Erinnerungen - Sinéad O'Connor - E-Book

Erinnerungen E-Book

Sinéad O'Connor

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Beschreibung

Sinéad OʼConnor ist zurück: schmerzvolle Kindheit, gigantischer Welthit, ergreifende Niederlagen und Siege – die schonungslos offene Autobiografie Sie ist die Frau mit dem kahl rasierten Kopf, die »Nothing Compares 2 U« zu einem weltweiten Hit machte, vor laufenden Kameras ein Foto von Papst Johannes Paul II. zerriss und zur meistgehassten Person wurde. Sinéad OʼConnor hat immer das gemacht, was sie für richtig hielt – egal, ob ihr das Nachteile brachte oder nicht. Auch in ihren Erinnerungen nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Spricht über ihre schmerzhafte Kindheit, musikalische Erfolge und persönliche Niederlagen. Aber auch über das Glück, Mutter zu sein, ihre fortwährende Suche nach spiritueller Erfüllung – und die Kraft der Musik, mit deren Hilfe sie überlebte und zu sich selbst fand.

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2021

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SINÉAD O’CONNOR

ERINNERUNGEN

SINÉAD O’CONNOR

ERINNERUNGEN

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Auflage 2021

© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die englische Originalausgabe erschien 2021 bei Houghton Mifflin Harcourt unter dem Titel Rememberings. Copyright © 2021 by Universal Mother, Inc. All rights reserved. Published by special arrangement with Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Auszug aus Bob Dylans »To Ramona«: Copyright © 1964 by Warner Bros. Inc.; renewed 2020 by Universal Music Publishing Group. All rights reserved. International copyright secured. Reprinted by permission of Universal Music Publishing Group.

Übersetzung: Peter Peschke

Redaktion: Rainer Weber

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Umschlagabbildung: Richard Schroeder / Kontributor

Layout und Satz: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-96775-061-4

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96775-062-1

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96775-063-8

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Vorwort

ERSTER TEIL

Prolog: Hey, Hey, We’re The Monkees!

Das Klavier

Meine Großväter

August 1977

Lourdes

Meine Tante Frances

Der Zug

Versunken in der Musik

Will You Still Love Me Tomorrow?

Die Plattensammlung meiner Mutter

Weshalb ich singe

The House of the Rising Sun, erster Teil

The House of the Rising Sun, zweiter Teil

The House of the Rising Sun, dritter Teil

Song to the Siren

Schwestern

Any Dream Will Do

John, I Love You

Über meinen Vater

Gedicht aus meiner Jugend

ZWEITER TEIL

Who Are You?

Ankommen

Eine oder zwei Lektionen

Inflammable Material

Kopfrasur

The Lion and the Cobra

Woks und Wecker

My Boy Lollipop, Juli 1987

The Way Young Lovers Do

There Is a Light That Never Goes Out, 1987

Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten etc.

Funny How Time Slips Away

Paper Roses

Sheviti Adonai L’negdi Tamid – I Place God Before Me Always

Deshalb gibt es Schokolade und Vanille

War, erster Teil – Saturday Night Live, 1992

War, zweiter Teil – Irgendwem muss es ja nutzen

It Ain’t Necessarily So

The Condition My Condition Is In – 1992, ein paar Tage danach

Ein Obdachloser zu Ostern

War, dritter Teil – Oktober 1992

Mein sternenbesetztes Banner

DRITTER TEIL

Ein paar musikalische Hinweise

I Do Not Want What I Haven’t Got

Am I Not Your Girl?

Universal Mother

Gospel Oak

Faith and Courage

Sean-Nós Nua

Throw Down Your Arms

Theology

How About I Be Me

I’m Not Bossy

Demnächst …

Dagger Through the Heart

The Greatest Love of All

Lou Reed

Ein paar Lektionen und wahre Geschichten

Mr. Bigstuff

Jake, Roisin, Shane und Yeshua

The Wizard of Oz

Vorwärts und jetzt

25. September 2019

Postskriptum

Epilog

Allen Angestellten und Patienten des St. Patrick’s University Hospital in Dublin mit Liebe gewidmet

Für meinen Vater, John O’Connor, sowie für David Rosenthal, Bob Dylan und Jeff Rosen

Vorwort

Ich erinnere mich nur an das, was ich meinem Verleger gegeben habe. Abgesehen von dem, was privat bleiben soll und dem, was ich vergessen will. Die Gesamtheit dessen, woran ich mich nicht erinnere, würde indes zehntausend Büchereien füllen, daher ist es vielleicht ganz gut, dass vieles in Vergessenheit geraten ist.

Hauptsächlich liegt das daran, dass ich bis vor etwa sechs Monaten gar nicht wirklich gegenwärtig war. Und während ich diese Zeilen schreibe, bin ich 54 Jahre alt. Es gibt viele Gründe dafür, dass ich nicht wirklich zugegen war. Hier sind sie nachzulesen. Zumindest die meisten von ihnen.

Tatsächlich war ich noch zugegen, bevor mein erstes Album erschien. Und dann bin ich irgendwo in mir selbst verschwunden. Ich habe angefangen, Marihuana zu rauchen, und ich habe erst 2020 damit aufgehört. Also, ja, ich bin nicht so recht da gewesen, und es ist schwierig, sich etwas ins Bewusstsein zurückzurufen, bei dem man nicht zugegen war.

Musik zu machen ist etwas, worüber sich schwer schreiben lässt. Damals war ich da, ich war zugegen. An dem Ort tief in mir selbst, den nur ich kenne. Wenn man aber über Musik reden könnte, dann bräuchte es keine Musik, deshalb betreffen die Sachen, von denen ich hier erzähle, vielleicht nicht immer die Musik. Sie sind jedoch die Summe dessen, woran ich mich erinnern kann, und erzählen die Geschichte von meiner Jugend bis heute.

Ich habe manche Menschen nicht erwähnt, weil ich weiß, dass sie lieber anonym bleiben wollen, und andere, weil ich möchte, dass sie angepisst sind, wenn sie in diesem Buch nach ihrem Namen suchen und ihn nicht finden.

Dass ich nicht wirklich gegenwärtig war, erklärt, warum sich in diesem Buch zwei Stimmen finden, die klar voneinander zu unterscheiden sind; eine davon führt bis zum Zerreißen des Papst-Bildes im Jahre 1992, danach setzt eine neue an. Das liegt daran, dass ich nach dem Verfassen der »Papst-Kapitel« (die von meinem Auftritt bei Saturday Night Live sowie dem Vorabend erzählen) vier Jahre brauchte, um überhaupt wieder etwas schreiben zu können; vier Jahre, in denen ich immer wieder Zeit in stationärer Therapie verbrachte, um die Gründe dafür zu verstehen, warum ich nicht da war, nicht präsent. Danach setzte eine neue Stimme zu sprechen an. Und ich hoffe, dass die Leserinnen und Leser das so hinnehmen können. (Etwas Besseres kann ich nicht wirklich anbieten.)

Ich werde in absehbarer Zeit sicher keine Literaturpreise gewinnen. Ich bin kein Bob Dylan und auch kein Shakespeare; schriftstellerisch spiele ich nicht einmal in derselben Liga wie mein fantastischer Bruder Joseph. Aber ich habe meine Geschichte so erzählt, wie es meiner Erinnerung entspricht, und ich habe versucht, sie so zu erzählen, wie ich spreche. Ich habe mir ein bestimmtes Gegenüber vorgestellt, während ich die Kapitel schrieb oder erzählte. Wer das war, werde ich aber nie verraten.

Ich war sehr jung, als meine Karriere begann. Ich hatte nie die Zeit, »mich selbst zu finden«, und habe sie mir auch nie genommen. Aber ich glaube, man erkennt in diesem Buch ein Mädchen, das zu sich selbst findet, nicht durch seinen Erfolg in der Musikindustrie, sondern indem es die Gelegenheit ergreift, auf vernünftige und vollumfängliche Weise den Verstand zu verlieren. Dabei geht es darum, dass wer den Verstand verloren hat, ihn auch wieder finden und dann im Leben besser zurechtkommen kann.

Heute bin ich eine ältere Frau mit einer anderen Stimme. Das hier ist also nur meine erste Autobiografie. Ich beabsichtige, ein langes Leben zu leben und darüber Tagebuch zu führen, damit ich nichts vergesse. Doch zunächst war es notwendig, das Kind in mir sprechen zu lassen, denn es musste sprechen. Und weil ich das getan habe, ist es nun ein Mädchen, das sich entschieden hat, etwa 17 Jahre alt zu sein und zu bleiben.

Meine Leserschaft soll wissen, dass ich meinen beiden Eltern gegenüber Mitgefühl und tiefe, grenzenlose Liebe empfinde; sie haben ihr Bestmöglichstes getan in einer Zeit, die schwierig war für Irland und das irische Volk. Und mein Vater ist noch immer mein Vorbild. Er musste mehr Schmerz ertragen als jeder andere mir bekannte Mensch – und er ertrug ihn mit einem solchen Heldenmut. Das Soldatentum liegt in der Familien-DNA. Groß- und Urgroßonkel von mir waren beim Militär. Und etwas davon lebt sowohl in meinem Vater als auch in mir weiter.

Ich hoffe insbesondere, dass ich niemanden in meiner Familie beleidige oder wütend mache, indem ich das Kind in mir sprechen lasse. Ich berichte hier ausschließlich von meinen eigenen Eindrücken. Und ich bitte vorab um Entschuldigung, wenn irgendetwas von dem, was ich hier geschrieben habe, jemanden verärgert. Das war nicht meine Absicht.

Meine Absicht war es, all die Puzzleteile meines Selbst vor mir auszubreiten, um zu versuchen, sie zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Mein Wunsch war es, verstanden zu werden. Außerdem ging es mir darum, dass nicht die Bornierten meine Geschichte erzählen, wenn ich einmal fort bin. Was passiert wäre, hätte ich sie nicht selbst erzählt.

Wenn ich als Künstlerin mir etwas erhoffe, dann dass ich gewisse Leute dazu inspiriere, zu sein, wer sie wirklich sind. Mein Publikum scheint sich aus Leuten zusammenzusetzen, denen man das Leben schwer gemacht hat, weil sie »sie selbst« waren. »Es ist nicht einfach, grün zu sein«, würde Kermit sagen – vielleicht wissen sie gar nicht, dass ich dank ihrer sein kann, wer ich wirklich bin. Auf der Bühne kann ich immer die sein, die ich wirklich bin.

Jenseits der Bühne eher weniger. Niemand hat mich je verstanden, nicht einmal ich selbst, wenn ich nicht gesungen habe.

Aber ich hoffe, dass dieses Buch Sinn ergibt.

Wenn nicht, dann versuchen Sie doch mal, es sich vorzusingen. Vielleicht hilft das ja.

ERSTER TEIL

Prolog: Hey, Hey, We’re The Monkees!

Bevor wir beginnen und um etwas Klarheit zu schaffen, erläutere ich hier die Architektur meiner Familie und wann ich mit wem gelebt habe.

Meine Mutter Marie und mein Vater John heirateten 1960 und richteten sich ein Zuhause in Crumlin ein, einem Vorort Dublins, in dem sie aufgewachsen waren. Drei Jahre später kam mein Bruder Joe zur Welt und sie zogen ins mittelständische Glenageary, ganz am anderen Ende der Stadt. 1965 kam dann meine Schwester Éimear. Vierzehn Monate später, im Jahr 1966, folgte ich. Und 1968 schließlich mein Bruder John.

1975 traf mein Vater die vernünftige Entscheidung, meine Mutter zu verlassen – aus Gründen, die sich in diesem Buch nachlesen lassen. Ihm wurde das Sorgerecht für uns zugesprochen und wir wohnten bei ihm und seiner neuen Liebe, meiner (wunderbaren) Stiefmutter Viola. Mein kleiner Bruder und ich blieben jedoch nur etwa sechs Monate dort, weil wir unsere Mutter vermissten.

Damals war ich neun Jahre alt. Ich blieb bei meiner Mutter, bis ich dreizehn war, und dann zog ich aus freien Stücken wieder zu meinem Vater. Nach dem, was sich im Haus meiner Mutter zugetragen hatte, gelang es mir nicht, mich dort anzupassen, deshalb ging ich gegen Ende meines dreizehnten Lebensjahres in eine Einrichtung, die man, will man höflich bleiben, als »Rehabilitationszentrum für verhaltensauffällige Mädchen« bezeichnen würde. (Ich glaube, die ganze Welt weiß, dass meinem Vater dafür eine Rückvergütung zusteht, denn ganz offensichtlich hat mein Aufenthalt dort nichts gebracht.)

Mit fünfzehn Jahren zog ich von besagtem Zentrum in ein Internat in Waterford. In jenem Sommer schloss ich mich einer Band an, und als ich wieder zur Schule zurückkehrte, vermisste ich die Band. Also lief ich im Dezember, nachdem ich sechzehn geworden war, von der Schule fort und besorgte mir ein möbliertes Zimmer, sehr zum Schrecken meines mittellosen Vaters. Er willigte schließlich ein, mich dort bleiben zu lassen, nachdem ich eingewilligt hatte, das Nasenpiercing zu entfernen, das ich mir ebenfalls besorgt hatte. Er zahlte meine Miete, aber sonst nichts, also musste ich arbeiten. Er ist ein Genie.

Die zweite Frau meines Vaters, Viola, hat drei Töchter aus einer früheren Ehe. Daher habe ich drei Stiefschwestern. Viola und mein Vater haben ebenfalls einen Sohn namens Eoin. Auch er ist also mein Bruder.

Meine Mutter kam 1985 bei einem Autounfall ums Leben. Da war ich achtzehn. Etwas später im selben Jahr, nachdem man mir bei Ensign Records einen Plattenvertrag angeboten hatte, zog ich nach London.

Mein erstes Kind kam zur Welt, als ich zwanzig war, drei Wochen vor der Veröffentlichung meines ersten Albums. Ich habe noch drei weitere Kinder und bisher zwei Enkelkinder.

Das Klavier

Es ist Weihnachten und ich bin in der guten Stube meiner Großmutter väterlicherseits, die meistens nach Kohl stinkt (die Stube, nicht die Oma).

Die Lichter rund um den Baum bedeuten, dass die anderen Lichter im unteren Stockwerk nicht brennen. Die Erwachsenen verschwinden in den dunkelblauen Schatten, miteinander beschäftigt und der Stube abgewandt, alle Nase lang laufen sie die Treppen rauf und runter. Ich bin klein genug, um nicht bemerkt zu werden, wenn sie nur geradeaus und nicht nach unten blicken. Ohne Aufsicht eines Erwachsenen ist die Stube meiner Großmutter für mich tabu. Hier drinnen befindet sich der Weihnachtsbaum. Ich konnte mich unbemerkt hineinschleichen, um die Geschenke zu begutachten, aber was mich wirklich lockt, ist etwas anderes.

An der Wand steht ein altes Klavier. Die Tasten sind gelb, so wie die Zähne meines Großvaters. In den Tönen liegt ein Echo, ein seltsamer Klang, wie die Geisterglocken eines versunkenen Schiffes. Ich schleiche mich hier oft allein rein, weil das Klavier nach mir ruft. Es bringt die Luft um sich herum in breiten Wellen zum Vibrieren, mit einem nur vagen Anklang von Farben, gerade genug, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.

Es klingt so betrübt, wenn ich die Töne spiele. Das Ding ist traurig. Einmal, als der Abend dämmerte, habe ich es nach dem Grund gefragt. Weil es in mir spukt, sagte es, und es forderte mich auf, mein Ohr auf seinen Bauch zu legen – jene flache Holzplatte, die sich vor den Schienbeinen befindet, wenn man das Klavier spielt. Ich drückte meine rechte Wange auf das Holz und das Klavier sagte: Jetzt spiele ein paar Töne. Das tat ich, indem ich mit meinem linken Arm nach oben griff, sodass mein Gesicht bleiben konnte, wo es war. Unter den Tönen hörte ich viele wirre Stimmen, die alle gleichzeitig flüsterten. Ich konnte nicht verstehen, was sie sagten, so viele waren es.

Ich schoss wieder nach oben und sagte: »Was sind das für Stimmen?« Das Klavier antwortete: Geschichten. Und es fuhr fort: Sie sitzen dort fest. Sie können nicht hinaus, wenn niemand auf mir spielt, und ich kann nicht atmen, wenn sie alle in mir sind. Dann sagte es: Es ist mir egal, wenn du mich schlecht spielst, ich brauche nur die Berührung. Spiel mich ganz leise, sachte, sachte, so als spieltest du kaum, denn ich bin ein zartbesaitetes Ding, und die Geister in mir sind sehr verstimmt.

Ich sagte: »Du hast mir immer noch nicht gesagt, wessen Stimmen das sind.« Das wolle es mir nicht verraten, erwiderte das Klavier. Ich fragte nach dem Grund. Wegen des Krieges, sagte es. Ein Kind sollte vom Krieg nichts wissen. Es sagte: Die Menschen sprechen nicht, deshalb fliegen ihre Gefühle in musikalische Dinge. Und es sagte: Die Geister, das sind Sachen, an die die Menschen sich nicht erinnern wollen.

Am Weihnachtsabend knieten wir vor der Krippe in der Diele, um das Jesuskind hineinzulegen, weil es ja nicht vor Mitternacht dort sein konnte, und wir sangen all die Lieder, die mich zum Weinen brachten. Mein Vater musste helfen, mich wieder aufzurichten und die Treppe hoch ins Bett zu kriegen. Ich konnte nicht richtig laufen, weil die Weihnachtslieder in meinem Körper waren. Sie verbogen und verdrehten mich, sodass ich nicht gerade stehen konnte. Mein Vater versteht, dass Lieder mich zum Weinen bringen. Er findet das nicht seltsam. Ich mache mir immer Sorgen, dass ich seltsam bin, weil Lieder mich zum Weinen bringen und zum Krüppel machen und ich doch nur ein Kind bin. Nachdem er mich gut zugedeckt hat, singt er »Scarlett Ribbons« für mich. Seine Stimme klingt sehr traurig. Er ist oft traurig. So wie ich.

Lovely ribbons, scarlet ribbons

Scarlet ribbons for her hair

Das Lied bringt mich fast um den Verstand. Dass es so etwas wie Engel gibt und diese Engel Schleifen für das Haar zurücklassen, dass die Gebete von Kindern erhört werden und dass der capo di tutti capi höherrangig als die eigenen Eltern sein kann.

Ich will aber keine Schleifen für das Haar, ich will mich von Liedern in diese andere Welt tragen lassen. Ich mag die Realität nicht. Ich möchte mich nicht nach drei Minuten in ihr wiederfinden, nur um dort verweilen zu müssen, bis sich die nächste Chance auftut, sie zum Verschwinden zu bringen.

Meine Großväter

Der Vater meines Vaters ist ein Möbelschreiner. In einer selbstgebauten Voliere, die sich über die untere Seite seines Gartens erstreckt, hält er Kanarienvögel und Brieftauben. Ich habe ihn wirklich gern. Verglichen mit dem Vater meiner Mutter ist er pummelig, und er kichert viel, hat ein rauchiges Lachen.

Ich habe oft meine ganze Hand um seinen Zeigefinger geschlungen und ihn zum Vogelhaus gezerrt, damit ich dabei zusehen konnte, wie er die Tauben fliegen ließ – mit Nachrichten, die in kleinen, an ihren Füßen festgebundenen Röhrchen steckten –, nur damit sie später wieder zurück zu ihm fliegen konnten, mit leeren Krallen. Einmal fragte er mich, ob ich wolle, dass ein fetter Vogel eine Nachricht für mich überlieferte, also ließ ich ihn schreiben: Hallo, Gott, von Scamp.

Als ich einmal nachfragte, sagte mein Großvater, dass das mein Spitzname sei, weil scamp das Wort für ein Schlitzohr ist, eine Spitzbübin, ein freches Ding, und dass ich von allen Kindern meiner Mutter das frechste sei. Aber er warf seinen Kopf in den Nacken und keckerte mit rauchiger Stimme, nachdem er es gesagt hatte. Sah selbst wie ein großes Kind aus, so glücklich leuchteten seine Augen. Er mag mich, weil ich frech bin. Vielleicht war er unter den Kindern seiner Mutter auch das frechste.

An den Abenden gehen er und meine Großmutter zusammen auf ein Glas Porter aus, Dunkelbier, weil sie verliebt sind. Ich mag es, ihnen nachzusehen, wie sie die Straße hinunterlaufen, wenn ich im Sommer auf ihrem Eingangstor schwinge. Sie haben sich kennengelernt, als sie beide in derselben Straße wohnten, der Francis Street in den Liberties, einem innerstädtischen Viertel Dublins, einer historischen Arbeitergegend, in der Guinness und andere Brauereien beheimatet sind. Aber als mein Vater zwölf Jahre alt war, musste seine Familie die Liberties verlassen und nach Crumlin ziehen – eine gewöhnliche Wohngegend nahe dem Stadtzentrum. So kam es, dass die Eltern meines Vaters in derselben Straße wohnten wie die Eltern meiner Mutter, nämlich in der Keeper Road. Also haben meine Eltern sich ebenfalls kennengelernt, weil sie in derselben Straße lebten, genau wie die Eltern meines Vaters.

Der Vater meiner Mutter liefert Brote aus und trägt eine altmodische Weste mit Taschenuhr sowie einen langen schwarzen Mantel und schwarze Hosen. Er ist sehr lang und dürr, sodass er mehr oder weniger aussieht wie der irische Politiker Éamon de Valera auf Diät.

Das Haus von ihm und meiner Oma sieht aus wie die meisten Häuser alter Leute. An der Wand hängen überall vergilbte Bilder von Päpsten, von Pater Pio, dem italienischen Nationalheiligen, und von Maria und Jesus. Auf halber Treppe hängt über schmalen Stufen eine leuchtend rote Herz-Jesu-Lampe an der Wand. Das ist richtig gruselig; niemand will die Treppe hinaufgehen, wenn alle anderen Lichter aus sind.

Der Vater meiner Mutter mag Frauen nicht, die Make-up tragen. Sagt, sie seien »Jezebels«, liederliche Weibsbilder. Seine Beleidigungen haben meist einen biblischen Bezug. »Judas!«, ruft er, wenn dieser oder jener Name fällt. Oder: »Pharisäer!« Er will vom Leben nicht mehr als seine Ruhe, kann aber das Wort »Ruhe« nicht richtig aussprechen, weil er mit einem harschen, abgehackten Dialekt spricht. Wenn wir zu laut sind, schnauzt er uns über seine Zeitung hinweg an: »Rruh! Rruh!« Das bringt uns zum Kichern, und dann muss er noch mal laut werden.

Um wiedergutzumachen, dass ich ihn gequält hatte, stehe ich an den Abenden, wenn er und ich allein sind, hinter seinem Schaukelstuhl und wippe ihn ganz behutsam, damit er einschlafen kann. In meinem Kopf mache ich Musik zum Rhythmus des Stuhls, damit meine Bewegungen sachte bleiben und ihn nicht aufwecken. Es geht eins-zwei, drei, eins-zwei, drei, eins-zwei, drei, wieder und wieder.

August 1977

Elvis ist tot. Ich weine so verdammt viel, dass ich mein Bett nicht machen kann. Mein Körper will nicht funktionieren. Ich versuche immer wieder, das Laken über das Bett zu werfen, aber es gelingt mir nicht, meine Arme wollen nicht mitmachen. Ich versuche, über das Bett zu krauchen, in jeder Hand eine Ecke des Lakens, aber auch das gelingt nicht, meine Beine funktionieren nicht. Ich werde Ärger mit meiner Mutter kriegen, weil ich das Bett nicht gemacht habe. Es ist mir zu peinlich, ihr zu erklären, warum ich die sauberen Laken mit Rotze und Tränen besudle oder warum ich ständig auf die Knie falle und wieder aufstehe. Ich glaube, sie mag Elvis auch. Vermutlich weiß sie insgeheim, weshalb ich so ein Häufchen Elend bin. Sie ist nicht allzu sauer wegen des Betts. Eigentlich ist sie gar nicht sauer, was höchst ungewöhnlich ist.

Jetzt, da Elvis tot ist, brauche ich einen Vater. Mein Vater ist nicht tot, ich habe ihn nur sehr lange nicht gesehen, weil meine Mutter ihn nicht mag. Tatsächlich kann man sagen, sie können einander nicht ausstehen. Es ist schrecklich, wenn sie zusammen sind. Allein mit unserem Dad ist es nicht sonderlich schrecklich. Aber sie ist anders.

Ich halte nach keinem Vater Ausschau, weil ich Gott habe. Und Gott schickt mir Zeug, weil ich zu Ihm spreche. Natürlich ist Er der beste aller Väter. Aber ich bin ein Kind. Ich brauche die Stimme eines Vaters, und der arme Gott hat keine Stimme. Aus irgendwelchen Gründen mag ich Stimmen. Keine Ahnung, wieso. Die Stimmen mancher Leute machen, dass ich sie knuddeln will. Aber vor dieser Art von Nähe habe ich richtig Angst.

Mein Körper funktioniert nicht, wenn jemand versucht, mich zu knuddeln. Ich mag meine Tante Lily, und es verletzt sie, dass ich nicht mit ihr kuschle. Ich möchte wirklich. Aber ich erstarre und in meinem Kopf sehe ich einen Berg aus blutüberströmten Wölfen; es ist so viel Blut, dass sie sich nicht bewegen können, und nur ein Wolf läuft herum, nämlich der, der ganz unten im Wolfshaufen lag, als passierte, was auch immer passiert ist – und dieser Wolf hat kein Blut an sich. Er sucht nach Hilfe.

Meine Oma, die Mutter meiner Mutter, habe ich auch seit einer Weile nicht gesehen. Sie hat eine sanfte, liebe Stimme. Sie mag mich. Sie sagt, ich sei ehrlich, und dass ich mich nie entschuldigen solle, wenn ich es nicht ernst meine. Bei ihr darf ich alles haben, was ich eigentlich nicht essen darf. Wenn ich bei ihr unter der Bettdecke liege, dann kann sie mich nur durch einen Blick in meine Augen zum Einschlafen bringen. Ich mag das Ticktack ihrer Uhr. Das lässt mich Musik hören. Ich habe meine Oma seit sechs Jahren nicht gesehen. Da kam sie mit all den Bussen die ganze Strecke von der Keeper Road, mit meinem Geburtstagsgeschenk. Meine Mutter hat sie nicht reingelassen. Meine Oma weinte und stand in der Tür, sah mich auf der Treppe sitzen. Meine Augen waren vor Angst weit aufgerissen. Sie flehte meine Mutter an. Sie wollte zu mir. Sie trug ihren hellbraunen Mantel. Sie gab meiner Mutter das Geschenk. Meine Mutter sagte, ich könne es auf der Treppe öffnen, aber dann müsse meine Oma wieder gehen. Sie durfte noch immer nicht aus der Dezemberkälte hinaus in unser Haus treten. Meine Oma mag meinen Geburtstag, weil es auch ein heiliger Feiertag ist und weil sie Gott so sehr liebt, wie sie mich liebt.

Es war ein weißer Schlafanzug mit ganz vielen Tigern darauf. Ich liebte ihn. Ich ließ meine Augen für meine Oma lächeln, weil ich wusste, dass es mir nicht erlaubt war, mit dem ganzen Gesicht zu lächeln. Sie machte es ebenso. Aber über ihr Gesicht liefen Tränen. Und seitdem, wie gesagt, habe ich sie nicht mehr gesehen. Richtig mit dem Rauchen habe ich angefangen, weil sie auch raucht und ich mag, wie sie riecht. Ich bete viel, so wie sie es mir gesagt hat. Ich liebe Gott, so wie sie es mir gesagt hat. Ich bitte Ihn immer nur darum, bei mir zu sein.

Eines Morgens, nach Elvis, komme ich die Treppe herunter und höre die Stimme eines freundlichen Mannes ein Mädchen ansingen, dem er sagt, dass es nicht mehr weinen müsse. Ich gehe zum Plattenspieler. Ich lasse meinen Bruder Joe das Lied noch einmal spielen. »Wer ist das?«, frage ich. »Bob Dylan.« Auf dem Albumcover sehe ich, dass er so wunderschön ist, als wäre ein Atemhauch Gottes aus dem Libanon Mann geworden.

Ich darf die Platte nicht anrühren, wenn mein Bruder nicht zu Hause ist. Ich warte jeden Tag am Fenster, weil er einen Job für die Sommerferien hat. Ich renne hinaus auf die Straße und um die Ecke, um nach ihm Ausschau zu halten. Ich weiß nie, wann er heimkommen wird. Es ist absolut nicht sicher für mich, wenn er nicht da ist. Meine Mutter mag kleine Mädchen nicht.

Ich mag, wie dieser Dylan-Mann singt. In meinem Kopf nenne ich ihn Libanon-Mann. Vor seinem Brustkorb hängt eine leere Babytrage. Da lasse ich mich reingleiten. Seine Stimme ist wie eine Decke. Er ist sehr zärtlich und er liebt Mädchen. An seiner Brust schlafe ich ein.

Also habe ich damit aufgehört, in ganz Glenageary an Türen zu klopfen, um die Leute zu fragen, ob ich ihr Kind sein kann. Was ich immer mal wieder getan habe, seit ich etwa sechs Jahre alt war. Diese Leute bringen mich ohnehin immer nur nach Hause, in der Annahme, dass meine Mutter wie anderer Leute Mütter wäre. Dylan würde sich nie von ihr täuschen lassen. Aber manche von ihnen haben mir Cheese Balls und so was gegeben. Eine Familie veranstaltete gerade eine Tupperparty, als ich klopfte. Die nette Frau bat mich hinein, weil ich weinte. Sie sagte, sie könne mir nicht helfen, aber ich könne eine Weile bleiben. Also habe ich beschlossen, mich unter den Tisch zu setzen, weil so viele Menschen im Haus waren. Sie gab mir jede Menge Essen. Ich wäre gerne bei ihr geblieben. Als sie mich dann nach Hause brachte, tat meine Mutter ganz freundlich an der Tür. Bob ist eh ein viel besserer Vater als Elvis. Daran dachte ich die ganze Zeit, während ich gegen die Wand gedrückt war und ihr Knie in meinen Bauch stieß.

Lourdes

Wir sind gerade von Lourdes zurückgekommen, vor fünf Tagen. Bisschen dramatisch. Sagen wir einfach, es gab eine »Episode« seitens meiner Mutter, nach der ein Priester von mir beschwatzt und an seinem Arm herbeigezerrt wurde, um ihr zu helfen, denn wegen nichts anderem sind wir hingefahren.

Na ja, ich bin deswegen hingefahren; die anderen mussten mitkommen, weil der Ausflug das Konfirmationsgeschenk war, um das ich gebeten hatte. Jesus’ Mutter, so mein Deal, möge doch mal sehen, ob sie meiner helfen könne. Ich sagte niemandem, dass ich so etwas dachte. Sie schoben es einfach darauf, dass ich von der ganzen Lourdes-Sache besessen war, weil ich seit Jahren darüber gelesen hatte. Meine Oma hat mir davon erzählt, wegen meines Geburtstags und weil mein zweiter Vorname, Bernadette, auch der Name des jungen Mädchens war, das dort die Jungfrau Maria gesehen hatte.

Am Tag vor unserer Rückkehr von Lourdes nach Dublin hatte sich immer noch keine Heilung für den Wahn meiner Mutter gefunden, also beschloss ich gegen vier Uhr nachmittags, auf Priesterfang zu gehen. Mein auserwähltes Opfer wurde unter (meinem) Protest an seinem Ärmel mitgeschleift und war nicht so erpicht darauf, sich ans Werk zu machen, wie ich das von ihm erwartete. Er bummelte mit seiner Zeitung durch den Sonnenschein an der Pforte der Basilika vorbei. Schließlich gab er klein bei, weil ich ihm zu viel war (ich präsentierte die Kulleraugen); er glotzte mich an, als wäre ich verrückt, zu glauben, in Lourdes könnten Wunder geschehen, obwohl seine Chefs ihn angeheuert hatten, genau das zu verkaufen.

Ich hatte meiner Mutter gesagt, dass ich mir ein Eis holen wolle, deshalb erzählte ich ihm, während ich ihn die Straße hinaufschob – eine Hand auf seinem Rücken, die andere noch immer an seinem Ärmel, damit er nicht entkommen konnte –, die Bullshit-Geschichte darüber, wie wir uns getroffen hatten, in der Hoffnung, dass er sie besser verkaufen würde als die Lourdes- Geschichte.

Er geht also rauf in ihr Zimmer. Ich sitze in der kleinen Hotellobby und beobachte die hübschen französischen Damen, die sich richtig anstrengen, nicht hübsch auszusehen, weil sie ja schließlich in Lourdes sind.

Nach einer Weile kommt er wieder hinunter, seine Zeitung unterm Arm, seinen cowboyartigen schwarzen Hut auf dem Kopf, der Blick aus seinen grünen Augen feucht und auf den Boden geheftet. Als er an meinem Stuhl vorbeifegt, gibt er mir mit dem Kopf ein Zeichen, ihm nach draußen zu folgen. »Ich kann nichts für sie tun«, sagt er, und dass ich beten solle, bis ich achtzehn sei und dann von Zuhause weggehen könne, es sei denn, es sei mir möglich, früher zu gehen.

Na wunderbar, denke ich. Ein Priester ohne Hoffnung. Wie zur Hölle ist der denn gerade hier gelandet?

Ein paar Jahre zuvor hatte ich nämlich selbst so ein Lourdes-Wunder erlebt. Ich hatte eine Dornwarze, eine Fußsohlenwarze, links, neben dem kleinen Zeh. Ein großes schmerzhaftes Ding mit einem schwarzen Punkt in der Mitte. Es war wie das Mädchen in diesem alten Folksong, das Anachie Gordon liebt – ihr Herz wollte auch nicht klein beigeben.

Ich hatte also einen Termin im Krankenhaus, um die Dornwarze operativ entfernen zu lassen. Eine glorreiche Angelegenheit, denn das bedeutete, dass man mich mindestens zwei Tage lang bis zum Gehtnichtmehr verwöhnen und mit einer Tonne Mitgefühl überschütten würde; jeder würde ausgesprochen nett zu mir sein müssen und natürlich würde ich auch ein paar schöne schulfreie Tage haben, und im Krankenhaus würde es Eis und Wackelpudding geben.

In der Nacht vor meiner Aufnahme ging meine Mutter mit mir ins Badezimmer und gab etwas Weihwasser aus Lourdes auf meine Dornwarze, das ihr meine Oma Jahre zuvor gegeben hatte. Am Morgen war die Dornwarze weg. Vollständig verschwunden. Niemand hätte je geahnt, dass sie einmal da gewesen wäre; es gab keine Spur mehr von ihr. Also weiß ich, dass es Lourdes-Wunder gibt – anders als mein Freund, der Priester.

Wir waren über ein Reisebüro nach Lourdes gekommen. Am Flughafen holte uns ein Reisebus ab. Wir fuhren zusammen mit etwa zwanzig anderen Leuten, die dieselbe Tour gebucht hatten. Es ging nicht nur nach Lourdes; zuerst besuchten wir eine Stadt namens Nevers, um das Kloster zu sehen, in dem die Heilige Bernadette nach den Heimsuchungen durch Unsere Liebe Frau gelebt hatte und verstorben war.

Man hatte ihren winzigen Körper in einem gläsernen Schneewittchensarg ausgestellt, und die Leute standen jeden Tag Schlange, um sich das anzusehen – ein groteskes Bild. Es erinnerte mich an den Dubliner Zoo. Dort gab es ein Krokodil in einem Glasgehege, das genauso lang und breit wie der Körper des Tieres war, sodass es sich nicht bewegen konnte, und darin war gerade genug Wasser, um es so weit zu bedecken, dass nur noch der Rücken frei lag. In der Glasdecke befand sich eine Lücke. Die Erwachsenen warfen Münzen durch die Lücke und auf den Rücken des Krokodils, um zu sehen, ob sie es auf diese Weise ärgern konnten, denn es konnte sich ja nicht bewegen. Ich frage mich, was die Zoo-Leute mit all den Münzen gemacht haben.

Bernadette starb 1879, und in den ersten dreißig Jahre danach wurde ihr Körper dreimal wieder ausgegraben, damit Menschen Teile ihrer Knochen für Altare verwenden konnten. Ein Altar ist scheinbar erst dann heilig, wenn er irgendeinen Körperteil der Toten enthält. Klingt für mich eher teuflisch als göttlich.

Im Reisebus hatten wir einen Tourguide namens J. Er arbeitete für das Reisebüro unserer Heimatstadt und war sehr freundlich zu mir. Er saß vorn und hatte ein Mikrofon, um den Leuten zu sagen, was sie sehen konnten, wenn sie links oder rechts aus dem Fenster blickten. Er stimmte indes einige Lieder zum Mitsingen an, und meine Mutter schlug ein paar Mal vor, mich »Scarborough Fair« singen zu lassen, was ich auftragsgemäß tat – mit viel Gefühl, denn ich hatte mich heimlich in J. verliebt. Ich war traurig, als wir alle wieder zu Hause waren, weil ich es vermisste, ihn jeden Tag zu sehen.

Ganz allein schmachtete ich und sang das Lied. Aber heute war ich es leid, und ich beschloss, die rund drei Kilometer bis zum Reisebüro zu laufen, um ihm meine Liebe zu gestehen und ihn zu bitten, mich zu heiraten.

Ich kam zur Mittagszeit dort an, aber J. saß an seinem Schreibtisch, telefonierte. Mein Herz begann vor Angst zu hämmern. Mir war nie in den Sinn gekommen, dass er eine Frau haben könnte. Vielleicht sprach er gerade mit ihr. Er beendete das Telefonat und sah mich im Eingang stehen. Er winkte mich hinein; er schien überrascht zu sein, dass ein Kind allein ins Reisebüro gekommen war, um womöglich irgendeinen Ausflug buchen zu lassen.

Ich sagte ihm, dass ich ihn unter vier Augen sprechen müsse. J. brachte mich in eine kleine Küche, setzte mich an den kleinen runden Tisch, goss mir ein Glas Milch ein und fragte mich, ob ich Kekse wolle. Aber ich konnte nicht essen, weil ich so liebeskrank war.

Da ich nicht den Mut hatte zu sprechen und auf diese Möglichkeit vorbereitet war, präsentierte ich ihm eine schriftliche Erklärung. Er las sie, lächelte dabei die ganze Zeit über, während die Sonne durch das offene Fenster auf seine herrlichen braunen Bartstoppeln fiel. Als er mit dem Lesen fertig war, faltete er meinen Brief behutsam zusammen und fragte mich, ob er ihn behalten könne. Er sagte, dass es das Schönste sei, was er je gelesen habe, dass er aber viel zu alt sei, um mich zu heiraten oder auch nur mein Liebster zu sein, weil er schon dreißig sei, dass ich aber eines Tages einen Jungen in meinem Alter kennenlernen würde und dass das viel besser sei.

Er sagte mir auch, dass er einer von den Männern sei, die andere Männer lieben. Von so etwas hatte ich noch nie gehört, also musste er es ein wenig erläutern. Er sagte, dass Gott manchmal eben Männer mache, die sich in Männer verlieben, oder Frauen, die sich in Frauen verlieben. Er fragte, ob es mir was ausmache, für mich zu behalten, was er mir da gerade erzählt habe, weil die Leute, sagte er, mit Männern, die Männer liebten, nicht einverstanden seien. Er sagte, dass die Menschen oft nicht erkennen, was Gott liebe, und er sagte, dass sie manchmal nicht das lieben würden, was Gott liebe.

J. sagte mir auch, dass ich niemals glauben solle, dass irgendeine Art von Liebe falsch sei, wenn es wahre Liebe sei, und dass ich immer mutig genug sein solle, es jemandem zu sagen, wenn ich ihn liebe. Er sagte, dass ihn das sehr glücklich gemacht habe und dass es falsch sei, wenn ein Erwachsener sich einem Kind gegenüber so verhalte, als sei er sein Geliebter, darum solle ich ab heute keinem mehr sagen, dass ich ihn liebe, weil nicht alle so ungefährlich seien wie er.

Als er mich fragte, warum ich ihn liebe, sagte ich, weil er so sanftmütig sei. Also sagte er, dass ich mich vergewissern solle, dass jeder, den ich liebe, sanftmütig sei. Ich könne ihn jederzeit auf ein Glas Milch und Kekse besuchen, und dass er mein Freund sei.

Ich war nicht traurig. Ich hatte ihn zum Lächeln gebracht und er war so nett zu mir gewesen. Ich lief nach Hause, stolz darauf, so mutig gewesen zu sein, und in Gedanken damit befasst, wie mein künftiger Geliebter sein würde. Es gab einen Jungen namens Gary, der bei mir in der Nähe wohnte und mich immer fragte, ob ich mit ihm in die Rollschuh-Disco gehe. Ich habe meine Mutter noch nicht gefragt, weil sie sehr streng ist, aber vielleicht mache ich das noch.

Meine Tante Frances

Sie ist sechzehn und ich sechs. Sie hat das Down-Syndrom. Sie lebt die ganze Woche über bei den Nonnen, in einem Pflegeheim in der Navan Road, weil meine Oma und mein Großvater zu alt sind, um sich richtig um sie zu kümmern. Aber jedes Wochenende kommt sie nach Hause und ich liebe sie. Sie ist ein großes Herz auf zwei Beinen; sie liebt alles und jeden. Es ist absolut nichts Böses in ihr, nur Gutes. Sie ist sehr zierlich und damenhaft. Sie hat winzige Hände, wie ihre Schwester – meine Mutter –, und sie ist der einzige Mensch, den meine Mutter heiß und innig liebt.

Wenn Frances über das Wochenende nach Hause kommt, bin ich auch oft bei meiner Oma. Die nimmt den Plattenspieler meines Opas, der aussieht wie ein gelber Koffer, schleppt mich nach oben in Frances’ Zimmer und schließt uns dort ein. Frances hat einen Stapel Schallplatten, allesamt von den irischen Popsängern Danny Doyle und Luke Kelly. Frances ist in Danny Doyle verliebt. Sie sagt dann zu mir: »Ist er nicht wunderschön? Ist er nicht wunderschön?«, wobei sie so lustig durch die Nase spricht. Ich muss zustimmen, dass er wunderschön ist, sonst schlägt sie mir auf den Kopf. Er ist aber überhaupt nicht wunderschön. Er hat einen Bart und er sieht aus, als würde er zu viel Bier trinken.

Sie stellt den Plattenspieler auf das Bett, und immer, wenn sie ein Album abspielt, lässt sie mich die Plattenhülle halten und ich muss ihr jedes Wort laut vorlesen; alles was auf der Hülle und den Labels steht, vorne und hinten, außen und innen. Wenn ich kein Wort herausbringe, hilft sie mir, indem sie im Zimmer auf und ab läuft wie eine Lehrerin. Sie lässt mich die Hülle der Platte auch fühlen, jeden Millimeter, mit meinen Fingern und Handflächen und sogar mit meinen Wangen. Wenn ich es nicht langsam mache und wirklich jeden Millimeter berühre, dann haut sie mich.

Sie hat eine Menge Babypuppen, die sie liebt. Sie macht ihnen Kleidchen. Meine Mutter hilft ihr, weil meine Mutter eine Damenschneiderin gewesen ist, bevor sie heiratete; als verheiratete Frau kann man in Irland aber nicht mehr arbeiten.

Frances’ liebste Puppe heißt Brenda. Aber meine Schwester und ich haben Brenda aus Versehen kaputtgemacht und Frances hat uns das nicht vergeben. Jedes Mal, wenn sie uns sieht, sagt sie: »Ihr habt Brenda kaputtgemacht.« Ich kann nachvollziehen, wie sie sich fühlt, weil mein Cousin den Schnabel von meinem Lieblingskuscheltier abgebissen hat – ein Pinguin namens Charlie, den mein Vater mir von irgendeinem Arbeitseinsatz mitgebracht hat. Jetzt mag ich meinen Cousin nicht mehr und werde nie wieder mit ihm sprechen. Frances ist da viel netter als ich.

Der Zug

Nach drei Monaten Pausen ging ich diese Woche wieder in die Schule. Und dann tat ich an meinem Pult ein paar Mal so, als würde ich ohnmächtig werden, damit die Nonnen mich wieder nach Hause schickten. Nach dem, was passiert ist, machen sie sich solche Sorgen um mich, dass ich schon mit Golden-Globe-würdigen Darbietungen durchgekommen bin – es musste gar kein Oscar-Niveau sein.

Himmlisch! Ich brauchte nur ein paar Mal zu oft zu blinzeln, und sie hätten mich wohl am liebsten nach Hause geschickt. Normalerweise bin ich das böse Mädchen, weil ich immer wieder klaue: den anderen die Pausenbrote (insbesondere die mit Erdnussbutter) oder Kleider aus dem Bekleidungsgeschäft oder Geld für das Süßwarengeschäft aus den Handtaschen der Lehrerinnen im Lehrerzimmer.

Schwester Clothilde bringt mich regelmäßig in die Kapelle, um mit mir zu beten, dass der Drang zu stehlen mich verlassen möge. Bisher hat das nicht funktioniert. Das liegt aber daran, dass meine Mutter möchte, dass ich klaue.

Mrs. Sheils, eine Lehrerin, hat mich immer gefragt, ob meine Mutter dahinterstecke, was ich jedoch verneinte. Sie fragte mich dann, woher die Striemen auf meinen Beinen kämen oder was es mit dem dick geschwollenen blauen Auge auf sich habe, mit dem ich einmal in die Schule kam.

»Das macht deine Mutter, nicht wahr?«, fragte sie. Aber ich stritt es ab.

Würde ich meine Mutter verpetzen und sie fände es heraus – sie würde mich umbringen. Es fühlte sich schlecht an, Mrs. Sheils anzulügen, weil sie so wunderbar ist. Ich weiß nicht, warum sie mich mag, aber so ist es. Ich wäre gerne ihr Mädchen. Ich würde gerne jeden Nachmittag mit zu ihr nach Hause gehen. Sie sah jedes Mal aus, als würde sie gleich weinen, wenn ich ihr sagte, dass es nicht meine Mutter gewesen sei. Ihr Gesicht wurde dann ganz rot und sie griff tief in ihre Handtasche, um mir Geld für Süßigkeiten zu geben, und dann tätschelte sie ganz sachte mein Gesicht, so wie meine Oma es machte.

Ich bin eifersüchtig, wenn ich nach der Schule sehe, wie die anderen Mädchen am Arm ihrer Mutter die Merrion Avenue hinunterlaufen. Weil ich nämlich das Kind bin, das am letzten Schultag vor den Sommerferien vor Angst weint. Ich muss so tun, als hätte ich meinen Feldhockeyschläger verloren, weil ich weiß, dass meine Mutter mich den ganzen Sommer über damit schlagen wird, wenn ich ihn mit nach Hause bringe. Aber sie wird stattdessen einfach die Stange des Klopfsaugers nehmen. Ich werde mich dann nackt ausziehen und auf den Boden legen müssen, Arme und Beine von mir gestreckt, damit sie mit der Kehrbürste meine Scham schlagen kann. Sie wird mich immer und immer wieder »Ich bin ein Nichts« sagen lassen, und wenn ich es nicht tue, dann wird sie nicht aufhören, auf mir herumzustampfen. Sie sagt, dass sie meine Gebärmutter zum Bersten bringen will. Sie lässt mich um ihre »Gnade« betteln. Im Kindergarten habe ich einen Preis gewonnen, weil sich niemand so klein zusammenkauern konnte wie ich, aber die Erzieherin wusste nie, warum ich so gut darin war.

Ich liebe Jesus, weil Er eines Abends in meinem Kopf erschien, als meine Mutter mir befahl, mich auf den Küchenboden zu legen. Ich war nackt und am ganzen Körper mit Frühstücksflocken und Kaffeepulver besudelt. Meine Mutter sagte dieses ganze schreckliche Zeug, und ich kauerte mich seitlich zusammen, damit sie mir in den Hintern treten konnte. Und plötzlich war da Jesus in meinem Kopf, auf einem kleinen Felshügel, an Seinem Kreuz.

Ich hatte Ihn nie gebeten, zu kommen; Er war einfach erschienen. Er trug eine lange weiße Robe und aus Seinem Herzen floss Blut, über Seine Robe und den Hügel hinunter und auf den Grund und dann auf den Küchenboden und in mein Herz hinein. Er sagte, Er würde mir alles Blut zurückgeben, das meine Mutter mir nahm, und dass Sein Blut mein Herz stark machen würde. Also konzentrierte ich mich einfach auf Ihn. Als meine Mutter mit mir fertig war, lag ich weiter am Boden, bis ich wusste, dass sie die Schlafzimmertür hinter sich geschlossen hatte. Dann räumte ich das ganze Zeug auf, das sie durch die Gegend geworfen hatte, und deckte den Tisch für das Frühstück.

Einmal kam auch der Heilige Geist und setzte sich zu mir, obwohl ich ihn nicht darum gebeten hatte. Und das geschah so: An meinem Kleid, das früher einmal das Kleid meiner Schwester gewesen war, fehlte ein Knopf. Und wir sollten über das Wochenende wegfahren, in das Haus des Freundes meiner Mutter. Ich musste mich wieder nackt ausziehen und wurde geschlagen, und dann entfernte meine Mutter die Glühbirne aus meinem Zimmer, sperrte mich ein und ging mit den anderen fort. Wenn ich Angst habe, suche ich mir Papierfetzen, auf die ich etwas schreiben kann, weil es mir nicht erlaubt ist zu sagen, dass ich wütend auf meine Mutter bin. Also schreibe ich etwas und reiße das Papier in winzig kleine Stückchen, und die esse ich dann, damit sie sie nicht finden kann. Das war an einem Freitag. Als es dunkel wurde, tastete ich im Zimmer herum, bis ich etwas Papier und einen Bleistift gefunden hatte. Ich schrieb an Gott. Hilf mir, bitte, sagte ich. Ich kniete am Boden, das Gesicht auf mein Bett gerichtet. Dann sah ich aus dem Augenwinkel eine kleine weiße, sehr verschwommene Wolke, die sich links hinter mir niederließ und die ganze Nacht über dort blieb.

Aber der Geist kam an keinem der anderen Tage wieder.

Ich aß das ganze Wochenende über nicht und pinkelte auf den Fußboden. Als meine Mutter wieder nach Hause kam, war sie darüber verärgert und schlug mich. Später am selben Tag musste ich ins Krankenhaus gebracht werden, weil ich furchtbare Bauchschmerzen hatte. Der nette junge Doktor sagte: »Das Kind hat nichts gegessen.« Meine Mutter sagte, ich habe Gulasch gehabt, aber das stimmte nicht.

Sie hatte mich davor schon einmal eingesperrt und war weggegangen, aber in der Nacht kam mein Vater, brach die Tür auf und brachte mich zum Doktor. Ich weiß nicht, woher er wusste, dass ich allein zu Hause war. Er wurde wütend, als er das trockene Blut in meinem Gesicht sah. Im Auto redeten wir nicht viel.

Unter der Treppe hat sie mich auch oft eingesperrt.

Wenn ich zu Hause bin, kann ich in meinem Kopf die Stimme von Mrs. Sheils meinen Namen rufen hören.

Ich höre auch Schwester Clothilde, wie sie einfach nur meinen Namen ruft. Ich weiß nicht, ob sie mich mag. Ein bisschen schon, glaube ich. Sie lächelt bloß nicht – sie ist die Rektorin, daher darf sie vermutlich nicht lächeln. Es muss so deprimierend sein, wenn man eine Nonne ist. Ich habe echt Angst davor, dass Gott macht, dass ich auch eine sein möchte. Ich bete regelmäßig, Er möge das nicht tun, auch wenn ich mich schon irgendwie berufen fühle, für Ihn zu arbeiten, weil Er so gut zu mir ist.

Als ich Clothilde das letzte Mal in meinem Kopf sprechen hörte, war ich am helllichten Tage ins Bett geschickt worden, weil ich gesagt hatte, dass Prinzessin Anne »trächtig« sei. Ich war richtig wütend darüber, ins Bett zu müssen. Aber plötzlich hörte ich Clothildes Stimme, und als ich zufällig auf meine geschlossene Zimmertür blickte, ging die Klinke bis ganz nach unten und die Tür öffnete sich, aber da war niemand. Ich ging in die Wohnstube und fragte meine Mutter, ob sie die Tür geöffnet habe. Sie sagte, sie sei gar nicht oben gewesen, also weiß ich nicht, wer die Tür geöffnet hat. Vielleicht ist es tatsächlich Clothilde gewesen.

Nicht lang darauf stand ich nach der Schule mit meiner Schwester an der Blackrock Station, wo wir auf unseren Zug Richtung Glenageary warteten. Ein anderer Zug fuhr mit voller Geschwindigkeit durch den Bahnhof und ein blonder Junge von etwa vierzehn Jahren, der eine graue Schuluniform trug, öffnete eine Tür des fahrenden Zuges, die mich rechts am Kopf streifte.