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Kein Plan? Keine Erfahrung? Warum es sich trotzdem lohnt, loszulegen! Viele hegen Träume und haben Ziele, trauen sich jedoch nicht, diese endlich anzugehen. Warum man sich dabei nicht von fehlender Erfahrung abhalten lassen soll, zeigt die ehemalige Köchin Ellen Bennett. Als ihr damaliger Chef ankündigte, die beim Personal unbeliebten, und billig gefertigten Küchenschürzen nachzubestellen, platzte es aus ihr heraus: »Ich habe eine Firma für Schürzen!« – obwohl es bis dato weder ein solches Unternehmen oder gar einen Businessplan dafür gab. Doch sie schaffte, was viele nicht für möglich hielten: Mit diesem ersten Auftrag legte sie den Grundstein für ihr Multimillionen-Dollar- Unternehmen Hedley & Bennett. Wie ihr das gelang, erzählt sie in diesem inspirierenden Buch, das mitnimmt auf die verrückte und bunte Reise in die Welt der Unternehmensgründung. Ihr Ratgeber ist ein unterhaltsam gestalteter Appell dafür, nicht zu viel nachzudenken und einfach mal loszulegen. Denn: »Sie werden nie wissen, wo Sie anfangen sollen ... bis Sie anfangen.« Wer Fish! mochte, wird dieses Buch lieben!
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ellen Bennett
Erst die Träume, dann die Details
Warum wir weniger nachdenken,sondern einfach machen sollten
ELLEN MARIE BENNETT
Übersetzung aus dem Englischenvon Britta Fietzke
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
1. Auflage 2022
© 2022 by Redline Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
© der Originalausgabe 2021 by Ellen Bennett
Die englische Originalausgabe erschien 2021 bei Portfolio, einem Imprint der Penguin Publishing Group, einer Abteilung von Penguin Random House LLC. unter dem Titel Dream first, Details later.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Danke an dieser Stelle für die Genehmigung zum Nachdruck der folgenden Bilder:
S. 2 Fotografie von Shayan Asgharnia; S. 11 Fotografie von Rick Poon; S. 72, 77 Fotografien mit freundlicher Genehmigung von Ellen Bennet; S. 97, 136 unten, Fotografien auf dem Vorsatzpapier © Mary Costa Photography; S. 118, 136 oben, 137 oben, 221 Fotografien mit freundlicher Genehmigung von Hedley & Bennett; S. 119 Fotografie von Bonnie Tsang; S. 137 unten Fotografie mit freundlicher Genehmigung von Caesarstone 5143 White Attica; S. 157 Fotografie von Lily Glass; S. 160 Fotografie von Aviv Gattenuo; S. 224 Fotografie von Anna Maria Zunino Noellert © Anna Maria Fotograf; S. 230 Fotografie von Julia Stotz.
Übersetzung: Britta Fietzke
Redaktion: Christiane Otto
Umschlaggestaltung: Karina Braun
Umschlagabbildung: Shutterstock.com/Sansom.C
Satz: Christiane Schuster | www.kapazunder.de
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-86881-876-5
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96267-393-2
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96267-399-4
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.redline-verlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Dieses Buch widme ich meinerOmi, meiner Mami und meinenTanten – also den starkenMexikanerinnen, die mich aufzogenund mir einbläuten, immer wiederaufzukreuzen, niemals aufzugebenund für das Richtige zu kämpfen.
Und all den Träumern, Machern undStrippenziehern da draußen. Allesist möglich und es wert, angegangenzu werden.
PROLOG
Vor dem Aufgeben erst mal anfangen
KAPITEL 1
Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weiterlaufen
KAPITEL 2
Der erste gruselige Moment
KAPITEL 3
Entscheiden, und dann durchziehen
KAPITEL 4
Demütiger Enthusiasmus
KAPITEL 5
Weitermachen, weiter erschaffen
KAPITEL 6
Das sind keine Schlaglöcher. Das ist der Weg.
KAPITEL 7
Innehalten, zusammenarbeiten und zuhören
KAPITEL 8
Ein fahrendes Auto kann nicht repariert werden
KAPITEL 9
Führe deine Mitstreiter
KAPITEL 10
Vertrauen
EPILOG
Wach auf und kämpfe!
Danksagung
»Hey, es gibt da dieses Mädel, das uns ein paar Schürzen fürs Restaurant herstellen wird«, verkündete Josef, der Küchenchef des Bäco Mercat in Los Angeles. »Willst du eine kaufen?«
Die Zeit blieb stehen. Als Köchin in Chefkoch Josefs Küche kannte ich diese Schürzenlieferantin nicht, wusste aber, dass ich keine von ihr wollte.
Herrgott noch mal. Sag ich jetzt was über mein Schürzenunternehmen? Na ja, es ist ja noch nicht mal ein richtiges Unternehmen, aber das WIRD es. Meine Schürzen werden dafür sorgen, dass sich die Träger fühlen, als seien sie als Personen etwas wert. Damit sie sich wie die großartigen Köche und Künstler und Macher fühlen, die sie nun einmal auch sind. Wir alle hassen das Tragegefühl dieser billigen, beschissenen, kratzenden Schürzen, die so passend sind wie Krankenhaushemden. Das ist meine Gelegenheit. Das Fährschiff der Möglichkeiten fuhr in den Hafen ein. Da musste ich drauf!
»Cheffe, ich habe ein Schürzenunternehmen!!«, sagte ich, wenn ich es auch dabei mit dem Tempus nicht so genau nahm. »Ich stell dir diese Schürzen her.«
»Was redest du da?«, fragte Chefkoch Josef zurück, während er mich mit seinem typischen stetigen, neugierigen Blick anschaute, der mir nur allzu vertraut war. »Du bist als Köchin angestellt.«
Das stimmte. Ich war eine Köchin in seiner Küche, mit meiner Station, zuständig für das Gemüseschneiden.
»Ich habe ein Schürzenunternehmen, Cheffe. Das habe ich vor Kurzem gegründet. Ich würde dir also liebend gerne diese Schürzen herstellen. Ich kann das! Was verlangt sie von dir? Woraus stellt sie sie her? Wie lange braucht sie dafür? Ich kann das schneller … und besser.«
»Sie sagte was von sechs Wochen.«
Ich hörte ihm an, dass ihn dieser Zeitrahmen nicht allzu glücklich machte.
»Ich mach’s in vier«, erwiderte ich.
»Wirklich?«, fragte er zurück.
»Wirklich!«, antwortete ich. »Ich arbeite sogar schon daran!« Na ja, ich hatte mit meinem Kollegen Kevin darüber gesprochen und wir hatten schon einen Antrag für den DBA eingereicht, die Mühlen waren also gerade erst in Gang gekommen. Es fühlte sich – zumindest für mich – schon ziemlich real an. Allerdings existierte das »Unternehmen« zuallererst nur in meinem Kopf. Es gab keine Designs. Keine Muster. Keinen Stoff im Lager. Ich wusste nicht einmal, wo ich Stoff kaufen würde. Und ich wusste definitiv nicht, wie man ein Unternehmen führte. Ich hatte zudem keine Infrastruktur und kannte auch niemanden, der mit einer Nähmaschine umgehen konnte. Ich hatte absolut keine Ahnung, wie lange auch nur einer dieser Punkte dauerte, geschweige denn alle. Aber ich würde es verdammt noch mal versuchen. Und es würde klappen.
»Okay, klingt gut, super«, sagte Chefkoch Josef.
Ach du heilige Scheiße! Wirklich?
Wenn ich diese Schürzen verkorkste, würde ich wohl auch meinen Job verlieren. Davon mal abgesehen, dass ich einen immensen Respekt vor und für Chefkoch Josef hatte, das ich hier also nicht vergeigen wollte. Ich durfte ihn einfach nicht enttäuschen – »NICHT« in Großbuchstaben. Ich meldete mich später zum Feierabend ab und rief Kevin mit der Nachricht an, dass wir nun eine Bestellung über 40 Einheiten hätten – und das, nachdem sich unser letztes Gespräch um die anfänglichen Entscheidungen (wie das Finden der Stoffe und Schnitte) gedreht hatte, wie wir unser Unternehmen denn nennen sollten.
Ich war zu diesem Traum, Schürzen herstellen zu wollen, gekommen, weil ich am Schichtende immer Folgendes beobachtet hatte: Die Leute aus der Küche zogen die Uniformen aus und holten sich danach drinnen ihre Sachen ab, wirkten dabei aber wie völlig andere Menschen. Nach der Arbeit in Zivil oder wenn ich sie zufällig sonntags auf dem Wochenmarkt traf, wirkten sie wie Normalos, beschwingter und entspannter. (Und wenn ich »sie« sage, meine ich »wir«.) Denn in unseren 08/15-Schürzen, die entweder vom Wäscheservice ausgeliehen oder möglichst billig eingekauft waren, sahen wir aus, als seien wir wertlos. Sie bestanden aus hauchdünnem papierähnlichem Material, das sich als Stoff durchmogeln wollte. Zudem waren sie so simpel konzipiert, dass sie sich nicht einmal am Hals verstellen ließen oder gar praktische Taschen für Pinzetten, Stifte oder einen Edding hatten. Und selbst wenn sie welche hatten, rissen diese bei der geringsten Belastung. Zum Feierabend schmissen wir sie in die Ecke, aber das Gefühl der Austauschbarkeit blieb an uns haften. Das musste sich ändern. Fühlen sich eigentlich alle in der Küche so beschissen, bevor sie beschissen aussehen? Was wäre, wenn sie Dienstklamotten hätten, bei denen sie sich nicht nur wie ein Rädchen im Getriebe fühlten?
Während Kevin und ich die Küchenbestellung am laufenden Band raushauten, brainstormten wir Ideen, die ich aufschrieb und in mein Rezeptebuch stopfte und es dann wieder wegsteckte, zusammen mit meinen Anmerkungen übers Kochen.
Zur Inspiration brauchte ich nur an meiner eigenen verhunzten Schürze herunterzuschauen: Meine Taschen blieben immer an den Griffen der niedrigen Kühlschubladen hängen und rissen ein, sodass der Stofffetzen (wie am seidenen Faden) herunterbaumelte. Zwischen den Bestellungen zeichnete ich Taschen mit verstärkten Ecken auf, die dem Küchenwahnsinn standhalten könnten.
»Also, was hältst du von dieser Schürze?«, fragte ich Kevin jedes Mal. Während er dann das Wagyū-Rind – oder für welches Fleisch auch immer er jeweils während dieser Schicht zuständig war – briet, würden wir uns kurz austauschen, bevor ich zu meinem Posten in der Küche zurückschwirrte. Er war viel analytischer als ich, wir ergänzten uns also perfekt.
Allerdings hatten Kevin und ich jetzt nach wie vor weder einen Plan, Materialien oder einen Herstellungsprozess. Uns blieben jetzt nur vier Wochen Zeit, um uns um all das zu kümmern. Unter diesen Umständen hätte ich leicht in einen von zwei Notzuständen verfallen können:
1
Ich hätte mich dermaßen ohnmächtig fühlen können, weil ich nicht wusste, was als Nächstes anstand, dass ich meinen Kopf nur noch in den Sand gesteckt hätte, in der Hoffnung, dass alles von allein verschwinden würde. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?! Ich weiß nicht, ob ich das kann. Das ist doch verrückt.
2
Ich hätte versuchen können, jedes kleine unternehmerische Detail durchzutakten, bevor ich in den Prozess selbst gestartet wäre, ich hätte also jeden Schritt überanalysieren können, sodass sich der komplette Produktionsprozess in ein dickes Wollknäuel voller verpasster Fälligkeitstermine und gescheiterter Pläne verwandelt hätte.
STATTDESSEN ENTSCHIED ICH MICH FÜR DEN FORTSCHRITT und gegen die Perfektion und behalf mich mit der bisher immer äußerst hilfreichen Methode: einfach machen. Ausprobieren. Scheitern. Daraus lernen. Sich ins Zeug legen. Wieder ausprobieren. Und unermüdlich weitermachen. Ich sprang schon seit jungen Jahren immer wieder von kleinen Abhängen, ohne nach unten zu schauen – sei es das eine Mal, als ich ohne Erlaubnis alle Zimmer in unserem Haus neu gestrichen hatte, während meine Mutter bei der Arbeit war (was sie später, ruhig und besonnen, mit einem »nett« kommentierte), oder das andere Mal, als ich mir als neunmalkluge Gymnasiastin die Familienfinanzen zur Brust nahm, weil meine alleinerziehende Mutter völlig gestresst vom Thema Geld war. (Im Zuge dessen habe ich mich dann mit Scheckbüchern und der Haushaltsführung vertraut gemacht.)
Aber es ist nicht so, dass ich die Landungen immer gut überstanden hätte. Bei Weitem nicht. Ich hatte bereits gelernt, dass Fehler unvermeidbar waren, vor allem beim Rennen. Aber ich merkte schnell, dass ich alles irgendwie herausfinden würde, solang ich nur in Bewegung, in Aktion bliebe.
Okay, was brauchen wir, um Schürzen herstellen zu können?
Na ja, ein Muster, Material, Näher und Näherinnen, und um auch nur irgendetwas davon zu schaffen, brauchten wir Geld und die Grundzüge eines Plans. Als Köchin verdiente ich zehn Dollar die Stunde (damaliges Mindestlohnniveau), also lange nicht genug, um ein ganzes Unternehmen zu wagen. Ich bat daher meinen Küchenchef Josef um einen Vorschuss und wir einigten uns auf die Hälfte des Verkaufspreises, was ungefähr auf 750 Dollar herauskam. Wir ergänzten dieses Geld mit unserem Notgroschen über 500 Dollar. Das war immer noch nicht wirklich viel für eine Unternehmensgründung. Ich besaß nicht einmal eine Nähmaschine (oder hätte diese gar bedienen können). Aber ich wusste, was ich machen wollte, und grob auch, wie die Schürzen aussehen sollten. Also brauchten wir jetzt helfende Hände – und am besten schon gestern.
Kevin wollte mich einem seiner Freunde vorstellen, einem weiteren Kevin. Kevin Carney gehörte das Design- und Vertriebsunternehmen Mohawk General Store. Mir wurde schnell klar, dass er das Know-how besaß, um ein Muster zu erstellen – juhu! Ich war mir nicht sicher, wie viel er dafür wollte, aber dachte mir, dass es mehr sein würde, als wir uns leisten könnten. Also dachte ich darüber nach, was wir ihm statt Geld anbieten könnten: Na ja, also ich arbeite als Köchin für Privatpersonen, für das Bäco Mercat und für das Providence, was immerhin ein Zweisternerestaurant ist, und Menschen lieben doch gutes Essen. Könnten wir ihm nicht Essen und Mahlzeiten im Tausch gegen das anbieten, was wir brauchen, um dieses Unternehmen zum Laufen zu bekommen?
Wenn man sich einen Traum erfüllen will, ist es in Ordnung, bei dem Versuch ein wenig schamlos, ein wenig rüpelig und sichtbar zu sein! Lass dir niemals von jemandem einreden, dass du dich dafür schämen solltest, aus deinem Leben etwas machen zu wollen. Lass deine Schüchternheit zu Hause, dort kann sie der Angst vor »Und wenn sie Nein sagen?« Gesellschaft leisten. Und vergiss die Menschen, die bereits Nein gesagt haben.
»Ich koche für das ziemlich schicke Providence, also …«, verkündete ich Mohawk-General-Kevin. »Ich bereite dir Essen zu, dafür erstellst du mir diese Vorlage. Abgemacht?«
Seine nach oben gezogenen Augenbrauen signalisierten Skepsis, aber eben auch Neugier, also schlug er ein. Klar, er dachte sicherlich, ich sei ein wenig verrückt und furchtbar verzweifelt, aber solang ich mein Muster erhielt, war mir das ziemlich egal. Ich musste schließlich einen Auftrag erfüllen!
Während Mohawk-General-Kevin in meiner heruntergekommenen Küche saß und meine Mitbewohner vorbeiliefen, bereitete ich ihm ein einfaches, aber wunderschönes Omelett mit Salat zu. Er stellte sich flink an bei der Mustererstellung, mal das Papier gegen das Licht haltend, dann etwas wegschneidend, hier ausbessernd, dort verlängernd. Und bevor ich michs versah, war das Muster fertig.
Dann stellte Mohawk-General-Kevin einen Kontakt zwischen uns und jemandem her, der einen Schuster kannte, der mal mit einem Typen zusammengearbeitet hatte, der Leder für ihn zurechtgeschnitten hatte. Meine Spanischkenntnisse waren jetzt von Vorteil. Er lud uns in sein »Atelier« ein, das sich in einer Sackgasse befand, die voller alter, ramponierter Autos, streunender Hunde und einem wohl völlig heruntergekommenen Gabelstapler war. Es war eine kleine, einfache Nähfabrik, die bei jemandem zu Hause eingerichtet worden war. Er selbst war ein schmatta der alten Schule (jiddischer Slang für Lumpenverkäufer/jemanden in der Bekleidungsindustrie) – vom Leben geprägt, aber eindeutig mit vielen Erfahrungswerten in der Tasche. Außerdem hatte er einen Typen an der Hand, Jose, der für uns nähen könnte. Wir einigten uns also sofort, ich gab ihm sowohl die Vorlage als auch den von uns ausgesuchten Musterstoff und wir holten ihn an Bord. Er war ein Profi – und er fand sich mit der Tatsache ab, dass wir genau das nicht waren.
Als wir einige Tage später unser erstes Muster von ihm erhielten und es anprobierten, zeigte sich unsere Nichtprofihaftigkeit auf ganzer Linie – Brüste und Hüften hingen überall an den Seiten heraus. Also überarbeiteten wir die Vorlage, bekamen unser neues Muster. Das allerdings saß nun an den Knie nicht richtig. Und es warf überall Falten. Also nahmen wir hinten ein paar Zentimeter weg. Optimieren. Anpassen. Verbessern.
Es brauchte fast ebenso viele Durchläufe, bis wir das richtige Material fanden. Wir wussten nichts vom vorherigen Einlaufen, von Qualitäten, Gewichten oder Herkünften (soooo viele Details). Also schnappte sich Kevin die 27 Meter Stoff – bei dem wir gedacht hatten, es sei erstklassiger Denim – und ging zum Waschsalon. Er wusch es, ließ es trocknen. Allerdings sah es danach nicht gänzlich richtig aus, also stellten wir uns nebeneinander an zwei Bügelbretter und versuchten, die – tatsächlich ziemlich heftigen, fast schon dauerhaften – Falten auszubügeln. Als wir daran scheiterten, mussten wir neuen Stoff kaufen. Und wieder ganz von vorn beginnen.
Dennoch schafften wir es irgendwie ans Ende des Prozesses: mit Schürzen in der Hand. Wohl, weil wir schlicht keine Zeit gehabt hatten, unsere Fehler zu analysieren oder unseren Prozess zu überarbeiten – wir mussten es einfach, und das vor allem schnell, schaffen.
Ich lieferte also die Bestellung bei Chefkoch Josef an. Pünktlich. Halleluja! Es war so aufregend!
Die Schürzen waren gebügelt und so akkurat gestapelt, als seien sie Kaugummistreifen in der Verpackung. Ich platzte fast vor Stolz. Aber das Beste daran war tatsächlich die Tatsache, dass die Köche ihre Köpfe etwas höher trugen und stolzer aussahen, als sie die Schürzen anzogen. Sie waren glücklich über die bessere Montur, aber – und ich glaube, das war der weitaus wichtigere Teil – sie waren vor allem glücklich darüber, dass jemand an sie und all die Details gedacht hatte, die in etwas einflossen, das für ihren Job funktional und schön sein musste.
Mit Chefkoch Josef und der Crew des Bäco Mercat in unseren ersten Schürzen
● ● ●
DAS WAR DER UNVERHOFFTE ANFANG meines mehrere Millionen schweren Unternehmens und ein wichtiger Schritt auf meinem Weg zu einer richtigen Unternehmerin. Ich schreibe diesen Erfolg einer Menge Stehvermögen, Glück, der Hilfe vieler, aber vor allem auch meiner Versuchsbereitschaft zu. Wir verbringen viel zu viel Zeit mit der Planung, der Bewertung und dann der Entscheidung, dass es nicht machbar sei, statt uns die Zeit zu nehmen, um uns dieser wilden Ideen anzunehmen und uns durch den Dschungel der Unwägbarkeiten durchzukämpfen und die Idee wahr werden zu lassen. Das ist die Reise. Und ich habe dieses Buch geschrieben, um dir zu zeigen, dass es möglich ist.
Von den zwei Kulturen in meinem Leben und meiner Erziehung inspiriert, habe ich mein Unternehmen Hedley & Bennett genannt. Zuerst nach meinem englischen Großvater Hedley Bennett, einem Maschinenbauingenieur und richtigen Raketentechniker, der von überaus analytischer Natur war. Außerdem hatte ich meinen Spitznamen Bennett von meinem Boss Cimarusti in der Küche bekommen, der für mich die eher südländische Seite meiner Welt und Erziehung symbolisierte – mit ein wenig Feuer und Farbe. Alle Aspekte von H&B hatte ich von Anfang an so gedacht, dass sie meine Herkunft und das ausdrücken sollten, was ich mit anderen teilen wollte: dass die Menschen eben mit jeder einzelnen Schürze miteinander verbunden wurden und so die Welt einnahmen.
Unsere Ausrüstung wird nun überall auf der Welt getragen, in Tausenden Restaurants und von unendlich vielen Köchen zu Hause. Ich wollte die beste Schürze aller Zeiten erschaffen, aber tatsächlich veränderte ich den Blick, den Arbeitgeber auf die heutige Arbeiterschicht haben – und die Art, wie sich die Menschen in der Küche fühlen und aussehen. Nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit mit Köchen an vorderster Front waren unsere Schürzen ein Bindeglied zwischen den beruflich Kochenden und den Hobbyköchen, denn es sollte keinen Unterschied machen, wer man ist: Sobald man H&B trägt, ist man ein richtiger Koch und die Welt sollte einem zu Füßen liegen. Diese ursprüngliche Idee wurde zur Grundlage für die Community Tausender kochender Menschen, die das H&B-Logo stolz und offen auf der Brust tragen. Es ist weitaus mehr als nur eine Uniform. Es ist eine Lebenseinstellung.
Auf den kommenden Seiten wirst du erfahren, wie ich mein Unternehmen erschuf, ausgehend von einem Traum, mich mit den Details erst später beschäftigend. Es ist auch eine Geschichte darüber, wie ich große Sprünge wagte und warum du das eben auch tun solltest. Sei es bei einer Unternehmensgründung, bei dem Beginn eines persönlichen Projekts, auf der Suche nach dem Mut, dem Chef eine verrückte Idee vorzustellen, oder weil du endlich die Prokrastination Prokrastination sein lassen möchtest und dein Leben leben willst: Du kannst dieses Buch als Inspiration und Motivation nutzen, um den Weg aus deinem Kopf ins Handeln zu finden. Wir ALLE haben diesen unternehmerischen Funken in uns, und wir ALLE KÖNNEN die Veränderung sein, die wir sehen wollen, also hör auf, dich zu fragen, ob, sondern fang lieber an, die Idee explosionsartig zur Realität werden zu lassen.
Denn es ist nun einmal wahr, dass man auch zu Sachen Ja sagen kann, bei denen man nicht weiß, wie man sie dann angehen sollte, um dann die eigene kreative Problemlösungssuperkraft – sowie Herz und Hirn – zu nutzen, um sich dann den Shitstorms entgegenzustellen.
Ich hätte die Idee gut und gern auf eine Zeit verschieben können, in der ich weniger auf dem Schirm hatte. Ich schuftete bereits in drei Jobs, brauchte also wahrlich kein viertes Projekt! Und dabei nicht einfach nur irgendein Projekt, sondern gleich eins als Gründerin und Person, die für alles in einem Unternehmen zuständig war, das nach und nach erst entstand. Hätte ich aber gewartet, bis ich gut organisiert und vorbereitet gewesen wäre, wäre ich es nie angegangen.
Das, was du hast, übertrifft alles, was du nicht hast, und manchmal stellt sich das, was du erst als Defizit siehst, als Vorteil heraus.
Wenn man seinen Traum zur Realität macht – aus der Komfortzone des normalen Publikums oder Kanals ausbricht –, ist die erste große Hürde die Stimme im eigenen Kopf, die einem einreden will, man sei noch nicht gaaaaanz so weit.
Manche sagen, dass der Erfolg sich einstelle, wenn Vorbereitung auf Möglichkeiten treffe. Hilfreicher finde ich da den Rat, dass man nie wirklich vorbereitet ist. Zumindest nicht IN GÄNZE vorbereitet. Man wird nie alle Zweifel los.
Bevor dich also die realen Stolpersteine zu Fall bringen wollen – und das werden sie wollen –, musst du dich erst einmal durch den Dschungel deiner eigenen Zweifel und Vorbehalte kämpfen. Diese Zweifel tun gern so, als seien sie rationaler Natur, aber sie erwachsen eher aus der Angst heraus.
Dennoch musst du springen. Wenn du loslegst, bevor du vollständig vorbereitet bist, kannst du dein Konzept am ehesten lernen, überarbeiten, anpassen und verbessern. Wir wussten nicht, dass unsere Vorlage – oder unser Material oder die Bänder – angepasst werden musste, bis wir ein Muster erstellen ließen. Wir fanden es heraus und lernten auf dem Weg. Das fühlte sich zwar nicht gut an, brachte das Unternehmen aber auch nicht um. Es stellte sich vielmehr heraus, dass mein kleiner Mitarbeiterstab und ich weitaus mehr überleben konnten, als wir gedacht hatten, und dass die Schlaglöcher auf der Straße nicht nur Teil dieser waren, sondern Teil der verdammten Reise UND des Wegs nach vorn.
Der Leitfaden zum Überleben des Auf-den-Hintern-fallen-und-wieder-Aufstehens findet sich übrigens auch auf den folgenden Seiten.
Ich weiß, dass es nicht einfach ist, in das große Unbekannte des eigenen Traums zu preschen. Vielleicht ist dein Traum momentan auch eher eine Ahnung, ein Samenkorn einer Idee, die dir erst jüngst gekommen ist. Vielleicht ist sie so ganz anders als alles da draußen, sodass du noch mit niemandem darüber geredet hast, weil du Angst hattest, was sie dazu sagen, denken oder fühlen könnten. Oder vielleicht wächst dieser Traum auch bereits seit Jahren in deinem Kopf vor sich hin, und du hast unzählige Notizbücher gefüllt, Unmengen an Büchern gelesen und stundenlang nachgegrübelt, was gut gehen und was schieflaufen könnte. Aber dennoch sitzt du jetzt hier, auf der Stelle festgefroren.
Falls irgendetwas davon dich beschreibt, bin ich froh, dass du hier bist. Du hast mich gefunden: die »Erst die Träume, dann die Details«-Verrückte. Nicht nur meine Denkart ist so, sondern ich als Person bin so. Es ist mir fast in die Gene geschrieben – auf Gedeih und Verderb. Ich habe mich selbst am Hals, wie eben auch meine ganzen versponnenen Triebe, Ideen in die Tat umzusetzen, unabhängig vom Risiko. So wie du dich mit der Machete durch den Dschungel arbeitest, musst du deinen eigenen Weg finden – niemand war vor dir da und hat dir einen Weg geebnet. Also hör auf, dir das Abenteuer vorzustellen, sondern schmeiß dich in den Ozean des Lebens. Lass es uns angehen!
»Bennett!«, brüllte Cheffe eines Abends, nachdem ich ihm ein paar Tage vorher stolz unsere erste Lieferung übergeben hatte.
»Die Schürzen sind Schrott! Die Bänder rutschen … Was’n das für’n Mist?«
Ach, scheiße, scheiße, scheißeeeeee. Ich war eigentlich wie ein Tennisball, der zwischen seinem Posten, den sechs Kochzonen hinter mir, dem nahe gelegenen Eingang und dem Abwaschbecken in der Vorbereitungsecke hin und her hüpfte. Aber jetzt kam ich abrupt zum Stehen, und die emsige Bäco Küche hielt gefühlt gleich mit mir inne.
Das war mein erster Kunde, meine erste Chance, und irgendwie hatte ich sie vermasselt.
Ich bekam feuchte Hände. Eine Serie aus »Scheiße, Mist, Verflucht« ging mir durch den Kopf. Ich schaute den Koch neben mir an, der mit aufgerissenen, nervösen Augen zurückschaute.
Ich flitzte los zu Chefkoch Josef, rief »Achtung, von hinten«, während ich an den anderen Vorbereitungsköchen vorbei in Richtung seines Büros schoss. Ich stand da, schlotterte in meinen Clogs und hörte mir an, was er zu sagen hatte. Dabei versuchte ich, den Schaden einzuschätzen, und starrte auf die verdammten Schürzen, angefangen mit meiner eigenen. Noch wichtiger aber war, dass ich bis zum Schichtende dann die anderen Schürzen im Auge behielt, die von echten Köchen bei der Arbeit in einer wirklichen Profiküche getragen wurden, inklusive mir. Japp, ihre Schwachstellen waren offensichtlich. Er hatte recht.
● ● ●
CHEFKOCH JOSEFS MEINUNG war mir irrsinnig wichtig – als Mentor und als Chef –, aber jetzt war er unzufrieden mit mir, mit meinem Produkt und mit meinem Unternehmen. Sogar Souschef Andy, der seine Schürze liebte, hatte mir stolz gezeigt, wie er mithilfe einer Steckschnalle und einem Band den Stoff im Rücken zusammenhielt, damit die Schürze korrekt saß. Ich sah ihm an, dass er schon froh war, eine bessere Schürze bekommen zu haben, aber ich, nicht er, hätte das Design perfekt hinbekommen müssen. Ich hatte erst geglaubt, ich hätte einen Volltreffer gelandet, aber jetzt setzte die emotionale Achterbahnfahrt ein: Vielleicht waren wir dem nicht gewachsen. Hätten wir es gar nicht erst versuchen sollen? Oh Mann, das hab ich versemmelt …
Aber Moment mal … Das konnte ich noch richten. Du kannst jetzt verdammt noch mal nicht aufgeben – du stehst doch echt erst am Anfang!!!!
Ich holte also tief Luft und erwiderte in einer ruhigen, halbwegs festen Stimme auf Josefs Tirade: »Cheffe, das verstehe ich, du hast völlig recht. Die Schürzen müssen besser sein. Mein Vorschlag: Gib mir die Hälfte zurück, damit das Team in den restlichen erst einmal arbeiten kann. Ich optimiere sie dann peu à peu. Die fertigen bringe ich zurück und wir können sie wieder verteilen. Danach nehme ich mir den Rest vor. Und vielen Dank für deine ehrliche Rückmeldung, ich kümmere mich darum.«
Sechs Aspekte, die bei meinenersten Schürzen falsch waren
●Die Bänder waren ineffektiv, rutschten alle fünf Sekunden herunter und waren nicht wirklich verstellbar.
●Auch wenn sie auf den ersten Blick gut aussahen, bemerkte man bei genauerem Hinsehen, dass sie nicht gut verarbeitet waren (es waren nicht alle Fäden nach dem Nähen abgeschnitten worden).
●Es gab keine Einheitlichkeit bei den Schürzen und manche Taschen waren so ein ganz klein wenig schief, während andere perfekt symmetrisch angelegt waren.
●Die Taschen waren nicht stabil genug, um dem Trubel im Leben eines Kochs standzuhalten – sie mussten unbedingt verstärkt werden.
●Selbst nach unserem Waschsalonabenteuer war das Material nicht vollständig vorgewaschen und schlug mehr Falten, als es sollte, außerdem hatten wir sie nicht genug getestet, und sie färbten noch ein wenig ab.
●Die Riemen, die flach aufliegen sollten, falteten sich beim Waschen zusammen.
Mit einem leichten, aber standhaften Lächeln verließ ich das Büro. Ich spürte in meinem Bauch das gleiche Feuer, das sich auch bei meiner ersten Bestellung gemeldet hatte.
Ich hatte nun ein kleines Zeitfenster, um das alles geradezubiegen, also schnappte ich mir das bisschen Geld, das wir an der Bestellung verdient hatten, also nur noch ein paar Hundert Dollar, nachdem wir das Material hatten zweimal kaufen müssen, und bezahlte unseren Näher. Ich stockte unsere Materialien für die nächste Lieferung von Cheffes Schürzen auf. Theoretisch waren die ersten Schürzen visuell richtig gewesen, aber jetzt hatte ich tatsächliches Feedback bekommen, von einer Art Fokusgruppe, die mir berichtete, auf welche Weise mein Produkt noch nicht funktionierte. Das wirkte wie ein Licht am Ende des Tunnels, wenn ich sie jetzt richtig hinbekommen könnte. Aber wie?
Ich sprach mir selbst aufmunternde Worte zu: Ich sitze jetzt am Steuer, und auf dem Weg wird es einige Straßen mit beschissenem Belag geben, also HÄNDE ANS STEUER, BENNETT.
Mit all diesem mir neuen Kontext ging ich zurück zum Stoffladen, wo wir auch das ursprüngliche Material gekauft hatten, und stöberte mich Stunden über Stunden durch die verschiedenen Möglichkeiten, fasste alles an, hielt mir die verschiedenen Gewebearten möglichst nah vor Augen, wog die Vor- und Nachteile ab, selbst wenn die Unterschiede teilweise so klitzeklein waren, dass man sie fast nicht sehen konnte. Aber ich wusste einfach, dass dies der einzige Weg war, um meine Lösung zu finden. Und irgendwann gelang mir genau das. Letztlich kaufte ich erstklassigen Denim, der dicker, haltbarer war und sich somit besser waschen ließ – also dann keine Falten schlug und besser am Körper saß.
Wenn du dich vor einem überwältigenden Problem wiederfindest, stelle dich vor ein Whiteboard oder ein großes Blatt Papier und schreib alle Lösungswege auf, die dir einfallen. Versetze dich in ein lösungsorientiertes Mindset und denke keine Sekunde lang: Oh, wehe mir. Wie konnte das passieren?
