Erwach(s)en, was nun? - Marion Geyer - E-Book

Erwach(s)en, was nun? E-Book

Marion Geyer

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Beschreibung

Erwach(s)en was nun? ist ein Ratgeberbuch. Frech, witzig und treffsicher geht dieser Schmöker der Frage auf den Grund: Wie finde ich meinen Logenplatz im Leben? Er spricht die Sprache der 15 bis 30 jährigen. Fündig werden auch ratsuchende Eltern und aufgeweckte Großeltern mit Sinn für Humor. Von spritzig- fruchtig über sinnlich-feinwürzig bis deftig-pikant ist für jeden Geschmack etwas dabei. Lausbübisch, provokant und doch grenzenlos ehrlich packt dieses Schriftstück ungeniert Tabuthemen auf den Tisch und holt ungeschminkte Wahrheiten ans Tageslicht. Er kommt zwar leichtfüßig daher, besitzt jedoch den nötigen Tiefgang, um im Wirrwarr der unbegrenzten Möglichkeiten begehbare Wege aufzuzeigen. Unverblümt erfährt der Leser auch, dass alles im Leben seinen Preis hat.

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2019

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18. Geburtstag:

Endlich raus aus dem Spießertum. Jetzt suche ich mir eine eigene Bude und mache was ich will. Ich werde essen wann und was ich will, duschen, telefonieren und feiern solange ich will, ins Bett gehen und aufstehen wann und mit wem ich will. Endlich bin ich frei und kann selber entscheiden, endlich...

Aber wie finde ich den passenden Job für mich? Wo finde ich eine Wohnung, die meinem gewohnten Lebensstandard entspricht? Habe ich Freunde, die mir beim Umzug helfen? Was kosten eigentlich Miete, Strom, Wasser, Telefon? Wer finanziert mir Krankenkasse, Versicherungen und Lebensunterhalt? Wer leiht mir sein Auto und tankt es voll? Wer weckt mich morgens und schmiert meine Frühstücksschnittchen? Wer kocht für mich und füllt den Kühlschrank auf? Wer wäscht und putzt für mich? Wer räumt meine Bude auf? Wer erinnert mich an meine Termine? Wer verteidigt meine Rechte? Finde ich einen gutaussehenden Typen, der mich auf Händen trägt wie Papa/ eine scharfe Tussi, die mich umsorgt wie Mutti?

Scheiße! Wo fange ich an? Wo führt das hin?

„Erwach(s)en was nun?“ ist ein Ratgeber-Buch, aufrichtig, witzig, treffsicher. Ein Navigator auf dem spannenden Weg zum Erwachsenwerden. Ein Wegweiser in ein eigenständiges, selbstbestimmtes, glückliches Leben.

Marion Geyer, die Allrounderin mit mehreren Berufen ist Jahrgang 1958. Im Jahr 2001 hat sie die Firma: My-STiLart Gartenplanung & Gartengestaltung gegründet, die sie inzwischen gemeinsam mit ihren beiden erwachsenen Kindern erfolgreich betreibt. Nebenberuflich ist sie seit 1997 in der Erwachsenenbildung tätig. Mit ihrem Mann lebt sie in einer Thüringer Kleinstadt.

„Die Unsicherheit und Unentschlossenheit der heutigen Jugend stellt ein unakzeptables, allgemeingesellschaftliches Problem der Neuzeit dar“, sagt Marion Geyer.

„Kritik hilft nicht weiter. Es war meine Generation, die die Sache vergeigt hat. Viele Eltern haben es mit ihren Kindern einfach ZU gut gemeint.

Das Sachbuch: Erwach(s)en, was nun? ist mein Beitrag zur Wiedergutmachung. Es gibt Jugendlichen einen Kompass in die Hände, der sie zielsicher durch das Labyrinth der unbegrenzten Möglichkeiten manövriert.“

Inhalt

Dankeschön

Vorwort

Einleitung

Flügge sein, nicht nur zum Schein

Außen wie innen dem Chaos entrinnen

Die Qual mit der Moral

Die Illusion der Perfektion

Vom Beruf zur Berufung

Die Kunst der Konzentration

Der Pakt mit dem Takt

Alt und Jung bringt neuen Schwung

Die Selbstverständlichkeit der Endlichkeit

Die Rubrik vom Glück

Vom Pessimist zum Optimist

Die Schinderei mit mehr als zwei

Das Gefecht ums Recht

Die Manier von Neid und Gier

Gewalt in Gestalt

Der schrille Ton der Rebellion

Mit Stock und Stein verwurzelt sein

Lass dir nicht den Glauben rauben

Die Chance steigt, wenn Leistung Wirkung zeigt

Unternehmertum bringt Geld und Ruhm

Im Wettstreit mit der Zeit

Die Liebe und die Triebe

Der Parcours der Streitkultur

Gesund und schön durchs Leben gehen

Halte dich fit und gestalte mit

Zusammenfassung für ganz Eilige

Dankeschön

Ein ganz herzliches Dankeschön an meinen Partner Mario, der seit 1975 zu mir hält, meine nächtlichen Schreibanfälle toleriert, unsere technischen Geräte wartet und mir, während ich hier sitze und schreibe, die dringenden Dinge vom Halse hält. (Geschirrspüler ausräumen, Rasen mähen, für unseren Lebensunterhalt sorgen...)

Danke an meine Tochter Tina und meinen Sohn Falko, die mich auf allerlei Themen gestoßen haben, die junge Leute interessieren. Sie haben sich als geduldige Probeleser bewährt. Tina hat sich außerdem um das Layout des Buches gekümmert, die Bilder bearbeitet und mit dazu beigetragen, dass es endlich unters wartende Volk kommt.

Ein besonderer Dank gilt meiner langjährigen Freundin Sabine. Sie hat die Texte bereits im Vorfeld zahlreichen Jugendlichen nahegebracht, mit ihnen darüber diskutiert und somit für die Praxistauglichkeit dieses Buch gesorgt.

Danke an Emilienne und Trecy, die für die Fotos Modell gestanden haben und danke an Daniel Hutfilz, der die Schnappschüsse professionell eingefangen hat.

Danke an Corinna Lindenblatt, Jana Enge und Iris Sahm. Sie haben Korrekturen gelesen und zum Feinschliff der Texte beigesteuert.

Danke an alle lieben Freunde, die mein Leben so unsagbar bereichern. Danke an alle, die Stoff für die zahlreichen Geschichten geliefert haben. Danke auch an diejenigen, an denen ich mir die Zähne ausbeißen durfte. Schließlich habe ich von ihnen meine wertvollsten Lektionen gelernt.

Danke an meine Eltern, die mir am 11. Oktober 1958 das Leben geschenkt haben. Sie ermöglichten es mir, neben meiner jüngeren Schwester, in einer harmonischen Familie aufzuwachsen. Danke, dass sie nicht den Zeitpunkt verpasst haben, mich rechtzeitig aus dem warmen Nest in ein eigenverantwortliches Leben zu schubsen.

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser, bitte betrachte dieses Sammelsurium aus wertvollen Tipps, Lebensweisheiten und persönlichen Erfahrungen als Selbstbedienungsladen. Du musst nicht jeden Gedanken kaufen, der hier angeboten wird.

Als Ehefrau, zweifache Mutter, Großmutter und selbständige Geschäftsfrau habe ich viele Höhen und Tiefen im Leben gemeistert, und auch bereits Hürden genommen, die noch vor dir liegen. Deshalb gestatte mir, ein wenig aus dem »Nähkästchen« zu plaudern. Die Lektüre liefert ganz praktische und logische Antworten auf brennende Fragen unserer Zeit und sie kann dir ein wertvolles Hilfsmittel sein, sofern du davon Gebrauch machst.

Rückwirkend betrachtet ist das Leben eigentlich ganz einfach und logisch. Es ist nicht immer leicht. Das ist es für keinen von uns, denn wir müssen es vorwärts leben. Im Voraus müssen wir Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, ob wir richtig liegen. Und machen wir uns nichts vor: Bei allen guten Vorsätzen erwarten uns im Laufe unserer Entwicklung natürlich auch immer wieder Überraschungen und Hindernisse, die wir in unseren kühnsten Träumen nicht erahnen konnten. Auch die gilt es zu meistern. Manche Dinge fügen sich ganz leicht, wie von Zauberhand, andere fordern uns heraus, bis an unsere äußersten Grenzen zu gehen. Daraus sammeln wir Erfahrungen, die uns mit der Zeit zu einer sicheren und standfesten Persönlichkeit heranreifen lassen. Hoffentlich!

Wer noch am Anfang seines Erwachsenseins steht, weiß jedoch noch nicht, was ihn erwartet. Da kann es nicht schaden, gut vorbereitet zu sein.

Wenn du dazu bereit bist, als Rohdiamant in den vorliegenden Wissenspool einzutauchen und mir gestattest, dich ein Stück auf deinem Lebensweg zu begleiten, besteht eine reelle Chance, als geschliffener Brillant mit ganz eigenen Facetten wieder aufzutauchen. Es ist mein Anliegen, deine inneren Schätze zu deinem eigenen Nutzen ans Licht zu heben. Ob du das zulässt, liegt selbstverständlich ganz bei dir. Wenn ja, unterstütze ich dich mit Vergnügen bei der Feinmodellierung deiner Vorhaben.

Ich habe mich dazu entschlossen, mit dir einen Dialog zu führen. Aus Gründen der Einfachheit schreibe ich in der ER-Form, meine damit aber selbstverständlich auch die weiblichen Leser. Ich hoffe, ihr seht mir das nach und könnt euch damit arrangieren. Wie du sicher schon bemerkt hast, habe ich als Anrede ein freundliches DU gewählt, denn ich möchte dich gerne als Freund ansprechen. Einem Freund sagt man die Wahrheit, ohne lang und breit um den heißen Brei herum zu reden. Das macht die ganze Sache natürlich sehr persönlich.

Dieses Buch ist als Hilfestellung gedacht. Es liegt mir jedoch fern dich zu belehren oder dir meinen Standpunkt aufzuzwingen. Mein Ziel ist es viel mehr, dich nach diesem Lesestoff als selbstbewussten Individualisten mit einer eigenen Meinung ins Leben zu entlassen.

Ich gebe ganz offen zu, beim Recherchieren und Formulieren habe ich selber noch eine Menge dazugelernt. Es war und ist mir besonders wichtig, die Sorgen und Nöte der jungen Generation aus ihrer Sicht zu begreifen, um von meinem Standpunkt aus mit einem Rucksack voller Lebenserfahrungen ganz praktisch zu helfen. Ich gehöre jedoch einer anderen Generation an, da sind Missverständnisse nicht immer ausgeschlossen. Einige Abschnitte haben mich unendlich viel Kraft gekostet. Immer wieder habe ich sie gelesen und lesen lassen, von Jugendlichen verschiedenen Alters, aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten, von Sozialpädagogen, von Lehrern, von Freunden und von Müttern. Erst als sie alle ihr Okay dazu gegeben hatten, hat die Endfassung Gestalt angenommen. Daran kannst du sehen, du bist mir nicht egal. Sollte ich, trotz aller Mühen, jemandem bei meinen Ausführungen unbeabsichtigt auf die Füße treten, so entschuldige ich mich bereits im Vorfeld dafür. Das ist nicht meine Absicht. Mir ist durchaus bewusst, welche große Verantwortung mit der Veröffentlichung dieses Buches auf meinen Schultern lastet und ich bin dazu bereit, sie auch zu tragen. Bist auch du gewillt, mutig und verantwortungsbewusst deinen eigenen Lebensweg zu beschreiten? Na dann, willkommen im Club der Selbstdenker. Ich freue mich riesig auf unsere gemeinsame Zeit.

Liebe Grüße

Deine Marion Geyer.

Einleitung

Hallo Engelchen, schwebst du noch, oder lebst du schon?

Warum bezeichne ich dich als Engelchen? Ganz einfach:

Als du geboren wurdest, hattest du ein paar Flügel geschenkt bekommen. Sorglos konntest du damit, fern jeder Pflicht, durch deine Kindheit segeln. Du warst das Engelchen deiner Familie. Neugierig, munter und fröhlich konntest du Stück für Stück die Welt erkunden. Jeder Tag war aufregend und herrlich ungetrübt. Du wurdest mit Liebe und anderen Dingen beschenkt und musstest keine Gegenleistung dafür erbringen. Es genügte, einfach da zu sein. Ungeduldig fiebertest du dem Moment entgegen, an dem du endlich erwachsen wirst und als weiteres Geschenk die große Freiheit in den Schoß gelegt bekommst. Leider hatte man dir verschwiegen, dass deine Flügel nicht mitwachsen und dich eines Tages nicht mehr tragen werden. Jetzt stehst du vielleicht gerade an der Schwelle zum Erwachsensein und stellst ungläubig fest, dass du ins Trudeln gerätst. Dein Traumland über den Wolken musst du jetzt endgültig verlassen. Man erwartet von dir, umgehend auf dem Boden der Tatsachen zu landen und zukünftig die Verantwortung für dein Leben selbst zu übernehmen. Ja, der Preis ist hoch. Ab jetzt bekommst du nichts mehr umsonst. Für alles, was du von nun an haben willst, musst du etwas genauso Wertvolles zum Tausch anbieten. Sei ehrlich, hattest du dir das Erwachsensein so vorgestellt?

Vielleicht stehst du auch bereits flügellos am Bahnhof des Lebens, blickst unsicher auf die unzähligen Gleise und weißt nicht, wohin die Reise gehen soll? Vielleicht hat dich niemand im Trubel des Alltags registriert und sagt dir, wo es langgeht? Vielleicht fühlst du dich jetzt in der unüberschaubaren Menschenmenge schrecklich einsam und verlassen? Gelingt es dir plötzlich nicht mehr, die Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen?

Als Kind hattest du damit kein Problem. Wenn es nicht nach deinem Willen ging, hast du dich einfach schreiend und strampelnd auf den Boden geworfen und schon waren alle Augenpaare auf dich gerichtet. Einem Kind verzeiht man derartige Auftritte. Im Erwachsenenalter funktioniert das leider nicht mehr. Du brauchst eine neue Strategie. Solange du keinen Weg gefunden hast, positiv in Erscheinung zu treten, fühlst du dich wahrscheinlich wie ein Statist am Rande, unwichtig, ungeachtet, unbemerkt. Betraut man dich mit tristen, zeitraubenden Alltäglichkeiten? Verrinnt dein Leben freudlos, ziellos, gnadenlos? Hast du das Gefühl, man hat dich einfach am Bahnsteig vergessen? Ist der Zug in Richtung sonniger Zukunft vorbeigerauscht, ohne anzuhalten?

Würdest du jetzt am liebsten nach Hause »fliegen«, dich unter der warmen Bettdecke in »Wolkenkuckucksheim« verkriechen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Oder besteht noch ein kleines Fünkchen Hoffnung, dass dich an die Wartebank fesselt? Vielleicht kommt noch ein Zug und nimmt dich mit.

Regungslos hängst du deinen Tagträumen nach. In deiner Fantasie erscheint dir ein wohlwollender Kontostand; du siehst dich in einem aufregenden Job agieren; durch eine Luxusvilla flanieren; in einen Wagen der S-Klasse einsteigen, ausgestattet mit allem Schnickschnack; siehst dich an den atemberaubendsten Orten der Welt deinen Urlaub verbringen...

Plötzlich reißt dich das Schellen des Telefons erbarmungslos aus deiner Fantasie. Am anderen Ende der Strippe ein knurriger Zeitgenosse, der dich an deine Pflichten erinnert. Willkommen in der Gegenwart! Fühlst du dich plötzlich nur noch von kleinkarierten Mitmenschen mit kleinkarierten Ansichten umgeben, denen du für einen kleinkarierten Lohn Rede und Antwort stehen sollst? Nichts wie weg hier, aber wohin? Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wird dir klar, dass sich nichts, aber auch gar nichts ändern wird, wenn du nicht endlich dein Leben in die eigenen Hände nimmst, selbstbestimmt, selbstsicher, mit der nötigen Selbstachtung...

Bist du bereit? Hier kommt der Zug, auf den du gewartet hast. Spring auf! Die nächsten Seiten offenbaren dir eine Art Gebrauchsanleitung für ein glückliches Leben.

Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack:

Mein erster Tipp lautet: Gewinnerlächeln auspacken, Scheuklappen aufsetzen, auf die Meinung der zähen Masse pfeifen und stattdessen auf sein Bauchgefühl hören. Dreh die Nase in den Wind und bring dein Lebensschiff geschmeidig und zielsicher auf Kurs. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Solange du dein Potential noch nicht realistisch einschätzen kannst, ist es schwierig, deinen »Marktwert« zu bestimmen. Holst du zu weit aus, blamierst du dich bis auf die Knochen. Machst du dich unnötig klein, bleibst du auf der Strecke. Aus Angst vor einer Fehlentscheidung springen heutzutage zahlreiche Jugendliche unsicher hin und her und neigen dazu, sich im Dschungel der unendlichen Möglichkeiten zu verlaufen. Andere gehen gar nicht erst an den Start, weil sie der festen Überzeugung sind, ohnehin keine Chance zu haben. Wieder andere haben ein total verschobenes Selbstbild, labern ohne Punkt und Komma und sind obendrein vollkommen beratungsresistent. Auch das funktioniert in der Praxis nicht. Die Bauchlandung ist vorprogrammiert.

Im Leben hört das Lernen niemals auf. Das Optimum ist eine gute Mischung aus Liebe, Selbstbewusstsein, Demut, Lernbereitschaft, Taktgefühl, Kraft und Ausdauer. Ich glaube, jeder, ausschließlich jeder, hat die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes, glückliches Leben zu führen, wenn er das will. Und zwar unabhängig von seiner Herkunft und von seinem Bildungsgrad. Du kannst jederzeit im Leben fehlende Kenntnisse nachholen, auch wenn du seinerzeit in der Schule nicht aufgepasst haben solltest. Wichtig ist nur, dass du zuerst an einer Sache Gefallen findest. Erst wenn du weißt, was du wirklich willst, kannst du die Weichen in die richtige Richtung stellen. Verschone mich bitte mit Ausreden aller Art. Ich kenne sie alle und weiß, sie bringen weder dich noch mich weiter. Helfen kann ich dir nur, wenn du zu konstruktivem Handeln bereit bist. Okay? Gerne stehe ich dir auf deinem Weg beratend zur Seite, halte dich, falls der Boden zeitweise unter deinen Füßen schwanken sollte und lasse erst los, wenn du dein Gleichgewicht, deine Standfestigkeit, deine ganz persönliche Gangart und deine eigene Geschwindigkeit gefunden hast. Handeln musst du natürlich selbst.

Du wirst in diesem Buch auch einiges über mich, meine Familie und mein Umfeld erfahren. Das erzähle ich nur aus einem einzigen Grund: Ich möchte glaubwürdig sein. Was nützt es, wenn ich dir bunt schillernde Theorie um die Ohren haue, die ich selber nicht praktiziere. Was du hier vorfindest ist »gelebtes Wissen«. Es liegt mir fern, mein Ego zu »bürsten«, indem ich meine Privatsphäre öffentlich zur Schau trage. Ich bin ein Mensch zum Anfassen, der Stärken und Schwächen hat, reichlich Fehler macht und auch Angst, Wut und Verzweiflung kennt. Selbst wenn ich meistens frohen Mutes durch den Alltag schreite, gibt es Tage, an denen ich besser liegen geblieben wäre; erlebe ich Momente, wo ich nicht weiter weiß; gerate ich in Situationen, in denen ich mich für meine eigene Dummheit in den Hintern beißen könnte. Ich arbeite leidenschaftlich, bin schrecklich neugierig und probiere gerne Neues aus. Ich nehme nichts einfach so hin, nur weil es schon immer so war, stelle ab und zu unbequeme Fragen und lande auch manchmal in Fettnäpfen, die ich besser hätte auslassen sollen. Doch in der Tendenz verfüge ich über eine positive Grundeinstellung, die mich bisher über alle Hürden irgendwie hinweg getragen hat.

In dieser Lektüre geht es jedoch nicht um mich, sondern einzig und alleine um dich. Ich möchte dir helfen, deinen eigenen Weg zu finden. Meine Wünsche sind allerdings nicht automatisch die deinen. Deshalb kann ich dir auch nicht sagen, was im Einzelnen für dich gut und richtig ist. Anhand verschiedener Beispiele zeige ich dir aber gerne Wege auf, die es dir ermöglichen, ganz eigene Lösungsansätze zu finden. Auch verschiedene Tabuthemen werden offen zur Sprache kommen, weil ich weiß, hinter vorgehaltener Hand kursiert eine Menge Unsinn, der keinem etwas nützt. Gestatte mir bitte, hin und wieder ein wenig zu provozieren. Meine Wortwahl wird deshalb ziemlich direkt sein. Trage dich nicht mit der Hoffnung, mit Samthandschuhen durchs Leben getragen zu werden. Um bestehen zu können, muss du auch ab und zu einer steifen Brise standhalten. Abgeschirmt im warmen Kämmerlein hat noch keiner die Welt erobert. Doch keine Angst, es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Niemand erwartet von dir, perfekt zu sein. Kleine Unzulänglichkeiten machen einen Menschen durchaus sympathisch. In der Summe muss es passen.

Solange es in deinem Leben noch keine stabilen Eckpfeiler gibt, weißt du natürlich nicht, worauf du aufbauen sollst. Lass uns zuerst gemeinsam träumen und parallel dazu ein wenig Grundlagenforschung betreiben, damit das Ganze kein Luftschloss wird. Darauf setzen wir dann zusammen ein tragfähiges Fundament für dein Lebenstraumhaus und errichten den Rohbau. Du wirst merken, wenn du die anfängliche Schwerkraft einmal überwunden hast, und kontinuierlich Schritt für Schritt vorgehst, wird es mit der Zeit immer leichter. Du wirst Selbstvertrauen, Mut, Kraft und Ausdauer gewinnen und dich nicht so leicht von Widersachern ins Bockshorn jagen lassen. Doch zuerst liegt ein Packen Arbeit vor dir, den es zu sortieren und abzuarbeiten gilt. Manchmal scheint es so, als hätten es andere leichter als man selbst. Dem ist zum Glück nicht so. Die Großmutter meines Mannes pflegte immer treffend zu bemerken:

»Beneide nie den Nächsten um sein Glück und seinen Frieden, jeder muss sein Päckchen tragen, nur die Packung ist verschieden...«

Soviel zur Einstimmung. Ich hoffe, ich konnte dich ein wenig neugierig machen. Bist du bereit jetzt frohen Mutes in Richtung deiner Träume zu schreiten?

Dann reich mir die Hand. Ich begleite Dich gern solange, bis du sicher auf eigenen Füßen stehst.

Flügge sein, nicht nur zum Schein

Wann ist ein Mensch eigentlich erwachsen?

Meine Großmutter wurde im zarten Alter von vierzehn Jahren aus dem Haus geschickt. Eines Tages hieß es: »Mädel, du bist jetzt erwachsen und gehst in Stellung. Es wird Zeit für dich, Verantwortung zu übernehmen und deinen Teil fürs Allgemeinwohl beizutragen«. Damit stand sie in Lohn und Brot und auch mitten im Leben. Ihre Kindheit war unwiederbringlich vorbei.

Meine Kinder verließen mit einundzwanzig Jahren endgültig das Haus. Von da an gingen sie eigene Wege, studierten und arbeiteten einige Jahre im Ausland. Mit siebenundzwanzig hatten sie beruflich ihre Ziele erreicht und kehrten in ihre Heimat zurück. Seitdem arbeiten wir zusammen, aber jeder von uns hat natürlich eine eigene Wohnung.

Es ist schon faszinierend, welche Entwicklungsmöglichkeiten heute offen stehen. Man muss sie nur nutzen. Die einzige Perspektive, die meine Großmutter zu ihrer Zeit hatte, war Hauswirtschafterin zu werden. Welch gravierender Unterschied.

Zu meiner Zeit richteten sich die Berufschancen eher nach örtlichen Gegebenheiten und staatlichen Wunschvorstellungen. Deshalb bin ich viele Umwege gegangen, bevor ich da ankam, wo ich letztendlich hin wollte.

Mein Werdegang sah in etwa so aus: Ich begann mit sechzehn Jahren meine Schneiderlehre. Mit achtzehn hatte ich ein vorzeigbares Abschlusszeugnis in der Tasche, was mir auch weitere Türen geöffnet hätte, wenn nicht meine große Liebe dazwischengekommen wäre… So habe ich wenig später geheiratet, erst mal Geld verdient und ein Jahr später unsere Tochter zur Welt gebracht. Ich folgte meinem Mann an einen anderen Ort, der ihm berufliche Chancen versprach und unserer kleinen Familie eine Wohnung bot. Damals war das keine Selbstverständlichkeit. Die Wartelisten waren lang und ohne Kind und Trauschein kam man als Mieter ohnehin nicht in Betracht. Heute ist es umgekehrt.

Wir sehnten uns nach einem eigenständigen Leben und hatten deshalb unsere Familienplanung vorgezogen. Damitwarenallerdings meine beruflichen Perspektiven erst mal dahin. An unserem neuen Wohnort konnte ich in meinem Beruf nicht arbeiten. Ich bekam für unsere kleine Tochter keinen Krippenplatz. Einige andere Branchen suchten jedoch dringend Mitarbeiter und boten als Lockmittel auch Kinderbetreuung an. Wir brauchten das Geld. Deshalb nutzte ich diese Chance.

Drei Jahre und ein weiteres Kind später zogen wir in eine andere Stadt. Dort gab es endlich genügend Krippenplätze, aber für mich keinen passenden Job. So nahm ich wieder an, was ich kriegen konnte und gab mein Bestes. Fortan ergriff ich jede sich bietende Möglichkeit, um mich beruflich weiterzuentwickeln. Mit zwei Kindern, ohne Oma in der Nähe und ohne Auto war das allerdings lange Zeit eine Gratwanderung.

Mein Mann ging beruflich schnurgerade seinen Weg. Er hatte einen guten Job und absolvierte nebenher noch ein Studium. Dadurch war er sehr eingebunden. Ich ordnete meine berufliche Tätigkeit lange Zeit der Familie unter.

Nach der Wiedervereinigung im Jahre 1989 zog es uns jedoch beiden ruckartig den Boden unter den Füßen weg. Alles, was wir uns bis dahin mühsam aufgebaut hatten, ging in wenigen Monaten komplett den Bach herunter. Jetzt hieß es für uns beide, noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Es folgten zehn äußerst turbulente Jahre. Ich habe mich in verschiedenen Branchen ausprobiert, manches wieder verworfen und mich nebenher ständig weitergebildet. Bis ich beruflich endlich dort ankam, wo ich hin wollte, war ich schließlich zweiundvierzig.

Ob ich aus heutiger Sicht manches anders machen würde, kann ich gar nicht so genau sagen. Es hat sich alles irgendwie gefügt. Selbst bei größeren Turbulenzen tat sich immer wieder ein begehbarer Weg auf. Was mir über alle Hürden hinweggeholfen hat, war grenzenloses Urvertrauen. Es gab immer einen roten Faden, der mir die Richtung gewiesen hat. Natürlich ging nicht immer alles glatt. Manches Mal habe ich mich überfordert, was weder mir noch meiner Familie gut bekam. Einige Jobs habe ich angenommen, die mich nicht wirklich weiter brachten. Doch was soll´s. Zu dem Zeitpunkt wusste ich es nicht besser. Die Blessuren, die ich mir dabei geholt habe, wurden im Ordner »Erfahrungen« archiviert und können jetzt zumindest als abschreckende Beispiele herangezogen werden. Heute weiß ich, das Lernen hört niemals auf. Immer wieder habe ich Lehrgänge besucht, Fachbücher gewälzt, neue Dinge begonnen und Altes verworfen. Immer wieder gab es Momente, in denen ich unsicher war, von Selbstzweifeln heimgesucht wurde, die Richtung korrigieren musste. Mit meinem heutigen Wissen verwerfe ich mein dummes Geschwätz von gestern und weiß ganz genau, das Morgen wird neue Erkenntnisse an den Tag bringen, die das Heute ebenfalls in Frage stellen. Das Leben ist immer eine Momentaufnahme. Es bedeutet, ständig im Fluss zu sein, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

Natürlich verändern wir uns dabei auch äußerlich. Da aber unsere heutigen Lebensbedingungen besser sind, als jemals zuvor, haben wir eine reelle Chance, länger fit und attraktiv zu bleiben als unsere Vorfahren. Meine Großmutter sah mit vierzig bereits aus wie eine alte Frau. Ich wurde mit vierzig noch öfter mit Mädel angesprochen und wenn ich ehrlich bin, fühlte ich mich manchmal auch noch so. Erst jenseits der fünfzig nahm man mich in der Außenwelt als erwachsen wahr. Als ich neulich in Latzhosen auf dem Parkplatz des Baumarktes stand und ein paar Säcke Zement ins Auto wuchtete, kam mir ein Herr mittleren Alters entgegen und meinte, »Mädel, ist das nicht zu schwer für dich?« Als er beim Näherkommen meine graumelierten Haare erblickte, revidierte er seine Aussage mit den Worten: »Oh, Entschuldigung, ich wollte ihnen nicht zu nahe treten. Aus dem Mädelalter sind sie ja offensichtlich raus«. Danach kaute er mir ein Ohr ab, wie sehr man sich den Rücken mit solchen Lasten ruinieren kann. Auf die Idee, mal mit zuzupacken, kam er natürlich nicht. Offensichtlich bin ich jetzt nicht nur erwachsen, sondern gleichzeitig im »Niemandsalter« angelangt, in dem man die Tür nicht mehr aufgehalten bekommt. Für einen lohnenswerten Flirt nicht mehr jung genug, aber noch nicht so gebrechlich, dass man Mitleid erregt. Gehe ich heute an einem Baugerüst vorbei, pfeift mir niemand mehr nach. Gut, das vermisse ich nicht wirklich. Die fruchtbare Zeit liegt hinter mir, sowas wittern die Männer...

Tatsächlich fühle ich mich jetzt erwachsener als jemals zuvor, bin endlich angekommen bei mir selbst. Doch da hörte ich bereits die Unkenrufe, die mich sogleich zum »alten Eisen« werfen wollen. Ja Herrgott nochmal, gibt es denn nichts dazwischen? Ist die Wiege von der Bahre nur einen Ausfallschritt entfernt? Kaum sind die Flaumfedern abgefallen, scheint das Haltbarkeitsdatum bereits unaufhaltsam abzulaufen und man bekommt den Stempel »Auslaufmodell« aufgedrückt. Klar, die Haare werden langsam grau, ohne Zahnersatz vergeht einem das Lachen, mit selbigem auch, spätestens dann, wenn die Rechnung kommt. Da muss man sich entscheiden, Kleinwagen oder neue Zähne? Sportliche Höchstleistungen sind nicht mehr drin, denn die körperlichen Kräfte lassen langsam nach. Mit der Optik ist es auch nicht mehr weit her. Blaue Äderchen verschandeln die Beine, die Traumfigur ist dahin und ohne Optik auf der Nase kann ich die Zeitung nicht mehr lesen. Jede Frau, die sich bis dahin über ihren Körper definierte, hat spätestens jetzt ein Problem. Entweder rennt sie zum Schönheitschirurgen, heult sich beim Psychiater die Augen aus, nimmt sich das Leben oder schaut fortan ganz schön alt aus der Wäsche.

Zum Glück sind mir Äußerlichkeiten heute nicht mehr furchtbar wichtig. Bevor ich gegen Krähenfüße, Stirnrunzeln und Lachfalten atemlos in den Ring steige (unter uns gesagt, diesen Kampf würde ich unweigerlich verlieren) konzentriere ich mich lieber auf meine Stärken. Das Alter ist ohnehin nicht aufzuhalten und es hat auch durchaus seine positiven Seiten.

Womit kann ich jetzt noch punkten?

Richtig, mit jeder Menge Lebenserfahrung. Ich habe viel Prickelndes erleben dürfen, manche Krise durchgestanden und auch einiges vollbracht, auf das ich mit Stolz zurückblicken kann. Auch wenn ich heute keine Gewichte mehr stemmen will, bin ich deshalb nicht auf den Mund gefallen und fühle mich noch durchaus brauchbar. Deshalb habe ich all diese Infos für dich zusammengetragen, die ich dir hiermit gerne zur Verfügung stelle. Warum sollst du all die Fehler noch einmal machen, die andere schon tausendmal gemacht haben?

»Der Kluge lernt aus den eigenen Fehlern, der Weise lernt aus den Fehlern anderer.«

(Volksmund)

Ab welchem Alter darfst oder sollst du dich erwachsen fühlen? Ab wann erwartet dein Umfeld ein entsprechendes Verhalten von dir? Ist es der Zeitpunkt der Geschlechtsreife oder der Konfirmation? Ist Liebe und Sexualität ein sicheres Anzeichen für Reife? Beginnt Erwachsensein mit dem Schulabschluss, mit der Beendigung einer Ausbildung, eines Studiums, oder ist es viel mehr der Moment, in dem du voll und ganz die Verantwortung für dich und dein Handeln selbst übernimmst? Spürst du es plötzlich, oder verläuft es stufenweise? Bist du es in einzelnen Bereichen und in anderen nicht?

Fürs Erste würde ich sage, selbst wenn du mit dreizehn erwachsen aussiehst, ist es noch ein weiter Weg, bis du dich endgültig finanziell und örtlich von zu Hause abgenabelt hast und die volle Verantwortung für dein Leben übernimmst. Und selbst dann ist deine Entwicklung natürlich längst nicht abgeschlossen.

So richtig zur Sache geht es natürlich in der Pubertät. Das hat gute Gründe. Hirnforscher haben verblüffende Neuigkeiten entdeckt, die ich dir nicht vorenthalten möchte. Und natürlich habe ich auf der nächsten Seite auch wieder etwas aus meinem Erfahrungsschatz bereitgelegt.

Außen wie innen dem Chaos entrinnen

Vor ein paar Tagen besuchte ich eine Freundin. Außer ihr begrüßten mich drei pubertierende Pickelmonster im Alter von dreizehn, vierzehn und sechzehn Jahren. Während mir meine Freundin ihr Leid klagte, lieferten sich die drei im Hintergrund ein verbales Gefecht. Die bis dato fein säuberlich geordneten Kinderzimmer spiegeln jetzt eine völlig durcheinandergeratene Gefühlswelt wider. Chaos dreimal anders könnte man sagen. Jeder durchlebt die pubertäre Phase auf seine Weise. Der ganz normale Wahnsinn, der Eltern und Jugendliche gleichermaßen an den Rand der Belastbarkeit drängt, einfach prickelnd...

Der Volksmund meint dazu:

»Pubertät ist die Zeit, wenn die Gefühle über die Argumente herrschen«.

Dem konnte ich in diesem Moment voll und ganz zustimmen. Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Als Mutter zweier erwachsener Kinder habe ich diese Phasen natürlich auch erlebt. Wie oft hat mich die Unentschlossenheit meiner Tochter zur Weißglut gebracht. Was haben wir Nächte durchdiskutiert, bis sie endlich losgelaufen ist.

Mein Sohn war das ganze Gegenteil. Mit seiner Kommunikationsbereitschaft brachte er manchen »Überraschungsgast« mit nach Hause. Ich werde es nie vergessen: Als er fünfzehn war, erschien er mit einer Muslima bei uns daheim. Das Mädchen war um einiges älter als er, zog eine Fahne Moschusparfüm hinter sich her, war sich ihrer Reize durchaus bewusst und scharf wie eine Rasierklinge. Sie brachte den unerfahrenen Knaben völlig um den Verstand. Als sich die beiden eine dreiviertel Stunde im Kinderzimmer eingeschlossen hatten, trafen sich mein Mann und ich zu einer Krisensitzung vor der Kinderzimmertür. Was soll werden, wenn er in seiner Trance über sie herfällt oder sie gar schwängert? Ich betete zu Gott, Allah, Buddha oder wem auch immer, alle Heiligen mögen ihre Hand dazwischen halten. Der Kelch ging noch einmal an uns vorüber, aber es kam, so wie es kommen musste. Eines Abends war mein Sohn mit seiner Angebeteten im Kino. Weil sie in ihrer Verliebtheit die Zeit vergessen hatten, verpasste das Mädchen den letzten Zug und wir mussten ihr ein Nachtlager auf unserem Sofa bereiten. Gegen drei Uhr nachts erschienen ihre Eltern bei uns zu Hause. Sie brüllten das gesamte Mietshaus zusammen, in dem wir damals wohnten, prügelten das Mädchen zur Tür hinaus und beschimpften sie als Hure. Mein Sohn war schlagartig von seinem Liebestaumel geheilt, vorerst. Bis er eines Tages eine Nymphomanin mit nach Hause brachte…

Inzwischen hat sich unser aller Leben wieder geordnet, die Wogen haben sich geglättet. Unsere Kinder sind längst erwachsen, haben ihren Platz im Leben eingenommen. Jeder hat auch einen Partner gefunden, der zu ihm passt. Bis es endlich soweit war, haben wir alle einige Federn lassen müssen.

Während meine Freundin derzeit auf der höchsten Palme sitzt und sich fragt, was sie falsch gemacht hat, betrachte ich die Situation inzwischen schmunzelnd aus der Zuschauerperspektive und rede mit Engelszungen auf sie ein. Meine Worte: »Keine Sorge, du hast alles richtig gemacht, es hat nichts mit dir zu tun, gib ihnen etwas Zeit«, können sie nicht so recht beruhigen.

In der Pubertät ist ein gewisses inneres und äußeres Durcheinander normal. Aber wie kommt es eigentlich dazu?

Bis dato verlief das Leben des Kindes spielerisch. Es musste sich keine Gedanken darüber machen, wie man seinen Lebensunterhalt verdient und es war eingebettet in ein »warmes Nest«. Die Verantwortung lag in jeder Beziehung bei den Eltern. Mit der Pubertät beginnt die Zeit des Abnabelns. Einerseits sehnen sich die Jugendlichen nach den Freiheiten der Erwachsenen und wollen sich natürlich aus der unsichtbaren »Zwangsjacke« ihrer behüteten Kindheit befreien. Das ist auch gut so. Andererseits müssen sie damit natürlich auch die Kehrseite der Medaille in Kauf nehmen und die Verantwortung für ihr Leben Stück für Stück selber tragen lernen. Sie müssen sich dem rauen Wind stellen, der ihnen in der großen, weiten Welt ums Näschen weht, Risiken realistisch einschätzen lernen, Gefahren erspüren, die hinter schillernd-bunten Fassaden lauern, vielversprechenden Verlockungen widerstehen, die es unter Umständen in sich haben. Eltern wissen natürlich, was ihre Sprösslinge erwartet und möchten sie beschützen. Manchmal verhalten sie sich auch etwas überfürsorglich. Für Heranwachsende fühlt es sich so an, als werden sie am Gängelbändchen gehalten. Deshalb sind sie bestrebt, sich loszureißen und gehen auf die Barrikaden. Dabei treffen sie natürlich nicht immer den richtigen Ton. Auch Taktgefühl und konstruktives Streiten will gelernt sein. In einem späteren Kapitel gehe ich auf diese Themen noch ausführlich ein.

Als Jugendlicher wird es Zeit, sich alleine vor die Tür zu wagen. Eltern müssen sich in dieser Phase im Loslassen üben. Wenn ein gutes Verhältnis zwischen beiden Fraktionen herrscht, was auf Vertrauen basiert, lässt sich auch dieser Lebensabschnitt meistern, wenn auch nicht immer ganz problemlos. Da jeder die Welt aus seinem Blickwinkel betrachtet und auch die Entwicklung in Schüben verläuft, ist das Zusammenleben von Eltern und Kindern während der Abnabelungsphase immer eine Gratwanderung. Das liefert natürlich Zündstoff für allerlei Reibereien. Außerdem sind Eltern auch nur Menschen. In Kindererziehung wurden sie im Normalfall nicht unterrichtet. Da sind Fehler natürlich nicht ausgeschlossen.

Hirnforscher beschäftigen sich schon länger mit dem Thema Pubertät und haben verblüffende Entdeckungen gemacht, die ich dir nicht vorenthalten möchte. Eine liebe Freundin spielte mir einen interessanten Artikel zu, der genau zu diesem Thema passt (veröffentlicht im Spiegel 15/2010, Seite 126-131).

Ich habe einige interessante Abschnitte aus der Veröffentlichung für dich herausgefischt und möchte sie im Originaltext an dich weiterreichen.

»Pubertierende sind zu echten Leistungen fähig - das ist eine Nachricht von hohem Neuigkeitswert. Denn gemeinhin gilt die Pubertät nur als zeitweiliges Irresein. Speziell die Medien kennen es kaum anders: Wer in die Flegeljahre gerät, kippt Wodka mit Brausepulver, ritzt sich die Unterarme auf und bringt Eltern wie Lehrer um den Verstand. Erfreulich daran ist offenbar nur, dass der Schrecken irgendwann vorübergeht. Schwierige Jahre sind das zweifellos. Die Kinder werden unleidlich, störrisch und überempfindlich, weil die Natur sie packt und umformt. Sie geraten unter das Diktat der Hormone, die Geschlechtswesen aus ihnen machen, ob ihnen das passt oder nicht. Halb widerwillig nehmen sie wahr, was da alles an ihnen wächst und schwillt. Im Schnitt sind Mädchen mit knapp 13 Jahren fortpflanzungsfähig. Jungen folgen etwa ein halbes Jahr später. Vor allem aber wird das Gehirn in dieser Zeit gründlich umgebaut. Mit immer genaueren Befunden zeigt die Hirnforschung, wie sich graue Zellen neu vernetzen. Die Folgen sind beträchtlich. Das Denkvermögen gewinnt an Schärfe, die alten Kinderfreuden werden schal. Dafür erwacht ein unbestimmtes Sehnen nach dem großen Abenteuer. Selbst die Gedankenlosigkeit, mit der Jugendliche sich manchmal in Gefahren stürzen, folgt einem evolutionären Plan. Die Natur schubst ihre Geschöpfe mit aller Macht in die Scharmützel des Lebens. Zwei, drei Jahre dauert die kritische Phase, und die Gebeutelten wissen oft kaum noch, wie ihnen geschieht.«

»Für viele Schüler tut sich im Alter von 12 oder 13 ein Widerspruch auf, der lange Zeit ihr Leben bestimmen wird: Der große Aufbruch der Pubertät versackt in einem schier endlosen Widerstand. Wir haben eine viel zu lange Kindheit, meint der Erziehungswissenschaftler und Buchautor Wolfgang Bergmann. Bei uns stecken Menschen mit 18, 19 Jahren noch im Kindstatus. Mutti stellt ihnen ihr Spiegelei hin, räumt die Unterwäsche weg und weiß stets, wann die nächste Mathearbeit ansteht. Gleichzeitig wächst der Druck, den lebensfernen Prüfungen der Schule zu genügen. Die verwöhnende Abhängigkeit, in der viele Jugendliche verfangen sind, ist durchsetzt mit starken Leistungsängsten, sagt Bergmann. Für handfeste Erfahrungen jenseits der Schule bleibt immer weniger Raum. Der junge Mensch geht oft schon auf die dreißig zu, wenn er schließlich in den Ernst des Lebens entlassen wird.

Auch in den USA wird das Problem derzeit debattiert. Der Psychologe Robert Ebstein, langjähriger Chefredakteur des Magazins »Psychology Today«, zog mit einem dicken Buch (»A Casa Against Adolescence«) zu Felde gegen die Unsitte, Menschen ab 14 Jahren weiterhin wie Kinder in Unselbständigkeit zu halten-isoliert von der Welt der Erwachsenen. Vor allem dieser Infantilisierung, meint Epstein, verdanken wir die bekannte Überspanntheit der Jugendkultur: Das exzessive Telefonieren, die Aufregung um die richtige Klamotte, die Versessenheit auf Online-Spiele.«

»Die Jugend früherer Zeiten dagegen litt noch keineswegs an Lebensferne - erst die Industrialisierung brachte eine total verschulte Jugendphase hervor. Bis ins 19. Jahrhundert führten junge Menschen früh ein selbständiges Dasein; an ihrer Nützlichkeit bestand kein Zweifel, schon weil sie nach Möglichkeit zum Familieneinkommen beitrugen. Völkerkundler steuern ähnliche Befunde aus den Stammeskulturen in Afrika und Asien bei. Die Geschlechtsreife der Jugend wird dort mit Initiationsriten freudig begrüßt, und dann beginnt zügig der Ernst des Lebens. Über Jahrtausende hinweg wären die jungen Leute gar nicht erst auf die Idee gekommen, sich abzugrenzen. Sie bemühten sich vielmehr selbst, möglichst schnell erwachsen zu werden, so Uwe Krebs, Ethnologe an der Universität Erlangen. Erst bei uns verharrt die Jugend in einem derart langen Schwebezustand.

Die Frage ist: was darf man von jungen Menschen erwarten, die ihr Leben mit einer Art Langzeitarbeitslosigkeit beginnen? Welche Folgen hat es, wenn sie ausgeschlossen bleiben von allem, was in der Gesellschaft zählt? Kann es sein, dass die Industriegesellschaft den aufregendsten Lebensabschnitt ihrer Kinder verpfuscht?

Der neue Blick auf die Pubertät kommt nicht von ungefähr. Vor allem die Hirnforschung der vergangenen Jahre hat zum Wechsel der Perspektive beigetragen. Noch Mitte der Neunziger glaubte die Fachwelt, das Hirn sei spätestens mit zwölf Jahren ausgereift. Die Wirrsal, die um diese Zeit einsetzt, schrieb man allein dem Walten der Hormone zu. Die Pubertät galt als Kollateralschaden auf dem Weg zur Geschlechtsreife.

Freilich stammt dieses Wissen hauptsächlich aus Obduktionen. Seit die Forscher in der Lage sind, in lebende Gehirne hineinzuleuchten, sieht die Sache ganz anders aus. Vor allem die Magnetresonanzbilder des US-Neurologen Jay Giedd brachten Erstaunliches ans Licht. Giedds Hirn-Scanner am National Institute of Mental Health nahe Washington ist schier unentwegt im Einsatz; an die 2.000 Kinder und Jugendliche hat der Forscher in die Röhre geschoben, manche über Jahre hinweg immer wieder. Die Aufnahmen zeigen, dass im Alter von elf oder zwölf Jahren eine Generalüberholung der Schaltkreise beginnt. Und von Chaos kann dabei keine Rede sein; alles folgt einem Plan: Das Gehirn wird fit gemacht für den Eintritt ins selbständige Leben.«

»Gegen Ende der Kindheit wächst die graue Masse der Großhirnrinde zunächst noch einmal an; geradezu verschwenderisch sprießen die Zellen aus. Zu Beginn der Pubertät kommt es zu einer Wende: Die graue Masse schwindet wieder. Jede Sekunde sterben bis zu 30.000 Nervenverbindungen ab, vor allem wohl diejenigen, die selten gebraucht worden sind. Das Gehirn sortiert aus, es konzentriert seine Kräfte, es modelliert sich neu und es wird dabei wesentlich schneller. Denn zugleich wächst in der Pubertät die weiße Schicht, mit der die graue Hirnrinde innen ausgekleidet ist: In ihren Falten und Klüften verlaufen dichtgepackte Nervenkabel, elektrisch isoliert durch eine fettreiche Hülle, die Myelinscheide. Diese Kabel leiten die Impulse der Hirnzellen viel zuverlässiger als unverkleidete Fasern. Die Geschwindigkeit steigt von fünf auf hundert Meter pro Sekunde. Obendrein feuern die Neuronen selbst nun viel schneller, weil die Erholungszeit zwischen den Impulsen sinkt. Alles in allem, schätzt Jay Giedd, kann der Durchsatz auf einigen der Datenautobahnen um das 3.000fache steigen. Das Gehirn stellt also, anders gesagt, alles in den Dienst der Effizienz. Es wird zu einem Organ des gezielten Handelns.«

»Die Natur katapultiert die Kinder aus ihrer Selbstgenügsamkeit. Eben waren sie noch stundenlang selig mit einer Kiste Legosteine. Und nun erwachen sie mit dem Gehirn eines wagemutigen Abenteurers, der es bei Mama und Papa einfach nicht mehr aushält.«

Soviel zur Theorie, nun zur Praxis:

Mit der Pubertät ist für Eltern die Zeit gekommen, ihre Kinder Schritt für Schritt in ein eigenständiges Leben zu entlassen. Nach zwei bis drei Jahren des Wandels, etwa im fünfzehnten bis sechzehnten Lebensjahr, ist der Umbauvorgang im Gehirn eines Jugendlichen abgeschlossen. Dann hat die Leistungsbereitschaft ihren Höchststand erreicht. Körper und Geist strotzen nur so vor Energie, Kraft und Geschicklichkeit. Das Immunsystem ist optimal gerüstet, um in den »Kampf« zu ziehen. Wunden heilen besonders schnell und auch das Reaktionsvermögen und die Denkleistung erreichen ihren Höhepunkt. Kälte, Hitze, und Hunger werden in dieser Phase besser ertragen als jemals zuvor und jemals danach. Die jungen Leute sind für den Ernstfall bestens gerüstet und durchaus in der Lage, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, so die Aussagen führender Wissenschaftler. Die Frage ist: Tun sie es auch und lassen Eltern und Schule das überhaupt zu?

Wird das Potential in diesem Alter nicht abgerufen und einer sinnvollen Nutzung zugeführt, sind die Folgen fatal. Die von der Natur bereitgestellte Energie rinnt unkontrolliert in dunkle Kanäle und fördert allerlei »Wildwuchs« zu Tage. Wie der im Einzelnen aussehen kann und wie du gezielt gegensteuerst, erfährst du noch ausführlich.

Wichtig ist an dieser Stelle, dass du dein Potential erkennst und mutig aus dem Schatten deiner Eltern hervortrittst. Natürlich nicht wie eine ungebremste Dampfwalze. Auch Eltern haben ihre Sorgen und Nöte und müssen neben den Kindern ihren Alltag bewältigen. Um deine Eltern ein wenig besser zu verstehen, versetze dich mal einen Moment in deren Perspektive. Wenn sie nach einem anstrengenden Arbeitstag abgespannt nach Hause kommen und die Nerven blank liegen, wollen sie nach Feierabend natürlich nicht von einer weiteren Lawine »Hiobsbotschaften« überrollt werden, die du womöglich hinter ihrem Rücken verursacht hast. Selbst beim friedfertigsten Zeitgenossen reißt irgendwann der Geduldsfaden. Auch wenn deine Hormone im Dreieck springen und sich dein Gehirn noch im Umbau befindet, entschuldigt das zu keiner Zeit grenzenlose Faulheit oder flegelhaftes Verhalten. Gewisse Regeln im Zusammenleben müssen einfach eingehalten werden. Und natürlich ist in der Phase der Pubertät Toleranz auf beiden Seiten ganz besonders notwendig.

Für viele Jugendliche spielen materielle Dinge eine große Rolle. Sie wollen sich modisch kleiden, technisch auf dem neuesten Stand sein, reisen, ausgehen, Fun haben... All das kostet Geld. Eltern können und/oder wollen natürlich nicht jeden Wunsch ihrer Schützlinge erfüllen. Alles hat im Leben seinen Preis und auch seine Grenzen. Es ist nicht jedem Kind vergönnt, aus einem wohlhabenden Elternhaus abzustammen, wo Geld keine Rolle spielt. Und selbst wenn, ist es allemal besser, frühzeitig seine »Kohle« selber zu verdienen. Hast du das Geldverdienen einmal gelernt, wirst du es immer können und musst nicht als Bittsteller dastehen. Wer dagegen in Abhängigkeit lebt, muss auch nach der Pfeife seines Förderers tanzen. Ist das dein Ziel?

Mein Mann und ich haben in punkto Geld mit unseren Kindern folgendes Abkommen getroffen: Von uns bekamen sie nur so viel, dass sie ihre Grundbedürfnisse decken konnten. Was sie drüber hinaus haben wollten, mussten sie sich selber dazuverdienen.

Unser Sohn hatte zum Beispiel im Alter von fünfzehn bis siebzehn Jahren eine absolute Schuhmacke. Die Dinger konnten gar nicht teuer genug sein. Wenn neue Schuhe notwendig waren, erhielt er von uns die »Mäuse« für ein durchschnittliches Paar. Die Differenz zu seinem Sonderwunsch hat er sich stets selbst erwirtschaftet. Dafür arbeitete er ganz freiwillig vielerorts. In den Ferien stand er zum Beispiel in einem Produktionsbetrieb an einer Maschine und presste Magneten. Es war eine anstrengende, dreckige Tätigkeit. Aber die teuren »Rennsemmeln« waren ihm die Schufterei wert. Darüber hinaus fragte er in unserem Freundes- und Bekanntenkreis herum, wer Hilfe im Garten, Haushalt oder anderswo benötigt und hat sich mit vielerlei Arbeiten ein Zubrot verdient. Ständig hatte er seine Lauscher an der Masse und hat jedem erzählt, dass er einen Nebenjob sucht. Wenn er einen hatte, hielt er bereits nach der nächsten, günstigen Gelegenheit Ausschau. So hat sich auch immer wieder etwas ergeben. Natürlich war er sich auch für fast nichts zu schade. Alles, was moralisch vertretbar und für ihn machbar war, hat er mit großem Einsatz getan. In unserer Therme im Ort hat er eine Zeit lang geputzt. Als er volljährig war, suchte er sich einen Nebenjob im Depot beim Paketdienst. Dort schob er Nachtschichten, sortierte Pakete, lud die Transporter aus, ein und um. Keine besonders anspruchsvolle Arbeit, nichts, was man auf Dauer tun möchte. Aber es brachte ihm vorübergehend das Geld ein, was er für die Erfüllung seiner Sonderwünsche brauchte. Auf diese Weise hat er sich auch das Startkapital für sein Auslandsstudium verdient. Und selbst im Ausland hat er neben seinem Studium ständig gearbeitet. Auch da hat er jedem erzählt, dass er Arbeit sucht und sich auf zahlreiche Zeitungsanzeigen beworben. Das klappte natürlich nicht sofort. Am Anfang hatte er noch Sprachschwierigkeiten, was seine Suche erschwerte. Ein halbes Jahr konnte er mit seinen Ersparnissen überbrücken. Dann hatte er einen passenden Job gefunden, der sich mit seinem Studium auch zeitlich vereinbaren lies. Er arbeitete mehrere Jahre in Spätschicht in einem Gelddepot und zählte und buchte die Einnahmen von Manchester. Viele Millionen sind so durch seine Hände gegangen. Um dort überhaupt eingestellt zu werden, brauchte er selbstverständlich eine »weiße Weste«. Von seinen früheren Arbeitgebern konnte er makellose Arbeitszeugnisse vorlegen, die ihm die entsprechenden Türen öffneten. Das letzte Jahr im Ausland arbeitete er in einem gut bezahlten Job bei einem Reiseunternehmen.

Wieder zurück in Deutschland entschied er sich für ein fortführendes Masterstudium. Währenddessen verdiente er sich seinen Lebensunterhalt, indem er sich im Büro der Fachhochschule um Schriftverkehr und Übersetzungen kümmerte.

Als er nach seinem Masterabschluss in die Heimat zurückgekehrt war und sich beruflich selbständig machte, brauchte er wieder Geld, um die ersten »mageren« Jahre heil zu überstehen. Statt einen Kredit aufzunehmen, hat er wieder beim Paketdienst angeheuert und sich nebenher die Miete verdient, bis sich sein eigenes Geschäft entsprechend etabliert hatte. Klar war und ist er stets zugänglich, fleißig, ordentlich und zuverlässig. Dadurch eilte ihm immer sein guter Ruf voraus und er hatte nie Probleme, einen Nebenjob zu finden. Allerdings hat er auch nicht locker gelassen und sich stets hartnäckig und konsequent darum bemüht.

Er hatte immer ein Ziel vor den Augen, was ihn angetrieben hat. In seiner Findungsphase waren es extravagante Klamotten, die er sich unbedingt leisten wollte. Später hatte er natürlich ganz andere Ziele. Die Dinge, die er sich selber erarbeitet hatte, wusste er auch entsprechend zu schätzen. Da er immer beschäftigt war, hatte er auch nie Langeweile, kam nicht auf dumme Gedanken und ging unbeirrt seinen Weg.

In der Pubertät erkundete er einige Jahre mit den Pfadfindern die Welt. Dort lernte er nicht nur Gemeinschaftssinn und Bescheidenheit, sondern auch sich ohne Hilfsmittel in der Natur zu orientieren. Dieses Training war ein wichtiger Baustein für seine Entwicklung.

Unsere Tochter ist ganz ähnlich vorgegangen. Auch sie war bei den Pfadfindern und hatte neben Schule und Studium zahlreiche Nebenjobs. Sie hat ebenfalls im Ausland studiert und sich währenddessen ihren Lebensunterhalt selber verdient. Interessanterweise haben sich beide Kinder auch ohne unser Zutun gegenseitig auf die Beine geholfen. Bis heute verstehen sie sich prächtig. Ich hoffe und wünsche sehr, dass das auch in Zukunft so bleibt. Familienstreitigkeiten sind leider weit verbreitet. Niemand ist davor wirklich gefeit. Zu Missverständnissen kann es immer kommen, die manchmal schwer wieder gutzumachen sind. Doch dazu später mehr.

Jetzt, wo unsere Kinder auf eigenen Füßen stehen, habe ich sie gefragt, welche Botschaft ich dir mit auf den Weg geben soll:

Sie meinten:

Man hört Jugendliche immer wieder klagen, es gibt kaum noch Nebenjobs. Das stimmt so nicht. Aushilfstätigkeiten sind jedoch selten anspruchsvoll. Die wenigsten machen auf Dauer wirklich Spaß. Sie laufen einem auch nicht von selber ins Haus. Man muss seinen Hintern einfach bewegen, Zeitungsanzeigen wälzen, Augen und Ohren aufsperren, nichts dem Zufall überlassen und jedem erzählen, dass man einen Nebenjob sucht. Und natürlich muss man das, was man tun will, auch wollen und können. Niemand stellt jemanden ein, der keine Lust oder keinen blassen Schimmer hat. Es muss auch nicht zwingend ein Angestelltenverhältnis in einer Firma sein. Selbst im Privatbereich gibt es Dienstleistungen, die berufstätige Leute, mit wenig Freizeit, gerne in Anspruch nehmen. Rasen mähen, Garten pflegen, Bügeln, Fenster putzen, Kinder hüten und vieles mehr. Ältere Leute, die einsam sind, freuen sich über Gesellschaft und/oder Hilfe im Haushalt oder beim Einkauf.

Sei einfach kreativ und hartnäckig zugleich. Wenn du etwas wirklich willst, darfst du nicht gleich beim kleinsten Widerstand aufgeben. Sei dir am Anfang auch für »niedere Arbeiten« nicht zu schade. Erledige sie zur vollsten Zufriedenheit deiner Arbeitgeber, dann wirst du auch weiterempfohlen. Mit der Zeit tun sich immer neue und bessere Möglichkeiten auf. Nach dieser Leuterung weißt du natürlich auch aus erster Hand, was du zukünftig garantiert nicht als Beruf ausüben willst. Wenn du später eine ordentliche Ausbildung oder ein anspruchsvolles Studium vorzuweisen hast, bietet auch der Arbeitsmarkt ganz neue Perspektiven. Dann kannst du zeigen, was du auf dem Kasten hast. Und natürlich bringt es dir Pluspunkte ein, wenn du vorher bereits an verschiedenen Stellen Praxiserfahrungen gesammelt hast und bei deiner Bewerbung einige ansprechende Arbeitszeugnisse aus vorhergehenden Nebenjobs vorlegen kannst. Dieser Weg ist die beste Lebensschule, die du bekommen kannst. Er wird dir helfen, dich innerlich wie äußerlich zu strukturieren und keine Langeweile aufkommen lassen. Du hast die Möglichkeit zu kommunizieren, dich auszuprobieren und wirst Fingerfertigkeiten erlangen, die dir ein Leben lang von Nutzen sind. Du wirst Talente an dir entdecken und bist bestens gerüstet, frohen Mutes in Richtung deiner Träume zu schreiten. Mach dir frühzeitig darüber Gedanken, wo deine Lebensreise hingehen soll.

Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.

Für Eltern und Kinder trennen sich mit der Pubertät allmählich die Wege. Der Abnabelungsprozess fällt nicht nur dir schwer, sondern auch deinen Eltern. Viele Jahre haben sie dich wie ihren Augapfel behütet. Jetzt sollen sie dich alleine aufs »offene Meer« entlassen. Die letzten Jahre warst du ihr Lebensmittelpunkt. Nun müssen auch sie sich neu organisieren, ihre Freizeit anders strukturieren und Lebensgewohnheiten, die sich über Jahre eingeschliffen haben, über den Haufen werfen. Es wird sich auch zeigen, ob sie noch eine Liebesbeziehung führen oder nur noch aus reiner Gewohnheit als geschlechtslose Mamas und Papas nebeneinander her vegetieren. All das wirbelt ebenfalls Staub auf.