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Gustav Theile über den dringend notwendigen Wandel hin zu Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften. Denn erst wenn verschiedene Perspektiven betrachtet werden, können sich Wirtschaftsstudierende mit den Fragen beschäftigen, mit denen sie ins Studium gekommen sind. Und stoßen dabei auf verschiedene Antworten, die zusammen genommen mehr erklären als eine alleine.
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Seitenzahl: 20
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Gustav Theile
Erneuerung jetzt
Warum die Volkswirtschaftslehre ihr intellektuelles Ghetto verlassen muss
Jedes Jahr wieder strömen Tausende Studierende an die Wirtschaftsfakultäten und wollen unsere Wirtschaft verstehen. Sie haben die Wirtschaftsnachrichten verfolgt und sich gedacht: »Das ist wichtig für mich, das ist wichtig für unsere Gesellschaft.«
In den Artikeln ging es um Zentralbanken, Wirtschaftsministerien, Wirtschaftswachstum, Bruttoinlandsprodukt, Außenhandelsbilanzen, Finanzmärkte und die Chefetagen von Unternehmen. Die Zeitungen berichteten von scheinbar unlösbaren Krisen, Arbeitslosigkeit, prekärer Beschäftigung, steigender Ungleichheit und Zwangsräumungen. Millionenfaches Leid durch Hunger und fehlenden Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten stehen zwar oft auf anderen Seiten als die Berichte über wachsende Vermögen und Konzernprofite, vervollständigen jedoch das Bild. Dramatik und Komplexität der Berichterstattung werden durch rasant wachsende CO2-Emissionen, ein sich beschleunigendes Artensterben und Wüstenbildung verschärft.
Neustudierende verstehen, dass alle diese Probleme mit Wirtschaft zu tun haben. Sie wollen lernen, wie das alles zusammenhängt und welche Erklärungsansätze es dafür gibt. Vielleicht sogar, wie das zu bewerten ist und wie sie es verändern können.
Egal an welcher deutschen Wirtschaftsfakultät sie dann landen, überall wartet derselbe Kanon auf sie. In den ersten beiden Semestern geht es um Mikro- und Makroökonomik. Im dritten Semester folgen Vorlesungen zu Wirtschaftspolitik und Außenhandel. Danach dann drei Semester Vertiefung zu Finanzmarkt, Wirtschaftspolitik, Außenhandel oder Ökonometrie. Gegenstand fast aller dieser Veranstaltungen ist ein bestimmter Kanon abstrakter mathematischer Modellwelten.
Wenn Tausende Absolventen die Wirtschaftsfakultäten dieses Landes dann verlassen, wird ihnen bescheinigt, die Wirtschaft oder Wirtschaftswissenschaft studiert zu haben. Aber kennen sie sich wirklich mit der Wirtschaft aus, nachdem sie ihre Intuition in Modellwelten trainiert haben? Denn das Problem ist: Sie haben in all diesen Veranstaltungen nur eine Perspektive auf Wirtschaft kennengelernt.
Getrennt von der Welt
