Erving Goffman - Jürgen Raab - E-Book

Erving Goffman E-Book

Jürgen Raab

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Beschreibung

Diese erste deutschsprachige Einführung zu Erving Goffman (1922–1982) unterstreicht dessen zentrale Bedeutung als Theoretiker: Seine Bücher zählen zu den meistgelesenen soziologischen Werken überhaupt. Sie umfassen ein weit ausgreifendes Themenspektrum, das sich von der Selbstdarstellung im Alltag, dem Überleben in totalen Institutionen, der Bewältigung von Stigmata, dem Verhalten auf öffentlichen Plätzen bis hin zur Analyse von Redeweisen als kommunikative Formen erstreckt. Leitmotivisch variieren diese Gegenstände dabei ein durchgängiges Interesse Goffmans: Die Analyse der Formen von Interaktion in sozialen Situationen sowie der Rolle, welche die Handelnden darin spielen. Diese Theorieanlage findet ihren Ausdruck in der Interaktionsordnung und der Rahmenanalyse. Goffmans Arbeiten haben die Soziologie in nachhaltiger Weise angeregt und beeinflusst. Die Potenziale seines Werkes sind trotz seiner außerordentlichen Popularität bislang nicht annähernd erschöpfend genutzt. Erschwert wird die Rezeption vor allem durch die Doppelbödigkeit seiner Schriften selbst. Jürgen Raab eröffnet hier einen Zugang, der den Blick auf die tiefgründigeren Schichten von Goffmans Werk freilegt und damit neue Impulse für die soziologische Forschung und Theorie Setzt. Raabs Buch ist mittlerweile zu einem viel rezipierten Referenzwerk geworden. Die zweite Auflage erweitert den Band um ein Kapitel, das Goffmans methodologische Grundhaltung und seine methodischen Zugangsweisen darlegt.

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Klassiker der WissenssoziologieHerausgegeben von Bernt Schnettler

Die Bände dieser Reihe wollen in das Werk von Wissenschaftlern einführen, die für die Wissenssoziologie – in einem breit verstandenen Sinne – von besonderer Relevanz sind. Dabei handelt es sich vornehmlich um Autoren, zu denen bislang keine oder kaum einführende Literatur vorliegt oder in denen die wissenssoziologische Bedeutung ihres Werkes keine angemessene Würdigung erfahren hat. Sie stellen keinesfalls einen Ersatz für die Lektüre der Originaltexte dar. Sie dienen aber dazu, die Rezeption und das Verständnis des Œuvres dieser Autoren zu erleichtern, indem sie dieses durch die notwendigen biografie- und werkgeschichtlichen Rahmungen kontextualisieren. Die Bücher der Reihe richten sich vornehmlich an eine Leserschaft, die sich zum ersten Mal mit dem Studium dieser Werke befassen will.

»Thomas Luckmann« von Bernt Schnettler

»Marcel Mauss« von Stephan Moebius

»Alfred Schütz« von Martin Endreß

»Anselm Strauss« von Jörg Strübing

»Robert E. Park« von Gabriela Christmann

»Erving Goffman« von Jürgen Raab

»Michel Foucault« von Reiner Keller

»Karl Mannheim« von Amalia Barboza

»Harold Garfinkel« von Dirk vom Lehn

»Émile Durkheim« von Daniel Šuber

»Claude Lévi-Strauss« von Michael Kauppert

»Arnold Gehlen« von Heike Delitz

»Maurice Halbwachs« von Dietmar J. Wetzel

»Peter L. Berger« von Michaela Pfadenhauer

Weitere Informationen zur Reihe unter www.uvk.de/kw

Für Hans-Georg Soeffner, meinen Lehrer

Inhalt

Einleitung

I Erving Goffman: ›Marginal Man‹ und ›Key Sociological Thinker‹

II Prägungen und Einflüsse

III Methodologie und Methode

IV Die sozialen Situationen und das Selbst

V Normalität und ihre Rahmungen

VI Rezeption und Wirkung

Literatur

Zeittafel

Personenindex

Sachindex

Einleitung

Zu Lebzeiten waren Erving Goffmans Status als soziologischer Theoretiker und der Stellenwert seines Œuvres durchaus umstritten. Doch schon bald nach seinem Tod im Jahre 1982 galt er vielen als »one of the leading post-World War II American sociologists« (Manninghart 2000: 285). Im Rückblick erkennen manche in ihm sogar »one of the twentieth century’s most remarkable practioniers of social sciences« (Smith 2006a: 1), wenn sie ihn nicht gleich in den Rang des »most significant American social theorist of the twentieth century« erheben (Fine & Manning 2000: 481).

Das Interesse an Goffmans Werk überschritt schon früh nicht nur die Grenzen der USA, sondern auch diejenigen der Fachdisziplin und darüber hinaus – was wohl am meisten erstaunt – die für gewöhnlich kaum zu überwindenden Gräben und Sperranlagen zwischen den soziologischen Paradigmen. So präsentiert sich Goffman heute, »auch wenn er zwangsläufig ›nur‹ ein Klassiker der zweiten Generation sein kann«, doch unübersehbar als »Soziologe von klassischer Statur« (Hettlage 1991a: 437). Kaum eine breit angelegte Einführung in die Soziologie, kaum eine Überblicksdarstellung zu ihren Hauptvertretern oder Hauptwerken, die es sich leisten könnte, Goffman zu übergehen. Auch seine Schriften erfreuen sich anhaltender Popularität: Sie sind in viele Sprachen übersetzt, erscheinen in wiederholten Auflagen und führen weltweit die soziologischen Bestsellerlisten an. Was kaum verwundert, werden sie doch, wie die Texte nur weniger anderer Fachvertreter, auch außerhalb der Disziplin – und sogar von einem breiten nicht-wissenschaftlichen Publikum – mit großem Interesse wahr- und aufgenommen (vgl. Didra 2010). Zudem gibt es kaum Sozialwissenschaftler, gleich welcher theoretischen Couleur oder methodischen Ausrichtung, die nicht von Goffmans scharfer Beobachtungsgabe, von den luziden Beschreibungen und originellen Begriffsbildungen, von seiner geradezu außerordentlichen analytischen Begabung oder doch wenigstens vom ausgesprochen hohen Anschauungs- und Unterhaltungswert seiner Darstellungen angetan sind.

Zum Anlass dieser Einführung

Die unaufhörlich steigende Zahl der um eine systematische Aufarbeitung von Goffmans Œuvres bemühten Überblicks- und Einführungswerke macht gleichwohl auf ein nach wie vor virulentes Problem aufmerksam (vgl. Castel et al. 1989, Fine & Smith 2000, Hettlage & Lenz 1991, Bovone & Rovati 1992, Lemert & Branaman 1997, Jakobsen & Kristiansen 2002, Treviño 2003, Nizet & Rigaux 2005, Smith 2006a, Österreichische Gesellschaft für Soziologie 2007, Jacobson 2010): Goffman ist wegen seiner theoretisch unbelasteten, klaren Sprache zwar eingängig zu lesen und scheint aufgrund seiner stets anschaulichen Beispiele leicht verständlich. Seine Schilderungen und Einsichten lassen sich häufig anhand eigener Beobachtungen unmittelbar nachvollziehen und in der Alltagserfahrung überprüfen – mit dem oft überraschenden Effekt, dass das Vertraute plötzlich ein anderes Gesicht bekommt: Goffmans außergewöhnliche Fähigkeit, das Nichtgesehene und Undurchschaute vor Augen zu führen und es dabei zugleich zu ›ordnen‹, lässt uns augenblicklich das Vertraute und Gewöhnliche ungewohnt erscheinen, und es schleicht sich die Ahnung ein, dass auch das vermeintlich Selbstverständlichste im menschlichen Zusammenleben offenbar nur wenig selbstverständlich ist. Aber nicht nur angehenden Sozialwissenschaftlern, auch eingeübten Vertretern der Fachdisziplin gibt sich der größere Zusammenhang des Werkes oft nur schwer zu erkennen. Manchem erweist sich der Zugang zur inneren Systematik als derart holprig und sperrig, dass sie nicht selten von vornherein in Abrede gestellt und Goffman als unsoziologisch, wenn nicht gar unwissenschaftlich disqualifiziert wird (vgl. Joas 1978: 38) – ein Schicksal, das Goffman mit Georg Simmel teilt, einem seiner einflussreichsten Vordenker.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Schon innerhalb der einzelnen, vornehmlich essayistisch angelegten Schriften wirken die Ausführungen häufig ausschweifend, gelegentlich ausufernd und die Kategorien und Konzepte scheinen impressionistisch gewonnen. Dieser Wahrnehmung mag sich verstärken – und um den Eindruck der Inkompatibilität und Inkohärenz ergänzen –, wenn über die Einzeluntersuchungen hinweg die sozialen Kontexte, aus denen die empirischen Fallbeispiele gewählt sind, scheinbar beliebig wechseln, und wenn Goffman ausnehmend selten auf zuvor von ihm entwickelte Begriffe und Konzeptionen zurückgreift. Darüber hinaus bemüht er sich nicht einmal im Ansatz darum, auf die Traditions- und Entwicklungslinien seiner Arbeiten zu reflektieren, um mögliche Verbindungen wenigstens anzudeuten, die ihn zu seinen theoretischen Überlegungen und empirischen Arbeiten anregten. Hinzu gesellt sich ein zumindest vordergründiges Desinteresse an makrosoziologischen Themen wie etwa Macht, Ungleichheit und Sozialstruktur, mit denen dem Leser wenigstens grobe Wegweisungen durch das Werk an die Hand gegeben wären. Dieses Bild vervollständigt schließlich Goffmans zeitlebens bekundetes Widerstreben, sich den disziplinären Paradigmen zuzurechnen.

Vor diesem Hintergrund versteht sich das vorliegende Buch als Einladung und Hinführung zu den Schriften Erving Goffmans. Es kann und will deren Einzellektüre nicht ersetzen, sondern soll zum Verständnis vor allem des inneren und äußeren Zusammenhangs seiner wichtigsten Arbeiten beitragen. Aus diesem Anspruch leitet sich die hier verfolgte Darstellung und Argumentation ab. Der Band setzt nicht die Ende der 1980er-Jahre entfachte und noch bis weit in die 1990er-Jahre hineingetragene Diskussion um die Zurechenbarkeit Goffmans zu den soziologischen Schulen und Paradigmen fort (vgl. Drew & Wootton 1988, Riggins 1990, Hettlage & Lenz 1991, Hitzler 1991, Burns 1992, Manning 1992, Reiger 1992, Chriss 1995b). Auch betrachtet er keine seiner Schriften als Schlüsselwerk, durch das alle anderen gleichsam wie durch eine Folie zu lesen und zu verstehen wären (vgl. Hazelrigg 1992, Willems 1997a, Reckwitz 2000). Vielmehr wird ein Zugang gewählt, den Goffman selbst nahe legt, der bislang jedoch erst in Ansätzen für eine systematische Darstellung seines Werkes genutzt wurde.

Die Interaktionsordnung als Leitmotiv und Generalthema

Die hier vorgeschlagene Lesart nimmt das zum Leitmotiv, woran sich Goffmans Interesse zu Beginn seiner akademischen Laufbahn entzündete und was er dann in einer über 30 Jahre währenden, überaus regen und produktiven wissenschaftlichen Tätigkeit entfaltete: jenes Forschungsfeld und Forschungsprogramm, das er selbst die ›Interaktionsordnung‹ (the interaction order) nannte. Der Terminus erscheint erstmals im zusammenfassenden Schlusskapitel seiner Dissertationsschrift (Goffman 1953a, vgl. Lenz 1991a: 27, Manning 2000: 284, Smith 2003: 646), und er wird schließlich jenem Text den Titel geben, an dem Goffman bis kurz vor seinem Tod arbeitete und der posthum zur Veröffentlichung kam: die vielen Interpreten heute als sein Vermächtnis geltende Antrittsrede zur Präsidentschaft der American Sociological Association (ASA) (Goffman 1983b, dt. 1994b).

Bemerkenswerterweise verwendet Goffman den Begriff ›Interaktionsordnung‹ ausschließlich an diesen beiden, das Werk einklammernden und rahmenden Stellen. Doch die weit gediehene Goffman-Forschung vertritt inzwischen fast einhellig die Meinung, dass Goffman auf diese Weise gleichsam die Klammern seines Forschungsprogramms setzte und die innere Geschlossenheit seiner Arbeit markierte (vgl. Drew & Wootton 1988, Hettlage 1991a, 2000, Lenz 1991a, Knoblauch 1994, 2000, 2006, Knoblauch et al. 2005 und Willems 1997a: 27ff.). Deshalb spreche ich im Folgenden von Goffmans Theorie- und Forschungsprogramm als der »Soziologie der Interaktionsordnung«.

Das Generalthema prägte sein Arbeitsprogramm. Fast ein Dutzend Monografien sind Ausdruck und Beleg einer geradezu erstaunlichen Beständigkeit und Beharrlichkeit in der letztlich doch unvollständig gebliebenen Anstrengung, das Regelwerk sozialer Interaktionen aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Brennweiten zu erforschen. Dabei richtet die Soziologie der Interaktionsordnung ihr Augenmerk auf jene Sphären zwischenmenschlichen Alltagshandelns, in denen wir körperlich kopräsent und mit potenziell all unseren fünf Sinnen füreinander wahrnehmbar sind. Solche sozialen Situationen werden aufgrund der in der sozialen Wahrnehmung vorherrschenden Prävalenz des Auges häufig als Begegnungen von Angesicht zu Angesicht, als Face-to-face-Situationen oder Vis-à-vis-Interaktionen bezeichnet. Ihr Spektrum erstreckt sich von flüchtigen Begegnungen, in denen wir in der Regel kaum mehr als kurze Blicke zur gegenseitigen Identifikation und Orientierung untereinander wechseln – wie etwa beim Durchqueren einer Fußgängerzone – bis hin zu mehr oder minder umfassenden Konversationen, die sich durch größere zeitliche Ausdehnung auszeichnen und verbunden sind mit einer stärkeren räumlichen Dichte, einem entsprechend intensiveren Austausch von Blicken, Berührungen, Worten und Gesten sowie straffere rituelle und zeremonielle Regelungen aufweisen – wie etwa Familienfeste, Business-Meetings und Gerichtsprozesse, wissenschaftliche Kongresse oder die Treffen von Außenministern.

Goffman erkannte die gesellschaftliche Bedeutung dieses noch weitgehend unbearbeiteten Gegenstandsbereichs soziologischer Forschung und Theoriebildung. In Anschluss an Émile Durkheim begriff er ihn sogar als ›Realität sui generis‹. Denn als Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit sei die Interaktionsordnung ein gesonderter Erfahrungs- und Untersuchungsbereich neben anderen gesellschaftlichen Wirklichkeiten, wie etwa der Sozialstruktur, zu denen sie allenfalls ›Schnittstellen‹ (interfaces) und ›lose Koppelungen‹ (loose couplings) aufweise (Goffman dt. 1981b: 16, dt. 1994a: 149, dt. 1994b).

Dabei ließen es die Reichweite sowie die außerordentliche Vielschichtigkeit und Komplexität dieses Teilbereichs gesellschaftlicher Wirklichkeit notwendig erscheinen, die Schlagbäume zwischen den soziologischen Theorieentwürfen und die sorgsam gehütete Insularität methodischer Verfahren zu überwinden. Nur jenseits der von ihm immer wieder als künstlich angeprangerten disziplinären Schließungen und Positionskämpfe sah Goffman die Chance, die Interaktionsordnung in ihrer Spannbreite und Variabilität, vor allem aber in ihren Zusammenhängen zu erkunden: von der Untersuchung der Organisation menschlicher Alltagserfahrungen über die Beobachtung der Bauformen interpersonaler Alltagsrituale bis hin zur Analyse der Strukturprinzipien institutioneller Ordnung wie beispielsweise formaler Organisationen.

So präsentiert jedes seiner Bücher nicht nur einen neuen Forschungszugang zur Soziologie der Interaktionsordnung. Von Untersuchung zu Untersuchung entfaltet sich darüber hinaus ein hochgradig bewegliches und anschlussoffen bleibendes Repertoire an Metaphern und Analogien, Begriffen und Konzepten: ›Selbst‹ und ›soziale Situation‹, ›Rahmen‹ und ›Modulation‹, ›Normalität‹ und ›Stigma‹, ›Theater‹ und ›totale Institution‹, ›Vorderbühne und ›Hinterbühne‹, ›Ritual‹ und ›Image‹, ›Rollenspiel‹ und ›Rollendistanz‹, ›zentrierte‹ und ›nicht-zentrierte Interaktion‹. Die von Goffman zum Aufspüren und zur Beschreibung der Interaktionsordnung vorgelegten Begriffe und Konzepte verweisen auf die spezifische Qualität des für die Erforschung jenes Gegenstandsbereichs sui generis erforderlichen Vokabulars. Sie geben aber auch bereits zu erkennen, wie spannungsreich Goffman das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft begreift.

Die Soziologie der Interaktionsordnung will diese Spannungsverhältnisse über ein in weiten Teilen noch zu entwickelndes analytisches Gerüst und ein geeignetes methodisches Verfahren angehen. Goffman teilt zwar die Überzeugung, dass soziale Interaktionen und soziale Ordnung insgesamt auf sinnhaft aufeinander bezogenen Handlungen beruhen. Doch diese Handlungen sind weder ausschließlich noch vornehmlich aus den Orientierungen der Akteure an den gesellschaftlich auferlegten Verhaltenserwartungen mit ihren Fakten, Normen und Zwängen zu erklären, wie dies etwa Talcott Parsons, Robert K. Merton oder George C. Homans annahmen. Vielmehr muss soziales Handeln auch – so der Goffman’sche Kerngedanke – über die Analyse des konkret beobachtbaren, also situationsspezifischen, prozesshaften und schöpferischen Umgangs der Akteure mit dem Gegebenen und Notwendigen gedeutet und verstanden werden.

Erving Goffman und die ›neue‹ Wissenssoziologie

Auf den ersten Blick mag die Einreihung Goffmans in den Kanon wissenssoziologischer Klassiker nicht unbedingt nahe liegen. Er selbst hätte – vgl. unten, Kapitel II – ihr sicherlich die größten Vorbehalte entgegengebracht. Sie erhält jedoch mit dem zuletzt angesprochenen Aspekt durchaus Plausibilität.

Wissenssoziologische Ansätze in der Nachfolge von Peter L. Berger und Thomas Luckmann (1969, vgl. auch Tänzler et al. 2006a, 2006b) teilen im Grundsatz die Überlegung, dass jenes Denkgebilde, das sie ›Gesellschaft‹ nennen, jedem Menschen in zwei einander nur scheinbar widersprechenden Erscheinungs- und Erfahrungsformen gegeben ist.

Erstens begreifen sie Gesellschaft als historisch vorgegebene und kulturell vorgefundene, vom Einzelnen nicht mehr beeinflussbare, objektive Faktizität: als ›soziale Tatsache‹ (fait sociale) (Émile Durkheim). In Gestalt von Normen, Rollen und Institutionen ergreift sie vom Einzelnen Besitz, zwingt ihm einen fremden Willen auf, fordert Anpassungsleistungen ein, verlangt seine Unterordnung. »I believe, of course«, so Goffman, »that the social environment is largely socially constructed […]. But […] I don’t think the individual himself or herself does much of the constructing. He rather comes to a world, already in some sense or other, established« (in: Verhoeven 1993b: 324).1 Handlungspraktisch kann der Einzelne die vielfältigen gesellschaftlichen Wirklichkeiten, in denen er sich bewegt, also nicht konstruieren. Sie liegen ihm als in weiten Teilen bereits vorgefertigtes, ›soziohistorisches Apriori‹ voraus (Luckmann 1980: 127), und er bekommt sie im Zuge seiner Sozialisation vermittelt – in den Worten Goffmans: »Sie werden dem Neophyten eingetrichtert, wenn er stubenrein wird« (Goffman dt. 1971b: 86).

Zweitens ist wissenssoziologischen Ansätzen die Einsicht gemein, dass Gesellschaft in Prozessen ›sozialer Wechselwirkung‹ (Georg Simmel) vom Einzelnen in Besitz genommen und so im ›sinnhaften Handeln‹ (Max Weber) fortwährend wiederhergestellt, aktualisiert, neu ausgestaltet und verändert wird.

Aus diesem ›Doppelcharakter‹ sozialer Realität leitet sich die Aufgabe der von Berger und Luckmann begründeten ›neuen Wissenssoziologie‹ her. Sie besteht in der »Erforschung der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit« (Berger & Luckmann 1969: 20). Das Forschungsprogramm entfaltet sich in eben jenem Spannungsfeld von Gesellschaft als Zwang ausübender, objektiver Faktizität einerseits und Gesellschaft als Freiheits- und Möglichkeitsraum sinnhaften sozialen Handelns, also der Kreativität, aber auch der Umgehungen und Abweichungen, andererseits. Dabei gehört zum wissenssoziologischen Grundtenor, dass es nur im empirischanalytischen Zugriff auf diese zweifache Wirklichkeit gelingen kann, zu einem Verständnis davon zu gelangen, was gesellschaftliche Wirklichkeit zu einer ›Realität sui generis‹ macht.

Wenn Goffman in seinen Analysen zur Soziologie der Interaktionsordnung also fragt, wie gesellschaftliche Ordnung im sozialen Handeln der Menschen entsteht und sich verändert, wenn er Ausschau hält nach den Bausteinen und den Organisationsprinzipien sozialen Handelns und gesellschaftlicher Ordnung, und wenn er zu ergründen sucht, aufgrund welcher sozial geregelter Vorgänge gesellschaftlich entwickeltes und vermitteltes Wissen zu einer außer Frage stehenden Wirklichkeit gerinnt, die für die Akteure deutungs- und handlungsleitend ist, dann gehen seine Erkenntnisinteressen zweifelsohne mit jenen der ›neuen Wissenssoziologie‹ konform. Denn »die Fragen nach einer adäquaten Rekonstruktion der sozialen Interaktionen im Alltagsleben« stehen auch für Luckmann im Zentrum »der empirischen Sozialwissenschaften, insbesondere der Wissenssoziologie« (Luckmann 2002a: 206, vgl. auch Schnettler 2006a).

Noch enger an die ›neue‹ Wissenssoziologie rückt Goffman allerdings durch die Systematik seines Denkens. Denn es bewegt sich in eben jener für die Wissenssoziologie bedeutsamen Doppelaspektivität gesellschaftlicher Wirklichkeit, und Goffman erkennt neben der Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit sozialer Wirklichkeiten zugleich deren Unvorhersehbarkeit, Gefährdung und Vorläufigkeit. Durchgängig thematisiert er denn auch die Rückwirkungen dieses Spannungsverhältnisses auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Handelnden (vgl. hierzu auch Honer et al. 2010: 7–12).

Aus diesem Zugang speisen sich nicht nur die grenzenlose Neugier und Leidenschaft sowie die unstillbare Faszination und Inspiration mit der er über viele Jahre hinweg seine Forschungen zur Interaktionsordnung vorantrieb. Aus der gleichermaßen unkonventionellen wie innovativen Perspektive sind Problemstellungen, Konzeptionen und Einsichten erwachsen, die sich als kaum zu überschätzender Beitrag für die Entwicklung der Disziplin erwiesen. Sie hielten und halten Goffmans Soziologie für unterschiedlichste sozialwissenschaftliche Forschungsansätze fruchtbar und anschlussfähig, und sie begründen nicht zuletzt seinen Stellenwert als Klassiker der (Wissens-)Soziologie.

Im Zentrum der Goffman’schen Analysen steht das Problem und die Frage, wie das soziale Formen- und Regelwerk der Interaktionsordnung im Spannungsfeld von Zwang und Freiheit, von Gesellschaft als Faktum sozialer Strukturen und Vergesellschaftung als Prozess sozialer Wechselwirkungen vermittelt. Dies soll hier in Grundlinien rekonstruiert und nachgezeichnet werden.

Für die zweite Auflage wurde die Einführung komplett durchgesehen, wo notwendig korrigiert und um Anmerkungen und Hinweise auf neuere Literatur und Quellen ergänzt. Vor allem aber wird nun in einem eigenen Kapitel nachgeholt, worauf in der ersten Auflage allein aus Zeit- und Platzgründen verzichtet werden mußte: eine Darlegung der methodologischen Grundhaltung Goffmans und seiner methodischen Zugangsweisen. Doch zum Einstieg gestatten wir uns einen Blick in die intellektuelle Biografie Goffmans und auf die Einflüsse und Prägungen seines wissenschaftlichen Denkens.

1 Nur im Falle nicht vorhandender oder unklarer deutscher Übersetzungen habe ich bei Zitaten auf die englischen Originale zurückgegriffen.

I Erving Goffman: ›Marginal Man‹ und ›Key Sociological Thinker‹

Erving Goffman gilt als unkonventionelle, ambivalente und schillernde Persönlichkeit: ein schüchterner, etwas schwieriger Einzelgänger und skurriler Außenseiter – eigensinnig und ebenso schwer zuzuordnen wie seine wissenschaftliche Haltung, widersprüchlich und zugleich zwischen den Gegensätzen vermittelnd wie seine soziologische Perspektive.2 Doch durch Selbstbewusstsein, Fleiß und Ausdauer verschafft er sich Anerkennung, erklimmt die fachliche und institutionelle Spitze der US-amerikanischen Soziologie und steigt schließlich auf zum ›key sociological thinker‹ (Williams 1998).3

Goffman wird 1922 in Alberta, Canada als zweites Kind jüdischer Immigranten aus der Ukraine geboren. Kindheit und Jugend verbringt er in räumlich nah beieinander liegenden kanadischen Kleinstädten, bevor er als schon 22-Jähriger das Soziologie-Studium in Toronto aufnimmt, das er mit dem Bachelor of Arts abschließt. Als er kurz darauf, Mitte der 1940er-Jahre, an die University of Chicago wechselt, befindet sich diese, wie die US-amerikanische Soziologie insgesamt, zwar in enormem Aufwind, rangiert aber, obschon von gewissem Einfluss, hinsichtlich Bedeutung und Renommee deutlich hinter den traditionsreichen, die ›harte Soziologie‹ vertretenden Universitäten Columbia und Harvard. 1949 erwirbt Goffman in Chicago den Master of Arts in Soziologie. Aus einem einjährigen Forschungsaufenthalt auf den Shetland-Inseln entsteht 1953 die Dissertation für den Doktor der Philosophie und Goffmans erstes Buch Wir alle spielen Theater (1956, dt. 1983). Von 1954 bis 1957 ist er als Visiting Scientist am Laboratory of Socio-Environmental Studies des National Institute of Mental Health (NIMH, Bethesda, Maryland) angestellt. Dort unternimmt er seine ›Klinik-Studien‹, zu denen auch eine einjährige Beobachtung im St. Elizabeth Hospital gehört. Aus ihnen geht sein zweites Buch Asyle (1961, dt. 1972) hervor.

Zwischen 1958 und 1969 weilt Goffman an der University of California (Berkeley). In seiner Zeit als Visiting Assistant Professor, dann als Associate Professor und schließlich als Full Professor ist er nicht nur überaus produktiv, sondern erfährt durch seine Publikationen – vor allem Stigma (1963, dt. 1967) und Interaktionsrituale (1967, dt. 1971b) – auch enorme Aufmerksamkeit, ja avanciert sogar zum ›Star‹ der Universität. Im September 1969 entflieht er dem Wirbel um seine Person auf einen Lehrstuhl an der University of Philadelphia, den er bis zu seinem Tod bekleiden wird. Unter den ruhigeren Arbeitsbedingungen entstehen unter anderem die umfangreichen Arbeiten Das Individuum im öffentlichen Austausch (1971, dt. 1974), Rahmen-Analyse (1974, dt. 1977) und Rede-Weisen (1981a, dt. 2005a). Im Jahre 1981 wählt die American Sociological Association (ASA) Goffman zu ihrem 73. Präsidenten. Am 20. November 1982 erliegt er im Alter von 60 Jahren einem Krebsleiden.

Ethnische Abstammung und geografische Herkunft legen es nahe, in Goffman den von Robert E. Park (1928) als ›marginal man‹ beschriebenen Persönlichkeitstypus wiederzuerkennen. Historisch und typologisch ist der ›marginal man‹ der Jude: jener Fremde par excellence, dessen Eigenschaften und Merkmale bereits Georg Simmel schildert (1992b [1908]). Die Neuverkörperung des Außenseiters und mit ihr zugleich den Idealtypus des modernen Subjekts findet Park im Immigranten, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Europa einwandert und nach einem Platz im freien, kosmopolitischen und komplexen Leben der amerikanischen Städte strebt. Einmal angekommen, so der Park-Schüler Everett V. Stonequist, wird der Immigrant zum kulturellen Hybriden: »It is the fact of cultural duality which is the determining influence in the life of the marginal man. […] Here the ›crisis experience‹ is the event which throws the individual back upon himself and produces a ›disengagement and temporary withdrawal‹« (Stonequist 1937: 217, 220). In der Dauerkrise kultureller Gespaltenheit verliert der ›marginal man‹ sein historisches Bewusstsein, fühlt sich entwurzelt, heimatlos und entzieht sich zudem den Verortungsschemata der sozialen Anderen. Doch dazwischen eröffnen sich Möglichkeits- und Freiheitsräume, in die hinein neue Wege beschritten und andere Denk- und Lebensformen ausgebildet werden können (vgl. Christmann 2007).

Goffmans intellektuelle Ausbildung fällt in die 1940er- und 1950er-Jahre und damit in eine Zeit, in der die Wurzeln kultureller Umbrüche und politischer wie sozialer Probleme liegen, welche die USA in den 1960er-Jahren stark beschäftigen werden. David Riesmans The Lonely Crowd (1950), C. Wright Mills’ White Collar (1951), William H. Whytes The Organization Man (1956) und Vance Packards The Hidden Persuaders (1957) thematisieren, jedes auf seine Weise, die bald tief empfundene moralische Krise im Selbstverständnis Amerikas. Sie wird unter anderem im Kalten Krieg, in den Studentenrevolten, Bürgerrechtsbewegungen und nicht zuletzt in der sexuellen Revolution4 sowie der feministischen Emanzipationsbewegung ihren Ausdruck finden. Goffmans »On Cooling the Mark Out« (1952) und Wir alle spielen Theater (dt. 1969) spiegeln diese gesellschaftlichen Hintergründe ebenso wider wie die Form ihrer sozialwissenschaftlichen Wahrnehmung und Aufarbeitung. Insbesondere Goffmans erster Aufsatz »Symbols of Class Status« (1951) und auch die Auftragsarbeit »The Service Station Dealer: The Man and His Work« (1953b) folgen sowohl in Thematik wie Stilistik noch den eher konventionellen wissenschaftlichen Standards (vgl. Lemert 1997).

Bereits in diesen frühen Jahren wird allerdings auch Goffmans Neigung erkennbar, sich allen Vereinnahmungen und Feststellungen zu entziehen und seinem Ruf als Sonderling gerecht zu werden. So interpretiert Gary D. Jaworski den Wechsel Goffmans an die University of Edinburgh und seinen Forschungsaufenthalt auf den Shetland-Inseln als Versuche, von seinen Lehrern unabhängig zu werden, die eigenen Interessen zu verfolgen und eigene Fähigkeiten auszubauen: »Goffman conducted his dissertation research on a tiny island in the Shetlands in order to escape from the influence of his teachers and to give full play to his own natural talent. The early geographic escape symbolizes his lifelong efforts to escape the influence of his past« (Jaworski 2000: 305). Von seinem Doktorvater W. Lloyd Warner mit der Empfehlung betraut, für die anstehende Dissertation die bereits in anderen Forschungsprojekten vorangetriebene Untersuchung von Schichtungsstrukturen auf den Shetlands fortzusetzen, zieht es Goffman außerdem vor, in seiner Pension die Interaktionen der Inselbewohner und ihren Umgang mit Fremden zu studieren.

Im Verlaufe seiner akademischen Karriere durchmischen sich Eigenwilligkeit und immer wieder aufgesuchte Randständigkeit mit einem unaufhaltsamen Drang nach fachlicher wie institutioneller Anerkennung zu jener für Goffman letztlich charakteristischen Melange. So erfreut er sich als Professor außerordentlicher Beliebtheit bei den Studierenden, bleibt aber ohne Forschungsmitarbeiter, zieht keine Schüler heran und betreut nur wenige Doktoranden. Als ihm der durch die politischen Wirrnisse verursachte Trubel und vor allem der Rummel um seine Person an der Berkeley Universität in Kalifornien offenbar zu viel werden, legt er zunächst ein Sabbat-Jahr ein. Danach wird er »Benjamin Franklin Professor of Anthropology and Psychology« an der im Vergleich zu Berkeley eher traditionell orientierten und provinziellen University of Pennsylvania – zudem auf einem Lehrstuhl, der die Soziologie im Titel explizit ausspart.

In dieses Bild fügt sich Goffmans Umgang mit den Gepflogenheiten des Wissenschaftsbetriebs. Stets kultiviert er über das eigene Fach hinaus regen wissenschaftlichen Austausch – von dem, anders als bei vielen Akademikern dieser Zeit, bezeichnenderweise kaum Briefwechsel erhalten sind –, unterläuft jedoch die seinerseits offensichtlich als wenig fruchtbar erachteten Kontakte zu den Fachkollegen vor Ort. Darüber hinaus publiziert er nie in Koautorschaft und wird niemals Mitglied einer Sektion der American Sociological Association (ASA). Genauso hält er sich von den aktuellen Theoriedebatten fern und nimmt wenig Anteil an den Diskussionen zu seinen Arbeiten. Er liest keine Kritiken und Rezensionen, die seine Aufsätze und Bücher betreffen, und wenn, so reagiert er nicht darauf. Mit einer Ausnahme: Als ihn zwei Vertreter der reinen Lehre des Interaktionismus in ihrer polemischen Neubetrachtung der Rahmen-Analyse vorwerfen, vom Strukturalismus infiziert zu sein und ihn aus dem Kreis der Interaktionisten exkommunizieren wollen (Denzin & Keller 1981), reagiert Goffman in der einzigen Replik seiner Laufbahn mit einer strengen Richtigstellung (Goffman 1981b, vgl. Hazelrigg 1992).

Goffman trennt berufliche Arbeit und Privatleben säuberlich voneinander und schirmt seine Privatsphäre schon fast argwöhnisch gegen Einblicke von Außen ab. Für ihn gilt die Devise, dass das wissenschaftliche Werk weit vor der Person rangiert und der einzig sinnvolle Weg zum Verständnis der Arbeit über das Studium der Schriften führt. Weil er jedoch – seinem Hang zur Untertreibung und Zurücknahme nachgebend – den eigenen Schriften genauso skeptisch gegenübersteht wie denen seiner Fachkollegen, macht er es zu seinem Grundsatz, das eigene Werk niemals außerhalb der eigenen Texte zu thematisieren. Vertritt er doch die Überzeugung, »that you can’t get a picture of anyone’s work by asking them what they do or by reading explicit statements in their texts about what they do. Because that’s by and large all doctrine and ideology. You have to get it by doing a literary kind of analysis of the corpus of their work« (in Verhoeven 1993b: 322).

Wohl auch aus diesem Grund ist Goffman nur widerwillig zu Interviews bereit. Tatsächlich sind nur drei Gespräche veröffentlicht (David 1980, Winkin 1984, Verhoeven 1993b), sodass auch Yves Winkin für seine »intellectual biography« letztlich auf Erfahrungsberichte von Bekannten, Freunden und Kollegen Goffmans zurückgreifen muss (Winkin 1999). Goffman verweigert überdies die technische Aufzeichnung der Interviews und bot sich aus, nicht aus den Gesprächen zitiert zu werden. Entsprechend wenig auskunftsfreudig gibt er sich denn auch, schweift immer wieder vom Thema ab und kehrt gelegentlich sogar die Rollenverteilung um, indem er den Interviewer befragt.

Noch seltener als Interviews sind Auftritte in den Medien. Anders als viele seiner Wissenschaftskollegen nutzt er weder Radio noch Fernsehen zur öffentlichen Selbstdarstellung und lässt sich auch nur ungern fotografieren – wenngleich er die Frage, weshalb er für die Präsidentschaft der ASA kandidiere, offenbar mit nur einem Wort pariert: Eitelkeit (Lofland 1984: 21). So mussten seine Verlage notgedrungen auf den Abdruck von Porträtbildern verzichten und Russel D. Dynes, ehemaliger Executive Officer der ASA, weiß zu berichten: »He was irritated when people deferred to his ›reputation‹. I know, however, that being elected President was important to him and, in retrospect, so was the timing of his election. He also refused to send me a ›presidential‹ photo to be used in Footnotes [dem offiziellen Organ der ASA, J.R.]. When I threatened to run a caricature of him or a blank space with his name under it, he promised to send me one but I knew he would not« (Dynes 1983: 2).

Viele Anekdoten präsentieren Goffman als geistreichen, witzigen und charmanten aber auch sein soziales Umfeld provozierenden und gar verletzenden Zeitgenossen (vgl. Scheff 2006). Zahlreich sind auch die Geschichten, die auf seine einzigartige Beobachtungsgabe und seine wissenschaftliche Beobachtungshaltung abheben. Goffman schien immer im Einsatz zu sein, stets hellwach und aufmerksam Ausschau haltend, dabei beständig Feldnotizen anfertigend. Dabei verhielt er sich unterschiedlichsten sozialen Situationen gegenüber gleichermaßen offen, schien ihm alles beachtenswert und damit gänzlich unvorhersagbar, was an der sozialen Alltagswirklichkeit nicht beobachtungswürdig sein könnte. Beispielsweise sah man ihn während seiner Kasino-Studien in Las Vergas über längere Zeit im Aufzug auf- und abfahren, was die Kasino-Leitung dazu veranlasste, sein merkwürdiges Gebaren polizeilich überprüfen zu lassen. Oder er ließ sein Taxi unvermittelt stoppen, um das Verhalten der Gaffer bei einem Unfall zu verfolgen, obwohl er für eine Verabredung bereits zu spät war. Goffmans Beobachtungshaltung und sein Selbstverständnis als Soziologe illustriert am eindrücklichsten eine Anekdote von Hans-Georg Soeffner, die aus einer persönlichen Begegnung stammt: »Auf einer Tagung, deren Hauptredner Goffman war, wurde ihm zu Ehren am Abend ein Empfang gegeben, der im Beobachtungsturm einer von Schinkel gebauten Sternwarte stattfand – nun ein sozialwissenschaftliches Institut. Der Ehrengast wurde begrüßt, sagte einige höfliche Sätze, trat zurück und schien wenige Minuten später verschwunden. Schließlich fand man ihn: auf dem ursprünglich für das Fernrohr vorgesehenen drehbaren Podest am – bezeichnenderweise – Rand der Abendgesellschaft, deren Gegenstand, Teil und Beobachter er war« (Soeffner 2003: 251).