hat Gabbro erst kurz vor unserem Sieg eingegriffen? Sie ahnen vielleicht etwas, wissen aber tun sie bestimmt nicht, was wir vor haben. Sowas kann man bei Erfolg hinterher immer leicht behaupten.“
Es fällt ihm schwer, ruhig weiter zu sprechen. „Selbst die Käfige im Ypan sind nur die Vorspiegelung falscher Tatsachen. Sie wollen uns damit Angst machen. Ich hätte gut Lust, diesen Berg mitsamt den Riesen zu zerstören.“
Ein Lächeln huscht über Morloganes Gesicht. Alamon spricht ihr aus dem Herzen. Wir sollten vielleicht doch wenigstens einmal gemeinsame Sache machen, denkt sie. Es gibt aber immer noch weitere Einwände.
„Bedenke aber auch die Tatsache, dass bereits bei der Erschaffung des Lebens Männlein und Weiblein vorgesehen waren. Ohne Voraussicht wäre das unnötig gewesen. Oder denk an die Voraussagen der Seher. Einige Warnungen sind heute noch unklar. Selbst uns ist es nicht gelungen, sie zu entschlüsseln. Praktisch hat Gabbro seinen Zwergen verraten, was auf sie zukommt. Und das zu einer Zeit, als selbst ich noch nicht an Lotalus gedacht habe. Und warum schickt Loki, dieser Depp, seinen Riesen, um den Zwergen und dem Drachen zu zeigen, wie die Sirenen besiegt werden können. Kannst du mir das erklären?“
Die Diskussion wird hitziger und die Stimmung heizt sich auf. Auch Morlogane hat ihre Last, nicht ihre Stimme zu erheben oder gar lästerlich auf Alamons vermeintlich unüberlegte Antwort zu reagieren. Trotzdem ist sie bestrebt, die Ruhe zu bewahren. Ihr Gegenüber ist nicht allein in der Lage, sich zu beherrschen. Den Erfolg gönnt sie ihm nicht.
Der Alb öffnet den Mund und schließt ihn wieder, ohne ein Wort zu sagen. In den Augen Morloganes sieht er Streitlust aufkommen. Auch in sich selbst wächst das Verlangen, wütend zu werden. Warum macht es dieses Weib auch so schwer, vernünftig zu reden? In Alamon tobt ein wilder Kampf. Verfluchte Aggressivität. Letzten Endes siegt der Wille, ein Gespräch zu führen. Ein Gespräch, auf dem zukünftige Zusammenarbeit aufgebaut werden kann. Er zwingt sich zur Ruhe. Sie ist nicht dumm, denkt er sich. Sie sieht es nur anders.
„Es gibt Vieles dafür und dagegen. Das sollten wir beiden nicht alleine erörtern. Die anderen haben sicher auch eine Meinung dazu und vielleicht hat auch einer schon die Lösung gefunden.“, presst er hervor. Erst nachdem er einige Male tief durchgeatmet hat, spricht er weiter. „Wechseln wir das Thema. Du sagtest, du hättest einen neuen Plan. Willst du mir davon erzählen.“
Morlogane ist nicht entgangen, wie sehr sich ihr Besucher ständig um Friedfertigkeit bemüht. Das ist ein ganz neuer Alamon. Sie ist beeindruckt und etwas besänftigt. Und es hilft ihr erstaunlicher Weise, selbst wieder etwas ruhiger zu werden. Ich kann das auch, so dämpft sie ihr Gemüt.
„Ich denke, die größte Erfindung ist ein Beruhigungsmittel für Alben. Vorher werden wir wahrscheinlich niemals zusammen arbeiten können.“, ist ihr krampfhafter Versuch eines Scherzes begleitet von einem leichten Anheben der Mundwinkel.
„Und selbst dann werden wir uns vorwerfen, dieses Mittel sei Gift, obwohl kein Gift der Welt uns etwas anhaben kann.“ Auch Alamon will die Situation weiter entschärfen. „Und? Welchen Plan hast du?“
Statt einer Antwort wendet sich Morlogane einfach um und die Wand in ihrem Rücken bildet ein Fenster. „Was willst du mit diesem göttlichen Fehlversuch zum Menschen?“ Der Alb zeigt ein verkrampftes Lächeln, das das Blitzen in den Augen der Hausherrin erlöschen lässt. Nur keine Lästerlichkeit, die missverstanden werden kann.
„Wie du sehen kannst, ist dieses Exemplar deutlich größer als das Original. Ich habe es natürlich verbessert. Die Kraft ist so groß, wie die von drei Zwergen. Auf seinem Schädel kann man Steine zertrümmern. Die Haut hält sogar Pfeilen stand. Die Geschwindigkeit ist zumindest gleich einem Pferd. Und das Gebiss beißt sogar dicke Äste durch. Doch dazu ist es nicht ausersehen. Am liebsten frisst er Menschenfleisch. Selbstverständlich gibt es nicht nur diesen Einen.“
Voller Stolz hat Morlogane die Eigenschaften ihres Geschöpfes aufgezählt.
Alamon nickt anerkennend. „Ich muss zugeben, er erscheint mir deutlich besser als unsere Nordlinger von damals. Wenn du genügend davon hast, kann das etwas werden.“ Gehässiger Neid wird innerlich im Keim erstickt.
„Wie willst du vorgehen? Haben sie kämpfen gelernt? Wenn du dich erinnerst, unsere Nordlinger mussten es damals erst lernen. Und es hat viele Leben gekostet. Deswegen mussten die Nordlinger viele Kinder zeugen. Diese Tiere aber sind nicht so zeugungsfreudig, wenn ich mich nicht irre. Wir brauchten Millionen Nordlinger, bis wir die Zwerge angriffen und dann war ihre Art zu kämpfen anfangs immer noch nicht ausreichend. Erst gegen Ende bekamen die Zwerge ihre liebe Not mit ihnen.
Ich denke, die Menschen hier in diesem Teil der Erde kämpfen wieder anders, als die Zwerge. Hier kennt man weder Schwert noch Axt aus Metall.“
Verdammt, denkt sich Morlogane. Muss dieser Besserwisser immer an alles denken? Die Albin ärgert sich, am Meisten über ihre eigene Nachlässigkeit. Daran hat sie nicht gedacht. Das muss sie noch ändern.
„Natürlich werde ich keinen offenen Angriff auf die Zwergenfestung machen. Ich werde die Mäuse aus ihrem Loch locken und dann aus dem Hinterhalt angreifen. Wenn ihre kleinen Freunde in Gefahr sind, werden sie nicht zögern, Beistand zu leisten. Was den Nachwuchs angeht, habe ich natürlich nicht nur mit einem Exemplar begonnen. Ich habe den Nachwuchs in weitem Umkreis eingesammelt und verändert. Wie bekannt, kann man den Nachwuchs am leichtesten Beeinflussen. So haben wir es ja auch mit den Drachen gemacht. Ich habe schon eine stattliche Anzahl von ihnen und die Zeugungsbereitschaft hat sich auch verbessert.“
„Die Halblinge verkriechen sich doch einfach unter dem Schutzschirm ihrer Göttinnen, meinst du nicht?“ Bestimmt hat sie einen Denkfehler.
„Wenn sie nicht vollzählig sind, funktioniert ihr Gebetszauber nicht. Ich habe mir da schon etwas einfallen lassen.“
„Gut. Welche Rolle spielt der Drache in deinem Plan?“ Jetzt habe ich die Lücke gefunden.
„Ich muss zugeben, das wird die wahre Schwierigkeit. Aber ich bin überzeugt, es wird mir gelingen, ihn zu töten.“
Na also. Da haben wir es doch. „Du bist also so leichtfertig, dich persönlich zu beteiligen. Du wirst eines deiner Leben aufs Spiel setzen. Wie viele hast du noch?“ Jetzt kann Alamon den lästernden Unterton nicht mehr unterdrücken.
Sofort wird Morlogane giftig und springt auf. „Es sind noch genug. Mach dir um mich mal keine Sorgen.“ Was bildet sich der Trottel denn ein. Ein Drache ist kein unüberwindbares Hindernis.
„Freddori war auch so mutig und hat verloren. Spätestens wenn du Zareb dort begegnest, kannst du aufgeben. Wenn der Feuerspucker Probleme hat, ist Zareb nicht weit. Ich weiß, mein Rat interessiert dich nicht. Ich gebe ihn dir aber trotzdem. Solange du dir über den Drachen im Unklaren bist, bleib dort weg.“
Die Albin will passend darauf antworten, aber die Veränderung in Alamons Gesicht bremst sie. Zu deutlich kehrt die Beherrschung zurück.
„Aber bitte! Lauf in dein Verderben. Ich kann dir keine Vorschriften machen. Und während du auf deine Wiedergeburt wartest, denk mal über meinen Vorschlag nach. Nur gemeinsam können wir siegen.“ Zum Schluss ist aber doch noch einmal jede Überheblichkeit verschwunden. Der Alb wirbt ein letztes Mal für seine Idee.
Dann steht er auf und geht zur Tür. Dort wendet er sich um. Er ist unendlich erschöpft. Friedfertigkeit kann so anstrengend sein. Die aufgestauten Gefühle brechen sich Bahn. „Wenn du Erfolg haben solltest, werde ich dich stets um Rat fragen.“, ruft er zum Abschied gehässig.
„Raus!“, brüllt Morlogane. Wie selbsttätig knallt die Tür zu, denn ein Wink der Albin hat sie heftig in Schwung gebracht. Alamon kann gerade noch den letzten notwendigen Schritt machen.
„Ich werde dich bei deiner Wiedergeburt erwarten.“, schreit der Alb. „Dein Plan hat Fehler. Studiere deine Feinde, bevor du sie angreifst. Und das so gründlich, dass du besser als sie ihre Gepflogenheiten kennst.“ Sofort bedeckt er wieder sein Haupt.
Totenstille lastet auf der Lichtung. Die ständige Geräuschkulisse ist verstummt. Das Geschrei der Alben hat es gestört. Alamon achtet nicht darauf, während er davon schwebt. Ihm geht das misslungene Gespräch durch den Kopf. Er ist unzufrieden. Wahrscheinlich hat dieses Weib recht und sie müssen erst einen Weg finden, ohne Streit miteinander zu reden. Was haben die Götter mit ihnen gemacht? Seit sie die Geister aus den Körpern befreien, ist nichts mehr, wie es war. Sie wurden gemeinsam bestraft und bekriegen sich seitdem untereinander. Ihre göttliche Macht konnten sie ihnen nicht nehmen. Nur gesammelt und für sie unerreichbar im Vulkan auf der Insel im Eis versenken. Dann kam die Welle der Veränderung, die die Geschlechter schied. Die Menschen haben alles aus der Zeit davor vergessen. Nur ein Abglanz des damaligen Lebens hat sich als Paradies in ihrem Geist erhalten. Lediglich Alben und Elben haben mehr Erinnerungen.
Dies lässt Alamon auf der Stelle verharren. Was, wenn die Götter nicht nur ihre Macht versenkten? Haben sie ihnen etwa auch altes Wissen geraubt? Waren sie vielleicht sogar selbst Götter? Gibt es, wie bei den Drachen, verborgenes Wissen? Was für ein Spiel wird mit ihnen getrieben? Es gibt so viele Fragen zu klären, so viel zu besprechen, es muss einfach gelingen, alle Alben zu einer Besprechung zusammen zu bringen. Bestimmt wird auch ihre Macht gebündelt alles bisher Bekannte weit übertreffen. Vielleicht könnte man dann wirklich den Berg im Ypan zerstören.
„Ich komme euch noch auf die Schliche! Ich werde euer Verbrechen an uns rächen. Unser Feind seid ihr!“
Des Alben Geschrei bringt gewaltige Unruhe in den Wald. Vielstimmiger Protest der Tiere, aufgescheuchte Vögel flattern kreischend davon. Im Buschwerk raschelt es hektisch.
War da ein Lachen zwischen all dem Lärm zu hören?
Misstrauisch lauscht Alamon mit allen Sinnen bis hinauf in den Himmel. Er scheint allein zu sein. Ihr werdet noch sehen, denkt er sich. Von jetzt an habe ich das richtige Ziel. Ich hole meine Macht zurück. Und alles, was ihr uns genommen habt.
Die schwarz gewandete Gestalt schwebt weiter durch den Wald. Es kehrt wieder Ruhe ein und kein Wesen nimmt Notiz von ihr. Die Geräuschkulisse ordnet sich wieder. Alles beruhigt sich.
* * * * *
Viele Monate später werden Schiffe in großer Zahl nachts den Maynes hinauf gezogen. Die Treidler, die an Land mit Seilen ziehen und jene, die die Schiffe steuern, gehen stumm und stur ihrer Arbeit nach. Keine Fackel erleuchtet ihren Weg. Kein Blick geht rechts oder links, alle schauen wie gebannt nur geradeaus. Trotzdem geht kein Schritt fehl. Hindernisse am Boden werden genauso sicher überstiegen, wie im Weg hängenden Ästen ausgewichen wird.
Tagsüber ist die ganze Kolonne vor allen Blicken verborgen. Zumindest ist nie zu Ohren gekommen, dass irgendwem dieser Zug aufgefallen sei. Seltsamer Weise kommt niemand dem Tross entgegen und es folgt auch niemand.
Irgendwo vor Ascaffaburc legen diese unheimlichen Reisenden an der rechten Flussseite an. Das an dieser Stelle seichte Ufer ist wohl geeignet, allen Booten Platz zu bieten. Nur geringer Baumbestand und eine weit ausladende Wiese sind wie geschaffen, die große Zahl der anlandenden Fahrgäste aufzunehmen. Die schwarzgewandete großgewachsene Gestalt, die während der ganzen Reise reglos am Bug des vordersten Bootes stand, springt an Land.
„Wacht auf, meine Lieben. Wir sind da.“
Regungslos stehen die Menschen, doch in die schlafenden Ungeheuer an Bord kommt Bewegung. Was man zuvor als eine gewaltige Ladung Felle hätte ansehen können, entpuppt sich nun als eine kleine Armee haariger, bis dato in diesem Teil der Welt unbekannter, lebendiger Wesen. Immer mehr erheben sich. Misstrauisch beäugen sie ihre neue Umgebung. Vorsichtig steigt der Erste ins flache Wasser. Kehlige, grunzende Laute bekunden sein Wohlgefühl. Mit einem Satz ist er an Land und springt auf allen Vieren herum. Dabei macht er noch ein paar Purzelbäume.
Sehr schnell sind die Kähne leer. Auch die Besatzungen mit ihren langen Stangen haben sie verlassen. Mit Seilen halten sie sie am Ufer. Sie rühren sich nicht. Und immer noch starren sie stumm vor sich hin. Keiner der Treidler achtet auf das, was um sie herum geschieht. Stocksteif, wie geistesabwesend, stehen sie da. Selbst als die monströse Fracht beginnt, an ihnen herum zu schnüffeln, regt sich kein Muskel.
„Ich weiß, ihr Armen habt Hunger. Dann lasst sie euch schmecken.“, erlaubt die schwarze Gestalt und gibt ein Zeichen. Mit lautem, unartikuliertem Geschrei reißen die Ungeheuer die Menschen nieder. Sie sterben lautlos und ohne Gegenwehr. Wobei, gegen diese Gegner gibt es nichts, sich zu wehren. Zu gewaltig und mächtig sind sie. Bisse in Kehle oder Genick sorgen für einen schnellen Tod. Sofort werden sie in Stücke gerissen und bald sitzen die wilden Wesen und fressen schmatzend das, was sie für sich nach den Rangkämpfen ergattern konnten. Ihr Fell ist blutverschmiert. Mit kräftigen Bissen reißen sie große Stücke aus Schenkeln oder Armen ihrer Opfer. Nichts wird verschmäht. Geschickte Finger untersuchen die geöffneten Schädel. Im weiten Rund sammelt sich das Blut der Getöteten.
Hätte ein verständiges Wesen dies Geschehen gesehen, es hätte sich mit Grausen abgewandt oder wäre vor Angst und Schrecken laut schreiend davon gerannt.
Zufrieden betrachtet die Gestalt das Treiben. Mit Genuss hat sie die Geister der Sterbenden beobachtet. Jetzt werde ich hier aufräumen. Bald ist Schluss mit Halblingen, Zwergen und Drachen, denkt sie sich. Morlogane ist da.
„Es nutzt dir nichts, täglich mehrmals auf das Dach der Festung zu klettern. Du kannst ihn nicht herbei gucken.“ Besorgt betrachtet Hemma ihren Mann, der vom königlichen Garten her das Schloss betritt. Vor Gram geht er derart nach vorn geneigt, dass sein weißblonder Bart, der stets hinter den Gürtel geklemmt ist, nun über dem fülligen Bauch Wellen schlägt. Dafür steht das Ende seines aus der Glatze sprießenden stramm geflochtenen Zopfes noch mehr im Bogen nach oben.
Ihr Gemahl bleibt in der Tür stehen. Sigurd Harthieb, Altkönig der Zwergenfestung, leidet sehr unter der Abwesenheit seines alten Freundes. „Er ist doch schon so lange fort. Bald jährt sich der Tag zum vierten Mal.“, jammert er niedergeschlagen. „Wie kann er uns und das Tal so lange alleine lassen? Was, wenn gerade jetzt einer dieser Alben auf die Idee kommt, anzugreifen? Ohne ihn sind wir doch völlig verloren.“
„Gabbro wird ihn schon rechtzeitig schicken, mein Hase.“, versucht sein Weib mit ruhiger Stimme zu trösten. Ihre rehbraunen Augen schauen ihn treu an und ein aufmunterndes Lächeln ziert das rundliche Gesicht mit den Pausbacken und dem niedlichen Grübchen am Kinn.
„Und wenn nicht?“ Sigurd betrachtet sie ohne sie wirklich zu sehen. Und das, obwohl er seine Augenweide immer so gerne ansieht. Ein Weib mit reichlichen Rundungen an den rechten Stellen, betont er gerne.
„Dann vertrau erst recht auf Gabbro. Unser Gott hat noch immer zu uns gestanden.“, beharrt die tief gläubige Zwergin und schüttelt den Kopf mit den braunen Haaren. „Geh beten, er möge dir Ruhe schenken.“
Unschlüssig, was er tun soll, verharrt ihr Gatte. Nach einem letzten, wehmütig suchenden Blick in den Himmel schlurft er aus dem Raum.
Aber Sigurd ist nicht der Einzige, der sehnsüchtig auf die Rückkehr des Drachen wartet. Auch sein Enkel Czepan ist begierig darauf, wieder mit Eringus sprechen zu können. Allerdings aus ganz anderen Gründen.
Vor vier Jahren, während das Albengezücht Sirenen und Nebelwesen Lotalus das Chynzychtal heimsuchten, kam es dem jungen Zwerg in den Sinn, später einmal nicht König der Zwergenfestung Steinenaue werden zu wollen. Mit seinen damals 19 Jahren fand Gernhelms Stiefsohn nicht wirklich Gefallen an dem, was ein König so zu tun habe. Er hat anderes im Sinn. Leider wusste er zunächst nichts Genaues und besah sich so ziemlich alle Gewerke, die es in einem Zwergenstaat zu tun gibt. Auf seiner Suche nach interessanter und einzigartiger Beschäftigung entschloss er sich letztlich dazu, das Leben und Wesen von Drachen zu erforschen. Schließlich sollte es etwas wirklich Besonderes sein. Es stand außer Frage, dass Eringus, als einzig verfügbarer Drache, nun Dreh- und Angelpunkt seiner Forschungsarbeit war. Zur Überraschung aller ging er dabei äußerst geschickt zu Werke und alles, was er bisher gelernt hatte, wurde zweckdienlich eingesetzt.
Zu seinem Leidwesen war er damit aber auch ungewollt der Auslöser für des Drachen Abwesenheit. Mit seinen Fragen veranlasste er ständig, dass sich Eringus in die weit zurückliegenden Zeiten der Erinnerungen seiner Vorfahren versetzen musste. Irgendwann stieß der Drache dabei auf einen Punkt, der in ihm etwas auslöste.
Man könnte sagen, Czepan hat in Eringus eine Lawine von Reaktionen und Schlussfolgerungen ausgelöst. Ihm fiel nämlich auf, dass sein, also Eringus, heutiges Verhalten nicht der eigentlichen Natur der Drachen entsprechen kann. Daraufhin kam ihm in den Sinn, andere Drachen zu suchen und deren Erinnerungen zu wecken, gleich wie seinerzeit der Elb Zareb ihn erweckte und die alten Erinnerungen und damit auch die in ihm verborgenen sagenhaften Fähigkeiten freilegte.
Das war nun, wie schon erwähnt, vor leidlich vier Jahren und seitdem langweilt sich Czepan. Und er hasst nichts mehr, als Langeweile. Sein Fragenkatalog ist rundum gereift und nicht mehr erweiterbar. Alle möglichen Messwerte sind bestimmt und bis auf wenige Ausnahmen eingetragen. Jetzt ist des jungen Zwergen innigster Wunsch, Eringus möge ihm andere Drachen benennen können, die er dann unverzüglich aufsuchen will. Nach der Freilegung des alten Wissens bestünde ja dann keine Gefahr mehr, gefressen zu werden.
In seiner Not hat Czepan ein anderes Betätigungsfeld gesucht. Deswegen hat er sich für die Zwischenzeit auf ein anderes Studium gestürzt, das sein inneres Begehren nach Aktivität zügeln soll. Er zeichnet.
Zur Sicherheit hat er sich am Anfang darauf beschränkt, wie die kleinen Zwerge in der Schule, mit gefärbten Kalkstiften auf Schiefertafel zu schmieren. Mehr und mehr war dann doch die Anleitung seines Meisters von Erfolg gekrönt. Über Kohlezeichnungen hin hat er sich schließlich auch an farbige Darstellungen gewagt. Viele Bögen sind dahin gegangen, aber inzwischen sind die Zeichnungen von Czepan hochgelobt und fast von einer Qualität, wie sie die alten Steinmetze mit ihren Bildnissen im Gang vom Markt zu den Wohnstollen und dem Palast vorgegeben haben. Man hätte sie fast für lebendig gehalten, so plastisch sind Czepans Gemälde. Er hat sich dafür sogar auf die Kunst der Farbenherstellung gestürzt und ein ganz eigenes Farbgefühl entwickelt.
Schon dutzende von Zeichnungen hat er aus dem Gedächtnis von Eringus gemacht. Diese sollen am Ende sein Buch über die Drachen ausschmücken. Doch auch diese Kunst ist inzwischen langweilig geworden.
Wo bleibt nur Eringus?
* * * * *
Eringus bewacht derweil im hohen Norden einen jungen Drachen. Er ist der Fünfte, den er finden konnte und leider auch der Sechste, sich selbst eingerechnet, der keine Ahnung davon hat, welches Wissen und welche Macht in ihm schlummert. Nicht einmal der Gabe des vernehmlichen Denkens waren sie alle mächtig. Vermutlich liegt das an der Einsamkeit, die alle Drachen bevorzugen. Er hat auch erst mit dem Kontakt zu den Zwergen und Halben diese Fähigkeit genutzt. Etwas, was seine Artgenossen zunächst überhaupt nicht verstanden haben. Wie kann man sich mit solchen Wesen befassen, ja sogar sich mit ihnen einlassen. Sie haben bisher immer jede Annäherung der Zweibeiner vehement verhindert. Zum Nachteil der Zweibeiner, die daraufhin sogar versuchten, Drachen zu töten. Ein lächerliches Unterfangen. Letztendlich hat man einen möglichst großen Abstand hergestellt. Deswegen ist die nähere Umgebung von Drachen grundsätzlich menschenleer.
Auf seiner Suche nach anderen Drachen musste Eringus ernüchtert feststellen, dass ihre Zahl enorm abgenommen hat. Er kann sich an Zeiten erinnern, da war es für Jungdrachen schwer, ein eigenes Revier zu finden. Leider ist dies aber die Erinnerung eines weit zurückliegenden Vorfahren, die mit der Zeugung vom Vater vererbt wurde. Von Freddori, dem Alben wusste er, dass dieser einige getötet habe. Dass er aber so viele erwischt haben soll, will nicht in des Drachen Kopf. Wo also waren dann die Anderen? Wie lange war es her, dass er sich mit einem jungen Drachen um das Revier streiten musste?
Mit Erschrecken stellte er fest, dass er sich überhaupt nicht mit irgendeinem streiten musste. Sein Kinzigtal war frei und die nächsten Drachen waren damals in Odinswald und in der Nähe von Uulthaha.
Seine Suche hatte er darum auch im Odinswald begonnen. Er wollte den altehrwürdigen Isbard befragen. Wochen hat er damit verbracht, eine Spur von ihm zu finden. Nichts. Gut, da kann man durchaus davon ausgehen, dass er tatsächlich gestorben ist. Sein Alter war Eringus zwar nicht bekannt, aber nach dessen Erzählungen hatte er wohl schon etliche tausend Jahre hinter sich. Wahrscheinlich hat er sich in seine Höhle zurückgezogen, um zu schlafen. Das war vermutlich sein letzter Schlaf.
Anschließend dehnte Eringus seine Suche aus. Immer weitere Kreise hat er gezogen. Keine Spur war zu finden. Keine geistige Ausstrahlung, keine Geruchsmarke, Nichts. Selbst wenn ein Drache zu einem einfachen Tier degeneriert, wäre zumindest Letzteres vorhanden gewesen. Oder vielleicht gerade deswegen. Ein verständiger Drache wie er setzt andere Zeichen, sein Revier abzugrenzen und fremde Artgenossen zu warnen. Und dass gerade jetzt so viele schlafen, ist mehr als unwahrscheinlich. Nicht einmal eine uralte Marke war auffindbar. Und von einem jungen, zugewanderten Drachen war erst recht nichts zu bemerken. Augenscheinlich gab es im Moment Revierplatz für hunderte Drachen. Warum wird seine Art immer weniger? Nur eine von vielen ungezählten Fragen, für die Eringus unbedingt eine Antwort finden will.
Erst in den Pirenes nahe dem westlichen Meer fand sich ein alter Drache, der sich Haris, der Wächter, nannte und das Frankenreich als das Seine betrachtet. Allein diese Ausdehnung ist für Eringus ein bestätigendes Zeichen, dass die Zahl der Drachen stark abgenommen hat. Früher hätten sich mindestens fünfzig, wenn nicht mehr, ein derart großes Gebiet geteilt.
Weiter östlich, aber auch nördlich davon, in den Alpes, lebt ein junges Drachenweibchen, Roja mit Namen. Endlich mal was Junges. Wie sich heraus stellte, gab sie sich in jungen Jahren diesen Namen, weil sie ihr Bild in der Abendsonne im Meer gesehen hat. Das war sehr rot.
Enttäuscht musste sie zur Kenntnis nehmen, dass Eringus schon das zeugungsfähige Alter weit überschritten hat. Sie war gerade mitten in ihrer Fruchtbarkeitsphase und erwartet einen potenten Partner. Auch in ihrem Umkreis sind Artgenossen nicht nur Mangelware. Der Jüngling hier wird bald soweit sein. Er wird sich freuen, von ihr zu hören. Groß ist die Auswahl leider nicht mehr. Es wäre mehr als erfreulich, würde aus dieser Verbindung in ein paar hundert Jahren ein junger Drache entstehen, dem der gesamte Erfahrungsschatz von Generationen von Drachen uneingeschränkt zur Verfügung steht. Das würde die Alben überhaupt nicht erfreuen.
Noch weiter östlich und noch mehr zum Norden hin, fand Eringus eine Drachin, die kaum älter war, als er. Von ihr erfuhr er interessante Informationen für die Zwerge. Man darf gespannt sein, wie sie es aufnehmen.
In den Karpaten letztlich entdeckte Eringus einen weiteren Drachen. Er hieß Velo und war um einiges schmächtiger als der Chynzychtaler. Dem waren zumindest noch die Alben ein Begriff. Hier war der Weg zum alten Wissen am schnellsten geebnet. Nach seinem Bericht hatte er es mit Albengezücht zu tun. Er erzählte von Untoten, die sich nachts unter die Menschen mischen, um ihren Opfern später das Blut auszusaugen. Irgendeine Albin oder ein Alb hat mit Menschen experimentiert und dabei diese Wesen erzeugt. Eigentlich das Forschungsgebiet von Alamon. Allerdings kann dazu keine gesicherte Aussage getroffen werden. Bekannt aber war, dass diejenigen, die sie am Leben ließen, selbst zu Untoten wurden. Gar viele Mären ranken sich mittlerweile um diese Blutsauger. Man erzählte sich, sie würden sich in Fledermäuse verwandeln und könnten darum fliegen. Etwas, worüber die Drachen herzlich lachten.
Da sie den Menschen gleichen, war es für Velo schwer, diese Untoten zu finden. Angeblich würden sie das Tageslicht meiden. Tatsächlich konnte dieser Drache die meisten dieser missbrauchten Menschen töten, wenn die Sonne nicht am Himmel stand. Einem Alben selbst war der Drache in den Karpaten noch nicht begegnet. Im Nachhinein war Velo froh darüber. Er wäre noch nicht in der Lage gewesen, sich in einem Kampf zu behaupten. Er versprach Eringus, seine wieder gefundenen Kräfte zu üben und auch weiterhin die Untoten zu jagen. Gleich den Alben muss ihr Gezücht verfolgt und vernichtet werden.
Bevor er sich weiter nach Norden wandte, fiel ihm die Drachin Sanesva in Inbhir Nis ein. Eine Zufallsbekanntschaft, die er nicht zu den nun neu gefundenen Drachen zählte. Sie ist zwar ein Wasserdrache, aber auch die gab es ja wohl nicht ohne Grund. Und vielleicht sah es ja unter dem Meeresspiegel zahlenmäßig besser aus.
Es hat Eringus etwas Zeit gekostet, Sanesva zu finden. Der See ist zwar sehr schmal, aber immens lang und vor allem auch tief. Und das Wasser ist nicht nur für Schallwellen ein Dämpfer. Mehrere Male zog er hin und her und rief nach ihr. Schließlich tauchte ihr Kopf mit der sehr langen und flachen Schnauze und den oben aufliegenden Nüstern vorsichtig über dem Wasserspiegel auf. Als sie ihn erkannte, kam sie freudig zu ihm.
„Ich habe gar nicht so zeitig wieder mit dir gerechnet. Ich freue mich, dich wieder zu sehen. Was führt dich zu mir? Mit mir plantschen willst du bestimmt nicht.“, lachte sie. Sie verzichtete darauf, den See zu verlassen. Ihre kurzen schwachen Beinchen vermögen den langen schlangenähnlichen Kopf nicht zu tragen. Unter Wasser aber ist dieser Körper äußerst wendig und mit den Häuten zwischen den Zehen schießt sie wie ein Pfeil durch die Fluten.
„Nun ja, das liegt halt in unsrer unterschiedlichen Natur.“, erwiderte Eringus verlegen. „Aber ja, ich habe eine sehr wichtige Frage an dich. Wir haben uns ja schon mal über unsere Erinnerungen an früher unterhalten. Du hast mir neue Einblicke in das Leben unter Wasser gegeben, aber wie weit zurück kannst du dich wirklich erinnern? Im Grunde und bei tiefschürfendem Suchen sollten wir Drachen eigentlich bis zum Urdrachen zurück gelangen. Also: Wie viele Vorfahren kannst du wirklich aufzählen, deren Wissen in dir schlummert?“
Jetzt wurde es für Sanesva schwer. So sehr sie sich auch mühte, sie kam nicht mal auf eine Million Jahre in die Vergangenheit. Der Chynzychtaler überzeugte auch sie davon, sich vertrauensvoll in seine Obhut zu begeben und lies sich von ihm helfen, die Barriere zu durchbrechen. Sie zogen sich in eine seichte Bucht zurück, damit sie dabei nicht ertrinken würde. Ihr Entwicklungsschlaf danach war nur von kurzer Dauer.
Als sie die Augen wieder aufschlug meinte sie: „Donnerwetter. Das ist ja auf mich eingestürmt wie damals, als ich aus dem Ei schlüpfte. Da hab ich aber jede Menge neu zu sortieren und zu lernen. Wie es aussieht, kann ich nicht nur Wasser durch die Gegend spucken. In mir schlummert Magie, aber das wusstest du sicher schon.“
„Ja. Deswegen bin ich gekommen. Ich bin von einem Elben auch erweckt worden und suche nun nach Drachen, denen ich in gleicher Weise helfen kann. Jetzt habe ich eine große, ja fast unverschämte Bitte. Würdest du für mich deinen See verlassen und im Meer nach anderen Wasserdrachen suchen? Meine Fähigkeiten dafür sind mehr als nur begrenzt.“
„Aber gerne. Für dich tu ich das. Mein See fließt direkt ins Meer. Es ist für mich also kein Problem, mich auf die Reise zu machen. Ich sehe aber nur zwei andere Hindernisse. Das Erste: Ich werde sehr lange dafür brauchen. Es gibt mehr Meer als Festland. Es ist tief und groß und weit. Und wenn ich kein Einzelfall bin, werden sich durchaus auch andere Wasserdrachen in einen See mit Meeresblick verzogen haben. Bis ich das alles durch habe, können Jahre vergehen.
Und deswegen das Zweite: Bis wann willst du Bescheid wissen? Wann und wo wollen wir uns treffen, damit ich dir wenigstens ein Zwischenergebnis geben kann? Sicher soll ich den Gefundenen gleich auch auf die Sprünge helfen, wie du mir. Richtig?“
„Du bist weise wie alle Drachen.“, lobte Eringus ein wenig schleimend. Das Mädchen hatte wohl besonderes Gefallen an ihm gefunden und das obwohl die Paarungsfähigkeit bei beiden schon lange vorüber war. Allerdings war sie ihm auch nicht unsympathisch.
