Erinnerungsort: Ort des Gedenkens, der Erholung oder der Einkehr? - Daria Buteiko - E-Book

Erinnerungsort: Ort des Gedenkens, der Erholung oder der Einkehr? E-Book

Daria Buteiko

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Beschreibung

Kloster, Vorbild für den Aufbau des Gulag-Systems, Museum und schließlich wieder Kloster – die Geschichte der russischen Soloveckij-Inseln erscheint turbulent und zirkular. Wie ist der Ort heute zu deuten? Als spirituelles Zentrum, als Ort der Erinnerung an das kommunistische Unrecht und dessen Opfer – oder als ein attraktives Ziel für Naturtouristen? Die vielen Facetten der Soloveckij-Inseln machen deutlich, wie kompliziert das Gedenken an das Unrecht der Sowjetepoche in Russland ist. An einem anderen kirchlichen und historischen Ort kommunistischen Unrechts – der Bernauer Straße in Berlin – wird an die Geschichte der innerdeutschen Teilung erinnert. Die Gedenkstätte Berliner Mauer dokumentiert die wichtigsten Narrative und Normen der Erinnerungskultur zum Gedenken an das in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR begangene Unrecht. Durch die Nebeneinanderstellung der beiden Orte arbeitet Daria Buteiko die Unterschiede in den Erinnerungsvorgängen, Wertehierarchien und Wissensbeständen heraus. Zudem stellt sie ein aufschlussreiches kulturanthropologisches Porträt der Soloveckij-Inseln und der Gedenkstätte Berliner Mauer bereit, das auch ein Stück weit dazu beiträgt, die Stimmen der Opfer hörbar zu halten.

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Seitenzahl: 496

Veröffentlichungsjahr: 2020

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Vorwort

Mit dem Sturz der Berliner Mauer 1989 entstand sehr bald eine gleichnamige Gedenkstätte, die zu einem zentralen Ort der Erinnerung an die deutsch-deutsche Teilung wurde. Auf den im Norden des europäischen Teils von Russland gelegenen Soloveckij-Inseln bilden ein Kloster und ein Museumspark den Erinnerungsort – ein Alleinstellungsmerkmal in der Erinnerungslandschaft par excellence und damit die entsprechende Herausforderung dieser Untersuchung. Die einerseits räumlich differierenden Situationen haben andererseits eine Gemeinsamkeit in der Verbindung von Erinnerung, Begegnung und Kontemplation. Es ist das Anliegen von Daria Buteiko, die Gedenkstätte Berliner Mauer und die Solovetsky-Inseln einer vergleichenden Analyse zu unterziehen. Da aber die beiden Erinnerungsorte sich in zwei verschiedenen Ländern und Erinnerungskontexten befinden, kann der in der Erinnerungsproblematik geübte wie ungeübte Leser sich nach der Machbarkeit einer solchen Untersuchung fragen - und vielleicht ebenso nach dem zu erwartenden Ergebnis.

Die Gedenkstätte Berliner Mauer ist Teil der deutschen Erinnerungslandschaft, der SBZ-/DDR-Unrechts-Erinnerungslandschaft. Die inhaltliche Vermittlung wie die museale Präsentation wurden in den vergangenen Jahrzehnten als Netzwerk von Akteuren fortlaufend populärwissenschaftlich professionalisiert, der Erinnerungsraum „deutungsoffen“ vermittelt (Manuskript S. 165). Säkulares Erinnern an die Maueropfer ist von religiösem getrennt, beiden werde jedoch Raum gegeben. Das Areal der Mauer-Gedenkstätte – so das Fazit der Autorin – entwickele sich von Jahr zu Jahr zu einem Feld der Begegnung wie auch im Trend der internationalen Museumslandschaft – der Erholung.

Anders auf den Solovki, wo das Erinnern primär kirchlich präsentiert, der stalinistischen Opfer marginal, sehr zersplittert und konfrontativ gedacht werde. Einziger Akteur für die Straflager-Geschichte sei die von den Machthabenden ungeliebte Organisation Memorial. Dabei gehe die Gründung des Straflagers in das Jahr 1923 zurück, genannt Soloveckij-Lager besonderer Bestimmung, das zum Prototyp des sowjetischen GULAG-Systems gehörte (Manuskript S. 195). Etwa 100.000 Häftlinge wurden hier in den zu Beginn des 15. Jahrhunderts gegründeten und nach der Revolution von 1917 aufgelösten Klosteranlagen zusammengepfercht, ca. 10.000 sollen zu Tode gekommen sein. Alexander Solschenizyn bezeichnete die Solovki in seinem 1973 erschienenen Archipel Gulag als „arktisches Auschwitz“. Eine erste Erinnerung daran erfolgte in den 1960er Jahren mit der Gründung des im Titel genannten Museumsparks. Die erste Ausstellung zum Straflager wurde im Rahmen der Perestrojka eröffnet. Machtobjekt der dominierenden kirchlichen Erinnerung unter dem Vorsteher der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill I., sei das Kloster, das 1990 neu eröffnet wurde. So werde ausschließlich an die kirchlichen Opfer als Neumärtyrer erinnert mit der Folge einer zunehmenden Klerikalisierung des historisch doppelt besetzten Erinnerungsortes.

Daria Buteiko geht über die beiden Erinnerungsorte hinaus und unterzieht auch die Erinnerungen an das untergegangene Gesellschaftssystem des Sozialismus/Kommunismus in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der Sowjetunion einer vergleichenden Analyse. Die im Zentrum der Studie stehende Frage ist der gegenwärtige staats-politische und gesellschaftliche Umgang mit den Vergehen beziehungsweise Verbrechen gegen das Menschenrecht in den kommunistischen Diktaturen beider Länder am Beispiel der gewählten Orte. Die Autorin sucht die Beantwortung nicht allein im physischen Ort selbst, wenn sie formuliert: „Unter dem Raum eines Erinnerungsortes soll ... nicht nur der Ort an sich, sondern auch der Weg dorthin, die Dinge und Menschen, welche sich in diesem Raum befinden, ihre alltäglichen Praktiken sowie ihre Vorstellungen über den Raum verstanden werden.“ Dabei sei das Wissen über den Raum eng mit der Macht der Akteure, die den Raum gestalten, verbunden. (Manuskript S. 23) Diese Macht der Akteure stellt sich weitestgehend unterschiedlich dar. In der Praxis sind das Konkurrenzen, Konflikte, bisweilen Kämpfe um das Wie der Erinnerung, das Wo und auch das Wer darf erinnern.

Für die Analyse der beiden Erinnerungsorte und Gedenkkulturen bezieht Daria Buteiko die hierfür angewendete Terminologie ein, geht es um Stalinismus, kommunistisches Unrecht, UdSSR-Verbrechen, Repression, Terror wie letztendlich um GULAG. Sie stellt darüber hinaus die gleichsam unterschiedlich sprachliche wie konzeptionelle Auffassung zur Musealisierung des Unrechts in den Regimen der UdSSR und der DDR vor.

Beispielsweise sei der in Deutschland allseits anerkannte Terminus Gedenkstätte im Russischen nicht existent, worauf hier auch der Titel der Studie verweist, deren Ergebnis unterschiedlicher nicht sein kann.

Die Beschäftigung mit den beiden Fallbeispielen öffnet die Perspektive darauf, wie unterschiedlich die Erinnerungsvorgänge, Wertehierarchien, Wissensbestände aber auch die Regeln, nach welchen das Wissen produziert wird, in beiden Untersuchungsfelder sind. Diese vergleichende Analyse leistet damit einen Beitrag zur Diskussion der Übertragung von Erfahrungen in den Auseinandersetzungen mit der schwierigen Vergangenheit.

Die Studie von Daria Buteiko liest sich keineswegs nur als Beitrag zum Diskurs der Erinnerung, der sich auch hier nach wie vor als Diskurs zur Erinnerungskultur als Konfliktkultur darstellt. Das Buch gibt darüber hinaus interessante Einblicke in die individuellen Geschichten von Menschen, welche im Raum der Berliner Gedenkstätte oder der Solovetsky-Inseln anzutreffen sind. Sie war als Verfasserin für die Gedenkstätte Berliner Mauer tätig, die Solovki hat sie mehrfach besucht, Interviews geführt, Menschen teilnehmend beobachtet und ihre Eindrücke in einem Forschungs-Tagebuch festgehalten. Es war mir eine Freude wie ein persönlicher Gewinn, diesen Forschungsweg zu begleiten. So bin ich zutiefst davon überzeugt, dass die Leserinnen und Leser dieses Opus mit großem Gewinn annehmen werden.

Sigrid Jacobeit

Gliederung

I. Einführung

1. Themenwahl, Eingrenzung des Forschungsfeldes und Fragestellung

2. Forschungsgeschichte

3. Theoretische Verortung 

4. Methodische Vorgehensweise und Quellen 

5. Begriffsproblematik im Diskurs der Kommunismus-Erinnerung 

II. Erinnerung an den Kommunismus in Deutschland und Russland

1.Erinnerung an das SBZ/DDR-Unrecht in Deutschland nach 1989 

1.1 Akteure im Feld der Erinnerung an die SBZ/DDR, institutionelle und normative Basis der Aufarbeitung

1.1 Die SBZ/DDR betreffende Narrative

2. Erinnerung an das UdSSR-Unrecht in Russland nach 1991 

2.1. Akteure im Feld der Erinnerung an das UdSSR-Unrecht

2.2. Politisch-rechtliche Bewertung der UdSSR

2.3. Das Unrecht in der UdSSR betreffende Narrative

III. Erinnerungsort: die Gedenkstätte Berliner Mauer

1. Orte der Erinnerung an das SBZ-/DDR-Unrecht in Deutschland – ein Überblick 

2. Die Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte 

3. Geographische Lage und physischer Raum der Gedenkstätte

4. Akteure der Gedenkstätte 

5. Produktion des Raums der Gedenkstätte – ein Blick mit Henri Lefebvre 

5.1 Erdachter Raum der Gedenkstätte

5.1.1 Die Bernauer Straße als ein Erinnerungsort 

5.1.2 Zentralität des Ortes

5.1.3 Konzeption von Authentizität und ihre Applikation auf die Gedenkstätte

5.1.4 Berliner Mauer als eine szenische Kulisse Berlins

5.1.5 Bernauer Straße – (k)ein kirchlicher Ort?

5.2 Erfahrener Raum der Gedenkstätte

5.2.1 Erinnerung konzipieren und produzieren

5.2.2 Rekreationspraktiken

5.3 Gelebter Raum der Gedenkstätte – Gedenkstätte, Stadtpark, kirchlicher Raum

IV. Erinnerungsort: die Solovki – das Kloster und der Museumspark

1. Orte der Erinnerung an das UdSSR-Unrecht in Russland – ein Überblick

2. Kurze topographisch-geographische Verortung der Soloveckij-Inseln

3. Geschichte der Solovki

4. Ankunft auf den Solovki und erste Eindrücke

5. Akteure der Solovki

6. Produktion des Raums der Solovki – ein Blick mit Henri Lefebvre

6.1 Erdachter Raum der Solovki

6.1.1 Die Solovki in den Medien

6.1.2 Deutungen der Solovki seitens der Besucher

6.1.3 Peripher und doch zentral – Positionierung der Solovki auf einer physischen und sakralen Karte

6.1.4 Konzeption von Authentizität und Umgang mit historischen Spuren auf den Solovki

6.2 Erfahrener Raum der Solovki

6.2.1 Geistige Regeneration

6.2.2 Erinnerung – Konzipieren und Produzieren

6.3 Gelebter Raum der Solovki

6.3.1 Die Solovki als sakraler Raum

6.3.2 Die Solovki als ein säkularer Erinnerungsraum der einstigen Lager

V. Schlussbetrachtung

VI. Quellenverzeichnis

VII. Anhang

1. Abbildungsverzeichnis

2. Glossar

3. Befragungsbogen

Dank

I. Einführung

 

1. Themenwahl, Eingrenzung des Forschungsfeldes und Fragestellung

Die Wahl des Themas dieser Forschungsarbeit geschah keinesfalls zufällig. Durch berufliche Aktivitäten kam ich vor einigen Jahren mit der Thematik der Erinnerungskultur in Kontakt; es waren DDR- und UdSSR-Erinnerungsorte und die Rolle der Kirche in der Erinnerung an das kommunistische Unrecht, die mein Interesse weckten und mich bewegten. Es waren Erfahrungen in zwei verschiedenen Ländern, die mich dazu veranlassten, Erinnerungsphänomene näher zu betrachten: In den Jahren 2007/2008 leistete ich in einem Projekt der Evangelischen Kirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau Freiwilligendienst und im Jahr 2010 bot sich mir die Gelegenheit, in der Gedenkstätte Berliner Mauer bei einem Projekt, mitinitiiert von der Evangelischen Versöhnungskapelle auf dem Gelände der Gedenkstätte, mitzumachen. Parallel arbeitete ich an einem Dokumentarfilm über die ehemaligen GULag-Häftlinge in Russland. Dabei fiel mir auf, dass die Erinnerungskultur und die Erinnerungsorte in Russland stark, d.h. viel stärker als in Deutschland, kirchlich beeinflusst sind und die Erinnerungsvorgänge, -inhalte und -formen in den beiden Ländern sehr unterschiedlich sind. Dies soll an einem Beispiel illustriert werden: Während in Deutschland historische Artefakte an authentischen Orten sehr geschätzt und präserviert werden, findet diese Vorgehensweise in Russland wenig Anwendung. Es erschien mir sehr fruchtbar, kirchlich geprägte Erinnerungsorte und die Kirche als Akteur der Erinnerungskultur in Deutschland und Russland miteinander zu vergleichen; ein derartiger Vergleich legt die Öffnung des Forschungsvorhabens am jeweiligen Ort für neue Fragen und mögliche neue Zusammenhänge nahe. Diese können jedoch nur identifiziert werden, wenn das Forschungsfeld eine Expandierung erfährt. Somit wird möglich, dass diejenigen Aspekte hervorgehoben und infrage gestellt werden können, welche in einem Erinnerungs- und Sprachraum als selbstverständlich gelten. Dazu zählt z.B. die Tatsache, dass die deutsche Erinnerung an das geschehene Unrecht überwiegend im säkularen Rahmen verortet ist oder auch dass der Zusammenhang zwischen Erinnerung und Erholung in Russland als unzulässig betrachtet wird. Außerdem trägt ein Vergleich der Erinnerungsorte dazu bei, ihre jeweiligen Besonderheiten zu erkennen. Gleichzeitig wird in der vorliegenden Arbeit auch versucht, Auskunft über soziokulturelle Phänomene und Dynamiken im Feld der Erinnerung an den Kommunismus in Deutschland und Russland mittels ihrer räumlichen Rekonstruktion zu geben.

Als Fallbeispiele wurden die Gedenkstätte Berliner Mauer sowie die Soloveckij-Inseln im Norden des europäischen Teils von Russland, wo sich das Soloveckij-Kloster und der Soloveckij-Museumspark befinden, ausgewählt. Diese beiden Orte sind Orte des Geschehens. Sie verfügen innerhalb der jeweiligen Länder sowie auch in der internationalen Gemeinschaft über eine besondere symbolstiftende Bedeutung in der Erinnerung und im Gedenken an das erlittene kommunistische Unrecht. Während die Teilung Deutschlands und Berlins die Nachkriegszeit in Deutschland besonders prägte, wird, wenn die Rede von den Verbrechen der Sowjetunion ist, vor allem auf den GULag hingewiesen. Veniamin Iofe, einer der Pioniere der Aufarbeitung in der Sowjetunion und Russland, stellt fest, dass „Gulag“ ein verkürzender Verweis auf Unterdrückung in jeder Form sei (Iofe 2002, zit. n. Etkind 2013: 9). Der britische Historiker mit russischer Herkunft Alexander Etkind knüpft an Veniamin Iofe an, indem er die Solovki als ein Symbol für den GULag deutet und umgekehrt: „In cultural memory, the Solovetsky camp represents the system of gulag and the gulag represents the Soviet terror.“ (Etkind 2013: 9) Letzten Endes sind zwar sowohl die Gedenkstätte Berliner Mauer als auch die Soloveckij-Inseln kirchlich geprägt, sie werden u. a. aber auch zur Erholung genutzt. Was Erinnerung, Erholung und Kontemplation an jenem Ort miteinander verbindet, das soll im vorliegenden Werk aufgezeigt werden.

Bei der Auseinandersetzung mit dem Forschungsfeld haben sich die folgenden Fragen herauskristallisiert: Wie erfolgt die Raumproduktion an den ausgewählten Erinnerungsorten? Welche Spezifika sind dabei an jedem Ort zu beobachten? Dabei geht es um den folgenden Cluster von Fragen: Welche Rollen werden staatlichen und regionalen Regierungen, den Mitarbeitern, den kirchlichen Akteuren, der Nachbarschaft sowie den Besuchern im Prozess der Raumproduktion zugeteilt? Welche Deutungen werden den jeweiligen Orten zugeschrieben? Was genau wird an den jeweiligen Orten unter ‚Authentizität‘ verstanden, was wird als denkmalwürdig betrachtet? Wie werden die ausgewählten Erinnerungsorte im Alltag genutzt? Ebenfalls beschäftigt sich diese Arbeit anhand von ausgewählten Fallbeispielen von beiden Erinnerungsorten mit der Frage der Übertragbarkeit der jeweiligen Erfahrungen, theoretischen Herangehensweisen und akademischen Praktiken der Erinnerungsforschung.

Um eine Auskunft über den Kontext zu geben, in welchem sich die beiden gewählten Erinnerungsorte entwickelten, wurde zunächst der Frage nachgegangen, wie in Deutschland und Russland an den Kommunismus erinnert wird. Konkret geht es um die folgenden Fragen: Wer sind die Akteure im Feld der Erinnerung an den Kommunismus im jeweiligen Land und welchen Einfluss üben sie auf die Erinnerungen aus? Welche Zusammenhänge zwischen der Erinnerung an die DDR oder die UdSSR und den Prozessen in dem gesellschaftspolitischen Leben sind nachvollziehbar? Was gilt als ‚erinnerungswürdig‘ und was steht im Zentrum der gesellschaftlichen Erinnerung? Welche Narrative über die Kommunismus-Vergangenheit existieren in den beiden Ländern? Wie erfolgt eine Aufarbeitung in den beiden Ländern, welche Strukturen, Basisdokumente etc. stehen dabei zur Verfügung?

Das Buch besteht aus fünf Hauptteilen: Im einführenden Kapitel I soll ein Einblick in den Forschungsstand zur Erinnerung an den Kommunismus und dessen Orte sowie die theoretische und methodische Herangehensweise der Forschungsarbeit vermittelt werden. Es werden die Begriffe, welche im Kommunismus-Erinnerungsdiskurs benutzt werden, präsentiert und ihre Wahl in dieser Arbeit begründet. Im Kapitel II wird ein Überblick über die Erinnerung an den Kommunismus in Deutschland und Russland gegeben, während in den danach folgenden Kapiteln III und IV die Raumproduktion an den gewählten Orten untersucht werden. Im Kapitel V werden schließlich die Ergebnisse der vergleichenden Untersuchung der Gedenkstätte Berliner Mauer sowie des Soloveckij-Klosters und -Museumsparks zusammengefasst.

 

2. Forschungsgeschichte

Die Arbeit ist interdisziplinär angelegt und gliedert sich mit ihrer Themenwahl in einen Forschungsschwerpunkt der Europäischen Ethnologie, der Kulturwissenschaften und der Europäischen Geschichtswissenschaften ein, der bereits einen breiten Korpus an Studien zur Erinnerung und zu Orten des Erinnerns hervorgebracht hat. Im Folgenden wird zuerst auf die bedeutendsten Versuche eingegangen, Erinnerung konzeptuell und theoretisch zu fassen. Danach werden diejenigen aufgezählt, welche zu der Erinnerung an den Kommunismus forschen, und einige jener Werke, die es zum Ziel haben, die deutschen und russischen Orte des Erinnerns empirisch zu erforschen, genannt. Der Überblick über die Forschungslage wird mit jenen Arbeiten beendet, welche explizit der kirchlichen Erinnerung sowie den beiden untersuchten Gedenkorten gewidmet sind.

Erinnerung als Forschungsobjekt

Die Beschäftigung mit der Erinnerung als einem sozial bedingten Phänomen geht auf den französischen Soziologen Maurice Halbwachs zurück. Maurice Halbwachs entwickelte in seinen Werken Les cadres sociaux de la mémoire (1925, Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, hier 1985) und La mémoire collective (1950, Das kollektive Gedächtnis, hier 1991) das Konzept der mémoire collective (des kollektiven Gedächtnisses), welches die spätere Auseinandersetzung mit der Erinnerung stark prägte. Laut Maurice Halbwachs definiert sich das individuelle Gedächtnis über seinen sozialen Bezugsrahmen. Anders ausgedrückt: Das Individuum nimmt in seiner Erinnerung Bezug auf Anhaltspunkte, die außerhalb seiner selbst liegen und von der Gesellschaft festgelegt worden sind. Das kollektive Gedächtnis kann in räumlich und zeitlich begrenzt Gruppen differenziert werden, zu welchen z. B. Familie, Kirche oder staatliche Institutionen gehören. Die Vermittlung von Daten, Fakten sowie Zeit- und Raumvorstellungen geschieht über Interaktionen innerhalb dieser Gruppen. Das kollektive Gedächtnis orientiert sich an den Gruppenbedürfnissen und ist von daher selektiv und wertend.

Das Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs wurde von den Kulturwissenschaftlern Aleida und Jan Assmann weiterentwickelt. In mehreren Monographien und Aufsätzen fundierten die beiden ihre Herangehensweise an ihr ausgearbeitetes Konzept vom Gedächtnis theoretisch (vgl. Assmann 1992, 1999a, 1999b, 1999c). Die von Maurice Halbwachs geschilderten Unterschiede zwischen dem auf der Alltagskommunikation basierenden kollektiven Gedächtnis und dem, welches sich auf kulturelle Überlieferung und Tradition stützt, wurden für Aleida und Jan Assmann zur Basis für ihr Konzept der Gedächtnis-Rahmen – das kommunikative und kulturelle Gedächtnis. Das kommunikative Gedächtnis durchzieht das Leben von Menschen über drei Generationen hinweg und wird durch informelle Kommunikation und mündliche Überlieferungen geprägt. Die Träger des kommunikativen Gedächtnisses, zu welchen vor allem Zeitzeugen gehören, verfügen alle über dieselben Kompetenzen, Vergangenes zu deuten. Die Inhalte des kommunikativen Gedächtnisses bleiben veränderlich. Wenn das kommunikative Gedächtnis erschöpft, wird es durch das kulturelle Gedächtnis ersetzt. Dies ist an feste Objektivationen gebunden und besteht aus festen Inhalten und Sinnstiftungen. Das kulturelle Gedächtnis ist in den sich mehrmals wiederholenden Medien und Riten sowie in der Tradition kodiert und wird von den sich auf das Speichern und Deuten spezialisierten Trägern aufrechterhalten und weitergegeben. Das kulturelle Gedächtnis steht in Verbindung mit der kollektiven Identitätsbildung und dem politischen Willen (Assmann 1992).

Eine weitere bedeutende theoretische Auffassung von Erinnerung, welche sich ebenfalls auf ein Verständnis des Gedächtnisses als kollektiv bedingtes Phänomen stützt und sich mit dem Speichern und der Wiedergabe von Erinnertem beschäftigt, ist Pierre Noras Konzept der Erinnerungsorte. In seinem Werk Les lieux de mémoire (1984–1992, auf Deutsch: Erinnerungsorte Frankreichs, hier 2005) belegt der Historiker an dem Beispiel Frankreichs, dass das Gedächtnis an bestimmte Erinnerungsorte gebunden ist. Ein Erinnerungsort ist nach Pierre Nora ein Kristallisationspunkt des kollektiven Gedächtnisses. Dem Begriff Erinnerungsort verleiht Pierre Nora eine breite Bedeutung, unter Erinnerungsorten versteht er physisch-geographische Räume, aber auch Kunstwerke, Gedenktage, bedeutende Persönlichkeiten, Zeugnisse und Texte.1

Nach Pierre Nora verfügen Erinnerungsorte für bestimmte Gruppen und Individuen in einem Land über eine symbolische Wirkungskraft und beeinflussen damit die Herausbildung der politischen, nationalen und kulturellen Zugehörigkeit. Die Erinnerungsorte sind in dieser Rolle ambivalent und fähig, Gegensätze ins sich zu vereinen. Pierre Nora charakterisiert Erinnerungsorte als einfach, zugleich aber dennoch als vieldeutig, natürlich und künstlich, der sinnlichen Erfahrung unmittelbar gegeben als ein Produkt eines höchst abstrakten Gedankenwerks. Die Erinnerungsorte leben, laut Pierre Nora (1990: 26 f.), von ihrer Fähigkeit zur Veränderung, davon dass sich ihre Bedeutungen konstant erneuern. Er bezeichnet sie als „Doppelorte“: Einerseits beziehen sich die Gedächtnisorte auf ihre Identität, andererseits sind sie aber auch für alle erdenklichen Bedeutungen offen (ebd.: 32).

Auch Aleida und Jan und Assmann (2012) beschäftigen sich mit Erinnerungsorten. Sie knüpfen in ihrer Definition des Begriffs an die von Pierre Nora geschilderte Fähigkeit der Erinnerungsorte zur Metamorphose an. Dabei nehmen sie außerdem den im Verlauf der Zeit ständigen Wandel der Deutungen von Erinnerungsorten in den Blick. Die Erinnerung an Erinnerungsorten ist, so Aleida und Jan Assmann etwas äußerst Unzuverlässiges, sie könne unabsichtlich entweichen oder gar absichtlich verdrängt werden. Eine besonders effiziente Methode des Vergessens sei eine Umwidmung eines Erinnerungsortes – hierfür führen sie sogar einen gesonderten Begriff ein: Orte des Vergessens. Jedoch sei es auch möglich, dass historische Orte, deren Bedeutung im Begriff ist, verloren zu gehen, eine Re-Memorisierung erfahren. Diese Wandlungen der Inhalte einer Erinnerung veranschaulichen, dass die Erinnerung sowie die Erinnerungsorte, die damit verknüpft sind, nicht unbedingt in Bezug auf Inhalt und Deutung auf die Vergangenheit fixiert, sondern viel eher gegenüber einem Wandel in der Zukunft offen sind.

In der vorliegenden Arbeit wird von dem von Aleida und Jan Assmann geschilderten wechselnden Charakter der Erinnerung an den beiden später vorgestellten Orten ausgegangen und versucht, die Wandlungen der dort transportierten Inhalte zu dokumentieren und sie in einen sozialen, kulturellen und politischen Kontext zu setzen. Allerdings umfasst die Forschungsthematik zu den beiden Erinnerungsorten noch mehr: Es sind nicht nur die sich im stetigen Wandel befindlichen Inhalte von Erinnerungen an den beiden für die Untersuchung ausgewählten Orten, welche die Verfasserin interessieren, sondern auch die Frage, inwiefern die Deutung der Orte als Orte des Erinnerns von unterschiedlichen Akteuren wahrgenommen und anerkannt wird.

Forschungen zur Erinnerung an die DDR und die UdSSR

Eine ganze Reihe an Literatur zur Erinnerung an den Kommunismus in Deutschland und Russland und zu den entsprechenden Erinnerungsorten ist erschienen, ein wesentlicher Teil davon wurde im englischen und deutschen Sprachraum veröffentlicht. Ferner gibt es viele Sammelbandbeiträge, die sich mit der Erinnerung an den Kommunismus beschäftigen, z. B. Mink und Neumayer: History, Memory and Politics in Central and Eastern Europe (2013); Blacker, Etkind und Fedor: Memory and Theory in Eastern Europe (2013); Rutten, Fedor und Zvereva: Memory, Conflict and Social Media (2013); Faulenbach und Jelich: „Transformationen“ der Erinnerungskulturen (2006); Knigge et al.: Der Kommunismus im Museum (2005). Dies erlaubt es, auf internationaler Ebene den Wandel in den Erinnerungsdiskursen zu verstehen. Allerdings kommt in der für diese Forschungsarbeit gesichteten Literatur ein Vergleich der Erinnerungskulturen und Erinnerungsorte sehr selten vor. Nur in einigen Veröffentlichungen wird der Versuch unternommen, die Umdeutungen von Erinnerungskulturen der postsozialistischen Länder zu systematisieren. Stefan Tröbst untersucht im Band „Transformationen“ der Erinnerungskulturen (2006) beispielsweise den Wandel der Erinnerung im Zusammenhang mit dem Elitenwechsel in den postsozialistischen Ländern und stellt eigene Typologien der Transformationsprozesse vor.

Ein wesentlicher Teil der Publikationen zu den Erinnerungen an die DDR widmet sich ihrem Platz innerhalb der deutschen Erinnerungskultur bzw. der Verortung der DDR-Erinnerungen im Verhältnis zu denen, die die NS-Zeit betreffen. Jürgen Kocka (2011) bezeichnet den Vergleich des DDR-Systems mit dem NS-System als eine Form des grundsätzlichen Umgangs der Öffentlichkeit mit der Erinnerung. Klaus-Dietmar Henke (2005a) konstatiert hingegen die Konkurrenz von nationalsozialistischer und staatssozialistischer Vergangenheit im öffentlichen Bewusstsein und Bernd Faulenbach (2006) beschäftigt die in diesem Zusammenhang öfter gestellte Frage, ob die Erinnerung an das DDR-Unrecht dem im Nationalsozialismus nachstehe. Auf diese, im europäischen Vergleich, interessante Eigenart der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung – dass erst aus dem Gedenken an das NS-Unrecht eines an das Unrecht in der DDR erwachse – weist auch Anne Kaminsky (2005) hin. Sie wirft diesbezüglich die Frage auf, ob die den Opfern des DDR-Unrechts geweihten Gedenkstätten nicht als ,,Stiefkinder“ der deutschen Erinnerungskultur gelten müssen (ebd.). Weiterhin werden die methodischen Impulse in der Darstellung der DDR (vgl. z.B. Führer 2016) und die Medien der Erinnerung an die DDR zu einem Objekt der Forschungen – z. B. die Darstellung der DDR in Film und Literatur (vgl. Veen 2015; Seegers 2008).

Eine ausführliche Übersicht über die Erinnerungsorte in der DDR geben die von Anne Kaminsky herausgegebene Monographie Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR (2016), der Sammelband Asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte? Die Geschichte der Bundesrepublik und der DDR in Ausstellungen, Museen, Gedenkstätten, herausgegeben von Bernd Faulenbach und Franz-Josef Jelich (2005) sowie die Veröffentlichung von Martin Sabrow Erinnerungsorte der DDR (2009). In der genannten Literatur fällt auf, dass es zumeist Historiker sind, welche die Erinnerungsorte ausführlich beschreiben und systematisieren. Eine ethnologische und kulturwissenschaftliche Perspektive kommt in dem Korpus von Studien zu den Erinnerungsorten hingegen weniger häufig vor. Als erwähnenswertes Werk in diesem Kontext sei insbesondere Der Mauer um die Wette gedenken von Sybilla Frank (2009) genannt. Sie präsentiert in ihrer Veröffentlichung die Gedenkstätte Checkpoint Charlie als Heritage-Objekt in einem Konfliktfeld, welches zwischen den Bedürfnissen des Tourismus und der internationalen Verständigung entsteht. Ein weiteres Beispiel stellt der Aufsatz „Historisches Lernen durch Emotionen? Die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Eindrücke“ von Marion Neiss dar, veröffentlicht im von Wolfgang Benz herausgegebenen Band „Die DDR im Museum“ in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (2011). In ihrem Beitrag analysiert Marion Neiss das Gedenkstättenkonzept und nimmt dabei vor allem Vermittlungsstrategien wie Emotionalisierung und Inszenierung in den Blick. In ihrem Aufsatz „Die Gedenkstätte Bautzen als außerschulischer Lernort“ im von Bert Pampel herausgegebenen Band Erschrecken – Mitgefühl – Distanz. Empirische Befunde über Schülerinnen und Schüler in Gedenkstätten und zeitgeschichtlichen Ausstellungen (2011) untersuchen die Kulturwissenschaftler Kathi Bromberger und Matthias Rosendahl auf Basis von Daten zum Besuch von vierzehn Schulklassen, welche Art von Wissen die dort vorgestellten unterschiedlichen Gedenkstätten den Schülern vermitteln. Ebenfalls aus dem Bereich der Gedenkstättenpädagogik kommt die Dissertation von Bert Pampel Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist. Zur Wirkung von Gedenkstätten auf ihre Besucher (2007), in der drei Erinnerungsorte – die Gedenkstätten Pirna-Sonnenstein, Münchener Platz in Dresden und Bautzen – analysiert werden. Besonders sind hier die sonst seltenen vergleichenden Ansätze in der Beschreibung von Erinnerungsorten hervorzuheben. Ein weiteres Beispiel für das seltene Vorkommen von Vergleichen stellt der Beitrag „Der DDR-Alltag im Kontext der Diktatur“ von Christian Gaubert im bereits erwähnten Band Die DDR im Museum (2011) dar, welcher eine vergleichende Analyse der Dauerausstellungen des DDR- Museums Berlin und des Deutschen Historischen Museums beinhaltet. Abseits der Forschungsliteratur zur Gedenkstättenlandschaft des Kommunismus-Unrechts ist ferner eine Monographie von Katrin Pieper erwähnenswert: Die Musealisierung des Holocaust. Das Jüdische Museum Berlin und das U. S. Holocaust Memorial Museum in Washington D. C. (2006). Dort stehen die beiden oben genannten Memory Museums im Mittelpunkt der vergleichenden Gegenüberstellung. Außerdem sei in diesem Kontext die Monographie der Kultursoziologin Vanessa Schröder Geschichte ausstellen – Geschichte verstehen. Wie Besucher im Museum Geschichte und historische Zeit deuten (2013) genannt, in welcher anhand einer vergleichenden Beschreibung von Architektur, Ausstellungen und der Wahrnehmung der Besucher in vier Museen (dem Jüdischen Museum Berlin, dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn, dem Historischen Museum am Hohen Ufer Hannover und dem Deutschen Historischen Museum in Berlin) der Versuch unternommen wird, zu erläutern, wie Museumsbesucher Geschichte und historische Zeit deuten.

In den russischen akademischen Diskursen lassen sich folgende Schwerpunkte der Erinnerungsforschung erkennen: Konkurrenz und Kampf der Erinnerungen sowie Zusammenhänge zwischen Macht, Politik und Erinnerung. Unter diesen Prämissen wird auch in der vorliegenden Forschungsarbeit das russische Feld beschrieben.

Auf einen Konfliktzustand konkurrierenden Erinnerungen deutet bereits der Titel des Cambridger Forschungskollegs Memory at War hin, welcher sich den Erinnerungsforschungen in Russland, der Ukraine und Polen widmet.2 Ilya Kalinin (20133) spricht über „die Kämpfe um die Geschichte“ in Russland und vergleicht die Vergangenheit mit Naturschätzen, welche die russischen Eliten erobern und kontrollieren möchten.

Mehrere Forscher, die zur Erinnerungsthematik in Russland Beiträge veröffentlicht haben, deuten in ihren Publikationen auf die Zusammenhänge zwischen den Interessen der Politiker an der Macht und an den Wissensbeständen der Geschichte hin. Sie zielen zumeist darauf ab, das Geschichtsnarrativ in ihrem Sinne zu lenken. In ihrem Beitrag „Abschied vom sowjetischen Gründungsmythos. Die Oktoberrevolution im Vergangenheitsdiskurs des spät- und postsowjetischen Russland“, veröffentlicht in „Transformationen“ der Erinnerungskulturen, herausgegeben von Bernd Faulenbach und Franz-Josef Jelich (2006), sondert Isabell de Keghel die wesentlichen Etappen des russischen Erinnerungsdiskurses aus: wie die „Beseitigung weißer Flecken“, die Korrektur am offiziellen russischen Narrativ unter Michail Gorbačov, die Neudeutung der Vergangenheit unter Boris El’cin sowie die wieder zunehmenden Homogenisierungstendenzen in der Amtszeit von Vladimir Putin. Andreas Langenohl (2006) stellt die Priorisierung sowie die Monopolisierung der Erinnerungen an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg unter Brežnev und Putin fest und sieht darin eine legitimatorische Rolle der öffentlichen Erinnerung. Irina Ščerbakova betont das Problem der Abwesenheit des politischen Willens in der Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Unrecht, was nach ihrer Meinung in der relativ geringen Zahl von Forschungen zu diesem Thema resultiert. Die Erinnerungen an den Stalinismus in Russland seien mittlerweile, so beschreibt sie es, aus den öffentlichen Diskursen verdrängt worden. In der Erinnerung an die Sowjetunion habe sich stattdessen ein Trend zur „komparativen Normalisierung“ etabliert, bei dem das positive und negative Erinnern in Verquickung gebracht würden (Scherbakowa4 2012).

Ein wichtiges Merkmal der Forschungen zur Erinnerung an die UdSSR ist ihre Verwobenheit mit den westlichen akademischen Kommunismus-Erinnerungsdiskursen. Die russischen Wissenschaftler publizieren häufig in den internationalen – vor allem englisch- oder deutschsprachigen – Medien. Einige besonders herausragende Osteuropa- bzw. Russland-Forscher arbeiten an Universitäten außerhalb Russlands, z. B. Alexander Etkind in Cambridge und Serguei Oushakine in Princeton. Konferenzen und Tagungen zur Russischen Erinnerungskultur (mit nachfolgenden Publikationen) werden vor allem von europäischen Trägern veranstaltet. 5 Auch erscheinen regelmäßig einzelne Beiträge zum Themenfeld der Russischen Erinnerungskultur und zu Erinnerungsdiskursen in Sammelbänden, welche überwiegend im Westen und öfters im deutschsprachigen Raum veröffentlicht werden. Hier sind insbesondere Publikationen zu nennen, welche einen Überblick über die Erinnerungen an das UdSSR-Unrecht geben. Als Beispiel dafür sei der Sammelband Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im neuen Russland, herausgegeben von Karl Lars und Igor Polianki (2009) angeführt. Dieser Band betrachtet Diskursverläufe erinnerungskultureller Art, welche Narrative über die UdSSR öffentlich machen, wie es etwa in Museen, über Denkmäler, Medien, Literatur oder Filme etc. geschieht. Das vielfältige Panorama von Erinnerungsorten wird von Jörg Ganzenmüller und Raphael Utz mit dem von ihnen herausgegebenen Band Sowjetische Verbrechen und russische Erinnerung. Orte – Akteure – Deutungen (2014) analysiert.

Die geschilderte Verwobenheit von russischen und westlichen akademischen Erinnerungsdiskursen zum Kommunismus führt dazu, dass die globalen Trends – vor allem diejenigen, die in westlichen akademischen Diskursen verbreitet sind – bei der Analyse des russischen Erinnerungsfeldes angewendet werden. Infolgedessen wird die Entwicklung in Bezug auf die Erinnerungsarbeit in Russland im Vergleich mit dem Westen bemessen. Der Soziologe Andreas Langenohl (2000) wird bei seinem Versuch, den Wandel der öffentlichen russischen Erinnerungen zu deuten noch spezifischer und verbindet diese mit dem demokratischen Transformationsprozess in Russland. Er greift dabei auf die Modernisierungstheorie zurück. Aus Sicht der Verfasserin ist zwar der Zusammenhang zwischen den politischen Transformationen in einem postsowjetischen Land und dem Wandel des Erinnerungsdiskurses nicht zu bestreiten, doch beschränkt die Modernisierungstheorie den Blick auf das Feld öffentlicher Erinnerungen. In Bezug auf die Anwendung der Theorie zur Analyse der Erinnerungskultur in Russland kann mit Dipesh Chakrabarty (2010) allgemein kritisiert werden, dass sie von ihrer westeuropäischen Herkunft geprägt ist und versucht, die Realitäten in den anderen Ländern anhand von westlichen Strukturen zu beschreiben. Dabei bleibt der Kontext der nichtwestlichen Länder öfters unterschätzt oder wird so interpretiert, dass die beschriebenen Gegenstände in den strukturellen Rahmen der Modernisierungstheorie und in den Erklärungszusammenhang der Dichotomie „modern-dynamisch“ – „traditionell-statisch“ passen. Dies stellt jedoch den Universalitätsanspruch der Theorie als wissenschaftliche Herangehensweise an die Weltgeschichte und nichtwestliche Phänomene und Dynamiken infrage (ebd.).

Klaus-Dietmar Henke gehört zu den Stimmen, welche gegen eine Bewertung der Entwicklungen in den osteuropäischen Ländern im Vergleich mit dem Westen warnen. In seinem Beitrag „Bitte kein Deutsches Urmeter“ (2005a) deutet er darauf hin, dass der Weg Deutschlands und anderer westeuropäischer Länder zu der aktuellen Erinnerung ziemlich lang war und man von den postsozialistischen Ländern keine sofortige Aufarbeitung des Kommunismus-Unrechts erwarten könne. In ihrer Kritik des Abgleiches von Phänomenen und Dynamiken der russischen Erinnerungskultur mit den westlichen gehen Uilliam Blacker und Alexander Etkind (2013) noch einen Schritt weiter und stellen die Möglichkeit der Übertragung der Erinnerungsparadigmen und der Aufarbeitung in einen neuen kulturellen Kontext infrage. In ihrer Untersuchung knüpft die Verfasserin an Uilliam Blacker und Alexander Etkind an und nimmt das geschilderte Problem der Übertragung der akademischen Theorien und Praktiken in der Erinnerungsforschung in den Blick.

Ferner versuchen einige Forscher, das russische Spezifikum der Erinnerung zu ergründen und die für Russland spezifischen Konzepte, welche die Erinnerung an das UdSSR-Unrecht erklären könnten, zu erarbeiten. So beschreibt Alexander Etkind (2013) das Phänomen der Erinnerung mithilfe des Konzepts des „Trauerns“ und stellt dies dem Konzept des „Traumas“ gegenüber. Serguei Oushakine (2009) analysiert die Routinen, Normen und Ansichten der Bewohner der sibirischen Stadt Barnaul und argumentiert, dass die Städter eine kollektive Zugehörigkeit durch einen geteilten Schmerz empfinden, welcher in den Transformationsprozessen verankert ist. Einen anderen Fokus hat Ilya Kalinin (2013), der sich damit beschäftigt, wie russische Eliten mit der Vergangenheit umgehen. Er stellt fest, dass die Vergangenheit in Russland als erschöpfbare Ressource behandelt wird und die Eliten versuchen, über diese Kontrolle zu erlangen.

Zum Ziel vorliegender Arbeit gehört es insbesondere, für Russland spezifische Wissensbestände und Erinnerungsformen hervorzuheben, welche nicht in die im akademischen Erinnerungsdiskurs etablierten Typologisierungskonzepte passen. Die Erinnerung an die UdSSR in Russland soll dabei nicht aus der Betrachtung einer ‚nachzuholenden Entwicklung‘ geschildert werden.

Kirchliche Erinnerung an das kommunistische Unrecht

Ein wichtiges Untersuchungsfeld stellen in dieser Arbeit die kirchliche Erinnerung und kirchliche Erinnerungsorte mit Bezug auf geschehenes kommunistisches Unrecht dar.

Im deutschen Feld der Erinnerung an die DDR und deren Räume rückt die kirchliche Erinnerung selten in den Fokus der Medien und der Wissenschaftler. Wenn es eine wissenschaftliche Auseinandersetzung hinsichtlich kirchlicher Erinnerungskultur gibt, wird dies meistens seitens der Evangelischen Kirche initiiert. Die entsprechenden Beiträge erscheinen mehrmals im Jahr in einigen Fachperiodika, wie z. B. in Kirchliche Zeitgeschichte oder Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte. Mitteilungen. Die Themenwahl ist überwiegend von der Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägt. Bei der Beschäftigung mit den Trägern der kirchlichen Erinnerung werden Schriftstücke wie die Barmer Erklärung, die Stuttgarter Schulderklärung, aber auch in diesem Zusammenhang wichtige Persönlichkeiten erforscht (vgl. z.B. Ebert et al. 2012). Der Grund, warum keine physisch-topographischen Orte als wichtige Erinnerungsträger genannt werden, wird im Folgenden in der Analyse des für diese Arbeit eruierten empirischen Materials zu erklären versucht.

In Russland hingegen laufen Erinnerungsprozesse an das UdSSR-Unrecht sehr stark in einem kirchlichen Rahmen ab,6 sodass der Forschungsbedarf des Themas kirchlicher Erinnerung und Erinnerungsorte deutlich spürbar ist (Ganzenmüller und Utz 2014). Bisher gibt es allerdings erstaunlich wenig Arbeiten dazu, was angesichts des grundlegenden Charakters dieses Aspektes verwundert. Im Folgenden werden einige der Veröffentlichungen, die sich diesem Thema widmen, genannt: Olga Kurilo beschäftigt sich in ihrem Beitrag „Wandel der Erinnerungslandschaften im heutigen Russland“ (2009) mit russischen Erinnerungsorten und weist auf ihre starke kirchliche Prägung in Russland hin. Dem Thema der kirchlichen Erinnerung widmet sich weiterhin ein Artikel von Veronika Dorman (2012) über den Kreuzgang von den Solovki nach Butovo, in welchem die Kirche als ein wichtiger Akteur der Erinnerung und kirchliche Erinnerungsformen an sich untersucht werden. Der Kreuzweg und die beiden Orte werden als ein gemeinsamer Raum gedeutet. Die Erinnerung an die Kirchenangehörigen, welche zu Opfern des kommunistischen Terrors geworden sind, vereinigt Weg und Orte miteinander. Die Russisch-orthodoxe Kirche als erinnerungspolitischer Akteur wird exemplarisch auch in einem Beitrag von Margarete Zimmermann (2014) zum Schießplatz von Butovo untersucht. Die Anthropologin Zuzanna Bogumil betrachtet in ihrem Artikel „Stone, Cross and Mask: Searching for Language of Commemoration of the Gulag in the Russian Federation“ (2012) die Erinnerung an das kommunistische Unrecht hingegen an mehreren ausgewählten historischen Orten und fragt nach der „Sprache der Erinnerung an den GULag“ (ebd.: 71). Dabei deutet sie auf den Unterschied hin, der sich in den Aufarbeitungsinitiativen zwischen der kirchlichen und der säkularen Erinnerung zeigt. In einer weiteren russischen Veröffentlichung (2010) untersucht Zuzanna Bogumil die kirchlichen und säkularen Formen des Gedenkens an die Opfer der Repressionen – die Kreuze und die Soloveckij-Steine. Ferner ist für die vorliegende Untersuchung der Artikel von Jeanmarie Rouhier-Willoughby (2015) über die heilige Quelle von Iskitim von Bedeutung: Die Autorin beschreibt die Erinnerungen an den GULag an einem ehemaligen Lagerort – der Heiligen Quelle in Iskitim – mithilfe von Interviews, die sie mit Einheimischen und Pilgern in Iskitim geführt hat.

Forschungen zu der Gedenkstätte Berliner Mauer und dem Soloveckij-Kloster und Museumspark

Abschließend erfolgt ein kurzer Überblick über die Publikationen, welche sich mit den Orten beschäftigen, an welchen die Daten für den empirischen Teil dieser Arbeit erhoben wurden, und für diese Studie als Sekundärliteratur herangezogen wurden. Der von Klaus-Dietmar Henke herausgegebene Band Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung (2011) gibt einen umfassenden historischen Abriss über die Mauer. Das Gedenken an die Mauer aus Sicht verschiedener kultureller Disziplinen – wie etwa Kunst, Theater etc. – sowie die Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte werden thematisiert. Etwa 28 beteiligten sich mit Beiträgen, die sich unterschiedlichsten Fragen historischer Art sowie zur Nachgeschichte der Mauer widmen. Einige Aufsätze wurden von Mitarbeitern der Gedenkstätte Berliner Mauer verfasst, was eine selbstreflektierende Perspektive erlaubte. „Entstehungsgeschichtlich könnte man den Band als ‚Begleitbuch‘ zur Errichtung der Gedenkstätte bzw. Stiftung Berliner Mauer bezeichnen. Viele der , angefangen vom Herausgeber Klaus-Dietmar Henke, dem Vorsitzenden des Beirats und Mitglied des Stiftungsrats der Stiftung Berliner Mauer, haben mit der Gedenkstätte zu tun oder sind an ihrer Entstehung beteiligt gewesen“, schreibt der Historiker Bernd Bonwetsch (2012) über den Band in seiner Rezension. Die Gedenkstätte gibt fortlaufend zahlreiche Veröffentlichungen zur Berliner Mauer heraus und publiziert die Titel neuer Erscheinungen auf ihrer Webseite.7 Inhaltlich beschäftigen sich die Publikationen vor allem mit der Mauergeschichte, dem Leben an der Mauer sowie mit den Fluchtversuchen. Hervorzuheben ist besonders eine englischsprachige Veröffentlichung von Hope M. Harrison „The Berlin Wall and its Resurrection as a Site of Memory“ (2011), die Erinnerungen an die Mauer und die Entstehung der Gedenkstätte zum Thema hat. In ihrem Artikel schildert die Autorin einen Wandel im Umgang mit den Mauerresten – von der Vernachlässigung und dem Vergessen bis hin zur Präservierung – und untersucht die Rolle der Gedenksfeier der Berliner Mauer, der Presse und einiger anderer Faktoren in diesem Wandlungsprozess. Auch im Dissertationsprojekt von Carola Rudnick, Die andere Hälfte der Erinnerung (2011), wird die stetige Veränderung der Erinnerungen an die Mauer und ihres Erinnerungsortes in der Bernauer Straße dargestellt. Andere beschäftigen sich mit den Mauerresten sowie dem Ort des Geschehens in der Bernauer Straße im Kontext der Erinnerungspolitik des Bundes (vgl. Knabe und Wilke 2004; Wilke 2011). Bei einer Reihe von Publikationen, die sich mit diesen Themen beschäftigen, fehlt eine ethnologische Perspektive auf die Gedenkstätte. Überdies scheinen bislang generell Fragen über den Zusammenhang von Kirche und Erinnerung sowie Erinnerung und Freizeit noch nicht in den Fokus der Forschungen der Gedenkstätte sowie externer Studien zur Gedenkstätte geraten zu sein.

Zu den Solovki wurden mehrere Werke veröffentlicht,8 die bekanntesten unter ihnen sind die Memoiren der ehemaligen Häftlinge, überwiegend mit schöngeistigem Charakter (vgl. Širjaev 1954, hier 2017; Volkov 1989, hier 2014). Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu den Solovki entstammen unterschiedlichen Fachdisziplinen und verfügen über ein sehr breites Themenspektrum, wie z. B.: alte Kulturen, die Naturlandschaften, Kloster-Kunstwerke und Kulturobjekte, Solovki-Heilige, die Marinekadettenschule und die Geschichte des Lagers auf den Inseln etc. Die , welche das Lager zu ihrem Forschungsobjekt machten, sind überwiegend Geschichtswissenschaftler und erforschten bestimmte Ereignisse oder Verhältnisse im Lager. Die „Nachgeschichte“ des Lagers, die Erinnerungen darüber – auch im Verhältnis zu Erinnerungen an andere Epochen der Insel – bleiben bisher wenig erforscht. Unter den wissenschaftlichen Arbeiten zu den Erinnerungskonstellationen auf den Solovki finden sich auch die Monographien von Takahashi Sanami (2007a, 2007b, 2008). Der Slawist untersucht die Sinngebungen der Inseln von der Öffnung des Museumsparks bis zum Zerfall der Sowjetunion. Allerdings sind die zwei ersten Publikationen auf Japanisch erschienen und somit für die russisch- oder englischsprachigen Leser nicht zugänglich. Die Solovki und der Umgang mit der Erinnerung an das Lager an diesem historischen Ort werden neben weiteren geschichtsträchtigen Plätzen in den bereits erwähnten Publikationen von Zuzanna Bogumil (2010, 2012) untersucht. Die Erinnerung an das Lager wird in einem Beitrag von Katharina Haverkamp „Heute auf den Solovki – morgen in Russland“ im oben erwähnten Sammelband Sowjetische Verbrechen und russische Erinnerung. Orte – Akteure – Deutungen (2014) mit einem akteurzentristischen Ansatz geschildert: Die Autorin stellt die Lebensgeschichte des Fotografen und Lager-Historikers Jurij Brodskij vor und stilisiert diese als Ebenbild der Konfrontation, die zwischen den Erinnerungen an das Lager und den herrschenden Erinnerungsdiskursen besteht.

 

3. Theoretische Verortung

Angesichts jener Gewöhnung, uns und die Dinge innerhalb eines vor allem einzelnen bestehenden Raumes vorzustellen, ist es ein schwieriger Gedanke, daß – mit etwas paradoxer Kürze ausgedrückt – der Raum selbst nichts Räumliches ist: gerade so wenig, wie die Vorstellung des Roten selbst etwas Rotes ist.

Georg Simmel (1905, zit. n. Löw 2001: 59)

Um die räumliche Rekonstruktion der Erinnerungen diskutieren zu können, beschäftigt sich diese Arbeit mit der Kategorie des Raums. Dabei unterscheidet die Verfasserin zwischen Ort und Raum. Ein Ort ist ein physisch-materieller, konkret benennbarer, meist geographisch markierter Platz (Löw 2001). Ein Raum kann hingegen auch Menschen und Dinge miteinschließen und überschreitet weit die Grenzen des Ortes, aber auch seine Materialität. Im Folgenden werden die Theorien vorgestellt, welche den Raumbegriff näher umschreiben und als theoretischen Rahmen für diese Arbeit dienen sollen: Es handelt sich zum einen um die soziale Bedingtheit des Raums, zum anderen um die Verknüpfung von Macht und Wissen im Museum.

Soziale Bedingtheit des Raums

Die theoretische Konzipierung des Raums in Verbindung mit der sozialen Praxis nach dem französischen Philosophen und Soziologen Henri Lefebvre nimmt bis heute eine zentrale Stellung bei der Auseinandersetzung mit dem Konstrukt Raum in mehreren akademischen Fächern ein. In seinem Werk La production de l’espace (1971), The Production of Space, hier 1993) postuliert Henri Lefebvre, dass der (soziale) Raum ein (soziales) Produkt ist. Anders formuliert: Der Raum wird produziert, und zwar durch menschliche Aktivitäten in technischen, ökonomischen, religiösen, künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Bereichen. Über ihre Grenzen hinweg weitet sich der Raum zusätzlich aus, da sie ebenfalls theoretische Konstrukte sind.

Henri Lefebvre versucht mit seiner Theorie, einen Ausweg aus der Zwickmühle zu finden, sich zwischen der Vorstellung über den Raum als eine Gesamtheit der dort objektiv nachweisbaren materiellen Dinge und der Gesamtheit der Vorstellungen über den Raum, welche sich in den diskursiven Repräsentationen ausdrücken, entscheiden zu müssen. Dies erscheint nachvollziehbar, denn weder die eine noch die andere Theorie reicht wirklich aus, um das Konstrukt Raum ausreichend zu beschreiben. Im ersten Fall würde der Raum zu einem ‚Container‘ herabgewürdigt, in dem sich bloß reale Gegenstände befinden und im zweiten wäre der Raum nur ein abstraktes Konstrukt, welches ausschließlich über die Eigenschaften verfügt, welche ihm subjektiv zugeschrieben werden.

Henri Lefebvre schlägt deshalb vor, den Raum anhand von drei Aspekten zu betrachten: 1. anhand von Raumrepräsentationen (représentations de l’espace), 2. räumlichen Praktiken (pratique spatiale) und 3. Repräsenationsräumen (espaces de représentation). Oder in der anderen Auslegung der Triade: Der Raum wird erdacht, erfahren und gelebt (espace conçu, perçu et veçu).

Raumrepräsentation oder erdachter Raum ist eine semiotische Abstraktion; sie umfasst den von Fachleuten innerhalb der verschiedenen Lebensbereiche und akademischen Disziplinen konzipierten Raum. Die Repräsentation des Raumes legt offen, wie dieser von Architekten, Geographen, Politikern, religiösen Scholasten, Ökologen und anderen wahrgenommen und interpretiert wird. Raumrepräsentation ist immer mit Wissen verbunden. Da Umfang und Inhalt von Wissen nie absolut, sondern relativ und variabel ist, kann die Raumrepräsentation umkonzipiert und umgedeutet werden. Dabei bleibt sie innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens objektiv. Raumrepräsentationen werden mit Zeichen und Codes dargestellt.

Unter räumlichen Praktiken oder erfahrenem Raum versteht Henri Lefebvre nichtreflexive alltägliche Routinen und Erfahrungen. Diese Praktiken produzieren ihre eigenen Grundlagen, weil sie gesellschaftliche Zustände als Tatsachen hinnehmen. So erzeugen sie bei jeder Veränderung im Wandel der Zeit ihre Grundlagen immer wieder neu. Die räumlichen Praktiken jeder Gesellschaft führen nach Henri Lefebvre zur Entstehung eines eigenen Raums dieser Gesellschaft und resultieren zugleich aus diesem.

Repräsentationsraum oder gelebter Raum ist gleichbedeutend mit dem Raum der Benutzer. Er beinhaltet die Loci der Handlungen und Gefühle; deswegen wird er wie die räumlichen Praktiken mit der Zeitebene verbunden. Wie der erdachte Raum besteht der gelebte Raum aus Zeichen, Symbolen und Codes. Diese werden von den Nutzern des Raums jedoch nicht verbal interpretiert. Repräsentationsraum wird stattdessen mehr erlebt als analysiert. Die Imagination der Nutzer versucht, sich den Repräsentationsraum anzueignen und zu verändern. Gelebter Raum ist subjektiv und mit persönlichen Erfahrungen verbunden, gleichzeitig ist er aber auch mit der jeweiligen Nationalgeschichte verquickt. Daher verweist der Repräsentationsraum nicht allein auf den Raum an sich, sondern gibt auch gesellschaftlichen Bedeutungen und Traditionen, kollektiven Erinnerungen und Erfahrungen Ausdruck. Dadurch verfügt der Repräsentationsraum auch über ein Konfliktpotenzial und kann zu einem Raum möglichen Widerstands und möglicher Kämpfe um Aneignung werden.

Diese oben vorgestellte Dreiheit der Raumkonzeption wird von Henri Lefebvre durch das Subjekt definiert welches als Teil der Gesellschaft fungiert. Als Mitglied einer sozialen Gruppe verknüpft es die einzelnen Komponenten des Raums zu einer Triade – möglich wird dies durch seine Begabung, zwischen diesen zu wechseln, ohne jedoch seine momentane Ausrichtung einbüßen zu müssen. Die Beziehungen zwischen den drei Elementen der Raumtriade sind nicht festgelegt und können sich jederzeit verändern.9

Die Theorie von Henri Lefebvre erlaubt es, bei der Beschreibung von Räumen weit über die des physisch-materiellen Ortes hinauszugehen. Die Annahme, dass der Raum kein Ding ‚an sich‘ oder kein bloßes Gefäß für das menschliche Handeln sei, sondern vielmehr ein soziales Produkt, erlaubt es, einen Erinnerungsort zu beschreiben, indem über seine Nutzung, Wahrnehmung, die Vorstellungen, die mit diesem verknüpft werden, und über die Kämpfe der Akteurinteressen Auskunft gegeben wird.

Die Annäherung an den Raum als soziales Produkt ist in der Erinnerungsforschung bereits etabliert: Der Kulturwissenschaftler Karl Schlögel veranschaulicht in seinem Buch Im Raume lesen wir die Zeit (2003), dass die Geschichte sich im Raum dadurch offenbare, dass Räume bewohnt sind. Die Menschen, welche bestimmte Räume bewohnen, werden, wie Karl Schlögel zeigt, durch immaterielle oder materielle Landschaften geprägt; es könne jedoch auch das Gegenteil der Fall sein, wenn die Bewohner umgekehrt ebenso die Landschaft beeinflussen. Des Weiteren betrachtet Karl Schlögel auch die globale sowie lokale Perspektive und urteilt, dass die lokal gebundenen räumlichen Praktiken der Entwicklungsachse der zunehmenden Mobilität entgegenwirken.

Sharon Macdonald untersucht in ihrer Monographie Memomylands (2013) die räumliche Darstellung der Geschichte im Zusammenhang mit ihren sozialen Bezügen und Bedingungen. Die Anthropologin diskutiert u. a. den Einfluss von Emotionen und Körperlichkeit auf die Erinnerung, die Rolle kulturwissenschaftlicher Wissensbestände und nationaler sowie transnationaler Rahmen bei der Konstruktion der Erinnerung. Weiterhin charakterisiert Sharon Macdonald die Kommodifizierung von kulturellen Ressourcen als einen wichtigen Trend, welcher sich auf die Gestaltung von Erinnerung auswirkt.

Beziehung zwischen Macht und Wissen im Museumskontext

Einen weiteren wichtigen theoretischen Rahmen für diese Arbeit stellt Michel Foucaults (1976, hier 1977) Postulat der Beziehung zwischen Wissen und Macht dar sowie seine Beobachtung, dass alle Menschen in die Mechanismen von Machtausübung involviert sind. Das lässt sich auch auf den Museumskontext übertragen. Unter Berücksichtigung der Foucault’schen Theorie haben verschiedene bereits die Zusammenhänge analysiert, die zwischen den in Museen präsentierten Wissensbeständen, dem Arrangement der Räumlichkeiten und der Objekte sowie der Organisation des Besuchs existieren. Carol Duncan und Allan Wallach (1980, hier 2004) betrachten den Museumsbesuch beispielsweise als ein Medium, in welchem sich bestimmte Narrative manifestieren. Durch die Teilnahme am Ritual des Durchschreitens des Museums verinnerlichen die Besucher die Werte und Ansichten, welche in das „architekturelle Skript“ eingearbeitet sind (ebd.: 53). Die Autor untersuchen das Laufen durch den Louvre und schildern dieses als ein Ritual, bei welchem bestimmte Narrative konstruiert werden: z.B. soll der Weg durch das Museum Frankreich als Nachfolgerin der Antike präsentieren und die Konzepte der nationalen Gemeinschaft und der französischen Staatsbürgerschaft sollen hervorgehoben werden. Ein Zusammenhang zwischen einem organisierten Ablauf des Museumsbesuchs, dem Gang durch das Museum, und dem dort vermittelten Wissen wird auch von Kevin Walsh (1992) angenommen. Nach Kevin Walsh hat die Ausstellungsorganisation, welche den Gang durch das Museum in einer bestimmten Reihenfolge bestimmt, die Absicht, eine gewisse Kontrolle über die Vergangenheit, über ihre lineare Darstellung und deren didaktische Erläuterungen zu übernehmen. Der australische Soziologe Tony Bennett untersucht in seinem Werk The Birth of the Museum: History, Theory, Politics (1995) speziell die Museen des 19. Jahrhunderts und weist auf die Funktion des organisierten Gangs durch das Museum in Bezug auf die Konstruktion von Historizität hin, auch dadurch dass bestimmte (Sub-) Räume konzipiert wurden, wo sich Zeit kristallisiert. Die Zusammensetzung der einzelnen Räume erlaubte es, die historische Entwicklung nachzuvollziehen und das Modell der konstanten Weiterentwicklung in die Zukunft zu übertragen. Weiterhin diskutiert Bennett die Mechanismen der scopic reciprocity, welche ebenfalls den Museen bei dem Versuch zugutekamen, ihre Besucher zu lenken. Wenn von scopic reciprocity gesprochen wird, geht es darum, dass die Besucher sich gegenseitig beobachten. „In the museums that were custom built for their new public function, the same architectural principle recurs again and again. Relations of space and vision are organised not merely to allow a clear inspection of the objects exhibited but also to allow for the visitors to be the objects of each other’s inspection“ (ebd.: 51 f.). In den ersten Museen des 19. Jahrhunderts sollten die nichtprivilegierten Klassen dazu animiert werden, das Benehmen der kulturnahen/-erfahrenen Schichten zu inspizieren, um ihre Verhaltensmodelle nachahmen zu können. Einerseits bedeutet scopic reciprocity also Mobilität, Öffnung, Umdenken und Infragestellen der festen Grenzen zwischen sozialen Gruppen und Verhaltensmodellen, andererseits beinhaltet der Begriff das gegenseitige Überwachen der Museumsbesucher, welches zum Ziel hat, dass nur bestimmte Verhaltensmuster reproduziert werden.

Die Foucault’sche Theorie über die Beziehung von Macht und Wissen und ihre Implikation im Kontext der Museen sind für diese Arbeit interessant, da sie die Zusammenhänge zwischen dem Wissen über Erinnerungsorte und der Macht der gestaltenden Akteure des Raums erläutert. Auch die Praktiken der Besucher der Gedenkstätte Berliner Mauer und der Solovki werden mit den dominanten und vorbestimmten Verhaltensmodellen in Verbindung gesetzt.

Abschließend seien hier die theoretischen Aspekte des Raumbegriffs zusammengefasst, welche als Grundlage für die Untersuchung der Forschungsorte dienen sollen. Unter dem Raum eines Erinnerungsortes soll in dieser Arbeit nicht nur der Ort an sich, sondern auch der Weg dorthin, die Dinge und Menschen, welche sich in diesem Raum befinden, ihre alltäglichen Praktiken sowie ihre Vorstellungen über den Raum verstanden werden. Das Wissen über den Raum ist eng mit der Macht der Akteure, die den Raum gestalten, verbunden.

4. Methodische Vorgehensweise und Quellen

Vergleich

Die in der Einleitung geschilderte Fähigkeit des Vergleichs, bei der Beschreibung der Phänomene neue Perspektiven anzubieten, führt dazu, dass der Vergleich zu einer wichtigen Methode der Forschung wird. Der „rote Faden“ oder die vier Kernpunkte, auf welche bei der Beschreibung der Forschungsorte Bezug genommen wird, sind: (1) die Konzipierung von und der Umgang mit Authentizität, (2) die Auslegung der Zentralität, (3) Erinnerungspraktiken und (4) die Praktiken der Rekreation/geistigen Regeneration.

Zur Methodologie des Vergleichs: Herstellen von Vergleichbarkeit

Da die untersuchten Erinnerungsorte sich in zwei unterschiedlichen Kontexten befinden, scheint ihr Vergleich auf den ersten Blick problematisch: Die Phänomene, welche mit dem gleichen Begriff Erinnerungsort bezeichnet werden, können zwar kontextspezifisch konstruiert werden, bei der Einordnung der Phänomene in eine bestimmte Kategorie werden die Grenzen aber oft subjektiv gezogen. Um diesen Widerspruch zu lösen, greift die Verfasserin auf die von Jörg Niewöhner und Thomas Scheffer (2010) vorgeschlagene Methodologie des Vergleichs zurück: Ein ethnographischer Vergleich sollte in seinen eigenen Modus der Produktion gesetzt werden, um Sinn zu machen und verstanden zu werden. Dafür ist es nötig, eine Vergleichbarkeit (thick comparision) zu schaffen. Unter thick comparision verstehen Jörg Niewöhner und Thomas Scheffer den „process of letting the world help to build and relate objects of comparison to each other and to the researchers“ (ebd.: 4). Die Vergleichbarkeit wird somit nicht als ein natürlicher Startpunkt, sondern als ein Ergebnis des Forschungsprozesses konzipiert. Die vom Estrid Sørensen formulierte Methode des Vergleichs – multi-sited comparision (ebd.) lässt sich an das Konzept des thick comparision gut anknüpfen. Der multi-sited comparision geht auf die multi-sited ethnography von George Marcus (1995) zurück und fokussiert die Kontextualisierung der beschriebenen Objekte im jeweiligen Untersuchungsfeld. Der multi-sited comparsion erlaubt mittels Neudefinition der untersuchten Objekte in einem anderen Untersuchungsfeld die Bewegung im Raum. Im Vergleich sollen ihre komplexen Zusammenhänge aufgezeigt werden. Auf diese Weise verbindet der multi-sited comparision einen ethnographischen Ansatz mit einem auf einem Tertium basierten Vergleich. Wie Jörg Niewöhner und Thomas Scheffer bemerkt auch Estrid Sørensen, dass sich ein Vergleich in einem multi-sited Feld sich nicht aus sich selbst heraus ergibt. Ein Vergleich ist vielmehr ein Resultat einer Vorarbeit im Feld und stützt sich dabei auf ein Ergebnis. Insofern erhebt diese Arbeit keinen Anspruch darauf, identische Phänomene in zwei Ländern vergleichen zu wollen. Im Gegenteil soll hier ein vergleichender Ansatz genutzt werden, um in jedem Untersuchungsfeld die Unterschiede in der Konzipierung der Phänomene und Diskurse sowie die theoretische und methodische Vorgehensweise bei der Beschreibung der Erinnerung an den Kommunismus und dessen Orte in Deutschland und Russland reflexiv zu betrachten.

Verbinden der Ansätze von vergleichender und Verflechtungsgeschichte

Die vergleichenden Ansätze werden in der vorliegenden Arbeit durch die Ansätze der Verflechtungsgeschichte erweitert. Bevor auf die vergleichende Geschichte sowie die Verflechtungsgeschichte im Folgenden näher eingegangen wird, soll zunächst präzisiert werden, was in dieser Arbeit unter Verflechtungsgeschichte verstanden wird: Verflechtungsgeschichte meint hier eine Bezeichnung für eine Reihe ähnlicher Ansätze, wie z. B. die Geschichte von Transfer und Enlargement. Die Verflechtungsgeschichte unterscheidet sich von der vergleichenden Geschichte vor allem in der Logik des Umgangs mit dem Material: Während die vergleichende Geschichte separiert und auf Unterschiede hinweist, um zu vergleichen, fokussiert die Verflechtungsgeschichte auf Gemeinsamkeiten.

Die französischen Historiker und Autoren der Theorie der Verflechtungsgeschichte Michael Werner und Bénédicte Zimmermann (2006) vertreten die Ansicht, dass Untersuchungsobjekte in der vergleichenden Geschichte a priori aus ihrem Kontext gerissen werden und dort Grenzen gezogen werden, wo keine existieren. Auf Basis dieser Kritik kristallisiert sich die Grundannahme der Kulturtransferforschung heraus, dass es überhaupt kein historisches Objekt gibt, welches isoliert existiert und keinerlei Erscheinungen einer Verflechtung aufweist. Bisher nicht berücksichtigte Verflechtungen wurden unter Anbetracht der systematischen, langfristigen Verdrängung in der Geschichtswissenschaft bislang nur teilweise aufgearbeitet. Michael Werner und Bénédicte Zimmermann plädieren dafür, die Wahrnehmung der Geschichte aus der Nationalstaatsperspektive zu überwinden und sie im globalen Kontext aus mehreren Perspektiven zu betrachten (ebd.). Der reine Ansatz der Verflechtungsgeschichte wird aber auch kritisiert. Der Historiker Jürgen Kocka fasst die Kritik in einem Satz zusammen: „Ohne expliziten Vergleich ist die historische Untersuchung von Transfers, Beziehungen und Verflechtungen in der großen Gefahr, den festen Boden zu verlieren und allzu luftig zu werden.“ (2011: 108)

Weil der eine Ansatz ohne den anderen jeweils bestimmte Mängel aufweist, wird in dieser Arbeit auf die Vereinbarkeit gesetzt und die Verbindung der beiden Ansätze von vergleichender und Verflechtungsgeschichte im Themenfeld der Erinnerungsforschung gebaut. Da es das Ziel dieser Arbeit ist, die Spezifika der Verräumlichung der Erinnerung und der Raumkonstruktion an jedem Ort zu erkennen und zu beschreiben, wird dem Ansatz der vergleichenden Geschichte besondere Aufmerksamkeit zuteil. Gleichzeitig wird er durch den Ansatz der Verflechtungsgeschichte ergänzt. Die Verbindungen, die Abhängigkeiten zwischen den Akteuren an den unterschiedlichen Erinnerungsorten, die Transfers sowie Einflüsse von akademischen Praktiken werden in dieser Forschungsarbeit geschildert.

Mithilfe der Following-Ansätze ist es möglich, den Transfer der Konzepte, der Narrative und Praktiken auf internationaler Ebene zu verfolgen. Die Follow-Methode wurde ursprünglich von Bruno Latour (1987) im Rahmen seiner Actor-Network-Theorie ausgearbeitet und in den folgenden Jahren von dem US-amerikanischen Anthropologen George Marcus (1995) erneut aufgegriffen und weiterentwickelt. Er spezifizierte die Follow-Methoden um bestimmte Typen. Ein Typus, follow the story, plot, allegory, wird schon häufig in der Forschung des Sozialgedächtnisses eingesetzt und findet ebenfalls in dem vorliegenden Werk Anwendung: Der Transfer eines Narrativs über den Kommunismus soll so deutlich gemacht werden.

Teilnehmende Beobachtung

Eine weitere wichtige Methode für den empirischen Teil dieser Arbeit ist die teilnehmende Beobachtung. Das Manuskript wurde in Berlin in den Jahren 2011-2016 geschrieben. Ein Wohnort in Berlin erlaubte es der Verfasserin, viel Zeit in der Gedenkstätte Berliner Mauer zu verbringen und u. a. auch an Veranstaltungen der Gedenkstätte teilzunehmen. Hinzu kamen zwei Forschungsaufenthalte auf den Solovki: zum einen im Juli/August 2013 (was dort der Hochsaison entspricht), zum anderen von Ende August bis Anfang September 2015 (Ende der Saison). Diese Zeiträume mögen für einen Forschungsaufenthalt auf den Solovki zwar kurz erscheinen, da die Verfasserin jedoch ursprünglich von ihrer Biographie her über den gleichen sprachlichen und kulturellen Hintergrund wie die Menschen dort sowie über ein Verständnis des kulturellen Kontexts verfügt, gelang es ihr, sich schnell vor Ort gut zu orientieren.

Im Folgenden wird in aller Kürze der Zugang der Verfasserin zu ihren Forschungsorten beschrieben:

Die Gedenkstätte Berliner Mauer stellte sich als eine Institution heraus, welche Forschungsprojekten offen gegenübersteht. Ohne Komplikationen war es möglich, Interviews mit den Mitarbeitern zu vereinbaren oder die für die Forschung relevanten Daten zu bekommen. Das Gleiche trifft auch auf die evangelische Versöhnungsgemeinde auf dem Gelände der Gedenkstätte sowie die alternativen Anbieter von Führungen auf dem Gelände der Gedenkstätte zu. Der Soloveckij-Museumspark hingegen ließ sich nur mit Schwierigkeiten erforschen. Mehrere Mitarbeiter lehnten es ab, mit der Verfasserin zu sprechen oder Informationen zu erteilen, ohne dafür zuerst die schriftliche Erlaubnis der Leitungsstelle vorliegen zu haben. Diese musste jedes Mal neu besorgt werden. Die Mönche und Novizen des Klosters dürfen kaum Außenkontakte pflegen; dies wird ausführlicher in Kapitel IV.5 dieser Arbeit über die Akteure der Solovki thematisiert. Nur einmal gelang es der Verfasserin, mit dem Leiter des Soloveckij-Klosters zu reden, und zwar als sie ihn zufällig im Jahr 2011 in Berlin traf. Auf eine Terminanfrage bei dem Klosterleiter auf den Solovki erhielt die Verfasserin lediglich eine Antwort von der Leiterin des Pilgerdienstes, welche sich für ein Gespräch zur Verfügung stellte. Die teilnehmende Beobachtung war auf den Solovki wegen der unterschiedlichen Interessen der dortigen Akteure und ihrer Voreingenommenheit untereinander nicht unproblematisch. Es fiel der Verfasserin schwer, im Forschungsfeld eine neutrale Position zu bewahren: Ihre Forschungsaktivitäten, aber auch ihr Aussehen konnten dazu führen, dass sie pauschal zu einer der Konfliktgruppen – es handelt sich einerseits um die Kloster- und Museumsleitung sowie die Pilger, andererseits um antiklerikal eingestellte aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter des Museumsparks sowie Beschäftigte der NRO NIC Memorial, welche sich um die Aufarbeitung der Geschichte auf den Solovki bemühen, – hinzugerechnet wurde, was auch geschah. Sichtbar wird das an dem folgenden Beispiel:

Forschungstagebuch, 17.07.2013

Am meinen ersten Tag auf der Insel stellte ich mich der Leiterin der Abteilung des Museums für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, Olga Bočkareva, vor. Ich trug an dem Tag entsprechend der Anforderungen der kirchlichen Etikette einen langen Rock und ein Kopftuch; Olga Bočkareva hatte nichtbedeckte kurze Haare und trug Hosen. Das Treffen war sehr kurz und unproduktiv: Nachdem ich mich und mein Thema vorgestellt hatte, warf Olga Bočkareva mir sehr emotional vor, zur Kirche zu gehören, und unterstellte mir die Intention, mit meiner Arbeit die Solovki als einen kirchlichen Ort darstellen zu wollen. Sie erklärte eine solche Forschung wie die meinige als unwissenschaftlich, da die Religion ein Gegenpol zur Wissenschaft sei und damit nicht zum Thema einer wissenschaftlichen Arbeit werden könne. Die Solovki seien zudem nicht der beste Ort, um zum Thema der Lager zu forschen, es gäbe auch viele Orte ehemaliger Lager in Sibirien, worüber noch nichts geschrieben worden sei. Die Wahl der Solovki als Forschungsort könnte demnach zu einer falschen Interpretation führen. Es wäre hier bereits viel falsch interpretiert worden und das würde es noch immer, erzählte sie mir.

Der beschriebene Fall veranschaulicht die Konkurrenz zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen auf den Solovki, welche sich auf den Forschungsprozess auswirkte. Die erzwungene Zugehörigkeit von Forschern zu einer bestimmten Gruppierung kann dazu führen, dass der Zugang zu bestimmten Quellen eingeschränkt bleibt. Bei einer sozial- oder kulturanthropologischen, oder gar bei einer vergleichbaren Forschung bedingt eine solche Konkurrenz den Umstand, dass nur eine Position umfangreich untersucht werden kann. Im Laufe der Feldforschung gelang es der Verfasserin allerdings, gute Einblicke in jede der Akteurgruppen zu erlangen, insbesondere in zwei der oben genannten Gruppen, welche sich normalerweise nicht überschneiden. Für einen relativ leichten Zugang zur ersten Gruppe sorgte die Vertrautheit der Verfasserin mit kirchlichen Traditionen und religiösen Praktiken. Über dieses Wissen verfügt sie, weil sie in einer christlich-orthodoxen Familie aufwuchs. Einen Zugang zur zweiten Gruppe fand sie über ihr bisheriges Engagement im Bereich der Aufarbeitung des UdSSR-Unrechts, z.B. Kontakte mit den Memorial-Organisationen während der Arbeit an einem Dokumentarfilm-Projekt über die ehemaligen GULag-Häftlinge in Russland.

Im Laufe der beiden Feldforschungen entstanden auch einige persönliche Kontakte: auf den Solovki-Inseln vor allem zu anderen Besuchern, welche länger auf den Inseln blieben, zu Freiwilligen, die im Kloster, und zu Angestellten, die im Museum arbeiteten. In der Gedenkstätte Berliner Mauer knüpfte die Verfasserin Kontakte zu den Praktikanten und Volontären des Museums sowie zu den Mitarbeitern der Versöhnungskapelle. Die Gespräche, welche geführt wurden, wurden mit einigen Stichwörtern festgehalten, zum Teil dienten diese Notizen dazu, das Gespräch später aus dem Gedächtnis nachzuerzählen. Zitate aus diesen Unterhaltungen können von daher nicht wortwörtlich sein. Für eine bessere Nachvollziehbarkeit wird bei den Zitaten jeweils das entsprechende Datum aus dem Forschungstagebuch der Verfasserin genannt. Wo es möglich war, wurde zumindest Alter und Herkunft der Sprechenden angegeben, um sich, wenn auch nur geringfügig, vorstellen zu können, wer an dem Gespräch teilnimmt. Es war oft wichtig, die Informanten zu anonymisieren. So wurde in diesen Fällen entschieden, Namen und genauere Eckdaten des Interviews wegzulassen.

Befragung

Die Interviews der Besucher auf dem Gelände der Gedenkstätte Berliner Mauer und auf den Solovki-Inseln sollten es erlauben, eine Vorstellung von den Besuchern der Gedenkstätte Berliner Mauer und der Soloveckij-Inseln sowie von deren Wahrnehmung der Räume zu bekommen. Die Gedenkstätte Berliner Mauer führt selbst seit 2009 wissenschaftliche Erhebungen in Form einer Befragung der Besucher durch. Damit beauftragt ist von der Gedenkstätte eine Mitarbeiterin des Berliner Instituts für Museumsforschung. Die Interviews, auf welche im weiteren Bezug genommen wird, entstammen dem Zeitraum: 15. bis 26. Oktober 2013. In ihnen ging es in erster Linie um die soziodemographische Struktur des befragten Publikums und um die Meinung der Besucher zum Konzept der Gedenkstätte Berliner Mauer. Es waren immer ein bis drei Interviewer vor Ort, und zwar im Außenbereich der Gedenkstätte. Die Fragen wurden von den Interviewern vorgelesen. Was die Struktur des Fragebogens angeht, so bestand dieser aus geschlossenen und offenen Fragen; offen waren die Fragen über die Vorstellungen von der Gedenkstätte vor dem Besuch, über etwaige Kritik und die Frage, was gut gelungen sei. Im Befragungszeitraum wurden 672 Personen angesprochen. Die Ablehnungsquote betrug 34 Prozent, was für Befragungen an ähnlichen Orten durchaus üblich ist. Auch die Verfasserin führte an zwei aufeinanderfolgenden Wochen eine Befragung der Besucher auf dem Gelände der Gedenkstätte durch. Der Fragenbogen war insgesamt dem Fragebogen der Gedenkstätte ähnlich. Im vorliegenden Werk werden jedoch ausschließlich die Daten der Gedenkstättenbefragung genutzt, da sie aufgrund der größeren Zahl der befragten Personen nicht nur über eine höhere Genauigkeit verfügt, sondern auch gestattet, Daten aus unterschiedlichen Jahren zu vergleichen. Die Befragung der Verfasserin war jedoch für diese Arbeit insofern auch von Bedeutung, als sie es ihr ermöglichte, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen und einige Anstöße zum besseren Verständnis der Wahrnehmung der Gedenkstätte durch die Besucher zu bekommen. Während der Gespräche wurden von der Interviewenden Stichwörter notiert und am gleichen Tag ins Forschungstagebuch mit ergänzenden Daten übertragen.