Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Autor lebt und arbeitet seit dreißig Jahren in einer kleinen Stadt im Havelland. Dort ist er als Tierarzt tätig. Erzählt werden verschieden lange Geschichten, die sich so oder ähnlich abgespielt haben. Es sind die Erlebnisse mit Menschen und Tieren, die das Leben im tierärztlichen Alltag beleben. Es sind lustige, traurige aber kritische Momente. Dieses zweite Buch erzählt weitere Geschichten aus dem tierärztlichen Leben in einer Landpraxis.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Eine aufgeregte Frau kommt außerhalb der Sprechzeit zu uns in die Praxis. Die Frau ist Busfahrerin in Berlin und zog aufs Land um mit Tieren leben zu können. Sie kaufte gemeinsam mit ihrem Mann ein altes Haus und renovierten es um nach der Pensionierung schön leben zu können. Aber im Leben kommt es oft anders. Mitten in den Umbauten verstarb ihr Mann ganz überraschend. Das alles hat mit unserem Fall nichts zu tun.
Um den nun allein zu meisternden Umbau fortzusetzen, brauchte sie Hilfe. Ein Verwandter half ihr beim Heizungsbau. Er lebte eigentlich auf der Insel Sylt. Für die Bauphase hatte er Quartier in ihrem Haus. Er brachte auch seinen Hund mit. Es war ein Australian Shepherd Mischling. Da zwischenzeitlich auch der Sohn mit Familie eingezogen war, lebten vier Hunde auf dem Hof. Alle Hunde verstanden sich gut und spielten miteinander.
Doch heute hatte der Gasthund sich irgendwie ein Seil ums Hinterbein gewickelt und kräftig daran gezogen. Mit den lapidaren Worten „ der hat da irgendwas am Bein“ standen sie nun in meiner Praxis. Der Hundebesitzer sah aus wie ein echter Ostfriese. Er war riesengroß, blond, hatte riesige Hände und war unheimlich nett. Ihn schien nichts aus der Ruhe zu bringen. Nun mein neuer Patient hatte ein stark geschwollenes rechtes Knie. Eine äußere Verletzung war nicht zu erkennen. Die distale Extremität baumelte umher. Meine erste Untersuchung ergab, daß keine Fraktur vorlag. Ich gab mein Untersuchungsergebnis bekannt. „ Na dann verbinden sie das mal ich muss weiter arbeiten“ war die Schlussfolgerung des norddeutschen Hünen. Ich erklärte ihm, daß das nicht so einfach ist und ich noch weitere Untersuchungen durchführen muss. „Hm, dann schnell! Ich muss los“, der lapidare Kommentar. Ich dachte immer, die Norddeutschen haben die Ruhe weg. Na, alles Vorurteile. Wir einigten uns, den Hund bis zur Klärung der Diagnose in der Praxis zu behalten und den Hünen zum Heizungsbau zu schicken. Nach Röntgen und Ultraschall stand fest, dass im Kniegelenk ein Bandabriss vorlag. Ich teilte das Resultat meiner Untersuchungen telephonisch mit. „Und können sie das reparieren“, war die einzige Reaktion. Ich versuchte eine genauso coole Antwort: „Ja klar können schon, aber erst übermorgen“ Die Schwellung sollte sich erst mal etwas zurück bilden. „Gut, dann kann der Hund gleich da bleiben“, Ende des Telephonats. Ich war es gewohnt, zu diesem Zeitpunkt langwierige Diskussionen über die Kosten zu führen. Normalerweise musste ich mich dafür rechtfertigen, dass ich für meine Arbeit überhaupt Geld forderte. Schließlich gab es doch so einen Eid, dass ich immer helfen muss. All das blieb mir hier erspart. Wenn ein Besitzer nicht nach dem Geld fragt, ist es immer verdächtig. Aber hier hatte ich ein gutes Gefühl. Die Busfahrerin war eine grundanständige Frau. Das übertrug ich auf den norddeutschen Riesen und ich sollte Recht behalten. Das will ich schon mal voraus nehmen.
Mit etwas anderem hatte ich weit danebengegriffen. Es kam der Tag der OP. Die Narkose bereitete keine Schwierigkeiten. Der Hund war robust und kerngesund, bis auf das Bein. Und das war eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Nachdem ich die Haut durchtrennt hatte, eröffnete ich das ganze Chaos. Es war noch genug blutiges Sekret vorhanden. Das musste erst mal abgesaugt werden. Nun konnte ich mir einen Überblick verschaffen. Es war alles, aber auch alles, was nicht aus Knochen war, kaputt. Da fielen mir wieder die Worte: „Können sie das reparieren?“ und vor allem meine blöde Antwort „JA“ ein. Bei solchen Operationen frage ich mich dann immer: „Warum hast du mit diesem …. überhaupt angefangen?“
Es waren beide Kreuzbänder zerrissen, die Menisci zerstört und auf beiden Seiten die Kollateralbänder kaputt. Nur die Haut hielt den Unterschenkel noch am Oberschenkel. Ich machte mich an die „Reparatur“. Wir brauchten Unmengen an Spüllösung, Bandersatz und Nahtmaterial. Zum Schluss füllte ich das neue Gelenk mit künstlicher Gelenkflüssigkeit und verschloss die Haut. Endlich geschafft! Das Bein sah nach fünf Stunden fast normal aus. Zur Stabilisierung legten wir einen festen Verband an. Der sollte vor allem das Bein ruhig stellen, damit die vielen Nähte Zeit zum heilen bekamen. Nach drei Tagen der erste Verbandwechsel. Mit einem komischen Gefühl im Bauch schnitt ich den Verband ab. Aber, oh Wunder, kaum eine Schwellung und eine passive Bewegung war auch möglich. Aber wie man so sagt, die Kuh war noch nicht vom Eis. Noch eine Woche ging ins Land und die Fäden mussten gezogen werden. Also wieder den Verband abschneiden. Es sieht noch immer gut aus. Das Bein ist zwar dünner als das andere aber alles andere ist fast normal. Die Fäden ließen sich leicht ziehen und die Wunde sah gut aus. Ich war zufrieden. Der Hund lief zwar noch lahm, konnte aber das Bein gut benutzen. Um noch eine gewisse Schonung zu erreichen, legte ich nochmals einen Verband an. Der Hund wurde mit der Maßgabe, sich zu schonen und den Verband wöchentlich zu wechseln, entlassen. Der Hüne erklärte mir, dass er jetzt wieder nach Sylt muss, um sich um seine Pferde zu kümmern. Nun war die Sache überstanden und wenn der Hund noch etwas Ruhe hat, würde er wieder vollständig genesen. Eigentlich war ich zufrieden, aber die Sache war nicht mehr unter meiner Kontrolle. Und das bereitete mir Sorge. Also rief ich nach 14 Tagen auf der Insel an. Der wortkarge Friese war völlig außer sich und erzählte in einem nicht enden wollenden Wortschwall von der wunderbaren Genesung seines Hundes. Nach drei Tagen tat ihm der Hund so Leid mit der Hinkerei und so schnitt er den blöden Verband ab. Und nun lief der Hund beim Ausritt mit seinem Pferd wie immer nebenher. Ich krampfte den Telephonhörer fester und war sprachlos. Diese Pause nutzte der Mann zu einer Einladung auf seine Insel. Dummerweise kam ich dieser aufgrund meines Arbeitseifers nicht nach. Aber so lange der Hund lebte, besuchte er mich jedes Jahr. Anfangs erneuerte sein Besitzer immer wieder die Einladung. Aber ich schaffte es wie immer nicht. Ich bekam im Laufe meiner Praxiszeit viele solcher Einladungen, aber immer war die Arbeit wichtiger. Nur nach Portugal bin ich gefahren.
Der Hund lebt schon einige Jahre nicht mehr, aber ich bekomme noch immer Grüße von der Insel Sylt, wenn die Busfahrerin Besuch bekommt. Und dieses Jahr sollen wir seine neue Hündin kastrieren. Hoffentlich klappt es genauso gut.
Da fällt mir eine andere Knie OP ein. Nun soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich nur zwei Knieoperationen in den vielen Jahren durchgeführt habe, aber die meisten sind nicht so markant, um über sie zu schreiben.
Bei dem zu operierenden Patienten handelt es sich auch um eine Australian Shepherd Hündin. Sie gehörte dieser Freundin, die mir vor Jahren die Behandlung von Neuweltkameliden einbrockte. Eigentlich hatte sie immer einen anderen Tierarzt für ihre Pferde und die anderen Tiere. Das kaputte Kreuzband sollte aber ich in meiner Praxis richten. Ich kannte die Hündin „Bunny“ schon lange und gut, so dass wir telephonisch einen Termin absprachen. Wir einigten uns auf einen Freitag, den 13. Ich bin nicht abergläubisch, schlug aber ein anderes Datum vor. Anne, das war die Besitzerin des Patienten, konterte sofort. Der 13. sei ihr Glückstag und sie habe schon viele gute Geschäfte an diesen Tagen gemacht und schließlich ist sie an einem Freitag, den 13. geboren.
Nun, der unheilschwangere Tag kam. Wir hatten nicht 13.00 Uhr, sondern 12.00 Uhr als Beginn der OP ausgemacht. Freitags ist die Sprechstunde immer schlecht besucht. Nun an diesem Tag war es brechend voll und so fiel es nicht auf, dass Besitzerin samt Hund nicht pünktlich erschien. Wir hatten also noch etwas Luft, uns vor der anstrengenden OP zu sammeln und eine Tasse Kaffee zu trinken. Als unser OP-Opfer erschien, schaute ich auf die Uhr. Es war Punkt 13.00 Uhr. Wortreich erklärte Anne, warum sie zu spät kam. „Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was mir heute alles widerfahren ist.“ Oh mir schwante etwas. Erst war das Auto auf der Fahrt liegengeblieben. Dann hatte sie noch vormittags einen Termin, um einen Ofen zu kaufen. Und da gab es auch größere Probleme. Der Ofen war jemand anderem verkauft worden. Und so hatte sie auch hier den schwarzen Peter gezogen. Ich schlug nochmals vor, den OP-Termin aufgrund der Umstände, zu verschieben. Anne blieb optimistisch. Wenn schon so viel schief gegangen ist, kann ja nun nichts mehr passieren. Also los! Bei so langen und komplizierten OPs machen wir immer eine Intubationsnarkose. Der Hund bekommt erst eine Atemmaske auf die Nase und wenn er dann schläft, wird ein Tubus in die Luftröhre eingeführt. Diese Narkose ist schonender und genauer zu steuern. Allerdings ist der personelle und apparative Aufwand deutlich höher. Wir brauchen also zwei Operateure und einen Anästhesisten, der auch die unsterilen Arbeiten übernimmt. Ich möchte hier einmal die Möglichkeit nutzen, meinen Mitarbeitern für ihre Treue und zuverlässige Arbeit zu danken.
Nach dem der Hund dann schläft, wird das OP-Feld vorbereitet, d.h. rasiert, desinfiziert und sterilen Tüchern abgedeckt, bevor dann die eigentliche Arbeit beginnen kann. Aber soweit kamen wir nicht. Bunny bekam während dieser Vorbereitung dreimal einen Atemstillstand. Es wurde immer schwieriger, eine eigenständige Atmung wieder herzustellen. Da fiel mir das Datum wieder ein. Also beschloss ich, kurzfristig die Sache hier zu beenden, ehe mir die Sache aus dem Ruder läuft. Bunny wachte schnell auf und hinkte mit einem rasierten Bein nach Hause. Nur Anne, die Besitzerin, war etwas betrübt, weil ihr angeblicher Glückstag so einen verkorksten Verlauf nahm.
Wir verabredeten einen neuen Termin. Keinen Freitag und keinen 13. Inzwischen waren die Haare am Bein wieder nachgewachsen. Mit bangen Gefühlen kam der Termin. Ich wäre froh gewesen, wenn sie zu einem anderen Kollegen gegangen wäre. Aber sie hielt große Stücke auf mich und so ging der Kelch nicht an mir vorüber. Manchmal ist mir schon der Gedanke gekommen unliebsame Patienten oder Operationen an einen Kollegen zu überweisen, den ich nicht leiden kann. Aber das konnte ich Anne und Bunny nicht antun.
Wir fangen also an, wie normal. Der Hund schlief ein und mein flaues Gefühl verschwand. Die OP verlief ohne Vorkommnisse. Keine Narkoseprobleme und auch die Heilung verlief optimal. Es zeigt sich also, auch wenn man nicht abergläubisch ist, kann einem ein Freitag der 13. ziemliche Probleme bereiten. Und die Sache mit sogenannten Glückstagen stimmt auch nicht. Seit dieser Zeit bin ich zwar nicht abergläubisch geworden, aber an einem Freitag den 13. führe ich keine geplanten Operationen mehr durch.
Wieder einmal bekomme ich an einem sonnigen Sonntag im Juli einen Anruf von der Feuerwehr. Solche Anrufe versprechen meist einen aufregenden aber abwechslungsreichen Einsatz. Leider sind diese Aktionen oft sehr langwierig. Der Mann am anderen Ende der Leitung ist fast dankbar, mich gefunden zu haben. Ich erfahre nun, dass auf einem Badesee in einer Nachbargemeinde ein Schwan den Köder eines Anglers mit samt dem Haken verschluckt hat. Das Ende der Angelsehne hängt noch aus dem Schnabel.“ Vielleicht können sie den Schwan einfangen und den Haken herausziehen“ War der gut gemeinte Rat des Anrufers. Na ja, so einfach wird es wohl nicht werden. Mit Ziehen kann ich nur noch größeren Schaden anrichten. Ich packe mir alles, was eventuell notwendig werden könnte, zusammen und fahre los. Der Badesee ist ein beliebtes Ausflugsziel in unserem Kreis. Die eine Seeseite wird als öffentliche Badewiese genutzt, während auf der anderen Angler und Spaziergänger ihre Entspannung suchen. Die Schwäne benutzen beide Seeseiten. Als ich eintreffe, steht dort ein Feuerwehrwagen um den sich fast alle Badegäste versammelt haben. Ich „liebe“ solche Menschenaufläufe. Ich bahne mir also einen Weg durch diese Menschentraube. Es wird ein zäher Kampf, da ich die Worte „Ich bin Arzt, lassen mich durch“, vermeide. Wir besprechen die Situation. Die Feuerwehr hat ein Schlauchboot. Ich bestücke mein Blasrohr mit einem Pfeil und steige in das Boot. Vorsichtshalber nehme ich einen großen Kescher mit. Ich hatte noch nie einen Schwan in Narkose gelegt und so gingen mir allerlei Gedanken im Kopf umher. Wie viel wiegt so ein Tier, wohin schießt man den Pfeil und wenn er dann einschläft, geht er dann unter? Wir jagen über den See. Es gibt viele Schwäne und so dauert es einige Zeit bis wir den, mit der Angelsehne aus dem Schnabel, ausgemacht haben. Es gelingt, den Schwan von den anderen abzusondern. Ich will ihn lieber in der Nähe vom Ufer betäuben, um ein Ertrinken zu vermeiden. Und tatsächlich geht das gestresste Tier sogar an Land. Mir gefällt das sehr gut. Aber einer der zuschauenden Angler treibt den Schwan wieder ins Wasser. Ich muss meinen Unmut unterdrücken. Denn gerade komme ich in eine gute Schußposition und glücklicher Weise treffe ich gleich beim ersten Mal. Der Schwan schläft ein und geht nicht unter. Somit war die erste Hürde genommen. Ich transportiere das schlafende Tier in die Praxis. Als erstes mache ich eine Röntgenaufnahme, um die Lage des Angelhakens zu bestimmen. Gut für den Schwan, der Haken sitzt genau in der Mitte des langen Halses. Da ich den Haken nur operativ aus dem Muskel der Speiseröhre ohne Schaden entfernen kann, muss der Patient in den OP. Nun wird die Narkose durch eine Narkosemaske vertieft. Die eigentliche OP ist nicht so schwer. Ich finde den Haken schnell. Dann beginnt die langwierige Prozedur des schichtenweisen Zunähens. Nun wird die Narkose abgeschaltet. Ich beschließe, meinen Patienten noch zwei Tage zur Beobachtung in der Praxis zu behalten. Der Schwan erholt sich auffallend schnell und frisst problemlos. So kann ich ihn wieder zu seinen Verwanden und dem See bringen. Ich wickle ihn in eine Decke und bringe ihn ans Ufer. Diesmal ist der Menschenauflauf nicht so groß. Als der Schwan auf das Wasser zuläuft, geschieht etwas völlig unerwartetes. Aus der Gruppe der auf dem See schwimmenden Schwäne kommt ein Tier genau auf uns zu. Im Wasser treffen beide Tiere aufeinander. Nun begann ein kaum zu beschreibendes Begrüßungsritual. Die beiden Tiere umarmten sich fast. So wie ein altes Ehepaar, das lange getrennt war. Dann schwammen sie beide nebeneinander zu den übrigen Schwänen. Für mich war das der beste Lohn meiner Arbeit.
Es ist der 31. 12. und ungefähr acht Uhr abends. Wir wollen gerade losgehen und unsere Verabredung treffen. Ich gebe zu, es ist selten, viel zu selten dass wir ausgehen. Meine Frau geht gerne aus. Ich dagegen bin froh mal meine Ruhe zu genießen. Ich muß mir deshalb oft zynische Bemerkungen gefallen lassen. Manchmal geht sie auch mit ihren Freundinnen allein weg. Aber irgendwie kommt immer was dazwischen. So auch diesmal. Wir sind also in Hut und Mantel und da, da klingelt das Telephon. Das klingeln löst bei mir das übliche Magenkrampfen aus. Ich ahne nichts Gutes. Aber vielleicht ist es nur ein verfrühter Gruß zum neuen Jahr. Diesmal gebe nicht ich meiner Frau die schuld an dem störenden Anruf, sondern ich werde Opfer ihrer sarkastischen Bemerkungen. “Du wolltest ja sowieso nicht weg gehen. Bestimmt hast du dir eine Kuh bestellt” Etwas ärgerlich sage ich “ Ja eine mit einem ganz großen Euter.” Zwischenzeitlich hat das Telephon nicht aufgehört zu läuten und ich hebe ab. Nun erfahre ich, dass mein großer Nachbarkollege zwar Notdienst hat, aber in Warnemüde Sylvester feiert. Und eine Boxerhündin Schwierigkeiten bei der Geburt hat. Ich lamentiere über die laxe Dienstauffassung meines Kollegen und höre mich sagen: „Na dann kommen sie mal her.“ Meine Frau guckt, als hätte sie in eine Zitrone gebissen und zieht sich stampfend zurück. Ich ärgere mich. Über meine großzügige Zusage, meinen unzuverlässigen Kollegen und nicht zuletzt über meine Frau. Als es klingelt, steht sie dann aber in Arbeitssachen in der Praxis und sagt: “ Dann lass uns mal anfangen!” Die Boxerhündin gehört einer hübschen Krankenschwester aus unserem Krankenhaus. Sie heißt Corinna Schiffer. Ich kenne sie schon lange, aber nie war sie Patientin bei mir. Sie ging immer zu dem großen Kollegen, der immer der “Beste” ist. Heute hat sie ihren Freund mitgebracht. Er ist bestimmt zehn Jahre jünger als sie. Beide sind aufgeregt wie bei der eigenen Geburt. Nach den üblichen Begrüßungen und Entschuldigungen kann ich mich meiner Patientin widmen. Die Hündin presst in regelmäßigen abständen aber bisher ist kein Welpe geboren worden. Obgleich Corinna als Schwester in der Gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses arbeitet, ist sie völlig hilflos. ich beginne mit der Untersuchung. Erstmal Ultraschall dann eine vaginale Exploration. Der erste Welpe liegt quer und versperrt den natürlichen Ausgang. Die Hündin muß auf den Tisch und ich versuche die Fehllage zu beheben. Mit viel Mühe und einer Unmenge von Verrenkungen und Flüchen gelingt es. Der erste Welpe ist da aber tot. Das war auch nicht anders zu erwarten. Das Ergebnis meiner Handlung befriedigt Corinna und Freund Thomas nicht. Da erscheint meine Frau mit frischem Kaffee. Ein Lichtblick. Ich hege die Hoffnung, dass die restlichen Welpen nun von allein auf die Welt kommen und genieße meinen Kaffee. Vielleicht können wir doch noch die Verabredung ein- halten. Wir kommen zwar zu spät, aber immerhin. Die wenigen Gastgeber rechnen nie damit, dass wir pünktlich kommen. Schließlich bin ich der Meinung, wenn der Tag noch stimmt, bin ich pünktlich!
Als der Kaffee alle ist, hat sich nichts weiter getan. Nicht mal der Hauch einer Wehe zeigt sich. Ich erinnere mich an ein berühmtes Zitat. Lass alle Hoffnung fahren... Die Hündin ist so geschafft von den vorangegangenen Strapazen, dass sie keine Kraft für weitere Wehen hat. Ich muß die Hündin stabilisieren und mit Oxitocin-Injektionen die restlichen Welpen ans Tageslicht befördern. Wobei Tageslicht irgendwie unpassend ist. Jeder einzelne Welpe benötigt seine eigene Oxitocin-Injektion. Als alle zwölf da sind, ist es zwölf Uhr. Wir haben allen Grund ein Fläschchen zu öffnen. Und so feiern wir Sylvester zu 17.. Irgendwie wurde es ganz lustig. Corinna ging später wieder zu dem anderen Tierarzt. Ich war ein bisschen verärgert. Zwischenzeitlich hat sie sich entschlossen, sogar ihr Pferd von mir behandeln zu lassen.
Nach einem anstrengenden Tag gehen meine Frau und ich endlich zu Bett. Es ist fast zwölf Uhr nachts. Erschöpft lege ich mich hin und sage zu meiner Frau: „Das ist der schönste Moment am Tag!“ Genau in diesem Moment klingelt das Telephon. Ihre antwortet darauf: „Meintest Du das?“ Ich muß mein Lachen unterdrücken und greife zum Hörer. Nun erfahre ich, dass ein langjähriger Kunde von uns ein Problem hat. Der versprochene schönste Moment vom Tag vorbei. Dieser Mann heißt Freund und wohnt in Potsdam. Dort hält er eine stattliche Zahl von Alpakas der unterschiedlichsten Arten. Besonders erwähnenswert, ist, daß er eine Marzipan und Schokoladenfabrik in Berlin besitzt. Als Liebhaber von allem Süßen hat sich das schon oft als vorteilhaft erwiesen. Im Moment war mir aber nicht nach Schokolade zu mute. Neidisch, fast schon ein bisschen ärgerlich schaue ich beim losgehen auf meine Frau im Bett. Mir steht eine Stunde Fahrt durch die Nacht bevor. Was mich dann erwartet, weiß der Himmel. Die Alpakas und Lamas sind sehr niedlich anzuschauen und wenn sie gut an den Umgang mit Menschen gewöhnt sind, recht umgängliche Tiere. Ich behandle gerne solch exotische Tiere, sie machen mir das tierärztliche Einerlei angenehm abwechslungsreich. Eine weniger schöne Eigenschaft dieser Tiere ist, dass sie meist schwer zu behandelnde Erkrankungen haben und schwer auf die Therapien ansprechen. So bedrückt mich auf der ganzen langen Fahrt das mulmige Gefühl, etwas Unangenehmes zu erleben. Das Haus des Herren Freund ist sehr schwer zu finden. Es liegt auf einer Halbinsel und ist nur über eine schmale Brücke zu erreichen. Diese Brücke ist immer nur in einer Fahrtrichtung wechselseitig zu befahren und so muß ich lange an einer roten Ampel stehen. Selbstverständlich kommt mir niemand zu dieser mitternächtlichen Stunde entgegen, aber warten muß ich trotzdem. Während dieser nicht enden wollenden Wartezeit kommen mir so manche schreckliche Ahnungen, was mich wohl erwarten wird. Nun kann ich endlich fahren. Es ist grün. Die 100 Meter hätte ich auch laufen können, aber meine Instrumente und Arzneien sind im Wagen. Es ist immer gut, wenn nicht so weite Fußwege anfallen, wenn schnell mal was gebraucht wird. Das erste was mich erwartet, ist die Freundin des netten Herrn Freund. Sie weint immer, wenn ein Tier krank ist. Diesmal aber weint sie so sehr, daß ich nichts Verwendbares aus dem Gejammer entnehmen kann. Da ich weiß, wo der Stall ist, lasse ich sie stehen und gehe zu meinem Patienten. Dort kauert Herr Freund neben einer stöhnenden Alpakastute. Ich weiß nicht, wer elender aussieht. Der Besitzer oder der Patient. Ich erfahre, das die Stute schon seit den Nachmittagsstunden am fohlen ist und sich irgendwie nichts tut. Ob er erst so spät angerufen hat, damit seine Freundin noch etwas weinen kann? Jedenfalls macht er sich darüber immer lustig. Jetzt bemerke ich einen üblen Geruch. Die Stute hat blasse Schleimhäute und kann kaum noch den Kopf an dem langen Hals hochhalten. Als erstes versuche ich eine Infusion, der ich ein Schmerzmittel beigebe. Die Halsvenen dieser Tiere sind äußerst schlecht zu finden und in diesem desolaten Zustand ist es besonders kompliziert. Es gelingt schon nach dem zweiten Versuch die Kanüle zu platzieren. Geschafft! Erleichtert atme ich auf. Nun kann ich mich dem eigentlichen Problem am anderen Ende des Tieres widmen. Da fällt mein Blick auf den armen Herrn Freund. Ich kann nicht umhin ihn zu fragen, ob er auch so einen Tropf haben will. Zu meiner Verwunderung antwortet er mit ja. Fügt aber hinzu, dass viel Alkohol drin sein müsste. Ich lehne dankend ab und ziehe mein Hemd und T-Shirt aus, lege mich auf den Stallboden und beginne mit der vaginalen Untersuchung. Vor eineinhalb Stunden lag ich auch, aber auf dem Rücken im Bett neben meiner Frau. Das Fohlen hat eine Querlage und ist bereits tot. Der üble Geruch ist hier hinten noch intensiver. Das schlimmste an solch einem Gestank ist, dass man ihn nicht los wird, noch nach Tagen haben die Arme diesen Geruch gespeichert. Es gibt zwei Möglichkeiten das tote Fohlen zu entbinden. Erstens ich zerteile es und hole es in Stücken aus dem Uterus. Diese Prozedur nennt man Embryotomie. Es ist genau so barbarisch, wie es sich anhört. Oder zweitens, ich versuche das Fohlen im Mutterleib zu drehen und als Ganzes zu entbinden. Ich entscheide mich für die zweite Variante. In meine Überlegungen fließen auch die Tränen der Freundin mit ein. Es beginnt ein zäher und langer Kampf mit Fohlen, Stute, Gestank und Millionen von Keimen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Tiere mit solch einer massiven Infektion fertig werden. Noch Tage nach solch einem Eingriff sind meine Arme von unzähligen Eiterpusteln übersäht. Nach einer Stunde dieses Kampfes ist es mir gelungen das tote Fohlen heraus zuholen. Gefolgt von einem großen Schwall stinkender Flüssigkeit liegt es vor mir im Stroh. Alle Beteiligten, einschließlich der Mutterstute, sind erleichtert. Die Freundin hört sofort auf zu weinen! Wahrscheinlich braucht sie jetzt eine Infusion nach den vielen Tränen. Ehe ich mich waschen kann, muß ich noch die Stute versorgen. Es ist nicht sicher dass sie überlebt. Ich wasche mich, steige müde in mein Auto und mache mich auf den langen Heimweg. Komisch, diesmal habe ich keine Süßigkeiten bekommen. Sie hätten mir bestimmt auch nicht geschmeckt. Als ich nach hause komme und tatsächlich noch zwei Stunden schlafen kann, freue ich mich wieder auf mein Bett. Ich lege mich neben meine Frau mit einem gewissen
Heute ist ein trauriger Tag. Ich muß zu einer Beerdigung. Gestorben ist eine liebe Freundin, die mir über viele Jahre eine treue Stütze war. Sie wurde 83 Jahre alt. Alle meine Sorgen und Probleme konnte ich mit ihr besprechen. Und es gab keine Frage, die offen blieb. Immer wusste sie eine hilfreiche Antwort. Manchmal hat sie auch einfach zugehört. Eine Gabe, die heutzutage leider verloren gegangen ist. Wie viele Stunden habe ich in ihrer Stube gesessen, Kaffee getrunken und Kekse gegessen. Oft habe ich stundenlang mit Bolle, ihrem Rauhaarteckel gespielt und mich über alle möglichen Bücher mit ihr ausgetauscht. Aber alles fing ganz einfach an. Vor etlichen Jahren saß das Ehepaar Spengeler in meinem Wartezimmer. Sie hatten einen roten Langhaarteckel mit Namen Felix. Beide waren schon im Rentenalter, aber der alte Herr arbeitete noch immer bei einer Fahrstuhlfirma in Berlin. Dorthin fuhr er täglich mit seinem alten Golf. Ich weiß heute nicht mehr, was dieser Teckel hatte. Aber es war nichts Besonderes. Seit dieser Zeit kamen die drei immer regelmäßig zu mir. Alle drei hatten den gleichen Gang. Schon damals wurden unsere Gespräche nur durch die anderen Wartenden Patienten beendet. Auch wurde ich damals regelmäßig zum Essen eingeladen. An den Abenden erfuhr ich viel über das bewegte Leben der beiden Leute. So erfuhr ich, dass Ihr Vater nach dem Krieg denunziert wurde und in russische Gefangenschaft kam und dort verstarb. Ihr Elternhaus wurde enteignet. Seitdem wohnte sie gegenüber. Aber dazu später. Dann kam der Tag an dem Herr Spengeler plötzlich verstarb und kurze Zeit später der Teckel. Aber Frau Spengeler hatte so viel erlebt, dass sie auch diese Klippe umschiffte. Sie bekam einen neuen Teckel. Er hieß Bolle und war der schon beschriebene Rauhaarteckel. Komisch, wenn man nun erwartet, dass ein junger Hund spontan und ungeduldig ist. Nein Bolle hatte von Anfang an den gleichen Gang wie Frau Spengeler. Nur später hatte sie einen Stock, der Hund nicht. Von nun an trafen wir uns öfter. Später machte ich immer Hausbesuche um, der älter werdenden Frau den beschwerlichen Weg zu ersparen. So entwickelte sich unsere Freundschaft. Durch die ich auch ihre Tochter, Enkelin und andere Freunde kennenlernte. In unregelmäßigen Abständen erfolgten meine Besuche, nicht immer um Bolle zu verarzten.
Einmal konnte ich mich auch außerhalb meiner tierärztlichen Kunst bei ihr revanchieren. Es ging um die Rückgabe ihres Elternhauses. Ich war damals Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung unserer Stadt. Ich konnte mich für ihre Angelegenheit einsetzen. Leider erfolglos. Mit den Worten: „Wenn Sie aus dem Westen wären, hätten sie Ihr Grundstück längst zurück.“, wurde der Antrag abgelehnt. Sie war sehr traurig, aber ihr gutmütiges Wesen ließ sie daran nicht verzweifeln.
Oft traf ich beide bei Gängen durch die Stadt. Es war immer das gleiche Bild. Ich konnte schon von weitem beide an dem für sie typischen Gang erkennen. Links der Gehstock, dann die alte Frau und der Hund, der auf dem gleichen Bein hinkte, wie sie. Niemals zog der Hund, wie es andere Hunde tun an der Leine oder machte irgendwelche ausweichenden Bewegungen. Immer der gleiche Trott. So bald ich sie ansprach, war da die markante jugendlich fröhliche Stimme.
Dann kam der schreckliche Tag, an dem ich Bolle einschläfern musste. Er war so sehr an Leberkrebs erkrankt, dass eine Heilung nicht mehr möglich war. Um ihn von seinen Leiden zu befreien, blieb kein anderer Ausweg. Sie schaffte sich keinen Hund mehr an. Unsere Treffen, besser meine Besuche bei ihr, blieben die Gleichen, nur das Spiel mit dem Hund fehlte von nun an. Einmal machte sie mir ein Geschenk. Ich bekam aus ihrem Fundus ein Buch geschenkt. Sie hatte ja früher viel Umgang mit Pferden auf dem elterlichen Kohlenhof. Irgendwie muss sie mal an ein Buch über Tierärzte gekommen sein. Jedenfalls übergab sie mir das kleine abgegriffene Buch. Es heißt „Die Zange“. Auf der Vorderseite ist eine Hufuntersuchungszange abgebildet. Es enthält viele kleine Geschichten aus Studium und tierärztlicher Arbeit, zur Zeit des ersten Weltkrieges. Schon oft habe ich das Buch gelesen und mich an den Geschehnissen von damals ergötzt. Bei aller Trübsal, die unser Beruf heute manchmal mit sich bringt, bin ich doch froh, in der heutigen Zeit mit ihren Vorzügen arbeiten zu dürfen. Wenn ich mir vorstelle, bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit mit Pferd und Wagen loszuziehen und meist wirkungslose oder zumindest zweifelhafte Arzneien anwenden zu müssen. Aber teilweise aber hatten die Kollegen von damals dieselben Probleme, wie wir heute.
Frau Spengeler machte mir viele Geschenke im Laufe der vielen Jahre. Das größte Geschenk war aber, daß ich sie kennen lernen durfte. Nur dieses kleine bedeutsame Büchlein ist das einzige materialistische Geschenk von ihr. Es hat einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek. Ihre letzten Worte zu ihrer Enkelin waren „Grüß schön!“. Die tapfere Enkelin überbrachte diese Worte auf der Beerdigung. Besser, als mit diesen beiden Worten, hätte man die liebe Frau Spengeler nicht beschreiben können.
