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Ernas ganzes Interesse gilt dem Essen. Alles was mit der menschlichen Ernährung zu tun hat, begeistert sie. Das war schon immer so. Diese Begeisterung liegt in der Familie. Erna hat sie von ihrer Großmutter übernommen. Kein Wunder, dass Ernas bester Freund Jan, den sie beim Studium kennenlernt, auch mit Essen zu tun hat. Er ist der Erbe eines großen Lebensmittelkonzerns. Jedoch zeigt Jan zunächst kein Interesse an den Vorlesungen über Ernährungslehre. Schließlich gelingt es Erna doch ihn dorthin mitzuschleppen. Das Fach erweist sich als unerwartet spannend und Erna und Jan haben viel Spaß mit der Welt der menschlichen Mikrobiologie oder den Verdauungsprozessen bis sie sich trennen müssen, weil Jan für ein Auslandssemester in die USA geht. Dort kommt Jan in Kontakt mit Aktivisten und erfährt, wie moderne Nahrungsmittel erzeugt werden. Erna kann ihn immer öfter nicht erreichen. Schließlich ist er verschwunden. Inzwischen beschäftigt Erna sich mit den Grundbestandteilen der Nahrungsmittel und ihrem Professor. Schließlich wird sie mit einem dunklen Familiengeheimnis konfrontiert.
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Seitenzahl: 498
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Martina Leseberg
Erna im Schlaraffenland
Eine Geschichte aus der geheimnisvollen Welt des Essens
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Jan und Erna und die Ernährungslehre
Die Kalorie
Der neue Professor und die Geschichte der Nahrungsmittelindustrie
Enzyme und Botenstoffe und Jan besucht Ernas Großmutter
Die Verdauung des Menschen
In der Welt der Allerkleinsten
Nachrichten aus USA
Teosinte und der Traum vom Weizen
Irgendwo in Iowa
Zuckerspiegel
Ein Date mit dem Professor und der Kohlenhydratstoffwechsel
Alkohol in Pernambuco
Nauru oder das Metabolische Syndrom
Der Traum vom Laufen
Fettes Fett
Soja von Maggi
Noch mal Fett
Raps, Cocos, Lein und der verschwundene Professor
Die Palmen in Jambi
Großmutters Geständnis und das Weiße vom Ei
Zitrone und Spiegel
Aus dem Dorf nach Paris
Sekundäre Pflanzenstoffe aus Holland
Vitamine aus Italien
Milch aus der Wüste
Goa und der Verpackungsmüll
Mineralien unter dem Baobab Baum
Impressum neobooks
Erna überquerte die Straße und ging auf das Studentenwohnheim zu. Sie bog in den Gang ein, der außen an den Türen der Wohnungen vorbeiführte und stieg die Treppe zur Außengalerie im ersten Stock hinauf. Bei dem Regen war sie froh unter dem Vordach im Trockenen zu sein. Es war Nachmittag und jetzt im frühen Frühjahr schon ziemlich dunkel. Sie ging an der zweitletzten Tür vorbei, der Tür hinter der bis vor drei Wochen noch Jan gewohnt hatte. Sie vermisste Jan immer wenn sie an dieser Tür vorbeiging, aber sie vermisste ihn auch sonst oft. Es gab so viele Dinge, die sie gewöhnlich gemeinsam gemacht hatten und die sie jetzt alleine tun musste.
Seit sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, waren sie die besten Freunde. Das war an ihrem ersten Tag in der Hochschule gewesen. Bei der Einführungsvorlesung hatte Jan zufällig neben ihr gesessen. Sie hatten sich gleich zu einander hingezogen gefühlt. Dabei war Jan zwar groß und sehr schlank aber eigentlich keine besonders auffällige Erscheinung. Wie sehr große Menschen es häufig tun ging Jan etwas gebeugt. Seine braunen Haare waren meist ein wenig strubbelig und ungekämmt. Aber seine dunklen Augen funkelten oft belustigt. Sie hatten sich sofort verstanden. Jetzt aber würde Jan ein Auslandssemester machen. Natürlich in den USA. Jans Familie hatte darauf bestanden. Als Mitglied einer Dynastie von Lebensmittelfabrikanten sollte Jan eine Zeit im Ausland an einer renommierten Hochschule vorweisen können. Erna war traurig, dass Jan weg war aber sie freute sich auch auf all die neuen Erfahrungen, die Jan mit ihr teilen würde. Erna fand die Zeitverschiebung von neun Stunden zur amerikanischen Westküste schwer fassbar. Jan würde gerade erst gefrühstückt haben, wenn er gleich anrief.
Erna öffnete die Tür zu ihrer Studentenwohnung und trat ein. Sie schritt rasch durch das geräumige aber spärlich möblierte Zimmer und zog die Vorhänge des Balkonfensters zur Seite. Trübes Licht fiel in den Raum. Erna öffnete die Balkontür, trat auf den schmalen Balkon hinaus und blickte über die kahlen gelben Felder die sich hinter dem Gebäude erstreckten und schließlich hinter dichten Regenschleiern verschwanden.
„Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt.“, summte Erna. Das passte nicht ganz. Es war nicht Herbst sondern Winter und die Felder waren nicht gelb von Getreidestoppeln sondern von mit Roundup abgespritztem Unkraut. Erna schauderte ein wenig, floh vor den Regentropfen in ihr warmes Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Die Hochschule breitete sich auf einem Hügel über der Stadt aus. Das neue Wohnheim war in die Felder hineingebaut worden. Die Stätte der Bildung hatte das fruchtbare Ackerland gefressen. Erna musste lächeln. Das war Originalton ihre Großmutter. Ihre Großmutter war sehr naturverbunden man könnte auch sagen radikal ökologisch eingestellt. Ihr hätte der Blick über die Felder auch nicht gefallen.
Erna war bei ihrer Großmutter aufgewachsen. An ihre Eltern konnte sie sich nicht erinnern. Sie hatten, als Erna noch ganz klein war, eine Reise nach Indien gemacht und waren nie zurückgekehrt. In Indien waren sie in einen Ashram eingetreten. Ernas Großmutter sagte ihre Eltern seien ganz besondere Menschen, denn sie seien dazu bestimmt in Indien für das Wohl der Menschheit zu beten. Darum müsse Erna für eine Weile auf sie verzichten. Erna fiel das nicht schwer. Sie hatte ihre Eltern nicht kennengelernt und Ihre Großmutter war der liebste Mensch der Welt. Erna und ihre Großmutter wohnten in einem kleinen Haus mit einem verwunschenen Garten inmitten der Stadt. Von dort hatte Erna es nicht weit zur Schule. Nach der Schule ging Erna mit ihren Freunde zum Kiosk. Da gab es bunte Gummitiere, Schleckmuscheln und Matschbrötchen. Etwas ganz besondere für Erna, das sie von ihrer Großmutter nicht bekam. Denn Ernas Großmutter glaubte an die Kraft gesunden Essens und daran, dass es möglich sei damit sein Leben zu verlängern. Darum kaufte sie im Gesundheitsladen ein. Die Ladenbesitzerin war der gleichen Meinung wie Ernas Großmutter und sie glaubte außerdem, dass man mit gesundem Essen Geld verdienen konnte. Immer wenn Erna den Laden betrat, war sie fasziniert von seinem geheimnisvollen Duft nach Kräutern, etwas Undefinierbarem, und dem Angebot an rätselhaften Produkten. Die Besitzerin, eine streng blickende ältere Dame mit Dutt, die in einen steif gestärkten, schneeweißen Kittel gehüllt war, und die Erna reichlich Respekt einflößte, schenkte ihr eines Tages ein kleines buntes Päckchen mit Müsli. Zu Hause wurde es nach Packungsvorschrift zubereitet. Was sehr einfach war. Man musste nur Milch darüber gießen. Von diesem Tage an war Müsli Ernas Leibgericht.
Nachdem sie die Schule abgeschlossen hatte, begann Erna im Gesundheitsladen zu jobben und sie versuchte alles zu lernen, was es über die geheimnisvollen Waren zu wissen gab. Bald schon merkte sie, dass es Waren gab, deren wunderbare Wirkung auf dem Glauben an sie und ihre Wirksamkeit beruhte und andere, die aus Erfahrung gut waren. Es gab aber auch solche, deren heilsame Eigenschaften auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußten die in farbigen Prospekten mit Schaubildern, Formeln und Diagrammen genau verdeutlicht wurden. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse waren es die Erna gerne verstehen wollte.
In der Kreisstadt gab es die Möglichkeit ein Fach namens Life Sience zu studieren. Erna dachte: „Die Wissenschaft vom Leben! Das ist das Richtige!“, und schrieb sich zum Studium ein. Erna liebte das Studium. Sie liebte den Chemiesaal. Chemie war so wundervoll wissenschaftlich. Sie liebte das stinkende Mikrobiologielabor. Sie liebte es den Professorinnen und Professoren zuzuhören. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie merkte, dass sie gar nichts über gesunde Ernährung zu hören bekam. Als sie mit Jan darüber sprach meinte dieser etwas überheblich: „Du studierst Life Sience Technologie! Das heißt du sollst hinterher wissen wie man Nahrungsmittel macht! Nicht mehr und nicht weniger.“
Erna schaute verdutzt: „ Muss ich denn dafür nicht wissen was gesund ist?“
„Wieso das denn? Du sollst doch hinterher in der Industrie arbeiten. Am besten bei uns!“ Jan grinste sie breit an. Dann können wir uns weiter jeden Tag sehen. Da musst du wissen wie man Lebensmittel effektiv, kostengünstig und marktorientiert herstellt.“
„Du hörst dich an wie unser Betriebswirtschaftsprofessor.“ Erna legte die Stirn in Falten und sah Jan an. „Das Essen soll doch aber nicht krank machen.“
„Ja, klar. Die Gesetze solltest du schon kennen. Damit du nichts Falsches in unsere Produkte hineintust. Ich weiß du magst Lebensmittelrecht nicht aber da gehen wir morgen trotzdem hin.“ Jans braune Augen blickten streng.
„Das meine ich nicht, ich meine Ernährungslehre. Wie funktioniert die Verdauung, wie verwertet der Körper das Essen, welches Essen ist gesund, welches nicht! Verstehst du?“
„Jah!“ Jan klang wenig begeistert. „Es soll da so ein Fach geben, ist aber ein Wahlfach. Ernährungslehre! Das klingt doch schon langweilig.“
„Ok, hört sich an als ob es das ist was ich meine. Das wähle ich und du gehst mit. Das kann dir nicht schaden Herr Großindustrieller.“, sagte Erna. Ihr Blick wurde hart. Sie liebte es Jan mit seiner Herkunft aufzuziehen.
Wie erwartet grummelte er etwas in seinen nicht vorhandenen Bart. Erna wusste er würde mitgehen.
So waren sie dann zu Ernährungslehre gegangen. Die Vorlesungen sollten in einem Raum in der siebten Etage stattfinden. Das bedeutete, dass nicht viele Teilnehmer erwartet wurden. Das Hochschulgebäude war wie eine Pyramide gebaut. Je weiter man nach oben kam, desto kleiner wurden die Räume. Der siebte Stock war ganz oben direkt unter der, das Gebäude krönenden, Sternwarte. Als sie nach den vielen Stufen etwas außer Atem in ihrem Raum ankamen, waren tatsächlich erst drei Teilnehmer anwesend. Nach ihnen trudelten nur noch wenige Leute ein. Der Raum war klein und abgelegen und sah etwas vernachlässig aber irgendwie gemütlich aus. Aus dem Fenster hatte man einen großartigen Ausblick über die am Fuß des Berges sich ausbreitende Stadt. Nach einer kleinen Weile erschien der Professor. Es war nicht der, den sie erwartet hatten sondern ein dunkelhaariger, sportlicher, junger, Mann in Jeans und T-Shirt. Er wirkte als ob er gerade von einer Wanderung in den Rhodopen oder einer anderen exotischen Gegend zurückkam und schien sich auf seine neue Aufgabe zu freuen. Er erklärte ihnen, dass er die Nachfolge des alten Professors antreten werde. Der alte Professor hätte wegen gesundheitlicher Probleme überraschend in den Ruhestand gehen müssen. Erna tat der alte Professor nur sehr kurz leid. Auch Jan sah irgendwie unangemessen erfreut aus. Nach einer allgemeinen Vorstellungsrunde begann der Professor seine erste Vorlesung. Diese widmete er der Kalorie. Was eigentlich ein eigenartiger Einstieg in das Thema Ernährung war, wenn man bedenkt, dass es sich bei der Kalorie um eine seit langem veraltete Maßeinheit für die Wärmemenge handelt. In der Physik verwendet man anstelle der Kalorie das Joule. Das war dem Professor auch durchaus bewusst. Aber er bestand nun mal darauf die Kalorie zu erklären: „Die Kalorien sind jedem bekannt. Auch solchen Menschen, die die Bedeutung der Ernährung ansonsten völlig ignorieren. Es weiß wirklich jeder, dass er zu dick wird, wenn er zu viele Kalorien isst.
Meist denken wir bei Kalorien an Essen, dabei sind sie gar kein Inhaltsstoff von Lebensmitteln sondern eine Maßeinheit. Eine Maßeinheit für die Energie. Eine Kalorie erwärmt Wasser von 14,5 auf 15,5°C. Kalorien geben also an wieviel Energie ein Nahrungsmittel liefert. Auf den Lebensmittelverpackungen finden wir als Einheit für die Energie auch noch das Joule. Auch das Joule ist eine Maßeinheit für Energie und zwar die offizielle internationale Einheit die es bei uns seit vielen Jahrzehnten nicht schafft sich auch für Lebensmittel durchzusetzen.
Unser Körper kann nicht aus allen Bestandteilen der Nahrung Energie gewinnen. Nur Protein, Fett und manche Kohlenhydrate liefern Energie. Aus Wasser, Mineralstoffen, Vitaminen und Ballaststoffen gewinnt der Körper keine Kalorien.
In Kalorien wird zum einen angegeben wieviel Energie in unserer Nahrung enthalten ist, zum anderen wird in Kalorien auch angegeben wieviel Energie, wir benötigen um zu leben und nicht zu verhungern.
Die Energie, die die Nahrung liefert benötigen wir für, unsere Bewegungen, unsere Körperwärme und den Grundumsatz. Der Grundumsatz ist die Energie für die grundsätzlichen Lebensfunktionen des Körpers, die uns nicht bewusst sind und die dazu dienen das Leben aufrecht zu erhalten. Beispiele dafür sind die Bewegungen der Organe wie der Herzschlag oder die Darmbewegung oder die Atmung. Der Grundumsatz ist abhängig von der Körpergröße, dem Alter, der Muskelmasse, dem Geschlecht, der Umgebungstemperatur und der Isolierung. Hormone, wie die Schilddrüsenhormone beeinflussen den Grundumsatz. Man kann grob 1kcal pro kg Körpergewicht für den Grundumsatz rechnen.
Kalorien sind die kleinen Wichtel, die nachts die Kleider enger nähen
Die Energie für unsere Bewegung und die Körperwärme hängt voneinander ab. Denn unser Körper erzeugt Wärmeenergie durch Bewegung. Der Kalorienbedarf ist also stark abhängig davon wieviel wir uns bewegen und wie schwer die Arbeit ist, die wir verrichten. Einen großen Einfluss hat auch der Anteil an Muskelmasse. Je mehr Muskeln man hat, desto größer ist der Kalorienbedarf. Denn Muskelzellen haben einen viel aktiveren Stoffwechsel als Fettzellen.
„Wie hoch ist denn der Kalorienbedarf eines Menschen am Tag?“, unterbrach der Student, der sich als Leonard vorgestellt hatte.
„Wie Sie schon gehört haben, ist das individuell sehr unterschiedlich. Er schwankt so zwischen 2800 kcal und 3800 kcal am Tag. Er ist auch vom Geschlecht und Alter abhängig. Den wirklichen Kalorienbedarf zu berechnen ist nicht so einfach. Zumal er ja auch noch von Tag zu Tag schwankt je nachdem wieviel man körperlich tätig ist. Darum ist es nicht unbedingt sinnvoll von einem täglichen Kalorienbedarf auszugehen. Daran, dass Ihrer Kleidung zu eng oder manchmal auch zu weit wird, merken Sie, ob die Kalorienzahl die Sie benötigen mit der Zahl übereinstimmen, die Sie mit der Nahrung zu sich nehmen. Sie können natürlich auch hin und wieder auf die Waage steigen.“
Der Professor bemerkte Leonards unzufriedenen Blick. „Glauben Sie mir, das ist immer noch die beste Methode. Kalorien sind nur eine grobe Kennzahl. Es gibt viele Einflüsse auf den Bedarf und die Verwertbarkeit. Da kann man sich auf reines Kalorienzählen nicht verlassen. Außerdem ist Kalorienzählen eine mühselige Angelegenheit und für einen gesunden Menschen auf die Dauer eine ziemliche Belastung, die in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Trotzdem ist es interessant sich die Unterschiede im Energiegehalt von verschiedenen Lebensmitteln einmal vor Augen zu führen.“
Dann zog der Professor das Tuch vom Tisch hinter sich und enthüllte einen Aufbau von Teller mit verschiedenen Lebensmitteln: „ Auch wenn ich eigentlich weiß, welche Lebensmittel kalorienreich sind, bin ich doch jedes Mal wieder überrascht und beeindruckt wenn ich diese Teller vorbereit. Auf jedem Teller liegen 100kcal.“, erklärte der Professor: „Es ist doch etwas anderes, es nur in einer Nährwerttabelle zu lesen oder es einmal direkt vor Augen zu haben. Wie Sie sehen liefert ein Esslöffel Butter genauso viele Kalorien wie ein großer Teller voll Möhren.“
Kalorienvergleich: die Lebensmittel auf dem Teller liefern jeweils 100kcal.
Der Energiegehalt von Nahrungsmitteln wird im Labor ermittelt indem man das Lebensmittel verbrennt und die freigesetzte Energie misst. Was im Labor ermittelt wird ist aber im wahren Lebenden manchmal anders. So ist es auch beim Essen.
Nicht jedes Lebensmittel hat für jedes Lebewesen gleich viele Kalorien. Nehmen wir einen grünen Salatkopf. Der hat für einen Menschen so gut wie keine Kalorien. Für Kühe ist er eine Kalorienbombe. Das liegt daran, dass die im Salat enthaltene Zellulose von den Bakterien in den Kuhmägen aufgeschlossen wird. Dadurch kommt die Kuh an die Energie in der Zellulose heran. Der Mensch kann das nicht.
Zwischen den Tierarten gibt es also deutliche Unterschiede wie viele Kalorien sie aus einem Nahrungsmittel gewinnen können. Und das ist nicht nur zwischen den Tierarten so. Auch von Mensch zu Mensch gibt es da Unterschiede. Das liegt daran, dass die Darmflora der Menschen unterschiedlich zusammengesetzt ist. In der Darmflora des Menschen gibt es Bakterien wie im Kuhmagen, die schwer verdauliche Substanzen für den Menschen verwertbar machen. Manche Menschen haben mehr manche weniger Bakterien der Arten, die unverdauliche Substanzen verdauen, im Darm. So kommt es vor, dass ein Mensch, mit einer Darmflora, die unverdauliche Kohlenhydrate aufschließt mehr Kalorien aus einer Mahlzeit zieht als ein Mensch mit einer anderen Darmflora.
Auch die Darmlänge variiert von Mensch zu Mensch. Manche Menschen haben längere Dickdärme als andere. Je länger der Darm ist, desto mehr Kalorien kann er aus dem Darminhalt aufnehmen.
Aber auch die Art, wie die Nahrung zubereitet wurde, hat Einfluss darauf wie viel der darin enthaltenen Energie der menschliche Körper nutzen kann. Je stärker ein Nahrungsmittel bearbeitet ist, desto besser kommt das Verdauungssystem an die Energie heran. Reiner Zucker geht praktisch sofort ins Blut. Ist er in einer Frucht gebunden, muss erst die Zellwand verdaut werden. Bei Obst geht das gewöhnlich schnell. Die Zellwände sind weich und dünn und schnell verdaut.
Bei Gemüse wird es schon schwieriger. Die Zellwände sind fester und durch unverdauliche Stoffe verstärkt. Es dauert lange bis das aufgeschlossen ist. Die enthaltenen Nährstoffe gelangen nur langsam und nach und nach ins Blut. Manches kann vielleicht gar nicht freigesetzt werden bevor es den Körper wieder verlässt.
Fleisch im rohen Zustand ist sehr schwer verdaulich. Das natürliche Protein des Fleisches liegt in einer sehr kompakten und geschlossenen Form vor. Es ist für unser Verdauungssystem nur schwer zu knacken. Wird das Fleisch aber gekocht oder gebraten, zerstört die Hitze die Proteinstruktur. Es wird denaturiert. Das denaturierte Protein kann unser Körper gut verwerten.
Ähnliches ist es mit Stärke aus rohem Getreide oder rohen Kartoffeln. Die Zellverbände sind kompakt und nur schwer angreifbar. Da hilft es wenn man alles Unverdauliche entfernt. Es hilft schälen, zerreiben, zermahlen und zerkleinern. Am besten hilft kochen. Denn durch die Hitze platzen die Stärkekörnchen. Etwas, das man bei Popcorn gut beobachten kann. Die Stärke wird angreifbar und unser Körper kann sie gut verdauen.
Die Verdauungstätigkeit erfordert Energie. Je mehr Kauen und Kneten, je mehr Verdauungssäfte erforderlich sind, desto schlechter ist die Kalorienbilanz eines Lebensmittels. Essen wir eine rohe Möhre, erlangt unser Körper weniger Kalorien als wenn wir eine gekocht gegessen hätten. Wir müssen länger kauen, der Körper hat mehr Aufwand zu leisten um an die Kalorien heranzukommen und am Ende war die Darmpassage nicht lang genug um wirklich sämtliche Nährstoffe herauszuholen. Bei einer gekochten Möhre sieht das ganz anders aus. Die Möhre ist weich. Wir müssen wenig kauen. Ihre Zellwände sind durch die Hitze zerstört. Die Stärkekörnchen sind geplatzt und aufgeschlossen. Unser Körper hat schon lange bevor die Möhre den Körper verlässt alles an Energie herausgeholt was herauszuholen war.
Alle proteinreichen Lebensmittel erfordern besonders viel Aufwand vom Körper um sie zu verwerten. Denn Protein hat eine kompliziertere Zusammensetzung als Fett und Kohlenhydrate.
Altbackenes Brot hat weniger Kalorien als frisches. Denn die Stärke in altbackenem Brot ist zum Teil wieder in ihren kompakten Zustand zurückgefallen. Kalte Nahrungsmittel müssen vom Körper erwärmt werden und liefern also weniger Kalorien als warme.
Auch die Kombination in der wir die Nährstoffe zu uns nehmen beeinflusst die Kalorienaufnahmen. Dies versuchen Diäten wie die Atkins Diät oder die Trennkost auszunutzen.
Und dann sollte man nicht vergessen, dass unser Darm die Nahrung auf Gefahren hin analysiert. Ist eine Nahrung mit Erregern belastet, wird das Immunsystem aktiviert. Auch dies ist ein Energieaufwand der besonders für rohe Nahrung betrieben werden muss.
Was kann man daraus ableiten?
Der Kaloriengehalt, der für ein Lebensmittel angegeben wird ist nur ein Richtwert. Was der Körper tatsächlich an Kalorien daraus gewinnen kann, ist von vielen Faktoren abhängig, die von Person zu Person unterschiedlich sein können. Der Unterschied von Person zu Person kann schon mal 20% der angegebenen Kalorien ausmachen.
Trotzdem sind die Nährwertangaben auf den Verpackungen der Nahrungsmittel natürlich ein Hilfe. Durch diese Angabe ist es auch für Menschen möglich geworden sich einen Überblick über die in einem Nahrungsmittel enthaltenen Nährstoffe zu verschaffen und es ist möglich den Energiegehalt der Nahrungsmittels zu vergleichen.“
Erna legte ihr Skript zur Seite und blickte erwartungsvoll auf ihren Computerbildschirm aber von Jan war noch nichts zu sehen.
Jan war ein Langschläfer. Er stammte aus einer sehr vermögenden Familie. Er war das einzige Kind seiner Eltern, die als Jan drei Jahre alt war, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren. Damit hatten Jan und Erna eine Gemeinsamkeit. Sie waren beide ohne Eltern aufgewachsen. Allerdings hatte das für beide unterschiedliche Auswirkungen gehabt. Erna hatte früh selbständig werden müssen. Jan hingegen war sehr behütet worden. Er war im Haushalt einer entfernten etwas exzentrischen Tante aufgewachsen und wurde von einem Kindermädchen und später einem Hauslehrer betreut. Erst mit fünfzehn hatte Jan es durchgesetzt eine Schule besuchen zu dürfen. Er hatte nie für sich selbst sorgen müssen und obwohl es ihm nicht am Willen mangelte hatte er jetzt, wo er alleine lebte, so seine Schwierigkeiten damit. Erna klopfte oft morgens auf ihrem Weg zur ersten Vorlesung beim Vorbeigehen an seine Tür, was meist dazu führte, dass Jan außer Atem und leicht verspätet zur Vorlesung eintraf. Aber immerhin, er traf ein.
Was bedeutet die Nahrung für uns? Was für eine seltsame Frage! Die Bedeutung der Nahrung ist jedem klar. Wir essen weil wir sonst verhungern würden. Weil wir sonst sterben würden. Nach 2-3 Monaten ohne Energiezufuhr bricht unser Stoffwechsel zusammen. Alle Lebewesen sind dazu verurteilt zu fressen. Sie müssen Lebensenergie in sich aufnehmen und damit anderes Leben vernichten.
„Bitte sprechen sie aus was Ihnen zu dem Thema Nahrungsmittel und warum wir essen einfällt!“, hatte der Professor sie aufgefordert, sich umgewandt, gelacht und auf Jan gedeutet, der gerade hereingekommen war und dabei war sich zu setzen.
Jan schaute den Professor etwas unwillig an, antwortete ihm aber doch:
„Wie Sie schon sagen, weil wir Hunger haben! Wir möchten was Leckeres, was auf das wir gerade Lust haben, etwas Süßes, etwas Würziges! Unser Körper verlangt danach. Er gibt uns das Signal: „Essen!“ Das war Jan. Wie immer ein bisschen verfressen. Jan hatte immer Hunger.
„Oder haben wir gar keinen Hunger, sondern wir wollen nur das leckere Tortenstück essen, das wir gerade in der Auslage der Konditorei gesehen haben? Oder der Duft aus der Dönerbude ist gerade so köstlich! Oder unsere Lieblingsschokolade im Supermarkt ist im Sonderangebot?“, meinte Michael, ein untersetzter Blondschopf, dem man ansah, das er solchen Verführungen leicht erlag.
„Sie bringen da das Verhalten zur Sprache, das in unserer modernen Überflussgesellschaft ein Problem geworden ist.“, meinte der Professor: „Essen ohne Hunger zu haben. Wir können das. Unsere Körper sind so programmiert, dass sie immer geneigt sind einen Vorrat für schlechte Zeiten aufzubauen. Nur kommen die schlechten Zeiten nicht und wir werden dauerhaft übergewichtig.“
Leonard richtete sich auf. Er neigte seinen Kopf ein wenig schräg zur Seite und blickte Michael über den Rücken seiner aristokratischen Nase herablassend an: „Es soll ja auch Leute geben, die beim Essen an ihre Gesundheit denken.“
„Puh“, dachte Erna: „So etwas nennt man wohl hochnäsig. Ob er das vor dem Spiegel übt?“
„Wir wollen alle gesund und leistungsfähig sein! Unsere Nahrung, dient dazu, unsere Lebensfunktionen aufrecht zu erhalten. Sie soll dafür sorgen, dass unser Stoffwechsel so gut und so effektiv wie möglich abläuft. Dazu müssen wir neben den energieliefernden Nährstoffen auch die Nährstoffe zu uns nehmen, die unsere Stoffwechselvorgänge regeln und unterstützen. Die Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und auch Wasser.“, sprach Leonard.
Erna fragte sich ob Leonard vielleicht gar nicht so komisch über seine Nasenrücken geschielt hatte um seiner Verachtung für kleinere Geister Ausdruck zu geben. Nein, wahrscheinlich hatte er mit diesem Blick den schönen Satz über den Sinn des Essens von dem Blatt auf seinem Tisch abgelesen. Nun, der war jedenfalls gut vorbereitet in die Vorlesung gekommen.
„Die Stoffwechselvorgänge des Menschen haben Ähnlichkeit mit Vorgängen in einer Fabrik.“, meldete sich Julia zu Wort. „Werden in einer Möbelfabrik nur Bretter angeliefert, aber niemand liefert Schrauben, können keine Stühle produziert werden.
Julia bemerkte die verständnislosen Blicke, die sich auf sie richteten. Und stotterte: „Ich meine, wenn zum Beispiel jemand ein Rindersteak isst, das viel Eisen enthält, sollte er auch Vitamin C zur gleichen Mahlzeit essen. Sein Stoffwechsel kann das Eisen sonst nicht optimal nutzen und scheidet es ungenutzt wieder aus.“
Erna musste schmunzeln. Julias Freund arbeitete in einer Möbelfabrik.
„Es ist ohne Frage wichtig sich gesund zu ernähren. Wie eine ganz neue Studie festgestellt hat, ist heute jeder fünfte Todesfall auf der Welt in irgendeiner Weise auf Fehlernährung zurückzuführen.
Es ist also wichtig, Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, die einen hohen Anteil an lebensnotwendigen Vitalstoffen enthalten. Aber nicht nur das. Die Nährstoffe sollten auch in der richtigen Kombination gegessen werden. Jedoch welches ist die richtige Kombination? Welche Nahrungsmittel sind „gesund?“, fragte der Professor.
„Da sollte man sich an die Empfehlungen der Ernährungswissenschaften halten.“, meinte Leonard. „Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt Empfehlungen zu gesunder Ernährung. Ich habe da so eine Ernährungspyramide gefunden. Da wird dargestellt wie die Nahrung zusammengestellt sein soll. Unten Getränke, dann kohlenhydratreiche Nahrungsmittel: Nudeln, Kartoffeln, Brot, Obst, Gemüse. In der dritten Stufe proteinreiche Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Ei, Milchprodukte, in der vierten Stufe Fett und ganz oben, in der kleinen Spitze, Süßigkeiten und alkoholische Getränke.
„Ich nehme an Sie meinen das.“, unterbrach der Professor und warf das Bild der Ernährungspyramide an die Wand.“
„Ja, genau!“, freute sich Leonard: „Das meinte ich. Da kann man doch sehr schön sehen was man essen soll.“
„Ist das nicht ziemlich ungenau?“, warf Jan ein.
„Da hast du Recht“, sage Erna: „Es ist doch nicht nur wichtig wieviel man von einer Nahrungsgruppe isst sondern auch was genau. Es ist doch ein Unterschied ob man Wasser oder Cola trinkt, ob man Weißbrot oder Vollkornbrot isst.“
„Sind Weißbrot und Cola denn wirklich so ungesund?“, fragte Jan.
„Na, darüber ist man sich doch wohl einig!“, erwiderte Erna etwas schnippisch.
„Na ja“, antwortet Jan. „Das weiß man ja auch nicht immer so genau. Es haben sich ja auch schon viele Vorstellungen über gesundes Essen als falsch herausgestellt. Denk mal an die Butter, die war erst gesund, dann ungesund und jetzt ist sie wieder ehr gesund.“
„Manchmal, beeinflusst die Industrie auch die seriöse Forschung“, warf Julia ein. „Bei Zucker soll das der Fall sein. Erst kommt die Werbung und wenn das nicht hilft, dann werden negative Forschungsergebnisse unterdrückt oder Forscher werden gesponsert damit sie positive Gutachten schreiben.“
Der Professor nickte: "Aber es gibt auch unabhängige Studien und zuverlässige Datenquellen. Hier können Sie sehen, welche Erkenntnisse man aus Daten, wie sie das statistische Bundesamt veröffentlicht, gewinnen kann“, erklärte der Professor und zeigte ein weiteres Bild.
„Hier sind die Ernährungsempfehlungen mit Zahlen untermauert. Wie Sie sehen, isst der durchschnittliche Deutsche zu viel Fleisch, er trinkt zu viele alkoholische Getränke und er isst zu viele Süßigkeiten. Ich nehme an über diese Erkenntnis sind Sie nicht besonders überrascht. An sich ist es da auch nicht überraschend, dass die Fleischwarenindustrie, und die Hersteller der Genussmittel: Süßwaren und alkoholische Getränken, die umsatzstärksten Sparten in der Nahrungsmittelindustrie in Deutschland sind. Erstaunlicher ist, wie sehr sich die Ernährungsgewohnheiten der Menschen seit 1950 geändert haben. 1950 begann die Zeit des Wirtschaftswunders. Man meint ja, dass die Menschen in dieser Zeit gern und viel gegessen und getrunken haben. Sie hatten nach dem Krieg Nachholbedarf und achtete wenig auf gesunde Ernährung. Doch obwohl in der heutigen Zeit gesunde Ernährung ein viel diskutiertes Themen ist, trinkt der durchschnittliche Deutsche inzwischen fast drei Mal so viel Alkohol, und isst doppelt so viel Zucker und Fleisch wie 1950. Wobei man sagen muss, dass der Fleischkonsum rückläufig ist. Er hatte seinen höchsten Stand in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals aß jeder Deutsche durchschnittlich 275g Fleisch am Tag. Inzwischen hat man viel über gesunde Ernährung gelernt. Aber die neuen Erkenntnisse sind nicht bei jedem angekommen. Es wurden viele Studien gemacht. Aber Studien zu Ernährungsfragen sind nicht leicht durchzuführen“, gab der Professor zu bedenken. „Ihre Ergebnisse sind nie völlig zuverlässig. Immer hat die Lebensweise der Versuchspersonen, einen Einfluss, den man nicht ausschließen kann.
Es gab zum Beispiel eine durchaus gut gemachte Studie, an der genügend Menschen teilnahmen und die auch über eine langen Zeitraum lief. Die Fragestellung war: „Haben Vegetarier eine höhere Lebenserwartung als Menschen, die Vollkost essen?“ Das Ergebnis war: Ja, Vegetarier haben eine höhere Lebenserwartung. Aber trotzdem kann man daraus nicht schließen, dass eine vegetarische Ernährung gesünder ist. Denn Vegetarier leben auch in anderen Bereichen gesünder als Vollköstler. Sie rauchen seltener bewegen sich mehr und trinken weniger Alkohol.
Nehmen wir ein anderes Beispiel. Wie hoch ist der Vitaminbedarf eines Menschen. Die genauen Bedarfsmengen für Vitamine sind nicht einfach festzustellen. Denn man müsste dazu ja ermitteln wann Mangelerscheinungen auftreten. Dazu müsste man einer Gruppe von Versuchspersonen einen lebenswichtigen Nährstoff verweigern. Das kann man ja aus ethischen Gründen nicht machen. So muss man sich auf Tierversuche und Berechnungen verlassen. Der Vitaminbedarf ist abhängig von Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand und schwankt von Mensch zu Mensch. Die Empfehlungen müssen darum einen großen Sicherheitsbereich haben. Durch diese schwierige wissenschaftliche Beweislage gibt es auf dem Gebiet der Ernährungswissenschaften viele Unsicherheiten. Es entstehen verschiedene Strömungen, die manchmal ihre Meinungen wie eine Religion vertreten. Und dann sind da noch die pseudowissenschaftlichen Aussagen. Prominente, manchmal sogar Wissenschaftler, lassen sich immer mal wieder dazu hinreißen bestimmte Produkte zu empfehlen ohne hinreichende Beweise für die Wirksamkeit.“
„Wie würden Sie denn die Superfoods einschätzen?“, fragte Leonard. „Maccha, Goji, Acerola, Grantapfel, Accia, Weizengras, Aronia, Chiasamen und Moringablatt und so weiter, die so gesund sein sollen.“
„Ja, ja, alle diese Nahrungsmittel sind in irgendeiner Weise „gesund.“, antwortete der Professor und nickte bekräftigend. „Ich würde aber sagen, dass die Superfoods vor allen Dingen eine Modeerscheinung sind. Es gibt viele ganz normale, einheimische, allen bekannte Nahrungsmittel mit ähnlich hoher Vitalstoffdichte - so zu sagen einheimische Superfoods. Sie haben den Vorteil, dass sie im frischen Zustand zur Verfügung stehen. Man muss sie nicht als Pulver oder Konzentrat zu sich nehmen. Einheimische Superfoods haben aber einen gravierenden Nachteil. Sie haben nicht diese Aura von Exotik. Sie sind nichts womit man sich schmücken kann. Verstehen Sie was ich meine?“, fragte der Professor und schaute in die Runde. „Es macht einen doch interessanter wenn man sagen kann: „Ich esse jetzt Moringa-blatt!“ Wie wirkt dagegen der Satz: „Ich esse jetzt Sauerkraut!“
Es gab ein verständnisvolles Gemurmel.
„…. Und wie sehen Sie bestimmte Ernährungsweisen wie z.B. Mittelmeerdiät?“, kam sofort die nächste Frage von Leonard.
Der Professor schaute Leonard an und zögerte kurz. Dann antwortete er: „Bei der Mittelmeerdiät führte man die günstige Wirkung gern auf das Olivenöl zurück. Den Grund für das hohe Durchschnittsalter der Menschen in Japan sieht man in der fischreichen Ernährung. Aber die gesundheitsfördernde Wirkung dieser Ernährungsweisen kann man nicht allein auf bestimmte einzelne Nahrungsmittel oder Wirkstoffe zurückführen. Sie beruht auf einer Kombination von Essen und der Lebensweise der Menschen.“
Erna freute sich. Sie war ein bisschen aufgeregt. Sie hatte schon lange eine Meinung zum Thema Ernährung und jetzt wollte sie die Gelegenheit nutzen sich mitzuteilen. Genau wie Leonard hatte sie sich vorbereitet:
„Es hat schon immer Interessengruppen gegeben, die ein Nahrungsmittel als besonders gesund herausgestellt haben um es gut zu verkaufen. Jeder kennt Beispiele dafür, wie Werbung Nahrungsmittel als besonders gut für die Gesundheit darstellt. Es werden zusammengesetzte, stark bearbeitete Produkte wie Fertiggerichte, Convenience Food, Snacks und Süßigkeiten beworben. Der Wirtschaftsfachmann würde sagen: Diese Produkte haben eine lange Wertschöpfungskette durchlaufen. Es sind Produkte, die lange haltbar sein müssen. Produkte, die die Sinne des Menschen verwirren.“
Erna schaute in die Runde und stellte erfreut fest, dass sie die Aufmerksamkeit der anderen hatte.
„Gesund ist die Nahrung auf die unser Stoffwechselsystem am besten eingestellt ist.
Die grundlegenden Stoffwechselvorgänge des Menschen sind bekannt, trotzdem werden immer wieder neue Zusammenhänge gefunden. Darum ist es gut sich vollwertig zu ernähren und die Nahrungsmittel nicht zu stark zu verändern. Wer weiß was man da abschält, wegschneidet oder zerkocht. Vielleicht stellt sich eines Tages noch heraus, dass es gesund gewesen wäre.“
Erna schaute den Professor an. Der guckte ein wenig verwundert zurück, wedelte aber aufmunternd mit der Hand: „Fahren Sie fort!“
Erna holte Luft und redete weiter: „Vieles von dem wir uns ernähren enthält von Natur aus eine Kombination von Nährstoffen, die günstig für uns ist. Das ist im Grund nicht verwunderlich denn die Evolution hat uns und unsere Nahrung aneinander angepasst. Wenn man eine vollwertige Mischkost zu sich nimmt, erhöht man die Wahrscheinlichkeit einer günstigen Kombination von Nährstoffen. Vielleicht sollten wir uns auch häufiger auf unser eigenes Regelsystem, unsere Sinne, verlassen. Eigentlich sind unsere Sinne darauf eingerichtet uns bei der Entscheidung was, wann und wieviel wir essen zu helfen. Da hätten wir den Hunger und das Sättigungsgefühl. Das ist ein sehr komplexes System, das uns sagt wann und wieviel wir essen sollten. Unser Körper sagt uns auch was wir essen sollen. Wir verspüren Appetit auf bestimmte Geschmacksrichtungen. Leider sind diese beiden Regelsysteme Hunger und Appetit heute aus verschiedensten Gründen häufig gestört. Essen steht jederzeit zur Verfügung. Die Menschen werden dauernd daran erinnert, dass sie „jetzt“ essen könnten. Durch die neuen Essgewohnheiten „so nebenbei“: beim Fernsehen, beim Einkaufen, während der Arbeit, vergisst der Mensch auf sein Sättigungsgefühl zu achten. Unser Appetit, der uns sagt was wir essen sollen, wird häufig von den Nahrungsmitteln selbst getäuscht. Es scheint so, dass unser Appetit uns Energiereiches besonders lieben lässt. Süßes, Fettiges. Solche Nahrungsmittel waren in der Zeit, aus der unser Regelsystem stammt, selten. Heute finden wir sie überall.
Und dann die vielen Fertiggerichte, Convenience Food, Snacks oder Süßigkeiten. Sie täuschen unser Regelsystem. Unser Appetit sagt uns: „Du möchtest etwas Frisches, Süßes Saftiges. Das erkennst du an der frischen Farbe, dem glänzenden, prallen Aussehen, dem guten aromatischen Duft.“ Im Mittelalter hätte man jetzt vielleicht zu einem Apfel gegriffen. Der liefert Wasser, Fruchtsäuren, Zucker, Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe und noch eine Menge sekundäre Pflanzenstoffe. Heutzutage greifst du zu Fruchtgummis oder Obstjoghurt. Doch hier sind die Frische und das Aroma mit Hilfe von Nahrungsmittelzusatzstoffen vorgetäuscht. Die Energiedicht ist viel höher als beim Apfel. Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe sind nicht drin.“
Erna sprach mit Leidenschaft. Sie sah, dass Jan sie ziemlich merkwürdig anschaute aber sie ließ sich nicht ablenken und fuhr fort:
„Wenn Menschen vorwiegend verarbeitete, aromatisierte Nahrungsmittel essen, wird ihr Geruchs – und Geschmackssinn und damit ihr Appetit falsch eingestellt. Dies ist besonders ausgeprägt bei Kindern der Fall.
Im Kindesalter lernt der Mensch wie die Dinge aussehen, riechen und schmecken müssen, die er essen kann. Wenn ein Kind also nur aromatisierten Erdbeerjoghurt isst und niemals Erdbeeren, wird es den Geschmack von Erdbeeraroma für den „richtige Geschmack“ von Erdbeere halten. Wenn es dann irgendwann echte Erdbeeren isst, werden ihm die sauer und fade erscheinen. Menschen, die immer Hühnerbrühe aus Brühwürfeln gegessen haben, empfinden frische, aus einem Huhn gekochte Hühnerbrühe, als flau und geschmacklos. Sie haben sich den Geschmack von Huhn Aroma als den richtigen Huhn Geschmack eingeprägt. Viele Nahrungsmittel würden uns ohne die Hilfsmittel, die die Nahrungsmittelindustrie anwendet, nicht sehr begehrenswert erscheinen. Gummibärchen werden aus Gelatine und Zucker hergestellt. Ohne Farbstoff und ohne Aromastoffe würde unser Appetit sich von ihnen nicht täuschen lassen.
Wir können uns auf unseren Hunger und unseren Appetit verlassen, wenn wir beachten wo sie ihre Schwachstellen haben und sie entsprechend in ihrer Arbeit unterstützen.
Wir sollten:
- stark verarbeiteten Nahrungsmitteln gegenüber zurückhaltend sein
- frische und wenig verarbeitete Nahrungsmittel bevorzugen
- Mahlzeiten einhalten
- Essenspausen zwischen den Mahlzeiten einhalten
- Zeit nehmen für das Kochen
- Zeit nehmen für das Essen!“
Als Erna geendet hat schauten sie alle etwas verdutzt an. Erna wurde rot und lacht verlegen: „Tut mir leid, wenn ich etwas laut geworden bin, das war gar nicht meine Absicht. Aber ihr habt vermutlich gemerkt, dass Ernährung für mich ein wichtiges Thema ist.“
Der Professor klatschte in die Hände ging einige Schritte auf Erna zu und sagte anerkennend: „Ja, das habe ich gemerkt. Sie haben sich mit dem Thema beschäftigt und sicher haben Sie Ihre Argumente nicht das erste Mal vorgetragen. Ja, ich muss sagen, dass einiges von dem was sie gesagt haben, durchaus schlüssig ist. Sie vertreten eine heute sehr populäre Meinung, die der Nahrungsmittelindustrie nicht sehr wohl gesonnen ist. Dabei wird von der Nahrungsmittelindustrie immer als von einer Einheit gesprochen, die dann das Feindbild darstellt. „Die Nahrungsmittelindustrie hat dies getan. Die Nahrungsmittelindustrie hat das getan. Die Nahrungsmittelindustrie strebt nur nach Gewinn! Es ist ihr ganz egal ob ihre Produkte gesund sind, hört man immer wieder.“
Der Professor ging zu seinem Laptop. „Aber was ist das denn eigentlich die Nahrungsmittelindustrie? Ein Industriezweig in dem eine Menge, bei genauerem Hinsehen doch sehr unterschiedliche Betriebe, zusammengefasst werden. Natürlich wird auch in der Nahrungsmittelherstellung nach Gewinn gestrebt. So ist unsere Wirtschaft ausgerichtet“, redete er schließlich weiter. „Das ist legitim und in unserem Wirtschaftssystem sogar die Pflicht eines Unternehmers. Schließlich hat er nicht nur eine Verantwortung gegenüber seinen Kunden sondern auch gegenüber seinen Angestellten. In der Nahrungsmittelindustrie sind die verschiedensten Berufsgruppen vertreten. Sie finden Techniker und Kaufleute wie in allen anderen Industriezweigen auch. Was allerdings bei der Nahrungsmittelindustrie auffällt ist, dass in der Produktion ungewöhnlich viel Menschen ohne Berufsausbildung aus dem Niedriglohnbereich arbeiten. Diese Menschen erledigen wenig qualifizierte Arbeit wie sie in anderen Industriezweigen von Maschinen oder Robotern gemacht werden. Menschen, die sich mit gesunder Ernährung auskenne, arbeiten in der Nahrungsmittelindustrie nur wenige. In den meisten kleinen und mittleren Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie finden Sie genau so viel Menschen, die Kenntnisse der Ernährungslehre haben wie in einer Maschinenfabrik oder in einer Elektronikfirma. Nach dem Krieg hat die Politik einen Versuch unternommen dies zu ändern. Auf Vorschlag der WHO wurde 1956 in Gießen ein neuer Studiengang gegründet. Die Ökotrophologie! Er hatte seine Vorbilder in den USA und in Groß Britannien. Der Studiengang wurde eingerichtet um die Ernährungslehre zu fördern und dafür zu sorgen, dass gesunde Lebensmittel hergestellt werden. Die Absolventen sollten in der Lebensmittelindustrie und in Großküchen beratend tätig sein. Obwohl es den Studiengang der Ökotrophologie heute noch gibt, findet man die Absolventen selten an entscheidender Stelle in einem Unternehmen. Vielleicht ist die Tatsache, dass die meisten Ökotrophologen Frauen sind, ein besonders Hindernis auf dem Weg zu einer solchen Stelle. Wenn Ökotrophologinnen in der Lebensmittelindustrie arbeiten sind sie im Marketing oder in der Qualitätssicherung tätig. Selbst wenn Ökotrophologinnen in der Produktentwicklung arbeiten, ist selten ihr Wissen als Ernährungswissenschaftlerin gefragt. Denn Fragen der gesunden Ernährung kollidieren häufig mit technischer Machbarkeit und Kostenfragen. Ökotrophologen arbeiten heute oft in öffentlichen Instituten oder sie sind als Pharmareferenten unterwegs.“
Der Professor schaute in die Runde: „Aber ich schweife ab. Ich hatte ohnehin vor Ihnen ein etwas differenzierteres Bild der Nahrungsmittelindustrie zu vermitteln. Darum werde ich die Gelegenheit ergreifen und Ihnen jetzt etwas über ihre Ursprünge erzählen.“
Der Professor sucht eine kleine Weile, dann begann er seinen Vortrag:
„Es geht um die Nahrungsmittelindustrie und die Agrarwirtschaft. Für mich gehört beides zusammen. Die Landwirtschaft ist der Ursprung unserer Nahrung .Wir kaufen auch heute noch viele Nahrungsmittel, die vorher nicht verarbeitet wurden und die direkt aus der Landwirtschaft stammen. Die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelherstellung sollten einen ganz besonders hohen Stellenwert haben und eine ganz besondere Wertschätzung erfahren. Schließlich werden hier auch ganz besondere Güter produziert. Wir fahren nicht darin in der Gegend herum oder tragen sie am Körper. Nein, wir nehmen die Produkte der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelindustrie in unseren Körper auf. Sie werden ein Teil von uns.
Hier gebe ich einen kurzen Abriss über die Geschichte dieser beiden Industriezweige.“, erklärte der Professor und warf die erste Seite seines Skripts an die Wand.
„Unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler mussten sich keine Gedanken darum machen ob ihre Nahrung ausgewogen war. Sie hatten einen sehr abwechslungsreichen Speiseplan und zogen von Sammelplatz zu Sammelplatz und aßen was die Jahreszeit und die Gegend ihnen gerade boten. Ihr Körper und ihre Nahrung waren aneinander angepasst und beeinflussten sich gegenseitig. Jäger und Sammler bereiteten ihre Nahrung schon zu. So kann man sagen, dass die ersten Vorläufer der Nahrungsmittelindustrie älter sind als die Landwirtschaft.
Das Aufkommen der Landwirtschaft nennt man auch Neolithische Revolution, die wie der Name schon sagt im Neolithikum also der Jungsteinzeit stattfand. Vor 12 000 Jahren kamen einige unserer Vorfahren auf die merkwürdige Idee ihre Nahrung anzubauen und Bauern zu werden. Warum ist bis heute rätselhaft. Vielleicht war mal wieder der Alkohol schuld. Die ersten Bauern lebten im fruchtbaren Halbmond im Vorderen Orient. Zu jener Zeit glich das Land dort dem Auenland, mit grünen Wiesen unterbrochen von einzelnen Baumgruppen und lichten Wäldern. Landschaften wie diese empfinden wir heute noch als besonders schön. Sie sollen das Paradies gewesen sein. Dort gab es jagdbares Wild im Überfluss. Die Bewohner fanden Beeren, Nüsse, Samen und Wurzeln. Unsere Vorfahren können keine Not gelitten haben. Dennoch gaben einige Menschen ihr Leben als Jäger und Sammler auf um Landwirtschaft zu betreiben. Vielleicht war es wegen der Religion. Die Jäger und Sammler schätzten ihre Nahrungsquellen sehr und verehrten sie als göttlich. Möglicherweise war es dann tatsächlich Gott, der die Menschen aus ihrem Paradies vertrieb. Auch die Bauern verehrten ihre Nahrung als göttlich. Aus vielen Kulturen sind Getreidegötter bekannt. Die Reisgöttin Dewi Sri auf Bali, Neper der Korngott der Ägypter und Centeotl der Maisgott der Azteken, die glaubten, dass der Mensch aus Maisbrei geschaffen sei.
Die Menschen blieben an einem Ort und wurden sesshaft weil sie einen Tempel für ihren Gott errichten wollten. Um während der Bauzeit etwas zu essen zu haben, säten sie Getreide aus und hielten Tiere in Gehegen. Manch einer sagt auch dass sie sesshaft wurden weil sie berauschende Getränke aus Getreide für die heiligen Riten brauen mussten. Merkwürdiger Weise ist es sogar noch an mehreren anderen Orten auf der Welt passiert, dass Menschen zu Bauern wurden. Die Gebiete, in denen die Landwirtschaft entstand, sind alle mit Getreide verbunden. Im fruchtbaren Halbmond wurden Gersten, Weizen und Roggen gezüchtet. In China züchtete man im Jangtsetal Reis und am Hwang ho Hirse. In Mexico zog man den Mais, in Peru Quinoa und Amaranth. Im äthiopischen Hochland baute man Teff an und im tropischen Afrika afrikanischen Reis.
Eigentlich ist diese Entwicklung nicht logisch. Denn die Menschen tauschten ein freies Leben, indem sie sich durch relativ wenig Arbeit mit ausreichend Nahrung versorgten, gegen ein Leben, das viel anstrengender war und das sie an einen bestimmten Ort band. Tatsächlich ist es so, dass die ersten Bauern kleiner und weniger gut genährt waren als die Menschen, die zur gleichen Zeit als Jäger und Sammler lebten. Auch waren sie häufiger krank. Was mit dem Leben in enger Gemeinschaft mit anderen Menschen und in Gemeinschaft mit den Haustieren zu tun hatte. Ihre Nahrung war nicht mehr so abwechslungsreich, sie steckten sich durch das enge Zusammenleben miteinander und mit den Tieren mit Krankheiten an. Auch heute noch gelten die wenigen Menschen, die noch als Jäger und Sammler leben als besonders gesund und sind begehrte Objekt von Studien zum Thema Ernährung und Lebensweise.
Es gibt seit vielen Jahrtausenden sowohl Menschen, die als Jäger und Sammler leben als auch solche, die Landwirtschaft betreiben. Zwischen den Gruppen hat es immer Austausch gegeben aber auch Konflikte. Zurzeit kann man in Südamerika, Ostasien und Afrika beobachten wie die letzten Jäger und Sammler ihren Lebensraum an die Landwirtschaft verlieren.
Doch letztendlich setzte sich die bäuerliche Lebensweise durch. Die Bauern konnten durch ihre sesshafte Lebensweise mehr Kinder aufziehen. Sie sorgten dafür, dass die Menschheit sich vermehrte und sie verbreiteten die Landwirtschaft schließlich auf der ganzen Erde.
Während die Jäger und Sammler ein breites Spektrum an Nahrungsquellen nutzten, beschränkten sich die Bauern auf die wenigen Pflanzen und Tieren, die sie zogen. Die Pflanzen und Tiere, der Bauern veränderten sich im Laufe der Zeit dadurch, dass die Bauern bestimmte Tiere und Pflanzen bevorzugten und diese vermehrten und andere nicht. So entstanden durch Zucht die heutigen Nutzpflanzen und -tiere.
All diese Pflanzen, die schon so lange in ihren Ursprungsgebieten angebaut werden, sind an die dortigen Umweltbedingungen angepasst. Die Bauern und Viehzüchter der verschiedenen Weltgegenden züchteten im Laufe der Jahrtausende Pflanzen und Tier passend zu den bei ihnen herrschenden Umweltbedingungen. Dabei entstand eine große Vielfalt an Nutztieren und -pflanzen. Die Pflanzen waren oft sehr anspruchslos und lieferten auch noch auf besonders mageren oder trocken Böden Erträge. Auch die Tiere waren robust und kamen mit harten Bedingungen zurecht.
Die Nutztiere waren damals keine Nahrungskonkurrenten der Menschen. Futter für Tiere wurde kaum angebaut. Schweine hielt man damit sie Abfall fraßen oder man trieb sie zur Eichelmast in den Wald. Auch die Wiederkäuer waren keine Nahrungskonkurrenten. Das waren neben Rindern auch Ziegen und Schafe; in anderen Klimazonen Kamele oder Rentiere. Diese Tiere können durch ihr besonderes Verdauungssystem zellulosehaltige Pflanzen verdauen. Der Mensch isst das Fleisch oder die Milch dieser Tiere und macht sich damit die Zellulose als Nahrungsquelle nutzbar. Rinder fressen Gras. Ziegen, Kamele und Schafe fressen neben Gras und Wildpflanzen auch Blätter und junge Zweige. Rentiere ernähren sich von Flechten. Diese Tiere weideten auf Flächen, die für den Ackerbau ungeeignet waren. Durch ihr besonderes Verdauungssystem machten de Wiederkäuer dieses Land aber dennoch zur Nahrungsquelle für die Menschen.
Eine besondere Form der Landwirtschaft entwickelte sich aus der Notwendigkeit neue Flächen für die Weidetiere zu suchen. Diese Aufgabe übernahmen Wanderhirten. Manche Form der Wanderviehhaltung ergänzt sich mit dem Ackerbau. Eine dieser Formen ist die Almwirtschaft, bei der die Tiere den Sommer auf den Hochweiden verbringen, die nicht für den Ackerbau geeignet sind. Eine andere Form ist die Transhumanz, bei der die Tiere auf die jeweils nutzbare Fläche getrieben werden. Das kann im Sommer eine Hochweide sein, im Herbst abgeerntete Felder und im Winter die Wiesen in den Flussmündungen. Die echten Nomaden, wandern mit den Herden über große Weidegebiete, die nicht für den Ackerbau geeignet sind. Heute gibt es noch Nomaden in den Steppen der Mongolei. Viele Tuareg leben noch nomadisch wie auch die Samen in Nordskandinavien. Zwischen den wandernden Hirten und den sesshaften Bauern kam und kommt es immer wieder zu Konflikten.
Die älteste Geschichte die davon berichtet, ist die von Kain und Abel. Die Geschichten des wilden Westens erzählen davon, wie die nomadisch lebenden Indianer ihr Land an die Cowboys, die wandernden Viehzüchter verloren, die es schließlich an die moderne Landwirtschaft abgeben mussten. Im Moment verlieren gerade die Gauchos, die wandernden Viehhirten in Südamerika, ihr Land an die Soja- und Maisplantagenbesitzer.
Bauer zu sein war und ist kein leichtes Los. Wenn es zu Ernteausfällen kam, musste man hungern. Und Gründe für Ernteausfälle gab es viele. Naturkatastrophen, schlechte Wetterlagen und Ungezieferplagen, Krieg, Seuchen und Bevölkerungsunruhen, all das konnte Missernten und Hungersnöte zur Folge haben. Im Laufe der Geschichte kamen noch Abgaben an die herrschende Klasse dazu. In einem Staatswesen sorgen die Herrschenden und die von ihnen eingesetzte Verwaltung dafür, dass die Nahrung umverteilt wird. Dadurch können Hungersnöte vermieden werden. Leider klappt das nicht immer. Wenn das Verwaltungssystem eines Staates schlecht funktioniert, droht Nahrungsmittelknappheit. Dennoch blieb die Landwirtschaft ein Erfolgsmodell und die Zahl der Menschen auf der Welt stieg und stieg und steigt immer weiter. Irgendwann bedeuteten Ernteausfälle oder schlechte Nahrungsverteilung nicht mehr den Tod einiger tausend Menschen sondern den Tod von Millionen. Es kam zu verheerenden Hungersnöten.
Frühe Kulturen entwickelten sehr ausgefeilte Anbaumethoden, die davon zeugen, dass unsere Vorfahren ein großes naturwissenschaftliches Wissen über landwirtschaftliche Anbaumethoden und die Beziehungen der Pflanzen untereinander und über Boden und Umweltbedingungen hatten. Man kann überall auf der Welt noch Reste vom Beginn der Technisierung der Landwirtschaft finden. Viele landwirtschaftliche Kulturen auf dem ganzen Globus haben sehr ausgeklügelte Bewässerungssysteme gebaut, die zum Teil noch heute funktionieren. Der Nassanbau von Reis ist ein Beispiel für solch eine hochentwickelte Landwirtschaft. Die gefluteten Felder sind nicht etwa notwendig weil die Reispflanze diese Wassermenge benötigt. Die Pflanze toleriert das Wasser nur. Diese Erkenntnis nutzt man um Unkraut zu unterdrücken. Daraus haben sich erstaunliche Kulturlandschaften entwickelt. Die Reisterrassen von Bali, auf denen Enten die Ungeziefervernichtung übernehmen, gehören heute zum Weltkulturerbe. Die Uramerikaner bauten Mais, Kürbis und Bohnen im Three Sisters-Verfahren an. Die Bohnen lieferten Stickstoff, der Mais die Rankhilfe und die Kürbisse den Schatten.Heute können wir noch ein ähnliches Anbauverfahren auf Sansibar beim Anbau von Gewürzen sehen. An Muskatnussbäumen ranken Vanilleorchideen empor. Im Schatten der Bäume gedeihen Gewürznelkenbüsche. Im Peru der Inkas wurden die Nahrungsmittel auf drei Etagen auf den Hängen der Anden produziert passend zu den Klimazonen. Die trockene Küste lieferte Fisch, auf der mittleren Etage wurde Mais angebaut, auf der oberen Etage Kartoffeln. Die Archäologie schaut im Moment sehr gespannt auf das Amazonsbecken. Es gibt Indizien, die darauf hindeuten, dass es dort eine landwirtschaftliche Hochkultur gegeben hat, die mit Hilfe der Terra Preta bis zu 20 Millionen Menschen ernährte. Terra Preta ist eine besondere sehr fruchtbare Erde von der man nicht genau weiß wie sie hergestellt wurde. Wie viele Menschen vor der Ankunft der Weißen auf dem amerikanischen Kontinent gelebt haben ist im Grunde nicht bekannt.
Fest steht aber, dass die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents eine sehr hochstehende Landwirtschaft betrieben haben, die viele Millionen Menschen ernährt hat. Ein großer Teil der heute auf der ganzen Welt verbreiteten Nahrungspflanzen stammen aus Amerika. Mais, Kartoffeln, Sonnenblumen, Tomaten, Paprika sind nur einige Beispiele.
Darum ist es vielleicht kein Zufall, dass die heutige moderne industrielle Landwirtschaft ihre Ursprünge ebenfalls auf dem amerikanischen Kontinent hat.
Man kann die Plantagenwirtschaft in den amerikanischen Kolonien als Beginn der Industrialisierung in der Landwirtschaft betrachten. Denn hier wurde zum ersten Mal das praktiziert, was auch heute noch ein Kennzeichen der industriellen Lebensmittelproduktion ist. Die Erzeugnisse sind nicht zur Versorgung der Menschen gedacht, die in der Region leben sondern sie dienen als Rohstoffe für weit entfernte Länder. Auf den Plantagen in der Karibik und später auch in ganz Amerika, arbeiteten Sklaven in riesigen Monokulturen ohne für sich selbst oder für ihr Land Nahrungsmittel herzustellen. Sie arbeiteten nur für den Gewinn ihres Herrn, der die Erzeugnisse exportierte. Meist wurde nicht einmal die Nahrung der Sklaven auf den Plantagen angebaut. Sie wurden mit Nahrungsmitteln ernährt, die möglichst billigen besorgt wurden. Auf den Plantagen kamen auch die ersten Maschinen zum Einsatz. Eine Zuckerplantage kann als eine frühe Form einer Nahrungsmittelfabrik aufgefasst werden. Denn dort wurde nicht nur geerntet sondern die Ernte auch zu Zuckerverarbeitet.
In den Kolonien begann man Pflanzen anzubauen, die aus anderen Erdteilen stammten. Der afrikanische Kaffee wurde auf Plantagen in Lateinamerika gezogen. Der amerikanische Mais wurde in China angebaut. Afrikanische Ölpalmen wurden in Asien gepflanzt.
Die Einführung der amerikanischen Kartoffel in Irland war ein großer Erfolg. Die Kartoffeln gediehen dort hervorragend. Die Lebensbedingungen der Bauern verbesserten sich und damit stieg auch die Bevölkerungszahl. Als allerdings der Erreger der Kartoffelfäule Irland erreichte, kam es zu einer katastrophalen Hungersnot. Die Bauern musste hilflos und mit wachsender Verzweiflung zusehen, wie die Kartoffelpflanzen sich vor ihren Augen schwarz färbten und jeden Tag weiter abstarben, wie die Kartoffeln in ihren Kellern sich in stinkenden schwarzen Matsch verwandelten. Und sie wussten, dass sie und ihre Familien jetzt verhungern würden. Solche Erlebnisse, die sich in das Blut jeder Bauerfamilie eingeschrieben haben, erklären den enormen Erfolg von Pestiziden und den kritiklosen Umgang den Bauern weltweit damit pflegen. Pestizide und Dünger haben Bauerfamilien buchstäblich das Leben gerettet. Dabei fiel es zunächst gar nicht so auf, dass diese Gifte auch viele Bauern umgebracht haben.
Die Industrialisierung in der Landwirtschaft machte weitere Fortschritte. Es wurden immer mehr Maschinen eingesetzt. Bauern, die mit Maschinen arbeiteten, konnten preiswerter produzieren und größere Flächen bewirtschaften. Dadurch verdrängten sie andere Bauern von ihrem Land. Diese Bauern zogen in die Städte wo sie als Arbeiter in der sich gerade entwickelnden Industrie gebraucht wurden.
Die wirtschaftlich bedingte Vergrößerung der Flächen wurde vielfach durch politische Einflüsse beschleunigt. In der Sowjetunion, China und anderen kommunistischen Ländern wurde zwangskollektiviert. In beiden Fällen waren verheerende Hungersnöte die Folge. Die neuen theoretischen Anbaumethoden waren nicht erfolgreich.
In den USA war es umgekehrt. Durch eine Hungersnot bedingt durch die „große Dürre“, eine Dürrekatstrophe, die den mittleren Westen heimsuchte, wurden Landflächen kollektiviert. Viele Bauern mussten während der Dürre aufgeben. Ihre Farmen wurden später zusammengelegt. Der „New Deal“ ein Wirtschaftsförderprogramm, das Farmen mit einer hohen Produktion besonders förderte, bewirkte eine weiter Vergrößerung der Farmen.
In China ist man von der Kollektivwirtschaft inzwischen wieder zu einer kleinbäuerlich geprägten Landwirtschaft zurückgekehrt. Dort leben 50% der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Hier wird die wirtschaftliche Entwicklung, die zu einer Zuwanderung der Bevölkerung in die Städte führen würde, durch staatliche Verbote gehemmt. Neben der kleinbäuerlichen Landwirtschaft entstehen in China inzwischen auch riesige Mastbetreibe. Die größte Milchfarm der Welt befindet sich heute in China.
Durch die so genannte „Grüne Revolution“ wurden enorme Erntezuwächse erzielt. Die Landwirtschaft wurde zusehends mechanisiert. Die aufkommende Chemieindustrie lieferte Lösungen sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Nahrungsmittelindustrie in Form von Kunstdünger, Pestiziden, Konservierungsstoffen, Farbstoffen und Aromastoffen. Zu Beginn dieser Entwicklung setzte man diese neuen Errungenschaften hemmungslos ein. Inzwischen weiß man um die Giftigkeit von Pestiziden. Es gibt Vorschriften für ihre Anwendung und Grenzwerte in Nahrungsmitteln.
Weltweit gelang es ertragreichere Sorten zu züchten. Bei der altüberkommenen Form der Züchtung wurde das Saatgut immer wieder im gleichen Gebiet ausgesät. Dabei entstand durch natürliche Auslese ein Saatgut, das sehr gut an die Bedingungen dieses Gebietes angepasst war. Es war aber nicht unbedingt besonders ertragreich.
Heute hat die Hybridzüchtung die herkömmliche Form der Züchtung vielfach verdrängt. Hybridsorten sind die Krone der modernen Züchtung. Hybriden sind die Kinder zweier reinerbiger Eltern. Sie sind in ihren Eigenschaften beiden Eltern überlegen. Eine ertragreiche Hybridsorte ist also ertragreicher als beide Sorten aus denen sie gezüchtet wurde. Allerdings gibt es einen Haken. Die Saaten, die der Bauer von seinem ausgesäten Hybridsaatgut erntet, haben die Eigenschaften der Hybriden nicht mehr. So, dass ein Bauer wenn er Hybridsaaten nutzt, immer wieder neuen Samen kaufen muss. Er kann nichts von seiner Ernte zurückhalten um es wieder auszusäen. Hybriden sind oft recht anspruchsvoll und nicht an jeden Standort angepasst. Sie verlangen viel Dünger, Wasser und den Einsatz von Pestiziden. Das macht sie ungeeignet für Kleinbauern in Entwicklungsländern die kein Geld haben um teure Samen und Pestizide zu kaufen.
Gentechnik sollte weitere Ertragssteigerungen bringen. Allerdings spaltete sie die Welt in zwei Lager. Es entstand das Lager, in dem Gentechnik betrieben wird. Sein Vorreiter ist die USA. Und das Lager, das Gentechnik ablehnt. Sein Vorreiter ist Europa. In Europa sind Nahrungsmittel, die gentechnisch verändert sind, zugelassen wenn sie gekennzeichnet werden. Allerdings war sich die europäische Nahrungsmittelindustrie darüber im Klaren, dass der Verbraucher solche Nahrungsmittel ablehnen würde. Darum wurden und werden von der europäischen Nahrungsmittelindustrie ausschließlich Rohstoffe eingekauft, die nicht gentechnisch verändert sind. Auf dem europäischen Markt gibt es keine Nahrungsmittel, die gentechnisch veränderte Organismen enthalten. Man ist auch bestrebt gentechnikfreie Futtermittel zu kaufen. Allerdings ist das angesichts der riesigen Mengen an Futtermitteln, die in der Massentierhaltung benötigt werden, utopisch.
Die Gentechnik ist im Grunde eine beschleunigte Züchtung. Im Gegensatz zur Züchtung erlaubt sie es außerdem artfremde Gene in eine Pflanze einzuführen. Der größte Erfolg der Gentechnik besteht darin, dass man es schaffte Pflanzen gegen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat resistent zu machen. Damit kann man dieses Totalherbizid jederzeit zur Unkrautvernichtung spritzen ohne die Nutzpflanzen zu schädigen. Diese gentechnische Anwendung war sehr erfolgreich. Weltweit werden inzwischen fast ausschließlich gegen Glyphosat resistente Soja- und Maissorten angebaut. Glyphosat ist dadurch das meistverwendete Pestizid.
Weitere Anwendungen der Gentechnik zielen auf höheren Ertrag, Schädlings-und Trockenheitsresistenzen. Es ist gelungen einen gelben Reis zu erzeugen, der Vitamin A enthält, der aber bisher nicht für den Anbau frei gegeben ist.
Der Prozess der Industrialisierung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelindustrie setzt sich bis heute fort. Dadurch sind Nahrungsmittel sehr preiswert geworden. Die Zahl der hungernden Menschen in der Welt ist deutlich zurückgegangen.
Die industrialisierte Landwirtschaft erfordert ein hohes Expertenwissen, nicht nur im Bereich Pflanzenbau und Tierzucht, sondern auch im technischen - und betriebswirtschaftlichen Bereich. Das Expertenwissen der Landwirtschaft besitzen heutzutage Agraringenieure und Züchter. In Deutschland hat jeder vierte Landwirt einen Hochschulabschluss. Die Anstrengungen dieser Experten müssen sich auf technische Aspekte richten. Neben dem hohen Ertrag müssen die Feldfrüchte so beschaffen sein, dass sie sich gut maschinell ernten und verarbeiten lassen. Ein hoher Zucker-, Fett-oder Proteingehalt ist wichtig wenn aus einem Rohstoff Nährstoffe wie Zucker, Öl oder Protein isoliert werden sollen. Die Rohstoffe müssen den Bedürfnissen der Industrieanlagen angepasst sein. Sie müssen maschinengängig sein. Äpfel, die fleckig werden wenn sie über ein Sortierband laufen, sind ungeeignet. Schweine mit Fell erfordern nach dem Schlachten einen weiteren teuren Arbeitsschritt weil man sie enthaaren muss. Für die Herstellung von Chips werden spezielle Kartoffelsorten angebaut. Für die Herstellung von Pommes Fritte benötigt man große Kartoffeln. Für das industrielle Schälen benötigt man Kartoffeln mit einer glatten Schale.
Schon die neolithische Revolution hat dazu geführt, dass der Mensch weniger Pflanzen -und Tierarten für seine Ernährung nutzte. Die industrielle Revolution führte dazu, dass es noch weniger wurden. Denn es sind nur wenige Pflanzenarten, die sich zu industriegeeigneten Sorten züchten lassen. Man konzentrierte sich auf die Sorten, die sich für die industrielle Landwirtschaft eigneten. Daraus züchtete man die heutigen Hochleistungssorten von Soja, Weizen, Mais und Reis, Rindern, Schweinen und Hühnern. Viele der alten Arten und Sorten entsprachen nicht den Anforderungen der industriellen Nahrungsmittelproduktion. Sie waren zwar robust und benötigten wenig Dünger aber sie lieferten nicht die nötigen Erträge oder störten den Ablauf in einer Industrieanlage. Heute werden sie nur noch selten von engagierten Landwirten oder Hobbygärtnern gezogen oder sind ganz verschwunden.
Die Nahrungsmittelindustrie entwickelte sich parallel zur Industrialisierung der Landwirtschaft. Zum einen musste eine wachsende Stadtbevölkerung versorgt werden. Zum anderen mussten die landwirtschaftlichen Produkte, die aus den Kolonien kamen haltbar gemacht werden. Man griff auf altbekannte Verfahren zurück die schon lange zum Haltbarmachen der Ernte dienten. Man trocknete, legte ein, fermentierte oder salzte ein. Viele moderne lebensmitteltechnologische Verfahren gehen auf diese alten Methoden zurück. Aus dieser Zeit stammen altbekannte Produkte der Nahrungsmittelindustrie auf die wir auch heute noch nicht verzichten möchten.
Viele große Nahrungsmittelindustrieunternehmen hatten ihren Ursprung in dem Wunsch ihrer Gründer die harten Lebensbedingungen der Fabrikarbeiter zu verbessern. Und die Lebensbedingungen der Arbeiter zu jener Zeit waren wirklich schlecht. Die Menschen lebten auf engstem Raum. Hygiene war unbekannt. Die Arbeitszeiten waren lang. Die Arbeitsbedingungen waren schlimm. Kinderarbeit war normal. Wenn man nicht hungerte, was man oft tat, war man fehlernährt. Rachitis war häufig, die Kindersterblichkeit hoch. Zu der Zeit entwickelte der Apotheker Heinrich Nestle Nestles Kindermehl aus Milchpulver und Zwiebackkrümeln. Es sollte der hohen Sterblichkeit von nicht gestillten Babys entgegenwirken. Was es auch tat. Eine Mutter, deren Kind verhungert, ist seinem Retter natürlich unendlich dankbar. Das Produkt wurde ein riesiger Erfolg auch dank eines geschickten Marketings. Nestle ist heute einer der größte Nahrungsmittelkonzerne der Welt. Dort wird im Grunde immer noch das Prinzip von Heinrich Nestle verfolgt. Man entwickelt aus Grundstoffen hochverarbeitete Nahrungsmittel, die lange haltbar, sauber, sehr sicher und bequem zu konsumieren sind. Julius Maggi erfand ein Verfahren Linsen vorzugaren. Es sollte die hungrigen Arbeiter mit einer nährstoffreichen Suppe versorgen und es der arbeitenden Hausfrau erleichtern schnell eine warme Mahlzeit herzustellen. Auch sein Konzept war sehr erfolgreich und ist es noch heute.
„Haben Sie auch schon einmal jemanden vor dem Maggi Fix Regal beobachtet, der dort sein Mittagessen plant und das entsprechende Fix kauft?“, fragt der Professor in die Runde.
„Nicht nur beobachtet. Habe ich auch schon öfters gemacht!“, warf Jan ein und lacht. „Ich kaufe erst das Fix und dann die Zutaten, die hinten auf der Tüte stehen. Das ist doch superpraktisch.“
Der Professor lächelte wissend und fuhr fort: „Sie wissen vermutlich, dass Maggis Firma heute zum Nestle Konzern gehört. Es gibt noch eine Reihe anderer Firmen aus dieser Zeit. Liebigs Fleischextrakt zum Beispiel war vor der Erfindung der Kühlkette die einzige Möglichkeit Rindfleisch aus Südamerika nach Europa zu befördern. Reines Muskelfleisch wurde ausgekocht und das haltbare Extrakt konnte transportiert werden. Die Firma, die Liebigs Fleischextrakt produzierte, wurde von Unilever übernommen. Unilever ist heute einer der größten Hersteller von Verbrauchsgütern weltweit. Auch Coca Cola stammt aus dieser Zeit. Da es eine Gesetzgebung zu dem Thema noch nicht gab, erfanden viele geschäftstüchtige Menschen Pseudoarzneimittel. Coca Cola war ursprünglich so etwas. Ein Stärkungstrank den der drogensüchtige Apotheker John Pemberton erfunden hatte. Das Originalrezept enthielt vermutlich Cocain und Colanuss.
Viele der neuen Produkte sollten haltbar sein. François Nicolasals Apperts fand dafür die passende Lösung, die Konservendose. Kondensmilch, Zwieback, Leibnizkeks, Marmelade all diese sind Produkte dieser Zeit Ihr Vorteil: Sie sind länger haltbar als ihre Rohstoffe und das ungekühlt.
